18. Oktober 2014

Von freien Menschen und passiven Kunden

Was ist unser Selbstverständnis als souveräne Bürger?

Unser eigenes Verständnis von dem, was wir als Menschen sind und sein können, wird darüber mit entscheiden, wie unser Leben gelingt. Vom Erdulden der Umstände und Mitschwimmen im neusten Trend, wenn wir uns passiv verhalten bis hin zum Gestalten und Revolutionieren unseres Lebens, wenn wir es aktiv analysieren und führen. Natürlich sind wir alle mal passiv und mal aktiv, das ist ganz selbstverständlich. Passivität ist zur Orientierung wichtig, zum Auftanken und zum Genießen. Gefährlich wird es, wenn unser Selbstverständnis darauf eingeschränkt wird, dass wir als Menschen vom Konsum abgesehen eine lediglich passive Lebensform seien. Und ich meine, dass wir in einer Welt leben, die uns gern auf die Rolle als ein nur sehr eingeschränkt aktiver König-Kunde festlegt und ansonsten davon ausgeht, dass wir uns möglichst passiv verhalten.

Wo der Mensch heute noch frei sein kann (CC0)

Ist das noch Satire oder schon Zynismus?

Um das zu verdeutlichen, will ich eine (un-)lustige Pointe aus einem Dialog zwischen einem Intellektuellen und einem Wirtschaftsexperten wiedergeben. Unter dem Titel "Die algorithmischen Armleuchter" sprachen Frank Schirrmacher von der FAZ und Gabor Steingart vom Handelsblatt bereits vor über einem Jahr über die Krise des Kapitalismus und die Tücken des Fortschritts. Schirrmacher ist in dem Dialog derjenige, der die Gefahr zum einen aus der Durchökonomisierung all der bisher nicht ökonomisierbaren Phänomene des Menschen, sein "Denken, Planen oder Fühlen", kommen sieht. Zum anderen fürchtet er unseren totalen Autonomieverlust, wo menschliche Wahl- und Entscheidungsprozesse von Algorithmen abgelöst werden. Steingart wartet indessen mit der alten liberalen These auf, die Politik habe den Markt "geschändet", man soll ihn und seine souveränen Bürger in Ruhe lassen und alles werde gut. Die beiden reden den Gutteil des Gesprächs aneinander vorbei.

Schirrmacher wirft Steingart vor, dass seine Analyse von Staat und Banken zu kurz greift und blind ist für die große kulturelle Unterströmung der Gegenwart. Und Steingart will sich gar nicht erst auf den intellektuellen Kulturpessimismus einlassen. Er versucht Schirrmacher zu widersprechen und spricht von einer Zeit "großer Souveränitätsgewinne, die uns auch der listigste Programmierer nicht nehmen kann." Und dann kommt es zur Pointe des ganzen Gesprächs...

Schirrmacher: "Die Ökonomie des Geistes ist die Kapitalisierung unserer Innenwelt, unserer Gedanken. Wir haben es geschafft, dumme Maschinen herzustellen, die durch unsere Gedanken klug werden, die uns und unser Verhalten voraussagen und uns permanent irgendwelche Absichten unterstellen, die wir angeblich haben."

Auf diese zentrale These des FAZ-Machers erwidert der Mann vom Handelsblatt:

"Sie übertreiben! Der Kunde ist so frei und so unvorhersehbar, er weiß selbst nicht, welchem Trend er morgen aufsitzen wird. Wir erleben das Kommen und das Gehen von Moden und Abneigungen in rasanter Abfolge. Niemand weiß, was er morgen lieben oder hassen wird."

Da haben wir den Salat - das Verständnis unserer Souveränität aus der Marktperspektive: Wo Schirrmacher noch ganz generell von "Menschen" spricht, reduziert Steingart das auf "Kunden" - der einzige Mensch, der dem Markt wichtig ist. Seine Freiheit bestehe darin, dass er ohne bewusste Wahl irgendwelchen Marktentwicklungen erliegen und dadurch eine Nachfrage nach trendigen Gütern befeuern werde. Und dabei ist er auch noch den "rasanten" Wechseln dieser Entwicklungen unterworfen, die es ihm unmöglich machen, eine selbstbestimmte und dauerhafte Einstellungen dazu zu entwickeln, was er liebt oder hasst. Das alles ist so konträr zu Begriffen wie Souveränität und Freiheit, wie es nur geht. Und leider - ich habe die Stellen immer wieder gelesen - handelt es sich hier nicht um Ironie oder Satire, ja nicht einmal um Zynismus. Freiheit und Souveränität erschöpfen sich offenbar darin, dass nichts mehr vorhersehbar ist. Besser hätte es der intellektuelle Pessimist selbst gar nicht formulieren können.

