16. September 2017

Arbeit und das Recht auf die eigene Persönlichkeit

Zur Insel-Sensibilität für das Thema Introversion

Gestern erschien in der Zeitung Die Welt der Artikel So starten introvertierte Mitarbeiter im Job richtig durch, für den man mich interviewt hatte. Leider war die Zeitung weder in der Lage, mir ein Belegexemplar zur Verfügung zu stellen, noch mir wenigstens rechtszeitig ein PDF zuzusenden. Meinen Versuch, ein Online-Abo abzuschließen habe ich an dem Punkt abgebrochen, als ich las, dass ich einen Brief schreiben und in die Post geben muss, um das Abo wieder zu kündigen. Einen Vertrag online abschließen, den man nur offline kündigen kann? Das ist "Digitalisierung made in Germany" und absolut unseriös. Die Logik ist durchsichtig: Einen Brief zu schreiben, bedeutet eine größere Hürde, als im Online-Konto das Abo zu kündigen. Man rechnet einfach damit, dass Abonnenten den Aufwand scheuen und so wider Willen zahlende Kunden bleiben.

Der vielleicht schönste Arbeitsplatz für Intorvertierte (Swativ28 - CC BY-SA 4.0)

Aber kommen wir zurück zum Thema Introversion und Arbeit. Der Artikel zitiert mich natürlich nur in einigen ausgewählten Sätzen und kann dem Thema aus meiner Perspektive nicht ganz gerecht werden. Da unterliegt jeder Journalismus der Tagespresse ganz verständlichen Beschränkungen wie Kürze und Lesbarkeit für ein breites Publikum. Deshalb könnt ihr hier meine ungekürzten Antworten zu den Interviewfragen lesen, wenn ihr möchtet.

9. September 2017

Die vergnügliche Verzweiflung am Sein

Vom Elend des Menschseins auf dem asketischen Stern

»Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben«. (Silenos auf die Frage des Midas, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. In: Die Geburt der Tragödie, Friedrich Nietzsche, 1873)

Papst Innocent III, geboren als Lotario dei Conti di Segni (Fresko im Kloster San Benedetto um 1219)

Wir hören erst auf zu sterben, wenn wir aufhören zu leben. Das ist in etwa die Erkenntnis des Lotario de Segni in seiner Schrift "De miseria humanae conditionis", die er im 12. Jahrhundert verfasste, noch bevor er 1198 zum Papst Innocent III. berufen wurde. Diese Schrift war in den folgenden Jahrhunderten eine der populärsten und am meisten (noch vor dem Buchdruck) vervielfältigten Abhandlungen über das menschliche Dasein. Was war das für eine Zeit, als man sich in der sich selbst zugeschriebenen Unwürdigkeit suhlte? Vielleicht wäre unsere Geistesgeschichte eine andere, eine positivere geworden, wenn Lotario nicht Papst geworden wäre, sondern statt dessen die Zeit gefunden hätte, die geplante Gegenschrift von der Würde des Menschen zu verfassen. Das ist aber nie geschehen. So wurde diese pessimistische Schrift zu einer Grundlage unserer Weltverachtung wie wir sie seither von Luther über Schopenhauer bis Cioran kennen.

2. September 2017

Zeit, Schönheit und Leben

Ein Artikel von Thomas Marti

Unser Alltag ist voll von Zeitphänomenen, die unser Leben mehr oder minder beeinflussen: Langeweile, Öffnungszeiten, Jet-Lag, Rentenalter, Stress, Weihnachten, der Termin beim Zahnarzt usw. Unendlich viele Zeiten, alle mit ihren eigenen Rhythmen, Symbolen und Konnotationen durchdringen unser Leben. Wir können sogar gleichzeitig in verschiedenen Zeiten sein: Ich kann z.B. innerhalb von drei Minuten, in denen ich nach dem Bus rennen muss, der um 8 Uhr 12 fährt und den ich kriegen muss, um pünktlich zu erscheinen spüren, wie mein Pulsschlag immer schneller zu klopfen anfängt, mir die Passanten etwas verwundert nachsehen und mir einige Ideen für das gemeinsame Nachtessen heute Abend durch den Kopf jagen. Zeit ist ein explizit soziales Phänomen: Zeit wird sozial konstruiert, kommuniziert und wie nur in einem sozialen Kontext relevant. Jede Zeitlichkeit und jegliche zeitliche Ordnung und Struktur sind Konstruktionen von Beobachtern und nicht das Wesen von Objekten und damit schliesslich soziale Zeit.

Tägliche soziale Zeiterlebnisse: gehen, stehen, fahren.

23. August 2017

Warum wir nur in der Beziehung zu anderen existieren

Freiheit und Zivilisation sind kein Widerspruch

In den Kommentaren des Anfang August erschienenen Artikels Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? wurde ich auf meine zugegeben auf den ersten Blick steile These angesprochen, dass es uns nur in Relation zu anderen Menschen geben könne:

"Bist Du echt der Meinung, dass es Dich nur im Außen und in Relation zu anderen Menschen gibt? Das ist eigentlich eine sehr archaische Denkweise. Die schlimmste Strafe für den Urmenschen bestand anscheinend darin, von den Stammesmitgliedern fortan ignoriert zu werden."

Ich will auf die Frage in einem eigenen kurzen Artikel eingehen, weil es eine sehr wichtige Frage ist und weil die die Frage begleitenden Sätze bereits interessante Einblicke in eine mögliche Anwort geben. Dem Hinweis auf die Archaik dieses Denkens und die schlimmste Strafe, die einem Urmenschen widerfahren konnte, kann ich nur Recht geben. Ich meine, dass es unstrittig ist, dass wir diese archaischen Ängste nie losgeworden sind. Noch heute gehört es zu den größten Ängsten vieler Menschen, richtig allein zu sein. Es ist gewissermaßen die Mutter aller Ängste, "dass man trotz – beinahe wegen – der vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen fundamental allein ist".

Ausschnitt aus Carl Blechen - Landschaft mit Eremit (ca.1822)

19. August 2017

Schönheit und Arbeit

Fantasie ist der größte Freund der Möglichkeit

Der irische Dichter und Philosoph John O'Donohue sagte kurz vor seinem Tod im Jahr 2008, dass die sichtbare Landschaft gleichtzeitig ein Tor zum Unsichtbaren sei. Deshalb war die Schönheit der Landschaft für ihn so wichtig, weil sie ein Tor zur Schönheit in uns ist, zu einer Vorstellungskraft, einer Fantasie, die Gutes schaffen kann. Im Altgriechischen, so O'Donohue weiter, stehe das Wort für Schönheit in enger Verwandtschaft mit dem Wort "Ruf" im Sinne einer Aufforderung: Schönheit ruft uns dazu auf, Gutes zu tun.

