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29. März 2022

Wie die US-amerikanische Demokratie (nicht) funktioniert

Ein Interview mit dem Philosophen Jared A. Millson über die Mutter aller Demokratien

Jared A. Millson ist Assistant Professor am Department of Philosophy des Rhodes Colleges. Rhodes ist eine kleine 1848 gegründete Hochschule mit dem Motto "Truth, Loyalty, Service", die immer wieder prominent in diversen Rankings erscheint und unter anderem für den schönsten Campus der USA berühmt ist. Von Millson ist bereits der Artikel Verschwörungstheorien... Warum nicht? auf Geist und Gegenwart erschienen.

Rhodes College: Palmer Hall im sprichwörtlichen Efeu (CC BY-SA 4.0, Washnockm)

Professor Milson, bitte geben Sie uns etwas Hintergrund zu Ihnen persönlich.

Ich komme ursprünglich aus New Hampshire – einem sehr seltsamen Bundesstaat in den USA. Es liegt in Neuengland, direkt neben Massachusetts, das viele für einen der liberalsten Bundesstaaten der USA halten. Ich bin der Sohn zweier Buchhändler. Mein Vater war ein litauisch-lettischer Jude in dritter Generation, der ziemlich arm in den Bostoner Sozialwohnungen aufwuchs. Ihm gehörte dann eine kleine Kette von Buch- und Musikläden zwischen Boston und Maine. Mitte der 1990er Jahre kamen die großen Buchhandlungsketten und mein Vater musste seine Geschäfte schließen. Meine Mutter arbeitete später in einer der Ketten, die meinen Vater aus seinem Geschäft trieb.

Der "Abstieg" meiner Familie vom bürgerlichen ins Angestelltendasein hatte tiefgreifende Folgen für mein politisches Bewusstsein. Beginnend in meinen frühen Teenagerjahren in den 90ern interessierte ich mich sehr für linke Politik und die Punkrock-Szene in Boston. Als ich dann dort auf die Uni ging, wurde ich sehr aktiv im anarchistischen Milieu und nahm an zahlreichen Anti-Globalisierungs-Demonstrationen teil. Ich half auch bei der Gründung der ersten antifaschistischen Organisationen der USA (nach dem Vorbild der Antifaschistischen Aktion in Deutschland). Mich hat vor allem dieses politische Engagement zur Philosophie hingezogen. 2006 zog ich nach Atlanta, um zu promovieren. Ich bin immer noch eine Art Linker, was mich sehr wenig repräsentativ für die meisten Amerikaner macht, aber im Laufe der Jahre ist meine Politik viel pragmatischer geworden – ich neige dazu zu denken, dass der beste Weg, unser Leben zu verbessern, darin besteht, neue soziale Arrangements und Gesetze auszuprobieren.

Heute leben Sie mit ihrer Familie in Tennessee. Wie ist das Leben eines Philosophen dort heute?

Insgesamt ist es großartig! Ich habe dieses Jahr gerade eine neue Stelle an einem Liberal Arts College angetreten, und ich liebe es. In Europa gibt es diese Art von Bidlungsinstituten kaum, aber die USA sind voll davon. Sie sind in der Regel kleine, private, gemeinnützige Colleges, die keinerlei Ingenieurs-, Medizin-, Rechts- oder Postgraduiertenprogramme haben, sondern sich stattdessen auf die Künste und Naturwissenschaften konzentrieren. Ich habe viele Jahre an einem ähnlichen, noch kleineren College nur für Frauen (ein weiteres Phänomen, das man in Europa kaum findet) in Atlanta unterrichtet.

Memphis ist Atlanta sehr ähnlich. Es ist eine stark von den Demokraten und von Schwarzen geführte Stadt in einem sehr konservativen, republikanischen Staat. Zwischen der linken Stadtverwaltung und der rechten Landesregierung gibt es ständig Spannungen. Die Pandemie hat diese Spannung nur noch verschärft. Ich denke, es ist wichtig, dass Sie außerhalb der USA diese nahezu allgegenwärtige Dynamik verstehen. Städtische Gebiete sind in der Regel multiethnisch, liberal und demokratisch, während ländliche Gebiete eher weiß, konservativ und republikanisch sind. Vorstädte sind eher gemischt und deshalb zum Schlachtfeld für politische Parteien in den USA geworden. Diese lokalpolitischen Tendenzen finden Sie sogar in den vermeintlich "liberalen" Bundesstaaten von New England und an der West Coast. Diese Staaten neigen dazu, demokratische Regierungen zu haben, einfach weil es einen höheren Stadt-zu-Land-Anteil unter ihren Einwohnern gibt.

