23. November 2011

Melancholie im Kino: Cheyenne – This Must Be The Place

Unsere Autorin Claudia Schmoll war im Kino und hat den Film Cheyenne – This Must Be The Place gesehen. Hier ist ihre Rezension:

Man muss ihn einfach gesehen haben, wenn einen die filmische Umsetzung des Themas "Melancholie" interessiert, hier vom italienischen Regisseur Paolo Sorrentino. Sean Penn spielt in herausragender Weise einen melancholischen Ex-Rockstar, der sich trotz Melancholie und depressiven Zügen der Herausforderung "Leben" stellt und daran wächst.

Der Film startet mit der Einstellung auf Cheyennes Gesicht. Ein Mann um die 50 schminkt sich in alter Gothic-Manier, man sieht ihn den schwarzen Kajal auftragen, den roten Lippenstift. (Tipp: Szene merken!) Diese und die folgenden Szenen laden den Betrachter ein, in die Welt des Ex-Stars einzutauchen. Die erste Hälfte des Films begnügt sich mit Szenen, Landschaften, der Darstellung der Welt aus Sicht des Rockstars, so wie er sich an sie gewöhnt hat. Und so wie Cheyenne diese Welt nicht hinterfragt, wird sie dem Zuschauer auch erstmal nicht erklärt. Der Film folgt dem Motto "Man kann das Leben nur vorwärts leben, verstehen kann man es nur rückwärts." Für's erste kann nur aus der Betrachtung von außen daraus geschlossen werden, dass der Ex-Star wohl genug mit seinen Songs verdient hat, seit 30 Jahren mit einer patenten, sympathischen Frau (Frances McDormand) verheiratet ist, mit ihr in einer Designer-Villa in Dublin lebt und scheinbar nur noch seinen Vergnügen nachzugehen braucht, nur hat man das Gefühl, dass er kein Vergnügen dabei empfindet. Der Zuschauer muss sich also einlassen auf die Tatsache, hier ist jemand melancholisch, und man weiß nicht warum, und der Regisseur spart mit Erklärungen. Cheyenne spricht langsam, bewegt sich langsam und man hat das Gefühl, eher einem morbiden Teenager zu begegnen als einem erwachsenen Mann.

"Und wie läuft ihr Leben so?" "Mein Leben läuft", lange Pause, "ganz okay".

Er ist verschroben, aber humorvoll, er ist eigenartig und doch normal und so wie seine Freunde, die man ein bisschen kennen lernt, in seiner eigenen Sicht der Dinge gefangen. Ein Anruf aus Amerika bringt die Welt ins Wanken: Der Vater von Cheyenne liegt im Sterben, jetzt wäre die letzte Chance, ihn nochmal zu sehen. Seit 30 Jahren hat er kein Wort mehr mit seinem Vater gewechselt, aber er macht sich auf die Reise. Hier beginnt der zweite Teil des Films, der uns dann rückwärts verstehen lässt, warum die Dinge sind wie sie sind, nicht nur für Cheyenne, auch für die Menschen, die zu seiner Welt gehör(t)en und für die, denen er auf dieser Reise begegnet.

Cheyenne führt den Betrachter in die Welt der Schwermut. Er drückt sie äußerlich durch sein gruftiges Outfit und seine Schminke aus, seine Sprachgeschwindigkeit ist extrem langsam, seine Kontaktfreude hält sich deutlich in Grenzen. Dadurch lässt er uns erstmal in der Unsicherheit: Geht es ihm wirklich nicht gut? Sind es Nachwirkungen früherer Drogenexzesse oder ist er einfach schlichtweg depressiv? Warum zeigt sich der Musiker und Ex-Star so introvertiert? Was ist der Reiz der äußeren Fassade des hell geschminkten Gesichts mit den dunkel umrahmten Augen und was steckt hinter? Wir haben die Möglichkeit, mit der Hauptfigur auf die Reise zu gehen, die Hintergründe für seine Schwermut verstehen zu lernen. Es ist kein leichter Film, der einfach pathologisch die Szenen als psychologische Erklärung aneinanderreiht. Es ist auch keine „Heldenreise“ im Jung'schen Sinn.

