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Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

6. Januar 2013

Der Wind auf unserer Haut

Was mich angeht, reichen mir die Oberflächen - im Grunde scheinen mir sogar nur sie allein wichtig zu sein. Solche Dinge wie zum Beispiel der Druck einer Kinderhand, der Geschmack eines Apfels, die Umarmung eines Freundes oder Geliebten, die sanfte Haut eines Mädchens, das Sonnenlicht auf Steinen und Blättern, der Klang von Musik, die Borke eines Baums, das Rau von Granit und Sand, der Fall klaren Wassers in ein Becken, Wind im Gesicht. Was gibt es denn außerdem noch? Was sonst benötigen wir schon?
Edward Abbey, Desert Solitaire

Wind im Gesicht. Was sonst benötigen wir eigentlich? Foto von Gilbert Dietrich

Einer meiner Lieblingsautoren ist Edward Abbey. Er war ein fundamentalistischer Naturschützer und hat überaus komische, aber auch radikale Bücher wie Die Monkey Wrench Gang geschrieben (siehe kurze Rezension unten). Im Moment lese ich gerade sein Buch Desert Solitaire, in dem er von seinen Erfahrungen mit der Einsamkeit in der Wüste berichtet. Ich will all jenen seine Bücher empfehlen, die sich zu sehr in den täglichen Kämpfen zwischen Wohnzimmer und Schreibtisch verloren haben und sich vielleicht nach dem tieferen Sinn all dieser Anstrengungen fragen. Lesen wir Edward Abbey und gehen dann raus vor die Tür. Vielleicht gibt uns dort der Wind auf unserer Haut eine Antwort auf unsere vermeintlich tiefen Fragen.



The Monkey Wrench Gang ist ein Öko-Terrorismus-Roman zum totlachen und mitfiebern. Abbey ist ein Meister im Entwickeln sympathischer und lebensgroßer Karikaturen von Menschen. Seien es die Gang-Mitglieder: die schöne Bonnie Abbzug, der Mormone Seldom Seen Smith, der Outlaw und Survivour Hayduke und der geldgebende Arzt Sarvis. Oder ihre Gegenspieler und hier besonders Bishop Love, der für die wirtschaftlich-industrielle Erschließung der Wüste kämpft. Die Gang versucht eben diese Erschließung zu verhindern oder sogar rückgängig zu machen, wie im Falle des großen Hoover-Dammes, den sie zu sprengen gedenken. Am Ende wird es nicht mehr als ein symbolischer Akt mit Farbbomben. Aber immerhin. Schaden haben sie doch genug angerichtet, indem sie Bulldozer und Förderbänder lahm gelegt haben und Brücken zerstört. Am Ende kommt es zum großen Show-Down in der Wüste. Love und seine Truppen erschießen - so meint man jedenfalls - den Outlaw und vermeintlichen Bandenführer Hayduke. Wie wir Dank des Nachfolgeromans Hayduke Lives wissen, ist es wieder nicht gelungen, Hayduke an den Kragen zu gehen. Er ist eine Art Houdini, ein Phantom beinahe und kennt jeden Stein, jedes Wasserloch in der Wüste. Hayduke Lives ist ein langes Portrait der Hippie- und Öko-Bewegung. Sehr interessant und amüsant, aber lange nicht so spannend und Action geladen wie der erste Teil.

Ich frage mich, warum The Monkey Wrench Gang nicht Teil meiner Lektüre war, als ich 18 war. Mein Leben hätte einen ganz anderen Weg nehmen können. Jetzt, da ich doppelt so alt bin, fällt es schwerer, die Wut und Freude, die Radikalität und Liebe einzuverleiben, für die man als Jugendlicher viel empfänglicher ist. Wo hattet ihr dieses Buch versteckt, ihr verdammten Erwachsenen? Wozu seid ihr Lehrer und Professoren, wenn ihr diese Lektüre euren Kindern nicht zugänglich macht? Gebt The Monkey Wrench Gang euren Kindern, bevor diese Welt den Bach runter geht. Schickt sie in die Wüste. Lasst sie lesen, sehen, leben und lieben.

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