Ein anderes Verständnis von Souveränität und Freiheit

Ganz allgemein leiden wir momentan an einer Krise der Freiheit, weil wir nicht mehr ausreichend definieren können, was Freiheit für uns bedeutet. Das liegt auch daran, dass es natürlich eine trügerische Freiheit gibt, die zum Beispiel darin besteht, sich einer unerschöpflichen Auswahl von Konsumgütern hinzugeben, diese Errungenschaften in Sozialen Netzwerken publik zu machen und dafür zu rackern bis der Arzt kommt.

Das Problem das mit dem Zugewinn dieser Optionen einher geht, manifestiert sich in der Praxis: Wir wissen nicht, was wir mit dieser Freiheit unter den unnötig zahlreichen Möglichkeiten zu wählen, anfangen sollen. Die schiere Menge an wählbaren Optionen und die jeweils unabsehbaren Folgen (Habe ich die bestmögliche Option gewählt?) paralysieren uns. Obendrein fühlen wir uns dann noch schuldig, weil wir nicht ausreichend Gebrauch von dieser Freiheit gemacht haben und unser Leben sich nicht als die goldene Kombination all der besten Wahlmöglichkeiten erweist.

Wir verwechseln eine freie Auswahl unter unzähligen Optionen (von Konsumgütern bis hin zu Lebensentwürfen) mit Freiheit. Diese Freiheit aus Optionen ist natürlich immer eine Vorauswahl und damit etwa so frei, wie die Wahlen zur Volkskammer in der DDR. Schirrmacher sieht ja gerade an dem Punkt beim Individuum einen Verlust der Freiheit, wenn Algorithmen mir vorschlagen, was ich als nächstes lesen oder konsumieren soll. Ich komme gar nicht mehr dazu, selbst ein Bedürfnis zu entwickeln, weil es mir immer schon präsentiert wurde. Und in der Tat ist das ein Trend: Die Suchmaschine soll schon wissen, wonach wir suchen, bevor wir sie überhaupt gefragt haben. Wir müssen nun ständig etwas wollen, ob wir wollen oder nicht.

Aber wir sind doch selbst Schuld, wenn wir uns von solchen Experten wie Steingart und Schirrmacher oder gar der Werbung dusslig quatschen lassen und so tun, als hätten wir keine andere Wahl als uns diesem Missverständnis von Freiheit hinzugeben. Ich rate zum Entzug bzw. zum Ignorieren all der Optionen und statt dessen zu einer Entpassivierung unserer Leben:

  1. Leidenschaften ernst nehmen und nicht nur erleiden
  2. Gewohnheiten besitzen, anstatt von ihnen besessen zu sein
  3. Mit dem Denken beginnen

Für mich besteht Souveränität und Freiheit in selbst gestalteter Aktivität. So ein Dreischritt, der sich im Aneignen der Leidenschaften, im Gestalten der Gewohnheiten und im Ordnen der Gedanken zeigt, ist ganz wesentlich darauf ausgerichtet, aktiv sein Leben zu führen und nicht aus Trägheit und Faulheit in der Passivität zu verharren und ein Opfer zynischer Menschenbilder aus der Marktperspektive zu werden. Erst mit dem bewussten Gestalten unseres Lebens erschließen wir uns wahre Freiheiten als Menschen. Mehr zur den drei Schritten der Entpassivierung unserer selbst >>

Kommentare:

  1. Anfang der 1970er Jahre hat Erhart Kästner in seinem Buch „Aufstand der Dinge“ dieses Thema bereits aufgegriffen, in welchem er unsere Oberflächlichkeit anprangert und beklagt, dass wir Deutschen uns nur noch von bunten Programmen berieseln lassen, die er als Dummglücklichmacher der Neuzeit bezeichnet und dabei hat Kästner Facebook nie kennengelernt. Damals hat er bereits geschrieben: "Wir sind allesamt Angestrengte, doch sinnlos. Allesamt Arbeiter, doch fruchtlos."

    Inzwischen sind vierzig Jahre vergangen und die Dinge versklaven uns weiterhin und noch viel mehr als damals. Die Frage ist, wo das hinführen soll, wenn uns keiner aus dem Dilemma hilft. Einzelne Individuen, unter anderem diejenigen, die „Geist und Gegenwart“ verfolgen, setzen sich mit diesem Thema auseinander, aber was ist mit der breiten Masse? Wie kann man ihr halbwegs verständlich erklären was hier eigentlich abläuft?