"Bist du vielleicht auf der Suche nach dir selbst?" "Ich bin in Utah und nicht Indien."

Was mich fasziniert, ist, dass man sich einlassen muss, dass man "dabei" ist und quasi aus der "Metaebene" zuschauen kann, wie jeder Mensch die Ereignisse in Bezug auf die eigene Person interpretiert, "selbstreferenziell", wie man in der Systemtheorie sagen würde, und immer Gefangener des eigenen Denkens bleibt – nicht nur Cheyenne in seiner melancholischen Art, auch die Personen, denen er auf seiner Reise begegnet. Der Film ist nicht schwermütig, im Gegenteil, er spielt mit dem Humor des Alltags und zeigt auf sanfte, aber auch launige Weise, wie ein Mensch mit seiner ihm eigenen Grundstimmung umgeht.
Wer sich auf die allgemeine Filmbeschreibung verlässt, dass es um einen alternden Rockstar geht, "der sich auf die Suche nach dem Peiniger seines verstorbenen Vaters, eines ehemaligen Nazis, macht", der wird enttäuscht sein. Denn das ist mit Sicherheit die Nebenhandlung. Die Haupthandlung dreht sich um Begegnungen von Menschen, das Zusammenprallen von Einstellungen, Verhaltensmustern bis hin zu theoretischen Erklärungsversuchen "warum die Nazis die Juden umbringen wollte". Ganz einfach: "Sie wollten ihr Geld" - was wiederum gut zum Thema der menschlichen Neigung, an Verschwörungstheorien zu glauben, passt. Es geht um's Erwachsenwerden, um den Platz im Leben, um Selbstliebe und den Wunsch, ein geliebtes Kind der Welt zu sein.

Wenn man skurrile Szenen und verschroben wirkenden Typen mag, sowie die Nähe zum Thema Melancholie verträgt, sollte man diesen Film sehen – mich hat er schwer beeindruckt. Ich glaube auch nicht, dass der Film explizit "Melancholie" an sich darstellen will, sie ist einfach durch die Hauptperson vorhanden, und wirkt trotzdem nicht wie ein Trauerkloß auf den Zuschauer.

Kommentare:

  1. Eine wirklich gelungene Rezension des Cheyenne! Ich stimme in fast jeder Phase der Kritik zu. Die Metaebene begreife ich jedoch als den Seinzustand, diesen würde ich nicht so außerordentlich darstellen. Für mich ist das ein konkretes Normatives, zu jeder Zeit Beobachtbares - die Einlassung auf diese Beobachtung ist nur oft durch zeitliche Attacken von aussen beschränkt. Auch Cheyenne bertreibt durch Kommunikation getrieben, uns vorkommend in einem Selbstkreislauf, eine Bearbeitung seiner Vergangenheit. Tatsächliche Veränderung ergibt sich logischer Weise - wirkend im Namen des eigenen Vaters, was wiederum in ihm etwas auslöst, was für immer gerbrochen schien. Es ist ein ganz normaler Film, mit ganz normalen, eigenartigen Personen -nur ist uns das in unserem Bild an Anpassung geeicht so ein gelungener Film, dass wir ihn als ausserordentlich betrachten.
    Wir sollten uns im Sinne der "Systhemtheorie" (ich halte davon nicht "alles") auf unsere Kommunikation, äußerlich wahrnehmbar und kommunikativ absteckbar verlassen - mit einem MÜ der gesellschaftlichen Tragfähigkeit und Relevanz.
    Für das kommerzielle Kino, ein in meinen Augen wirklich guckbarer!

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  2. Danke, das freut mich sehr. :) Nur halte ich die Metaebene nicht für den "normalen" Seinszustand, auch nicht im Kino, und an der Reaktion des Publikums habe ich im Gespräch danach bemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, den Film zu fassen. Und dass obwohl ich eben auch finde, dass das für das kommerzielle Kino ein Film ist, den man gut sehen kann, weil er eben nicht nur tragisch ist, sondern mit verschiedenen Ebenen der Tiefe spielt - wirklich genial vom Regisseur inszeniert und ebenso genial von Sean Penn in der Hauptrolle umgesetzt.

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