29. Dezember 2012

Wie gute Vorsätze denoch gelingen

Gute Vorsätze - sind das nicht die hohlen Sprüche, die wir uns ziemlich beschwipst am 31.12. gegenseitig schwören oder spätestens morgens über die Kloschüssel gebeugt am 1. Januar uns selbst? Nie wieder Alkohol und Zigaretten, dafür aber mehr Sport! Und man weiß eine Sekunde später, dass daraus nix wird. Dabei ist es gar keine dumme Idee, mal inne zu halten, Bilanz zu ziehen und zu überlegen, was man im nächsten Jahr anders machen könnte. Aus der Psychologie wissen wir, dass uns solche Vorsätze motivieren, die konkret und gut begründet sind und das wir eher die Ziele umsetzen, denen wir uns auch verpflichtet fühlen. Daraus leiten sich ein paar Tipps ab, wie man gute Vorsätze in realistische Ziele verwandeln und die Chancen der Umsetzung drastisch erhöhen kann.

C5: Was sind wirklich gute Vorsätze? (Bild: Pinterest John F. Ptak)

19. Dezember 2012

Wie bleiben wir menschlich in den Zeiten der Superhelden?

Was ist der Preis der Spezialisierung? Elisabeth Göhring vom Unternehmens-Kulturmagazin schreibt von der Notwendigkeit des lebenslangen Übens, vom Erhalt menschlicher Soft Skills und vom Mut zum Dilettantismus. Aber lesen Sie selbst...

Olympiasiegerin Charlotte Cooper, 1900
Meine Dienstag Abende verbringe ich damit, einen gefiederten Ball über ein Netz zu schlagen, und das möglichst so, dass mein Gegenüber ihn nicht zurückschlagen kann. Das macht einen Heidenspaß, ist sehr anstrengend, und ab und zu verletzt man sich. Ich bemühe mich stets darum, besser zu werden. Leider bemühen sich die Anderen auch, und deshalb bleibt der Erfolg selten und außerordentlich köstlich.

Hier wirkt ein antikes Ideal, das in der Neuzeit wieder aufgegriffen wurde: In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist.

Im Mittelalter entwickelte sich die Turnier-Kultur anders. Die Männer kämpften um Sieg und Ehre und die Frauen, zumindest einige, betreiben das Kinder-Kriegen wie einen Extremsport - schließlich ging es auch hierbei darum, etwas zu werden: nämlich geachtete Ahnfrau. Sowohl bei den turnierreitenden Kämpfern als auch bei den todesmutigen Frauen galt es, seinen Platz im Leben zu behaupten: Stärke und Gottes Gunst zu beweisen.

Globalisierung des Entwicklungsgedanken
Mit dem Beginn der Neuzeit ändert sich das Ideal: Der Entwicklungsgedanke, dass jeder etwas Neues hinzuzufügen hat, damit die Menschheit weiterkomme, entsteht und wirkt bis heute. Man bildet sich als menschliches Wesen weiter. Es geht darum, immer etwas besser zu werden. Das gilt für die ganze Gesellschaft und für die Individuen.

16. Dezember 2012

Strategien narrativer Psychologie als Lebenshilfe

Wie das Erzählen der eigenen Geschichte zum positiven Erleben hilft

"Wenn du etwas nicht magst, dann ändere es.
Wenn du etwas nicht ändern kannst,
dann verändere deine Einstellung."
Maya Angelou
Unsere im sogenannten Big Five Modell beschriebenen, sehr grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale (Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus) bestimmen zu einem erheblichen Teil unser alltägliches Erleben der Welt und unser Handeln darin. Während das bei einigen Merkmalen - z.B. Extraversion oder Offenheit - vor allem eine Frage unseres Umgangs mit der Außenwelt ist, birgt das Merkmal des Neurotizismus bei hoher Ausprägung ein erhebliches Leidenspotenzial. Denn ständige Besorgnis und eine vorwiegend negative Einschätzung der Umwelt und des eigenen Lebens haben verständlicher Weise erhebliche und langfristige Auswirkungen auf die Gefühlswelt der betroffenen Person und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Das heißt also auch, dass kein Persönlichkeitsmerkmal so korrekturbedürftig wäre, wie eine hohe Ausprägung des Neurotizismus. Gleichzeitig ist kein Persönlichkeitsmerkmal so selbstbestätigend und damit schwer zu korrigieren wie die hohe Ausprägung des Neurotizismus. Dennoch: Wo manifestieren sich Persönlichkeitsmerkmale und welche Möglichkeiten haben wir, den schweren Nachteilen einer hohen Ausprägung des Neurotizismus zu begegnen?

Married couple
Wir alle haben Deutungshoheit über unsere Geschichten

11. Dezember 2012

Stadtkarawane - mit dem Rollstuhl durch Leipzig

Sind Sie schon mal im Rollstuhl durch die Stadt gefahren? Tobias Große gibt uns einen Einblick in eine außergewöhnliche Erfahrung, die uns viel über uns selbst lehrt. Tobias ist Mitinitiator der Stadt Karawane, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ungewöhnliche Begegnungen mit Menschen zu ermöglichen, die im Alltag sonst nicht stattfinden würden. Aber lesen Sie selbst...

Im Rollstuhl: Cordula, Tobias und Maria - alle noch im Gleichgewicht

Morgens beim Frühstück hätte ich mir das nicht träumen lassen, aber jetzt saß ich in einem Rollstuhl und fuhr durch die Flure des Hauses der Demokratie. Ein Glück ist es keine körperliche Notwendigkeit für mich, sondern eine Freizeitbeschäftigung die der ehrenamtliche Verein Stadt Karawane e.V. ermöglicht. Cordula, die erste der drei GastgeberInnen die wir an diesem Tag besuchten, ist seit Kindesbeinen an ihren Rollstuhl gebunden und engagiert sich in unterschiedlichsten Zusammenhängen für mehr Verständnis und Toleranz gegenüber Behinderten. Wir bekamen an diesem Tag die Chance die Perspektive zu wechseln und selbst alltägliche Situationen im Rollstuhl zu erleben.

10. Dezember 2012

Wozu ist Neurotizismus gut?

Wie sieht eine Welt aus, in der wir alle nur positiv zu denken?

Im Artikel zum Thema mit Neurotizismus leben und lieben stellten wir fest, dass "Neurotizismus wirklich eine sehr große Herausforderung für den Alltag ist", weil neurotische Menschen sehr empfindlich auf die kleinen und großen Störungen im Leben (inklusive ihrer Lebenspartner und Kollegen) reagieren und damit oft Kreisläufe in Gang setzen, die tatsächlich zu weitaus mehr negativen Erlebnissen führen, als im Durchschnitt zu erwarten wäre (siehe "selbsterfüllende Prophezeiungen"). Das ist statistisch und praktisch so dramatisch, dass hoher Neurotizismus, so verlässlich wie kein anderes Persönlichkeitsmerkmal, das Scheitern von Beziehungen voraussagt.

Zu irgend etwas muss Neurotizismus doch auch gut sein. In der Natur zum Beispiel:  Neurotische Fische, die sich schnell ängstigen, ständig nach dem räuberischen Hecht ausschau halten und nur vorsichtig die Gegend nach Nahrung erkunden, haben eine bessere Überlebenschance als ihre sorglosen und risikofreudigen Artgenossen. Jedenfalls dann, wenn wirklich ein Hecht in der Gegend ist. In einem Teich, in dem es keinen großen Feinde gibt, da haben die Neurotiker unter den Fischen eine geringere Chance zu überleben. Denn ehe sie sich trauen, nach Nahrung zu suchen, haben ihre sorglosen Kameraden schon alles aufgefressen und zwar ohne dabei in Lebensgefahr zu schwimmen. 

