30. August 2018

Sinn stiften in einer sinnlosen Welt

Der Humanismus als Religion

Religion is interested above all in order.
Science is interested above all in power.
(Harari S. 231)

Religion stellt Ordnung über Sinnangebote sicher. Wissenschaft ermächtigt uns, uns "die Welt untertan zu machen". Was aber ist mit Sinn und Ordnung, wenn die Wissenschaft die Religionen verdrängt? Von Macht allein können wir schließlich nicht leben.

In seinem Buch Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen beschreibt Yuval Noah Harari die Moderne als so einen faustischen Deal: Wir Menschen werden immer mächtiger, erheben uns wie Prometheus gegen die Götter und über die Natur und müssen dafür nur einen auf den ersten Blick kleinen Preis bezahlen – den Verlust eines großen allumfassenden Sinns. Denn wenn die großen Erzählungen von Göttern und ihrem kosmischen Plan von heiligen Schriften zu bloßen Märchen werden, dann macht uns das einerseits frei von den Fesseln des Glaubens und seinen Dogmen und erlaubt uns damit so zu leben, zu forschen und selbst zu erschaffen, wie wir das für richtig halten. Auf der anderen Seite sind wir damit eben nicht mehr eingerahmt in diese großen Erzählungen, die uns und unserem Leben einen Sinn, unserem Leiden einen Trost und der Menschheit ihre Ordnung geben können.

Aber, so Harari, wir haben einen Weg heraus aus diesem Dilemma gefunden. Wir haben es geschafft, der Welt einen Sinn zu geben, der nicht auf einem großen kosmischen Plan oder auf das Wort Gottes zurückgeführt werden muss. Dazu haben wir eine neue Religion entwickelt, die in den letzten Jahrhunderten die ganze Welt erobert hat: Der Humanismus.

Bevor wir ans Eingemachte gehen, will ich kurz erklären, wieso Harari den Humanismus als eine Religion versteht, während die meisten Humanisten sich doch dagegen verwahren würden, als religiös bezeichnet zu werden. Harari erklärt, dass Religion nicht mit Aberglauben oder dem Glauben an "übernatürliche Wesen" wie Götter oder Engel gleichgesetzt werden kann, denn das sei immer nur die Perspektive "der anderen". Wer an Gott oder Engel glaubt, würde ja eben nicht sagen, dass diese übernatürlich oder eingebildet sind, sondern diese Wesen gehören für den Gläubigen eben zu seiner Welt und ihrer Natur. Hararis Definition von Religion ist folgende:

"Religion ist jede allumfassende Erzählung, die menschlichen Gesetzen, Normen und Werten eine übermenschliche Legitimität zuschreibt. Religion legitimiert soziale Strukturen durch die Behauptung, dass diese Strukturen durch übergeordnete Gesetze bestimmt seien." (Harari, Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen, S. 211)

Das christliche Gebot "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben," kam der Erzählung nach von Gott selbst und nicht von Menschen. Daher ist es für einen Christen nicht "erfunden", kann nicht hinterfragt und muss befolgt werden. Genauso gilt das für alle anderen Gebote inklusive "Du sollst nicht morden", "Du sollst nicht die Ehe brechen" und "Du sollst nicht stehlen." Verbrechen ohne Opfer (z.B. wenn beide die Ehe brechen wollen und die Partner es nie erfahren würden) gibt es in dieser Logik nicht, man würde immer Gott "betrügen".

Nicht Gott, sondern wir geben dem Kosmos seinen Sinn

Im Humanismus haben wir, wie man auf den ersten Blick sehen kann, einige dieser Gebote übernommen und in Gesetze gepackt. Und das war unter dem Wegbrechen der großen religiösen Erzählungen auch notwendig, um die Ordnung in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Das befreiende Moment ist natürlich, dass der Gesetzgeber (noch) nicht wie Gott in uns hinein sehen kann, das heißt, wir können Gesetze brechen, wenn sie unentdeckt bleiben und uns unser Gewissen – dieser schwache Schatten des verschwundenen Gottes – davon nicht abhält. Was aber wäre der Glaubenskern der "Religion Humanismus"? Denn wenn alles nur von uns selbst niedergeschriebene Gesetze sind, auf welcher "übermenschlichen Legitimität" beruhen sie dann?

Nach Harari ist der Glaubenskern der Wert des menschlichen Lebens und zwar eines jeden menschlichen Wesens, denn jeder einzelne Mensch hat Erfahrungen, Emfindungen oder das, was die Philosophen "Qualia" nennen, also eine bewusste und reflektierbare Qualität des eigenen Erlebens. Nun könnte man sagen, dass das doch auch so sei und der Humanismus daher keinem Glauben folgt, sondern das Faktische würdigt. Warum aber glauben wir das dann in Hinsicht auf Menschen, aber nicht in Hinsicht auf andere Wesen, die wir offenbar fangen, quälen und töten können? Wir glauben also, Menschen seien irgendwie privilegierte Wesen, deren Empfindungen und Existenz eine herausgehobene Bedeutung zukomme. Und das ist in der Tat ein Glaube, der sich naturwissenschaftlich nicht belegen lässt.

Und der kosmische Plan? Den gibt es ja im Humanismus nicht "von oben". Worin besteht dann der übergeordnete Sinn der Welt im Humanismus?