Surreal, schön: The Burren (Foto vom Autor, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Als Philosoph kann man nicht die Augen davor verschließen, dass wir rund ein Drittel unseres erwachsenen Lebens mit Arbeit verbingen. Warum sollten dieses Drittel weniger schön sein, als unsere anderen Erlebnisse? Gleichzeitig assoziieren wir Begriffe wie Schönheit und Fantasie nur in einigen beruflichen Nischen wie Kunstrestaurateur oder Ausstellungskurator mit unserer Arbeit. Die Vorstellungskraft auf der Arbeit ist oft eine sehr praktische Vorstellungskraft, auf Prozesse und Effizienz gerichtet. Das ist auch nicht verkehrt, aber es ist eben nur ein kleiner Teil dessen, zu dem wir fähig sind. Vorstellungskraft und Fantasie lassen wir ja nicht zu Hause, wenn wir zur Arbeit gehen. Wir haben sie immer bei uns, aber wir können nicht immer ganz leicht einen Zugang zu ihr herstellen. Wir brauchen günstige Bedingungen, um das Gute in uns anzapfen zu können.

1. August 2017

Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse?

Die Erbsünde als Metapher für unsere Kulturbedürftigkeit

Wir werden als unschuldige Kinder geboren. Ziemlich schnell aber – so würde unsere christliche Tradition sagen – laden wir Schuld auf uns und sind vergebungsbedürftig. Diese sogenannte Erbsünde ist nichts, was wir im Laufe des Aufwachsens erwerben oder verhindern könnten, sondern sie ist uns mit in die Wiege gelegt. Kein Mensch hat nach dieser Vorstellung, die Möglichkeit vom unschuldigen Kind zum unschuldigen Erwachsenen zu werden, der irgendwann unschuldig stirbt. Mit anderen Worten, unsere Tradition ist da so klar und deutlich, wie sie pessimistisch ist: Der Mensch ist nicht von Natur aus gut, er muss das Böse in sich mithilfe der Kraft Gottes einhegen und auf Armlänge von sich halten. Dieses Böse wird den Menschen Zeit seines Lebens immer wieder bedrängen, was eine fortwährend zu wiederholende Bitte um Stärke und Schutz, das Gebet, notwendig macht.

Sündenfall als Glücksfall? (Ausschnitt aus Lucas Cranach d.J. - Der Sündenfall, 1549)

Man kann diesen christlichen Gedanken der Erbsünde mit guten Gründen als Zumutung und als eine nicht zurechtfertigende Sippenhaft begreifen und ablehnen. Denn wer hat denn das Recht, über mich zu richten und mir pauschal irgend welche Schuld per Geburt zuzuschreiben? Eine Schuld, die vererbt wird, ist vor unserem individualistischen Welt- und Rechtsbild ziemlich absurd. Schuld kann man doch nur persönlich auf sich laden und man muss sie immer auch vermeiden können. Allerdings kann man diesen Gedanken der Erbsünde und der dauernden Einhegung des Bösen in uns aber auch als Parabel auf die notwendige andauernde Kultivierung des Menschen sehen, um sein Zurückfallen in einen natürlichen, barbarischen Zustand zu verhindern. Das Gebet als Danksagung und Distanzierung von Affekten, mit seinen guten Wünschen für sich selbst und andere, ist eine Kultivierungstechnik. Gar keine schlechte übrigens und ich frage mich, welche anderen Techniken wir uns überlegen, während die traditionellen Techniken verschwinden.

23. Juli 2017

Zu einer mehrdimensionalen Lebenskunst

Ginge auch beides?

Wer hat sie nicht, diese zwei Seelen in der Brust? Anspannen oder entspannen? Fitness-Center oder Couch? Mehr wollen oder sich mit dem zufrieden geben, was man hat? Karriere oder Ausstieg aus dem Hamsterrad? Wie bei allen dualen Entgegensetzungen vermute ich auch hier, dass ein Entweder-Oder nicht der richtige Ansatz sein kann. Eigentlich will ich doch sowohl das eine, als auch das andere. Anfang des Jahres war ich in einem ausführlichen und wirklichen guten Coaching, nach dessen Ende ich ein Kärtchen mit einem Slogen darauf überreicht bekam, er lautete: "Ginge auch beides?" Ich brauchte einen Moment, um mich damit anfreunden zu können und dann begriff ich, dass es mich nicht etwa als gierig beschrieb, sondern dass es mir meistens um ein Sowohl-als-Auch geht.

Die Frage, ob man sich lieber mit wenig zufrieden geben sollte oder doch ständig nach mehr streben sollte, ist eine klassische Frage der Lebensphilosophie, findet auch das neuste Philosophie Magazin mit dem Titel "Will ich zu viel – oder zu wenig?" Es gab schon in der Antike Stoiker, die auf der einen Seite Mäßigung in allen Lebensfragen anmahnten und Sophisten auf der anderen Seite, die vermuteten, dass das Predigen von Bescheidenheit ein Versuch der Schwachen sei, die Starken in ihrem Vorwärtsdrang zu bremsen (Nietzsche nannte das dann "Sklavenmoral").

Intensität als Versprechen des Seins (Burning Man CC BY 2.0)

10. Juli 2017

Helikoptermoral: Wir sind alle so unfehlbar

Muss man wirklich zu allem immer gleich eine Meinung haben?

Die Moral reguliert nicht mehr das Urteil über die Ereignisse,
sondern die Ereignisse prägen die Äußerung der Moral.
Wolfgang Schmidbauer, Helikoptermoral

Neulich hörte ich das Philosophiosche Radio vom WDR 5. Man hatte den Psychologen Wolfgang Schmidbauer eingeladen, der über seine Wortschöpfung und das gleichnamige Buch Helikoptermoral sprach. Ich fand den Begriff etwas sperrig und nicht gleich einsichtig, was er wollte. Dann kam der G20-Gipfel und mit ihm die ganze Schnellschuss-Entrüstung links und rechts auf Twitter, in den "etablierten Medien" und wohl auch auf Facebook (von wo ich mich aber sowieso so gut es geht fern halte). Und plötzlich verstand ich Schmidbauer und seinen Begriff Helikoptermoral. Aber eins nach dem anderen... Was soll Helikoptermoral eigentlich sein?

