6. November 2009

Vierte Sitzung: Die richtigen Fragen stellen und nicht richten

In dieser Sitzung ging es zuerst um die Frage, ob und wie man sein eigenes Urteil über eine Person oder eine Situation zurückhalten kann. Eine wichtige Einsicht hier ist, dass man sich der Interpretation von Wirklichkeit bewusst sein muss: Mein Klient kann die Welt unter Umständen ganz anders interpretieren als ich. Diese Einsicht kann zu einem wahrhaften Interesse daran führen, wie mein Klient seine Wirklichkeit interpretiert. Interesse ist also der bessere Ansatz, Urteil sollte vermieden werden. Eine Teilnehmerin schlug vor, das Urteil bewusst durch Mitgefühl zu ersetzen. Was ist aber mit unseren Werten und der Moral?


Ich stieß dann eine Diskussion über Werte und Überzeugungen (values and believes) an. Zuerst ist es immer hilfreich, sich darüber klar zu sein, dass wir alle voll von solchen Werten sind und meistens davon ausgehen, dass auch unser Gegenüber unsere Werte teilt. Zum Beispiel hatte ich interessante Begegnungen in Trailer-Parks im Süden der USA, wo alle Leute, mit denen ich sprach, ganz fest davon ausgingen, dass ich ihren Rassismus teilte. Streng genommen, sollte ich also auch in der Lage sein, einen Rassisten zu coachen. Dafür müsste ich meine Werte eventuell zurückstellen, wie einen Regenschirm an der Tür zur Sitzung abgeben. Verschiedene Teilnehmer waren der Auffassung, wir könnten unsere Werte nicht zurückstellen. Sogar die Leiterin des Kurses schieß sich letztlich darauf ein, dass man das auch aus Authentizitäts- und Integritätsgründen nicht tun sollte. Ich hielt dagegen, dass wir sehr wohl unsere Werte zurückstellen können, z.B. wenn wir an einem Spiel teilnehmen, uns von einem Kriminal-Roman fesseln lassen oder sogar mal einen Stift aus dem Büro mitgehen lassen.

Anschließend ging es darum, welche Fragen die richtigen seien. Eine Diskussion entbrannte darüber, dass Warum- oder im Englischen Why-Fragen tabu sind. Zuerst einmal ist es ja die naheligendste Frage. Wenn einer sagt: "Ich bin unglücklich", dann ist es naheliegend, nach dem Warum zu fragen. Die Iren im Raum lehnten das kategorisch ab, die Deutscen waren da etwas entspannter. Vielleicht ist es auch eine kulturelle Frage. Andererseits sehe ich natürlich schon, dass die Warum-Frage in eine bestimmte Richtung geht: Anschuldigen, Rechtfertigen etc. Besser seien also offene Fragen, die mit Was, Wie, Wann oder Wer anfangen. Sehr gut eignen sich auch positive Fragen, wie z.B.: "Was macht dich glücklich?" oder "Wie war es, als dir dein Job Spaß machte?" oder "Was wäre etwas in deinem Leben, von dem du mehr wolltest?" Alles, das dem Klienten einen Raum öffnet, in dem er vorwärts denken kann, ohne zu beschuldigen oder zu rechtfertigen, ist anzustreben. Zu formulieren, was man will, ist immer besser, als zu formulieren, was man nicht will.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Top 3 der meist gelesenen Artikel dieser Woche