6. Dezember 2009

Philosophischer Bezug zum Coaching


In welchem Bezug stehen das Coaching und die Philosophie und ist das Coaching die philosophische Praxis? Coaching arbeitet immerhin mit der ältesten Methode der praktischen Philosopie: dem Fragen stellen. Sokrates lief durch die Straßen und stellte den Bürgern unaufgefordert Fragen zu Moral und Erkenntnis. Sokrates war nicht bei jedem seiner Mitbürger beliebt, er ging ihnen buchstäblich auf den Geist. Der Coach ist in der bedeutend angenehmeren Lage, dass der Klient zu ihm kommt und um seine Fragen bittet. Was geblieben ist, ist die Methode des Fragen stellens. Der Coach so wie der praktische Philosoph leisten nicht die Erkenntnisproduktion, sondern stellen nur die richtigen Fragen. Letztlich laufen diese Fragen auf die Selbsterkenntnis der Klienten hinaus. Das altbekannte gnothi seauton (erkenne dich slebst) war das Motto der Priesterinnen, die im Tempel von Delphi den Ratsuchenden weissagten.

29. November 2009

Retroflektion und Introflektion

In folgenden zwei Artikeln möchte ich mich mit den zwei aus der Gastalttherapie kommenden Begriffen Retroflektion und Introflektion beschäftigen. Ich mache das vor allem ausgehend von Peter Bluckerts Buch Psychological Dimensions of Executive Coaching. Beide Begriffe deuten auf Verhaltensweisen, die es uns erschweren, mit Konflikten abzuschließen. Diese Vermeidungsstrategien sind in Coaching-Situationen zu erwarten und bei Auftreten durch Bewusstmachung zu bearbeiten.

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Retroflektion und Introflektion I

Retroflektion
Wir wenden Sachen (z.B. Konflikte), die eigentlich nach Außen gehören, nach innen und erschweren es so, solche Sachen abzuschließen. Z.B.: Wir haben ein Problem mit einer Kollegin und anstatt dieses Problem mit ihr anzusprechen, unterlassen wir das, weil wir meinen, es wäre unklug oder gar schädlich, dort rumzustochern und eventuell Dinge zu verschlimmern. Als Konsequenz wenden wir den Konflikt nach innen und verhindern so, dass er gelöst werden kann. Statt dessen werden wir übervorsichtig mit der Kollegin oder manifestieren Vorurteile, die unser Verhalten dieser Kollegin gegenüber merkwürdig/unbegründet ablehnend erscheinen lassen kann.

Retroflektion und Introflektion II

Introflektion
Das Internalisieren von Überzeugungen, Werten und Anforderungen ist ähnlich wie die Retroflektion bereits ein Nebenprodukt des Lernens im Kindesalter. Bluckert bringt das Beispiel von der Überzeugung, dass man die Finger nicht in die Steckdose stecken soll als ein Beispiel solch einer nützlichen Introflektion. Überblickend betrachtet, halte ich die Introflektion jedoch für ein sehr virulentes Problem unserer Zeit. Die angeblichen Notwendigkeiten der Leistungsgesellschaft bauen zu einem großen Teil auf der ungefragten Übernahme von Überzeugungen, Werten und Anforderungen auf. Durch Introflektion unterwerfen wir uns leicht dem Common Sense und öffnen uns so verschiedenen Formen von Ausbeutung.

12. November 2009

Der Choleriker im Büro

Illustration: Martin Rathscheck

Auf Arbeit ist der Choleriker am wahrscheinlichsten auf der Chefetage anzutreffen. Er ist eine geborene Führungspersönlichkeit. Er hat wenig Skrupel Bleistifte zu zerbrechen, Untergebene anzuschreien oder auch mal mit einem Dossier zu werfen. Der Choleriker ist ungeduldig und will, dass die Dinge erledigt werden, sofort. Man darf den Choleriker nichts fragen. Er gibt gerne Anweisungen, aber nie Ratschläge. Ein typischer Dialog zwischen dir und dem Choleriker sieht so aus:

11. November 2009

Der Sanguiniker im Büro

Illustration: Martin Rathscheck

Auf Arbeit ist der Sanguiniker oft der Pausenclown und Freund des Cholerikers. Meistens trägt er schrille Hemden und Krawatten mit aufgedruckten Disney-Figuren. Er sei gut fürs Team, weil er Spaß bringe und die Leute bei Laune halte, glauben er selbst, sein cholerischer Chef und alle Managementseminaristen. Dass der Sanguiniker seinen Kollegen schier auf die Nerven geht, sehen sie nicht. Der cholerische Chef duldet den Sanguiniker neben sich, denn intuitiv weiß er, dass dieser Harlekin ihm keine Konkurrenz ist...