    Herzliche Grüße!
    Janett

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deinen Hinweis auf Kästner. Das beruhigt mich ja sogar, dass das 1970 schon so war. Ich glaube nicht, dass es schlimmer wird, es wird nur anders. Damals war sicher das Fernsehen das große Schreckgespenst. Es folgte anderen Gespenstern wie dem Kino, der Zeitung, dem Roman, ja der Schrift insgesamt, die schon vor Gutenberg verdächtigt wurde, den Geist zu ruinieren.

      Heute ist ein Roman lesen ja schon eine intellektuelle Großtat. Zu Goethes Zeiten war es noch willensschwache und vor allem weibische Hingabe an die Zerstreuung.

      Dass Fernsehen dumm macht, ist dann schon eher einleuchtend. Aber auch das haben wir überstanden. Viele haben schon gar keinen Fernseher mehr. Heute ist das Internet viel spannender, auch weil man dort nicht nur konsumiert, sondern genauso leicht produzieren kann.

      Du fragst nach der Masse: Sie ist ja kein Ding, diese Masse, sondern einfach eine Ansammlung aus Individuen, die sich genau wie du und ich Gedanken machen (können). Das Verlangen nach Alternativen zum angestrengt-fruchtlosen Leben ist doch auf breiter Ebene spürbar. Vielleicht müssen wir etwas Vertrauen und Geduld haben, bis aus einzelnen Individuen eine Masse wird.

      Einen schönen Sonntag Abend!

      Löschen
  2. Ich sehe den Menschen nicht ganz so unfrei:
    Natürlich lenkt uns die Umwelt vom selbst Denken ab und versucht uns zu beeinflussen. Aber das war schon immer so und wird immer so bleiben, denn niemand lebt im luftleeren Raum. Das fängt ja nicht bei der Suchmaschine an, sondern bereits in der Familie, wo natürlich Eltern versuchen ihre Kinder in eine Richtung zu lenken, die sie selbst für richtig halten.

    Dann gab und gibt es da noch Religionen, die den Menschen sagen was sie wollen dürfen und was nicht, und irgendwann im DDR-Regime war es die Parteiführung. Und heute ist es eben die Suchmaschine die uns vorschlägt was wir mögen könnten oder nicht.

    Ich denke nicht, dass Freiheit als notwendige Bedingung den Ausschluss sämtlicher externer Einflüsse erfordert.

    Was ich damit sagen will: Freiheit hat schon immer und wird auch immer eine Anstrengung erfordern um sie zu nutzen. Und natürlich ist es furchtbar bequem, wenn man jemand hat, der einem immer schön sagt, was man tun soll. Aber diese Anstrengung sollten wir nicht als Entschuldigung dafür anführen, dass wir unsere Freiheit - die vorhanden ist - nicht nutzen.

    Wenn man in den Jahrhunderten zurückschaut, dann ist diese Anstrengung derzeit (in der westlichen Welt) geringer als je zuvor.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für die Perspektive, ich erlebe es auch so, dass die nötigen Anstrengungen, die Freiheit zu nutzen, geringer geworden sind. Aber vielleicht sind wir - du und ich - auch Sonderlinge, die in ihrer Jugend diese krude DDR miterlebt haben und nie damit rechnen konnten, eines Tages überhaupt Freiheit gestalten zu können. (Übrigens lasse ich mir lieber von einer Suchmaschine sagen, was ich wollen soll, als vom Zentralkomitee der SED.)

      Aber wenn man noch weiter raus zoomt, dann wird ja noch deutlicher, was du sagst: Im Grunde ist die Menschheitsgeschichte auf vielen Ebenen eine Erfolgsgeschichte, z.B. was die Abnahme an Gewalt und die Zunahme an Freiheit betrifft. Z.B. konnte niemand im Mittelalter im heutigen Westeuropa ernsthaft erwarten, 80 Jahre bei relativer Gesundheit alt zu werden. Wenn man nicht an einem vereiterten Zahn starb, dann in einem Krieg, an Mangelernährung oder im Kerker, weil man seine Meinung gesagt hat. Dagegen war die DDR schon ein kleines Paradies ;)

      Aber man muss Freiheit eben auch erkennen bzw. nicht das Falsche für Freiheit halten und dabei die wirklich mögliche Freiheit vernachlässigen. Ich glaube, das ist es, was ich als Individuum möchte: Die wirkliche Freiheit entdecken und entdeckt halten. Die wird für jeden irgendwie anders sein, aber es gibt jeweils ähnliche Wege dahin und fernsehen oder shoppen sind es sicher nicht.

