30. Juni 2012

Leise Menschen

Ein Interview mit Sylvia Löhken zum Thema Introversion

 
Mehr zum Buch...
Heute habe ich die Gelegenheit, Dr. Sylvia Löhken zum Thema Introversion zu befragen. In ihrem neuen Buch "Leise Menschen – starke Wirkung" gibt sie zahlreiche Hinweise und Tipps für die Menschen, denen unsere auf Extroversion ausgerichtete Welt zu schaffen macht. Dr. Löhken ist Sprachwissenschaftlerin, zertifizierter Coach und nach eigener Aussage ausgeprägt introvertiert. Nach über einem Jahrzehnt in Intro-Biotopen wie Forschung und Wissenschaftsadministration hilft sie heute leisen Menschen bei der Verwirklichung ihrer beruflichen und privaten Ziele. Ihr neues Buch zeugt davon, denn es ist vor allem ein Ratgeber, der Introvertierten helfen soll, sich selbst besser zu verstehen und dadurch besser in einer extrovertiert geprägten Gesellschaft zurechtzukommen.

29. Juni 2012

Spontane Glücksmomente

Wir alle haben sie... nur viel zu selten: Spontane, völlig unerwartete Glücksmomente. Interessant ist, dass sie oft gar kein großartiges äußeres Ambiente benötigen. Meinen letzten sehr großen spontanen Glücksmoment habe ich im Auto erlebt. Ich war ganz alleine und fuhr auf meiner Camping-Tour durch die USA auf einer staubigen Schotterstraße in Arkansas. Es hätte auch ein sehr deprimierender Augenblick sein können, denn es war heiß und trocken, die Landschaft war recht unspektakulär, am Horizont brannten ein paar Felder und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Ich fuhr so vor mich hin, hatte noch kein definitives Ziel für den Tag, sondern nur die Vorgabe, weiter Richtung Süden zu fahren.

Staubige Straße in Arkansas: Nicht unbedingt eine Glücksgarantie

So tun als ob

Fake it till you make it

Besonders, wenn wir mit etwas neuem anfangen, gut sein wollen, aber eben noch keine Erfahrung haben, stellt sich die Frage: Wie erlange ich das Selbstvertrauen und das Vertrauen meiner Mitmenschen, wenn ich doch selbst weiß, dass ich die Erwartungen kaum erfüllen kann? Es gilt besonders, die sich selbst erfüllende negative Prophezeiung zu vermeiden, die sich aus mangelndem Selbstvertrauen entwickelt. Dieser Mangel wird auch zu einem Mangel an Erfolgen führen und das produziert noch mehr Unsicherheit in die eigenen Fähigkeiten. Auf Englisch gibt es dagegen eine Redensart: Fake it till you make it. Spiel die Rolle so lange, bis sie dir passt. Aus psychologischer Perspektive hat das durchaus seine Berechtigung. Die Annahme ist, dass wir durch gespieltes Selbstvertrauen zu tatsächlichen Erfolgen gelangen werden. Diese tatsächlichen Erfolge wiederum führen zu echtem Selbstvertrauen und noch mehr Erfolgen. Das ist leichter gesagt, als getan. Im Artikel So tun als ob - bis man es kann führe ich folgende 10 Tipps und Tricks aus, die dabei helfen können, die neue Rolle so gut zu spielen, bis man sie bald vollkommen ausfüllt:
  1. Den Sprung wagen 
  2. Krawatten und Visitenkarten 
  3. Vorbilder beobachten und imitieren 
  4. Ihr Markenzeichen 
  5. Selbstbewusstsein zeigen 
  6. Lassen Sie sich nicht beirren 
  7. Entscheidungsfähigkeit zeigen 
  8. Bleiben Sie auf dem Boden 
  9. Setzen Sie sich Meilensteine 
  10. Erfolge registrieren und gutschreiben
Die ausführlichen Tipps können auf Zeit zu leben gelesen werden.

26. Juni 2012

Das Betreuungsgeld - Weiberwirtschaft

Hundert Male sind die Demographie-Argumente bereits verkündet worden: Wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen mehr MINT-Fachkräfte, und wir brauchen mehr weibliche MINT-Fachkräfte. Außerdem brauchen wir natürlich Lehrerinnen, Landärzte, Kindergärtnerinnen und Altenpflegerinnen und das Handwerk sucht auch ganz dringend. Doch der Reihe nach... Erich Feldmeier erklärt, warum Verwaltungs-Vorschriften die Menschheit nicht ändern werden und wie wir den Dilemmasituationen durch Erkenntnis beikommen können. Aber lesen Sie selbst...

