31. Dezember 2011

Müssen unsere guten Vorsätze auch 2012 wieder scheitern?

Den falschen Ansatz verfolgt (von Design You Trust)
Unser Autor Erich Feldmeier hat sich zum Jahresende Gedanken gemacht, wie wir mit dem noblen Wahnsinn der guten Vorsätze in 2012 umgehen sollen. Es ist nicht weniger nötig, als rund 4 Millionen Jahre Evolution an entscheidenden Stellen zu korrigieren. Sollten Sie sich weniger um die Menschheit als um Ihre eigenen guten Vorsätze sorgen, dann lesen Sie bitte unten Gilbert Dietrichs Tipps zu den privaten guten Vorsätzen, bevor Sie uns morgen Champagner-selig das Blaue vom Himmel versprechen.

"Programme, die sexuelle Enthaltsamkeit zum Schutz vor Aids propagieren, sind in den USA ebenso erfolglos wie in Entwicklungsländern", schreibt Kristen Underhill im British Medical Journal (1). Ganz öffentlichkeitswirksam wurde dies in Sarah Palins Feldzug gezeigt. Die konservativ auftretende Mama war bei der Wertevermittlung gegenüber ihrer minderjährigen Tochter nicht ganz erfolgreich. Dass sich vollmundige Versprechen durch unsere Taten oft in ihr Gegenteil verkehren, ist nichts grundlegend Neues. Aber warum ist das so? Etwas ganz Vergleichbares wird seit Jahrzehnten, aus den Diät- und Übergewichts-Programmen berichtet. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass Aufklärung und Information nicht ausreichend sind, um unser Ess- und Bewegungsverhalten dauerhaft zu verbessern", sagt Manfred Müller, Ernährungsmediziner an der Universität Kiel. Und Johannes Hebebrand, Kinderpsychiater an der Universität Duisburg-Essen, ergänzt: "Die wenigen Programme, die es bei uns gibt, richten nichts aus, weil sie den falschen Ansatz verfolgen. Da wird viel Geld versenkt." Auf internationaler Ebene ist das übrigens genauso. Carolyn Summerbell, Ernährungsmedizinerin aus England, kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass "die überprüften Präventionsprogramme großteils keinen Einfluss auf das Gewicht der Teilnehmer hatten."  (2)

28. Dezember 2011

Misanthropie - Bin ich ein Menschenhasser?

"...ich hasse alle Menschen: die einen, weil sie schlecht sind und bösartig, und die anderen, weil sie den Schlechten nachgeben..." (Alceste in Molières Le Misanthrope ou l’Atrabilaire amoureux)
Ich hasse euch alle und bleibe im Bett (gefunden auf The Ghost Who Walks)

24. Dezember 2011

Intuition, Erfahrungs-Selbst und Erinnerungs-Selbst

Daniel Kahnemann über das gute Leben

Einigen Lesern wird Daniel Kahneman schon vertraut sein. Er ist der Psychologe, der für seine Arbeiten zu den ökonomischen Entscheidungstheorien und der Verhaltensökonomik 2002 den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt. Kahneman hat gezeigt, dass wir Menschen uns nicht einfach nur egoistisch so verhalten, wie es unseren Interessen entspricht, sondern dass wir uns vor allem von unserem Bauchgefühl an der Nase rumführen lassen. Hier finden wir einen Grund dafür, dass viele unserer wirtschaftlichen Entscheidungen schlimmer ausfallen, als wenn wir einfach würfeln würden. Jeden Abend können wir diese Irrationalität ganz ungeschminkt in den Wirtschaftskrisenachrichten sehen. Kahnemans Punkt ist am Ende, dass wir uns vor unseren irrationalen Entscheidungen und dem fortwährenden Selbstbetrug unseres Egos nicht schützen können. Wir werden immer wieder darauf hereinfallen. Uns ist aber bereits dadurch geholfen, dass wir das wissen und erwarten können, um den Schaden in Grenzen zu halten. In folgendem Auszug aus einem Interview mit Kahneman, das im November von Sam Harris veröffentlicht wurde, geht es auch um Entscheidungen, aber eher im Sinne einer hedonistischen Psychologie: Was macht das Leben schön und gut? Und wie spielen das  "Erfahrungs-Selbst" und das "Erinnerungs-Selbst" zusammen, sodass wir unser Leben als gut und geglückt wahrnehmen - im Jetzt und in der Rückschau?

21. Dezember 2011

Pinkers Optimismus oder die Abnahme der Gewalt

Zur Datenlage des humanistischen Fortschritts

Der Autor Sam Harris hat ein wunderbares Interview mit Steven Pinker (Professor der Psychologie an der Harvard University) zu dessen These, dass die Gewalt historisch mehr und mehr abnimmt, veröffentlicht. Siehe auch Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit.

Pinkers These hat mich bereits seit einer Weile fasziniert, nicht zuletzt, weil ich gerne glauben möchte, dass es Grund zum Optimismus gibt und dass unsere auf Wissenschaft und Vernunft basierende Kultur sich am Ende in der Praxis unserer aller Leben und der unserer Kinder bewähren wird. Mir gefällt an Pinkers These, dass sie dem populären Irrglauben widerspricht, früher sei alles besser gewesen. Ich denke, dass dieser Irrglaube einer der Hauptgründe für unsere Unzufriedenheit ist und unseren Willen lähmt, die Welt kontinuierlich besser zu machen. Das Interview mit Pinker liegt nur auf Englisch vor. Es ist jedoch so relevant für unser Verständnis der Menschheit, unserer Geschichte und Zukunft, dass ich wesentliche Teile hier auf Deutsch zugänglich machen möchte. Ich habe einige Passagen ausgelassen, wenn ich sie weniger relevant für das Thema hielt. Ich freue mich auf eine Diskussionen in den Kommentaren. Jetzt aber erst mal viel geschichtsphilosophische Freude mit Steven Pinker...

18. Dezember 2011

Sturm der Innovation

Erich Feldmeier hört Bob Dylan und Gilbert Dietrich The Doors. Dann schreiben sie zusammen einen Text darüber, in dem es knirscht. Rüttelt der Sturm der Innovation an unseren Fensterläden oder bläst er durch uns hindurch? Die beiden Autoren sind sich nicht völlig einig, aber doch genug, um diesen Text zu veröffentlichen...

Leben wir in Zeiten der Innovation? Oder war nicht vielmehr immer schon Innovation? Oder nur die Rede davon, obwohl alles gleich blieb? Um das zu beurteilen, sollten wir überlegen, was Innovation ist. Innovation ist das Voran- oder Hervorbringen von etwas Neuem. Aber warum gibt es eigentlich immer etwas Neues?

Ist es ein Drive der Evolution, der unseren Nachwuchs dazu treibt, immer mal wieder alles anders zu machen? Es muss eine human-soziale Variante der Evolution sein, denn im Tierreich sehen wir diesen Drang nicht. Da wird höchstens genetisch mal etwas Neues ausprobiert und das funktioniert dann besser oder stirbt. Ansonsten aber macht das Bären-Junge ohne Zwang die Dinge nicht viel anders als Papa- und Mama-Bär. Es gibt im Tierreich kaum selbstmotivierte soziale Evolution und Innovation. Sie scheint einer Bewusstseinstufe vorenthalten zu sein, die sich regelmäßig erst in uns Menschen zeigt. Ein Grund mag sein, dass Tiere in der Regel ihrer Umwelt unterworfen sind, während Menschen ihre Umwelt unterwerfen. Mit jeder Generation kommen so andere Vorstellungen davon auf, wie diese Umwelt auszusehen habe.

"There’s a battle outside and it is ragin’/It’ll soon shake your windows and rattle your walls." (1)

9. Dezember 2011

Was macht Alkohol im Gehirn?

Jack London sagte, Alkohol ist ein Freund und ein Feind, ein König der Lügner und der Ehrlichkeit. Ein schamloser Mörder, Gott und Teufel. Er zeigt den Weg zur Wahrheit und ins Grab.
Gefunden auf MARY MILEY'S ROARING TWENTIES

Was sind die Gesichter des Königs Alkohol und wieso sind sie so vielgestaltig? Ich will die Wirkung dieser unterschätzten und weithin akzeptierten Droge von der hirnphysiologischen Perspektive aus betrachten. Mich interessiert einfach, was da genau passiert, wenn ich mir ein paar Bier reinziehe. Und bei der Recherche dieses Artikels musste ich feststellen, dass ich es am liebsten noch genauer wüsste, als man es bis jetzt sagen kann. Wie ein Kind könnte man auf jede Erklärung wieder fragen: "Und dann?" Die Vorgänge auf dem neuronalen Level sind so komplex, dass sie immer noch nicht völlig erklärt werden konnten. Einige interessante Fakten ließen sich jedoch in Erfahrung bringen...

7. Dezember 2011

Die Bestie zähmen. Statt Meeting.

Unser Autor Erich Feldmeier zeigt in diesem Artikel, woran wir in unseren täglichen Versammlungen immer wieder scheitern und was wir beachten sollten, wenn wir aus Klimawandel und Finanzkrise evolutionär gestärkt hervor gehen wollen.

"Die Senatoren sind gute Männer, doch der Senat ist eine Bestie." (1) Bild von The Capitains Memos

Wir taumeln von Krise zu Krise, von Meeting zu Meeting. Wer die letzten Monate die Dauer-Sitzungen etwa zur Finanz- und Wirtschafts-Krise betrachtet hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auf höchstem Niveau aneinander vorbeireden.

5. Dezember 2011

Was macht Cannabis im Gehirn?

Es ist ein riesengroßer Zufall, dass es da draußen in der Welt eine Pflanze gibt, die eine Chemikalie produziert, die auf bestimmte Rezeptoren in unseren Gehirnen passt, wie ein Schlüssel in ein Schloss: THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol). Die Rezeptoren in unserem Gehirn sind eigentlich dazu da, an chemische Neurotransmitter anzudocken, so dass eine Verbindung zwischen zwei Nervenzellen hergestellt werden kann. Die Neurotransmitter, auf die die Rezeptoren in den Synapsen warten, werden eigentlich vom Körper selbst hergestellt. Der körpereigene dem THC ähnelnde Neurotransmitter ist Anandamid (ananda ist Sanskrit für Glückseligkeit) und wurde erst vor 10 Jahren entdeckt. Anandamid nimmt auf zahlreiche Gehirnfunktionen im Zusammenhang mit beispielsweise Appetit, Schmerz, Energieregulation und dem Gedächtnis Einfluss.


