16. Juni 2013

Ist der Osten Schuld am Niedergang der gesamtdeutschen Kultur?

Von strategischer Unaufrichtigkeit und seelischer Aushöhlung

In der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag schreibt der Soziologe Tilman Allert vom Verkümmern der Institutionen im "neuen Deutschland". Mit Institutionen meint er nicht Kindergärten, Krankenhäuser und Universitäten, sondern das was Soziologen unter "Institutionen der Lebensführung" verstehen, etwa Ehe, Vertrauen, Solidarität, Takt oder Diskretion.

Konservative bis rechte Soziologen finden übrigens schon mindestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts, dass die Institutionen verkümmern. Letztlich ist es die gute alte Paranoia vor dem gesellschaftlichen Wandel, die dem Konservativismus eigen ist. Ihre eigenen Zerstörungsleistungen - wir kommen später noch zu Guttenberg und Friends - bleiben dabei eigenartig unerwähnt.


Sozialistischer Holzschnitt: der Autor als DDR-Jungpionier (eigenes Foto)

Ein grober Holzschnitt des DDR-Alltags

Trotzdem ist es ein interessantes Thema, das der westdeutsche Autor und Professor - studiert und gelehrt in Freiburg, Tübingen und Frankfurt am Main - dort anspricht und ich will mich keinesfalls auf die Seite derer stellen, die gar keine Probleme im Verschwinden des Bürgerlichen in unserer Gesellschaft sehen. Allerdings versucht Allert den diagnotizierten Untergang mit ganz groben historischen Holzschnitten ostdeutscher Herkunft herzuleiten, die man so sonst nur aus Film und Comedy kennt. Zum Beispiel schreibt er:

Tarnen und Täuschen sind die Überlebensmuster, die Menschen während der Diktatur einzuüben gezwungen waren [...] Strategische Unaufrichtigkeit lag der kontinuierlichen Bedrohung, schikaniert oder verhaftet zu werden, zugrunde. Sie erzwang ein gespenstisches Echo: Seelische Aushöhlung, die lakonsich-mechanische Teilhabe am öffentlichen Leben...

Sich zu besuchen, war riskant, der Feind hörte überall mit. Als Ausdruck und Folge [...] entstand das Misstrauen als Kultur gewordener Habitus des Verdachts [...] Das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen, begleitete die berufliche Existenz, das öffentliche Engagement, aber es drang als übergroße Skepsis selbst in die Privatshäre, in Ehe und Familie, ein [...] Von eigenverantwortlicher Lebensführung waren die Menschen unter der DDR-Diktatur weit entfernt.*

Sich zu besuchen, war riskant? Der Feind hörte überall mit? Kein eigenverantwortliches Leben? Seelische Aushölung? Geht's noch? Als die Mauer fiel, war ich gerade mal 15 Jahre alt. Alt genug jedoch, um erstens durch die typischen DDR-Institutionen wie Pionierorganisation, Leistungssport, Staatsbürgerkunde, FDJ und Wehrerziehung hindurchgegangen zu sein. All das war in der Tat regelrechter Blödsinn und viele von uns haben es auch als solchen wahrgenommen und mehr oder weniger lautstark verspottet. Ich war zweitens alt genug, um mich selbst ungehindert politisch in Umweltorganisationen zu betätigen und in Künstlerkellern mit Schwarzem Tee und Bier zu sitzen und mich bei staatszersetzendem Meinungsaustausch an Aktmodellen zu üben. Viele meiner Freunde waren zu DDR Zeiten in der sogenannten Christenlehre und ungehindert stark eingebunden ins kirchliche Leben. Und drittens habe ich meine gesamte Kindheit und Jugend lang meine Eltern und deren Freunde beobachten können und kann daher ganz gut einschätzen, wie die Alltagskultur der DDR lief. Weder herrschte unter Freunden großes Misstrauen, noch schwieg man über bestimte Themen (ganz im Gegenteil!) und erst recht nicht misstraute man seinem Ehepartner. Vielleicht gehörte zu der einen oder anderen Sache in der DDR etwas mehr Mut. Wie ist es damit, Herr Soziologe? Beobachten Sie auch, wie die Ostdeutschen mehr Mut in die BRD brachten?