Beruflich sind sie Akademiker, aber was in Ihrem Alltag und in der Gesellschaft lässt Sie philosophisch denken?

Ich arbeite viel in der Wissenschaftsphilosophie und lehre Fähigkeiten, die man als "Wissenschaftskompetenz" bezeichnen könnte. Ich konsumiere eine Menge Nachrichten, meistens aus Mainstream-Quellen wie National Public Radio, BBC, Deutsche Welle und einer Vielzahl von wissenschaftsjournalistischen Podcasts. Ich liebe es, Artikel und Berichte in den Nachrichten zu finden, die irreführende, aber nicht unbedingte falsche Statistiken liefern oder die neueste wissenschaftliche Forschung falsch darstellen. Es sind diese häufigen Fehler von wohlmeinenden Reportern, die meinen Schülern helfen, Medien kritisch zu konsumieren, ohne einer radikaleren Skepsis gegenüber den Nachrichten zu erliegen.

Ich erinnere mich genau an den Moment im Jahr 2016, als ich philosophisch neugierig auf die jüngste US-Politik wurde: Eine hochrangige Beraterin des damals neu gewählten Präsidenten konterte eine Frage zur Lügen dieses Präsidenten über die Größe der Menschenmenge bei seiner Amtseinführung, indem sie die Lügen als "alternative Fakten" bezeichnete. Nun wissen wir alle, dass gerade beim Zählen Fakten, einfach Fakten sind. Es gibt da schlicht keine Alternative: Auf dem Tisch liegen entweder zwei Äpfel oder drei – es kommt nicht darauf an, wer sie zählt. Später mussten wir lernen, dass solche "alternativen Zahlen" auch für "alternative Wahlergebnisse" sorgen sollten. Dieses Sprechen von alternativen Fakten hat also wirkliche Konsequenzen bis hin zur möglichen Abschaffung der Demokratie. Was halten Sie als Philosoph von dieser radikalen Dekonstruktion unserer faktenbasierten Kommunikation?

Sie haben den Finger auf ein sehr beunruhigendes Phänomen gelegt. In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es unter Akademikern, Journalisten und Politikern viel Aufhebens um den Niedergang dessen, was wir den "faktischen Konsens" in der US-Politik nennen könnten. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts, so heißt es, seien politische Parteien sich über die Mehrzahl politisch bedeutsamer, empirisch überprüfbarer Fragen einig gewesen. Zum Beispiel: "Hat die Inflation in den letzten 4 Jahren zugenommen?" "Ist die Arbeitslosenquote jetzt höher als vor dem Amtsantritt von Präsident X?". Vor diesem gemeinsamen Hintergrund konnten politische Parteien darüber streiten, was das Beste für die USA sei und wie man es erreichen könne, und Kompromisse eingehen, ohne das Gesicht zu verlieren. Aber mit dem Aufstieg des Internets und der Zersplitterung der Medien sei der sachliche Konsens verloren gegangen. Jede Partei lebe in ihrer eigenen isolierten Informationsumgebung, gefangen in ihrer "Echokammer" mit ihren eigenen "alternativen Fakten". Ohne den sachlichen Konsens, so der Gedanke, seien Kompromisse zwischen den Parteien und damit eine kohärente Regierungsführung kaum möglich.