      Löschen
  3. Welche Optionen bedeuten Freiheit, eine spannende Frage. Ich habe mich mal persönlich dem Thema Spaß an der Arbeit ist Freiheit gewidmet und bin dabei leider auf die eine oder andere Hürde gestoßen. Stichwort Bank;-).
    Lg Karl

    AntwortenLöschen
  4. Sehr interessant und ich finde auch mutmachend. Natürlich muss ich mein "Grips" einschalten, aber letztlich ist es schön zu wissen, dass wir sehr wohl etwas ändern können.
    Ich wage auch zu behaupten, dass wir Frauen noch ein weiteres "Problem" haben: Die Emanzipation. Zumindest bei uns in den westlichen Ländern ist es nun soweit, dass wir schon eine ganze Menge erreicht haben. Unsere Mütter und Großmütter haben für uns viel erkämpft und nun liegt es an uns, die Möglichkeiten zu nutzen.
    Ich persönlich habe es selbst gemerkt, dass wenn dir deine "Freiheit" selbst zu entscheiden gegeben wird, du im ersten Moment überfordert bist. Man wird sich bewusst, dass es wesentlich unbequemer ist, weil man selbst entscheiden und die Verantwortung für die Entscheidung selbst tragen muss. Das will auch erst gelernt sein, aber mittlerweile bin ich da guter Hoffnung, dass es auch bei mir so klappen wird, wie ich es gern haben möchte...

    AntwortenLöschen
  5. "Wir verwechseln eine freie Auswahl unter unzähligen Optionen (von Konsumgütern bis hin zu Lebensentwürfen) mit Freiheit. "

    Ich vermute, die große Mehrheit der Weltbevölkerung wäre glücklich, diese Art "Unfreiheit" zu genießen! Und war es nicht die Abwesenheit dieser Freiheit (Reisen, nach Gusto einkaufen, den "Lebensentwurf" selber wählen), die die DDR letztlich scheitern ließ?

    In einer Umwelt mit vielerlei Konsumoptionen müssen Menschen Konsumkompetenz erlernen: das wählen, was zu den eigenen Bedürfnissen passt - und zwar dann, wenn es gebraucht wird. Viele Optionen stören nicht, wenn man gelernt hat, sie zu filtern und Infos, die nicht von den Anbietern stammen, bei der Auswahl zu berücksichtigen.

    Die "Unfreiheit", die der Artikel beschreibt, ist. m.E. vornehmlich ein Problem junger Menschen, die noch nicht wissen, WER sie sind und WAS sie wollen sollen (deshalb sind sie auch die beliebteste "Zielgruppe"). Ihr Hauptanliegen ist, irgendwie DAZU zu gehören, JEMAND zu sein - auch dann,wenn sie das im Stil "ich bin immer ganz anders/besonders" umzusetzen versuchen. So sind sie offen für die vielerlei Angebote, die "identitätsstiftend" daher kommen ("Marken-Image" etc.).

    Später verliert sich diese Unsicherheit, man weiß, was man will und braucht - und ist dann als einfache Zielgruppe, die mit reinem Marketingblabla zum Kauf zu verleiten ist, verloren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nur eine kleine logische Klarstellung (ist ja ein Philosophie-Blog ;) zu Freiheit/Unfreiheit: Wir verwechseln "freie Auswahl" mit "Freiheit", heißt nicht, dass "freie Auswahl" gleich "Unfreiheit" bedeutet. Oder aussagenlogisch notiert: (p ≠ q) –/→ (p ≡ ┐q) Sprich: Nur weil freie Auswahl ungleich Freiheit ist, folgt daraus nicht, dass freie Auswahl gleich Unfreiheit ist.

      Mein Punkt ist ja gerade, dass wir einen Zuwachs an Freiheit (und nicht an Unfreiheit) haben, mit dem wir lernen müssen, umzugehen.

      Löschen
  6. Hast recht, ich hätte formulieren sollen "mit dieser Sorte Problem...."

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das mit den jungen Menschen als "problemgefährdet" ist interessant. Das mag für eine bestimmte Art des Konsums stimmen. Aber Lebensgewohnheiten gehen ja über Konsum hinaus. Und leider sind "alte" Menschen ja die Erben ihres eigenen jugendlichen Lebens. Lernt man deiner Meinung nach im Alter, sich frei zu machen von den Irrtümern und die Folgen abzuschütteln? Oder ist man in ewiger Haftung für das, was man in jungen Jahren war?

      Worauf ich hinaus will: Ich bin mir nicht sicher, dass die jungen Menschen, die heute in solche Fallen (missverstandene Freiheit) tappen, sich morgen daraus befreien. Wir müssten sonst eine anwachsende Gruppe von Menschen (z.B. über 40) sehen, die sich von der missverstandenen Freiheit kuriert haben und nun genau wissend, was sie wollen, souverän ihren Weg gehen. Wünschenswert wäre es. So richtig kann ich das aber nicht erkennen. Was meinst du?

      Löschen