Das Leben der Anderen

Natürlich ist mir bewusst, dass es Szenen gab, wie man sie im Film Das Leben der Anderen sehen kann. Künstlergruppen, die bis in Liebesbeziehungen hinein infiltriert, überwacht und schikaniert wurden und nicht selten auch staatliche Sanktionen wie Stasi-Knast zu erleiden hatten. Ich will das nicht verharmlosen und ich bin heute noch jeden Tag dankbar, dass wir das Regime gestürzt haben, in dem das und eine unmenschliche Einschränkung der persönlichen Entwicklungs- und Bewegungsmöglichkeiten aller Bürger an der Tagesordnung war.

Eines kann ich aber auch mit Gewissheit sagen: Der westdeutsche Professor Tilman Allert hat offenbar keine Ahnung, wie so ein typisch ostdeutsches Leben wirklich ablief. Er kennt es aus Büchern und Filmen, die aber gerade nicht einen Querschnitt der Altagskultur zeigen, sondern Ausschnitte aus besonderen Biographien mit eher außergewöhnlichen Leidensgeschichten.

Dort, wo ich aufwuchs, tarnten und täuschten sich die Menschen keinesfalls ständig, noch waren oder sind wir als Ex-Ostdeutsche seelisch ausgehölt oder haben geflüstert, wenn wir über Politik sprachen. Auch haben wir keine besonders zynische Einstellung gegenüber Institutionen wie Ehe oder Solidarität. Inwiefern ich als Ostberliner zynischer oder misanthropischer als ein typischer Hamburger oder Münchener sein soll, müsste erst mal gezeigt werden. Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck sind für Allert diejenigen, die eine vermeintlich ostdeutsche anti-institutionelle Prägung auf die gemeinsame Bundesrepublik übertragen. Aber auch Gauck kommt mir nicht seelisch ausgehölt vor oder als jemand, der Tugenden wie Vertrauen, Solidarität, Takt und Diskretion mit Füßen tritt. Es ist immer schwer, von wenigen vermeintlich exemplarischen Personen auf ein halbes Volk oder umgekehrt schließen zu wollen. Bei Allert ist es rundweg falsch.

Globale Tendenzen: Schonungslose Offenheit und Beseitigung der Hierarchien

Was Allert in meinen Augen vollends diskreditiert - mal abgesehen von der immer wieder lustvollen Gleichsetzung von DDR und Nationalsozialismus -, ist das Herausreißen von durchaus korrekten Beobachtungen aus ihren gesamthistorischen und globalen Kontexten:

...das Zerbröseln der Diskretionskultur, das wie eine späte Rache der Abgewickelten daherkommt, findet in der soganannten schonungslosen Offenheit seinen deutlichsten Ausdruck. Mit ihr lassen sich Institutionen der Vertrauensgenese, zu denen die Familie, die Schule, politische Gemeinschaften, nicht zuletzt der Staat zählen, als irgendwie abgestanden beargwöhnen. Die Emphase, in der gegenwärtig der Beseitigung von Hierarchien und Differenzen das Wort geredet wird, artikuliert sich als spätes Echo auf die organisierte Rigidität einer kontrollierten sozialen Ordnung.*

Es stimmt, dass wir besonders unter Merkel diese schonungslose Offenheit auch in der deutschen Politik sehen. Nicht zuletzt auch voran und vor sich hergetrieben durch WikiPlag-Affären, ironischerweise besonders bei sehr bürgerlich-konservativen Politikern wie Schavan, Guttenberg und Koch-Mehrin. Allert macht hier den Bock zum Gärtner! Wie schon Helmut Kohl in der CDU-Spendenaffäre gezeigt hat, kann man mit so einer Tugend wie Diskretion alle anderen Tugenden aushebeln. Und die drei genannten Plagiatoren sind eben nicht gerade die besten und gewissenhaftesten Bildungsbürger, sondern Karrieristen, die sich den Doktortitel als ein bildungsbürgerliches Standing auf wenig tugendhafte Weise besorgen wollten. Die Erosion der Konservativen kommt nicht aus der DDR, sondern vor allem von den Konservativen selbst.