Okay, das ist die Erzählung, die wir hören. Ich denke, da ist etwas Wahres dran, aber ich denke auch, dass es ein bisschen übertrieben ist. Es gibt mehrere Studien, die darauf hindeuten, dass Liberale und Konservative im Durchschnitt nur 12 Prozentpunkte voneinander entfernt sind, wenn man sich auf diese politisch wichtigen und empirisch überprüfbaren Fragen beschränkt. Das ist bei weitem nicht so schlimm, wie uns das Narrativ glauben machen würde. Was noch interessanter ist: Wenn Sie den Teilnehmern der Umfrage Geld für die richtige Beantwortung der Frage anbieten (in einigen Fällen nur 2,5 Cent für eine richtige Antwort), wird die Lücke halbiert! Wenn Sie ihnen genug Geld anbieten, verschwindet der Unterschied vollständig. Unter diesen Bedingungen gibt es also keine Diskrepanz zwischen Demokraten und Republikanern. Das deutet darauf hin, dass die Leute im Allgemeinen ihre wahren Überzeugungen zu solchen Themen aus Gründen der Selbstdarstellung verschleiern – wahrscheinlich, um ihre Parteizugehörigkeit oder Stammeszugehörigkeit zu signalisieren. Einige der besten Arbeiten auf diesem Gebiet kommen von John Bullock an der Northwestern University.

Für mich sind diese Studien zugleich eine Quelle für Optimismus als auch für Verzweiflung. Auf der einen Seite könnten die Leute über die richtigen Anreizen bereit sein, mit ihrem Stamm zu brechen, wenn es um empirisch überprüfbare Angelegenheiten geht. Andererseits deutet es darauf hin, dass die Leute so gezwungen sind, die Parteilinie zu verfolgen, dass sie bereit sind, ihre eigenen Überzeugungen zu verleugnen. Letzteres wird noch besorgniserregender, wenn wir bedenken, wie viel von unserer sozialen Identität heute mit politischen Zugehörigkeiten verbunden ist. Es gibt also sicherlich Grund zur Sorge über Echokammern, aber vielleicht ist es nicht so schlimm, wie man uns glauben macht.

Und dennoch – wenn es in gesellschaftlichen Systemen nur wenige feste Regeln gibt, scheint doch das Festhalten an der Wahrheit und das Hochhalten anderer Werte besonders wichtig zu sein. Die amerikanische Demokratie zum Beispiel hängt stark vom "Honor System" (honor = Ehre) ab, was bedeutet, dass die Regierung nicht gesetzlich verpflichtet ist, das Richtige zu tun (z. B. die Gewaltenteilung aufrechtzuerhalten und den Generalstaatsanwalt nicht für ihre Zwecke zu instrumentalisieren). Durch das Honor System ist sie eher moralisch als gesetzlich verpflichtet. Ist dieses Ehrensystem stark genug, um Autokraten davon abzuhalten, die Demokratie zu zerstören?

Vor Trump hätte ich mit einem nachdrücklichen "Ja!" geantwortet. Aber was seine Präsidentschaft unter anderem gezeigt hat, war, wie zerbrechlich die ungeschriebenen Normen der US-Regierungsinstitutionen wirklich sind. Angesichts der zunehmend autoritären Ansichten der Konservativen vermute ich, dass der nächste republikanische Präsident mit viel mehr davonkommen kann. Aber noch einmal, für jemanden mit einer weitgehend linken Perspektive könnte dies auch eine Quelle der Hoffnung sein. In den letzten 40 Jahren haben viele der institutionellen Normen in der US-Politik es nahezu unmöglich gemacht, irgendetwas zu gestalten, das irgendwie einer europäischen linken politischen Bewegung geähnelt hätte. Was Trump uns auf eine paradoxe Art gezeigt hat, war, dass scheinbar unbewegliche Barrieren für eine direkte Demokratie überwunden werden können. Ob die nächste Herausforderung für den "Deep State" von ganz links oder von ganz rechts kommen wird, ist natürlich eine offene Frage.

Kommen wir noch einmal auf Tugenden und Ehre zurück: Man muss Donald Trump gegenüber nicht besonders voreingenommen sein, um die Frage zu stellen, wie jemand, der lange für seine betrügerischen Geschäftspraktiken (zahllose Klagen und Vergleiche vor 2016 sind kein Geheimnis) und moralisches Versagen bekannt war (siehe Beispiel Access Hollywood Tape) von einer Partei überhaupt als Präsidentschaftskandidat zugelassen wird? Ich kenne keine Demokratie, in der dies so rasch passieren würde, und es ist überraschend, dass dies in den USA möglich ist, wo moralisches Verhalten und Ehre tatsächlich sehr wichtig sind.

