Seiten

9. Juni 2019

Das große Andere

Shoshana Zuboff: Es will uns lediglich automatisieren!

Wie Jonathan Franzen in "Purity" (auf Deutsch: "Unschuld") warnt die Sozialpsychologin und Philosophin Shoshana Zuboff vor einem technischen Totalitarismus, der uns längst schon konsumiere. Orwell habe – so wie wir alle – in die falsche Richtung geschaut, als er in 1984 vor einem neuen Totalitarismus in Form eines Big Brothers warnte. Der Totalitarismus, vor dem wir Westler uns fürchteten, ist der altbekannte Staatsterror mit Überwachen und Strafen, so wie wir das vielleicht von Nord Korea annehmen und in China sehen können. Zuboff meint in ihrem neuen Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus, dass die auf den Staatsterror fokussierte Angst eine offene Flanke gegenüber einer ganz neuen Bedrohung gelassen habe, der wir nun beinahe ungeschützt ausgeliefert sind: dem Überwachungskapitalismus, wie sie das nennt.

Die Demokratie habe geschlafen, während der Überwachungskapitalismus aufblühte. Im Ergebnis erlangen die Überwachungskapitalisten eine im 21. Jahrhundert einzigartige Macht, die genauso neuartig ist, wie die Macht des politischen Totalitarismus vor nun fast einem Jahrhundert. Der Überwachungskapitalismus, so Zuboff weiter, habe das Internet und seine digitalen Technologien unter seine Kontrolle gebracht. Private menschliche Erfahrung verleibt er sich ein als Rohmaterial für die Übersetzung in Daten, mit denen unser Verhalten analysiert und vorhersagt wird. Für Unternehmen ist das so wertvoll, weil es das vormals unberechenbare Verhalten der Menschen in eine Gewissheit übersetzt, die den sogenannten Return on Investment (ROI) maximiert. Das passiert inzwischen in jedem Sektor wie Versicherungen, Einzelhandel, Gesundheit, Bildung, Finanzen und so weiter. Daher sei es keine Übertreibung zu behaupten, dass das Internet inzwischen in den Besitz und unter die totale Kontrolle von privatem "Überwachungskapital" gelangt sei.

The Big Other

Inzwischen habe der Überwachungskapitalismus begriffen, dass die treffendste Vorhersage über unser Verhalten dann gemacht werden kann, wenn dieses Verhalten gleich gesteuert wird. Wie degradierend und demokratiefeindlich das ist, wissen wir spätestens seit Cambridge Analytica und den damit gestohlenen Präsidentschaftswahlen von 2016 in den USA.

"Ich nenne das eine intrumentarische Macht, denn sie treibt ihren Willen durch die allgegenwärtige Architektur der digitalen Instrumente voran. Anders als der intime Big Brother, der jede Seele durch Mord und Terror in- und auswendig besitzt, sind diese digitalen Netzwerke ein Big Other: unpersönliche Systeme, die darauf trainiert werden, unsere Handlungen aufzuzeichnen und sie fernzusteuern, ohne je vom Gesetz daran gehindert zu werden.
[...]
Die intrumentarische Macht will uns nicht brechen, sie will uns lediglich automatisieren. Zu diesem Zweck verbannt sie uns aus unserem eigenen Verhalten. Ihr ist egal, was wir denken, fühlen oder tun, solange wir in einer Weise denken, fühlen und handeln, die den Milliarden wahrnehmenden, berechnenden und auslösenden Augen und Ohren des Big Other zugänglich ist.
[...]
Dieses Big Other weiß alles über uns, während wir so gut wie gar nichts über das Big Other wissen. Dieses Ungleichgewicht der Macht ist nicht illegal, weil wir bisher noch keine Gesetze dafür entwickelt haben, aber es ist fundamental antidemokratisch." (The Surveillance Threat Is Not What Orwell Imagined)

Ich weiß selbst aus meiner Zeit bei Google, wo dieses Big Other aus teilweise guten Intentionen geboren wurde, dass der Überwachungskapitalismus als eine Art notwendige Begleiterscheinung der Digitalisierung gerechtfertigt wird. Dabei, so stellt Zuboff heraus, lässt sich zwar der Überwachungskapitalismus nicht ohne Digitalisierung denken, aber Digitalisierung ist durchaus ohne Überwachungskapitalismus denkbar. Sowohl unsere gesamtgesellschaftlichen Handlungen als auch in geringerem Ausmaß unsere individuellen Verhaltensweisen können diesem Big Other viel entgegensetzen, etwas das bei Big Brother nur bei drohender Todesstrafe denkbar war.

Tatsächlich ein Totalitarismus?

Wie auch schon in meiner Besprechung von Franzens Unschuld finde ich den Begriff Totalitarismus schwierig, denn anders als in einem Staatstotalitarismus kann man sich der allgegenwärtig scheinenden Technologie entziehen. Es gibt sogar recht einfache technische Möglichkeiten, sich der Aufzeichnung unseres Verhaltens zu entziehen. Man kann damit anfangen, sich im Internet zu bewegen, ohne in irgendwelche Google-, Amazon- oder Facebook-Accounts eingeloggt zu sein. Das ist zugegebenermaßen in der Welt mobiler Apps immer schwieriger, aber möglich. Man kann mit jedem Browser "anonym" surfen, auch wenn das nicht wirklich anonym ist, sondern erst einmal nur eben keine dauerhaften Logins, Cookie- und Cache-Daten zulässt. Schließlich kann man wirklich anonym und verschlüsselt unterwegs sein, was aber einiges an Aufwand erfordert. Und natürlich sollte man sein Heim nicht freiwillig mit Alexa oder so verewanzen. Keine dieser Verweigerungen ist verboten oder irgendwie sanktioniert und das unterscheidet die digitalisierte Welt von einem wirklich totalitären Regime. Es ist aber auch richtig, dass es faktisch in eine totale Überwachung münden kann und dass sich die instrumentarische Macht gut für politische Totalitarismen eignet, wie wir in China sehen können.

Ich stimme Zuboff in weiten Teilen zu, vor allem in ihrer Schlussfolgerung, dass wir uns einer angeblich unausweichbaren digitalen Zukunft nicht beugen müssen, wir können sie selbst formen, nichts daran ist alternativlos. Und das – so Zuboff – können wir von Orwell lernen, auch wenn der Totalistarismus sich jetzt ganz anders zeigt, als Orwell das vorhersagte: Mut zeigt sich, wenn wir unsere moralischen Überzeugungen auch gegen die Kräfte vertreten, die unbesiegbar scheinen. Wir müssen kritisch denken und kritisieren, unsere Freiheit verteigigen und vor allem für die eine große Idee der Menschheit kämpfen: dass wir das Recht haben nur von uns selbst beherrscht zu werden.



Das passt dazu:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen