10. Februar 2012

Die Vermögenssteuer ins Jenseits

Unser Autor Erich Feldmeier macht sich heute Gedanken über die Zeit der Finsternis, auch bekannt als Ihre Zukunft. Ja, wir machen Ihnen heute Angst, zeigen aber auch, wo es lang gehen kann und welche Möglichkeiten wir haben, der Finsternis zu entrinnen. Aber lesen Sie selbst...

Zeit ist inflationsfrei... (Grannies von Banksy auf Goldmilk gefunden)



Im Kinderbuch von Leo Lionni sammelt die Maus Frederick Farben und Sonnenstrahlen als Vorsorge für den Winter. Um es gerade heraus zu sagen: Frederick liegt auf der faulen Haut, während die anderen vorsorgen. Frederick ist ein Träumer und lebt auf Kosten der anderen und gibt sich Illusionen hin, gewiss. Um uns dagegen abzusichern, dass andere auf unsere Kosten leben, haben wir Menschen und die Evolution knallharte Regeln erfunden. Die eine universal über alle Kulturen hinweg gültige lässt sich am kürzesten mit: "Wie du mir, so ich dir" beschreiben, bekannt auch als Goldene Regel. Eckart Voland beschreibt in Die Natur des Menschen unser Grundproblem:

"Ohne Vertrauen (oder Kontrolle) läuft nichts. (Langjährige Studien an Schimpansen haben eindrucksvoll die konstruktive Kraft der Wechselseitigkeit belegt. Schimpansen bilanzieren ihre sozialen Transaktionen) Es gibt fast keine evolutionär entstandene Motivation, in öffentliche Güter zu investieren oder sie auch nur zu schonen. Das Grundproblem der sozialen Evolution - dem natürlichen Interesse an Eigennutz seine antisoziale Wirkung zu nehmen und stattdessen dieses Interesse zum Baumeister sozialer Verbände werden zu lassen - ist mit einer überaus aufschlussreichen Konsequenz für die Gehirnevolution verbunden. Schliesslich muss das Einhalten der Goldenen Regel überwacht werden, und es sieht ganz danach aus, als ob uns die Natur mit neuronalen Schaltkreisen versehen hat, die sich speziell dazu entwickelt haben, soziale Regelbrecher zu erkennen. Kurzum: Betrüger zu entlarven gelingt uns besser, als logisch zu denken." (Eckart Voland: Die Natur des Menschen
Doch auch die Goldene Regel hat sich trotz tausendjähriger Erprobung nicht vollständig durchgesetzt. Plato etwa schreibt dazu:
"Es ist doch ganz natürlich, dass, was frei und wild aufwächst, ohne irgend jemandes Pflege für sich in Anspruch zu nehmen, auch nicht darauf brennt, jemandem Kostgeld zu zahlen... Es muss also abwechselnd ein jeder von euch herabsteigen in die Wohnstätten 'der anderen' und sich daran gewöhnen, die Finsternis zu schauen.“ (Plato: Das Höhlengleichnis
Um nicht die Finsternis, also das Elend der anderen schauen zu müssen, haben die Menschen die Renten-, Lebens-, die private Kranken-Versicherungen (und die Steuerhinterziehung) erfunden, eine Art Vorratsbildung für die ungewissen Jahre und vor allem auch deswegen, um nicht die anderen, faulen Charaktere mit KOSTGELD durchfüttern zu müssen. Nun hört und liest man ständig Nachrichten aus der Finsternis der Menschheit, von neuen Billionen-Rettungsschirmen, von Altersarmut und der drohenden Pleite der Versicherungen. So meint Peter Plöger:
"Digitale Boheme ist nur ein schickes Label für das sichtbare obere Siebtel des Eisbergs. Bei den anderen sechs Siebtel sieht es zum Teil sehr bitter aus. Leute, seit Jahren selbständig und hoch qualifiziert, können sich keinen Zahnersatz leisten. [...] Plöger hat digitale Bohemiens getroffen, die sich keine 300 Euro Einstiegssatz für die Krankenkasse leisten können und sich deshalb illegal beim Ehepartner versichern - oder gleich auf Gesundheitsschutz verzichten." (SZ: Ringen mit dem gnadenlosen Markt)
Christoph Pleister, als Vorsitzender des Leitungsausschuss des Finanzmarktstabilisierungsfonds der oberste Bankenretter, spricht davon, dass das wahre Ausmaß der Finanzkrise, das Teuflische, wie er es bezeichnet, erst in 20-30 Jahren auf uns zukommen wird, passenderweise im Zenit der demographischen Wende, also dann, wenn die geburtenstarken Jahrgänge pflegebedürftig werden (SZ: Wir sehen das Geld nicht vollständig wieder). Und auch Klaus Hurrelmann, Professor of Public Health and Education, spricht von Altersarmut, die 85 % der Menschen - mithin das finanzielle Analphabetentum - betreffen wird.

