30. Januar 2011

Erste Fragen: Sein, Wissen, Sollen

Calabi-Yau
Hilft nicht viel: Vieldimensionales Calabi Yau (Lunch)
Die Philosophie und ganz besonders ihre jüngere Tochter die Physik suchen Antworten auf die "letzten Fragen". Man möchte die Universaltheorie, die alles erklärt. Das ist natürlich unglaublich spannend und wichtig für die Menschheit, unseren technischen Fortschritt und das Selbstverständnis der Gattung. Für den Einzelnen und sein Leben ist es jedoch unerheblich. Das merkt man bereits daran, dass kaum einer die Entwürfe einer Stringtheorie oder der Relativitätstheorie verstehen kann. Und trotzdem leben wir ohne Beeinträchtigung unsere Leben. "Gut zu wissen!" Aber für mich und mein Leben essentiell? Kaum.

Essentielle Fragen
Anders ist das mit den Fragen, die ich die ersten oder essentielle Fragen nennen möchte. Das sind Fragen, ohne die ein Leben als Individuum in unseren Gesellschaften nicht denkbar wäre...

23. Januar 2011

Melancholie und Depression als Begriffe

Gustave Doré: Dante Alighieri, Inferno
Zur Zeit lese ich William Styrons Buch Darkness Visible, ein autobiographischer bis wissenschaftlicher Aufsatz über Depression. Styrons Sprache ist so literarisch, wie es sich für einen Pulitzer Prize-Träger gehört. Als Poet kommt er nicht umhin, gegen den Begriff Depression zu protestieren:

"Depression, wie die meisten wissen werden, hieß zuerst 'Melancholie', ein Wort, dass im Englischen bereits im Jahr 1303 auftaucht und immer wieder auch bei Chaucer vorkommt, der sich in seinem Gebrauch offenbar den pathologischen Nuancen bewusst war. 'Melancholie' scheint immer noch ein viel zutreffenderes und ausdrucksstarkes Wort für die schwärzeren Formen der Krankheit zu sein, doch wurde es überwältigt von einem Substantiv mit fader Tonalität, ohne jede gebieterische Präsenz, ohne Unterschied gebraucht für eine ökonomische Krise oder geologische Unebenheiten, ein wahrer Kümmerling für eine so bedrohliche Krankheit." (Übersetzt nach William Styron, Darkness Visible, London 2004, S. 36)

Wir haben doch alle mal einen schlechten Tag
Styron meint, dass die Harmlosigkeit des Wortes Depression, an der John Hopkins Medical School vom Schweizer Adolf Meyer geprägt, mit daran Schuld sein könnte, dass die Krankheit lange Zeit so wenig Beachtung fand. Styron beklagt auch, dass das Wort "Brainstorm" bereits für schnöde Ideenentwicklung vergriffen ist, denn es passe hervorragend, auf das, was er erlebte, wenn seine Stimmungstiefs außer Kontrolle gerieten. Das Wort Depression scheine in den Menschen ein Schulterzucken hervorzurufen: "Na und, wir haben doch alle mal einen schlechten Tag."

William Styron
Wie Depression die Melancholie ablöste
Adolf Meyer fand 1905, dass Melancholie zu viele ungleiche Zustände beschreibe. Außerdem impliziere der Begriff die kausale Ursache von "schwarzer Galle" am Zustand der Melancholie. Für Meyer, den psychosoziale Zusammenhänge mehr interessierte, waren solche physischen Ursachen reine Spekulation. Die Psychiatrie folgte Meyer in seinem Vorschlag und der Begriff Depression ersetzte den der Melancholie mehr und mehr. Der unten abgebildete Graph zeigt ganz hervorragend, wie sich die Häufigkeit der Verwendung der zwei Begriffe im Englischen nach 1905 erst überschnitten und dann auseinander entwickelten: Depression (rot) wurde zum Wort des 20sten Jahrhunderts, während Melancholie (blau) beinahe nur noch im kunsthistorischen Sinne verwendet wird. Die große Amplitude, die nach 1920 einsetzt und erst nach 1940 wieder nachlässt, ist übrigens der Zeit der Großen Depression in den USA geschuldet (1929–1941). Womit Styrons Kritik an diesem Wort sehr anschaulich belegt wäre.

Wie der Begriff der Depression den der Melancholie über die Jahrhunderte ablöste

17. Januar 2011

Hochstaplern und über den Schatten springen

Wdzydze strach
Hilft nicht immer: so tun als ob
Man kennt das von Hochstaplern: Vom Erscheinen her, also das, was "Ahnungslose" sehen, ist es erst einmal dasselbe, ob jemand wie ein Arzt aussieht oder tatsächlich ein Arzt ist. Man könnte sogar noch extremer argumentieren: Solange jemand die Erscheinung eines Arztes auch in seinem Verhalten, in seinen Techniken und Funktionen perfekt imitiert, ist es nicht ohne Weiteres auszumachen, ob er ein Arzt ist oder nicht. Das ist genau das Prinzip der Hochstapelei: So tun als ob. Dieses Prinzip ist äußerst erfolgreich, soweit sogar, dass Hochstapler unentdeckt bleiben, operieren und letztendlich erfolgreiche Ärzte werden. In der Natur ist "so tun als ob" ein Überlebensprinzip - denken wir nur an Schwebefliegen, die wie Wespen aussehen.

