26. Dezember 2015

Zwischen den Jahren

Zum Waffenstillstand im alltäglichen Konkurrenzkampf

Was mir am Ende des Jahres sehr gefällt und so trefflich in der Formel der Zeit "zwischen den Jahren" festgehalten ist, ist der Waffenstillstand des ansonsten unvermindert andauernden Konkurrenzkampfes. Ich bin ein großer Verfechter strikter Ladenschlussgesetze, finde dass jeder Sonntag heilig bleiben muss und dass es ausgedehnte Feiertage geben muss, an denen der Zugang zu den Waffenlagern der Moderne, den Supermärkte und Einkaufszentren, versperrt bleiben muss. Neulich fühlte ich mich sogar in einer Berliner Bar besonders gut aufgehoben, weil dort das Arbeiten ab 20 Uhr verboten war, mit drei Ausrufezeichen.

Eine Bar in Berlin: Arbeiten am Laptop ab 20 Uhr verboten! (Foto: Gilbert Dietrich)

Auch wenn ich selbst nicht religiös oder konfessionell gebunden bin, bin ich unserer jüdisch-christlichen Tradition sehr dankbar für die Konservierung einiger alter Traditionen wie dem Arbeitsverbot an solchen Tagen. Aus dieser Perspektive habe ich Verständnis dafür, dass manche Institutionen wie der Vatikan verknöcherte Horte des Festhaltens an unzeitgemäß erscheinenden Traditionen sind. Ihre Aufgabe ist präzise dem Zeitgeist nicht nachzugeben, sondern am "Ewigen" festzuhalten, koste es was es wolle. Papst Franziskus scheint da auf den ersten Blick etwas nachlässiger als Benedikt zu sein. Aber ich denke, auch Franziskus wird die Kirche sicherlich nicht revolutionieren, denn er weiß, dass das ihre Abschaffung bedeuten würde.

24. Dezember 2015

Die Gesellschaft hat nicht immer recht

Ein Gastartikel von Benedikt Ahlfeld

Benedikt coacht und trainiert seit 10 Jahren Menschen aus Wirtschaft, Sport und Medizin für besseres Management, das Treffen von Entscheidungen und eine größere Umsetzungskompetenz. Auf Geist und Gegenwart bittet er uns heute, anhand von sechs Denkanstößen einmal unsere Beziehung zur Gesellschaft und ihren oft subtilen Einflüsterungen und Erwartungshaltungen zu hinterfragen. Dieser Artikel lehnt sich an ein Kapitel aus seinem E-Book Überwinde die Angst, du selbst zu sein an. Auf seinem Blog schreibt Benedikt mehr darüber, wie man besser entscheiden und mehr umsetzen kann.

Führst du dein Leben so, wie man es sich in unserer Gesellschaft vorstellt? Mit einem guten Job, einem tollen Eigenheim und einem harmonischen Familienleben. Gratuliere, dann bist du genauso, wie es die Gesellschaft von dir verlangt und erwartet. Von außen betrachtet verkörperst du das Bild des glücklichen Menschen. Doch hast du dir schon einmal den Spiegel vor die Nase gehalten? Bist du mit deiner Gesamtsituation wirklich zufrieden? Oder hast du einfach dem großen Druck der Gesellschaft nach gegeben?

So wie hier beschrieben geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche nach einem Leben in absoluter Sicherheit, einem Leben, wie es andere Vorbilder vorleben und es auch von ihnen erwartet wird. Doch wirf einen Blick in dein Umfeld. Wenn du es genauer betrachtest, ist es eine Scheinwelt: Nach außen hin wird die heile Welt vorgetäuscht und im Inneren spielen sich oft ernsthafte Tragödien ab. Grund dafür ist der gesellschaftliche Druck, der für viele Menschen einfach zu groß ist, um eine Veränderung in ihrem Leben zu wagen. Das ist eine Aufforderung, über dein Leben nachzudenken. Ist es wirklich so, wie du es willst, oder ist es jetzt Zeit, etwas daran zu ändern?

20. Dezember 2015

Du sollst alles für mich sein!

Von Umgang mit überzogenen Erwartungshaltungen in der Liebe 

Liebe ist unmöglich und ohne geht es auch nicht. Denken wir mal an unseren letzten Streit in der Partnerschaft zurück. Ziemlich wahrscheinlich gab es einen Moment, wo wir uns erstens unzureichend gefühlt haben, zweitens den anderen als irgendwie völlig daneben und drittens als absolut unfair erlebt haben. Als Beispiel: Ich ging mit Freunden zu einem Konzert, es war laut, es war fröhlich und auch ein bisschen feucht. Ich trank vier Bier und war etwas angeheitert. Als ich zu Hause ankomme, geht es meiner Frau nicht besonders gut. Magenschmerzen, etwas Übelkeit, aber nach eigener Aussage nichts dramatisches. Am nächsten Morgen merke ich schon, die Stimmung ist mies und es entsteht ein Streit, in dessen Verlauf sich eine Hauptaussage herauskristallisiert: Du bist nicht für mich da, wenn ich dich brauche.

Dagegen lässt sich schwer etwas sagen, wenn ich ja tatsächlich nicht da war, als es ihr nicht gut ging. Und dann war ich auch noch angetrunken, als ich endlich da war und konnte vielleicht nicht so verständnisvoll reagieren, wie normalerweise. Trotzdem fühlte ich mich unfair kritisiert. Was aber stimmte mit dieser Kritik an mir nicht?


13. Dezember 2015

Die negativen Folgen positiver Psychologie

All You Need is Love... Oder?

Wir alle sind Kinder der Idee, dass ein junger Mensch nichts weiter als ein gesundes Selbstwertgefühl benötigt, um ein guter Erwachsener zu werden. Diese Idee kommt aus einer Bewegung, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen die pessimistische Überlieferung wandte, die dem Menschen eine Erbsünde anlastete. Selbst die Begründer der modernen Psychologie wie Sigmund Freud waren davon überzeugt, dass der Mensch in seinem zivilen Verhalten gerade so die finsteren tierischen Triebe maskieren kann und dass er strenge Institutionen benötigte, um sich ihn vom Intrigieren und Morden abzuhalten.

Amerikanische Psychologen wie Nathaniel Branden und Carl Rogers begründeten dagegen eine positive humanistische* Psychologie, nach der jedes Menschenkind von Natur aus gut sei und nichts weiter wolle, als sich entfalten und die beste Variante seiner selbst werden. Hingegen sei vor allem ein geringes Selbstwertgefühl für Gewalt und Scheitern im Leben der Menschen verantwortlich. Das gipfelte beispielsweise darin, dass man Kindern in der Schule keine schlechten Noten mehr geben konnte, um ihr Selbstwertgefühl nicht zu unterminieren. Eine Generation von jungen Menschen wuchs mit dem Gefühl auf, etwas besonderes zu sein, ohne dafür etwas tun zu müssen.