6. Dezember 2012

Reiss Profile: Ein Motiv kommt selten allein

Leben und schreiben mit dem Reiss Profile

Eva-Maria Oberauer, freie Onlinetexterin, Schriftstellerin, ausgebildeter Coach und Reiss Profile Master, untersucht für uns, was sowohl fürs Leben als auch für die Literatur am Reiss Profile dran ist. Als Ellen Dunne hat sie den Roman Wie Du mir veröffentlicht und sich dort mit Werteterror und zugespitzten Motivationen ausgetobt.

Hach, waren das noch Zeiten. Im Streit über die unterschiedlichen Definitionen von Ordnung dem Partner ein pauschales "So bin ich eben" entgegenrotzen. Im Job mit einem Schultertätscheln oder einer Gehaltserhöhung "motiviert werden". James Bonds stoische Unverwundbarkeit in allen Lebenslagen bewundern. Vorbei!

Jetzt stehen wir einander an den Spitzenpositionen der Maslow'schen Bedürfnispyramide auf den Füßen, der Partner will nicht mehr so recht in die alten Rollenschablonen passen, und James Bond schießt wegen posttraumatischem Stress-Syndrom daneben. Ja, die Welt ist eindeutig komplexer geworden. Wir haben begonnen, dem vermeintlich Klaren, Vordergründigen zu misstrauen und suchen gleichzeitig nach einer Landkarte, wollen Beweggründe, Motivation verstehen – in der Realität genauso wie in der Fiktion.

Anton Chigurh in No Country for Old Men
Realität und Fiktion: Was treibt Charaktere an? Z.B. 007 oder Anton Chigurh in No Country for Old Men

1. Dezember 2012

Typisch: Warum wir immer anders und doch dieselben sind

In welchen Zusammenhängen stehen unser Erleben und unsere Persönlichkeit?

Wenn ich mit Klienten oder Kollegen über Persönlichkeitspsychologie rede und wir an einem Punkt sind, wo sie mit Testergebnissen konfrontiert werden, die etwa eine deutliche Introversion nahelegen, dann kommt es fast immer zu Gegenreaktionen. Die häufigste ist: Ich bin doch nicht immer dieselbe Person. Das hängt doch von der Situation ab. Klar bin ich oft still, aber manchmal rede ich auch ganz viel oder ich mag allein sein, aber neulich war ich auf einer Party, habe bis zum Ende durchgetanzt, getrunken und Leute kennengelernt. Ich bin also beides: introvertiert und extrovertiert. Natürlich! Niemand ist eindimensional. Aber die Situation kann nicht das Persönlichkeitsmerkmal bestimmen, sondern die Persönlichkeit sucht sich die Situation, wie wir gleich zeigen werden.

unit four PHOTOGRAPHY - PRACTICE SHOOT.
Sind und bleiben wir immer dieselben Personen? Foto: Paige Nolan via Flickr

26. November 2012

Wie können wir mit Neurotizismus leben und lieben?

Kein Wesenszug sagt so zuverlässig ein Scheitern von zwischenmenschlichen Beziehungen voraus, wie ein hoher Wert an Neurotizismus.

Was ist Neurotizismus?
"Neurotizismus ist das Ausmaß der emotionalen Labilität (Störbarkeit, Ängstlichkeit) bzw. Stabilität als Persönlichkeitsdimension; wird durch Persönlichkeitstests ermittelt und soll Aussagen über eine Disposition für neurotische Störungen ermöglichen (H. J. Eysenck)" Lexikon-Institut Bertelsmann, 1995, S. 328.

Michelangelos David: Nervös, besorgt, ängstlich

Wir haben hier schon öfter vom Big Five, dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit gesprochen, aus dem sich fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit ableiten. Dieses lexikalische Modell der Persönlichkeitspsychologie wurde über Langzeitsudien und in verschiedensten Kulturkreisen immer wieder bestätigt.

Eine der Dimensionen wird Neurotizismus genannt und gibt darüber Auskunft, wie emotional stabil eine Person ist. Wer in einem Persönlichkeitstest einen niedrigen Wert beim Neurotizismus hat, wird in der Regel ausgeglichen, entspannt und sorgenfrei sein, seltener negative Gefühle erleben und insgesamt emotional stabil sein. Wer hingegen einen hohen Neurotizismuswert hat, der wird eher emotional labil sein, zu Nervosität neigen, öfter über körperliche Schmerzen klagen, sich oft mit Ärger und Ängsten herumplagen, schnell und intensiv auf Stress reagieren und von seinem hohen Stresslevel nur langsam wieder herunter kommen. Neurotische Menschen fühlen sich schnell unsicher und verlegen und neigen eher zu negativen Stimmungslagen.

20. November 2012

Sterben und Tod II

Was passiert mit Körper und Geist, wenn wir sterben?


Sterben ist ganz einfach: Du atmest aus und kannst nicht mehr einatmen – das war's. Sogyal Rinpoche

FUNERAL PER L'ASSASSINAT DE G. FREICHE
Was gibt's da noch zu sehen? (Manel Armengol via Flickr CC)

Was passiert eigentlich, wenn wir sterben? Wann ist unser Körper wirklich tot und was passiert mit unserem Bewusstsein, wenn wir sterben? Der Eintritt des Todes wird von uns in der Regel als ein Zeitpunkt vorgestellt. Vor diesem Zeitpunkt ist man am Leben, danach ist man tot. So einfach ist es nicht. Es ist ein Übergang, ein Prozess. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, stellt das Hirn innerhalb von 10 Sekunden mangels Sauerstoff seine Aktivität ein. Mit einer Lampe kann man in den Pupillen prüfen, ob es dort noch Reflexe auf den Lichteinfall gibt. Wenn nicht, dann arbeitet der Hirnstamm, der für die Vitalfunktionen des Körpers sorgt, nicht mehr. Damit sind wir klinisch tot, obwohl es noch eine Menge Leben in uns gibt. Unsere Zellen leben weiter, jedoch geraten ihre Stoffwechselprozesse so außer Kontrolle, dass innerhalb weniger Minuten Zellschäden auftreten. Trotzdem können klinisch Tote heute - selbst nach vielen Minuten noch - wiederbelebt werden. Nach einer Stunde sind die zellulären Schäden aber so groß, dass der Körper und damit das Hirn ihre Vitalfunktionen auch nach einer Wiederbelebung nicht mehr selbständig aufrecht erhalten können. Doch auch damit ist das Sterben noch nicht vorbei, wie wir gleich sehen werden.

17. November 2012

Sterben und Tod I

Das Leben vom Ende her gedacht


Es ist nicht das Schlimmste für einen Menschen, festzustellen, dass er gelebt hat und jetzt sterben muss; das Schlimmste ist, festzustellen, dass man nicht gelebt hat und jetzt sterben muss.
Cicely Saunders

Bist du bereit, hinabzusteigen? (Bild von TheCreatureWalks)

Im Leben denken wir kaum an den Tod, schon gar nicht an den eigenen. Wir verdrängen gern den Fakt, dass auch wir sterben müssen. Dabei kann es jedem von uns enorm viel bringen, dass wir bewusst mit dem eigenen Tod umgehen. Zum einen eröffnet sich dadurch schon im Leben eine neue Dimension, nämlich eine hohe Wertschätzung unserer Lebenszeit durch die Erkenntnis, dass diese endlich ist - wiederbelebte Patienten berichten immer wieder von dieser neuen Wertschätzung nach ihrer Nahtoderfahrung. Zum anderen können wir durch entsprechende Vorbereitung am Ende gelassener sterben, wie es Saskia John im Interview Nach der Dunkelheit: Ich lebe heute mehr! ausdrückt. Das Sterben kann seinen Schrecken verlieren, wenn wir uns darauf vorbereiten und wissen oder gar beeinflussen können, was uns erwartet.

