23. März 2014

Eine Philosophie der Ruhe und Gelassenheit

Die großen Gründe für unsere Unruhe und Sorge in der Welt

Der Stoiker kennt seinen Platz im Gefüge der Welt. Er weiß sich dort durch das Einüben emotionaler Selbstbeherrschung einzurichten, sein Los zu akzeptieren und durch Ruhe und Gelassenheit zur Weisheit zu finden. Das klingt sehr antik und ist es auch. Im Kern bleibt es aber auch in unserer überspannten Zeit der Königsweg zu Ruhe und Gelassenheit. Aber wie genau können wir heute diesem Stoizismus im Leben näher kommen? Die Reihe The Philosopher's Guide to Calm hat sich dieser Frage gewidmet und acht (eigentlich sieben)* wesentliche Gründe für Nervosität und Stress in unserer Welt analysiert und daraus einen philosophischen Leitfaden zu einem Leben mit mehr Ruhe und Gelassenheit abgeleitet. Ich habe diesen Leitfaden für Geist und Gegenwart übersetzt und etwas zusammengefasst. Und jetzt bitte alles abschalten und mal ganz entspannt lesen...



Heutzutage wünscht sich fast jeder von uns, ein bisschen ruhiger und gelassener zu sein. Es ist eine der ganz besonderen Sehnsüchte unserer modernen Welt. In der Geschichte bisher haben die Menschen vor allem Abenteuer und Aufregung gesucht, heute aber haben wir meistens viel zu viel davon. Das Verlangen ruhiger und konzentrierter zu leben, hat eine besondere Dringlichkeit bekommen. Wir meinen, dass es acht* wesentliche Gründe für unsere Unruhe gibt. Um zu mehr Ruhe und Gelassenheit zu gelangen, hilft es uns, wenn wir jeden dieser Gründe systematisch betrachten und uns regelmäßig immer wieder damit befassen.

22. März 2014

Philosophie als Lebenskunst

Ein Leben führen, als wäre es für immer


Michael Hampe
Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Michael Hampe - beide selbst Akademiker - sind sich sicher, dass die akademische Philosophie ihre Relevanz für die Gesellschaft aufgegeben hat. Auf der anderen Seite boomen philosophische Angebote in Form von Zeitschriften wie der Hohen Luft oder dem Philosophie Magazin, als Blogs im Internet und als beratende Philosophische Praxen für alle Lebensfragen. Es stellt sich die Frage, was die Philosophie uns in der Praxis bieten kann? Ist sie nur formale Gedankenakrobatik auf der Suche nach den Grundlagen des Wissens überhaupt oder findet sie zurück in die lebensrelevante Bedeutsamkeit für uns Menschen, in der sie ihre antiken Wurzeln hat? Im Moment muss man die oben geschilderte Spaltung konstatieren. Und es ist ja immerhin etwas, dass wir auf der Suche nach dem Sinnhaften in unseren Existenzen auch die Philosophie jenseits der Akademik wiederbeleben. Noch schöner wäre es, wenn auch die akademische Philosophie wie bei Hampe und Sloterdijk den Weg in die gesellschaftliche und individuelle Relevanz fände. Wie kann die Bedeutung der Philosophie für unser Leben ganz praktisch aussehen?

Philosophie zerstört den Glauben an die Autorität der anderen

Michael Hampe spricht im Philosophie Magazin von einer nichtdoktrinären Philosophie, die es uns ermöglicht, Sinnangebote der Gesellschaft infrage zu stellen. Ganz grundlegend geht es erst einmal um eine Operation der Bewusstwerdung, die allem Nachdenken eigen ist:

"Alle Reflexionsprozesse, ob naturwissenschaftlich, künstlerisch oder philosophisch, sind Prozesse der Bewusstwerdung. [...] In allen drei Beispielen geht es um Distanzierungsvorgänge zur Steigerung von Selbstbestimmung. Reflexion schafft Distanz und damit Freiräume. Man kann sich fragen: Möchte ich, dass die Vorgänge so weitergehen oder nicht?" (S. 60)*

Nichtdoktrinär kann die Philosophie deswegen sein, weil sie anders als die Sinnangebote aus den Religionen, aus der Esoterik, der Politik oder der konsumistischen Glücksversprechen unserer Werbung, zuallererst ein Hinterfragen ist. Dahinter steht der sokratische Gedanke, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt, wie man sein Leben zu gestalten hat, sondern dass man ein glückliches Leben in der Selbstbestimmung findet, zu der man nur durch das Infragestellen aller Sinnangebote der Gesellschaft kommt.

Sokrates: Spielräume, über die Welt zu sprechen, eröffnen Freiheit (Quelle: Wikipedia)

Das heißt natürlich auch, dass man sich von philosophischen Zeitschriften, Blogs oder Praxen keine unmittelbaren Antworten auf die Frage "Wie soll ich leben?" erhoffen kann. Vielmehr können sie Wege vermitteln, die eigenen Antworten auf diese Frage zu formulieren. Hampe meint, dass wir viel zu oft auf irgendwelche Experten vertrauen und uns damit abgewöhnen, selbst nachzudenken. Hier kann die Philosophie helfen, indem sie erst einmal zerstört: den Glauben an die Autorität der anderen.

21. März 2014

Das Leben üben: Mir fallen ständig die Maschen von den Nadeln

Katrin Hentschel strickt
Zum Menschsein gehörte schon immer das lebenslange Üben. Und wenn es nur das Üben in Geduld ist. Verlernen wir jetzt das Üben, weil alles im Leben so unerträglich leicht geworden ist? Katrin Hentschel schildert uns heute, was man vom Stricken, vom Malen, von der Kunsttherapie und vor allem von den Kindern lernen kann, um das Leben zu üben...