Manieren beibringen durch strenge Institutionen? (Bundesarchiv, Bild 183-R79742 / CC-BY-SA 3.0)

11. Dezember 2015

Carl Sagans 9 Punkte Quatschdetektor

Wie wir uns gegen falsche Überzeugungen schützen können

"Dein Bewusstsein ist das Zentrum
expandierender Zeitlosigkeit."

Wem das hier vorangestellte Zitat gefällt, sollte unbedingt weiter lesen... Und alle anderen bitte auch.

Immer wieder finde ich mich durch E-Mails oder Kommentare mit ziemlich aggressiven Lesermeinungen konfrontiert. Ganz besonders beliebt sind bei solchen Kommentatoren Themen wie Leben nach dem Tod und Geist ohne Körper. Dabei habe ich gar nichts gegen Argumente, die meinen Überzeugungen zuwider laufen. Im Gegenteil: es ist die Voraussetzung jeglicher Wissenserweiterung, dass wir unsere Überzeugungen hinterfragen und die falschen zurücklassen. Ich habe aber etwas gegen eine bestimmte Art von Scheinargumenten und zwar besonders dann, wenn sie auch noch aggressiv sind. In einer Studie kanadischer Psychologen und den Grundsätzen des amerikanischen Astronomen Carl Sagan habe ich jetzt einige gute Anhaltspunkte für mein Unbehagen gegenüber solchen Kommentaren gefunden.

Carl Sagan: "Nicht dumm, aber ohne das richtige Werkzeug" (Bild: Sagan Viking von JPL, Public Domain)

5. Dezember 2015

Introversion zwischen Small Talk und Sinn des Lebens

Das Interview zum Nachhören mit Sylvia Löhken

Gerade habe ich mich mit Sylvia Löhken, Autorin zur Persönlichkeitspsychologie, Vortragsreisende, Coach und Moderatorin, im SoundCloud Aufnahmestudio in Berlin getroffen und wir haben uns über Introvertierte und Extrovertierte unterhalten, über Philosophie und Psychologie.



In unserem Gespräch geht um Kindheit und die erste Lektüre, um das Studium und Wittgenstein, aber auch und vor allem darum, wie Introvertierte zu einem artgerechten Leben finden und es geht um den Sinn des Lebens genauso wie um Fluch und Segen von Small Talk. Viel Spaß nun beim Hören:

 
Selten habe ich jemanden getroffen, mit dem man sich so gut über diverse Themen unterhalten kann wie mit Sylvia Löhken. Lag es daran, dass sich zwei Introvertierte in einem schalldichten Raum trafen und sich Zeit nehmen konnten, ganz tief in ihre Lieblingsthemen einzusteigen? Sicher auch. Es liegt aber auch an ihrer Neugier, an der Vielfalt der Ideen und der Breite des Wissens, die Sylvia Löhken mitbringt. Nur als Beispiel: Als wir kurz vor der Aufnahme den Sound Check machten, rezitierte mein Gast nicht nur Rainer-Maria Rilke flüssig vor sich hin, sondern auch William Shakespeare und Dylan Thomas im Original. Sylvia Löhken zitiert Linguisten wie Alan Prince und Paul Smolensky aus dem Stehgreif genauso wie die Logiker Dan Sperber und Deirdre Wilson oder Philosophen wie Arnold Gehlen und Ludwig Wittgenstein. Ihre Leichtigkeit beim Erklären komplexer Themen findet man überall in Ihren Büchern wie dem Evergreen Leise Menschen - starke Wirkung: Wie Sie Präsenz zeigen und Gehör finden und jetzt auch hier im Geist und Gegenwart Interview.



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4. Dezember 2015

Warum wir überhaupt am Morgen das Haus verlassen

Introvertierte in einer Welt der extrovertierten Anreize

Ich bin ziemlich introvertiert, liebe das Alleinsein zu Hause, ein gutes Buch, das Internet als ungefährlichen Kanal nach draußen, ein oder zwei Freunde, aber vor allem das sichere Gefühl, dass ich selbst kontrollieren kann, wie weit ich mich öffnen oder zurückziehen möchte. Und trotzdem gehe ich jeden Tag arbeiten, jeden Tag unter unberechenbare Leute, die mich ungebeten ansprechen und meine Konzentration unterbrechen werden. Jeder Tag ist ein Behaupten in der Gruppe, jeder Tag ist ein Wirbelsturm von Eindrücken und maximaler Stimulation. Wie erschöpfend! Wöchentlich habe ich diese Tage, an denen ich am liebsten gar nicht vor die Tür gehen würde. Schon die Aussicht, mich in das Auge dieses Sozialorkans zu begeben, der dort draußen tobt, ermüdet mich.

Party für Introvertierte: Warum vor die Tür gehen? Hier ist's doch schön! (Bild gemeinfrei)

29. November 2015

Wie wir den Tod (nicht) überleben


Das eigene Ableben und das unserer Mitmenschen

Wir haben Todesangst, das gehört zum Menschsein dazu. Aber ängstigen wir uns vielleicht vor dem falschen Tod, dem eigenen? Es dürfte kaum überraschen, dass die Unsterblichkeit der Seele, die Wiedergeburt oder ein Weiterleben in Himmel und Hölle zu den Top 3 der ewigen Fragen der Menschheit gehören (zusammen mit "Gibt es einen Gott?" und "Wo muss ich drücken oder ziehen, damit diese Scheißverpackung aufgeht?"). Es scheint so, als hätten wir uns intellektuell damit abgefunden, dass unser Erleben (fühlen, denken, ängstigen, hoffen) zusammen mit unserem Körper seinen Geist aufgibt, dass wir also nach dem Tod nicht weiterleben, sondern in eine totale kognitive Finsternis eintreten, vergleichbar höchstens mit einem ganz tiefen Schlaf oder einer Vollnarkose. Das kann zwar ein tröstender Gedanke sein, aber offenbar reicht er uns nicht, denn wir können unsere Abwesenheit schlicht nicht denken.

Die allermeisten Menschen, die je gelebt haben, sind heute tot
Catacombes De Paris von Albany Tim (CC BY 2.0)

22. November 2015

Die eingebildete und die wahre Krise

Von gefährlicher Sprache und falscher Regulierung

In den derzeitigen Medienbeiträgen fällt mir immer wieder auf, wie vielsagend und unzureichend zugleich unser sprachlicher Umgang mit den Herausforderungen unserer Gegenwart ist. Von Anfang an war scheinbar klar, dass es sich um eine Flüchtlingskatastrophe handelt und nicht um eine Herausforderung und Gelegenheit, Menschen in der Not zu helfen, Völker zusammenzubringen und demographische Ungleichmäßigkeiten auszugleichen. Angela Merkel muss man hier überraschend aus der Haftung nehmen, denn sie scheint mindestens anfänglich eine Fürsprecherin der Solidarität und des Optimismus gewesen zu sein. Ansonsten hört man im Zusammenhang mit Flüchtlingen nur von Katastrophe, Versagen und Krise.