Sie weisen auf etwas hin, das vielleicht der überraschendste Aspekt von Trumps Aufstieg zur politischen Dominanz in der amerikanischen Rechten ist. Letztere war jahrzehntelang auf den "moralischen Charakter" der Kandidaten fixiert. Wie stark diese Fixierung war, kann man zum Beispiel am Impeachment gegen Clinton sehen. George W. Bushs wilder unmoralischer Militarismus auf der anderen Seite war wohl in Ordnung, weil er ein wiedergeborener Christ war. Natürlich war es immer widersprüchlich, wenn nicht heuchlerisch. Aber man kann an Trumps Verhalten nicht vorbeisehen, da es mit fast jeder "Tugend" in Konflikt gerät, die von konservativen, weißen, evangelikalen Christen hochgehalten wird.

Ich habe gehört, dass es zu Beginn von Trumps Wahlkampf einige Widerstände unter den Evangelikalen gab, aber als klar wurde, dass er alles tun würde, um die etablierte Grundsatzentscheidung zum Abtreibungsrecht (Roe V. Wade) zu stürzen, schloss sich die evangelikale Gemeinschaft schnell an. Wenn das Vermächtnis von Trump darin besteht, dass der "moralische Charakter" kein Faktor mehr in den politischen Kampagnen der USA ist, wäre das zumindest ein Silberstreif am Horizont. Aber ich bezweifle, dass dies der Fall sein wird. Kandidaten der Rechten werden sicherlich weiterhin einen Freibrief für ihre moralischen Übertretungen erhalten.

Verrückt, warum ist das so? In letzter Zeit denke ich oft an dieses Dilemma, von dem ich noch nicht weiß, ob und wie es moralisch auf jedem Radar ist und wie es gelöst werden kann: "Unanständige" Menschen bekommen anscheinend einen Freifahrtschein, weil sie z.B. aggressiv oder sonst irgendwie außerhalb der akzeptierten Kommunikation sind. Michelle Obamas "We go high when they go low!" ist ein perfekter Ausdruck für diese noble Hilflosigkeit. Es führt dazu, dass die eine Partei das demokratische Fundament eines Landes zerstört und die andere Partei tatenlos zusieht, weil ihnen das alles zu ekelhaft ist. Irgendwelche Ideen, wie man damit umgeht?

Ich vermute, das ist Teil einer umfassenderen Herausforderung sowohl in der Politik als auch in den Medien. Sie entsteht, wenn wir mit eklatanten Fehlinformationen oder offensichtlich unmoralischem Verhalten konfrontiert werden. Journalisten beispielsweise müssen dann entscheiden, ob sie Trump wegen seiner Lügen zur Rede stellen und damit riskieren sollten, diesen Lügen noch eine größere Platform zu geben. Es gibt eine ähnliche Herausforderung, mit dem entlarven von Verschwörungstheorien. Wir riskieren, versehentlich Werbung für sie zu machen und ihnen möglicherweise sogar den Anschein von Glaubwürdigkeit zu verleihen.

In gleicher Weise laufen Liberale Gefahr, wenn sie die normbrechenden und die Demokratie untergrabenden Aktionen der Rechten anprangern. Diese Angriffe erscheinen dann mitunter als legitime Beiträge der gewöhnlichen politischen Debatte – was sie natürlich gar nicht sind. Ich habe hier keine Lösung. Am Ende kommt es auf die Bedrohung an, die von den jeweiligen Ansichten oder Verhaltensweisen ausgeht. Wenn die Bedrohungen groß sind, dann sollten wir sie bloßstellen, kritisieren und anprangern. Aber die Widerwärtigkeit jedes Politikers zu konfrontieren, unabhängig von der Schwere seiner Bedrohung für die Demokratie, wird wahrscheinlich zu einer "Empörungsmüdigkeit" in der Öffentlichkeit führen.

In dem Zusammenhang ist es erwähnenswert, dass der Linguist George Lakoff eine Technik populär gemacht hat, um mit diesem Double Bind umzugehen, in dem sich Journalisten befinden, wenn sie über die Verbreitung von Fehlinformationen berichten müssen. Es wird das "Truth-Sandwich" genannt: Reporter sollten mit der Wahrheit vorangehen, dann die Unwahrheit kurz beschreiben und dann die Fehlinformationen überprüfen und die Wahrheit wiederholen.