Cannabis verursacht vor allem erst einmal ein Gefühl des entspannten Wohlseins, kann aber in höheren Dosen auch zu Paranoia und Halluzinationen führen. Da das pflanzliche THC dem körpereigenen Anandamid in der räumlichen Struktur gleicht, kann es an die für das Anandamid reservierten Rezeptoren andocken und so auf die für Signalweiterleitung verantwortlichen G-Proteine wirken, auf die ansonsten der körpereigene Transmitter wirkt. Die G-Proteine wiederum regulieren die Ausschüttung von Botenstoffen in den Nervenzellen (z.B. Adenylylcyclasen), was dann die Produktion bestimmter Stoffwechsel-Proteine wie Adenosinmonophosphat bremst. Das unterbricht den Kalzium-Ionen-Fluss und die sonst üblichen Aktionspotenziale können - ähnlich wie bei Schläfrigkeit - nicht mehr aufgebaut werden. Jeder, der auch nur den Cannabis-Konsum einmal beobachtet hat (man muss ja nicht selbst inhalieren), wird das mangelnde Aktionspotenzial des Konsumenten bestätigen können. Ein typischer Dialog wäre: "Gehn wir heute noch tanzen?" "OK, aber lass uns vorher noch einen rauchen!" Nach 5 Minuten rauchen: "Ach nee, lass uns zu Hause bleiben und Star Wars kucken." Dieser Verlust an Antrieb geht jedoch auch mit einem angenehm entspannten Gefühl einher. Sicher einer der Hauptgründe, warum Cannabis konsumiert wird.

Cannabinolrezeptoren gefunden auf howstuffworks.com

Antriebslosigkeit und Entspannung sind nur zwei der vielen Wirkungsweisen von Anandamiden und Cannabis. Die Anandamide sind zum Beispiel ebenfalls beteiligt, wenn bei niedrigem Glucose-Spiegel der Körper Hunger und Appetit entwickelt. Wenn sie ausgeschüttet werden, docken sie an die entsprechenden Rezeptoren an und bringen so das Hungergefühl in unser Bewusstsein. Wird dem Gehirn THC, statt körpereigener Anandamide zugeführt, dann passiert genau dasselbe, selbst wenn der Glucose-Spiegel ausreichend hoch ist. Kein Wunder also, dass Cannabis schon vor Beginn unserer Zeitrechnung als Appetit-Anreger eingesetzt wurde. Bevor jetzt die Pot Heads unter Ihnen zu jubeln anfangen: Diese Effekte kann man mit niedrig dosiertem Cannabis auch erreichen, bevor jede andere Nebenwirkung (Euphorie, Entspannung etc.) auftritt. Die körpereigenen Anandamide sind nichts anderes als niedrig dosierte und schnell abbaubare Cannabinole. Andere Systeme, an die Cannabinole andocken, haben Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem, das Verdauungssystem, das Fortpflanzungssystem und das Immunsystem. Auch die Verarbeitung von Sinneseindrücken (Farbe, Licht, Töne, Druck) und Schmerzen werden verändert. Die Wirkung betrifft so holistisch den gesamten Organismus, weil die entsprechenden Rezeptoren in so verschiedenen Gehirnregionen vorkommen, z.B. im Hippocampus (Kurzzeitgedächtnis), Kleinhirn (motorische Koordination) und in den Basalganglien (Spontaneität, Affekt, Initiative, Willenskraft, Antrieb etc.).

Cannabis ist sehr komplex und neben THC spielen viele andere Cannabinole ebenfalls eine Rolle. Das ist übrigens auch der Grund dafür, warum man sich in Coffee Shops in Holland die Stimmungslage vorher aussuchen kann, in die man sich dann per speziell komponiertem Joint hineinversetzen kann. Schmerzlindernde Wirkung kann man ebenso wie gesteigerte sensorische Eindrücke beobachten. Ganz besonders hilft dieser Neurotransmitter uns bei einer oft unterschätzten Funktion unseres Gehirns: dem Vergessen. Auch hier spielt wieder die in den Synapsen gehemmte Übertragung von Information eine Rolle. Wer schon einmal unter dem Einfluss von THC einen Film gesehen hat, wird wissen, was ich meine: Man amüsiert sich köstlich und hat doch gleich wieder vergessen, worum es ging. Hierin liegt auch ein Grund, warum heutzutage Filme immer wieder gesehen werden: Jedesmal ist das erste Mal.

Wir sehen also, dass vor allem das Kurzzeitgedächtnis, die motorische Koordination, aber auch vegetative Vorgänge wie die Verdauung betroffen sind. Die meisten Untersuchungen berichten, dass Cannabis keine toxische Wirkung auf das Gehirn hat und alle genannten Veränderung bei Erwachsenen reversibel sind. Anders verhält es sich freilich mit Persönlichkeitsstörungen, die durch den Konsum ausgelöst und manifestiert werden können. Bei allen Drogen und besonders bei Cannabis ist die psycho-physische Wirkung nur ein Teil dessen, was sie am Ende oft zu einem Problem werden lässt. Die weitaus größeren Schäden nimmt die soziale Dimension des Lebens, wenn Konsumenten sich von gesellschaftlicher Interaktion isolieren, gesundheitliche Störungen nicht mehr kuriert werden, Geldprobleme zur Obdachlosigkeit führen usw.  Solche und schlimmere Effekte haben wir bei anderen mitunter toxischen Substanzen wie Alkohol auch. In diesem Sinne ist es tatsächlich nicht ganz klar und zum Teil widersinnig, nach welchen Kriterien Drogen als legal und illegal klassifiziert werden. Aus hirnphysiologischer und gesundheitlicher Perspektive scheint es keinen Sinn zu machen, das eine zu verbieten und das andere an alle ab 16 zu verkaufen.


Neoronen: Nervenzellen; Synapsen: Zwischenräume zwischen den Neuronen; Neurotransmitter: Chemische Substanzen in den Synapsen; Rezeptoren: Speziell an bestimmte Neurotransmitter angepasste Eiweißmoleküle, die Signalprozesse auslösen oder blockieren

Das ist auch interessant:

3. Dezember 2011

Das Büro als Gerüchteküche: Von Zusammenhalt bis Zersetzung

Agitprop: Keine Gerüchte! Klatsch ist Landesverrat.
Wir alle kennen Gerüchte, wir alle verbreiten Gerüchte und wir alle sind Opfer von Gerüchten. Das ist auch ganz normal, denn Gerüchte spielen eine gesellschaftliche Rolle. Sie dienen als Klatsch entweder dazu, eine bestimmte soziale Ordnung in einer Gruppe herzustellen beziehungsweise zu manifestieren. Oder sie sind Spekulationen, um Dinge zu erklären, die ansonsten unerklärt bleiben. Einige Anthropologen verstehen Klatsch und Tratsch gar als Weiterentwicklung des Lausens und Fellkraulens bei anderen Primaten - eine für den Gruppenzusammenhalt notwendige Interaktion.

Trotzdem verdammen alle Weltreligionen die Gerüchteküche, die Gesellschaft insgesamt sieht Klatsch und Tratsch als etwas negatives, schon ein Wort wie Waschweiber zeigt das. Dennoch machen Gerüchte zwischen 20% und über 60% unserer Kommunikation aus, übrigens unabhängig vom Geschlecht. Manche klatschen und tratschen sogar so viel, dass es ihnen gar nicht mehr auffällt, dort ist es einfach nur noch äquivalent mit Kommunikation.

Was sind Gerüchte?
Gerüchte entstehen, wenn mindestens zwei Leute über jemanden reden, der nicht da ist oder über Gegebenheiten spekulieren, die unklar sind. Normalerweise findet es in einem vertraulichen Rahmen statt, eben weil man aufgrund der unklaren Informationslage oder der vermeintlichen Peinlichkeiten nicht offen reden kann. Dieser Rahmen wird in der Regel schnell gesprengt und die Interpretationen mutieren, denn Gerüchte verbreiten sich schnell nach dem Stille-Post-Prinzip. Ein weiterer Aspekt der Gerüchte ist die Skandalisierung. Alles was gerüchteweise kommuniziert wird, ist in der Regel spektakulär, unerhört oder sonst irgendwie skandalös.

29. November 2011

Manifest des Minimalismus

Sebastians Manifest
Dein Leben gehört Dir... Lass Dich nicht aufhalten... Wirf den Ballast ab... Du bist frei...

Auch wenn ich mich nicht (nur) als Minimalist bezeichne, treffen diese Sätze ziemlich genau meine Vorstellungen von einem aufmerksam geführten, selbstbestimmten und bewussten Leben. Eine minimalistische Perspektive auf das Leben hilft, das Wesentliche vom unwichtigen Rummel und Klimbim zu unterscheiden. Mir kommt das sehr entgegen. So eine Sichtweise macht den Blick frei auf die Momente des Lebens, auf die Eigenverantwortlichkeit und die Freiheit. Im Alltagsstress, im Rummel der so wichtigen Unerheblichkeiten, gehen uns diese Perspektiven oft verloren, was dann dazu führt, dass wir uns noch weiter vom Wesentlichen entfernen und noch mehr Stress oder Angst empfinden.