"Während traditionell der große kosmische Plan den Menschen einen Lebenssinn gab, kehrt der Humanismus die Rollen um und verlangt, dass die Erfahrungen und Empfindungen der Menschen dem Kosmos einen Sinn geben. Im Humanismus schöpfen die Menschen aus ihren inneren Erfahrungen nicht nur denn Sinn des eigenen Lebens, sondern auch gleich den Sinn des ganzen Universums. Das ist das grundlegende Gebot, das der Humanismus uns gegeben hat: Stifte einen Sinn in einer sinnlosen Welt." (ebd. S. 259)

Drei Formen des Wissens

Spätestens seit der Romantik geht der Blick nicht mehr zum Himmel, wenn man sich fragt, was zu tun sei, sondern nach innen. Wir tun, was sich "richtig anfühlt", wir "folgen unserem Herzen", hören auf unser "Bauchgefühl". Dort ist die neue Instanz. Wo früher Gott war, sind heute Eingeweide, könnte man gehässig sagen. Fast alle praktischen Entscheidungen, die wir heute für unser Leben treffen, gehen auf unser Bauchgefühl und Intuitionen zurück: Was wir kaufen, wen wir heiraten, welche Partei wir wählen, was wir studieren oder arbeiten, alle diese Dinge entscheiden wir nach dem romantischen Mantra: Höre auf deine innere Stimme. Zu mittelalterlichen Zeiten wurde danach entschieden, was die Bibel oder die Priester sagten. Die wissenschaftliche Revolution hat uns bei unseren täglichen Entscheidungen nicht geholfen, weil wir mit Daten, Naturgesetzen und Mathematik keine ethischen Fragen klären können. Also blieb nach dem Tod Gottes nur, auf unsere innere Stimme zu hören. Harari bildet diese drei verschiedenen Formen des Wissens in Gleichungen ab:

  1. Wissen = Bibel x Logik (mittelaterliches Christentum)
  2. Wissen = Daten x Mathematik (wissenschaftliche Revolution)
  3. Wissen = Erfahrung x Empfindsamkeit (moderner Humanismus)

Ich liebe solche kleinen Sytematiken, die große komplexe Zusammenhänge auf den Punkt bringen. Streng genommen, sind 1. und 3. natürlich keine Formen des Wissens, sondern Formen der Gewissheit. Und es ist wichtig zu verstehen, dass das keine zeitliche Abfolge darstellt: Es gibt auch heute noch Rechtssprechungen, die auf heilige Schriften zurückgehen und auch das Wissen nach naturwissenschaftlichen Regeln ist und bleibt höchst aktuell. Nur die Wissensdefinition des Humanismus ist sehr neu und – weil sie sich auf ethische Fragen bezieht – aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Das heißt aber nicht, dass wir uns auf diese Form des Wissens allein verlassen können. Überall, wo es nicht darum geht, was ich tun soll, sondern darum, was wahr ist, bleibt die naturwissenschaftliche Form des Wissens die einzig angebrachte Erkenntnisform.

Die Naturwissenschaft hilft uns kaum dabei, Sinn in einer sinnlosen Welt zu stiften. Denn ihre Kernmessage ist, dass es nicht auf uns oder Götter ankomme, sondern auf chemische Elemente, physikalische Gesetze und unmenschlich lange Zeiträume. Das sind die Zutaten der Schöpfung und irgendein Wille oder ein Ziel kann man diesen Vorgängen nicht unterstellen.

Sinnerlebnisse sind angewisen auf Gemeinschaft, Erfahrung, Empfindsamkeit und Ästhetik. Und das muss man nicht in einen reinen Humanismus zwängen. Man kann und muss diese Überzeugug von der Werthaltigkeit des Lebens und dem Respekt vor jedem Erleben ausweiten auf alle Lebewesen, alles andere ist eben doch nur ein Ismus.



Das passt dazu:

Kommentare:

  1. "... irgendein Wille oder ein Ziel kann man diesen Vorgängen nicht unterstellen."

    Natürlich kein personaler Wille. Aber gibt es nicht doch so etwas wie eine strukturierte Entwicklung, deren Struktur darin besteht, vom Einfachen zum Komplexen zu gelangen?

    Wir haben jetzt das 6., diesmal menschengemachte Artensterben. Die 5 vorherigen waren ebenfalls katastrophal, über 90% der Arten starben, wenn ich recht erinnere. Und doch entwickelte sich alles neu, zum wiederholten Mal in Richtung Vielfalt und Komplexität.

    Wenn wir uns Menschen als die bisher entwickeltste Form komplexer Lebewesen ansehen, gestützt durch das Argument, dass wir den größten Überblick über das, was ist, haben - könnte man also sagen, der Kosmos habe einen Trend zur Selbsterkenntnis?

    Wir sind vermutlich ein Flop und werden bald verschwinden, weil wir aus dem Erkennen kein vernünftiges Handeln generieren konnten. Aber vielleicht wird es ja weitere Versuche in der Richtung geben.... :-)

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    1. Hallo Claudia, vielen Dank für deine Gedanken.

      Ich würde mit dir mitgehen und sagen, es gibt Trends hin zu bestimmten Entwicklungen, z.B. von Einzellern zu kompexen Vielzellern. Ich bezweifle aber, dass es dahinter ein Ziel und/oder einen Willen gibt. Ziele und Willen sind nicht ohne personale Subjekte denkbar, d.h. ohne Götter auch keine Ziele im Kosmos.

      Und ich sehe auch keine Anhaltspunkte dafür, dass es einen Trend zur Selbsterkenntnis im Kosmos gibt. Dazu fehlt uns einfach das empirische Wissen zu anderen Selbsterkenntnisformen jenseits unseres Planeten. Gerade wenn es so ist, wie du sagst, dass wir aus der Erkenntnis kein Verhalten ableiten können, dass uns das Überleben sichert, scheint der Trend also nicht sehr stabil zu sein ;)

      Ich bin gespannt, ob wir vielleicht einfach der letzte organische Absprungspunkt vor der technischen KI sind, die dann ohne uns kann und will.

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