Noch einmal ganz konkret zur Bedrohung der US-Demokratie: Wir alle sehen die Beweise, dass es eine Verschwörung gab, einen Putschversuch, um die Wahl zu kippen: falsche Wahlmänner; ein Präsident, der Wahlbeamte persönlich unter Druck setzt, "Stimmen zu finden", einen Sturm aufs Kapitol mit Toten und Verletzten, um nur das Gröbste zu nennen. Werden Trump, Guilliani und Freunde ins Gefängnis gehen, in einem Land, in dem "niemand über dem Gesetz steht"?

Inzwischen wurden 786 Personen angeklagt wegen der Verbrechen im Zusammenhang mit dem Sturm auf das Kapitol oder dem Putschversuch, wie ich es lieber nenne. Letzterer Begriff eignet sich so, weil er im amerikanischen Englisch praktisch nur verwendet wird, um den Putsch der Nazis im Jahr 1923 zu beschreiben. Die meisten der bisher angeklagten Personen haben gerichtlichen Vergleichen zugestimmt, hauptsächlich wegen kleinerer Vergehen. In einigen Fällen gab es auch Anklagen wegen begangener Verbrechen und die Vergleiche dort führten immerhin auch zu kurzen Gefängnisstrafen.

Inzwischen gibt es auch die ersten richtigen Anklagen und Prozesse zu den Vorkommnissen am 6. Januar. Dabei geht es um schwerwiegendere Vorwürfe, bespielsweise Hausfriedensbruch und Angriff auf einen Polizisten mit einer tödlichen Waffe. Ich vermute, dass viele dieser Prozesse zu Verurteilungen führen werden. Tatsächlich ist gerade der erste dieser Prozesse mit einer Verurteilung in allen Anklagepunkten abgeschlossen worden. Bisher wurden keine prominenten Persönlichkeiten wie Trump oder seine Anwälte und Berater angeklagt. Ich denke, es ist unwahrscheinlich, dass es dazu kommen wird. Dennoch gibt mir die Tatsache etwas Hoffnung, dass bereits so viele für den Angriff vom 6. Januar zur Rechenschaft gezogen wurden.

In der Tat ist das wichtig. Mindestens genauso wichtig fände ich, dass der Generalbundesanwalt klargestellt, dass sich auch ein Präsident durch Wahlfälschung – siehe all die gut dokumentierten Versuche Trumps vor dem 6. Januar – strafbar macht. Das bringt mich zu einem weiteren Punkt rund um die Wahlen: Warum ist es so schwierig, Senatoren von neuen Gesetzen zu überzeugen, die das Stimmrecht fördern, anstatt es einzuschränken? Was sind die Argumente, den Zugang zu den US-Wahlen zu erschweren?

Es gibt keine guten Argumente dafür, den US-Bürgern das Wählen zu erschweren. Die Gesetzgeber der republikanischen Bundesstaaten behaupten, dass ihre Initiativen darauf abzielen, Wahlbetrug zu verhindern. Ich denke, dass die meisten von ihnen wirklich glauben, dass es weit verbreiteten Wahlbetrug gibt. Aber es gibt ihn schlicht nicht. Alle mehrheitlich republikanischen Bemühungen, einen solchen Betrug aufzudecken, sind gescheitert. Selbst wenn es einen solchen Betrug gäbe, würde die Art der vorgeschlagenen Beschränkungen wenig dazu beitragen, ihn einzudämmen.

An diesem Punkt haben wir eine Partei (Demokraten), die ein Interesse daran hat, die Wählerpopulation zu vergrößern, und eine andere (Republikaner), deren langfristiges Überleben davon abhängt, sie zu reduzieren. So einfach ist das. Deshalb sind die Republikaner so darauf bedacht, die Abstimmung so schwer wie möglich zu machen.