Als die Welt noch in Ordnung war
Als die Welt noch in Ordnung war, lebten wir Menschen mehr oder weniger friedlich in Horden und Großfamilien zusammen. Die Kinder wurden nebenbei, im Alltag, erzogen, die Alten wurden freundlich umsorgt, bis der Hof übergeben war. Das personalisierte Sozialkapital waren Töchter und Schwiegertöchter, die für die Reproduktion sorgten. Wir müssen dieses Sozialmodell und dessen Konflikte nicht weiter ausführen, die Geschichten wurden tausendfach in Heimatromanen, und -filmen erzählt. Und in der Tradition geht es nun auch weiter. Sehen Sie sich beispielsweise das Bild der Demographie-Initiative der Bundesregierung (Juni 2012) an. Was stimmt daran nicht?

Bilderrätsel: Tradierte Beziehungsgrammatik versteckt in den Personalpronomen (bundesregierung.de)

22. Juni 2012

Zynismus - das Gift in unseren Beziehungen

Zynismus kommt von Kynismus, einer antiken philosophischen Geisteshaltung. Die Kyniker waren die Minimalisten des alten Griechenlands. Sie lehnten Besitz ab, strebten nach Unabhängigkeit und Glück durch Natürlichkeit und Entsagung. Alles natürliche war ihnen frei von Scham und Schande. Nackt wie die Tiere wollten sie sein, aber selbstbewusst und um ihr Leben wissend. Im Grunde stellten Sie die ganze Gesellschaft, ihre Werte und Normen in Frage. Das machte die antiken Kyniker nicht eben beliebt. Man könnte meinen, sie schossen durch ihre Radikalität und den Spott, den sie über die herrschenden Normen und Sitten ausgossen, über ihr Ziel hinaus und versauten sich damit den guten Ruf. Sie verscherzten es sich dermaßen mit der Gesellschaft, dass wir heute nur noch negatives mit dem Begriff Zynismus verbinden.

Der Kyniker als Minimalist des antiken Griechenlands: Diogenes von Jules Bastien-Lepage (1873)

Man begegnet dem modernen Zynismus überall: In der Politik ist es zynisch, wenn unsere Regierung gegen Tyrannen in Nordafrika wettert, aber gleichzeitig Waffen-Deals dahin unterstützt und Panzer exportiert. Das Ergebnis ist die berühmte Politikverdrossenheit oder gar die Abkehr von der Demokratie. Auf der Arbeit gibt es Zynismus, wenn Bosse und Mitarbeiter aneinander vorbei reden und sich nicht mehr über den Weg trauen. Und auch zu Hause kennen wir Zynismus, wenn wir zum Beispiel einen Streit schlichten wollen, aber der andere nur weiter Öl ins Feuer gießt, unsere ernsthaften Bemühungen und unsere Liebe karikiert.

19. Juni 2012

Den Arsch retten, ein neues Leben finden

Interview mit Tim von myMONK

Vor einer Weile entdeckte ich die Seite myMONK. Was mir erst mal auffiel, war der wirklich raffinierte Titel, der irgendwie Zen mit dem Internet und der iGeneration zu verbinden scheint. Auch die Optik macht was her: professionell, aber doch irgendwie bunt und auf eine schräge Weise persönlich. Über Twitter und die üblichen Kanäle lernte ich Tim kennen, der hinter myMONK steckt. Ihn und mich verbindet die Überzeugung, dass Selbsterkenntnis der entscheidende Schritt ist zu einem erfüllten Leben. Außerdem scheint er ein gutes Händchen fürs Internet zu haben und das interessiert mich immer. Grund genug, ihn hier in einem Interview mal etwas auszuquetschen.

Tim, lass mich mal gleich mit der Tür ins Haus fallen: Du hast BWL studiert. Verlangt das nicht nach einer Rechtfertigung?

Ja, sorry dafür! Nein, im Ernst: ich träumte schon in meiner Jugend von einem eigenen Unternehmen, da war meine Zeit fürs „Business“ aber irgendwie noch nicht gekommen. Und ich dachte mir, das BWL-Studium kann auf jeden Fall nicht schaden. Also saß ich da in den Prüfungen (Vorlesungen habe ich fast nie besucht) an der LMU München neben jungen Menschen, die gern Aktenkoffer und Sakkos mit sich herumtragen. Ist ja nicht unbedingt schlimm, war aber so gar nicht meine Welt. Gleichzeitig waren diejenigen, die mich mit ihrem dickem Gepose doch manchmal sehr genervt haben, ein guter Ansporn für mich, mich im Studium anzustrengen. Das hat mir zwar inhaltlich nicht viel gebracht, später aber ein paar Türen geöffnet...

