26. März 2016

In der Falle des Authentischseins

Die philosophischen Höllen des Byung-Chul Han

Byung-Chul Han ist ein interessanter Philosoph der Gegenwart, einer, dessen Texte ich nicht leiden kann. Gerade deshalb kann ich mich natürlich gut daran reiben und gerade deshalb regen sie mich zum denken an. Warum ich sie nicht leiden kann? Weil sie in Sätzen wie "die Diversität ist eine neoliberale Strategie der Produktion" mit einem ideologischen Furor daherkommen, der sich nicht um Differenzierung bemüht und weil sie in der Aneinanderreihung von Behauptungen deren Begründungsnotwendigkeit schlicht ignorieren. Byung-Chul Hans Texte sind in dieser Hinsicht arrogant und das ist in meinem Verständnis anti-philosophisch. Ideologisch kann man Han deswegen nennen, weil er ohne Interesse an den möglicherweise vielfältigen Zusammenhängen der gesellschaftlichen Phänomene lediglich auf das sogenannte "Neo-Liberale" und den "kapitalistischen Markt" abzielt. Nicht, dass ich damit nicht sympathisiere, aber diese Aspekte allein machen noch keine Realität.

IKEA Katalog: die Konformität des anderen Gleichen

So auch in seinem Text "Der Terror des Andersseins" (Auszüge aus Die Austreibung des Anderen, das im September 2016 erscheinen soll) im neuen Philosophie Magazin. Terror? Wirklich? Ich weiß nicht, aber das ist ein starker Begriff in einer Zeit, in der Terror ganz praktisch bedeutet, dass Leute in den U-Bahnen unserer Städte ihre Beine oder ihr Leben verlieren, in einer Zeit, wo die Gemeinschaften im Ursprungsgebiegt unserer Zivilisation zwischen gierigen Diktatoren auf der einen Seite und fanatischen Glaubenskriegern auf der anderen Seite pulverisiert werden. Han setzt noch einen drauf, wenn er sagt, dass dieser vermeintliche Terror des Andersseins "in die Hölle der Konformität" führe. Lautes Gebrüll für einen teilhabenden Beobachter der Wohlstandsgesellschaften.

20. März 2016

Was könnte das sein, ein wahres Selbst?

Oder wie man sein Tattoo nach innen trägt

Das neue Philosophie Magazin macht mit der Frage auf: "Wer ist mein wahres Selbst?" (Und einem Cover, das diesmal in seiner Offensichtlichkeit jeglichen Witz vermissen lässt.) Mein Professor pflegte bei solchen Anlässen immer zu sagen: "Das ist die falsche Frage!" Wörter wie "wahr" und "das Selbst" sind sehr tückische Wörter, weil sie es zwar in sich haben, aber jeder aus seinem Alltagsverständnis heraus meint, ganz genau zu wissen, was sie bedeuten. Im gemeinsamen Zusammenhang sind solche Wörter natürlich noch tückischer. Ob die Frage, wer mein wahres Selbst sei, überhaupt sinnvoll ist, können wir nur klären, wenn wir wissen, ob es so etwas wie ein wahres Selbst gibt und wenn ja, ob es ein Subjekt gibt (zum Beispiel "ich"), dem dieses "wahre Selbst" zugeschrieben werden kann.

Wahr will in diesem Zusammenhang auf eine Art Kern verweisen, der einem Selbst innewohnt. Was soll dieser Kern sein? Ist es die jeweils eigenartige Weise, auf die jeder Körper mit seinen Organen bis hin zu seinen Fingerabdrücken zusammengestellt ist? Das reicht wahrscheinlich nicht, denn hat solch ein bloßer Körper schon ein Selbst? Und bin ich nicht mehr "ich selbst", wenn ich eine Niere abgebe oder neue Fingerabdrücke transplantiert bekomme? Nein. Ist es mein Erleben, meine Persönlichkeit, die Art und Weise, wie ich denke und mich verhalte? Schon eher ist das gemeint. Und so stoßen wir im Philosophie Magazin auf Begriffe wie "Authentizität" und "Aufrichtigkeit".

13. März 2016

Wir spüren die Monstren des Fortschritts im Nacken

  Wie wir uns sehen (links) und wie es ist (rechts), Bruno Latour, S. 102  

Das Verschwinden von Natur und Kultur in der Hybridisierung

Unser modernes Sein und Denken gehen immer durch zwei Sphären durch, so scheint es: die Natur und die Kultur. Schnell lassen sich Gegensätze aufmachen, wie in den Natur- und Kulturwissenschaften und der modernen gesellschaftlichen Tradition, wonach Dinge durch Wissenschaft und Subjekte durch Politik zu repräsentieren sind. So könnte die westliche Menschheitsgeschichte vereinfacht als Sieg der Kultur über die Natur gesehen werden, denn wir haben uns die Natur durch Technik gefügig gemacht.