"Wie ihr Pendant, die Helikoptereltern, ist auch die Helikoptermoral immer schon da, immer bereit, Stellung zu beziehen. Das tut sie unter viel Getöse mit schnellen Urteilen, um so die schnellen Affekte von Angst und Wut zu bewältigen, die angesichts einer unsicheren Zukunft in einer komplexen Welt dominieren. Es geht nicht mehr um eine gut funktionierende Moral, die das Zusammenleben regelt, sondern um das endgültige Urteil, die zu Superlativen übersteigerten Werte jenseits aller Realität." (Beschreibung zum Buch Helikoptermoral. Empörung, Entrüstung und Zorn im öffentlichen Raum)

Ob jetzt der Begriff gut gewählt ist, weiß ich immer noch nicht, aber die Beschreibung dieses Phänomens ist dringend angebracht, denn diese Art der Scheinmoral verhindert wirkliche Auseinandersetzung und letztlich moralisches Handeln. Zuerst beim entrüsteten Individuum selbst und damit auch in der Gesellschaft, wo man sich entweder gegenseitig lediglich bestärkt oder aber bekämpft und zwar ohne Bereitschaft bei überzeugenden Gegenargumenten die eigene Position wieder aufzugeben. Geht es überhaupt noch jemandem darum, etwas zu lernen, den eigenen Horizont zu erweitern, anderen zuzuhören, sie ernst zu nehmen? Oder geht es nur noch darum, die eigene Meinung unbedingt in die Welt zu setzen, sie gegen Argumente zu immunisieren und kogitive Dissonanz um jeden Preis zu vermeiden? Warum muss sich wirklich jeder über "den schwarzen Block" bei den G20-Protesten entrüsten? Habt ihr Angst, dass man euch für Sympathisanten hält, wenn ihr einfach mal den Mund haltet und die wirklichen Probleme überdenkt? (Siehe mangelnde Ergebnisse dieses "Gipfeltreffens".) Oder ist es einfach wieder mal die wöchentliche Chance, euren Frust und den Willen zu moralischer Überlegenheit auf wohlfeile Art und Weise rauszulassen? Ist ja auch egal, ob eure Wut die Fahrradfahrer, die Fleischesser, VW, die Nafris (oder was ihr euch sonst so für beschissene Begriffe für Flüchtlinge aneignet), die Medien oder die Merkel trifft. Hauptsache Wut, Hauptsache Empörung, Hauptsache ihr seid besser als all die anderen. Das ist "Minifanatismus in Tugendmaske", wie Schmidbauer formuliert.  So – jetzt habe ich selbst gleich mal etwas Rage-Blogging betrieben. Natürlich nur beispielhaft und zur Anschauung für euch.

9. Juli 2017

Warum Tatsachen immer auch politisch sind

Macht und Wahrheit in der Postmoderne

Als ich in den 90er Jahren studierte, waren postmoderne Philosophen wie Derrida, Lacan oder Foucault gerade der letzte Schrei an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der deutschen Universitäten. Ich setzte mich auch in diese Seminare und erinnere mich an ziemlich fruchtlose Debatten zum Begriff "Dispositiv" und einige aufgeregt politisch diskutierende Studenten. Daran ist ja eigentlich nichts falsch, aber ich hatte den Eindruck, dass alles, was die Philosophen hergaben, einfach in diese oder jene Richtung interpretiert wurde, so wie es den ideologischen Diskutanten gerade in den Kram passte. Dann kam es an der Humboldt-Universität erst einmal zu einem monatelangen Studierendenstreik inklusive Barrikaden und Professorenbeschimpfungen und die Philosophie machte komplett Pause.

WTF? Foucault als Popikone und Streetart. (mike CC BY-SA 2.0)

Immerhin habe ich dann begriffen, was Foucault mit seiner von Hegel und Nietzsche inspirierten Philosophie einer dialektischen und dynamischen Macht meinte: Macht kam nicht einfach "von oben". Wenn wir den Professoren und anderen Studenten, die nicht streiken wollten, den Zutritt zur Uni verwehrten und damit am Ende doch rein gar nichts ausrichteten, dann zeigte sich, dass es keinen einzelnen Souverän der Macht gab, sondern dass Macht vielfältig verwoben in soziale und epistemische Zusammenhänge auftritt, dass sie ephemer sein konnte und alsbald wieder verschwinden würde und vor allem, dass unser studentischer Wille zur Macht keineswegs die aus der Dialektik lebenden kapitalistischen Strukturen infrage stellte, sondern sie geradezu stärkte. Einfach nur, weil wir "durften" und weil uns das System damit entweder ins Leere laufen lies oder unsere umstürzlerisch gemeinte Energie eben doch wieder einem leicht angepassten, aber nicht grundsätzlich anderem System zugeführt wurde, das sich dadurch quasi evolutionär gegen Revolutionen immunisierte. (Anders ergeht es den G20-Protestierenden leider auch nicht.)

1. Juli 2017

Nur Lifestyle? Sind west-östliche Synthesen sinnvoll?

Über Sinn und Bedeutung der Absichtslosigkeit

Ein Artikel von Bernita Müller


Ob private Wünsche oder berufliche Herausforderungen: Alles, was wir tun, dient dazu, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, an dem wir manchmal über die Maßen festhalten. Diese Vorgehensweise entspringt nicht nur einem natürlichen Trieb, sondern ist auch gesellschaftlich konditioniert. Ein Blick auf andere Kulturen zeigt: Es geht auch anders.

Moderne Form gemeinsamer Absichtslosigkeit: Flashmob (CC BY 2.0, Marialba Italia)

24. Juni 2017

Wir müssen uns gegen Nietzsche verteidigen

Ein Philosoph für alle und keinen

Nietzsche der Musiker, der Atheist, der Religionsstifter, der Rauschhafte, der Nüchterne, der Pessimist, der Optimist, der Künstler, der Kranke mit der großen Gesundheit, der Moderne, der Antike, der Unmoralische mit dem hohen Anspruch an den Menschen, der Anti-Demokrat – bei Nietzsche findet jeder etwas und niemand wird so richtig glücklich mit ihm.

