30. Oktober 2015

Warum wir das Eine wollen und das Andere tun

Modulare Theorie zwischen Shakespeare, VW und Deutscher Bank

Erich Feldmeier (Institut für Querdenkertum und Innovation) erklärt uns in diesem Artikel mit Beispielen aus der Literatur, Politik und Wirtschaft, warum wir gegen unsere eigenen Überzeugungen handeln.

Romeo und Julia stammten aus zwei verfeindeten Familien, besser Sippen. Romeo stammte aus der Familie der Montagues und Julia stammte aus der Sippe der Capulets. Das Zerwürfnis ging so weit, dass sich Angehörige aus beiden Sippen auf offener Straße bekämpften, sobald sie einander gewahr wurden. Gleichzeitig gelten Romeo und Julia als das romantische Liebespaar schlechthin. Shakespeare hat uns damit ein zeitloses Stück Alltags-Philosophie hinterlassen und das berühmteste Liebespaar der Welt genießt bis heute eine ungebrochene Popularität in Filmen und Aufführungen. Was bedeutet diese so tragische und schwierige Konstellation eigentlich sozial-psychologisch für uns?

27. Oktober 2015

Der wahre Ödipuskomplex

Wie Väter die Tragik unserer Zivilisation in Gang setzten

In seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit versucht Peter Sloterdijk den Übergang von der Tradition in die Moderne anhand eines ausgeschlagenen Erbes darzustellen: Die Kinder scheren sich nicht mehr um die Traditionen ihrer Ahnen, sie schlagen das gesellschaftliche Erbe zu Gunsten einer radikalen Freiheit aus. Freiheit ist immer Freiheit von etwas oder Freiheit zu etwas. In diesem Fall ist Freiheit beides: Freiheit von der Sitte und Freiheit zu einer offenen und unbestimmten Zukunft. Traditionen werden durch Trends ersetzt. Das ist gewissermaßen das Charakteristikum der Moderne: die Mode (Nachahmung des Neuen) löst die Sitte (Nachahmung des Alten) ab. Das Alte, die Traditionen, die Ahnen, die Götter verlieren ihre Gewalt, aber auch ihre bindende Kraft über die Gesellschaft. Ja, es droht sogar ein Abreißen des Informationsflusses zwischen uns und der Geschichte, weil der Medienbruch zwischen der alten und der neuen Schriftkultur so einschneidend ist, wie seit Gutenberg nicht mehr.

Ödipus (einmal als Kind und dann erwachsen) und Iokaste (Penn Provenance Project CC by 2.0)

Wir sind es gewohnt, den Verstoß gegen die Sitten bei den Kindern zu verorten. Sie halten sich nicht an die althergebrachten Regeln, sie ziehen sich komisch an, spielen verrohende Spiele und hören nervtötende Musik. Das ist natürlich zuallererst ein gesellschaftlicher Evolutionsbeschleuniger, der tradiertes auf die Probe stellt, bewährtes weiterführt und veraltetes in Vergessenheit geraten lässt. Das hält die Zivilisationen frisch und bringt neues hervor. Was sich nun aber seit über 2000 Jahren anbahnt und seit über 200 Jahren deutlich beschleunigt, ist ein kompletter Abriss jeglicher Tradition und damit - so würden Kulturpessimisten sagen - die totale Trivialisierung der menschlichen Existenz und ein Herausfallen aus historischen und heutigen gemeinschaftlichen Sinnzusammenhängen.

24. Oktober 2015

17 Wege, um anhaltend schlecht gelaunt zu sein

Weisheit im Alltag und ihr Gegenteil

Es ist ziemlich einfach, das gesamte Leben lang schlecht gelaunt zu sein oder gar in blinder Wut zu verbringen. Einfach und gleichzeitig aber sehr schwer. Existieren ist eben oft auch eine Zumutung, kein Wunder, dass wir schlechte Laune kriegen.

Ist es aber nicht sehr traurig, die kurz bemessene Lebenszeit mit gut eingeübter Unzufriedenheit zu verbringen? Ich sehe das bei vielen Leuten: Alles um sie herum nervt, aber sie verstehen die eigentlichen Gründe dafür nicht. Der Philosoph Alain de Botton, Autor zahlreicher Gebrauchsanweisungen (Nachrichten, Arbeit, Reisen, Architektur und Literatur), ist in seiner School of Life den kleinen und großen praktischen Weisheiten des Lebens auf der Spur. Er setzt damit eine alte Tradition fort, die das Führen des Lebens als eine Kunst begreift, die erlernt werden kann. In seinem humorvollen Video "How to Get Angry a Lot" (siehe unten) macht er eine Liste von typischen Überzeugungen und Verhaltensweisen auf, die uns ein Leben in Ärger, Sorge und Unlust garantieren. Wie stellt man also sicher, dass man anhaltend schlecht gelaunt ist?