Kurzum die Zeiten werden noch viel härter, als wir es uns bisher ausgemalt haben und die modernen Vorräte gegen die Finsternis des Lebens könnten sich schon bald (auch) als Illusionen erweisen. Wie geht die Geschichte mit Frederick eigentlich weiter? Als alle Vorräte aufgebraucht sind, kommen die Mäuse zu Frederick, der es offenbar schafft, den Mäusen genügend Illusionen ins Hirn zu setzen um sich so über die Hungersnot hinwegzuträumen.

Etwas einsam... (von Pompo nelle casse)
Sondermüll - auf der Demenzstation eingeebnet
Wenn wir in den illusionslosen Alltag der Alten- und Pflegeheime blicken, so ist doch eins gewiss:
All die Mühsal des Lebens, des kurzen Augenblicks, den wir aufgewendet haben um uns von den anderen abzuheben, wird auf der Demenzstation gnadenlos eingeebnet. Das Einzige, was dann noch zählt Zeit gegen die große Einsamkeit. Zeit, die niemand hat, besser niemand hergibt als kostbarstes Gut, da es grundsätzlich beschränkt ist. Zeit wird heute als virtuelle Gute Nacht-Geschichte in einer Minute (ab)gehandelt, da können wir uns alle vorstellen, was mit unserem betriebswirtschaftlich abgeschriebenen Sondermüll, der wir demnächst selber sein werden, geschehen wird.  

Wie also können wir uns rüsten für die Zeit der großen Finsternis? Was wird bleiben außer den turmhohen Illusionen in Mainhattan und anderswo? Was bereuen wir, wenn wir sterben? Die Vermögenssteuer ins Jenseits beträgt 100 % so schrieb Rolf Dobelli so treffend. Doch wir schaffen es, unsere Vorräte noch vorher den Casino-Kindern in Form von Bonuszahlungen zu übereignen, freiwillig wohlgemerkt, denn niemand zwingt uns, unsere Vorräte den Banken als Spielgeld zur Verfügung zu stellen: "'Black box trading', [...] makes up '70% of the algorithm formerly known as your pension.'" (Kevin Slavin) 70 % unserer Ersparnisse werden von High-Frequency-Trading-Computern in Spielgeld umgemünzt.

Zeit als neue, inflationssichere Währung
Nun gibt es tatsächlich Alternativen. In Japan etwa hat sich das sogenannte Fureia Kippu-Pflegesystem etabliert. Dieses System, in dem Zeit für die eigene Bedürftigkeit angespart wird, genießt inzwischen ein stärkeres Vertrauen in der Bevölkerung, als das staatliche Renten-System.

Auch bei uns wird schon eine Weile von Zeit- statt Geld-Konten geredet. Was ist eigentlich der große Vorteil? Im Sozialbereich arbeiten viele Menschen bei extrem schlechter Bezahlung. Das wenige Geld, das beiseite gelegt werden kann, ist der Spekulation und der Inflation unterworfen. Da wäre es doch besser, das Arbeitskontigent, das die nächsten Jahre benötigt wird und wegen der demographischen Wende gar nicht zur Verfügung steht, durch eine Aufwertung des Ehrenamts und Freiwilligen-Dienstes zu ergänzen. Zeit ist inflationsfrei. Rechnen Sie nach. Der Mindestlohn von 7 € pro Stunde ist in 30 Jahren nichts mehr wert. Ihre Arbeitszeit entspricht in 30 Jahren dagegen einer Verdopplung des heutigen Wertes, die bisherige Inflationsrate angenommen.