Das Philosophie Magazin hat Friedrich Nietzsche jetzt eine Sonderausgabe gewidmet, der es gelingt genau dieses philosophische Kaleidoskop, das Nietzsche ist, einmal festzuhalten und lesbar zu machen. Zu Wort kommen neben Nietzsche selbst so anerkannte Kenner seiner Philosophie und seiner Biographie wie Renate Reschke, Rüdiger Safranski, Annemarie Pieper, Andreas Urs Sommer, Kerstin Decker oder Volker Gerhardt. Ein kleines Highlight für mich persönlich ist der Auszug aus Thomas Manns "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung" von 1947.


14. Juni 2017

Du willst dich selbst finden? Erfinde dich!

Warum du dein Selbst nicht tief in dir findest


"Niemand kann dir die Brücke bauen,
auf der gerade du über den Fluss des Lebens
schreiten musst, niemand ausser dir allein." 
(Friedrich Nietzsche)

Robert Pen Warren 1968
In unserer individualisierten Gesellschaft neigen wir dazu, unser "Selbst" in Abgrenzung zu den anderen sehr wichtig zu nehmen, of viel zu wichtig, wie man an politischen Strömungen rund um vermeintlich abgrenzbare Identitäten sehen kann. Gleichzeitig sind wir sehr unsicher darüber, was dieses Selbst sei und wir vermuten, dass es von gesellschaftlicher Einflussnahme und beengenden Institutionen verunreinigt wird. Fragen wie "Wer ist mein wahres Selbst?" oder "Wie kann ich authentisch leben?" treiben uns um und Ratgeber meinen, dass man sich nur selber finden müsste, um das persönliche Glück auf Erden zu finden. Der Poet Robert Penn Warren, politischer Aktivist und Autor von Gedichten, aber auch Büchern wie Democracy and Poetry hat bereits vor 40 Jahren darauf hingewiesen, dass das Selbst nichts ist, zu dem man abseits vom Alltag in einem Kloster finden kann oder in der Meditation:

"In den Worten [sich selbst finden] verbirgt sich die Idee einer bereits existierenden Entität, das Selbst wie eine platonische Idee, in einem mystischen Raum jenseits von Zeit und Wandel. [...] Das ist die essentielle Passivität, das Glück ohne eigenes Zutun. Und es ist ebenso eine absolute Absurdität, denn das 'Selbst' kann niemals gefunden, sondern muss aktiv geschaffen werden, es ist nicht der glückliche Zufall in Passivität, sondern das Produkt Tausender Handlungen, großer wie kleiner, bewusster und unbewusster und eben nicht im Rückzug von der Welt, sondern in ihrem Angesicht, im Guten wie im Schlechten, in der Arbeit und Muße eher als im Nichtstun." (Warren, Democracy and Poetry, S. 88 f., Übersetzung von mir)

1. Juni 2017

Ist die Liebe der Sinn des Lebens?

Alain Badiou über Liebe, Wahrheit und Abenteuer

Was ist die Liebe, fragt der französische Philosoph Alain Badiou und Autor des Buches Lob der Liebe im letzten Philosophie Magazin und gibt auch gleich folgende Antwort:

"Sie ist eine bestimmte Beziehung zum anderen, von Individuum zu Individuum, die impliziert, die Bedeutung des Lebens des anderen für mich anzuerkennen. [...] Die Liebe ist die intensivste Beziehung der Anerkennung und der Abhängigkeit vom anderen, die wir in unserer gewöhnlichen Existenz kennen." (Badiou, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 45.)

Alain Badiou mit Studenten in der École Normale Supérieure (Jean-François Gornet, CC BY-SA 2.0)

Liebe als Wahrheitsverfahren

So weit so nüchtern und diesseitig. Es ist unschwer zu erkennen, dass der marxistische Philosoph hier eine ganz atheistische Position der Liebe skizziert, denn viele Christen beispielsweise würden die intensivste Beziehung der Anerkennung und Abhängigkeit sicher nicht zwischen Individuum und Individuum verorten, siehe der diesjährige Slogan auf dem Kirchentag: "'Du siehst mich' ist ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt", so Ellen Ueberschär vom Kirchentag. Aus Badious Perspektive jedoch haben die Religionen die Liebe gewissermaßen pervertiert, indem sie die Liebe unter zwei Menschen umlenkten auf die Liebe zu nur dem einen ganz anderen, nicht menschlichen Objekt, dem man sich bloß und ohne jegliche Gleichberechtigung unterwirft. Insofern und auch in unserem individualistischen Zeitgeist ist die Liebe von zweien immer der Bedrohung des nur einen ausgesetzt. Bleiben wir im Diesseits:

25. Mai 2017

Ein kurzes Vibrieren vom Glück entfernt?

Ein Artikel von Sara Volkmer. Sara brennt für die wissenschaftliche Untersuchung der positiven Aspekte des menschlichen Erlebens und Verhaltens und arbeitet deswegen an einer Studie, die Zusammenhänge zwischen Glückserleben und Handynutzung aufdecken möchte. Und ihr könnt dabei mitmachen (Update 1. 6. 2017: Umfrage inzwischen beendet) und nach Ausfüllen des kurzen Tests sofort eure Auswertung lesen! Ich hab das getan und fand es faszinierend. Aber lest erst einmal selbst:


Erfahre, wie glücklich oder unglücklich dich dein Handy macht!  

Smartphones sind heutzutage aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie sind ja auch super praktisch. Man kann schnell ein Foto machen, oder nachschauen, wie man am schnellsten nachhause kommt, wann der Hausarzt offen hat und wie die Kinder von Angelina Jolie heißen. Manchen Leuten wird die Omnipräsenz des Smartphones allerdings zu viel, sodass es inzwischen sogar Apps gibt, die einen für das Ignorieren des Smartphones belohnen. Beinahe jeder hat eine Meinung zu Handys und wie sie sich auf die Lebensfreude wohl auswirken, aber niemand weiß irgend etwas genaues, weil die Forschung dazu fehlt. Mich interessiert, ob es tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen individuellem Wohlbefinden und dem Ausmaß der Handynutzung gibt und ob es dabei eine Rolle spielt, wie achtsam eine Person ist.


Glücklich trotz oder wegen Smartphone?