10. November 2012

Es könnte Schlimmeres geben...

Es ist eine Schande, dass wir nach dem ersten abgefahrenen Drittel unseres Lebens den absurd uncoolen Entwurf hinnehmbar finden, eine Familie zu gründen, ein Haus in einem Vorort zu beziehen und immer fleißig zur Arbeit zu fahren. Ist das nicht ein Betrug an uns selbst, an unseren Idealen wie Freiheit, Kreativität und Originalität? Ist es nicht wirklich eine Zumutung, unser Leben mit Arbeit zu verbringen, nur um den Kopf über Wasser zu halten? Ich glaube, Ehe und Kinder sind unglaublich narzisstische Projekte für Leute, denen die Ideen ausgegangen sind.

Was ist von unserer Jugend eigentlich übrig geblieben?
(Foto von Dark Silence In Suburbia)

Als ich fünfzehn war, fragte mich eine mindestens drei Jahre ältere und viel zu geil aussehende Jacqueline in der Hohenschönhausener Jugend-Diskothek: »Soll ick dir een blasen?« Das Poetische dieses Moments traf mich wie der Blitz. Ich hatte einen spontanen Samenerguss und mir war klar, ich würde Rockstar werden oder Schriftsteller. Auf dem Weg nach Hause wurde ich dann von zwei Neonazis verkloppt.

Die ganze Geschichte auf Kolumnen.de lesen >>

6. November 2012

Unternehmerisches Management unserer psychischen Energien?

Wir wissen, dass das Personalmanagement (HR) nicht nur eine Funktion in den Firmen und Organisationen hat, sondern selbst eine Branche ist, die (manchmal möchte man meinen: um jeden Preis) rentabel gehalten werden muss. Klar - es gibt HR-Software, Assessment-Tools, Bewerber-Management-Systeme, Personalvermittlungen und -berater und es gibt die tausenden Firmen, die Seminare, Schulungen und Coachings anbieten. Damit all diese Unternehmen auch rentabel bleiben, gibt es Kongresse, Messen, Zeitschriften und vor allem die halbjährliche Sau, die durchs Personaler-Dorf getrieben wird. Wir denken an solche Begriffe wie "Burnout", "Talentmanagement" oder die Dauersau "Fachkräftemangel", an die wir uns gewöhnt haben und die heute niemanden mehr schreckt. Verstehen wir uns richtig: Diese Themen sind wichtig und benötigen kontinuierliche Arbeit vor Ort, aber keine Medien-Konvulsionen. Es stellt sich der Verdacht ein, dass nicht gewollt ist, solche Probleme zu lösen, bevor nicht neue Geschwüre entdeckt wurden, die man teuer behandeln muss.

special marys
Selbstmanagement unendlicher psychischer Energien (Bild von special marys)

Ein neues großes Thema ist das "Gesundheitsmanagement". Keine Fachzeitschrift, kein Kongress, kein Seminar, wo dieses Thema nicht diskutiert wird. Langfristig ergeben sich daraus tolle Schulungen und Zertifikate, die man den Unternehmen verkaufen kann. Im von mir sehr geschätzten Magazin Human Resources Management kann man dazu ein Interview mit Professor Bernhard Badura lesen, dass mit dem kruden Titel Unsere psychischen Energien sind endlich überschrieben wurde. Ein Glück kommt dieser Satz im Interview selbst nicht vor. Er stimmt auch gar nicht. Unsere psychischen Energien sind nicht endlich, wenn man mal vom Tod des Gehirnträgers absieht, der hier aber nicht gemeint war. Die Metapher von der endlichen Energie legt nahe, dass wir da eine Art Kohlekraftwerk im Kopf haben, dem der Rohstoff ausgeht. Das ist natürlich totaler Quatsch. Wir Menschen als Produzenten der "psychische Energien" sind das Musterbeispiel von erneuerbaren Energien, wenn wir mit uns selbst nachhaltig umgehen. Und dieser Umgang will gelernt werden, z.B. indem wir gesund essen, uns genug bewegen und uns nicht überarbeiten. Dafür sollen nun also verstärkt die Unternehmen sorgen.

3. November 2012

Warum irren wir uns systematisch?

Die häufigsten kognitiven Verzerrungen

Faustregel, Milchmädchenrechnung, über den Daumen gepeilt. Hand aufs Herz: Wir alle irren uns wohl mal hier und da. Oder auch ständig, überall und systematisch. Gut, wenn wir uns unsere Irrtümer eingestehen, das macht uns zu erwachsenen Menschen. Aber was, wenn wir nicht mitkriegen, dass wir uns irren. Und was, wenn auch andere es nicht mitkriegen, weil wir uns kollektiv irren? Zum Beispiel neigen wir alle dazu, negative Nachrichten stärker zu bewerten, als positive (negativity bias). Das hat evolutionär auch seinen Sinn: Wenn in einem Urmenschen-Habitat ein Säbelzahntiger gerade sein Unwesen trieb, war diese Information im Zweifel wichtiger, als die gleichermaßen wahre Information, dass man im selben Gebiet gerade süße Früchte pflücken konnte. Heute, da wir hier solcher elementaren Sorgen enthoben sind, führt diese Tendenz jedoch vor allem noch dazu, dass alle von schlechten Nachrichten besessen sind: Only bad news are good news.


The Duchess and Friends
Typischer Fall von Kontrollillusion (Bild von Quabit)

Solche kognitiven Verzerrungen liegen vielen unserer Entscheidungen und Überzeugungen zugrunde. Sie sind mentale Short Cuts, die unserem Gehirn eine gewisse Effizienz ermöglichen. Man könnte sie auch in die anthropologische Kategorie der Entlastung einordnen. Wir sind evolutionär darauf getrimmt, schnell Entscheidungen zu treffen, das sorgsame, aber energie- und zeitaufwendige Abwägen der Wahrnehmungen und Informationen wurde zugunsten der Schnelligkeit und Sparsamkeit geopfert. Auf einige bekannte kognitive Verzerrungen möchte ich hier etwas genauer eingehen.

27. Oktober 2012

Nach der Dunkelheit: Ich lebe heute mehr!

Ein Gespräch über bewusstes Leben, gelassenes Sterben und das innere Kind


Saskia John im Licht
Saskia John ist Autorin und Heilpraktikerin in ihrer eigenen Naturheilpraxis in Luckenwalde. Sie hat das Buch In den Tiefen meiner Seele: Erfahrungen in völliger Dunkelheit geschrieben, aus dem wir den achten Tag als Auszug auf Geist und Gegenwart veröffentlicht haben. Heute spricht Saskia John mit mir über ihre Erfahrungen und Erkenntnisse während und nach ihren Dunkeltherapien.

Frau John, wie wir lesen konnten, haben Sie recht extreme Erfahrungen hinter sich, nämlich bis zu 24 einsame Tage in einem kleinen, stockfinsteren Raum. In Ihrem Buch darüber wird deutlich, dass diese Erfahrungen an sehr tiefe Schichten, körperliche und emotionale Schichten des Seins rührten. Bevor wir dazu kommen, aber die Frage, die mich am meisten umtreibt: Was hat sich jetzt nach einiger zeitlicher Distanz auf der Ebene der Erkenntnis für sie aus diesen Erfahrungen ergeben?

