25. April 2011

Veränderung (Umzug von Irland nach Deutschland)

Vor der Abfahrt zur Fähre von Irland nach Frankreich
Seit mehr als drei Wochen bin ich mit grossen Veränderungen in meinem Leben beschäftigt. Ich lasse einen Arbeitgeber hinter mir und fange bei einem neuen an, ich lasse ein komplettes Land hinter mir und komme zurück in mein Heimatland.

Es überwiegen die euphorischen Gefühle; ich habe schon immer die Veränderungen in meinem Leben geliebt. Manch einer liebt die Stabilität und scheut Veränderung. Solchen Menschen fällt es leichter, sich festzulegen, langfristige Verantwortung zu übernehmen. Flexibilität fällt ihnen aber nicht immer leicht. Ich habe kein Problem, Orte, Gewohnheiten und oft auch Menschen hinter mir zu lassen. Um so vorsichtiger muss ich dann sein, Kontakte zu halten und eine gewisse Stabilität in mein Leben einzubauen. Zu oft schon bin ich einfach auf nimmer Wiedersehen davongerannt.

Diesmal habe ich mir vorgenommen, richtig Abschied zu nehmen und nicht einfach nur zu verschwinden. Zum Abschiednehmen gehört, dass man Menschen dankt, vielleicht sogar ein Andenken schenkt und vor allem die Wege aufzeigt, über die man weiter in Verbindung bleiben kann. Das ist in Zeiten des Internets zum Glück einfacher den je. Gerührt war ich vom Abschied meiner Kollegen, die mir ein tolles Erinnerungsbuch angefertigt haben.

Für die nächchsten Wochen werden mich noch all die Notwendigkeiten der Übersiedlung beschäftigt halten. Ich hoffe, dass ich mich dann bald wieder den Dingen zuwenden kann, die mir Freude machen: lesen, schreiben, kommunizieren.

2. April 2011

Eros und Kosmos - vom Reichtum in der Anschauung

Flammarions Holzstich, Paris 1888: Die Mechanik des Kosmos
Heute hörte ich einen Podcast Sternstunde Pilosophie vom Schweizer Fernsehen. Zu Gast war Peter Sloterdijk und es ging um Stolz und Behauptung in der Gesellschaft. Ich möchte jetzt nur einen Gedanken behandeln, der mich in dem insgesamt ungeheuer interessanten Gespräch interessiert hat. Sloterdijk sprach über die zwei Pole Eros und Kosmos. Eros versteht er dabei nicht im populären Sinne auf Liebe und Sex beschränkt, sondern als das Verlangen, immer mehr haben zu wollen. Dieses Verlangen kommt aus einem gefühlten Defizit und auch einem defizitären Selbstverständnis, das sich natürlich auch ganz besonders in der Liebe zeigt.

Wer sieht, ist reich
Im Sinne der griechischen Lebenskunst richtig verstanden, heiße Mensch sein reich sein, reich als Teil des Ganzen, das der Kosmos ist. "Die Tatsache des In-der-Welt-Seins bedeutet von vornherein ein Mitbesitz am Reichtum des Seins", formuliert Sloterdijk. Der eine sei ontologisch arm, weil er immer nur haben will, der andere sei ontologisch reich, weil er in seinem Selbstverständnis durch die Tatsache seiner Zugehörigkeit zum Kosmos Mitbesitzer von allem sei. Dieses Mitbesitzen von allem läge vor allem im Modus der Anschauung vor. Wir könnten also sagen, es sei ein virtuelles Mitbesitzen, denn das stoffliche Besitzen, von dem wir meistens reden, wäre ja eines, das mit der Möglichkeit des Verfügens und Veräußerns einher ginge. Und Veräußern kann man - ohne einen faustischen Pakt mit dem Teufel zu schließen - seinen Mitbesitz am Kosmos nun einmal nicht. Der virtuelle Mitbesitz ist aber keineswegs weniger real, als der stoffliche Mitbesitz. Interessanterweise missverstehen wir nur im Deutschen "virtuell" als "unreal". Im Englischen z.B. heißt "virtual" vielmehr "tatsächlich".

Die Schönheit des Ganzen
Was heißt nun dieser virtuelle Mitbesitz praktisch für uns? Ich denke, man kann es ganz gut anlehnen an das bekannte "Vom haben zum sein". In der Verbindung mit der griechischen Tradition der Anschauung und des Sehens, mahnt es uns aber auch zum Innehalten und zum Bewusstsein dessen, was um uns ist. Das hat auch ästhetische Komponenten, die wir zum Beispiel dann spüren, wenn wir einen Spaziergang in der Natur machen. Damit können wir uns dem Geschenk des Geborenseins - wenn wir nicht den eher pessimistischen Ideen der Existenzialisten nahestehen - im Angesicht der wertvollen Schönheit des Ganzen gewiss werden. Kosmos steht im Griechischen für das Universum, aber auch für den Juwel.

Interessanterweise trifft das ja auch Methoden von Meditation bis Coaching: Das Gewahrwerden, dessen was ist, ohne Urteil. Das kann uns erden und zu uns kommen lassen. Das Mehren unseres Besitzes hingegen ist dafür schlecht geeignet.