Jetzt ist es natürlich so einfach wie nutzlos, solche Sätze zu lesen und zu denken: "Ja, schön! Genau so ist das. Da hat mal wieder einer Recht." Oder so. Es ist viel schwieriger, diese Sätze mit Leben zu füllen. Und dazu möchte ich ermuntern: Macht eine Pause und nehmt euch die Zeit, einige dieser Sätze zu durchdenken. Fragt euch, was kann dieser Satz für Konsequenzen für mein Leben haben? Merkt ihr, wie radikal der Satz "Ich bin frei" ist? Was heißt das morgen für mich im Büro? Was passiert, wenn ich Besitz hergebe und dafür Freiheit bekomme? Schon mal versucht? Wie passiert das überhaupt, dass ich freier bin, wenn ich weniger Plunder habe? In mir ruhen? Das ist vielleicht das Schwerste! Das kann man nicht einfach so von heute auf morgen. Aber mal etwas erleben, die Momente genießen, dazu muss man nur mal raus und das machen, was man wirklich liebt. Atme!? Jeder atmet doch! Ja und nein: beobachte doch mal genau, wie du atmest! Mach das jeden Tag ein paar mal und du fängst an wirklich zu atmen. Lest noch einmal das Manifest und durchdenkt den einen oder anderen Satz, an dem ihr hängen bleibt. Schreibt einen Kommentar, wenn ihr wollt. Wir wollen gerne hören, wie ihr diese Sätze mit Leben zu füllen versteht:
Dein Leben gehört Dir. Du entscheidest, wie Du es führst. Übernimm Verantwortung für Dein Leben! Deine Entscheidungen bestimmen Deine Zukunft. 
Lass Dich nicht aufhalten. Liebe das Leben. Bilde Dir Deine eigene Meinung. Tausche Besitz gegen Freiheit. Ruhe in Dir. 
Du bist nicht Dein Besitz. DU bist DU, Du bist einzigartig. 
Tue was Du liebst. Träume groß - und dann setze es um. 
Weniger ist mehr. Sei Dir treu. Lache viel. 
Entdecke, wer Du bist und was Du willst. Lebe im Jetzt! Der Moment ist alles, was du hast. 
Teile Deine Freude, teile Dein Leid. Genieße bewusst. Sei offen, suche das Abenteuer. Hör auf Deinen Instinkt. Nimm Dir Deine Zeit. 
Tue Dir und anderen Gutes. Inspiriere. Handle. Lebe. 
Maximiere Deine Lebensqualität. Mache das Beste aus jedem Tag, jedem Moment. Wirf Deinen Ballast ab. Atme. Lächel. Sei bewusst. 
Du bist frei.
Das Manifest ist ursprünglich auf www.mrminimalist.com erschienen. Natürlich könnt ihr das Manifest gerne weiterverbreiten, wenn es euch gefällt. Vor allem aber: Lebt es und lasst uns daran teilhaben!

26. November 2011

Das sexistische Hirn

Unser Autor Erich Feldmeier schreibt über die Vorfahrt der nackten Haut auf useren Wahrnehmungs-Autobahnen.

Vor einigen Tagen erschien ein Interview mit der Soziologin Catherine Hakim, in dem sie sich dafür aussprach, "erotisches Kapital" im Beruf einzusetzen, aus dem einfachen Grunde, weil ihre Untersuchungen gezeigt hätten, dass "die Schönen und Attraktiven… auch im Beruf größere Aufstiegschancen und höhere Gehälter" hätten. "Warum ermutigt niemand Frauen, Männer zu instrumentalisieren, wo immer das möglich ist?" (1) Eine Antwort darauf war: "Ich denke nicht, dass Männer so einfach gestrickt sind."

Wahrnehmungs-Autobahn
Die korrekte Antwort darauf lautet: Nein, sie sind noch viel, viel einfacher gestrickt – und das gilt ironischerweise für Männer und Frauen, wenn auch in differenzierten Ausprägungen. Entdeckt haben dies Jari Hietanen und Lauri Nummenmaa, die vor wenigen Tagen eine Studie zur Wahrnehmung von Nacktheit veröffentlicht haben.

23. November 2011

Melancholie im Kino: Cheyenne – This Must Be The Place

Unsere Autorin Claudia Schmoll war im Kino und hat den Film Cheyenne – This Must Be The Place gesehen. Hier ist ihre Rezension:

Man muss ihn einfach gesehen haben, wenn einen die filmische Umsetzung des Themas "Melancholie" interessiert, hier vom italienischen Regisseur Paolo Sorrentino. Sean Penn spielt in herausragender Weise einen melancholischen Ex-Rockstar, der sich trotz Melancholie und depressiven Zügen der Herausforderung "Leben" stellt und daran wächst.

Der Film startet mit der Einstellung auf Cheyennes Gesicht. Ein Mann um die 50 schminkt sich in alter Gothic-Manier, man sieht ihn den schwarzen Kajal auftragen, den roten Lippenstift. (Tipp: Szene merken!) Diese und die folgenden Szenen laden den Betrachter ein, in die Welt des Ex-Stars einzutauchen. Die erste Hälfte des Films begnügt sich mit Szenen, Landschaften, der Darstellung der Welt aus Sicht des Rockstars, so wie er sich an sie gewöhnt hat. Und so wie Cheyenne diese Welt nicht hinterfragt, wird sie dem Zuschauer auch erstmal nicht erklärt. Der Film folgt dem Motto "Man kann das Leben nur vorwärts leben, verstehen kann man es nur rückwärts." Für's erste kann nur aus der Betrachtung von außen daraus geschlossen werden, dass der Ex-Star wohl genug mit seinen Songs verdient hat, seit 30 Jahren mit einer patenten, sympathischen Frau (Frances McDormand) verheiratet ist, mit ihr in einer Designer-Villa in Dublin lebt und scheinbar nur noch seinen Vergnügen nachzugehen braucht, nur hat man das Gefühl, dass er kein Vergnügen dabei empfindet. Der Zuschauer muss sich also einlassen auf die Tatsache, hier ist jemand melancholisch, und man weiß nicht warum, und der Regisseur spart mit Erklärungen. Cheyenne spricht langsam, bewegt sich langsam und man hat das Gefühl, eher einem morbiden Teenager zu begegnen als einem erwachsenen Mann.

"Und wie läuft ihr Leben so?" "Mein Leben läuft", lange Pause, "ganz okay".

21. November 2011

Human Ressources: Nutzt du noch oder entfaltest du schon?

"Im Zweifelsfall fällt man in schwierigen Situationen immer auf das Bewährte zurück. Und das Bewährte ist [...] das, was wir als Ressourcennutzungskultur entwickelt haben."
(Neurobiologe Gerald Hüther in: Human Ressources Manager 05/2011)
Ressourcennutzung, gefunden auf Great Job Opportunities

19. November 2011

Warum lieben wir Verschwörungstheorien?

Roswell: Es gibt nicht mehr, als das was du siehst.
Oder sollte die richtige Frage lauten: Warum fallen wir Verschwörungstheorien so schnell zum Opfer? Ich glaube, zum einen sind sie einfach oft etwas aufregender, als das was sonst so wirklich passiert. Wir scheinen alle eine Lust an der Sensation zu haben. Die Anschläge am 11. September waren so schon ziemlich sensationell, aber wenn es dann noch durch die US-Regierung organisiert war, dann schlägt das doch dem Fass den Boden aus. Oder Roswell: Wäre es nicht toll, wenn es wirklich Außerirdische waren, anstatt nur ein paar missglückte Flugtests von Tarnkappenbombern? Was ist mit der Mondlandung? Ziemlich spektakulär. Aber nach einigen Jahren ist der Lack ab. Langweilig. Jetzt wäre es eine größere Sensation, wenn nie jemand auf dem Mond gewesen wäre. Dann gibt es noch solche, die bestimmten Interessen in die Hände spielen, z.B. die Theorie, dass es keine Erderwärmung gäbe, sondern alles nur von bösen Wissenschaftlern und Journalisten erfunden sein.

Lust und Faulheit
Die Lust daran, die Sensation, das ist das eine. Aber warum glauben so viele Leute ganz fest und unumstößlich an solche Theorien? Was steht psychologisch dahinter? Im Artikel Der Graben zwischen Wissen und Handeln habe ich von Kahnemans zwei Systemen oder Typen von mentalen Operationen geschrieben: Typ 1, das zu Schnellschüssen neigende intuitive und assoziative Denken und Typ 2, das kontrollierte und logische Denken. Wie alle Tiere, sind wir evolutionär darauf erpicht, Energie zu sparen (übrigens auch ein Grund, warum wir dick werden), vulgo: faul zu sein. Die mentalen Operationen vom Typ 1 sind viel unaufwendiger und benötigen nicht so viel Energie, wie das logisch angestrengte und bewusste Nachdenken. Wenn immer wir können, nutzen wir also die wie von selbst sich einstellenden Kurzschlüsse unseres Gehirns.

16. November 2011

Jonah Lehrer: Prousts Madeleine

Erich Feldmeier rezensiert Jonah Lehrer: Prousts Madeleine: Hirnforschung für Kreative, Piper 2007.

Dieses Buch ist die absolute Synthese von Geistes- und Naturwissenschaften in einem unglaublich intelligenten Arrangement. Jonah Lehrer ist Neurobiologe und hat bei Eric Kandel promoviert. Er schreibt zum Beispiel bei wired.com über Themen wie unbewusstes Entscheidungsverhalten, dem wir hier auf Geist und Gegenwart ja auch schon einige Sätze gewidmet hatten. In seinem Buch Prousts Madeleine würdigt er die "chaotischen" Ansätze aus Kunst und Kultur, über die moderne neurobiologische Forschungskenntnisse mit unkonventionellen Mitteln erreicht wurden. Folgerichtig fordert der Text eine drastische Öffnung der Geisteshaltung von Geistes- und Naturwissenschaftlern für die jeweils andere Seite. Das Buch stellt eindringlich unter Beweis, dass Kunst und Kultur zu 'Wahrheiten' kommen können, die sogar erst viel später von den Naturwissenschaften bewiesen werden, doch zunächst - wie stets üblich bei allen außergewöhnlichen Meinungen - mit unglaublicher Ignoranz des Zeitgeists, vernichtend abgelehnt und verspottet werden. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch persönlich Details:  Zum Beispiel musste Lehrers Lektorin die konfusen und (w)irren Gedanken im Manuskript erst ordnen, bevor man sie auf die Menschheit loslassen konnte.