Ich habe in der Dunkelheit sehr tiefe Seins-Schichten kosten dürfen, wodurch mir sehr viel klarer wurde, wer ich bin und wer ich nicht bin. Rückblickend kann ich sagen, dass in der Dunkeltherapie hart verkrustete Schalen aufgebrochen sind und etwas Neues, das Alte zugleich beinhaltend, zum Vorschein kam. Damit einher ging und geht nach wie vor – auf der Ebene des Raum-Zeit-Gefüges – ein tiefgründigeres Verstehen und ein fundamentaler Wandlungs-, Erkenntnis- und Wachstumsprozess. Ich lebe heute mehr und überlebe weniger, was ein grundlegend anderes Lebensgefühl in allen Bereichen ist.

23. Oktober 2012

Erfahrungen in völliger Dunkelheit

Ein Bewusstseinsexperiment von Saskia John, Tag 8

Letztens war ich mal wieder in der Radiologie. Ich musste fast eine Stunde in einer MRT-Röhre liegen. Still liegen, nichts lesen, nichts sehen und immer diese rhythmischen Klopfgeräusche des sich aufladenden Magneten ertragen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, für einige wird es an Folter grenzen. Es hat jedoch auch seine interessanten Seiten: Man ist so ziemlich allen normalen Sinnesreizen beraubt, eine Situation die für unser Hirn ganz ungewöhnlich ist. In dieser Reizarmut fängt das Hirn an, zu spinnen. Ich sah plötzlich sich ändernde Muster, geometrische Formen und bunte Farben. Die Klopfgeräusche formten eine schräge Musik und ich geriet in eine Art Trance, in der sich Traum und Wirklichkeit mischten. Am nächsten Tag las ich auf myMONK von Saskia Johns Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Bis zu 24 Tage hintereinander verbrachte sie fastend in einem kleinen stockfinsteren Raum und erhielt nur einmal täglich kurzen Besuch. Wenn ich nach 45 Minuten in der Röhre schon anfange zu halluzinieren, was passiert dann erst, wenn man ganze Tage oder Wochen in einem dunklen Raum allein verbringt? Saskia John hat darüber ein Buch geschrieben: In den Tiefen meiner Seele: Erfahrungen in völliger Dunkelheit. Ich freue mich, zusammen mit der Autorin hier einen Auszug veröffentlichen zu können und in einem weiteren Artikel ein paar Gedanken mit ihr zu diskutieren.

22. Oktober 2012

Die schizoide Persönlichkeitsstörung

Der folgende Artikel ist als ein Einstieg in das Thema für Interessierte und Betroffene gedacht. Er ist keine strikt wissenschaftlich-psychologische Betrachtung und dient weder Diagnose- noch Therapiezwecken. Tipps zu weiterführender Literatur zum Thema gibt es in meiner Bibliothek unter Bücher speziell für Schizoide empfohlen

Sichere Distanz und emotionale Kälte (Dark Silence in Suburbia)

Der Artikel Schizoid - die Angst vor dem Ich-Verlust  ist der bei weitem meist gelesene und kommentierte Artikel auf Geist und Gegenwart. Das zeigt, dass es trotz der Seltenheit der schizoiden Persönlichkeitsstörung (weniger als ein Prozent Betroffener in der Bevölkerung) einen enormen Bedarf an Aufklärung gibt. Und es freut mich einerseits, dass Leser diesen Artikel hilfreich finden (siehe all die Kommentare dort), andererseits möchte ich nicht, dass sie ihn als Grundlage zur "Eigendiagnostik" nehmen, nur weil sie sich in ihm wiedererkennen. Denn dieser Artikel ist ein eher persönlicher Bericht meiner Lektüre von Fritz Riemanns Grundformen der Angst (wo gründlich auf die schizoide Disposition eingegangen wird) und wie mich die daraus erworbenen Erkenntnisse über mich selbst als leicht schizoide und introvertierte Persönlichkeit durch Höhen und Tiefen meines Lebens begleitet haben. In dem Artikel ging es auch weniger um Persönlichkeitsstörungen, als um die Disposition des Schizoiden. Zwischen der Disposition, also einer Art Veranlagung, und einer Störung liegen enorme graduelle Unterschiede. Deswegen möchte ich heute genauer untersuchen, wo eine schizoide Persönlichkeitsstörung anfängt und wie man mit ihr lebt.

21. Oktober 2012

Warum ist die Liebe so schwer?

Lovesick
Neulich – nachdem die Tür ins Schloss gekracht war – saß ich alleine auf der Couch und machte mir Gedanken. Ich dachte, dass es merkwürdig ist, wie äußerst demokratisch die Kübel voll Liebeskummer über die Leute ausgegossen werden. Politiker, Arbeitslose, Kosmonauten und Filmstars, ja sogar so ich! Warum? Ich hab doch nun wirklich niemanden etwas getan. Wir angeblich Liebenden streiten uns in unseren Beziehungen auf Teufel komm raus. Obwohl wir uns sonst für sehr angenehme Zeitgenossen derer halten, die wir nicht lieben, Arbeitskollegen zum Beispiel. Die Liebe geht oft flöten, Lebensbunde brechen auseinander. Zum Beispiel hatte ich mal eine Freundin, die mich nach unserem ersten Sex fragte, wie lange ich eigentlich diese Klobürste schon hätte? Eine gute Frage. Hatte ich noch nie drüber nachgedacht. "Die müsste mal ausgetauscht werden!", sagte sie, noch ganz rot im Gesicht. Am Ende blieb die Bürste noch weitaus länger bei mir, als diese Freundin. Schade eigentlich, wenn man so drüber nachdenkt. Menschen verlassen und werden verlassen. An materiellen Gütern hingegen halten sie oft länger fest. Folgende Zusammenhänge des andauernden Scheiterns habe ich auf der Couch aufgedeckt.

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18. Oktober 2012

Spiritualität und das Vertrauen in die Wissenschaft

Buch zum Thema
Bereits im im Jahr 2005 schrieb Tenzin Gyatso der vierzehnte Dalai Lama einen Artikel Our Faith in Science, deutsch etwa: Unser Vertrauen in die Wissenschaft. Der Text scheint sich vor allem als ein Appell an die Vertreter der Naturwissenschaften zu richten, ihr Tun und Lassen mit ethischen Prinzipien zu unterfüttern. Am Anfang geht es jedoch kurz (zu kurz) um das Verständnis des Dalai Lamas vom Buddhismus in Abhängigkeit von diesen Wissenschaften. Der Satz darin, der mich aufhorchen ließ, lautet: "Wenn die Wissenschaften irgend welche Überzeugungen des Buddhismus wiederlegen sollten, dann muss sich der Buddhismus ändern." Solch einen Satz stelle man sich einmal vom Papst vor!1 Mich hat das auch unter den Gesichtspunkten der Reinkarnation und Karma interessiert, die heute noch wortwörtlich so verstanden werden, als würde dort jemand immer wieder geboren, bis er endlich ins Nirwana entlassen würde. Das geht für mich nicht mit dem Selbstanspruch des Dalai Lamas einher, dass sich der Buddhismus den Erkenntnissen der Wissenschaft unterzuordnen habe. In der Diskussion zu meinem Artikel Warum wir vom Buddhismus fasziniert sind und was da nicht passt ist mir aufgefallen, dass vielen, die gerne über Buddhismus reden, dieser Artikel und die Implikationen, die er haben kann, nicht bekannt waren. Liegt es daran, dass er nur auf Englisch vorlag? Ich konnte keine deutsche Übersetzung finden. Also fragte ich den Dalai Lama, ob ich seinen Artikel übersetzen und bloggen darf. Er hat mir nicht geantwortet. Was würde Buddha tun? Ihn trotzdem bloggen. Hier und jetzt also der Artikel auf deutsch (Anwälte des Dalai Lamas oder der New Your Times bitte ich, mich zuerst zu informieren, falls ich irgendwelche Rechte verletzen sollte):

14. Oktober 2012

Erster Klasse zur Endstation Abgestempelt

Katrin Hentschel geht heute der Frage nach, warum wir uns eigentlich so bereitwillig abstempeln und in Schubladen stecken lassen. Aber lesen Sie selbst...