Wir alle kennen das Konzept von der selbsterfüllenden Prophezeiung: Was erwarten wir eigentlich von unserer eigenen Fähigkeit, eine Situation zu meistern, wenn wir die Situation schon zur Katastrophe erklären, bevor wir überhaupt angefangen haben, sie aktiv zu beeinflussen? Ich denke, dass es zu einfach ist, immer die Politik für ihr angebliches Versagen zu geißeln. Solche Situationen zu meistern, ist eine riesige Aufgabe. Die Aufgabe jedoch, die Deutschland vor 25 Jahren mit der Wiedervereinigung vor sich hatte, war um vieles komplexer und wirtschaftlich schwieriger, als die Situation, in der wir uns jetzt befinden. Und doch wäre anders als bei der jetzigen Herausforderung niemand auf die Idee gekommen, die historische Chance der Wiedervereinigung als Katastrophe bezeichnet. Die Gefühle vieler westlicher Mitbürger, die sich plötzlich von Ossis überrannt fühlten, waren im Übrigen dieselben wie heute.

14. November 2015

Die drei Lebenspartnerschaften eines jeden Menschen

Oder warum Work-Life-Balance keinen Sinn macht

Immer wieder, wenn ich über die sogenannte Work-Life-Balance hörte oder las, hatte ich das Gefühl, dass da was nicht stimmt. Das Konzept passt nicht zu mir und irgendwie auch zu niemand anderen, den ich kenne. Mal abgesehen von der sich neu entwickelnden Flexibilität, durch die am Ende weder das Privatleben noch die Arbeit an jeweils zwei entgegengesetzten Enden einer in Balance zu bringenden Schwebe, die wie Leben nennen, zu lokalisieren wäre. Auf eine noch viel fundamentalere Art macht das keinen Sinn. Dieser Artikel will zeigen, wie uns eine alternative, integrative Denkweise auf dem Weg, ein Leben im Einklang von Anforderungen und Bedürfnissen zu führen, helfen kann.

Sind wir alle ewige Seiltänzer? Bild von Tom A La Rue (CC BY-SA 2.0)

7. November 2015

Warum Verschwörungstheorien beliebt und gefährlich sind

Eine philosophische und psychologische Einordnung

In diesem Artikel zeigen wir, warum Verschwörungstheorien gefährlich sind, welche psychologischen Mechanismen ihrer Beliebtheit zugrunde liegen, wieso sich ihre Anhänger systematisch irren, was philosophisch gegen solche Theorien einzuwenden ist und wie wir mit ihnen und Informationen im Allgemeinen umgehen können.

Aber zuerst meine Definition: Eine Verschwörungstheorie ist der Versuch, Ereignisse wesentlich durch das Wirken einer Gruppe zu erklären, die sich unter einheitlicher Zielsetzung und bewusster Ausschaltung fremden oder öffentlichen Einblicks zu einem illegalen oder illegitimen Zweck zusammengeschlossen habe.

Für manche reicht schon ein Dollar als Beweis dafür, dass die Welt von Illuminaten gesteuert wird

30. Oktober 2015

Warum wir das Eine wollen und das Andere tun

Modulare Theorie zwischen Shakespeare, VW und Deutscher Bank

Erich Feldmeier (Institut für Querdenkertum und Innovation) erklärt uns in diesem Artikel mit Beispielen aus der Literatur, Politik und Wirtschaft, warum wir gegen unsere eigenen Überzeugungen handeln.

Romeo und Julia stammten aus zwei verfeindeten Familien, besser Sippen. Romeo stammte aus der Familie der Montagues und Julia stammte aus der Sippe der Capulets. Das Zerwürfnis ging so weit, dass sich Angehörige aus beiden Sippen auf offener Straße bekämpften, sobald sie einander gewahr wurden. Gleichzeitig gelten Romeo und Julia als das romantische Liebespaar schlechthin. Shakespeare hat uns damit ein zeitloses Stück Alltags-Philosophie hinterlassen und das berühmteste Liebespaar der Welt genießt bis heute eine ungebrochene Popularität in Filmen und Aufführungen. Was bedeutet diese so tragische und schwierige Konstellation eigentlich sozial-psychologisch für uns?

27. Oktober 2015

Der wahre Ödipuskomplex

Wie Väter die Tragik unserer Zivilisation in Gang setzten

In seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit versucht Peter Sloterdijk den Übergang von der Tradition in die Moderne anhand eines ausgeschlagenen Erbes darzustellen: Die Kinder scheren sich nicht mehr um die Traditionen ihrer Ahnen, sie schlagen das gesellschaftliche Erbe zu Gunsten einer radikalen Freiheit aus. Freiheit ist immer Freiheit von etwas oder Freiheit zu etwas. In diesem Fall ist Freiheit beides: Freiheit von der Sitte und Freiheit zu einer offenen und unbestimmten Zukunft. Traditionen werden durch Trends ersetzt. Das ist gewissermaßen das Charakteristikum der Moderne: die Mode (Nachahmung des Neuen) löst die Sitte (Nachahmung des Alten) ab. Das Alte, die Traditionen, die Ahnen, die Götter verlieren ihre Gewalt, aber auch ihre bindende Kraft über die Gesellschaft. Ja, es droht sogar ein Abreißen des Informationsflusses zwischen uns und der Geschichte, weil der Medienbruch zwischen der alten und der neuen Schriftkultur so einschneidend ist, wie seit Gutenberg nicht mehr.

Ödipus (einmal als Kind und dann erwachsen) und Iokaste (Penn Provenance Project CC by 2.0)

Wir sind es gewohnt, den Verstoß gegen die Sitten bei den Kindern zu verorten. Sie halten sich nicht an die althergebrachten Regeln, sie ziehen sich komisch an, spielen verrohende Spiele und hören nervtötende Musik. Das ist natürlich zuallererst ein gesellschaftlicher Evolutionsbeschleuniger, der tradiertes auf die Probe stellt, bewährtes weiterführt und veraltetes in Vergessenheit geraten lässt. Das hält die Zivilisationen frisch und bringt neues hervor. Was sich nun aber seit über 2000 Jahren anbahnt und seit über 200 Jahren deutlich beschleunigt, ist ein kompletter Abriss jeglicher Tradition und damit - so würden Kulturpessimisten sagen - die totale Trivialisierung der menschlichen Existenz und ein Herausfallen aus historischen und heutigen gemeinschaftlichen Sinnzusammenhängen.