In einem furiosen Ritt durch Literatur, Malerei, Musik und Kochkunst bringt er uns Sichtweisen nahe, die eine unglaubliche Wahrnehmung aber auch Offenheit voraussetzen, Dinge aus vollkommen verschiedenen Welten miteinander in Beziehung zu setzen. Diese Zusammenschau ist schlichtweg sensationell. Das Buch zeigt außerdem, die Menge aller großen Leistungen, die von grenzwertig Verrückten geschaffen wurden, die in großer Armut und Verzweiflung dahinvegetierten. Besonders hoch anrechnen muss man Lehrer, dass er nicht versäumt, die hochqualifizierten aber gemeinhin unsichtbaren Postdoktoranden in den unbekannten Labors der Welt als die darbenden Künstler des 21. Jahrhunderts zu bezeichnen. Ganz nebenbei erklärt Lehrer eben auch diverse kognitive Vorgänge an seinen künstlerischen Paten interessant und anschaulich.

15. November 2011

Der Nachbar ist Schuld an meinen Schrammen

Gebrauchsspuren
Gestern Abend kam ich von einem Wellness-Kurzurlaub nach Hause und fand wie immer eine angespannte Parkplatzsituation vor. Aber da war doch noch eine Lücke, zwar etwas klein, aber direkt vor der Tür. Ich bin ein guter Einparker und sehe so etwas als sportliche Herausforderung. Ich nahm sie an und war ziemlich stolz, als das Auto vernünftig geparkt war. Heute Vormittag - ich dachte an nichts böses - rief mich meine Versicherung an und informierte mich, dass ich einen Schaden verursacht hätte und dass gegen mich ein Ermittlungsverfahren wegen Fahrerflucht eingeleitet war! Ich konnte es nicht glauben, nicht zuletzt weil ich mir keiner Schuld bewusst war oder gar irgendwo gegen gefahren und geflüchtet war. Nach der Arbeit sah ich mir die geparkten Autos vor der Tür an. Mein 11 Jahre altes Auto sah aus wie immer: von kleinen Dellen und Schrammen überseht. Davor stand der Golf, der auch schon gestern Abend da stand. Und auch dort gab es Schrammen. Eine alte überlackierte Schramme und zwei, drei kleinere, aber unbehandelte Schrammen. An meiner Windschutzscheibe klebte ein handgeschriebener Zettel:
Bitte Sachbeschädigung bei Ihrer Versicherung melden. Schaden wurde polizeilich aufgenommen!
Herold, Musterstraße 32

11. November 2011

Der Graben zwischen Wissen und Handeln

Dies wird wahrscheinlich der sinnloseste Artikel, den ich bisher geschrieben habe. Er handelt nämlich davon, wie wenig Selbst-Kenntnis und Bewusstsein helfen, um die eigenen Fehler im Verhalten und Denken zu korrigieren.

Angriffslust und Verteidigung 
Ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag: Ich weiß, was passiert, wenn meine Lebensgefährtin bei mir die wunden Punkte trifft. Wie oft habe ich mir selbst gesagt: Wenn sie irgend etwas, das ich angeblich gesagt oder getan habe, an den Haaren herbeizieht und mich damit provoziert, dann ist das nicht, weil sie mich nicht mehr liebt. Vielmehr hat sie ein momentanes Defizit an Aufmerksamkeit oder einen Überschuss an Frustration, was nicht unbedingt mein Verschulden sein muss. Ich weiß das und ich habe vorher Pläne gemacht, weise und ruhig zu reagieren und ihr mit Aufmerksamkeit und Verständnis entgegen zu kommen. Was aber mache ich, wenn es passiert? Ich schlage verbal zurück, beschuldige sie und verteidige mich. Wir streiten. Hinterher bin ich wieder klüger. Bis zum nächsten Mal, wenn einer von uns den anderen aus nichtigen (oder hormonellen) Gründen provoziert. Dieses Beispiel verdeutlicht zum einen das Dilemma, das man auch Knowing-Doing-Gap nennt: Der Graben, der sich zwischen Wissen und Handeln auftut. Wir werden zwar immer klüger, nur schlägt es sich nicht in unserem Umgang mit der Wirklichkeit nieder (siehe oben oder auch den Klimawandel). Zum anderen verdeutlicht das Beispiel eine Dualität in unserem Denken. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman unterscheidet unsere mentalen Operationen in diese zwei Typen:

8. November 2011

Vater werden ist nicht schwer...

Es vergeht kein Tag, an dem nicht in der Tagesschau über eine neue und vorgeblich vernünftige Familienpolitik geredet wird. Ein Aspekt, der dabei noch immer am Rande zu laufen scheint, ist die Elternbildung, also Bildungsangebote für Eltern mit dem Ziel der Stärkung ihrer Erziehungskompetenz. Es wird immer klarer, dass wir als Gesellschaft dringend die Effektivität und Effizienz solcher familienpolitischer Maßnahmen gewährleisten müssen. In diesem Zusammenhang rezensiert Erich Feldmeier das in diesem Jahr erschienene Buch Mütter und Väter im evolutionären Licht betrachtet - Überraschende Antworten auf alte Fragen: Neue Perspektiven für die Elternbildung vor dem Hintergrund der Biowissenschaften von Annette Mennicke.

Die Thesen, die Annette Mennicke höchst fundiert und plausibel entwickelt, ergeben sich aus der Einbeziehung der evolutionären Sichtweise auf die Familien-Tätigkeit. Mit recht drastischen historischen Belegen zur Kinder-Sterblichkeit und zum Ammenwesen zeigt sie, dass das Aussetzen und Weggeben von Kindern aus Armut und Not in weiten Bevölkerungskreisen recht verbreitet war. Das eigentliche Problem besteht fort, wie Sarah Hrdy zeigt: "Wie kann sich eine Mutter der Erhaltung ihres Status oder ihrer Lebensgrundlage widmen, ohne von der Last eines Kindes daran gehindert zu werden? [...] Damals wie heute stehen Mütter [...] vor chronisch unlösbaren Dilemmata".

6. November 2011

Wenn Ungleichheit wütend macht

Sarah F. Brosnan und Frans B. M. de Waal haben 2004 ein Experiment mit Äffchen gemacht, das uns heute verdammt an ein Experiment erinnert, dem wir zwar schon lange unterliegen, das uns aber erst jetzt dazu animiert, die Wall Street zu okkupieren.

Pass mal auf, was jetzt gleich mit der Gurke passiert!

5. November 2011

Mit Systemtheorie den menschlichen Geist begreifen

In diesem Beitrag zum Verständnis unseres Bewusstseins erklärt die systemische Beraterin und Therapeutin Claudia Schmoll anhand der Systemtheorie, warum Veränderung so schwer ist und wie sie doch möglich wird.
Der Baum der Erkenntnis
Systemtheorien gehören mittlerweile als Denkgerüst in jede Geistes- und Naturwissenschaft. In der Biologie hielt die Systemtheorie Einzug durch das Werk der Chilenen Maturana und Varela, die das menschliche Nervensystem bezüglich der Wechselwirkung von organisierter Einheit, System und Umwelt untersuchten und ihre Erkenntnisse in dem Klassiker "Der Baum der Erkenntnis" zusammenfassten. Berufshalber befasse ich mich gerne mit der Theorie von sozialen Systemen (Luhmann), und nach meiner letzten Gehirnforschungs-Lektüre "Wie unser Gehirn die Welt erschafft" habe ich begeistert festgestellt, dass auch unser Gehirn nach den Regeln der Systemtheorie funktioniert. Wie man sich das vorzustellen hat, will ich im Folgenden beschreiben. Es kann dabei etwas theoretisch werden. Wenn Sie also lieber gleich zum Praktischen übergehen wollen, dann lesen Sie einfach bei den Folgen für unser Handeln weiter. Am besten aber, sie sind tapfer und lesen alles...

3. November 2011

Die Vermessung des Selbst

Heute ging es im Podcast einer meiner Lieblingssendungen "Der elektrische Reporter" um einen neuen Trend, der seinen Weg langsam auch nach Deutschland schafft: quantified self. Die Vermessung des Selbst ist eine etwas extreme Manifestation der Selbsterkenntnis, die nicht auf Introspektion oder Psychologie setzt, sondern auf Technik und die durch sie messbaren Veränderungen des Körpers. Und dabei geht es nicht nur um das Steigen auf die Waage oder die Blutdruckmessung beim jährlichen Arztbesuch. Vielmehr beobachten sich die Self Quantifier selbst auf Schritt und Tritt. Die Idee ist auch nicht ganz neu, zum Beispiel ist von Immanuel Kant überliefert, dass er sich penibel an seine Routinen hielt und dabei jede kleine Normabweichung seines Körpers und dessen Ausscheidungen beobachtete. Heute stehen dem Selbstvermesser lauter technische Gadgets zur Verfügung, deren angesammelte Informationen dann in Datenbanken gespeichert, ausgewertet, in neue Zusammenhänge gestellt und verglichen werden können. Neu ist vor allem die Öffentlichkeit (Blogs oder Foren), in der diese Selbstvermessungen nun protokolliert werden.

Es gibt nicht nur GPS-Apps, die über das Handy jeden gejoggten Kilometer metergenau aufzeichnen, man kann auch beim Schlafen seine Gehirnströme aufzeichnen lassen, die Herzfrequenz messen und sich sogar über die eigene Stimmung informieren lassen, falls man sie nicht von alleine bemerkt hat. Die Grenzen zum Blödsinn sind also fließend, einige sinnvolle Aspekte sehe ich aber doch.

1. November 2011

Die drei Hauptzutaten für eine funktionierende Firmenkultur

Bundesarchiv Bild 183-1987-0402-006, Getränkekombinat Magdeburg, Fließband, IndustriearbeiterinBei Bret L. Simmons las ich gerade einen sehr schönen und einfachen Artikel über die Motivatoren und deren Blockaden bei der Arbeit (danke Katharina Scheid für den Tipp). Die Grundgedanken will ich hier zusammenfassen.