Guten Tag meine Damen und Herren, in Kürze erreichen wir den Bahnhof "Abgestempelt", bitte steigen Sie in Fahrtrichtung rechts aus. Der Zug hat hier seine letzte Station. So, nun sitze ich mal wieder hier, im Abteil: Zu sensibel. Inzwischen kenne ich mich hier schon ganz gut aus. An den Sitzen klebt der Selbstzweifel, der manchmal ganz schön hartnäckig an mir kratzt. Die Decke hängt voller Gedanken, die wohl noch keinen passenden Platz gefunden haben und der Boden liegt wie immer voller Fettnäpfchen. Eigentlich würde ich gerne sitzen bleiben und mich ein bisschen selbst bemitleiden, aber wie ich aus Erfahrung weiß, hat das keinen Sinn. Also streife ich mit einem tiefen Atemzug meine Angst ab und packe meinen Rucksack voller Mut auf den Rücken.

Viele von uns kennen sicher das Gefühl, nicht erwünscht zu sein, oder das Gefühl anders zu sein. Wenn ich das Leben als eine Stadt betrachte, in welche nur Menschen passen, die der Norm entsprechen, dann finde ich den Zug mit seinen vielen Abteilungen ein passendes Beispiel dafür, wie wir uns selbst abstempeln.

Drang zur Selektion: Die Fahrkarte zur Station Abgestempelt ist selbst gekauft (una.knipsolina)

10. Oktober 2012

Warum wir vom Buddhismus fasziniert sind

Und was da nicht passt

Buddha schaut auf den Fuji-san
Heute schreibe ich mal über etwas, mit dem ich mich gar nicht auskenne: Der Buddhismus. Wie so viele Menschen fasziniert mich der Buddhismus. Aber warum? Ich habe beobachtet, dass es bei uns Europäern mindestens zwei verschiedene Arten der Faszination am Buddhismus gibt.

Buddhismus light
Da ist zum einen die etwas romantische Faszination an der Askese, dem vermeintlich Sanften, der Leere und der Abwendung von der Moderne. Wir denken gern, dass es sich bei Buddhisten um gereinigte Menschen handelt, die durch und durch gut sind und ein höheres Licht erblickt haben. Man findet dann bei Facebook oder Google Plus so Sätze wie: "Das Ziel ist die Leere!" oder "Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken." So etwas lässt sich ohne selbst viel zu denken schnell irgendwo posten und es findet immer zahllose Leute, die "Gefällt mir" klicken oder selbst noch einen Nicht-Gedanken hinzufügen. Dabei will ich es gar nicht diskreditieren - solche Sätze sind bedenkenswert und es gibt gute Blogger und Twitterer da draußen, die sich mit der Materie auskennen. Was ich nur bedaure, ist, wenn solche scheinbar leicht verdaulichen Häppchen nicht hinterfragt und durchdacht werden. Ich vermute dahinter einen Grund für die oberflächlich-romantische Faszination: So ein Satz wie "Das Ziel ist die Leere!" scheint uns dem hektischen und vollgestopften Alltag etwas entgegen zu setzen, ein kleiner paradiesischer Fluchtpunkt absoluter Leere und vollkommenen Stillstands. Da muss man auch nicht mehr denken. Das Leben ist schon anstrengend genug. Die Folge aber ist: Wir nicken einmal, klicken "Gefällt mir" und machen hektisch weiter wie bisher.

7. Oktober 2012

Happy End und Fortpflanzung

Sie kennen das Märchen: Ein rechter Nichtsnutz wuchs den lieben Eltern über den Kopf und zu Hause ward es eng. Ein Hof, der vererbt werden könnte, war nicht übrig und so zog der Nichtsnutz von dannen, in ein entferntes Land, wo man noch an Feen und Elfen glaubte. Hier wuchs ihm ein Bart, er lernte ein solides Handwerk und verliebte sich ein wunderschönes Mädchen. Nach sieben Jahren kam er als gemachter Mann zu seinen Geburtsort zurück, wo die lieben Eltern mittlerweile gebückt am Stock gingen. Mit seiner wunderschönen Frau zog er in ein ebenso schönes Haus mit 4 Zimmern. Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende. Der Horror liegt freilich in diesem nur angedeuteten, angeblich glücklichen Rest des Lebens...

Snapshot of family life...
im Happy End des bürgerlichen Lebens (Bid von SnapperDave)

Was soll das bedeuten? Es kann nur eines heißen: Der Spaß ist vorbei. Angekommen im Happy End des bürgerlichen Lebens und noch fern jeder Erlösung. Lesen Sie den ganzen Artikel auf Kolumnen.de >>

5. Oktober 2012

Was Sie heute sein lassen können...

...um morgen glücklicher zu sein

Was macht uns glücklich? Liebe, gutes Essen, Freunde, Familie, eine sinnvolle Aufgabe, der Garten, ein neues Auto, Sport, Natur? Jeder wird so seine Antworten haben. Aber was, wenn sich trotz aller erfüllten Umstände weder Glück noch Zufriedenheit einstellen wollen?

Es ist lange kein Geheimnis mehr, dass Zufriedenheit vor allem eine Sache der inneren Einstellung ist. Die Art und Weise, wie wir auf die Welt schauen, hat einen erheblichen Einfluss darauf, wie glücklich wir in ihr sind. Natürlich kann man auch immer mal wieder unzufrieden oder gar unglücklich sein, denn sonst fehlt der Kontrast. Aber es ist irgendwie tragisch, wenn wir dauerhaft Trübsal blasen, uns nichts richtig Spaß macht und uns daher auch nichts gelingt. Immer wieder bemerke ich an mir und anderen Verhaltensweisen, die uns unglücklich machen. Vielleicht könnten wir die einfach mal ändern und so zu unserem eigenen Glück beitragen? Auf Inc.* habe ich dazu einen schönen Artikel gelesen, der mich inspiriert hat. Einige der Tipps dort fand ich sehr hilfreich. Einige ganz wichtige haben mir gefehlt. Die finden Sie jetzt hier. Lesen Sie mal, ob sie sich in einigen der folgenden Verhaltensweisen wieder erkennen:

3. Oktober 2012

Kritik der vernetzten Vernunft

Philosophie (nicht nur) für Netzbewohner

Philosophie für
Netzbewohner
Großartig, dachte ich: Ein philosophisches Buch über das Netz und was es mit uns Menschen macht und was wir mit ihm machen können: Kritik der vernetzten Vernunft: Philosophie für Netzbewohner von Jörg Friedrich. Ein Buch für mich, für den Netzbewohner. Solche Themen machen mich neugierig.

