29. Mai 2015

Seneca und die Philosophie der Kürze des Lebens

Das Aufschieben des Lebens ist sein größter Verlust

"Nur einen kleinen Teil des Lebens leben wir. Die ganze übrige Dauer ist ja nicht Leben, sondern bloß Zeit." Seneca - De brevitate vitae (Link zu Amazon)

Seneca im Museo del Prado, fotografiert von Jean-Pol GRANDMONT (Lizenz: CC BY 3.0)

Schon vor zweitausend Jahren fiel Seneca auf, dass erwachsene Menschen in ihrer Geschäftigkeit das Leben auf später verschieben, wenn sie 50 oder 60 sind. Nicht im Moment zu leben, das heutige Leben nicht ausreichend zu würdigen und es zu bereuen, wenn zu spät ist, ist kein neues Phänomen. Neu ist vielleicht, dass heute wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch genug ist, das Rentenalter auch zu erreichen. Zu Senecas Zeiten haben nur die Glücklichsten dieses Alter erreicht.

26. Mai 2015

Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert

Eine Rezension zu Burnout Kids von Erich Feldmeier

Dieses Buch (Burnout-Kids: Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert) von Michael Schulte-Markwort ist ein Muss! Für alle! Schulte-Markwort thematisiert in seinem Buch die "Traumatisierung der Kriegsgeneration, die Bankrotterklärung des Schulsystems und die maximale Ökonomisierung bis in den letzten Familienwinkel hinein." Und dem Lektorat des Pattloch-Verlags gebühren 5 Sterne für das prägnante Nachwort, das eine schonungslose und überaus gelungene Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft liefert und eine großartige Zusammenfassung des Buches ist.

Schulte-Markwort stellt sich unmissverständlich in den Dienst der heutigen Jugend, die Kinder und Jugendlichen sind ihm ein echtes Anliegen. Aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrungen in der Kinder- und Jugend-Therapie musste er zur Feder greifen. Er betont, daß er lange gezögert hat, dieses Buch zu schreiben, weil er glaubte nicht die richtigen Worte zu finden. Statt Hysterie, Anprangern und einseitige Schuldzuweisungen möchte er eine weitreichende und radikale Diskussion anstoßen ohne dabei pauschal (digitale) Medien, das Leistungs-Prinzip an sich oder gar 'den Kapitalismus' zu verteufeln. Er warnt vor Idealisierungen und romantischen Vorstellungen, etwa daß ‘früher alles besser’ war, denn - so der Autor - eine Idealisierung ist immer auch ein Abwehrmechanismus, und verhindert die Konfrontation mit der Realität.

18. Mai 2015

Warum schlecht geführte Unternehmen aussterben

Führungskultur wird zum messbaren Muss einer jeden Firma

Typisch deutsche Startups haben nicht nur Probleme, wenn es darum geht, richtig mit eingeworbenen Finanzen umzugehen, sie sind oft auch inkompatibel mit den Ansprüchen, die internationale Investoren an die Führung der Unternehmen haben. Besonders, was den Umgang mit Personal, die strategische Weitsicht und diverse Compliance-Themen angeht, scheinen deutsche Firmengründer oft von hinter dem Mond. Ich habe gesehen, wie Firmen auf Investorensuche genau daran gescheitert sind: Schlechter Ruf bei Kunden und Mitarbeitern, keine Führungskultur, rabiater Umgangston, vernachlässigte interne Systeme und eine vernachlässigte Personalentwicklung... dafür legt niemand das Geld auf den Tisch, dass sich die Gründer erträumt hatten.

Gerade haben wir auf dem Startup Camp Berlin noch drüber gesprochen... Führungskultur schlägt alles.

10. Mai 2015

Im fortwährenden Sturz nach allen Seiten

Politik als ausgeweiteter Pannendienst


Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Friedrich Nietzsche

Wer wundert sich nicht zunehmend, dass die von uns gewählten Politiker lange nicht mehr die Gestalter zu sein scheinen, die wir uns gewünscht haben? Anstatt Zukunftsvisionen zu entwerfen und die für den Fortschritt legislativen Spielräume zu gestalten, scheint die Politik nur den gerade noch eben selbst gemachten Problemen wie Flüchtlingskatastrophen, Klimawandel und Schuldenpolitik hinterher zu laufen. Überall lodernen Problemherde auf und die Politik wirkt wie eine überforderte Feuerwehr, die von einer zur anderen Brandstelle eilt, um das Feuer auszutreten. Warum ist das so? Und kann man Feuer mit Feuer bekämpfen? Herkules konnte das.

John Singer Sargent: Herkules und die Hydra (Bild: 1921, gemeinfrei)

3. Mai 2015

Margaret Wertheim: Magierin der Zahlen und Körper

Was sagt uns ein gehäkeltes Korallenriff?


"Vier Berge werden zerfallen,
vier Zivilisationen werden untergehen,
vier Äpfel werden verrotten...
Vier ist FÜR IMMER."

In ihrer wunderschönen Radioshow "On Being" hat Krista Tippett die Physikerin Margaret Wertheim interviewt. Wertheim ist dafür bekannt, dass sie sich zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Christine den ästhetischen Randgebieten der Wissenschaften verschrieben hat. So studiert sie zum Beispiel die Nicht-Euklidische Geometrie mit ihren hyperbolischen Formen, die man in Korallen und Seeschnecken finden kann. Sogar beim Häkeln finden sie einen Zusammenhang zu diesen Kreaturen, denn auch hier gibt es die nicht-euklidischen Krümmungen. Häkeln ist tatsächlich die einzige Art, wie man hyperbolische Geometrie im Alltag - also ohne Computermodelle etc. - erzeugen kann. Mit einer Ausstellung von riesigen gehäkelten Korallenriffen haben die Schwestern auf die Folgen der Erderwärmung für die Korallenriffe unseres Planeten aufmerksam gemacht. Aber auch sonst ist die Physikerin eine bemerkenswerte Zeitgenossin, von der wir mindestens lernen können, wie wir trotz aller Dualität das Universum als ein Ganzes lebend erfahren können.


Hyperbolische Strukturen am Meeresgrund (Iridogorgia Koralle - Bild gemeinfrei)