17. Oktober 2015

Die Unsterblichkeit der Sterblichen

Ein Gastartikel von Daniel Horn

In einem Kommentar zum Artikel Das Leben siegt immer... und der Tod auch schreibt ein anonymer Leser: "Das Sich-nicht-Überleben kann ein Neuanfang sein, in einem neuen Wesen das ebenso (...)  in sein Dasein geworfen wird, wie wir es wurden. Ein radikaler Neuanfang, ohne 'nochmal von vorn' zu beginnen - der existenziale Sprung in das Nichts. Aber nicht in das immerwährende Wegsein." Der anonyme Leser war Daniel Horn und heute schreibt er davon, wie das "ich" in einem Leben nach unserem Tod auch ohne Gott und Magie einen neuen Anfang findet. Und was bedeutet das für unser Handeln heute, was folgt moralisch daraus?

Kommt da noch was? Und ob! (Bild gemeinfrei nach CC0)

13. Oktober 2015

Faul sein, heißt klug sein

Zwischen Paradies und Todsünde

Meine Faulheit ist der gelebte Pazifismus
gegen mich selbst, denn wer steht dem Bedürfnis
nach dem Faulsein besonders effektiv im Wege? Man selbst. 
(Michael Magercord)

Meine Frau bezeichnet mich oft als faul. Ich sitze zum Beispiel auf der Couch und schreibe einen Artikel für den Blog. Sie hantiert in der Küche, backt einen Kuchen, kocht Suppe oder beseitigt die Spuren ihres Hantierens. Lassen wir mal beiseite, wie erschreckend stereotyp das ist, wie wenig wir die Geschlechterrollen bisher gebrochen haben... Sie wirft mir also vor, ich sei faul. Ich sage dann: Aber Schatz, mach doch, was dir Spaß macht. Ich bin nicht faul, ich mach einfach nur das, was ich gerade machen will. Dann sagt sie: Aber du willst doch auch essen und du liebst meinen Kuchen und meine Suppe. Ja, das stimmt, sage ich dann, aber das heißt doch nicht, dass du das jetzt machen musst und mich dafür als faul bezeichnen kannst. Wenn du keine Suppe und keinen Kuchen machst, dann liebe ich dich kein bisschen weniger. Der letzte Satz kann je nach meiner Gereiztheit auch lauten: Weißt du, bevor ich dich kannte, habe ich auch schon Kuchen und Suppe gegessen, ohne dafür als faul bezeichnet zu werden.

Warum ist die Faulheit so tief in uns verwurzelt? (Bild gemeinfrei nach C00)

8. Oktober 2015

Hip, hip, Hipster

Immer da sein, wo vorne ist: das Paradox des Andersseins

Wenn Sie in einer Großstadt wohnen oder vor kurzem mal in einer vorbeigeschaut haben, dann haben Sie ihn auch gesehen... Das war kein studierter Holzfäller, sondern ein sogenannter Hipster. Madeleine Hugai studiert Umweltethik in Augsburg und hat sich für Geist und Gegenwart soziologisch mit dem Phänomen Hipster befasst. Wie lässt sich diese Subkultur - wenn es überhaupt eine ist - aus moralischer Perspektive betrachten? Und welche Veränderungspotentiale ergeben sich - wenn überhaupt - aus dem Phänomen Hipster für unsere Gesellschaft?


Der Hipster als Street Art (von F CK)

Vintage-Kleidung, große Brille, enge Hose, Jutebeutel, Rennrad oder Fixie: Klischeehafte Merkmale eines gewollt nachlässigen, aber doch modebewussten Stils. Hier genügt ein kurzer Blick, um den Hipster zu erkennen. Die Soziologen Andreas Spengler und Tobias Waldmann bewerten seinen Drang nach Individualisierung in unserer neoliberal geprägten "Selbstkontrollgesellschaft" als angepasst und somit als einen Teil von ihr. Als Ethikerin stellt sich für mich darüber hinaus die Frage, ob die Individualität des Hipsters anderen moralisch wertvolleren Maßstäben unterworfen ist, als der wirtschaftlich ausgerichtete Mainstream.

2. Oktober 2015

10 Gründe, warum Facebook schlecht für uns ist

Es gibt immer genug Rumgeheule über die heutige Zeit, die Medien, die Jugend und warum alles immer schlechter wird. Heute ist es das Internet, früher war es das Fernsehen, davor das Theater, der Roman und ganz früher die Schrift überhaupt. Ich halte das für blöden Kulturpessimismus, der die wahren Entwicklungen der Menschheit verkennt und sich nach einem besseren Früher sehnt, das es nie gab.

Wir erleben die Welt nur noch für den sozialen Wettbewerb auf Facebook (Bild gemeinfrei unter CC0)

Dennoch gibt es Dinge, die genuin schlecht sind. Dinge, denen ich nichts gutes abgewinnen kann und von denen ich jedem abrate, der es hören möchte: Facebook ist solch ein Phänomen. Ich halte das Internet und auch die meisten sozialen Netzwerke für eine Revolution und eine riesengroße kulturelle Leistung mit positivem Potential. Mit Ausnahme von Facebook. Das ist einfach nur schlecht für uns und hier sind die Gründe:

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