10. November 2009

Der Phlegmatiker im Büro

Illustration: Martin Rathscheck

Wenn er dürfte, käme der Phlegmatiker gern in Jogginghosen, Pantoffeln und weiten Sweatshirts zur Arbeit. Er nimmt immer den Lift in die zweite Etage zu seinem Schreibtisch. Dort angekommen sitzt der Phlegmatiker erst einmal regungslos vor dem Bildschirm. Seine Physiognomie zeugt dabei von totaler Motivationslosigkeit. Der Mund ist leicht geöffnet, der Blick geht glasig durch den Bildschirm hindurch, die Arme hängen herunter und das Rückgrat ist gekrümmt. Zeitweise zeugen nur das Blubbern und ein fauliger Geruch von Restvitalität tief im Innern des Phlegmatikers. Das kann bis zu 50 Minuten so andauern. Plötzlich erhebt sich der Phlegmatiker...

9. November 2009

Der Melancholiker im Büro


Illustration: Martin Rathscheck

Der Melancholiker ist der einzige, der anständig durchs Arbeitsleben kommt. Er ist pragmatisch und weiß, dass alles was er tut, letztlich sinnlos ist. Er arbeitet still vor sich hin, um es hinter sich zu bringen. Der Melancholiker braucht das Geld für Brot, Bett und Alkohol. Statussymbole sind ihm egal. Im Büro trägt er Turnschuhe aus der vorletzten Saison, ein T-Shirt und bequeme Jeans. Der Melancholiker braucht sportliche Kleidung schon deshalb, weil er täglich die 16 Stockwerke zu seinem Schreibtisch zu Fuß erklimmt. Der Gedanke 40 Sekunden mit seinen schwitzenden und plappernden Kollegen zusammen in einem Aufzug zu stehen und zum Small-Talk gezwungen zu sein, ist ihm ein Horror...

24. Oktober 2009

Existentialismus und Eigenverantwortung

In dem Aufsatz Coaching and Psychotherapy: Commonality and Difference von Mike O'Halloran und Evelyn Gilmore habe ich einen interessanten Absatz zum Thema persönliche Verantwortung, Selbst-Sabotage und Existentialismus gelesen. Im Kern geht es darum, dass Selbst-Sabotage, also der Gedanke, dass Menschen eher durch sich selbst als durch ihre Umwelt blockiert werden, eines der Grundkonzepte von Coaching und Psychotherapie sei.*

Ich war bei der Begegnung damit sehr überrascht, da ich vor und während des Studiums viel aus dem Bereich Existentialismus gelesen habe und erst jetzt diesen Zusammenhang zwischen existentialistischer/persönlicher Verantwortung und dem Problem der Selbst-Sabotage sah.

Ein zentraler Aspekt des Existentialismus ist die Selbstbestimmung. Darin steckt der Gedanke, dass sich jeder einzelne in einer Entfaltung seiner Möglichkeiten selbst befreien kann. Natürlich kann man sich auch davor drücken, wir müssen eben zu jedem Zeitpunkt immer wieder eine Wahl treffen. Und das ist schwer.

Ich habe manchmal Schwierigkeiten, Leuten mit Empathie zu begegnen, die sich permanent über die Umstände beschweren und andere Leute für ihr eigenes Leben verantwortlich machen, also den Locus of Control außen, anstatt innen zu akzeptieren. Das man selbst die Kontrolle habe, ist einerseits eine optimistische Sicht. Andererseits ist es auch eine harte Sicht, die uns unter den Druck setzt, selbst Verantwortung für unser Gedeih und Verderb zu übernehmen.

Es ist einfacher, alles auf die Umstände zu schieben und daher ein verständlicher Reflex. Auf lange Sicht macht es das Leben jedoch schwerer, denn es führt in Abhängigkeiten und den Verlust der persönlichen Freiheit. In der philosophischen Coaching-Praxis muss man die potentielle Härte des Existentialismus berücksichtigen und die Empathie trotzdem aufbringen, um in der Lage zu sein, den Locus of Control langsam und behutsam nach innen zu verschieben.

Was kann ich tun, um meine Situation zu verbessern?
Was sind meine Stärken, die hier helfen können?
Was ist der nächste kleine Schritt, den ich machen kann, um vorwärts zu kommen?

Solche und ähnliche auf die Machbarkeit zielenden Fragen helfen, die Abhängigkeit von den Umständen abzulegen und den Geist auf eine selbstbestimmte und pragmatische Spur des Lebens zu lenken.


*Der Unterschied sei, dass der Psychotherapeut dem Ursprung dieser Sabotage auf den Grund zu gehen versucht, während der Coach den Klienten vor diesem Phänomen nur warnen kann und ihn bitten sollte, eine Strategie zum positiven Umgang mit den inneren Stimmen zu finden.