Voll verstrickt: ein Prozess zum Lernen

Ein Montagabend auf meinem Sofa: Ich halte alle 5 Nadeln in der Hand, bin hoch konzentriert und darauf bedacht, dass alle Maschen, die ich für meine gestrickten Socken benötige auf der fünften Nadel bleiben. Ich spüre, wie sich meine Muskeln anspannen und meine beiden Augen auf die Hände gerichtet sind. Ganz langsam versuche ich das Stück Wolle abzuheben: mein Atem bleibt kurz stehen, wird dann flacher und Schwupps fällt die Masche herunter. Ich lerne gerade Stricken und bin der Meinung, dass wir gerade in solchen alltäglichen Augenblicken in höchstem Maße etwas an Frustrationstoleranz, Gelassenheit und Selbstvertrauen dazu lernen.

16. März 2014

Von der Offenheit und dem Risiko zu leben

Martha Nussbaum und die Tragödie als Folge eines gelungenen Lebens


Ich bin ein unheilbarer Optimist und gehe damit immer auch irgendwie naiv Risiken ein. Beispielsweise erfuhr ich schon früh in meinem Arbeitsleben, dass Kollegen um mich herum schnell irgendwelche Intrigen witterten, während ich relativ gutgläubig einfach vor mich hinarbeitete. Eine Kollegin sagte mir damals, dass der neue Kollege in unserem Team mit unserem Boss kungelte und dass er bestimmt bald unser Vorgesetzter wurde. Überhaupt würden die da oben uns gegeneinander ausspielen. Sie machte sich ganz fertig deswegen. Ich hatte von all dem gar nichts mitbekommen, aber sie behielt Recht: der Neue wurde unser Chef und sie kündigte bald, vielleicht auch weil irgendwer die ganze Zeit gegen sie intrigierte. Und immer noch ist es in vielen Bereichen meines Lebens so, dass andere um mich herum Gefahren weitaus eher spüren als ich. Oft gebe ich neuen Menschen um mich herum sehr viel Vorschusslorbeeren. Und manchmal wird auch mir hinterher klar, dass ich zu viel vertraut habe, während meine vorsichtigeren Mitmenschen schon lange vorher spürten, dass etwas faul war.

Martha Nussbaum wikipedia 10-10
Martha Nussbaum: "Eher eine Pflanze, als ein Diamant sein" (Bild von Robin Holland)

Diese Menschen um mich sind nicht selten das, was in der Persönlichkeitspsychologie "neurotizistisch" genannt wird: Sie haben ein feines Gespür für heraufziehenden Ärger, für Risiken und anstehende Probleme. Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, diesen Leuten genau zuzuhören, eben gerade, weil ich das Gegenteil bin. Diese Mitmenschen sind für mich die Seismographen, die das heraufziehende Erdbeben schon spüren, während ich noch lustig vor mich hinpfeife.

11. März 2014

Das Glück ist nicht immer lustig

Mein Freund, wir haben viel zusammen getrunken und oft Gedanken ausgetauscht. Aber ist dir jemals aufgefallen, was für Gedanken ich hab?



Du weißt, da ist so etwas wie Liebe in mir, eine Liebe für jeden, den ich kenne. Und du weißt, dass ich diesen Drang habe zu leben, den ich nie loslassen werde. Aber ahnst du auch, dass manchmal eine ganz andere Kraft an mir zerrt? Und ahnst du, wie furchtbar es ist, wenn sich diese Last in meine Seele schwärzt?

Mein Freund, ich hoffe wir finden unseren Frieden, gemeinsam oder getrennt, allein oder mit unseren Frauen. Und ich hoffe, wir sind nicht länger Getriebene, sondern können unser Lächeln nach innen richten und es dort entzünden, um niemals wieder schlafen zu gehen. Mein unschlagbarer Bruder: Das ist noch nicht alles, was ich sehe.

Nein, ich sehe auch diese Dunkelheit. Ich sehe diese Dunkelheit und du weißt sicher nicht, dass meine Liebe zu dir im Grunde eine Hoffnung ist, du könntest mich aus dieser Dunkelheit retten.



Vielen Dank an Will Oldham für sein phänomenales Album I See a Darkness und Rainer Werner Fassbinders Motto "Das Glück ist nicht immer lustig" aus dem Film Angst essen Seele auf.

9. März 2014

HR Barcamp: Die Vordenker im Personalwesen

Einmal im Jahr trifft sich eine erlesene Schar von HR-Leuten zu einer Un-Konferenz, einem sogenannten Barcamp, in dem demokratisch von den Teilnehmern Themen vorgeschlagen, ausgewählt, vorgetragen und in Sessions oder Workshops gemeinsam bearbeitet werden. Ziel sind keine Frontal-Präsentations-Formate wie in Konferenzen, sondern Interaktion und Erfahrungsaustausch in den Vordergrund stellen. Das Format ist absolut unschlagbar, wenn man schnell viel lernen und durchdiskutieren möchte.

In diesem Artikel fasse ich meine ganz persönlichen Erkenntnisse vom HR Barcamp 2014 zusammen. Da ich zur Zeit mit meinem HR-Team in einer Reorganisationsphase bin, die auf Spezialisierung in den Bereichen Recruiting, Personalmarketing und Personalentwicklung hinausläuft, war es genau der richtige Zeitpunkt, eine kräftigen Schub Input von außen zu absorbieren.

Nicht edel, sondern effektiv: Das HR Barcamp 2014