21. Mai 2017

Das regelmäßige Versagen unserer Demokratien

Tyrannei ist immer möglich

Die Zeit, da man als Verfechter von Institutionen als politisch rechts galt (wie z.B. Arnold Gehlen im Gegensatz zu T. W. Adorno), ist ein Glück vorbei. Dabei ist sowieso das Gegenteil wahr: Die Rechte zeichnet sich schon immer durch einen romantischen Impuls aus, die Institutionen zu zerstören oder, um es in den Worten Donald Trumps zu sagen: "den Sumpf trocken zu legen". Ein großer intellektueller Kritiker dieser rechten populistischen Politik heute ist der US-Historiker Timothy Snyder, den das Philosophie Magazin für seine neueste Ausgabe interviewt hat. Snyder ist bekannt für den Gedanken, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Institutionen (Parlamente, Universitäten, Gerichte, Polizei) uns im Angesicht der Tyrannei retten werden, vielmehr – so Snyder in Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand – müssten wir die Institutionen retten.

"Mit Tyrannei meine ich eine Situation, in der ein Einzelner oder eine Gruppe genug Macht erlangt hat, um den Rechtsstaat zu umgehen." (Snyder, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 33.)

Die Demokratien sollen eben diesen Fall ausschließen, jedoch haben sie mit "historischer Regelmäßigkeit" (ebd.) in dieser Sache immer wieder versagt. Die nahe liegende und heute wieder sehr drängende Frage ist also: Warum versagen unsere Demokratien?

10. Mai 2017

Wut macht uns kaputt, aber es gibt eine Alternative

Martha Nussbaum zu Zorn, Vergebung und Weisheit in der Beziehung

Das Zusammenleben zweier Menschen ist immer wieder schwierig und das wird auch so bleiben. Die Philosophin Martha Nussbaum hat die romantische Zweierbeziehung als das unmögliche Projekt beschrieben, die Autonomie zweier Persönlichkeiten mit den gegenseitigen Abhängigkeiten in dieser Beziehung überein zu bringen. Aus diesem gelebten Widerspruch ergeben sich jede Menge Spannungen und potentielle Bruchstellen. Wenn noch ein Kind hinzukommt, wird die Sache keinesfalls einfacher, aber dazu an anderer Stelle mehr (Die Unmöglichkeit der Liebe mit Kind). Nicht selten äußert sich diese Schwierigkeit der Spannung zwischen Autonomie und Zweisamkeit in Verdruss, Groll, sogar Zorn und Wut. Manchmal knallen Türen, es fliegen schnelle Worte, ja bei manch einem Paar sollen sogar Teller fliegen. Die extreme Ausprägung wäre dann körperliche Gewalt im Affekt gegeneinander.

Martha Craven Nussbaum (Foto: Jerry Bauer, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Alle, die Zorn in der Beziehung schon einmal erlebt haben, wissen: solche Wut bringt nichts und schadet höchstens. Das hält uns aber nicht davon ab, bei der nächsten Gelegenheit wieder wütend zu werden. Was aber ist Wut, woher kommt sie in der Zweisamkeit und was können wir tun, anstatt Zorn und Wut ihren freien und zersetzenden Lauf zu lassen?

5. Mai 2017

Das Büro als Irrenhaus

Alain de Botton über Emotionale Intelligenz und Sinn

"Ein Büro ist ein Irrenhaus ohne Psychotherapeut."

Die School of Life Berlin hatte mich eingeladen, an einem Event mit Alain der Botton teilzunehmen: Emotional Intelligence at Work. Ich bin ohnehin ein langjähriger Fan von Alain de Botton und heute habe ich noch einmal ganz hautnah erlebt, warum.

Alain de Botton fragt nach dem Wahnsinn im Job (Foto: Gilbert Dietrich CC BY-SA 4.0)

29. April 2017

Warum die Identitären falsch liegen

Wir müssen das Spannungsverhältnis "Identität" aushalten

Zum Wesen realer Zivilisationen
gehört der Wille, das Unwahrscheinlichste
in den Rang von Normalität zu erheben.
(Peter Sloterdijk)

In der letzten Zeit und auch jetzt rund um die französischen Wahlen hört man immer wieder von Leuten, die sich "Identitäre" nennen und man könnte denken: Ja, natürlich ist eine Identität wichtig. Nicht nur unsere Individualität, auch eine Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen gehört zur Identität. Ist also nichts zu sagen, gegen diese sogenannten "Identitären"? Parken wir die Frage und schauen uns erst einmal die Spannung zwischen individueller und gesellschaftlicher Identität an.

Der Philosoph Peter Sloterdijk – ein progressiver und liberaler Konservativer – zeigt in seinem Essay "Fast heilige Schrift" anhand des deutschen Grundgesetzes, wie unserem demokratischen Verständnis diese anthropologische Spannung zwischen Ich und Gesellschaft zugrunde liegt und wie gerade darin das Element der politischen Freiheit zu finden ist. Sloterdijk lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass das Grundgesetz mit einem Katalog der menschlichen Grundrechte beginnt, aus dem das erste als Kondensat unseres sich seit der griechischen Antike entwickelnden Humanismus wohl allen geläufig sein dürfte:

17. April 2017

Die zweite Hälfte deines Lebens

Kontemplation oder die Tiefe der Zeit


Der Franziskaner und Autor zur christlichen Mystik (z.B. Pure Präsenz: Sehen lernen wie die Mystiker) Richard Rohr, 74 Jahre alt, beschreibt, wie wir als erwachsene Menschen zwei Hälften des Lebens durchmachen. Die erste Hälfte dreht sich notwendigerweise um das Überleben, mehr noch um das erfolgreiche Überleben. Es ist oft voller Sorge rund um Karriere, Titel, Status und Besitz. Die kognitive Charakteristik dieser Lebensphase bestehe in einem dualen Entweder-Oder-Denken, in einer Herangehensweise des Alles-oder-Nichts. Wir brauchen diese Phase im Leben, aber, so Rohr, diese Lebensweise bringt uns nicht dem näher, was man "Sinn des Lebens" nennen könnte. Sie hat kein Gespür dafür, was die Zeit überdauern wird und was in der zweiten Hälfte des Lebens noch wichtig sein wird.