Ob eine Gruppe funktioniert oder nicht, hängt am Ende immer von der Kommunikation und vom zivilen Umgang miteinander ab. Obwohl das so einfach sein sollte, lassen wir den respektvollen Umgang im Arbeitsalltag zu oft vermissen. In den Fokus rücken erst einmal praktisch relevante Umstände, die zwar die Arbeitsaufgaben selbst betreffen, erstaunlicherweise aber zweitrangig für die Grundmotivation der Mitarbeiter sind. Am wichtigsten sind kulturelle Aspekte und wie sie in der Firma vor allem vom Management gelebt werden. Hier sind die drei Hauptaspekte einer Unternehmens- und Management-Kultur, die fundamental zur Motivation der Mitarbeiter beitragen und deren Abwesenheit eine Firma über kurz oder lang vor die Wand fahren lässt:
  1. Achten der Mitarbeiter, ihrer Würde und Ideen
  2. Auf Kooperation, statt auf Konkurrenz ausgerichtete Prozesse
  3. Transparente, ehrliche und respektvolle Kommunikation 
Die respektvolle Kommunikation schafft das Vertrauen, das die ersten zwei Bedingungen erst ermöglicht. Zusammen beeinflussen diese Aspekte die Motivation schon bevor es überhaupt an die Erledigung einer Aufgabe geht. Sie sind also fundamental und können nur über einen bewussten Umgang mit der Firmen- und Management-Kultur in einem Unternehmen etabliert werden. Ironischerweise halten sich die "Macher" in den Firmen nur sehr ungern mit solchen schwammigen Dingen wie Firmenkultur auf, obwohl lange klar ist, dass sie der effizienteste Weg zu einer über Motivation gesteuerten effizienten Arbeit sind.

Im Artikel Die richtige Arbeit gibt es nicht, nur richtiges Arbeiten habe ich bereits über die Self Determination Theorie geschrieben, nach der es die Aspekte Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit sind, die uns bei der Arbeit motivieren. Diese können jedoch nur in einer Kultur verwirklicht werden, wie sie oben beschrieben wird.


Dieser Artikel wurde von Bret L. Simmons' Catalysts And Inhibitors Affect Inner Work Life inspiriert.

31. Oktober 2011

Wie gutes Gewissen und Geld zusammenpassen

Eine Rezension von Max Demls und Holger Blisses Grünes Geld: Das Handbuch für ethisch-ökologische Geldanlagen 2012/2013, Stuttgart 2011. Und ein Exkurs zu Alternativen und der Zukunft der Banken.

Alternative Geldanlagen
Aus Mangel an Expertise schreibe ich in der Regel nicht über Wirtschaft oder gebe gar Tipps, wie man sein Geld vernünftig anlegt. Jedoch interessieren mich Wirtschaftsthemen vor allem aus der Perspektive der Nachhaltigkeit. Dieses Konzept - davon bin ich überzeugt - wird über unseren globalen und individuellen Fortbestand entscheiden. Ohne nachhaltigen Umgang sowohl mit den eigenen körperlichen und psychischen Ressourcen als auch mit den natürlichen Ressourcen unserer Erde, werden wir nicht mehr weit kommen. Dahinein spielt selbstverständlich auch der Umgang mit unseren individuellen und globalen ökonomisch-finanziellen Ressourcen. Jetzt fiel mir ein praktisches Buch in die Hand, das es verdient, in diesem Zusammenhang vorgestellt zu werden. Die Autoren Max Deml und Holger Blisse geben dieses Handbuch seit 1990 heraus und informieren darin nicht nur über einzelne ethisch korrekte Anlagemöglichkeiten, sondern beleuchten die diversen Möglichkeiten, die sich bieten, Geld statt in herkömmliche Immobilienfonds, Rohstoffe oder ewig krisenfeste Aktien der Rüstungsindustrie anzulegen.

26. Oktober 2011

Das Impostor-Syndrom trifft immer die falschen

Misunderestimated
Was ist los mit Menschen wie dem jungen Banker der Société Générale, der 2008 unbemerkt fünf Milliarden Euro seines Arbeitgebers verzockt hat? Oder der 31-jähige UBS Angestellte, der in diesem Jahr seiner Bank "Verluste in Milliardenhöhe erwirtschaftete"? Das müssen krasse Einzelfälle sein, könnte man denken. Sieht man sich jedoch die Finanzbranche insgesamt an, wo Gewinne privat bleiben, aber Verluste stets vom Steuerzahler aufgefangen werden, kann man leicht zum Schluss kommen, dass in der dieser Branche überwiegend Menschen arbeiten, die notorisch hohe und ungedeckte Risiken eingehen. Die Branche ist unter Marktbedingungen nicht rentabel. Das wird auch von der Beobachtung meines Ari-Deka Fonds bestätigt, den ich vor 12 Jahren für 3000 D-Mark kaufte und der inzwischen nur noch 800 Euro wert ist. Die gleiche unfähige Branche bewertet dann die Kreditwürdigkeit ganzer Staaten und macht sie damit handlungsunfähig.

Überspitzt könnte man sagen, dass allzu oft diejenigen, die Geschicke dieser Welt lenken, die sich und ihre Fähigkeiten krass überschätzen. Erinnern wir uns zum Beispiel an G. W. Bush. Solche Menschen gehen unvernünftige Risiken ein und jagen den schnellen Kicks kurzfristiger Gewinne und Siege hinterher. Oft zum Schaden ganzer Staaten oder sogar der gesamten Welt. Sie sind natürlich nicht (immer) dumm, aber eben doch nicht so schnell und hell, wie sie selber denken. Man kann sie sicher nicht alle in eine Schublade stecken und behaupten, sie seien alle so oder so. Aber man kann sagen, was sie nicht sind: Nachdenkliche und auf Nachhaltigkeit bedachte Charaktere, die Risiken abwägen und sich um die Folgen ihres Handelns kümmern. Solche Leute würde man im Finanzrummel und der Politik Zauderer nennen.

24. Oktober 2011

Schicksal oder Eigenverantwortung?

Eine existentialistische Antwort

Der Existenzialsmus ist in vielerlei Hinsicht der erste große Versuch der Philosophie, das Wirklichkeitserleben (inklusive Angst, Glück, Sinsuche, Zweifel etc.) aus der Perspektive des Individuums zu betrachten. Der wichtigste Grundgedanke klingt bereits im Namen dieser Bewegung an: Das leiteinische ex sistere, aus dem unser Wort existieren wurde, bedeutet so viel wie ent-wickeln, auch heraus-stellen und deutet darauf hin, dass Mensch sein, kein statischer Zustand, sondern ein stetiger Fluss ist, eine Bewegung und Realisation von Potential.

Wiederfinden der Selbst-Verständlichkeit
Besonders nach den zwei Weltkriegen wurde es Zeit, sich von der Vernunft als Faszination des technischen Fortschritts zu lösen, der vor allem Massenvernichtung gebracht zu haben schien. Die brennenden Fragen lagen jetzt im Bereich des Selbstverständnisses des Menschen. Wie waren die Grausamkeiten möglich? Das Individuum war in einer Masse von Menschen und Maschinen von sich selbst entfremdet. Das konnte nicht die wahre Existenz sein und die Frage drängte sich auf: Wie kann ein Mensch in diesem Szenario zurückfinden zu einem authentischen Leben? Die Antwort war das Selbst, zu dem eine Beziehung wieder hergestellt werden musste. Das Selbst muss gerade auch im Angesicht und voller Akzeptanz der Sinnlosigkeiten und Härten unseres Lebens verstanden werden. Ohne Selbstverständnis keine Ex-Istenz. Also auch keine Zufriedenheit durch Selbsterfüllung und damit kein Erfolg im Zusammenleben und Wirtschaften mit anderen. Der Zusammenhang zwischen Selbsterkenntnis und Erfolg unter Mitmenschen ist leicht erklärt: Wer sein Selbst nicht versteht, der kann sich erst recht nicht in andere und ihre Gefühlswelten hineinversetzen. Ohne diese Sinn schaffende soziale Interaktion wiederum, kann man schwer ein Konzept von der eigenen Identität entwickeln. In einer Art Spirale führt das zu Sinverlust und Angst, gefolgt von noch mehr Isolation und Paralyse.

21. Oktober 2011

Gunter Dueck: Professionelle Intelligenz (Rezension)

Erich Feldmeier rezensiert Gunter Duecks Professionelle Intelligenz: Worauf es morgen ankommt, erschienen 2011 bei Eichborn. Ein Telefon-Interview mit Gunter Dueck finden Sie hier im Text.

Der berüchtigte Graf Dracula des zeitgenössischen Managements hat wieder ein scharfsinniges Buch geschrieben. Zwischen Wollen und Tun ist ein Unterschied, deshalb schreibt er gleich zu Anfang: "Ich sage hier nicht, dass wir Altenpflege oder Bildung als reinen Service zum Lebens-Change-Management auffassen sollten. Wir tun es." Insofern schließt Professionelle Intelligenz an Duecks vorheriges Buch Homo Oeconomicus an, in welchem über viele Seiten hinweg das Geiz-Dilemma samt Schaden und Ruin, die uns daraus erwachsen, dargelegt wird.

So heißt es nun in der Professionellen Intelligenz: "Ich hoffe, die Werte der Welt schwingen wieder zurück... Erwarte ich das? Nein" (S. 69). Dass Duecks Buch Lean Brain Management (Zitat: "der Verzicht auf Intelligenz birgt enormes Einsparpotenzial") als Satire von 2006 heute nahezu in die Realität umgesetzt ist, zeigt, mit welcher Vehemenz der Wandel über uns kommt. Unsere (Arbeits-)Welt ändert sich, nicht nur Industrie, auch Dienstleistungs-Jobs verschwinden in der Automatisierung. Mit den herkömmlichen Kompetenzen kommen wir nicht mehr viel weiter. Die Aufforderung, sich doch bitte auf die neue Zeit der "Digital Natives" (siehe Piratenpartei) einzulassen und nicht als dauerhafter Exilant darin zu wohnen, ist insofern schlau.

20. Oktober 2011

Impostor-Syndrom: Krankheit oder Anstand?

Menschen, die unter dem sogenannten Impostor-Syndrom leiden, können ihre eigenen Leistungen nicht akzeptieren und schreiben ihren Erfolg glücklichen Umständen und sozialen Netzwerken (dem sogenannten Vitamin B) zu. Je erfolgreicher jemand ist, desto größer ist die Gefahr, diesen Selbstzweifeln zu begegnen. Die erste Frage, die sich mir stellt: Sind diese Leute nicht vielleicht einfach Realisten, die anstatt sich selber für den Nabel der Welt zu halten, begriffen haben, wie wichtig glückliche Umstände, Zufälle, soziale Klasse und sogar Hautfarbe oder Geschlecht sind? Ich denke, da könnte was dran sein, auf der anderen Seite ist es wie immer: Die Intensität einer Einbildung oder eines Zweifels macht den Unterschied zwischen interessant und krank.