15. Juni 2012

Warum müssen wir sterben?

Der Tod ist ein Skandal, fand Elias Canetti und wollte es nicht hinnehmen, dass wir an diesem Punkt keine Wahl haben, sondern dass der Tod uns aufgezwungen wird. Bis jetzt ist das so. Bei 120 ist Schluss! Egal wie gesund wir leben. Ich finde das nicht ganz so skandalös. Wer von uns Highlander mit Christopher Lambert gesehen hat, weiß dass die Unsterblichkeit mindestens so eine Katastrophe wäre.

Ältere Klamath-Frau (Edward S. Curtis, 1924)

In der letzten Woche starb in Frankreich mit 114 Jahren die älteste Frau Europas. Die Zahl derer, die über Hundert Jahre alt werden, steigt jährlich um 5,5%, das heißt alle 13 Jahre verdoppelt sich die Anzahl derer, die älter als Hundert werden. Heißt das, wir werden unsterblich? Wohl eher nicht. Aber warum sterben wir überhaupt?

11. Juni 2012

Wie wir uns täuschen lassen

Pillen, Horoskope und Persönlichkeitstests 

Was haben Tarotkarten, blaue Pillen und Horoskope gemeinsam? Sie funktionieren! Naja, solange wir es zulassen jedenfalls. Lars Lorber - Mastermind hinter typentest.de - untersucht in diesem Artikel, warum uns Persönlichkeitstests, Horoskope und Klischees selbst dann passend erscheinen, wenn sie in Wirklichkeit gar nicht zutreffen. Vorab so viel: Unsere Erwartungen spielen uns einen Streich und Sie werden den Barnum-Effekt kennen lernen.

Farbige Pillen lassen uns besser schlafen
Jeder kennt den faszinierenden Placebo-Effekt: ein angebliches Medikament zeigt beim Patienten die gewünschte Wirkung, obwohl es in Wirklichkeit gar keine Wirkstoffe enthält. Selbst die Farbe von Medikamenten wirkt sich manchmal auf deren Wirksamkeit aus: so schliefen bei einer Studie (1) Patienten mit einer blauen Schlaftablette deutlich früher ein als mit einer Orangen, da orange, rot und gelb als stimulierende Farben gelten, während wir blau und grün als beruhigend empfinden. Angeblich sind deswegen Schultafeln meist grün. Die Farbe Grün wirkt sich zudem messbar positiv auf unsere Kreativität aus (2). Und die Farbe Rot lässt sowohl Männer als auch Frauen deutlich attraktiver wirken (3). Unsere Erwartungen zu Farben haben also ganz reale Auswirkungen, obwohl die Farbe einer Tablette natürlich keine reale chemische Wirkung hat.

Sehen Sie etwa nicht so aus?
Sind Deutsche pedantisch und Blondinen doof?
Ähnlich verhält es sich mit den Klischees über andere Länder: sicher kennen Sie die Vorstellungen vom emotionalen, mit Händen und Füßen redenden Italiener, vom schüchternen Skandinavier oder vom strebsamen Japaner. Auch von uns Deutschen gibt es jede Menge Klischees: extrem pflichtbewusst, ordnungsliebend, und pedantisch sollen wir sein. Doch trifft das wirklich auf Sie zu, liebe Leser?

Nein? Woher kommen dann diese Klischees über uns Deutsche? In diversen Studien (6) hat sich gezeigt, dass die Klischees über andere Länder zwar allgemein bekannt sind und meist auch auf die Kultur des Landes zutreffen. Nicht zutreffend sind sie allerdings auf die einzelnen Menschen in dem Land. Denn über den individuellen Menschen sagen solche Klischees nur wenig aus. Dennoch fühlen wir uns oft fälschlicherweise in unseren Erwartungen bestätigt, wenn wir einmal jemanden treffen, auf den diese Klischees ganz oder teilweise passen. Ähnlich wie beim alten Vorurteil über doofe Blondinen: Sehen wir eine Blondine, die dieses Klischee bedient, fühlen wir uns bestätigt, vergessen dabei aber die anderen zehn Blondinen die wir kennen, auf die es nicht zutrifft.

8. Juni 2012

Freiheit oder Arbeit - Hannah Arendt und das BGE

Als das Private noch nicht politisch war... Claudia Schmoll von lumen versucht einen anderen Blick auf das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und zwar durch die Augen Hannah Arendts und mit Hilfe des antiken Freiheitsbegriffes, der mit Arbeit und Individualismus noch unvereinbar war. Bereits zuvor hatten wir mit Nietzsche festgestellt, dass wir manchmal dumm wie Steine sind, wenn wir den Lebenssinn lediglich in Arbeit suchen. Schmoll zeigt uns mit Arendt, wie Arbeit und aktives Leben einander sogar ausschließen können. Aber lesen Sie selbst...