Ich denke jedoch, dass ihre Bemühungen unbeabsichtigte und unerwünschte Folgen für ihre politische Zukunft haben werden. Nach der Streichung des Stimmrechtsgesetzes durch den Obersten Gerichtshof im Jahr 2013 zielten die meisten von den Staaten verhängten Wahlbeschränkungen darauf ab, die persönliche Stimmabgabe zu erschweren, obwohl die wenigen Fälle von tatsächlichem Betrug fast immer die Briefwahl betrafen. Der Grund, warum sich die republikanischen Gesetzgeber auf die persönliche Stimmabgabe konzentrierten, war, dass bis 2020 die Mehrheit der Briefwahl von älteren Menschen durchgeführt wurde, die überproportional republikanisch stimmen. Doch 2020 änderte sich das mit der Pandemie. Vielerorts stimmten Demokraten, die die Pandemie generell ernster nahmen als Republikaner, massenhaft per Briefwahl ab. Folglich zielen die neuen Wahlbeschränkungen darauf ab, die Briefwahl zu erschweren. Ich vermute, dass der Trend mit dem Abklingen der Pandemie dahin zurückkehren wird, dass die meisten Briefwähler Republikaner sind. Es könnte also unbeabsichtigt dazu kommen, dass die Wahlbeteiligung der Republikaner unterdrückt wird.

Es fällt auch auf, wie einige aus der rechten politischen Ecke starke Sympathien für Diktatoren haben. Auch dass passt nicht zur klassischen Republikanischen Partei. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die Affinität zu Putin und seinem Tun? Und ich meine nicht das Pfeifen auf Political Corectness oder die zur Schau gestellte Männlichkeit, sondern die politische und wirtschaftliche Seite der Dinge. 

Es ist faszinierend und beängstigend, dass Putin unter vielen in der amerikanischen Rechten so hoch angesehen ist. Einiges davon kann sicherlich auf die von ihm geförderte Anti-LGBTQ-Politik und andere Bemühungen zur Durchsetzung "traditioneller", regressiver, ungleicher Vorstellungen und sozialer Arrangements zurückgeführt werden. Aber seit Trump die Fantasie der Rechten erobert hat, sind sie besessen von autoritären Persönlichkeiten im Ausland – z. Bolsonaro, Duterte usw.

Ich muss an Naomi Kleins Argumentation denken, dass es wahrscheinlich eine Bewunderung für diese Art von Regieren ist, die alle Regeln des Sozial- und Umweltschutzes abschafft, die sonst einer schamlosen Selbstbereicherung dieser reaktionären Elite im Wege stehen.

Ja und ich denke, die Anziehungskraft Putins auf die amerikanische Rechte ist auch Teil ihrer breiteren Hinwendung zum Autoritarismus. Es war früher so, dass die amerikanische Rechte eine starke libertäre, staatsfeindliche Strömung in sich hatte – obwohl eine, die immer unbequem neben ihrem Militarismus stand. Aber es scheint jetzt, dass diese libertäre Linie fast vollständig durch ein Bekenntnis zu einer autoritären Herrschaft ersetzt wurde.

Es ist derzeit faszinierend zu beobachten, wie republikanische Politiker politisch zwischen dem Trump-Flügel ihrer Partei, der Putin fast vergöttert, und dem neokonservativen, Bush-Rumsfeld-Flügel der Partei, der so sehr zu sympathisieren scheint, eingeklemmt werden mit der Notlage der Ukraine. Derzeit sieht die US-Öffentlichkeit, wie ein Großteil der Welt, die russische Invasion in der Ukraine in krassem Schwarz-Weiß. Die Ukraine ist der unschuldige, edle, demokratische Außenseiter, der gegen das Böse, autoritäre Schwergewicht kämpft. Tatsächlich kämpfe ich selbst manchmal darum, es anders zu sehen, trotz meiner Skepsis gegenüber solchen Framings. Solange sich dieses Narrativ bei den US-Wählern durchsetzt, wird es dem Trump-Flügel schwer fallen, viel Begeisterung für Putin aufzubringen. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Ein gutes Stichwort. Wie sieht die Zukunft der Republikanischen Partei als eine der beiden demokratischen Parteien in den USA aus?

Ich denke, wir werden sehen, wie sich die Republikanische Partei zunehmend von der Realität löst. Sie wird zunehmend feindlicher gegenüber Wissenschafts, Demokratie und Rechtsstaat. Wie weit das gehen wird, ist sehr schwer zu sagen. Es wird ein Zeitpunkt kommen, an dem es der demografische Wandel für die Republikanische Partei politisch unmöglich macht, in dieser Richtung weiterzumachen. Ich vermute jedoch, dass die Partei lange genug an der Macht bleiben wird, um Mechanismen der US-Demokratie zu unterminieren und damit dieser Abrechnung zu entgehen.