Ich rufe hier natürlich nicht zur Hochstapelei auf, sondern meine, dass man sich hier etwas abgucken kann. Denn besonders, wenn wir im Leben mit etwas neuem anfangen, gut sein wollen, aber eben noch keine Erfahrung haben, stellt sich die Frage: Wie erlange ich das Vertrauen meiner Mitmenschen, wenn ich doch selber weiß, dass ich die Erwartungen kaum erfüllen kann?

Ideen von Freiheit

Freiheit als Klischee
Jonathan Franzen sagt zu seinem letzten Buch (August 2010): "Es ist möglich, dass du freier bist, wenn du akzeptierst, was du bist und einfach als die Person weitermachst, die du eben bist, anstatt diese ungebundene Idee von 'Ich kann sein, was immer ich will', diese 'falsche Freiheit' aufrecht erhältst."

Abgesehen davon, dass ich Franzen als Autor liebe, steckt in diesem Satz eine ganze Menge therapeutischer Weisheit. Die amerikanisch-westeuropäische Welt, in der wir leben, ist von Freiheit und - ökonomisch gesprochen - Flexibilität besessen. Natürlich ist Freiheit wichtig, aber unserer Pop-Kultur ist es über Musik, Film, Literatur und Werbung gelungen, uns über Klischees eine Perversion einzuimpfen: Die Idee der totalen Freiheit.

Dieses Konzept wirkt auf uns 20- bis 40-Jährige ungeheuer anziehend und es fällt uns zunehmend schwer, Bindungen zu akzeptieren, erwachsen zu werden. Soziale Bindungen und Verantwortung schränken Freiheit per Definition ein. Wenn es uns nicht gelingt, unsere überzogenen Freiheitsideen bewusst zu durchdringen, zu hinterfragen und wo nötig zu korrigieren, laufen wir Gefahr, eine Dimension in unserem Leben zu verlieren, die uns Halt, Bestimmung und Frieden gibt: dauerhafte mitmenschliche Beziehungen.

Sich selbst erkennen, die Person akzeptieren, die man in sich findet, deren Ideale man anstrebt und dem angemessen zu leben, anstatt immer nach der nächsten Möglichkeit des Ausbruchs zu suchen, kann eine Voraussetzung zu einem gesunden Leben sein. "Werde, der du bist!"

15. Januar 2011

Das schlechte reine Gewissen

Eichmanns Gewissen sprach
mit der "respektablenStimme der
respektablen Gesellschaft" (H. Ahrendt)
Das Gewissen ist ein interessantes Phänomen, ein weitmaschiges Gewebe von ethischen Regeln und Vorstellungen, die uns durch unser Leben oder manchmal nur Abschnitte unseres Lebens begleiten. Es ist einerseits sehr privat, denn wir alle haben unser ganz individuelles Gewissen, vor dem wir uns rechtfertigen. Andererseits spiegeln sich in ihm die gesellschaftlichen Wertvorstellungen und ethischen Regeln unserer Umwelt und Erziehung. Die Spiegelung dieser öffentlichen Werte in uns kann mehr oder weniger verzerrt sein. Manches übernehmen wir unhinterfragt, anderes wird gebrochen, umgewertet oder gar ins Gegenteil verkehrt.

Der interne Bestrafer
So privat und individuell das Gewissen sein mag, so sehr ist es ein Werkzeug der Gesellschaft. Die Polizei kann schließlich nicht überall sein und die gesellschaftlichen Regeln durchsetzen. Da ist es ganz praktisch, dass die meisten von uns das moralische Grundgerüst dieser Regeln verinnerlicht haben und ihm gemäß handeln. Dadurch funktioniert unsere Gesellschaft...

9. Januar 2011

Pessimismus und Optimismus als Interpretation

Licht am Ende des Tunnels
Pessimisten sagen gerne von sich, dass sie eigentlich nur Realisten sind. Alleine das ist schon eine hübsche Sprachfigur, denn damit scheint bereits gesagt zu sein, dass der Realität kaum mit Optimismus beizukommen sei. Außerdem scheint bei einer solchen Ansicht von vornherein klar zu sein, dass man mit einem Optimisten eigentlich nicht vernünftig reden kann, denn er hat nun einmal eine realitätsfremde Brille auf. Dass der Begriff Realität selbst schon ungeheuer problematisch ist und mit unseren Wahrnehmungen und den einhergehenden Gefühlen und Stimmungen sehr kompliziert und ziemlich undurchsichtig verknüpft ist, wird dabei vernachlässigt. Es ist aber eine wichtige Tatsache, um das Verhältnis der vermeintlichen Gegensatzpaare Pessimismus und Optimismus zu untersuchen. Offenbar kann die eine Person eine Situation als hoffnungsvoll und viel versprechend erfahren, während eine andere Person dieselbe Situation als hoffnungs- und ausweglos erlebt. Viele Umstände spielen hier eine Rolle, etwa hirnphysiologische oder spezielle Erfahrungswerte und erlernte Reaktionen. Fakt ist, dass einige Menschen ihre Umwelt pessimistischer deuten und andere eben optimistischer. Außerdem haben wir alle sowohl optimistische als auch pessimistische Tendenzen. Was heißt das für unser Leben?

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