Rohr warnt davor, die Zeit nur linear zu verstehen. Es gibt keinen zwingenden Grund, dass die zwei Hälften hintereinander gelebt werden müssen. Vielmehr kommt es auf eine Lebensweise an, die für das Platz lässt, was Rohr "Kontemplation" nennt:

12. April 2017

Exzess und Todestrieb

Das merkwürdige Paradox unserer Lebenswut

"Das Ziel alles Lebens ist der Tod."
Sigmund Freud

Es scheint mir so, als gäbe es in jedem von uns nicht nur einen Willen zum Leben, sondern auch einen komplementären Willen zum Tod. Spüren wir ihn nicht – des Schlafes großen Bruder – wenn wir abends zu Bett gehen, um uns vom täglichen Treiben auszuruhen? Wir freuen uns doch auf diese süße Schwere der Dunkelheit, des Nichts. Der Schlaf hat schon immer diese unheimliche Verwandtschaft mit dem Tod, diese zeitweise völlige Kontroll- und Bewusstlosigkeit, der wir uns bereitwillig für ein paar Stunden hingeben, ohne je sicher zu sein, dass wir auch wieder aufwachen werden. Vielleicht kann man beim Einschlafen das Sterben lernen?

Exzess und Tod in Hieronymus Boschs Garten der Lüste (Detail)

30. März 2017

Eine alte Weltanschauung in (beinahe) neuem Gewand

Die nationalistische Intelligenz der Marine Le Pen

In drei Wochen beginnen die französischen Präsidentschaftswahlen und ich möchte an dieser Stelle einen Gedanken aufgreifen, den ich in meine letzten Artikel Die Angst vor der unmenschlichen Stadt so ziemlich am Rande eingestreut hatte: Marine Le Pen vom französischen Front National ist unter all ihren populistischen Kollegen der neuen Rechten mit Abstand die intelligenteste und damit gefährlichste Politikerin Europas, denn sie maskiert ihre nationalsozialistische Agenda ganz geschickt als humanistisch und antitotalitaristisch. Der russische Philosoph Michel Eltchaninoff, der sich auf dem Gebiet antidemokratischer Entwicklungen in Europa bestens auskennt, schreibt im aktuellen Philosophie Magazin, um welche angeblichen Totalitarismen es Marine Le Pen geht: ein religiöser Totalitarismus, den sie ausschließlich im Islam sieht und dem totalen Kommerz, dem sich die europäische politische Elite und damit ganz Europa unterworfen habe. Das ist eine kluge, aber auch hinterhältige Strategie.

Marine Le Pen bei einem Partei Treffen (Bild von Blandine Le Cain, CC BY 2.0)

Der von Populisten dem Islamismus gleichgesetzte Islam ist heute ein ziemlich einfaches Zugpferd für rechte politische Extremisten. Deswegen möchte ich ihn hier beiseite lassen und mich auf Le Pens eigentlichen Geniestreich konzentrieren: Ihr wortreicher und sehr überlegt wirkender Kampf gegen Globalisierung, gegen totale Monetarisierung und Konsumismus, gegen den Verlust nationaler Identitäten und gegen die ständige Überforderung der Menschen durch einen entmenschlichten und hyperschnellen Kapitalismus. Le Pen sagt beispielsweise:

28. März 2017

Die Angst vor der unmenschlichen Stadt

New York City: Hart aber schön

Wenn morgens um 6 Uhr das Heulen der Sirenen zunimmt und das laute Geratter der Baumaschinen bis ins Bett im 20. Stock meines Hotelzimmer vordringt, suche ich tastend nach meinen Kopfhörern, damit ich einigermaßen human mit Naturgeräuschen aufwachen kann. New York ist eine harte Stadt. Und das liegt nicht nur an dem Blizzard, der gerade überall zerfetzte Plastikplanen durch die eisigkalten Häuserschluchten treibt. Es liegt auch nicht nur an den langen scharfen Schatten, die die Wolkenkratzer in die Schluchten werfen, in denen die Menschen zur Arbeit eilen. Es liegt auch nicht nur an den hohen Preisen überall – ein Frühstück kriege ich hier nicht mehr unter 20 Dollar und ein bescheidenes Abendessen liegt schnell bei 40 Dollar.

Interstate 495 W nach NYC: Man hat Glück, wenn man abends in die City will (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Die Mieten sind exorbitant. Ein Kollege zahlt über 700 Dollar pro Monat für ein Zimmer einer Wohnung, die er sich mit drei anderen in Brooklyn teilt. In Manhattan, wo sich das Büro befindet, wären es 1000 Dollar oder mehr für ein Zimmer. Man sieht entsprechend viele Obdachlose und eigentlich kann sich niemand in der City leisten, dort zu leben, wo er auch arbeitet. Lange Pendelzeiten und Dauerstaus morgens und abends sind nur die offensichtlichste Folge.

Die Härte kommt auch aus einem sehr individualistischen Dahinhetzen. Kopfhörer auf, Augen auf dem Smartphone, ständig in Eile, immer den direkten Weg durch die Menschenmassen und die hupenden Autos. Für rote Ampeln ist keine Zeit, allein auf dem Weg schnell ein Stück Pizza reinschieben, weiter laufen. Never stop! Interessanterweise schaffen es die New Yorker dann aber meistens doch, freundlich zu bleiben, wenn man mal aneinander rempelt oder jemanden mit einer Frage aufhält. Als Besucher genieße ich New York, die Energie und Vielfalt der Stadt, die Aufregung und die Freundlichkeit in den Gesprächen. Aber würde ich hier leben wollen? Eher nicht.

25. März 2017

Vorgetäuschte Orgasmen und Populismus

Männer zweifeln: Sind unsere Frauen Roboter? (Michael Coghlan, adaptiert, CC BY-SA 2.0)

Leidet die Welt unter spezifisch männlichen Pathologien?


Oder anders gefrat: Ist der Fake-Orgasmus typisch weiblich, so wie Fake-News typisch männlich sind? Catherine Newmark schreibt im letzten Philosophie Magazin:

"Niemand verkörpert derzeit die unrühmliche Denkgeschichte des pathologischen männlichen Zweifels eindeutiger als der neue amerikanische Präsident. Wie sich die Weltgeschichte unter ihm entwickeln wird, darüber lässt sich gegenwärtig nur sorgenvoll spekulieren. Dass ein schlecht verarbeiteter Mangel an körperlicher Gewissheit und spezifisch männliche Pathologien des skeptischen Zweifels schon bis hierhin viel Unheil angerichtet haben, steht dagegen außer Frage." (Philosophie Magazin Heft 3 / 2017, S. 57)

Auch ich frage mich seit ich denken kann, warum unsere Geschichte meistens durch männliche Gewalt getrieben ist. Dass den Frauen dabei nicht unbedingt die Opferrolle, sondern zu oft die Rolle der Mitläuferinnen zukommt, spricht nicht unbedingt dafür, dass sie so etwas wie ein besseres Geschlecht wären. Aber was sind die "spezifisch männlichen Pathologien", von denen Newmark hier spricht?