Erst einmal musste ich mich jedoch in Geduld üben, denn die ersten knapp 60 Seiten lesen sich wie ein Lehrbuch zur Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, immer entlang gehangelt an Kant, manchmal im Stile der Meditationen von Descartes (19 f., 34 f.), aber immerhin klar und interessant geschrieben und anhand alltäglicher Beispiele und Metaphern erklärt. Es wird deutlich, das Jörg Friedrich eine verlässliche Basis für sein Thema Vernetzte Vernunft mithilfe von exakten Definitionen legen möchte. Über das Wissen schreibt er beispielsweise:
"Wissen gibt es gar nicht, es gibt nur Überzeugungen. Die Idee des Wissens ist nur eine Konstruktion, die im Grunde nicht gebraucht wird. In der Philosophie gibt es eine alte Definition von »Wissen«, es sei »wahre gerechtfertigte Überzeugung«." (7)

2. Oktober 2012

Die Wahrheit der Philosophen

Und warum Philosophie nie endet

Was ist Wahrheit, was ist richtig und was ist falsch? Solche Fragen stellen wir uns im Alltag kaum. Komisch, denn unsere Überzeugungen und unser Handeln gründen sich auf solche Konzepte wie Wahrheit. Der Autor und Philosoph Jörg Friedrich geht diesen Fragen auf den Grund. Zuletzt hat er das Buch Kritik der vernetzten Vernunft geschrieben, das ich gerade mit viel Gewinn lese. Bevor ich meine Besprechung des Buches liefern werde, möchten wir hier einen Auszug aus dem Buch präsentieren, in dem es genau um alltägliche und doch so entrückte Fragen nach Wahrheit, Wissenschaft, Kunst und Philosophie geht. Jörg Friedrich studierte zunächst Meteorologie und Physik und schrieb seine Diplomarbeit über die Simulation von Strukturbildung und Chaos in der Atmosphäre. Seit dem Abschluss des Studiums der Philosophie beschäftigt er sich in Artikeln und Vorträgen vor allem mit Fragen der praktischen Philosophie. Seit 1994 ist Friedrich außerdem Geschäftsführer der Firma INDAL in Münster, einer Softwarefirma, die individuelle IT-Projekte durchführt. 

26. September 2012

Du hast da was Schwarzes...

Hassen Sie das auch, wenn Sie jemand nach dem Essen darauf hinweist, dass sich Spinat in Ihren Zahnlücken festgefressen hat? Oder geht das nur mir so? Haben Sie keine oder genügend weite Zahnlücken, sodass sich da nichts festsetzen kann? Oder ist es Ihnen egal, wie Ihre Körperöffnungen auf andere wirken? Das sollte es aber nicht, denn es kann einen ganz erheblichen Einfluss auf Ihren Fortpflanzungserfolg haben.

Liebling, ich glaub du hast da was zwischen den Zähnen... (Bild von ownjunkyard)

Ich wünschte mir nur, wir wären mit allem so unbestechlich. Schwarz zwischen den Zähnen ist ja noch relativ harmlos. Was ist mit all dem Schwarz in unseren Seelen? Lesen Sie den ganzen Artikel auf Kolumnen.de >>

23. September 2012

Die Langeweile, die Zeit und das Geheimnis des Seins

Das letzte Mal, als ich mich richtig gelangweilt hatte, war als mein Zug im Niemandsland zwischen Köln und Leipzig für mehrere Stunden auf einem Gleis stand. Alle meine Zeitschriften hatte ich durchgelesen und auch meine Musik fing an, mich anzuöden. Mir war so langweilig, dass mich schon der Gedanke daran, irgend etwas zu tun, zu lesen oder zu hören anwiderte. Endlich hatte ich mal Zeit, nichts zu tun. Aber diese Zeit war mir aufgezwungen und ich wusste sie nicht richtig zu nutzen. Somit verschwand die Zeit und alles was übrig blieb, war eine Ewigkeit, die nicht vergehen wollte.

Winston Churchills letzte Worte vor seinem Tod: "Alles langweilt mich." (Bild von Galit Rodan)

11. September 2012

Morgen geht die Welt unter

Die Bedeutung der Apokalyptiker

Pessimist aus Saint-Rémy-de-Provence 
Ich sitze unter der warmen Provenzalischen Septembersonne und denke über den Weltuntergang nach. 1503 wurde keine fünf Kilometer von hier Nostradamus geboren. Angeblich soll auch er für 2012 die Apokalypse vorausgesagt haben. Wie kann man an solch einem herrlichen Ort so pessimistische Visionen haben? OK - zu seiner Zeit grassierte gerade die Pest, aber die Sonne schien doch trotzdem jeden Tag. Es ist interessant, dass wir so von Weltuntergängen fasziniert sind. Mindestens jedes zweite Jahr soll ja angeblich irgendwie die Welt untergehen. 1999 war es schon einmal Nostradamus, dann die Zeugen Jehovas und das Jahr-2000-Problem (Y2K), jetzt ist es schon wieder Nostradamus oder eben der Kalender der Maya, der uns das Ende voraussagt.*

Ich lege mich jetzt mal fest und sage: Der Weltuntergang kommt nicht. Das zu sagen ist übrigens völlig risikolos für mich. Denn entweder werde ich Recht behalten oder - wenn der Untergang doch kommt - werde ich mich nicht mehr rechtfertigen müssen. Umgekehrt ist es anders. All die Propheten gehen das große Risiko ein, dass sie zugeben müssen, sich geirrt zu haben, wenn der Untergang ausbleibt. Komisch, dass sie es aber nie tun, sondern eine Erklärung finden, warum der Untergang noch einmal aufgeschoben wurde.

Hunnen: Apokalyptische Reiter als Ursache der großen Völkerwanderung

26. August 2012

Wie tickt mein Chef? Typologie der Bosse

Eines der größten Missverständnisse im Umgang untereinander ist die Annahme, dass wir eigentlich alle gleich sind. Wir alle gehen im Alltag mehr oder weniger davon aus, dass das, was ich sehe, auch mein Nachbar sieht, dass das, was ich höre, nur einen Schluss zulässt, dass das, was ich denke, auch mein Partner denken muss. Bist du blind? Bist du taub? Bist du blöd? Das sind die reflexartigen Reaktionen, wenn sich jemand anders verhält, als wir es erwarten. Dieses simple Missverständnis ist daran Schuld, dass wir uns zu Hause streiten, auf der Arbeit aneinander vorbei reden oder denken, unser Chef oder unsere Chefin lebe in seiner/ihrer eigenen realitätsfernen Welt.

Wie ist Ihr Chef drauf? Illustration: Martin Rathscheck

Und meistens tun sie das auch tatsächlich: in ihren eigenen Welten leben. So wie jeder von uns. Nur wird es sich besonders bemerkbar machen, wenn jemand, dem der Auftrag gegeben wurde, eine Gruppe von Leuten zu einem Ziel zu führen, einen engen Horizont hat und nicht versteht, dass seine Interpretation der Welt nur eine von vielen möglichen ist. Chefs kriegen auch weniger Kritik, ihr Verhalten wird umfassender toleriert, was dazu führen kann, dass sie ihre Defizite aus den Augen verlieren und sich nicht mehr weiter entwickeln oder im schlimmsten Fall immer extremer werden. Zum erfolgreichen Führungsverhalten (hier z.B. die 25 Erfolgsfaktoren von Jack Welch) gibt es zahllose Tipps und Ratschläge. Einer der wichtigsten fehlt dabei häufig: Lern dich selbst sehr gut kennen, um andere gut zu führen!

23. August 2012

Zum Triumph der Unauffälligen

Im Spiegel Artikel Triumph der Unauffälligen liest man von all den Introvertierten, die es zu etwas gebracht haben: Albert Einstein, Abraham Lincoln, Bill Gates, Steve Wozniak oder Steven Spielberg. Nur ein Extrovertierter - ein ziemlich unangenehmer dazu - wird genannt: Steve Jobs. Man könnte meinen, introvertiert zu sein, ist eine Voraussetzung für Erfolg und Gutartigkeit. All die Extrovertierten seien nur laute penetrante Selbstdarsteller. Das ist natürlich Quatsch, aber offenbar ist es schwer, in einem Magazinartikel ein differenziertes Bild der persönlichkeitspsychologischen Dimensionen von introvertiert bis extrovertiert zu zeichnen. Solche Kategorien verleiten immer noch zu dualistischen Darstellungen und vernachlässigen die Grauzonen, in denen sich die meisten von uns bewegen.

