25. Oktober 2009

Warum Toni Soprano eher zu einem Coach als zu einem Psychotherapeut gehen sollte

In Coaching and Psychotherapy: Comonality and Difference untersuchen Mike O'Halloran und Evelyn Gilmore unter anderem die unterschiedlichen Gruppen von Klienten, die entweder zum Psychotherapeuten oder zum Coach gehen. Obwohl Psychotherapie seit den 70er Jahren immer mehr davon loskommt, vor allem für psychische Störungen verantwortlich zu sein, ist die öffentliche Wahrnehmung immer noch, dass es die "schwereren Fälle" (Missbrauchsopfer, Beziehungstörungen) sind, die dem Psychotherapeut zukommen. Der Coach scheint eher jemand zu sein, zu dem man geht, wenn man ohnehin "gut funktioniert", sich aber steigern will, ohne dass man glaubt, in seiner Vergangenheit graben zu müssen, um sich weiter entwickeln zu können.


Zum Coach gehen lässt sich auch dem Kollegen besser verkaufen, als wenn man zugibt, zum Psychotherapeut zu gehen. Also suchen vor allem Manager und Business-Leute den Coach auf, um mit ein paar wenigen Sitzungen und ganz gezielten Schritten einem Ziel näher zu kommen. Sie haben das Gefühl, dass diese Vorgehensweise und die Ermunterung des Coaches, über die ganz banalen Schwierigkeiten zu reden, für sie weitaus relevanter ist, als in der Vergangenheit nach andauernden Blockaden zu suchen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Toni Soprano, der in der Show The Sopranos bei Dr. Jennifer Melfi auf dem Sessel sitzt - nicht auf der Couch liegt - und ihr von den täglichen Problemen im Abfall-Geschäft ("Waste Management Business") erzählt. Soprano hat natürlich wenig Verständnis dafür, dass irgend jemand in seiner Kindheit gräbt und ihn zum Heulen bringt. Wenn überhaupt möchte er relevante und anwendbare Sofort-Hilfe. Soprano sollte also eher zu einem Coach gehen, als zu einem Psychotherapeuten. Und schließlich verweigert Melfi am Ende Soprano auch die Therapie.

Zurück zum Coaching: Es ist eifach auch eine clevere Geschäftsidee, Kommunikationstraining, Beratung und Seelsorge neu zu verpacken und einer bedürftigen und zahlungskräftigen Klientel als professionelle Weiterentwicklung anzubieten. Hinzu kommt, dass unsere geschäftlichen und privaten Lebensbereiche immer komplexer, freier und flexibler werden. Das stößt auf oft wenig ausgeprägte Selbständigkeit und Ambiguitätstoleranz beim Klientel. Mike O'Halloran und Evelyn Gilmore deuten sogar an, dass mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Aufkommen des weltweiten Terrorismus unsere Welt als instabiler und gefährlicher wahrgenommen wird und dass selbst das Leute animiert, professionelle Hilfe zu suchen.

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