Oh, das sind pessimistische Aussichten, die die Ängste der Demokraten in Europa befeuern. Wie Sie sehen, sind wir noch immer auf einen starken transatlantischen Pakt angewiesen, um Frieden zu bewahren, wo immer möglich. Und die Demokratische Partei in den USA?

Leider denke ich, dass wir auch bei den Demokraten gefährliche Trends sehen werden. Ich war zutiefst beunruhigt über die Feindseligkeit, die meine liberalen Freunde über die Lockerung der COVID-Beschränkungen geäußert haben, obwohl die Lockerung dieser Richtlinien noch besser durch wissenschaftliche Forschung gestützt wird als ihre ursprüngliche Auferlegung. Ebenso kann ich Ihnen versichern, dass viele Liberale der Überzeugung sind, dass Trump ein russischer Handlanger oder "mandschurischer Kandidat" war – Behauptungen, die so lächerlich sind wie die, dass Hilary Clinton Kinder für ihre Nebennieren erntet. Wenn ich beim Studium von Verschwörungstheorien eines gelernt habe, dann dass sie keine Parteigrenzen respektieren.

Wenn Sie sich die USA vorstellen, wenn Ihre Kinder erwachsen sind – wie sieht das politisch aus?

Ich sehe eine Zukunft, in der es eine politische Neuausrichtung in den USA gibt. Wenn sich die Anreize für die Politik deutlich verschieben (man erinnere sich an die Studie über die Bezahlung von Einzelpersonen für die korrekte Beantwortung dieser empirisch überprüfbaren Fragen), könnten die Demokraten beginnen, die Republikaner zu wählen und umgekehrt. Vielleicht erfahren die Republikaner die oben erwähnte demografische Katastrophe. Vielleicht bleibt genug vom demokratischen System übrig, um sie zu zwingen, neue Wähler zu erreichen und ihre Plattform grundlegend zu ändern. Vielleicht werden sie die Partei der Drogenlegalisierung. In einem solchen Szenario könnte die Zusammensetzung der Parteien ganz anders aussehen als derzeit. Wir haben das schon einmal gesehen, zuletzt 1968. Ich denke, das ist vielleicht das beste Szenario, auf das man hoffen kann.

Leider sieht es nicht so aus, als würde dies in absehbarer Zeit passieren. Die größte Hürde besteht darin, dass seit 1968 die politische Zugehörigkeit in den USA zunehmend mit der sozialen Identität verflochten ist. Beispielsweise gibt es neue Daten, die darauf hindeuten, dass es aufgrund politischer Ansichten zu einer absichtlichen politischen Ghettobildung kommt. Demokraten aus konservativen Gebieten ziehen in liberale Gebiete um; Republikaner in liberalen Gebieten bewegen sich in konservativere. Ich denke, dieser Trend wird sich fortsetzen und verstärken. Natürlich muss es nicht dem Stadt-Land-Gefälle folgen, das ich zuvor beschrieben habe. Mit zunehmendem Home Office werden einige Vorstädte und ländliche Gebiete möglicherweise liberaler, während einige Städte konservativer werden. Aber wenn sich die Menschen weiterhin nach politischen Ansichten abgrenzen und diese weiterhin durch isolierte Informationsumgebungen wie "Echokammern" definiert werden, haben wir meiner Meinung nach die Grundlage für einen Bürgerkrieg.

Aber im Gegensatz zum letzten US Bürgerkrieg wird es nicht zwei geografisch unterschiedliche Einheiten geben, die sich in einem bewaffneten Kampf gegenüber stehen. Stattdessen wird es eher wie der spanische Bürgerkrieg oder neuerdings der syrische Bürgerkrieg aussehen. Abgesehen von den Auswirkungen des Klimawandels macht mir diese Lage die größten Sorgen, wenn ich an die Zukunft meiner Kinder denke. Andererseits ist die Geschichte voller Überraschungen. Was unseren Vorfahren unvermeidlich erschien, erscheint jetzt wie die entfernteste aller Möglichkeiten. Und was für sie unvorstellbar schien, erscheint uns vorbestimmt. Ich denke, allein die Tatsache, dass sich so viele Menschen – Menschen wie Sie und ich – Sorgen über die Entwicklung der US-Demokratie machen, sollte uns Hoffnung geben.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Millson und alles Gute für die Zukunft.


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