Neidisch? Wahrscheinlich introvertiert! (gefunden auf Frontier Justice)

22. August 2012

Introversion - die neue mediale Faszination

SPIEGEL, 34/2012
Geist und Gegenwart widmet sich schon lange dem Thema Introversion. Wir stellen Bücher vor, erklären psychologische Hintergründe und helfen Introvertierten mit praktischen Tipps dabei, sich besser in einer extrovertierten Welt zu bewegen. Nun hat - nachdem das Thema durch die US-Amerikanische Öffentlichkeit getrieben wurde und sich auch hierzulande Susan Cains Still: Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt wie geschnitten Brot verkauft, der Spiegel die Introvertierten entdeckt. Das Titelthema der aktuellen Ausgabe ist: "Triumph der Unauffälligen. Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden." Faszinierend, wie sehr dieses Thema zur Zeit auch in die deutsche Öffentlichkeit drängt. Mich freut das, wenn es Introvertierten, die sich vielleicht selbst noch nicht im Klaren darüber waren, dass sie ganz normale und doch besondere Menschen sind, dabei hilft, sich besser kennen und lieben zu lernen.

21. August 2012

Müssen oder Dürfen? Was wir von Kindern lernen können

Katrin Hentschel ist Erzieherin und beobachtet im Alltag gern die Parallelen zwischen Kindern und Erwachsenen. So auch im folgenden Artikel, in dem sie nicht nur der Frage nachgeht, ob unsere als selbstverständlich begriffenen Ansprüche auch unseren Kindern genügen, sondern auch, was wir im Gegenzug von unseren Kindern lernen können, um besser zu uns selbst zu finden. Aber lesen Sie selbst...

Morgens aufstehen, ein Lächeln auf dem Gesicht haben, sich nochmal kurz umdrehen und dem Vogelgezwitscher lauschen. Das ist für mich die Freude des Lebens: Den Moment genießen. Leider schaffe ich das nicht immer, aber umso mehr freue ich mich über die Augenblicke, in welchen es mir gelingt.

Was braucht das Kind? (Foto von Achim Lippoth gefunden bei NOTSOYELLOW)

17. August 2012

Wie es zur Liebe kommt und was dann daraus wird

Kennen Sie das auch: Je öfter wir einer Person wieder begegnen, desto mehr mögen wir diese Person. Wir finden sie sogar attraktiver und das beruht auf Gegenseitigkeit. Nicht immer funkt es gleich, manchmal schwelt es länger und dann brennt es um so doller. Das funktioniert allerdings nur, wenn die erste Begegnung nicht gleich negativ war, denn sonst wird nur die Abneigung stärker. Man nennt das den Mere-Exposure-Effekt, auf Deutsch also etwa: Effekt durch bloßen Kontakt. Geprägt wurde diese Idee 1968 von Robert Zajonc, der den Effekt evolutionspsychologisch* als Konditionierung über Sicherheitsreize erklärt.

Wir lernen lieben, wen wir kennen (Bild bei sloth unleashed gefunden)

12. August 2012

Freiheit, Individualismus und Selbstausbeutung

Die Gesellschaft nach Byung-Chul Han

In der Sommerausgabe des Philosophie Magazins findet sich ein Interview mit Byung-Chul Han, dem koreanischen Philosophen, der an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrt und den ziemlich populären Essay Müdigkeitsgesellschaft geschrieben hat, in dem die "heutige Leistungsgesellschaft" als "eine Gesellschaft freiwilliger Selbstausbeutung" behandelt wird. Anders als sein Chef Peter Sloterdijk, ist Han jedoch ein Romantiker, der dem individualisierten Übermenschen, den Sloterdijk fordert, nichts abgewinnen kann. Das Interview ist recht deprimierend, denn man muss auf fünf Seiten unablässig Behauptungen wie die folgenden lesen:

Unberechenbar und gar nicht müde: Street Art in Leipzig. Wir leben doch noch, hassen und lieben!

"Es gibt keine Liebe mehr, weil wir uns frei wähnen, weil wir zwischen zu vielen Optionen wählen." Und: "Es ist kein langfristiges Projekt mehr möglich... Daher wird es keine Politik mehr geben." Oder: "Menschliche Handlungen, die emphatisch zukünftig sind, wie Verantwortung oder Versprechen, verkümmern heute." Aber auch: "Heute ist die Philosophie [...] ein Teil der Hölle des Gleichen geworden." Und erst recht: "Die akademische Philosophie in Deutschland ist leider total erstarrt und leblos. Sie lässt sich nicht auf die Gegenwart, auf gesellschaftliche Probleme der Gegenwart ein."

8. August 2012

Der Übermensch in uns und das richtige Leben

Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen:
den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Moment Ihres Lebens unendliche Male erneut durchleben, wieder und wieder bis ans Ende der Zeit. Wer kann das ertragen? Nur der, der das Leben in all seinen Facetten bejaht und keine Reue kennt. Wenn Sie mich fragen, ist das ein bisschen viel verlangt. Wir alle erleben Momente, die wir nicht noch einmal erleben möchten: schmerzhafte Besuche beim Zahnarzt, der Tod einer geliebten Person oder eine öffentliche Blamage. Es wäre nicht menschlich, solche Momente im Leben nicht zu bedauern. Wäre es übermenschlich? Wir wollen es untersuchen und erkunden, wie man solch einem Ideal wenigstens in Ansätzen näher kommen könnte.

4. August 2012

Lügen - Warum denn nicht?

Ein Autor, den ich wegen seiner Kreativität und Klarheit sehr schätze, Jonah Lehrer, hat sich dermaßen in Lügen über die Quellen seiner Arbeit (zuletzt: Imagine) verstrickt, dass das Buch aus dem Handel genommen wurde und er von seinem Posten bei der Zeitung The New Yorker gefeuert wurde. Jonah Lehrer ist noch jung, wird geläutert wiederkehren und an seine frühen Erfolge anknüpfen.

Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr Lügen unser Leben verkomplizieren können. Anstatt bei unsauberer Quellenlage zuzugeben, dass er unter dem großen Termindruck schlampig gearbeitet hat, erfand er Geschichten zu seinen Quellen, die leicht als Lügen enttarnt werden konnten. Ganz ähnlich die Plagiatsaffäre des Karl-Theodor zu Guttenbergs. Oder denken Sie an die tragische Gestalt des Christian Wulff: Es wäre nicht schön gewesen, wenn er gleich gesagt hätte, dass er Vorteile genossen hat, die er nicht hätte in Anspruch nehmen dürfen. Aber es hätte ihm sicherlich die Ehre gerettet. Statt dessen hat er sich öffentlich im Fernsehen und der Presse in Widersprüche verwickelt und gilt nun als hässliches Gesicht der deutschen Politik. Diese Beispiele machen mich neugierig, wie man aus ethischen Gesichtspunkten mit Lüge und Wahrheit umgehen soll. Ist es tatsächlich so, dass man Lügen auf jeden Fall vermeiden muss oder sind Lügen unter gewissen Voraussetzungen legitim? In wie weit schade ich mir selbst, wenn ich lüge? Ich habe dazu ein kleines Buch von Sam Harris gelesen: Lying. Harris geht hier kurz darauf ein, was Lügen sind und welche Art von Lügen wir uns erlauben. Der Hauptteil des Buches ist aber eine Rechtfertigung der strikt ethischen Position, dass Lügen unter allen zumutbaren Umständen vermieden werden müssen.

Was ist eine Lüge?

