12. Januar 2019

Wer keine Angst hat, hat auch keine Zukunft

Angst als Erkenntnisthema – Interview mit Heinz Bude


Heinz Bude wurde durch sein 2014 erschienenes Buch Gesellschaft der Angst in der Öffentlichket bekannt, in dem er am "Leitfaden des Erfahrungsbegriffs der Angst [...] eine Gesellschaft der verstörenden Ungewissheit, der runtergeschluckten Wut und der stillen Verbitterung" beschreibt (Perlentaucher). Da drängt sich eine Perspektive auf, unsere heutige populistische Gesellschaft und ihre Ursachen zu erkennen. 1954 in Wuppertal geboren, studierte er Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Universität Tübingen und an der FU Berlin. Von 1992 bis 2014 war er am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig und übernahm dort 1997 die Leitung des Bereichs "Die Gesellschaft der Bundesrepublik". Seit 2000 ist er Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Bude gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, die Ende November 2016 veröffentlicht wurde. 

Das hier veröffentlichte Interview erschien zuerst in der Ausgabe 4/2017 des philosophischen Wirtschaftsmagazins Agora42.


Heinz Bude auf der Leipziger Buchmesse 2018 (Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0)

Was ist das Charakteristische dieser Angst, die die Gesellschaft durchzieht?

Für mich ist der Angstbegriff mit der Phase des Abschieds von einer Periode verbunden, die in den letzten 30 bis 40 Jahren die westliche Gesellschaft beherrscht hat und die manche Leute Neoliberalismus nennen. Diese Periode hatte eine zentrale Botschaft: Eine gute Gesellschaft ist eine Gesellschaft starker Einzelner, das heißt von Leuten, die nicht auf andere angewiesen sind, die für sich selbst sorgen und sich durchsetzen können. Aber daran, dass starke Einzelne eine gute Gesellschaft ergeben, glaubt keiner mehr. Es herrscht über Partei- und Milieugrenzen hinweg meiner Wahrnehmung nach die Auffassung, dass diese Idee einer guten Gesellschaft mit hohen Kosten für den Einzelnen verbunden ist. Denn es ist erstens ungeheuer aufwendig, andauernd stark sein zu müssen, und zweitens ist für viele dieses gute Leben von vornherein unerreichbar. Und diese Kosten sind für unsere Gesellschaft nicht mehr tragbar.

Außerdem kann man nicht bestreiten, dass immer dann Angst im Spiel ist, wenn es um die Abhängigkeiten der Banken im globalen Finanzsystem, um die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitsmärkte und das Gefüge der internationalen Machtbalance geht.

Angst ist für mich also nicht nur ein Affekt, sondern in Begriffen der Angst wird deutlich, was Menschen wichtig ist und wovon sie sich bedroht fühlen. Mit "Gesellschaft der Angst" wollte ich also nicht etwa eine Politik der Klage unterstützen, sondern aufzeigen, inwiefern der Begriff der Angst helfen kann, unsere Situation zu verstehen. Angst ist ein Erkenntnisthema geworden. Das ist meine Idee.

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