Fake it till you make it! (gefunden auf These Americans)

15. Oktober 2011

Die Ordnung des Geistes gegen Stress

Zur Zeit reden wir wieder alle vom Stress, der zum Burnout führt. Und wie so üblich externalisieren wir das Problem. Wir machen die Umstände verantwortlich oder den Chef im Büro. Die mögen ja auch oft unter den Auslösern sein. Was aber können wir für uns selbst tun? Wie erhöhen wir unsere eigene Resilienz, wenn wir nicht gleich aus dem - manchmal eben stressigen - Arbeitsleben aussteigen wollen oder können?

13. Oktober 2011

Evolutionäre Aspekte unseres Entscheidungsverhaltens

Uralte Belohnungssysteme und die Neurobiologie unseres Verhaltens

Als Ergänzung zur Rezension seines Buches Sonntags Reden, montags Meeting hat der Autor Erich Feldmeier diesen Artikel geschrieben, der auf die evolutionären Wurzeln unseres Innovationsunvermögens eingeht. Aber lesen Sie selbst:

1) Abgrenzung
Menschen streben nach Einzigartigkeit und die ist in Zeiten der Globalisierung gar nicht so einfach zu erreichen, weil wir uns zunehmend mit den vielen anderen Menschen vergleichen. "Massenmedien mit ihrer Informationsflut... machen nämlich alle Teilnehmer am medialen Geschehen faktisch zu einer einzigen kompetitiven Gruppe. Man gerät als Medienkonsument - trotz besseren Wissens - in Wettbewerb" (1). Wer heute noch etwa ein wirklich bedeutender Bergsteiger sein will, muss man nicht nur alle 14 Achttausender besteigen, sondern da auch die steilen, sehr schwierigen und noch nicht begangene Routen gehen (2). Und wer kennt schon den zweiten Mann auf dem Mond? (3).

10. Oktober 2011

Wie Innovationen dennoch gelingen

Eine Rezension von Erich Feldmeiers Buch Sonntags Reden, montags Meeting: Wie Innovationen dennoch gelingen.

Ein Buch mit 7 Siegeln
und 5 Schlüsseln
Erich Feldmeier greift eine der rätselhaftesten Fragen der Menschheit überhaupt auf: Warum hören wir eigentlich nicht auf unsere Vernunft? Ob die Annahme, die hinter dieser Frage steht, so pauschal richtig ist, werden wir später noch beleuchten. Dem Eindruck jedoch, dass wir wahnsinnig viel Zeit, Energie und Annerkennung auf die Produktion von Vernunft zu verwenden, ohne dass wir die vernünftigen Erkenntnisse anschließend in Fortschritt ummünzen, kann man sich in Angesicht von Hunger-, Finanz- und Umweltkrisen kaum erwehren. Theroretisch wissen wir, was wir zu tun haben, um den nächsten Gau zu verhindern oder die Geißeln der Menschheit auszurotten. ABER: Wir tun es ganz einfach nicht. Einfach so. Ohne vernünftigen Grund. Wir lassen den ganzen Schlamassel so weiterlaufen, wie immer.

Feldmeier macht sich daran, Antworten für diese Frage zu finden. Dieses Feldmeier'sche Finden ist ein abenteuerlicher und amüsanter Ritt durch die Geistesgeschichte, die Politik, Wissenschaft und Gegenwartskultur. Von Platon über Machiavelli bis zu Precht und Jamie Oliver kommen alle zu Wort. Da wird links und rechts mitgenomen, was am Wegesrand wächst. Schnipsel aus der Computerwoche genauso wie aus der Süddeutschen oder der ZEIT. Das Buch gleicht einem faszinierend (in 7 Siegel und 5 Schlüssel) geordneten Zettelkasten, in dem sich alles um die Fragen dreht: Warum handeln wir nicht vernünftig? Und: Wie kommen wir da wieder raus?

9. Oktober 2011

Warum klappt eigentlich rein gar nichts?

Ich frage mich gerade, warum in dieser Welt eigentlich gar nichts zu klappen scheint, wenn es wirklich wichtig ist. Egal, wo man hinkuckt: Katastrophen, Krisen und Fehlschläge. Die wichtigsten Ziele, die wir uns stecken, werden nicht erreicht. Spätestens seit Erfindung der Eisenbahn scheint alles schief zu gehen. Nur ein paar Beispiele, wie man sie aus den Nachrichten der letzten Wochen kennen sollte:

  • Banken und Wirtschaft insgesamt scheinen trotz aller Mühen und bei Strafe des Untergangs dieses Systems nicht unter Kontrolle zu bringen sein.
  • Globale Umweltschutzziele und Vereinbahrungen sind immer schon ein Lacher gewesen.
  • Bekämpfung von Hunger, Krankheit und Armut. Müsste eigentlich machbar sein, kriegen wir aber nicht hin.
  • Die versuchten Befriedungen und Demokratisierungen im Nahen Osten, in Afrika, Irak oder Afghanistan - da haben wir offenbar keine Chance. Selbst die Revolutionen in Nordafrika drohen im Kanonenrohr zu krepieren.
  • auch im kleineren Rahmen, z.B. in der Innen- und Parteipolitik, läuft alles schief: Alle Parteien scheinen ständig irgendwelche Wahlen zu verlieren (außer gerade die Piraten und manchmal die Grünen); Bahnhöfe können weder gebaut noch verhindert werden, dasselbe gilt für Autobahnen und Stromtrassen; der DAX ist auf Talfahrt, genauso wie der Geschäftsklima-Index; seit Jahrzehnten scheitern wir mit der Gesundheits-, Verkehrs- und Bildungspolitik und so weiter und so fort.
Fazit: Alles scheint schief zu gehen. Es ist lange her, dass ich mal irgendwo gehört habe, dass mal etwas geklappt hat. Aber warum? Hier sind ein paar Interpretationsvarianten:

8. Oktober 2011

Weniger und Kleiner!

Wie überleben wir das 21 Jahrhundert?

< = >
(weniger ist mehr)

Noch jemand, der auf den Minimalismus-Trend aufgesprungen ist: Graham Hill, der Designer und Gründer von TreeHugger, einer Medien-Kampagne, die sich Nachhaltigkeit in den Mainstream der westlichen Gesellschaften etablieren möchte. In dem unten eingebetteten Video spricht er davon, dass Amerikaner ca. drei mal mehr Wohnraum haben, als noch 50 Jahre zuvor und dass es trotzdem für immer mehr von ihnen nötig wird, Container anzumieten, damit sie ihr ganzes Zeug, dass sie irgendwann mal gekauft haben, irgendwo aufbewahren können. Dieses Shopping-Leben führe zu Überschuldung, enormer Umweltverschmutzung, mehr Stress und weniger Zufriedenheit. Um diesen Irrsinn zu stoppen schlägt Hill vor, Folgendes zu tun:

4. Oktober 2011

Umgang mit psychisch Gestörten vom Mittelalter an

Zuletzt hatte ich beschrieben, wie die antiken Griechen auch ohne wissenschaftlich exakte Kenntnisse bereits zu humanen Behandlungsmethoden bei geistig Kranken gekommen sind. Mit der beginnenden Vorherrschaft des Christentums erst in Rom und später im gesamten Europa, änderte sich jedoch die Behandlung der Kranken. Man kehrte zu dämonologischen Ansichten zurück, die Hippokrates schon hinter sich gelassen hatte. Exorzismus und Hexenverfolgung traten an die Stelle von Therapie. Die im Vergleich zu den neuen christlichen Dogmen geradezu aufklärerischen Schriften der antiken Griechen wurden verboten.

Wenn geistige Verwirrung damit erklärt wird, dass jemand vom Teufel besessen oder zumindest sündigen Gedanken und Taten schuldig ist, dann ist die Behandlung eben vor allem Zucht und Strafe. Zu Zeiten der Inquisition ging man zudem davon aus, dass es sich bei den "Besessenen" nicht um Opfer von Dämonen handelte, sondern um willfährige Diener des Teufels, besonders wenn es sich um Frauen handelte. Zwischen dem 11. und dem 17. Jahrhundert blühte der Satanismus und mit ihm der Exorzismus. Symptome, die wir heute als Epilepsie kennen, waren damals ein Zeichen von Besessenheit. Folter von Hexen und Teufelsaustreibungen wurden damit gerechtfertigt, dass es ja den Besessenen helfen sollte, den Teufel loszuwerden...

2. Oktober 2011

Geschichte des antiken Gehirns

Alle Sinneseindrücke liefen im Herzen zusammen
In meinem letzten Beitrag ging es um die ersten - wenn man so will - psychiatrischen Anstalten, die griechischen Asklepios Tempel. Man kam da immerhin schon einem humanistischen Therapiegedanken nahe, ohne dass das Verständnis vom menschlichen Geist und seinen Krankheiten dem ähnelte, was wir heute glauben. Aber was glaubten die Griechen eigentlich und wo liegen die Wurzeln einer modernen und wissenschaftlichen Behandlung psychischer Leiden?

Der anatomische Aufbau des Gehirns war selbst den Medizinern der Antike ein Rätsel. Denn der menschliche Körper, auch der tote, war den Griechen und den Römern heilig und anatomische Sektionen von Leichen war undenkbar. Vielmehr obduzierte man Tiere, um von ihnen auf den Menschen zu schließen, oder auch mal eine Totgeburt, vielleicht auch heimlich mal eine Leiche. Das aber reichte nicht für eine Wissenschaft von der Anatomie des Menschen.

28. September 2011

Antike Urformen psychiatrischer Anstalten

Wenn ich an Psychiatrie denke, dann sind das Horrorbilder, die sich aus Büchern wie Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz oder Filmen wie Martin Scorseses Shutter Island speisen. Wo aber liegen die Ursprünge? Theodore Millon* verweist auf drei vorwissenschaftliche Paradigmen als Wurzeln des Verständnisses vom Gehirn und seinen Krankheiten: Das Animistische, das Mythologische und das Dämonologische. Sie alle verbindet die Idee, dass mentale Prozesse von magischen äußerlichen Kräften verursacht werden. Wenn Krankheiten über dämonische Einflüsse erklärt wurden, dann bedeutete das selten etwas gutes für den Patienten. Schock, Hunger, Kerker und Fesseln, aber auch das Öffnen des Kopfes waren Praktiken, die man wohl kaum Therapie nennen würde.