24. Oktober 2015

17 Wege, um anhaltend schlecht gelaunt zu sein

Weisheit im Alltag und ihr Gegenteil

Es ist ziemlich einfach, das gesamte Leben lang schlecht gelaunt zu sein oder gar in blinder Wut zu verbringen. Einfach und gleichzeitig aber sehr schwer. Existieren ist eben oft auch eine Zumutung, kein Wunder, dass wir schlechte Laune kriegen.

Ist es aber nicht sehr traurig, die kurz bemessene Lebenszeit mit gut eingeübter Unzufriedenheit zu verbringen? Ich sehe das bei vielen Leuten: Alles um sie herum nervt, aber sie verstehen die eigentlichen Gründe dafür nicht. Der Philosoph Alain de Botton, Autor zahlreicher Gebrauchsanweisungen (Nachrichten, Arbeit, Reisen, Architektur und Literatur), ist in seiner School of Life den kleinen und großen praktischen Weisheiten des Lebens auf der Spur. Er setzt damit eine alte Tradition fort, die das Führen des Lebens als eine Kunst begreift, die erlernt werden kann. In seinem humorvollen Video "How to Get Angry a Lot" (siehe unten) macht er eine Liste von typischen Überzeugungen und Verhaltensweisen auf, die uns ein Leben in Ärger, Sorge und Unlust garantieren. Wie stellt man also sicher, dass man anhaltend schlecht gelaunt ist?

17. Oktober 2015

Die Unsterblichkeit der Sterblichen

Ein Gastartikel von Daniel Horn

In einem Kommentar zum Artikel Das Leben siegt immer... und der Tod auch schreibt ein anonymer Leser: "Das Sich-nicht-Überleben kann ein Neuanfang sein, in einem neuen Wesen das ebenso (...)  in sein Dasein geworfen wird, wie wir es wurden. Ein radikaler Neuanfang, ohne 'nochmal von vorn' zu beginnen - der existenziale Sprung in das Nichts. Aber nicht in das immerwährende Wegsein." Der anonyme Leser war Daniel Horn und heute schreibt er davon, wie das "ich" in einem Leben nach unserem Tod auch ohne Gott und Magie einen neuen Anfang findet. Und was bedeutet das für unser Handeln heute, was folgt moralisch daraus?

Kommt da noch was? Und ob! (Bild gemeinfrei nach CC0)

13. Oktober 2015

Faul sein, heißt klug sein

Zwischen Paradies und Todsünde

Meine Faulheit ist der gelebte Pazifismus
gegen mich selbst, denn wer steht dem Bedürfnis
nach dem Faulsein besonders effektiv im Wege? Man selbst. 
(Michael Magercord)

Meine Frau bezeichnet mich oft als faul. Ich sitze zum Beispiel auf der Couch und schreibe einen Artikel für den Blog. Sie hantiert in der Küche, backt einen Kuchen, kocht Suppe oder beseitigt die Spuren ihres Hantierens. Lassen wir mal beiseite, wie erschreckend stereotyp das ist, wie wenig wir die Geschlechterrollen bisher gebrochen haben... Sie wirft mir also vor, ich sei faul. Ich sage dann: Aber Schatz, mach doch, was dir Spaß macht. Ich bin nicht faul, ich mach einfach nur das, was ich gerade machen will. Dann sagt sie: Aber du willst doch auch essen und du liebst meinen Kuchen und meine Suppe. Ja, das stimmt, sage ich dann, aber das heißt doch nicht, dass du das jetzt machen musst und mich dafür als faul bezeichnen kannst. Wenn du keine Suppe und keinen Kuchen machst, dann liebe ich dich kein bisschen weniger. Der letzte Satz kann je nach meiner Gereiztheit auch lauten: Weißt du, bevor ich dich kannte, habe ich auch schon Kuchen und Suppe gegessen, ohne dafür als faul bezeichnet zu werden.

Warum ist die Faulheit so tief in uns verwurzelt? (Bild gemeinfrei nach C00)

8. Oktober 2015

Hip, hip, Hipster

Immer da sein, wo vorne ist: das Paradox des Andersseins

Wenn Sie in einer Großstadt wohnen oder vor kurzem mal in einer vorbeigeschaut haben, dann haben Sie ihn auch gesehen... Das war kein studierter Holzfäller, sondern ein sogenannter Hipster. Madeleine Hugai studiert Umweltethik in Augsburg und hat sich für Geist und Gegenwart soziologisch mit dem Phänomen Hipster befasst. Wie lässt sich diese Subkultur - wenn es überhaupt eine ist - aus moralischer Perspektive betrachten? Und welche Veränderungspotentiale ergeben sich - wenn überhaupt - aus dem Phänomen Hipster für unsere Gesellschaft?


Der Hipster als Street Art (von F CK)

Vintage-Kleidung, große Brille, enge Hose, Jutebeutel, Rennrad oder Fixie: Klischeehafte Merkmale eines gewollt nachlässigen, aber doch modebewussten Stils. Hier genügt ein kurzer Blick, um den Hipster zu erkennen. Die Soziologen Andreas Spengler und Tobias Waldmann bewerten seinen Drang nach Individualisierung in unserer neoliberal geprägten "Selbstkontrollgesellschaft" als angepasst und somit als einen Teil von ihr. Als Ethikerin stellt sich für mich darüber hinaus die Frage, ob die Individualität des Hipsters anderen moralisch wertvolleren Maßstäben unterworfen ist, als der wirtschaftlich ausgerichtete Mainstream.

2. Oktober 2015

10 Gründe, warum Facebook schlecht für uns ist

Es gibt immer genug Rumgeheule über die heutige Zeit, die Medien, die Jugend und warum alles immer schlechter wird. Heute ist es das Internet, früher war es das Fernsehen, davor das Theater, der Roman und ganz früher die Schrift überhaupt. Ich halte das für blöden Kulturpessimismus, der die wahren Entwicklungen der Menschheit verkennt und sich nach einem besseren Früher sehnt, das es nie gab.

Wir erleben die Welt nur noch für den sozialen Wettbewerb auf Facebook (Bild gemeinfrei unter CC0)

Dennoch gibt es Dinge, die genuin schlecht sind. Dinge, denen ich nichts gutes abgewinnen kann und von denen ich jedem abrate, der es hören möchte: Facebook ist solch ein Phänomen. Ich halte das Internet und auch die meisten sozialen Netzwerke für eine Revolution und eine riesengroße kulturelle Leistung mit positivem Potential. Mit Ausnahme von Facebook. Das ist einfach nur schlecht für uns und hier sind die Gründe:

28. September 2015

Wann ist unsere Arbeit sinnvoll?