Durch Philosophie, Anthropologie und Ethnologie wird uns jedoch klar, dass diese Spaltung so einfach nicht ist. Das fängt mit ganz simplen Beispielen an: Was sind Naturvölker, sie haben doch auch Kultur? Was ist der Park - Natur oder Kultur? Was sind Ozonloch oder Klimaerwärmung? Was sind wir Menschen? Was ist ein Haustier oder gar ein geklontes Schaf? Diese Fragen kann man weder mit Natur noch mit Kultur beantworten und nicht einmal mit einer schwammigen Natur-Kultur-Mischung.

Warum unsere Spaltung in Natur und Kultur ein wichtiges Problem ist? Weil sie uns an zu diesem Moment der modernen Welt geführt hat, wo nicht mehr genug Welt übrig ist, um auf diese Art weiter zu modernisieren. Bruno Latour schreibt in seinem Buch We Have Never Been Modern (Original: Nous n'avons jamais ete modernes), dass dem Erfolg und gleichzeitigem Fluch der Moderne drei Garantien zugrunde liegen, die unsere paradoxen Auffassungen von Natur versus Kultur überbrücken:

12. März 2016

Selbstversuch: Ausstieg aus dem Rausch

Gregor F. über Cannabis, den Reiz des Ritus und das Aufhören

Er hat über Jahre hinweg heftig Cannabis konsumiert und ist nun entschlossen, das zu ändern. Hier erzählt Gregor warum er es ändert und wieso das so schwer ist. Wer Tipps zum Aufhören sucht, kann gleich zum letzten gleichnamigen Abschnitt runterscrollen...

Die Lungen mit Rauch füllen, ist wie eine Aneignung von Welt (Bild: gemeinfrei)

Meine Liebe zum Joint

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein Junkie und war es nie. Ich habe einen festen Medien-Job für den ich nicht gerade brenne. Aber ich bin ziemlich gefestigt dabei, ich habe eine geliebte Lebenspartnerin, Freunde, fahre viel Fahrrad und stelle meine Fotos erfolgreich in kleinen Galerien aus. Ich bin sogar Nichtraucher (wenn man das so sagen kann), aber ich liebe Cannabis, kiffe schon jahrelang regelmäßig jeden Abend, ohne dass es mich irgendwie im Alltag behindert oder meine Gesundheit darunter leiden würde. Das Inhalieren von Rauch hatte immer etwas Magisches für mich, so als wenn ich mir die Welt nicht nur durch hören, sehen und essen, sondern auch auf diesem Weg aneignen könnte. Jetzt habe ich beschlossen, aufzuhören. Für immer? Nein, dazu liebe ich es zu sehr. Aber für mindestens ein halbes Jahr.

2. März 2016

Philosophie aus Liebe zum Objekt

Das große Draußen zwischen Natur und Kultur

"Jede Philosophie, die versucht, die Dinge in ihre Bedingungen zu zerlegen, damit sie erkannt und verifiziert werden können, ist ihres Namens unwürdig." (Graham Harman: The Third Table S. 12*)
Das ist ein seltsamer Satz für einen Philosophen, der doch per Berufsbild auf der Suche nach der Wahrheit sein müsste. Was meint Graham Harman, der Philosoph der objektorientierten Philosophie damit? Philosophie, so Harman, sei nicht Wissen oder Weisheit, sondern Liebe zur Weisheit und damit ein fast erotisches, auf jeden Fall ästhetisches Konzept. Harman geht noch weiter, wenn er sagt, dass man das Wahre nicht kennen, sondern nur lieben könne. Was er damit meint, ist nicht, dass wir gar keinen Zugang zu den Dingen und der Wahrheit erhalten könnten, sondern nur, dass der Zugang immer indirekt bleibt.

Wir können die Dinge nicht kennen, aber wir können sie lieben (Foto: Marco Annunziata, CC-BY-2.0)

Auch die Liebe zwischen Menschen lebt ja durch einen indirekten Zugriff auf den anderen. Wir stellen eine Nähe zueinander her und wollen den Abstand zueinander immer weiter verringern. Würde jedoch jeglicher Abstand verschwinden, würden wir unseren Partner vollkommen definieren oder konsumieren, so würde auch die Liebe verschwinden. Harmans objektorientierte Philosophie folgt dieser Bewegung der zunehmenden Nähe mit der gleichzeitigen Akzeptanz, dass uns der direkte Zugriff auf die Dinge vorenthalten bleibt. Am Ende führt ihn das von der Erkenntnistheorie in eine neue Verortung der Philosophie, ja in eine dritte Kultur, aber dazu später mehr.