Mein alter Kindergarten in Berlin Buch: Das feste Haus für irre Verbrecher
Glücklicher dran waren jene Patienten, deren Störungen auf mystische Einflüsse zurückgeführt wurden. Beispielsweise glaubten die Griechen, dass Epileptiker von heiligen Geistern besessen und somit von den Göttern geehrt waren. Auch das ist zwar dämonisch gedacht, aber eben positiv gewendet. Ägypter und Griechen errichteten Tempel für diese Erkrankten, wo sie sich bei Gesängen und Gebeten erholen konnten. Ihnen wurde gute Behandlung unter Gabe von Kräutern und Ratschlag zuteil. Die griechischen Asklepios Tempel waren beispielsweise im 6 Jh. vor Christus weit entfernt von allem Trubel eine Art Erholungs- und Kurzentrum. Die Kranken wurden durch Zuhören und Gespräche beruhigt, sie wurden gut genährt, gebadet und massiert. Auch wurden beruhigende Drogen und Musik eingesetzt, um die mentalen Leiden zu lindern. Entspannungstechniken ersetzten vorübergehend die oft brutal körperlichen Misshandlungen. Bis sich mit dem Monotheismus und besonders im Mittelalter mit Angst vor Hexerei und bösen Dämonen eine Rückkehr zu den brutalen Austreibungen vollzog. Im günstigsten Fall dienten die Institute für die Verrückten lediglich zum Wegsperren der vermeintlich gefährlich besessenen. Gut, dass wir im Laufe des letzten Jahrhunderts wieder dort angekommen sind, wo wir die antiken Griechen vor 2600 Jahren zurückgelassen haben.


*Masters of the Mind: Exploring the Story of Mental Illness from Ancient Times to the New Millennium

26. September 2011

William Styron: Sturz in die Nacht

William Styrons Buch Darkness Visible (Sturz in die Nacht: Die Geschichte einer Depression) ist ein autobiographischer bis wissenschaftlicher Aufsatz über Depression. Es ist die fesselnde Erzählung von einem, der in die tiefsten Abgründe seiner Seele hinabstieg und der wiederkehrte, um davon zu erzählen. Mit grausamer Genauigkeit berichtet er vom schlimmen auf und ab des täglichen und hoffnungslosen Höllenritts, von der Unsinnigkeit des vegetierens. Besonders die Unfähigkeit, sich den normalsten Tätigkeiten, Gesprächen oder auch nur dem Licht des Tages auszusetzen, ist erschütternd. Freunde, Familie, Kollegen - sie sind da, aber dringen nicht durch. Sinnzusammenhänge gehen verloren, man muss da raus, bevor es einen zerstört. Styron hat es geschafft.

Styrons Sprache ist so literarisch, wie es sich für einen Pulitzer Prize-Träger gehört. Als Poet kommt er nicht umhin, gegen den Begriff Depression zu protestieren: "Depression, wie die meisten wissen werden, hieß zuerst 'Melancholie', ein Wort, dass im Englischen bereits im Jahr 1303 auftaucht und immer wieder auch bei Chaucer vorkommt, der sich in seinem Gebrauch offenbar den pathologischen Nuancen bewusst war. 'Melancholie' scheint immer noch ein viel zutreffenderes und ausdrucksstarkes Wort für die schwärzeren Formen der Krankheit zu sein, doch wurde es überwältigt von einem Substantiv mit fader Tonalität, ohne jede gebieterische Präsenz, ohne Unterschied gebraucht für eine ökonomische Krise oder geologische Unebenheiten, ein wahrer Kümmerling für eine so bedrohliche Krankheit." (Übersetzt nach William Styron, Darkness Visible, London 2004, S. 36)

Styron meint, dass die Harmlosigkeit des Wortes Depression, an der John Hopkins Medical School vom Schweizer Adolf Meyer geprägt, mit daran Schuld sein könnte, dass die Krankheit lange Zeit so wenig Beachtung fand. Styron beklagt auch, dass das Wort "Brainstorm" bereits für schnöde Ideenentwicklung vergriffen ist, denn es passe hervorragend, auf das, was er erlebte, wenn seine Stimmungstiefs außer Kontrolle gerieten. Das Wort Depression scheine in den Menschen ein Schulterzucken hervorzurufen: "Na und, wir haben doch alle mal einen schlechten Tag."

Styron beschreibt seinen ganz persönlichen Kampf gegen die Krankheit, die Auf und Abs, das (Un-)Verständnis der Freunde, die Hoffnung und die Stürze in die Nacht ohne Worte. Das ist die Leistung Styrons, dass er eine Sprache findet für dieses unaussprechlichste aller Grauen.

19. September 2011

Das Gehirn gibt es nicht

Einerseits gilt das Gehirn als komplexester Gegenstand des Universums und wissenschaftlich zu großen Teilen unerklärt. Auf der anderen Seite tendieren wir dazu, alles Verhalten und Erleben über das Gehirn erklären zu wollen. Ganz so, als handele es sich um ein paar Schaltkreise und nichts weiter. Neue bildgebenden Verfahren wie PET und MRI verleiten uns noch zusätzlich zu vereinfachenden Erklärungen. Offenbar können wir die Gedanken aufglimmen sehen. Es scheint so, als sähen wir, wo das Gehirn glücklich ist, wo es meditiert, wo es rechnet oder dichtet. Diese Spannung zwischen Geheimnis und Entdeckung - man könnte es fast Hirnpornographie nennen - sorgt dafür, dass vermeintlich wissenschaftliche Fakten und bunte Bilder überall in den Medien zu sehen sind, nicht zuletzt auch auf Blogs wie Geist und Gegenwart.

Wir sind von Gehirnen besessen (gefunden auf IMP Awards)

18. September 2011

Introvertiert: linksrum oder rechtsrum?

Getrennt und doch zusammen
Wer meinen Blog kennt, wird wissen, dass ich das Thema Introversion liebe und dass es keine ganz simple Materie ist, auch wenn Begriffe wie Introversion und Extraversion leicht dazu genutzt werden, Menschen in simple Schubladen zu stecken (wogegen nur mehr Aufklärung hilft). Um es noch komplizierter zu machen: Auch bei introvertierten gibt es wieder jede Menge Unterschiede, die nicht nur aus dem individuellen Erleben kommen, sondern aus Aspekten der Hirnphysiologie. Marti Laney schreibt in ihrem Buch "The Introvert Advantage: How to Thrive in an Extrovert World", dass es erhebliche Unterschiede zwischen denen gibt, die primär die rechte oder die linke Hirnhälfte nutzen.

16. September 2011

Richtige Besteuerung macht glücklich

Eine Studie von Shigehiro Oishi der University of Virginia, in deren Verlauf knapp 60000 Menschen aus 54 Ländern befragt wurden, fand heraus, dass die Einwohner von Ländern mit hoher Steuerprogression im Schnitt glücklicher sind, als die Einwohner in Ländern mit gleichmäßiger Besteuerung. Gleichmäßige Besteuerung und flache Steuerstrukturen sehen ja immer erst einmal gerecht aus, werden von der Masse der Betroffenen jedoch als ungerecht erlebt. So zum Beispiel in Tschechien, wo jeder - von der Putzfrau bis zum Top-Manager - mit 15% besteuert wird. In den Ländern, in denen der Steuersatz in Abhängigkeit vom zu versteuernden Einkommen oder Vermögen ansteigt, bewerten die Menschen ihr Leben unter Hinsicht auf Nahrung, Bildung, Wohnsituation, Verkehr, gesunde Umwelt und ähnliche Aspekte tendenziell besser.

"Glücksstudien" sind immer mit Vorsicht zu genießen, schon weil nicht immer klar ist, ob Leute ihr Glückserleben meinen oder Glückserinnerungen. Auch ist noch nicht genau klar, wie andere Aspekte, die für Glück und Zufriedenheit verantwortlich sein können, herausgerechnet wurden. Die Studie erscheint erst demnächst im Journal der Association for Psychological Science, wo man dann hoffentlich etwas genauer lesen kann. Ich hoffe aber auch immer, dass man Wissenschaftlern nach so vielen Jahrhunderten der Wissenschaftstheorie trauen kann, dass Methoden und Auswertungen durch hohe Standards gesichert sind. Außerdem passt mir der Befund natürlich in den Kram, weil ich schon immer der Meinung war, dass Steuern ein Werkzeug zur Steuerung einer Gesellschaft sind. Wer viel verdient, hat in der Regel auch vorher gut von den Institutionen, die ein Staat zu bieten hat, profitiert. Seien es Bildungswege oder Autobahnen. Hier noch die Meinung des von mir sehr geschätzten Volker Pispers:

13. September 2011

Introvertiert glücklich (Zeit zu leben)

Bei dem Magazin Zeit zu leben erschien heute mein Beitrag Introvertiert glücklich mit ausführlichen Tipps zu der Frage, wie man als introvertierter das Beste aus seinem Temperament macht. In Kurzform, was dort ausführlich zu lesen ist:

  • Laden Sie Ihre Batterien auf
  • Bereiten Sie sich vor
  • Springen Sie mal über den eigenen Schatten
  • Nutzen Sie Ihre Stärken bewusst
  • Stehen Sie offen offen zu Ihren Besonderheiten
  • Nehmen Sie Herausforderungen bewusst an

Viel Spaß beim Lesen. Und wie immer freue ich mich über Kommentare direkt dort unter dem Artikel oder hier auf dem Blog.

8. September 2011

Drei Prinzipien meines Minimalismus

Ich bin kein Minimalist, aber ich lebe nach meinen drei minimalistischen Prinzipien Bewusstwerdung, Konzentration und Ordnung. Einfach, weil sie funktionieren, weil sie einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen bedeuten und mein Leben vereinfachen. Am Schluss wird noch die Frage stehen, ob ich Preuße oder Buddhist bin...