Die Lüge ist philosophisch betrachtet gar nicht so trivial. Mit Unwahrheit oder Fehlinformation ist es nicht getan. Harris schlägt folgende Definition vor: Lügen heißt, jemanden vorsätzlich zu täuschen, der eine ehrliche Kommunikation erwartet. Das lehnt sich eng an übliche Definitionen an, wie man sie auch in Enzyklopädien lesen kann. Dieser Begriff von Lüge vermeidet, dass man jemanden einen Lügner nennt, der sich einfach nur geirrt hat und deswegen die Unwahrheit sagt (kein Vorsatz) und auch Pokerspieler oder Magiker sind keine Lügner, wenn im Kontext der Kommunikation klar ist, dass die Mitspieler oder das Publikum gar nichts anderes erwarten, als getäuscht zu werden. Dieser Begriff der Lüge hat jedoch mindestens einen Nachteil: die Kontextabhängigkeit lässt Hintertürchen offen: Was, wenn ein kleiner Junge vom Magiker erwartet, dass er ihn nicht täuscht, während die Mutter des Jungen weiß, dass es nur eine Vorstellung ist? Dann haben wir nach dieser Definition die paradoxe Situation, dass der Magier zugleich ein Lügner und kein Lügner ist. Ebenso wird der Begriff problematisch, wenn wir ganz zynisch sagen: In unserer Gesellschaft erwartet sowieso niemand mehr vom anderen, dass er ehrlich ist. Ist dann alles Lügen legitim?

Polygraph
Eine Lüge macht uns mindestens geringfügig nervös (gefunden bei Oddeveld)

24. Juli 2012

Warum regst du dich so auf? Über unsere emotionale Persönlichkeit

Richard J. Davidson
Wer wundert sich nicht darüber, dass manche unserer Mitmenschen (oder gar wir selbst) beim kleinsten Rückschlag im Leben zusammenbrechen, während andere (oder gar wir selbst) größte Schicksalsschläge wegstecken und dabei noch anderen beistehen können? Auch im Alltag kann sich das äußern, zum Beispiel wenn sich jemand vom nicht abreißenden Strom der kleinen Probleme und Unannehmlichkeiten konstant überfordert fühlt, während ein anderer mit Leichtigkeit durchs Leben wandert und kaum Anstoß an solchen Umständen nimmt. Zum Verständnis kann es helfen, diese Phänomene unter dem Gesichtspunkt emotionaler Persönlichkeiten oder Stile zu betrachten. Jeder von uns hat hier seinen ganz eigenen Stil. Aber was sind die Eckpfeiler unseres ganz individuellen emotionalen Stils? Und natürlich wollen wir auch wissen, ob wir diese emotionalen Persönlichkeiten in uns nicht zum Besseren ändern können, sodass wir durchs Leben gehen können, ohne ständig mit den Nerven am Ende zu sein. Richard J. DavidsonProfessor der Psychologie und Psychiatrie an der University of Wisconsin-Madison, hat dazu jahrzehntelang geforscht und ein großartiges Buch geschrieben: Warum wir fühlen, wie wir fühlen: Wie die Gehirnstruktur unsere Emotionen bestimmt - und wie wir darauf Einfluss nehmen können (Deutsch bisher nur als Kindle-Version, ansonsten auf Englisch).

Lernen, Gefühle zu verstehen... ganz erwachsen werden wir nie. (Bild von Missing Kitty)

18. Juli 2012

Das Drei-Einige Gehirn und die Evolution der Persönlichkeit

Ich bin ja immer sehr an Typologien der Persönlichkeit interessiert und neulich fiel mir ein Buch mit dem vielversprechenden und umfassenden Titel Evolution der Persönlichkeit: Die Grundlagen der Biostruktur-Analyse in die Hände, das eine sehr einfache triadische Typologie skizziert. Geschrieben von Juergen Schoemen.

L'inactuel
Das Drei-Einige Gehirn
Die Biostruktur-Analyse geht von nur drei Grund-Komponenten der Persönlichkeit aus und ist damit Rekordhalter der Reduktion. Auch die Dreieinigkeit Gottes und alle anderen magischen Spielchen rund um die Zahl drei werden gleich mit erklärt und zwar durch die triadische Struktur unseres Gehirns: das Stammhirn, das Zwischenhirn und das Großhirn. Da unser Gehirn aus diesen drei Hauptstrukturen aufgebaut sei, verstünde es alle Dreier-Konzepte besonders gut. Die Reihenfolge der Ausbildung dieser Struktur entspräche der evolutionären Entwicklung der Wirbeltiere vom Reptil (Stammhirn) über die frühen Säugetiere (Stammhirn + Zwischenhirn) bis zu den Primaten (Stammhirn + Zwischenhirn + Großhirn). Zurück geht diese Idee auf den US-amerikanischen Hirnforscher Paul D. MacLean und seine Arbeiten in den 60er Jahren. Inzwischen sind einige der evolutionären Aspekte überholt, zum Beispiel weiß man, dass alle modernen Wirbeltiere inklusive der Reptilien das Stammhirn von noch älteren gemeinsamen Vorfahren "geerbt" haben. Außerdem zeigen "Stammhirn-Tiere" (insbesondere Vögel) außerordentlich kognitive Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was McLean dem Stammhirn zuschreibt. Welche Funktionen schreibt die Biostruktur-Analyse den drei unterschiedlichen Hirnen nun zu?

6. Juli 2012

Wie unser Gehirn die Welt erschafft

Mysterien der Wahrnehmung

von Chris Frith
Wer glaubt, dass wir durch eine Welt laufen, die ganz genauso beschaffen ist, wie sie uns erscheint und dass es vor allem ganz einfach und selbstverständlich ist, diese Welt wahrzunehmen, der täuscht sich. So wie wir alle uns ununterbrochen in der Wahrnehmung unserer Umwelt täuschen. Das jedenfalls beschreibt Chris Frith in Wie unser Gehirn die Welt erschafft. Was man dem Buch wirklich zugute halten muss: Es ist sehr unterhaltsam geschrieben und lässt sich auch ohne viel Vorverständnis von Laien lesen. All die bekannten Wahrnehmungstricks vom Necker-Würfel über die Domino-Illusion bis hin zur Fremdkörpererfahrung meiner eigenen Hand sind hier erklärt. Das liest sich sehr gut, macht Spaß und man lernt tatsächlich etwas über die Mysterien der Wahrnehmung und der daraus resultierenden Konstruktion unserer Realität. Enttäuscht dürfte der Leser sein, der sich mehr Tiefe gewünscht hätte oder gar neue Erkenntnisse hinsichtlich der hirnphysiologischen und molekularen Grundlage unserer Wahrnehmung.

30. Juni 2012

Leise Menschen

Ein Interview mit Sylvia Löhken zum Thema Introversion

 
Mehr zum Buch...
Heute habe ich die Gelegenheit, Dr. Sylvia Löhken zum Thema Introversion zu befragen. In ihrem neuen Buch "Leise Menschen – starke Wirkung" gibt sie zahlreiche Hinweise und Tipps für die Menschen, denen unsere auf Extroversion ausgerichtete Welt zu schaffen macht. Dr. Löhken ist Sprachwissenschaftlerin, zertifizierter Coach und nach eigener Aussage ausgeprägt introvertiert. Nach über einem Jahrzehnt in Intro-Biotopen wie Forschung und Wissenschaftsadministration hilft sie heute leisen Menschen bei der Verwirklichung ihrer beruflichen und privaten Ziele. Ihr neues Buch zeugt davon, denn es ist vor allem ein Ratgeber, der Introvertierten helfen soll, sich selbst besser zu verstehen und dadurch besser in einer extrovertiert geprägten Gesellschaft zurechtzukommen.

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