19. März 2017

Was macht die School of Life in Berlin?

Interview mit dem Mitbegründer und Geschäftsführer Thomas Biller

Vor bald einem Jahr hat die School of Life endlich ihre Dependance in Berlin eröffnet. Endlich sage ich, denn die School of Life ist eine Institution, die man dringendst erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit neun Jahren in London und seit dem zunehmend auch in anderen Städten gäbe. Der Philosoph Alain de Botton hat die School of Life eröffnet, um Menschen zu helfen, das zu lernen, was man an Schulen und in Universitäten immer noch nicht lernt: ein gutes und erfülltes Leben zu führen.

Alain de Botton, Dörte Ilsabe Dennemann und Thomas Biller in der TSOL Berlin (© Katherina Nobis)

Mit einer Kombination aus Philosophie, Lebenshilfe, etwas Psychologie und einer guten Prise modernen geschmackvollen Lifestyles stößt sie in eine Lücke, die sich nun auch in Berlin dank vermehrtem Tourismus und der Zuwanderung kreativer und internationaler Menschen mit ihrer urbanen Orientierungslosigkeit auf hohem Niveau aufgetan hat. Dazu bietet die School of Life Seminare und Veranstaltungen zu solchen Themen wie Selbsterkenntnis, gute Arbeit, gesteigerte Kreativität, gelungener Umgang mit Konflikten und natürlich auch dem Leben in romantischen Beziehungen auf deutsch und englisch an. Eine Veranstaltung, auf die ich mich jetzt schon freue, ist Alain de Botton On Love – wir verlosen dazu beizeiten Eintrittskarten für den 4. Mai.

Zum anstehenden einjährigen Jahrestag habe ich mit Thomas Biller, Mitgründer und Geschäftsführer der School of Life Berlin gesprochen. Ich will herausfinden, was die School of Life und ihre Mitarbeiter hier in Berlin ausmacht und wo die Reise einer solchen Schule des Philosophischen Lebens hingehen soll.

26. Februar 2017

Das Leben feiern – Ihr wisst, was ich meine!

Nina Simones "I'm Feeling Good"

Die Vögel fliegen so hoch, ihr wisst, wie ich mich fühle. Die Sonne am Himmel, du weißt, wie ich mich fühle. Ein Luftzug streift mich, du weißt, wie ich mich fühle. Ein neuer Morgen, ein neuer Tag, ja ein neues Leben für mich. Und ich fühl mich gut.

25. Februar 2017

Was bedeutet es, reich zu sein?

"Reich sein" scheint ein objektiv zu beschreibender Zustand zu sein, denn man kann das an Zahlen ablesen: Was auch immer das Zahlungsmittel in einer Gesellschaft ist, man ist reich, wenn man viel davon hat. Egal ob es Gold ist, ob es Muscheln sind oder Gewürze – wenn es als Zahlungsmittel taugt, weil alle sich über die Stabilität des Werts dieses Mittels einig sind, dann ist derjenige reich, der viel davon hat. Bei uns sind diese Mittel lange schon im Geld abstrahiert. Geld ist in dieser Hinsicht nahezu magisch, denn wir können mit Geld alle anderen Mittel und noch vieles mehr erwerben. Kein Wunder also, dass bei uns derjenige als reich gilt, der viel Geld hat.

12. Februar 2017

Der Weg wird durch das Gehen geschaffen

Von der Notwendigkeit des Reisens zu Fuß

"Was soll ich im Wald,
wenn ich dabei an etwas denke,
was nicht im Wald ist?"
(H. D. Thoreau)

Die meisten von uns sitzen heute mehr, als dass sie ihre Beine gebrauchen. Egal ob bei der Arbeit, zu Hause oder in der Fortbewegung dazwischen: Wir sitzen. Henry David Thoreau hat in seinem Text Vom Spazieren bereits in den 1850er Jahren von solchen wie uns gesagt: "diesen Menschen gebühre eine gewisse Anerkennung, weil sie ihrem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht haben" (S. 59, Durch Welt und Wiese: oder Reisen zu Fuß).

Der Autor beim Wandern in der nordöstlichen Mecklenburger Seenplatte

Das ist ein mich aufrüttelnder Satz. Thoreau lief nach eigener Auskunft jeden Tag mindestens vier, meistens jedoch mehr Stunden über Hügel, Felder und durch Wälder. Für ihn war das tägliche Sitzen eine Art Krieg des Menschen gegen sich selbst, weil man gewissermaßen sich selbst belagere und versuche, "eine Garnison auzuhungern, der man sich eigentlich verbunden fühlt."

9. Februar 2017

Sophrosyne: Wie der Geist den Körper heilt

Albert Kitzler weiß: Denken heilt!

Manchmal fragt man sich, ob es in den letzten 2000 Jahren überhaupt zu einem Zuwachs an wirklich wichtigem Wissen gekommen ist. Viel haben wir in der Zwischenzeit entdeckt und mit dem Umständen des Lebens haben wir Fortschritte gemacht, aber mit den Weisheiten eines guten Lebens scheinen wir nicht besonders vorangekommen zu sein. All die wichtigen Lektionen zu einem guten Leben rund um Körper und Geist stammen aus der Antike und die hat sie aus dem östlichen Raum übernommen und weiter entwickelt. Alles danach war nur Wissenschaft.

Das eigene Maß begreifen (aus Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer)

5. Februar 2017

Introversion und Beruf

Ein kurzes Interview dazu, wie stille Menschen im Büro überleben




In diesem kurzen Interview spreche ich mit Marc Röösli vom Berufungskongress für Hochsensible darüber, wie introvertierte Menschen den Arbeitsalltag überleben und dabei auch erfolgreich sein können. Insbesondere reden wir über drei relativ einfach einsetzbare Strategien:

  1. Plane deinen Tag, damit du durchhältst
  2. Manage deine Energie, iss und trink ausreichend
  3. Suche dir Tätigkeiten, die dir Rückzug und Ruhe ermöglichen

Mit solchen grundlegenden Maßnahmen wird es auch introvertierten Menschen leichter fallen, erfolgreich zu sein und in einer oft für stille Menschen zu laut erscheinenden Arbeitswelt mit Spaß bei der Sache zu bleiben.