In Hannah Arendts "Vita activa oder Vom tätigen Leben“ geht es um die Bedeutung des Tätigseins für den Menschen. Arendt untersucht, was hinter den Begriffen arbeiten, produzieren und handeln steckt. Handeln meint hier nicht die Tätigkeit von Kauf und Verkauf, sondern das aktive Handeln, eine dem Menschen eigens vorbehaltene Fähigkeit, die ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Um das zu verstehen, muss man einen Blick in den Denkraum Arendts werfen. Als Schülerin von Jaspers und Heidegger knüpft sie an die alte Schule der griechischen Philosophie an, die mit ihrem Verständnis von polis als Begriff der vollkommenen Gemeinschaft einen der Grundsteine für das gelegt hat, was heute unter Politik verstanden wird. Aber der Reihe nach: Von Platon stammt die Überlegung der Trennung von öffentlichem und privatem Raum. Im privaten Raum lebt der private Mensch, der hier zweckgebunden die Tätigkeiten ausführt, die dazu dienen, seinen Lebenserhalt zu sichern: Er arbeitet, ob als Bauer, als Magd, als Sklave oder als Ehegattin am häuslichen Herd. Des Weiteren kann er produzieren, wobei das Herstellen immer ebenso zweckgebunden bleibt wie die Arbeit. Das ist der private Bereich eines Menschen, hier soll er unbehelligt von Politik agieren können, er bleibt unsichtbar, eben privat, hier gehen die Dinge niemanden etwas an, nicht einmal die häusliche Gewalt. Im Gegensatz dazu steht der öffentliche Raum, in dem der freie Mensch, der seine Arbeit getan hat – oder sie nicht tun muss, weil er Sklaven hat – sein öffentliches Wesen offenbaren kann. Er betritt die polis, den Raum der öffentlichen Gemeinschaft, ein freier Raum unter Gleichen, wo er öffentlich sichtbar wird. Dieses Sichtbarwerden der Persönlichkeit vollzieht sich dann durch Sprechen und Handeln in der Öffentlichkeit: Und so wird der Mensch politisch. Politische Tätigkeit wird hier als eine Aktivität im Gemeinwesen, im Gruppenkontext gesehen und hat wenig mit der parteipolitischen Cliquenwirtschaft gemein, in der sich heute das Politikverständnis erschöpft.
"Aufgabe und Zweck der Politik ist die Sicherung des Lebens im weitesten Sinn. Sie ermöglicht dem Einzelnen, in Ruhe und Frieden seinen Zwecken nachzugehen, das heißt, unbehelligt von Politik zu sein..."1

6. Juni 2012

B wie Börse, I wie Innovation

Erich Feldmeier macht sich heute Gedanken darüber, wie sich Börse, Innovation und Technik zueinander verhalten. Außerdem kommen vor: Digital Natives, Großmäuler und Dinosaurier.

B wie Bö(r)se
Wer die letzten Tage News gelesen hat, kommt an Zuckerberg's Coup nicht vorbei. Ein Zauberberg an allgemeinem Äquivalent wurde errichtet und einem Scheiterhaufen gleich - gleich wieder entzündet. Alle Medien, BLOGS eingeschlossen, zerreißen sich das Maul über den Börsengang und den Absturz von Facebook, irgendwie logisch. Im Alltag entzünden sich dagegen regelmäßig weit profanere Dinge.

Von 40 auf 26: Entwicklung der Facebook Aktie seit Ausgabe (Google Finance)

„Alexaaaaander, Leeeeoni, Finger weg vom Computer und kommt endlich zum Essen“

2. Juni 2012

Das Private ist politisch, das System sind wir

Ich habe mich noch nie dafür interessiert, wenn Hunderttausende auf die Straße gehen und skandieren, dass sie mit irgendetwas solidarisch sind. Das ist doch wohlfeil. [...] Was mich interessiert, ist der Tag danach: Was wird aus diesem großen Moment der Solidarität, wenn alle heulen? Wie viel davon wird in den Alltag übersetzt? Und davor habe ich Angst, wenn ich die Proteste sehe... alles was ihr bisher [in Griechenland] erreicht habt, ist, dass ihr einen gemäßigten linken Premierminister durch einen neutralen Technokraten ersetzt habt, und jetzt habt ihr eine Regierung, an der sogar rechtsgerichtete Faschisten beteiligt sind.

(Slavoj Žižek im Interview mit dem Philosophie Magazin Nr. 02 / 2012)

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