15. November 2009

The Complete Guide to Coaching at Work

Von diesem Buch von Perry Zeus und Suzanne Skiffington aus dem Jahr 2000 (seitdem immer wieder aufgelegt) habe ich das zweite Kapitel "Who can coach?" (Wer kann coachen?) gelesen. Das Buch, das vom Titel her ein kompletter Ratgeber zum Thema Coaching auf der Arbeit sein möchte, hat mich natürlich interessiert, weil ich auf Arbeit im Grunde häufig in die Situation komme, jemanden zu coachen. Coaching-Techniken kann man auch dann erfolgreich anwenden, wenn man kein komplettes Coaching-Programm aufstellt, sondern einfach einem Mitarbeiter bei dem Erreichen von mehr Einsicht in seine Vorstellungen und Ziele helfen möchte.



Das Kapitel "Who can coach?" Widmet sich zuerst jedoch Themen wie:
  • Der typische Coach
  • Warum möchten Leute überhaupt Coach werden?
  • Die Rolle von persönlichen und institutionellen Werten
  • Qualitäten der Persönlichkeit eines Coaches
Der typische Coach (in den USA) sei weiblich, gehöre zur Baby-Boomer-Generation und kommt aus Berufen und Ausbildungen, in denen es um Psychologie, Personalentwicklung, Management Beratung, Lehre und Gesundheit geht. Heute und in Deutschland, wo Coaching mittlerweile zu einer Mode-Erscheinung geworden ist, wir dieses Profil nicht mehr ganz zutreffend sein.

Warum möchte man aber überhaupt Coach sein? Einige Gründe seien Anerkennung, der finanzielle Anreiz, der Wunsch nach Selbständigkeit, persönliche Weiterentwicklung und ein Karrierewechsel. Diese Einschätzung hat mich überrascht, denn sie passt bei mir wie die Faust aufs Auge. Und daran ist ja auch nichts verwerflich, so lange man das Coaching nicht idealisiert oder instrumentalisiert. Denn was ich häufig beobachte, ist, dass Leute entweder mit gut gemeinter Esoterik oder mit purer Geschäftsabsicht ans Coachig gehen. Im schlimmsten Fall kommt beides Zusammen und oft ist all das begleitet von absoluter Ahnungslosigkeit im Bereich Psychologie oder anderer relevanter Wissenschaftsfelder. Ich finde, dass dieser Entwicklung möglichst entgegengewirkt werden muss. Und zwar zuerst mit Aufklärung der Leute, die Coach werden wollen und der, die einen Coach engagieren wollen. Außerdem mit der strikten Anforderung an eine gute Ausbildung.

Um zur Aufklärung beizutragen, hier die 10 von Zeus und Skiffington ausgesuchten Top-Qualitäten, die ein Coach haben oder erlernen muss:
  1. Hoher Grad an realistischer Selbsteinschätzung
    1. Selbstbeobachtung und -reflexion
    2. Erkenntnis von Unveränderlichkeiten und den Dingen über die wir Kontrolle haben
    3. Realistische Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen
    4. Verständnis der eigenen Präferenzen, Wünsche und Motive
    5. Bewusstsein eigener Vorurteile
    6. Kritikfähigkeit
    7. Erkennen von Projektion auf Seiten des Klienten
    8. Kenntnis der eigenen Ängste
  2. Fähigkeit, andere zu inspirieren 
    1. Coach als Beispiel für den Klienten
    2. Eingehen von Risiken vernünftig unterstützen
    3. Sicherheit bieten, wenn der Klient scheitert
    4. Feedback als Chance und Wachstumsmöglichkeit
    5. Wege aufzeigen
    6. Hohe Standards setzen
    7. Verantwortung fürs Scheitern akzeptieren
    8. Hingabe zeigen
  3. Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen
    1. Zeit investieren, um den Klienten kennen zu lernen
    2. Rapport bilden: Vertrauen und Offenheit
    3. Geduld und Verständnis
    4. Liefern von Lösungsansätzen widerstehen
    5. Unbedingte Unterstützung und Anerkennung der Persönlichkeit des Klienten
  4. Fähigkeit zur Flexibilität
    1. Anpassung an den Klienten
    2. Feedback annehmen und Änderungen vornehmen
    3. Selbstsicher und bescheiden
  5. Außergewöhnliche Fähigkeit zur Kommunikation
    1. Empathy und Authentizität
    2. Neugier und Einsicht
    3. Zuhören können
    4. Humor einsetzen können
    5. Ungewissheit und Unklarheiten tolerieren
    6. Mut zur Kritik, andere herausfordern können
  6. Fähigkeit, nach vorne sehen zu können
    1. Das Hier und Jetzt einsetzen
    2. Zukunftsorientiert, die Geschichte als Einfluss auf die Gegenwart begreifen
    3. Handeln auch bei Ungewissheit
    4. Zielorientiert arbeiten
    5. Verantwortungsgefühl für die eigene Situation im Klienten etablieren
  7. Disziplin
    1. Standfestigkeit und Hingabe zeigen
    2. Coaching-Plan folgen
    3. Arbeiten mit dem Widerstand des Klienten gegen Veränderung
    4. Schnellen Erfolgen widerstehen
  8. Professionelle Grenzen managen
    1. Erkennen, wo Coaching sinnvoll ist
    2. Eigene Grenzen erkennen und danach handeln
  9. Fähigkeit zur Problemdiagnose und Finden von Lösungsansätzen
    1. Theorie in Praxis umsetzen können
    2. Kreative Problemlösung
    3. Intuition
  10. Fähigkeit, in der Geschäftswelt zu arbeiten
    1. Kenntnis und Sicherheit im Umgang mit Führungspersönlichkeiten
    2. Selbstvermarktungsfähigkeiten
    3. Enthusiasmus fürs Coaching
Leider sind all diese Anforderungen immer noch so formuliert, dass fast jeder halbwegs von sich eingenommene Mensch sagen wird, dass er all diese Qualitäten und noch viel mehr zur Genüge besäße. Das ist verständlich und zeugt davon, dass es schwer ist, einen hohen Grad an "objektiver" Selbsteinschätzung zu erlangen. Im Ernst: Da hilf nur eine vernünftige Ausbildung mit akkurater Beurteilung und ständigem Feedback.

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