Warum der Arbeitsplatz für uns an Bedeutung gewinnt

Allerorten werden Sinnkrisen ausgemacht: Im Privatleben, im gesellschaftlichen Miteinander, in der Politik und natürlich in der Arbeitswelt. Wir haben uns an düstere Bilder gewöhnt und ein Gefühl gewonnen, dass man da nichts machen kann. Das Verschwinden Gottes, all der Rituale und der Religion als Bindemittel zwischen Individuen und Gruppen ist ein naheliegender Grund für einen zunehmend gefühlten Sinnverlust. Eine Reduzierung unserer Lebenswelt auf Datenoberflächen und virtuelle Freunde ist ein anderer. Und im Philosophie Magazin können wir nun lesen, wie der Sinn auch aus der Arbeit zu fliehen scheint. Ich glaube, dass das nicht so ist oder wenigstens nicht so sein muss. Wenn man weiß, wie Menschen "Sinn" erleben, nämlich im Eingespanntsein von Beziehungen und Zusammenhängen, dann kann es wirklich nicht verwundern, dass ein Verschwinden und eine Virtualisierung solcher Beziehungen dazu führen kann, dass wir unsere Welt als weniger sinnvoll erleben. Gerade unsere Arbeit kann aber starke Beziehungen zu anderen Menschen und Zusammenhänge zu übergeordneten Zielen herstellen. Ein Arbeitsplatz heute, so könnte man argumentieren, ersetzt gewissermaßen andere soziale Räume, die uns zuvor mit Sinnbeziehungen versehen haben.

Soweit muss es doch nicht kommen...

19. September 2015

Utopisch wie Natur sein kann

Schönheit führt zu Liebe und Liebe führt zu Verantwortung

Takashi Amano: 40 Meter Naturaquarium, die ins Herz treffen (alle Fotos von Gilbert Dietrich)

Im August dieses Jahres starb der wohl leidenschaftlichste Aquarianer unserer Zeit Takashi Amano (Naturaquarien: Das komplette Werk 1985 - 2009) im Alter von nur 61 Jahren. Gerade noch rechtzeitig wurde seine Installation The Tropical Paradise im Oceanário de Lisboa in Portugal fertig. Dieses 40 Meter lange und wie ein flaches U geformte Aquarium stellt einen Flusslauf nach und ist das größte angepflanzte Naturaquarium der Welt. Letzte Woche sah ich mir dieses Wunderwerk der Naturinstallation in Lissabon an.

16. September 2015

Das Leben siegt immer... und der Tod auch

Vor der Stille der Sturm von Wallace Stegner

In den letzten zwei Wochen habe ich mir eine Online-Auszeit gegönnt und es wirklich genossen. Auf Facebook hatte ich ein paar Beiträge im Voraus geplant, sodass ohne mein Zutun wenigstens ein bisschen was an meine Leser dringt. Es war schön, einmal ohne selbst aktiv zu sein, nur zu lesen, am Strand zu liegen und ein neues Land kennen zu lernen. Eines der Bücher, die ich las war Wallace Stegners Vor der Stille der Sturm (im Origial: All the Little Live Things). Diese Erzählung hat mich wirklich beeindruckt und mitgenommen. Sie hätte wohl eigentlich eine Novelle werden sollen, denn am Anfang und am Ende stehen geradezu unglaubliche Begebenheiten, währen der Text in der Mitte nur so mit Gesprächen, Gedanken und kleinen Konflikten am Leben gehalten wird. Gerade die letzten Kapitel des Buches gehören jedoch zum besten und atemberaubendsten, das ich je gelesen habe. Kurz gefasst geht es um die junge Mutter Marian, die ein zweites Kind erwartet und gleichzeitig mit Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs im Sterben liegt. Sie verwehrt jegliche Chemo- und Strahlentherapie, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden. Es ist ein Wettlauf - buchstäblich - um Leben und Tod. Dass der Tod dabei siegen wird, ist nie auch nur eine Sekunde unklar. Aber wird das Leben wenigstens ein kleines bisschen siegen? Das ist das große Thema der Erzählung: Das Leben siegt immer... und der Tod auch. Marian sagt in einem der vielen philosophischen Gespräche mit dem Erzähler:

"Es stimmt, der Tod muss in der Welt sein. Sterben ist so natürlich wie geboren werden. Wir sind alle ein Teil dieses großen Pools des Lebens und wir schulden der Welt den Raum, den wir einnehmen und die Chemikalien, aus denen wir gemacht sind. Sobald wir zugeben, dass das keine Abstraktion ist, sondern etwas, das wir persönlich schulden, sollte es nicht mehr so schwer sein." (von mir aus dem Englischen übertragen, S. 287)

Stegner hat ein Buch geschrieben, das einem alles lehren kann, was man zum Leben wissen muss: AUGEN AUF UND DURCH, könnte man sagen. Es wird immer wieder höllisch schmerzen und gleichzeitig ist es das beste, was uns widerfahren kann. Es gibt kein gutes Leben ohne Leid und Tod. Ich empfehle eine Online-Auszeit und Vor der Stille der Sturm.

29. August 2015

Zurück auf den Baum: Alle machen alles

HR abschaffen oder mitnehmen oder was?

Hiermit beteilige ich mich an der Blogparade #BeyondDigitalHR. Ich mag solch Ketten-Bloggen nicht besonders, aber nach der Lektüre einiger Beiträge fühle ich mich doch herausgefordert.

23. August 2015

Vom Leben, das wir nicht gelebt haben

Das, was wir nicht werden konnten, macht uns zu dem, was wir sind

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich blicke schon öfter auf mein Leben, auf mich heute und bedaure, wie durchschnittlich das alles ist. Ich bin nichts besonderes. Es ist sicher irgendwie kindisch, aber ich wäre gern ein Rockstar geworden oder der berühmteste Maler unserer Zeit oder Literaturnobelpreisträger. Statt dessen arbeite ich jeden Tag in einer Firma irgendwo in Berlin. Aber noch quälender und daher auch viel wichtiger als meine Berühmtheitsfantasien ist die Frage, was eigentlich gewesen wäre, wenn...

Egal wie bunt und aufregend, es geht immer nur im Kreis... (Creative Commons C00)

An einem Punkt in meinem Leben stand ich vor der Entscheidung, entweder das Abitur zu machen oder eine Stelle in der Prignitz anzutreten, wo ich im Naturschutz arbeiten und zunächst Horste von Fischadlern observieren und schützen sollte. Oft denke ich daran und bedaure, dass ich kein Leben näher an der Natur führe, es fehlt mir. Oder: Wer wäre ich jetzt, wenn ich damals vor 12 Jahren nicht aus den USA zurückgekehrt wäre, sondern dort eine Doktorandenstelle angetreten hätte? Oder warum habe ich damals nach den vielversprechenden Anfängen im Studium nicht alles gegeben, um es zu Erfolg in der Fotografie oder der Schriftstellerei zu bringen?

18. August 2015

Wo Leistungsträger sich Scheiße fühlen

Nicht das Amazon, das wir kennen?