Hier gibt es mehr dazu:

29. Januar 2017

Die Unmöglichkeit der Liebe mit Kind

Genervte Eltern im Baby-Clash

"Wir verstehen plötzlich,
dass das Leben ganz buchstäblich
von der Fähigkeit zu lieben abhängt."
(Alain de Botton)

Mein Sohn ist jetzt ein halbes Jahr alt. Er hat mein Leben in vielerlei Hinsicht verändert. Erstaunlich ist dabei, wie so ein kleiner und unfertiger Mensch meine Beziehungen zu meinen Eltern, Schwiegereltern und vor allem zu meiner Frau verändert hat. Zu den Veränderungen, Kämpfen und Zerwürfnissen zwischen Liebenden, wenn sie Eltern werden, komme ich gleich.

Ausschnitt aus Lebenslauf von Adi Holzer

22. Januar 2017

Die Zukunft: ertragen oder erkämpfen?

Jean-Luc Nancy: Der Mensch ist nur noch eine Frage

Ich beginne mit einer Platitude: Wir leben in einer Zeit der Umbrüche! Wir spüren, dass vieles zu Ende geht, seien es die fossilen Rohstoffe und die Belastbarkeit unseres Planeten, seien es die Demokratien und die soziale Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, sei es die Vorherrschaft des Westens und des weißen Mannes oder sei es das Zeitalter der Aufklärung, das es immer nur in einer Tendenz gegeben hat, die sich nun aber immer öfter umzukehren scheint. Die gute Nachricht ist, dass es solche Zeiten immer gegeben hat, zum Beispiel mit dem Ende der Antike, des Römischen Reiches, der Renaissance und des Feudalismus. Die schlechte Nachricht ist, dass solche Umruchzeiten lang genug dauern, um ganzen Generationen das Leben übermäßig schwer zu machen. Ja, sogar die Erkenntnis, dass da etwas Neues angebrochen war, war oft nur einige Generationen später zu haben.

Jean-Luc Nancy, (Foto von Georges Seguin (Okki) - CC BY-SA 3.0)

13. Januar 2017

Mehr Melancholie wagen!

Die Rehabilitierung eines guten Gefühls von Michael Kauberger

Von Michael Kauberger, studierter Philosoph aus Wiesbaden, ist gerade das Buch Melancholisch und stolz darauf: Kein Glück ohne Schwermut erschienen. In folgendem Artikel geht Kauberger auf die für uns unverzichtbaren Aspekte der Melancholie ein, erklärt, warum wir zu ihr stehen sollten und bricht mit den typischen Vorurteilen gegenüber Melancholikern.

Ist der Melancholiker einfach eine Spaßbremse?

"Ich bin Ich" lautet der Schlachtruf unserer Spaß- und Konsumgesellschaft. Er steht als Sinnbild für eine tautologisch individualistische Scheinoriginalität: Jeder will "Ich" sein. Um ein starkes "Ich" zusammenzustellen, bedarf es allerlei: Neben den typischen "Mein Haus, mein Auto, mein Boot"-Besitztümern gehören ein durch Ellenbogeneinsatz erkämpfter, oberer Platz auf der beruflichen Hierarchieleiter oder zumindest eine klare Perspektive in diese Richtung genauso wie ein gewisser Lifestyle aus Partys und albernem Posen für Selfies in den sozialen Netzwerken dazu.

Melancholiker widersetzen sich diesem Zeitgeist. Beim rücksichtslosen Wettbewerb um die Karrierespitze scheitern sie aufgrund innerer Zweifel meist kläglich oder treten erst gar nicht zu ihm an. Statt auf die blinde Aneignung von immer mehr Besitz setzen sie gerne auf Bescheidenheit. Und auf Partys und angesagten Massenevents sieht man sie vergleichsweise selten bis gar nicht. Aufgrund des letzten Punkts werden sie häufig als "Spaßbremsen" bezeichnet, schlimmstenfalls werden sie sogar als Kranke fehldiagnostiziert, denen es offensichtlich an Unbeschwertheit und Lebensfreude fehle.

8. Januar 2017

Das Geräusch der Stille

Gibt es noch irgendwo Freiheit vom Lärm?

"Es ist unser Recht per Geburt,
ruhig und ungestört den Lauten
der Natur zu lauschen und ihnen
den Sinn zu entnehmen,
den sie uns erschließen."
(Gordon Hempton)

Wie hört es sich an, wenn Schnee fällt und niemand in der Nähe ist? Erinnert ihr euch an den Sound des Sommerwinds im Gras? Oder das Rauschen der Blätter im Herbstwald? Und wer sehnt sich nicht manchmal nach Stille, richtiger Stille – etwas Raum und Zeit ohne Familie, Kollegen, Nachbarn, Verkehr, Werbung oder Radio und Fernseher? Für mich ist die Sehnsucht nach Stille so etwas wie ein metaphysischer Durst. Stille nährt nicht wie Wasser und Luft meinen Körper, sondern sorgt dafür, dass mein Geist gesund bleibt. Auf der Suche nach Stille treibt es mich zum Beispiel in die Wälder und an die Seen im Nordosten Europas. Manchmal muss ich dann tatsächlich ins Wasser und untertauchen, um überhaupt so etwas wie Stille zu finden. Denn immer öfter fällt mir auf, dass wir keine Orte mehr haben, an denen wir für längere Zeit keinen Lärm hören. Selbst im dünn besiedelten Nordosten Deutschlands gibt es nur weniger Wälder, in denen man nicht den Verkehr auf der nächsten Landstraße oder Autobahn hört. Oder die Traktoren und Mähdrescher, die ein Feld bewirtschafteten. Mindestens aber hört man alle paar Minuten ein Flugzeug, dass über unsere Köpfe hinweg den nächsten Flugplatz ansteuert. Wo gibt es noch Stille? Ja, was überhaupt ist Stille?

Ein Moment der Stille im Wald (Foto: Gilbert Dietrich, CC BY-SA 4.0)

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