Die Erosion der Konservativen (Quelle: GuttenPlag)

Die Erosion der Konservativen und ihrer Institutionen

Diese Zerseztzung der Konservativen wird in Deutschlang vor allem durch sie selbst geleistet, aber das Verschwinden von Diskretion und Hierarchie ist kein deutsches Phänomen. Und das ist der andere ganz große Missgriff des Frankfurter Professors: Nicht Merkel und Gauck als vermeintliche Rächer der abgewickelten Ostdeutschen sind die Protagonisten einer schonungslosen Offenheit und einer Einebnung von Hierarchien. Vielmehr sind das globale Tendenzen, die wir in allen Demokratien sehen und für die wie so oft in der Menschheitsgeschichte die technischen Fortschritte verantwortlich sind.

Facebook, Transparency.org und WikiLeaks sind nicht gerade ostdeutsche oder kommunistische Erfindungen. Und auch das Biggest Brother Program PRISM der bestimmt nicht kommunistischen US-amerikanischen NSA ist an schonungsloser Offeneheit nicht zu übertreffen. Alle genannten Organisationen haben jeweils ganz andere und moralisch verschieden zu bewertende Ziele mit ihrer schonungslosen Transparenz. Ihnen gemein ist, dass sie auf technologische Entwicklungen wie elektronische Datenverarbeitung, unendliche Speicherkapazitäten und instantane kommunikative Vernetzung aufsetzen, ohne die diese Offenheit nicht denkbar wäre und die nicht wieder rückgängig zu machen sind.

Ähnliches gilt für das Verschwinden der Hierarchien. Auch hier ist nicht Deutschland der Vorreiter, sondern eine egalitäre und liberale Kultur, die gerade in den USA einen fruchtbaren Boden gefunden hat. Wer die USA kennt oder in einem US-Konzern gearbeitet hat, wird verstehen, wo die flachen Hierarchien herkommen und dass es an ihrer Flexibilität und ihrem wirtschaftlichem Erfolg liegt, dass sie auch in unserer Wirtschaft und Gesellschaft zunehmend Einzug halten. Konservative müssen sich an den Gedanken gewöhnen, dass Werte und Institutionen sich ändern und dass diese Änderungen unumkehrbar sind.

Dass sie der Frust darüber dazu verleitet - wie hier beim Soziologen Tilman Allert - wissenschaftlich und populistisch unredlich zu argumentieren ist enttäuschend und alles andere als bürgerlich und tugendhaft.



*Alle Zitate aus der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag, Nr. 19, S. 9.

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Kommentare:

  1. Klasse Text. Bravo. Flache Hierarchien und schonungslose Offenheit sind Effekte dessen was Deleuze Kontrollgesellschaft nannte. Hervorstechendes Merkmal: Die Selbstkontrolle des Individuums bei der Einhaltung gesellschaftlich (und d.h. immer mehr vor allem ökonomisch) vorgegebener Normen. Flache Hierarchien entstehen mehr und mehr seit den Achtziger Jahren. Sie sind ironischer Weise Ausdruck der Forderung aus den Sechzigern, nach mehr Selbstbestimmung in de Arbeitswelt. Dieser Ruf wurde aufgenommen – von den Arbeitgebern – mit dem Effekt, daß Selbstbestimmung nun heisst, daß man selbst bestimmt das will was man muss.

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    1. Ja, nicht einmal die Revoluzzer sind vor der Entfremdung gefeit ;)

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  2. Selbstbestimmung bis am Ende die Selbstausbeutung in einer Konkurrenzgesellschaft des Können-müssens steht, und sich die Eliten ins Fãustchen lachen, ob so viel freiwilligen Andienens ...
    Ich war als 19-Jãhriger 1987 in der DDR bei Verwandten und nahm in dieser Zeit schon wahr, dass das Kritisieren nur hinter vorgehaltener Hand und sicherndem Blick stattfand. Und auch die Mitwirkung zum aushorchen von mir war angefragt worden.
    Ansonsten stimme ich Deiner Analyse zu!
    VG Martin

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