In der New York Times erschien nun gerade der Artikel, auf den doch schon alle gewartet haben: Amazon als großer feuchter Traum des Konsumbürgers ist ein Alptraum (Stern.de) für alle anderen, insbesondere für die, die dort arbeiten müssen. Vom Verheizen und von Ausbeutung (Süddeutsche) ist die Rede. Und dabei geht es mal nicht "nur" um die Logistik-Angestellten, sondern um die sogenannten Wissensarbeiter in der IT, im Marketing und Vertrieb.

Arbeitgeber-Image und Realität sind verschiedene Dinge (Quelle: Amazon)

8. August 2015

Warum wir unserer Intuition misstrauen sollten

Oft denken wir, wir seien gute Menschenkenner, genaue Beobachter oder besonders scharfsinnig. Psychologen jedoch sagen uns, dass wir nicht annähernd so gut funktionieren, wie wir meinen.

In ihrem neuen Buch Der unsichtbare Gorilla: Wie unser Gehirn sich täuschen lässt haben Dan Simons, Professor der Psychologie an der University of Illinois und Christopher Chablis vom Union College die Funktionsweise unseres Gehirns bei der Verarbeitung visueller Reize untersucht. Die beiden Psychologen sind besonders daran interessiert, wie das, was wir sehen, unsere Selbstwahrnehmung beeinflusst. Das Buch geht dabei sechs alltäglichen Illusionen über uns selbst auf den Grund, die unser Leben grundlegend beeinflussen. Die Autoren meinen, wir unterlägen Illusionen hinsichtlich unserer Aufmerksamkeit, unseres Erinnerungsvermögens, unseres Selbstbewusstseins und Wissens, Illusionen über Ursachen und Wirkung und Illusionen hinsichtlich unseres eigenen Leistungsvermögens.

2. August 2015

Wie finden wir ein Leben, das für uns richtig ist?

Kleine Lektionen in individueller Lebenskunst

Wir leben in einer Zeit, die uns vieles ermöglicht, wenig definitives von uns verlangt, einiges an subtilen Druck ausübt und gerade deshalb viele von uns etwas desorientiert durchs Leben irren lässt. Was wollen wir wirklich erreichen und was wird uns über Sozialisation und Werbung als erstrebenswert verkauft? Wir entwickeln irgendwie ein Verlangen nach einem authentischen Ziel im Leben, aber oft lässt sich das nicht entdecken. Und das frustriert viele von uns. Der Philosoph Wilhelm Schmid meint nun, dass auch das ziellose "In-den-Tag-hinein-leben" eine mögliche Form der Existenz sei. Manche brauchen große Ziele, manchen helfen mittelfristige Ziele, andere wieder können ganz gut ohne Ziele leben, segeln auf Sicht und bewältigen das, was ihnen gerade begegnet. Es gibt also kein Rezept für jeden, kein Ziel für jeden. Wir müssen durch Selbsterkenntnis verstehen lernen, was uns antreibt. Wenn es gelingt, kann man das Lebenskunst nennen.

"Anders als viele Menschen glauben, ist die Lebenskunst nicht auf ein bestimmtes Leben festgelegt, sondern besteht darin, sich selbst darüber klar zu werden, was für einen selber das erfüllte Leben sein kann. Und das kann sehr unterschiedlich sein!" (Schmid, Philosophie Magazin Nr. 05/2015, S. 64)

Man muss diesen Gedanken sogar noch erweitern, indem man feststellt, dass es auch für einen selbst nicht nur eine Möglichkeit eines erfüllten Lebens gibt, sondern eine Reihe von Alternativen. Der Mensch ist das nicht festgestellte Tier, das offene Wesen, das sein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann und dabei eine Auswahl unter verschiedenen Möglichkeiten treffen muss.

26. Juli 2015

Was stimmt mit unserem Lebensglück nicht?

Drei grundlegende Denkfehler in unserer Philosophie vom Glück

Für Aristoteles war klar, dass alle Menschen glücklich sein wollen, ja dass das Glück das höchste Ziel des menschlichen Lebens sei. Lediglich worin dieses Glück bestehe, sei nicht unmittelbar klar. Seit der Antike haben sich ein paar Missverständnisse in unsere Auffassung von Glück eingeschlichen, die uns nun auf die Füße fallen. Auch wenn für Aristoteles selbst das Glück sich durch ein ethisches Leben, also durch gutes, tugendhaftes Handeln und in geistiger Betätigung manifestiert und mit vordergründigen Zielen, einer Karriere oder gar materiellen Gütern nichts zu tun hat, ist es doch gerade das Missverständnis vom Glück als individuelle Zielerreichung, das sich in unserem Verständnis von Lebensglück durchgesetzt zu haben scheint.

Lebensglück: Was können wir von China lernen? (Bild: gemeinfrei)

18. Juli 2015

Mit Hans Fallada in Carwitz

Meine poetische Reise in die Feldberger Seenlandschaft

Hans Fallada ist der Schriftsteller, der mich bereits seit meiner Kindheit begleitet. Mein Vater las mir immer wieder aus meinem Lieblingskinderbuch Fridolin, der freche Dachs vor. Und als ich irgendwann zu alt wurde, las ich selber das Buch wieder und wieder. Was mich am meisten faszinierte, war das geschilderte Landleben, die Einfachheit, die Natürlichkeit, die kleinen und großen Tragödien des Lebens vor der mecklenburgischen Landschaft. Fallada schuf so etwas wie eine Heimat für mich, er weckte mein Interesse für die nordostdeutsche Flora und Fauna. Alles, was mir seitdem in den brandenburgischen und mecklenburgischen Wäldern begegnete, sah ich mit den Augen, die mir Hans Fallada durch sein Kinderbuch gegeben hatte.

Das Hans Fallada Haus mit Garten in Carwitz
Das Hans Fallada Haus mit Garten in Carwitz (Fotos: Gilbert Dietrich)

Später las ich auch Falladas Erwachsenenbücher Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, Kleiner Mann - was nun? oder Bauern, Bonzen und Bomben. Am Ende war Falladas geniale Erzählweise, die von ihm entwickelten Romanwelten, die den süchtigen Leser verschlingen, sicher mitschuldig, dass ich neben Philosophie auch die deutsche Literatur studierte.

8. Juli 2015

Das kontemplative Leben ist ein aktives Leben


Simone Campbell befragt. Campbell ist Nonne, Rechtsanwältin und sie praktiziert Zen-Meditation. Bekannt geworden ist sie in den USA durch "Nuns on the Bus". Diese Gruppe von Nonnen ist im Bus durchs Land gefahren, um auf Armut, Geringverdiener, Obdachlose und andere Benachteiligte aufmerksam zu machen. So richtig gefallen hat das dem politischen Amerika nicht, denn obwohl alle ständig Gott und Jesus im Munde führen, ist ihre Politik doch eher am Profit der wenigen ausgerichtet, als an den Tugenden und Leitsätzen irgend einer Religion.