9. Oktober 2009

Leistungsgesellschaft, Glück und Erfolg

In der Leistungsgesellschaft ist es vor allem der Erfolg, der uns glücklich zu machen hat. Er folgt - so die Grundannahme - der von uns erbrachten Leistung. Er lindert den stechenden Neid, den wir fühlen, wenn andere erfolgreich sind. Er verschafft uns Neid erheischende Statussymbole, ein sicheres Einkommen und Familien, die uns als potente Ernährer schätzen. Wir fühlen uns als Mitglieder der Gesellschaft bestätigt, in ihr angekommen. Das alles zusammengenommen lässt uns glücklich sein - angeblich.

Träume und was aus ihnen wird...

Neid ist der eine große Antrieb unserer Gesellschaft und ein sehr moderner. Die Bauern der vergangenen Jahrhunderte waren nicht neidisch auf den Kaiser und dessen unsagbaren Reichtum. Denn sie konnten sich nicht mit ihm vergleichen. Er war aus einer anderen, unerreichbaren Sphäre der Gesellschaft. Heute gibt es keine Stände mehr, jeder trägt Jeans und hat vermeintlich die gleichen Voraussetzungen, um sein eigenes Glück zu schmieden. Es gibt angeblich nichts, dass mich daran hindern würde, ein Kanzler zu werden oder ein Rockstar oder wenigstens ein Millionär.

Wo kommt der Stress her?
Die Logik der meritokratischen Leistungsgesellschaft, wo also der, der sich streckt und Leistung bringt auch seinen Rang verdient, scheint im Umkehrschluss zu meinen, dass der, der keinen Erfolg hat, auch selbst daran Schuld ist. Solche unterschwelligen, aber weit verbreiteten Annahmen setzen viele von uns unter einen immensen Druck, dessen Ursprünge und Alternativen im Alltag oft nicht zu entdecken, dessen Folgen aber in Stress und Unzufriedenheit hart zu spüren sind. Wir haben Angst vor dem Scheitern, denn dann wird unsere Unzulänglichkeit deutlich und wir dem Urteil der anderen ausgesetzt. Und diese Angst vor dem Versagen ist der andere große Antrieb der Leistungsgesellschaft. Anders als zu Zeiten der griechischen Tragödie, als ungenügende Umstände oder zornige Götter noch zum Scheitern führten, kann man heute nicht mehr edel scheitern.

Wundersamer Weise übernehmen viele von uns die egozentrische Lebensphilosophie der Leistungsgesellschaft und versuchen ihr Leben danach auszurichten. Coaching zur Leistungssteigerung hat Hochkonjunktur. Überall kann man lesen, wie man erfolgreich und mithin glücklich wird. Das Einmaleins dazu kommt aus der Management-Schule: Plan & Execute. Die zwei Voraussetzungen: Man muss erstens wissen, was man will und zweitens muss man wissen, wie man es bekommt. Auch Stretch Goals sind beliebt. Also ausschließlich die Früchte begehren, die so hoch hängen, dass man sich danach strecken muss. So wachse man über sich hinaus.

Was will der Mensch wirklich?
Das seien die Rezepte, um erfolgreich und glücklich zu werden. Das eigentliche Problem ist damit jedoch noch gar nicht erkannt: Es ist uns Menschen gar kein grundlegendes Bedürfnis zu planen, Ziele zu setzen und dann auch noch hart daran zu arbeiten. Das ist viel zu anstrengend. Wie überall im Leben geht es vornehmlich darum, Aufwand zu minimieren und angenehm stimuliert zu überleben. Wir wollen essen, uns amüsieren und auf der faulen Haut liegen. Die meisten von uns würden sich freuen, wenn sich die Dinge im Leben so dahinschuckelten. Es wäre doch total pervers, wenn wir nur unter Anstrengungen glücklich sein könnten, indem wir permanent auf Hochtouren funktionieren. Deshalb ist auch Lotto so beliebt. Wenn man die Zahlen angekreuzt und die 10 Euro bezahlt hat, dann hat man alles menschenmögliche für sein Glück getan. Dann heißt es nur noch warten. Wenn es nicht klappt, dann ist es jedenfalls nicht unsere Schuld.

Was ist Erfolg für dich?
Wenn man schon erfolgreich sein will, dann könnte man vielleicht aufpassen, dass man eine eigene Vorstellung von Erfolg entwickelt und nicht einfach die übernimmt, die man von seinen Eltern, Lehrern oder Kultureliten serviert bekommt. Dazu ist es nötig, dass man den Erfolgs-Neid und die Angst zu Scheitern hinter sich lässt und sich Ziele setzt, die einen wirklich erfüllen. Sicher: Diese Ziele zu identifizieren, ist leichter gesagt als getan. Aber sich selbst dazu zu befragen, ist ein guter Anfang.

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