Hauptvorwurf gegen die Zeitkonten ist ironischerweise, dass niemand garantieren kann, dass die Zeitkonten auch tatsächlich in der Zukunft eingelöst werden können. Richtig. Doch wer heute unter den Umständen des globalen Casinos garantiert, dass die volatilen Renten-Gelder in Zukunft wie heute geplant ausgezahlt werden können, der sollte sich doch lieber an Frederick's Träume und Illusionen halten. Vertrauen, so zeigte sich in diversen Krisen der letzten Jahre, ist die einzige harte Währung, wenn das Globale Casino wieder mal auf der Kippe steht.

Das Hauptproblem dagegen ist immer noch nicht erkannt. Wir gehen davon aus, dass die Menschen, die diese tönernen Türme verwalten, wissen was sie tun. Dafür produzieren wir Management-Literatur in Milliarden-Auflage. Kennzeichend ist, dass diese Literatur in Wirklichkeit kaum gelesen, geschweige denn reflektiert wird. Es fehlt uns wohl an Zeit (Pierre Bayard Elke Schlehuber, Jeffry Pfeffer). Wenn es uns an Zeit für das Kinderbuch fehlt, mithin für das Wichtigste, was von uns übrig bleibt, unsere Kinder, wo sollte da die Motivation herkommen, Management-Literatur zu lesen? Zeit für Frederick.

Kommentare:

  1. Sehr philosophisch, irgendwie auch wahr, ich weiss nur noch nicht, was ich besser machen kann...

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  2. das muss jeder einzelne persönlich - individuell beantworten.
    für mich stellt sich die Sache so dar:
    1. Die Bank wechseln ;-)
    2. Zeit nehmen für das Wichtigste im Leben, die Kinder, schliesslich leben die nächaten Generationen dadurch auf...
    3. Philosophie als Erfahrungswissen der Menschheit 'lesen'
    4. Eine neue Rentenversicherung gründen (ich bin dabei)
    5. Die verschiedenen Menschen und deren Beiträge für die Menschheit achten / wahrnehmen / würdigen, vgl. G&G Beitrag die Hysterischen...

    Beispiel: In den 70ern wurden lauter Hippies 'aktiv' und haben 'nichts gearbeitet'; das ist noch heute einer der grössten kulturellen Beiträge in der Musik mit nach wie vor riesiger Wirtschaftlicher Bedeutung.
    Interessant, oder?!
    vgl. G&G - Beitrag Sturm der Innovation

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  3. Na zum Glück bin ich bei der Volksbank.
    Ich sehe das Problem, genügend zu verdienen, auch im Alter zwar nicht so sehr für mich, aber wenn man ans ganze Land denkt, sind viele aus der Arbeitnehmerbevölkerung betroffen.

    Finanzielles Analphabetentum... Ja woher sollen wir auch ein Alphabet nehmen, wenn es in der Schule nicht gelehrt wird und kein Bestandteil der Allgemeinbildung - soweit vorhanden - geworden ist.

    Die ganz jungen Erwachsenen denken rein psychologisch nicht ans Alter (und physiologisch noch bedingter). Zumindest der Großteil.
    Wie Du es beschrieben hast: Als selbständiger fehlt das Geld für Krankenkasse und Altersvorsorge. Und das obwohl das Geschäft läuft - aber eben nicht mit voller Expansionsleistung bis in den Himmel.

    Vielleicht ist doch was dran: Ein Schwab wird erst mit 40 G'Scheit, ein anderer nicht in Ewigkeit. (Gilt außerhalb von Schwaben auch für alle anderen ;)
    Davor zahlt er nämlich erstmal Lehrgeld fürs finanzielle Analphabetentum und lernt (hoffentlich), dass das Arbeitnehmerdasein, das ihm von Beginn an gepredigt wird, nicht zwangsläufig zur eignen Verwirklichung und zur Verantwortung führt.

    In diesem Sinne, Sonnige Tag und Grüße von der Insel
    Jörg

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