 

2. Juli 2015

Besitzen, als besäße man nicht

Ein Interview zur Spannung zwischen Freiheit und Eigentum

Thomas Gutknecht, Philosoph, Theologe, Germanist und Psychologe, wurde 1953 in Stuttgart geboren und ist seit 2003 ist er Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis. Er selbst praktiziert in dem von ihm 1991 gegründeten Logos-Institut. Themenschwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem Aspekte der Lebenskunst, Fragen nach Sinn und Glück, Philosophie der Zeit, der Gesundheit, der Religion sowie Theoriefragen der Philosophischen Praxis. Das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42 hat dem Philosophen für die neue Ausgabe "Besitz und Eigentum" einige Fragen dazu gestellt, was Besitz eigentlich für ein geglücktes Leben bedeutet.

Thomas Gutknecht: Die Mitte ist etwas sehr Spannendes (Foto: Janusch Tschech)

agora42: Viel zu besitzen, wird heute überwiegend als etwas Positives angesehen. Für den Philosophen Diogenes von Sinope bestand die richtige Lebensweise hingegen darin, allem Materiellen zu entsagen. Er soll in einem Fass gewohnt und selbst noch seinen Becher weggeworfen haben, als er ein Kind aus den Händen trinken sah. War er ein Spinner?

28. Juni 2015

E-Mail-Machtspiele: Was unser Schreibstil über uns verrät

Die Macht, die keine Macht mehr nötig hat

E-Mails sind überall, besonders auf der Arbeit. Und sie sind nicht der einfachste Weg zu kommunizieren. Die E-Mail hat alle Nachteile der schriftlichen Kommunikation - man kann beispielsweise die Stimmung nicht hören oder in der Mimik sehen - andererseits grenzt sie eng an Kurzmitteilungen, wie wir sie aus SMS, ICs und ähnlichen Formaten kennen. Diese Kurzmitteilungen wiederum sind eher dem mündlichen Austausch verwandt, als zum Beispiel dem Briefeschreiben. Daher auch die Smilies und die kurze Dialogform (jeder kennt inzwischen das manchmal endlose What's App Ping Pong mit Emoticons).

Ich selbst habe meine Schwierigkeiten mit der Ambivalenz der E-Mail. Lange Zeit widerstrebten mir Smilies, ich empfand sie als kindisch. Inzwischen finde ich, dass sie helfen können, die fehlenden non-verbalen Signale wie Stimmlage oder Gesichtsausdruck zu kompensieren. Ich bin nicht immer ganz sicher, ob meine E-Mail eine Anrede haben soll und ob ich sie mit "MFG" oder "Mit freundlichen Grüßen" oder gar nicht unterschreiben soll. Und dann die Zeichensetzung...?! Ich bin ein Freund von Punkt. Fragezeichen finde ich manchmal auch sinnvoll, aber Ausrufezeichen versuche ich zu vermeiden.

21. Juni 2015

Islam für Dummies?

Zusammenhänge zwischen Koran, Islam und Islamismus

Das Philosophie Magazin versucht sich in seiner Sonderausgabe zum Koran an einer Aufklärung. Aus schierer Unwissenheit würden Islamisten und Islamkritiker den Koran - das schwer zugängliche Gebetsbuch der Muslime - für ihre Zwecke in Anschlag bringen. Tatsächlich gelingt es dem Magazin hervorragend, die Schwierigkeiten des Textes zu erläutern. Die fangen schon damit an, dass es als Gebetsbuch nicht zum Gesetzestext taugt, also Regeln zum Verhalten daraus eigentlich nicht ableitbar sind. Leider gehören nur die wenigsten Islamisten zur Leserschaft von Philosophie Magazinen und die Islamkritiker dürften sich eher bestätigt fühlen, durch das, was sie in dieser Sonderausgabe lesen.

Vorm Karstadt Reisebüro: Hier kann jeder seine Auffassungen bestätigt finden (Bildlizenz: CC BY 2.0)

Der Koran selbst, seine Form und sein Inhalt, bietet offenbar zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für liberale Muslime genauso wie für Fundamentalisten und Islamisten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Text ein Sammelsurium von verschiedensten Versen aus verschiedensten Strömungen und Regionen ist, die in keinerlei kohärentem Zusammenhang stehen, sondern sich sogar inhaltlich widersprechen. So kann im Grunde jeder seine eigenen Auffassungen bestätigt finden. Sowohl die Religionsfreiheit kann man im Koran begründet finden, wie auch die Aufforderung, alle Ungläubigen mit dem Schwert hinzurichten. Frauen zu unterdrücken und sogar zu schlagen, wird genauso legitimiert, wie gleichzeitig eine absolute Gleichberechtigung durch das Prinzip der Einheit im Koran gefordert wird. Und Rationalismus und Mystizismus stehen im Koran genauso in einem Spannungsverhältnis wie Aktivität im Namen Gottes und Passivität im vorgezeichneten Schicksal.

17. Juni 2015

Vom Gegenteil der Weisheit

Drama und emotionale Reife

Wir kennen sie von uns selbst - die Sucht nach Drama. Jeder hat das hin und wieder. Es scheint mir sogar oft so, dass wir alle immer unreifer, dramatischer und ungeduldiger werden. Wenn mal irgend etwas nicht klappt, dann fühlen wir uns gleich persönlich angegriffen. Mal auf etwas warten zu müssen oder mal nichts zu tun, das hält heute niemand mehr aus. Wir brauchen den konstanten Sog der Ereignisse, den Strom der Informationen und die dauernde Verbindung, damit wir uns im Schein der Anderen selbst vergewissern können. Ohne Drama im Alltag fühlen wir uns leblos.

Drama jedoch ist das Gegenteil von Weisheit. So wie der weise Mensch gelernt hat, in Ausgeglichenheit zu leben, so schwer fällt es manch anderen, Ruhe und Zufriedenheit zu finden.


Jeder von uns kennt jemanden, dessen ganzes Leben komplett von Drama durchzogen zu sein scheint. Immer ist irgend etwas: Sie meinen, dass sie nicht verstanden werden, dass sie nicht bekommen, was sie verdient haben, dass es jemand auf sie abgesehen hat, dass eine Verschwörung im Gange sei oder dass sie permanent gemobbt würden. Die Welt scheint für solche Menschen nur dann komplett, wenn sie sich darüber echauffieren können, wie falsch und imperfekt alles ist, wie gemein und unfair sie behandelt werden.