6. September 2011

Positives Denken und Optimismus helfen nicht immer

Man kann nicht jede Negativität im Leben durch positives Denken, Optimismus und ein Darüber-Hinwegsehen beseitigen. Diese Strategien helfen, wenn es um die kleinen Stressfaktoren im Leben geht, aber auch dann wenn wirklich tragische Ereignisse nicht unserer Kontrolle unterliegen.

Über einen langen Zeitraum sind zum Beispiel die psychischen Folgen, die Mobbing-Opfer erleiden viel schlimmer, wenn sie versuchen, darüber hinwegzusehen, sich einzureden, dass es alles nicht so schlimm sei und schon vorbei gehen werde.* Das ist einfach ein Ausweichen vor der dringenden Problemlösung. Hier muss man knallhart realistisch sein und sich einerseits die Schwere des Problems eingestehen und sich andererseits der Eigenverantwortung bewusst werden, um die Problemlösung anzugehen.

Abhängigkeit von Schwere und Handlungsmöglichkeit

4. September 2011

10 Tipps für mehr Kreativität

Wenn ich an eine Sache wirklich glaube, dann daran, dass Kreativität ein wesentlicher Schlüssel zu einem erfüllten Leben ist. Dabei geht es gar nicht darum, der nächste Pollock, die nächste Ella Fitzgerald oder ein Goethe zu werden. Es geht darum, sich vom bloßen Konsum zu befreien und etwas - was auch immer es sei - zu erschaffen. Das Ausleben unserer Kreativität vermittelt eine enorme Freude, ein großartiges Freiheitsgefühl und oft ein meditationsartiges Flow-Gefühl. Im Grunde ist es gar nicht so schwer, man muss vor allem damit loslegen und einfach etwas tun. Hier sind meine 10 besten Tipps, wie man die Kreativität in sich weckt und wie man sie am Leben erhält.
  1. Etwas erleben und aufzeichnen: Um kreative Prozesse in Gang zu setzen, müssen wir etwas erleben. Nur neue Reize, Eindrücke und Ideen liefern das Rohmaterial zur kreativen Neukombination. Wenn man ein Notizbuch oder ein Diktiergerät und einen Photoaparat oder eine kleine Videokamera dabei hat, kann man Ideen, wenn sie einen plötzlich überfallen auch aufzeichnen.
  2. Hinterfragen, Perspektiven verschieben: Wir dürfen die Welt nicht so hinnehmen, wie sie ist. Wir müssen die Dinge in Zweifel ziehen, an Alternativen glauben und auch das Unmögliche in Betracht ziehen. Andere Perspektiven einnehmen hilft. Sowohl körperlich (mal auf einen Baum steigen) als auch im Geiste (sich in andere hineinversetzen) können wir ziemlich schnell unsere Perspektiven verschieben.
  3. Allein sein: Um uns die Radikalität für neues zu erlauben, kann es helfen, allein zu sein. Dadurch setzen wir unseren Kreativprozess nicht sofort dem Urteil der Gesellschaft aus. Alles ist erst einmal erlaubt. Die Bewertung - wenn sie denn sein muss - kommt später.
  4. Austausch suchen (1 + 1 = 3): Ebenso wichtig wie das Finden der Ideen im Alleinsein, ist der Input der Anderen. Hier findet die gegenseitige Befruchtung der Ideen statt. Fremde Ideen bereichern unsere eigenen und führen im besten Fall zu einer Synthese, wo das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile.
  5. Konflikt und Provokation suchen: Am Ende werden die jenigen als wirklich kreativ wahrgenommen, denen das Urteil der Gesellschaft egal ist oder die gar bewusst den Konflikt und die Provokation suchen.
  6. Fähigkeiten und Expertenwissen: Das Feld, auf dem wir kreativ sein wollen, müssen wir auch beackern. Das gilt sowohl in technischer als auch theoretischer Hinsicht. Erst wenn wir ein tiefes Verständnis von etwas haben oder hervorragende technische/handwerkliche Fähigkeiten, entstehen die Dinge jenseits der Norm. Hier bekommen wir ein Gefühl für die Ideen, deren Weiterverfolgung sich lohnt. Hier wird Kreativität zur Kunst. Auf keinen Fall, aber die Ränder des Feldes vergessen: Oft sind es die Außenseiter, die ganz plötzlich eine geniale Idee hatten, für die die Experten inzwischen  zu betriebsblind waren.
  7. Glück und Enthemmung: Alles was uns glücklich macht, Angst und Beklemmung auflöst und enthemmt, hilft uns, offen für neue Ideen zu sein und außergewöhnliche Assoziationen herzustellen.
  8. Dem Unterbewusstsein vertrauen: Wenn man Ideen aufgesogen, darüber nachgedacht und hin und her gewälzt hat, muss man seinem Gehirn die nötige Pause gönnen, um all das zu verarbeiten und fern vom Urteil des Bewusstseins durcheinander zu würfeln, neu zu kombinieren und mit alten Informationen zu verweben. Meditieren oder darüber schlafen sind zwei der besten Wege, die ich kenne. Aber auch Sport treiben, Spiele spielen, eben sich mit irgend etwas anderem, als der Materie befassen. Wenn uns Namen oder PINs, die wir vergessen hatten, plötlich wieder einfallen, ohne dass wir bewusst dran gedacht haben, das ist deselbe Prinzip.
  9. Sich Zeit nehmen: Um kreativ sein zu können, müssen wir genug Zeit haben. Das Gehirn stimmt sich langsam ein, nimmt sich die Freiheit und arbeitet sich in eine kreative Materie ein.
  10. Die individuellen Vorlieben finden: Wir alle haben je ganz unterschiedliche Einflüsse, die uns stimulieren oder hemmen. Von Schiller sagt man, er habe den Geruch eines faulenden Apfels benötigt, um schreiben zu können. Thomas Mann brauchte seine Routine, seine Ruhe und seine Bibliothek. Wir müssen in uns hineinhören und verschiedenes ausprobieren. Irgendwann finden wir die Umstände, die wir benötigen, um kreativ sein zu können.
Lesen Sie auch den Text Wechselwirkungen von Kreativität und Bewusstsein. Sicher gibt es noch weitere Tipps für mehr Kreativität! Ich freue mich über Ihre Erfahrungen und Ergänzungen unten im Kommentarfeld.

Action for Happiness - Gesellschaft für allgemeines Glück

Letzte Woche wurde ich auf eine britische Initiative aufmerksam, die sich Action for Happiness nennt. Eine Art Gesellschaft für allgemeines Glück. Die Gesellschaft bringt interessante theoretische Ansätze aus der Gehirnforschung zusammen mit ganz konkreten Maßnahmen, z.B. der Organisation von Flash Mobs auf den Straßen Londons, der Gründung lokaler Gruppen oder Lehrveranstaltungen in Schulen und Universitäten. Das Motto ist: Eine Welt, in der Menschen weniger danach suchen, was sie für sich selbst bekommen, als wie sie mit anderen zusammen ein glückliches Leben begründen können (siehe die 10 Tipps dazu weiter unten).

Das Glück zu ca. 40% selbst beeinflussen
Ich bin erst einmal immer skeptisch, wenn es um Gruppenbildung geht, weiß aber auch, dass das Knüpfen gesellschaftlicher Sinnzusammenhänge ein wesentliches Element für ein erfülltes Leben ist und dass eine Gruppe einfach oft mehr erreicht, als ein einzelner. Ich bin aber auch nicht ganz sicher, dass das endlose Gerede von einem glücklichen Leben dem Zweck zuträglich ist. Die Glücksfalle ist ja ein bekanntes Phänomen: Wir bauen im schlimmsten Fall so einen Druck auf, ein "geglücktes Leben" führen zu müssen, dass wir uns damit paralysieren, jeden Moment im Leben analysieren und ungeduldig darauf reagieren, wenn nicht alle um uns herum den Grundsätzen des "Positive Thinking" folgen. Ich bin zweifellos schuldig daran, zumindest in meinem kleinen Haushalt (und hier im Blog?), wo ich meiner Partnerin schon öfter auf die Nerven falle, wenn ich Dinge sage wie: "Du musst das von der positiven Seite sehen!" Totaler Humbug, wenn sich jemand einfach mal ausheulen will oder Dampf ablassen muss.

3. September 2011

Angst oder Tod: Plädoyer einer Getriebenen

eine Antwort auf Das Streben nach Glück (und Tod) von Eva-Maria Oberauer

Selbstakzeptanz. Überall wird heutzutage davon gesprochen. Zumindest von zahllosen Coaches und Selbsthilfebüchern. Wenn es nach ihnen geht, ist Selbstakzeptanz die höchste aller postmodernen menschlichen Qualitäten: Sei furchtlos. Sei nachsichtig mit dir selbst. Sei stolz auf das, was du erreicht hast, selbst wenn es gar nichts ist. Zuviel Getriebenheit treibt uns unweigerlich in den Wahnsinn.

Hör nur zu und lerne, stimmt mein innerer Coach dem eifrig zu.
SCHWACHSINN!! keift dagegen meine innere Schriftstellerin.

1. September 2011

Hilfe, ich kann mir keine Namen merken!

Der Titel dieses Artikels ist überhaupt nicht übertrieben, sondern leider viel zu wahr. Ich bin extrem schlecht, was Namen angeht. Ich kann mir gut Gesichter merken, sogar so gut, dass ich in einer Millionenstadt wie Berlin oft denke, jemanden wieder zu erkennen, den ich sicher noch nie in meinem Leben gesehen habe. Das hilft aber nichts, denn wenn ich ihre Namen nicht kenne, kommt es gar nicht gut, wenn ich so zu einem wildfremden etwas sage wie: "Kennen wir uns nicht irgendwo her?" Dabei sind Namen so wichtig. Menschen mögen es gar nicht, wenn man ihre Namen vergisst oder verwechselt. Jetzt kommt eine persönliche Geschichte dazu, aber die interessiert Sie vielleicht gar nicht? Dann springen Sie einfach gleich nach unten zu den besten Nie-wieder-Namen-vergessen-Tipps! Oder lesen Sie einfach weiter, das dauert drei Minuten und kann auch nichts schaden.