7. Juni 2015

Unconscious Bias: Vorurteile in einer aufgeklärten Welt

Wie uns unbewusste stereotype Entscheidungen täglich behindern

Es scheint, dass unsere psychologische Geschichte vor allem ein Zurückdrängen des Unbewussten ist und damit ein Ausweiten von Bewusstsein. Wir sind inzwischen darüber aufgeklärt, dass man Menschen nicht wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder ihres Geschlechts benachteiligen oder gar unterdrücken darf. Das Verb "darf" ist in diesem Zusammenhang wichtig. Denn diese Aufklärung ist nicht zurückführbar auf unsere Natur oder unsere eigenen Interessen und Vorlieben, sondern sie ist eine Übereinkunft, ein gesellschaftliches Gesetz, dem wir uns "trotz allem" unterwerfen.

Egal wo du arbeitest, was deine Hautfarbe, dein Geschlecht ist? Nein, nicht egal!

29. Mai 2015

Seneca und die Philosophie der Kürze des Lebens

Das Aufschieben des Lebens ist sein größter Verlust

"Nur einen kleinen Teil des Lebens leben wir. Die ganze übrige Dauer ist ja nicht Leben, sondern bloß Zeit." Seneca - De brevitate vitae (Link zu Amazon)

Seneca im Museo del Prado, fotografiert von Jean-Pol GRANDMONT (Lizenz: CC BY 3.0)

Schon vor zweitausend Jahren fiel Seneca auf, dass erwachsene Menschen in ihrer Geschäftigkeit das Leben auf später verschieben, wenn sie 50 oder 60 sind. Nicht im Moment zu leben, das heutige Leben nicht ausreichend zu würdigen und es zu bereuen, wenn zu spät ist, ist kein neues Phänomen. Neu ist vielleicht, dass heute wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch genug ist, das Rentenalter auch zu erreichen. Zu Senecas Zeiten haben nur die Glücklichsten dieses Alter erreicht.

26. Mai 2015

Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert

Eine Rezension zu Burnout Kids von Erich Feldmeier

Dieses Buch (Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert) von Michael Schulte-Markwort ist ein Muss! Für alle! Schulte-Markwort thematisiert in seinem Buch die "Traumatisierung der Kriegsgeneration, die Bankrotterklärung des Schulsystems und die maximale Ökonomisierung bis in den letzten Familienwinkel hinein." Und dem Lektorat des Pattloch-Verlags gebühren 5 Sterne für das prägnante Nachwort, das eine schonungslose und überaus gelungene Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft liefert und eine großartige Zusammenfassung des Buches ist.

Schulte-Markwort stellt sich unmissverständlich in den Dienst der heutigen Jugend, die Kinder und Jugendlichen sind ihm ein echtes Anliegen. Aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrungen in der Kinder- und Jugend-Therapie musste er zur Feder greifen. Er betont, daß er lange gezögert hat, dieses Buch zu schreiben, weil er glaubte nicht die richtigen Worte zu finden. Statt Hysterie, Anprangern und einseitige Schuldzuweisungen möchte er eine weitreichende und radikale Diskussion anstoßen ohne dabei pauschal (digitale) Medien, das Leistungs-Prinzip an sich oder gar 'den Kapitalismus' zu verteufeln. Er warnt vor Idealisierungen und romantischen Vorstellungen, etwa daß ‘früher alles besser’ war, denn - so der Autor - eine Idealisierung ist immer auch ein Abwehrmechanismus, und verhindert die Konfrontation mit der Realität.

18. Mai 2015

Warum schlecht geführte Unternehmen aussterben

Führungskultur wird zum messbaren Muss einer jeden Firma

Typisch deutsche Startups haben nicht nur Probleme, wenn es darum geht, richtig mit eingeworbenen Finanzen umzugehen, sie sind oft auch inkompatibel mit den Ansprüchen, die internationale Investoren an die Führung der Unternehmen haben. Besonders, was den Umgang mit Personal, die strategische Weitsicht und diverse Compliance-Themen angeht, scheinen deutsche Firmengründer oft von hinter dem Mond. Ich habe gesehen, wie Firmen auf Investorensuche genau daran gescheitert sind: Schlechter Ruf bei Kunden und Mitarbeitern, keine Führungskultur, rabiater Umgangston, vernachlässigte interne Systeme und eine vernachlässigte Personalentwicklung... dafür legt niemand das Geld auf den Tisch, dass sich die Gründer erträumt hatten.

Gerade haben wir auf dem Startup Camp Berlin noch drüber gesprochen... Führungskultur schlägt alles.

10. Mai 2015

Im fortwährenden Sturz nach allen Seiten

Politik als ausgeweiteter Pannendienst


Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Friedrich Nietzsche

Wer wundert sich nicht zunehmend, dass die von uns gewählten Politiker lange nicht mehr die Gestalter zu sein scheinen, die wir uns gewünscht haben? Anstatt Zukunftsvisionen zu entwerfen und die für den Fortschritt legislativen Spielräume zu gestalten, scheint die Politik nur den gerade noch eben selbst gemachten Problemen wie Flüchtlingskatastrophen, Klimawandel und Schuldenpolitik hinterher zu laufen. Überall lodernen Problemherde auf und die Politik wirkt wie eine überforderte Feuerwehr, die von einer zur anderen Brandstelle eilt, um das Feuer auszutreten. Warum ist das so? Und kann man Feuer mit Feuer bekämpfen? Herkules konnte das.

John Singer Sargent: Herkules und die Hydra (Bild: 1921, gemeinfrei)

3. Mai 2015

Margaret Wertheim: Magierin der Zahlen und Körper

Was sagt uns ein gehäkeltes Korallenriff?


"Vier Berge werden zerfallen,
vier Zivilisationen werden untergehen,
vier Äpfel werden verrotten...
Vier ist FÜR IMMER."

In ihrer wunderschönen Radioshow "On Being" hat Krista Tippett die Physikerin Margaret Wertheim interviewt. Wertheim ist dafür bekannt, dass sie sich zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Christine den ästhetischen Randgebieten der Wissenschaften verschrieben hat. So studiert sie zum Beispiel die Nicht-Euklidische Geometrie mit ihren hyperbolischen Formen, die man in Korallen und Seeschnecken finden kann. Sogar beim Häkeln finden sie einen Zusammenhang zu diesen Kreaturen, denn auch hier gibt es die nicht-euklidischen Krümmungen. Häkeln ist tatsächlich die einzige Art, wie man hyperbolische Geometrie im Alltag - also ohne Computermodelle etc. - erzeugen kann. Mit einer Ausstellung von riesigen gehäkelten Korallenriffen haben die Schwestern auf die Folgen der Erderwärmung für die Korallenriffe unseres Planeten aufmerksam gemacht. Aber auch sonst ist die Physikerin eine bemerkenswerte Zeitgenossin, von der wir mindestens lernen können, wie wir trotz aller Dualität das Universum als ein Ganzes lebend erfahren können.


Hyperbolische Strukturen am Meeresgrund (Iridogorgia Koralle - Bild gemeinfrei)