22. Februar 2016

Unschuld und das Leben in totalitären Systemen

Jonathan Franzen und das Internet

"Das Internet bedeutet Tod [...] Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien, war es, die Menschheit von den Aufgaben zu 'befreien' - Dinge tun, Dinge lernen, Dinge erinnern - die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben, die das Leben ausgemacht haben. Nun schien es, dass die einzige Aufgabe, die noch etwas bedeutete, die Suchmaschinenoptimierung war." (Purity, S. 492*)

Jonathan Franzen ist einer der größten lebenden Autoren der US Literatur. Angeblich schreibt er seine Bücher mit Noise-Cancelling-Kopfhörern in abgedunkelten Räumen und - wen wundert es - ohne Internetzugang.

Ich habe seine Bücher The Corrections (Die Korrekturen) und "Freedom" (Freiheit) sehr geliebt. Franzens Bücher sind immer enorme Wälzer, die ich aber in einem schnellen Rausch weg gelesen habe. Ich glaube das lag daran, dass The Corrections und Freedom sehr menschliche Geschichten von wirklich menschlichen Charakteren sind, die sich in existenziell beispielhaften Situationen und Beziehungen befanden. Etwas anders ist es mit seinem letzten Buch "Puriy" (Unschuld). Was Franzen auch hier wieder hervorragend gelingt, ist die Authentizität der Gedankenströme seiner Figuren. In Purity sind diese Figuren jedoch allesamt Stellvertreter gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie selbst sind so exemplarisch verstrickt in politische Geschehnisse, dass es schwer fällt, sich mit ihnen zu identifizieren. Das ist aber allein noch kein Manko. Einige der größten Figuren der Literatur sind alles andere als Identifikatoren, ich denke zum Beispiel an Gregor Samsa. Ich verlange von Literatur ja nicht, dass sie sich wegliest wie ein Kinderbuch, sondern dass sie zu mir spricht.

Für alle, die wie ich ihre Jugend in der heimeligen Enge der DDR verbracht haben und dann irgendwie ohne viel Übergangszeit kopfüber in das grenzenlose digitale Zeitalter gestürzt sind, muss dieses Buch besonders deutlich sprechen. Zum ersten Mal lässt Franzen seine Figuren nicht überwiegend in Nordamerika spielen, sondern in Berlin und Leipzig, Bolivien und den USA. Die Hauptfigur Andreas Wolf macht genau diese von mir erlebte Zeitreise aus der Enge Ost Berlins in die Weite des globalisierten Netzes. Es gibt natürlich den großen Unterschied, dass Andreas Wolf immer irgendwie im Auge des Orkans steht, sei es die Stasi und ihre Beseitigung oder sein "Sunshine Project", so eine Art WikiLeaks, das er aus Bolivien steuert.

Jonathan Franzen hat für dieses Buch beileibe nicht nur Applaus geerntet. Es scheint so, dass das Internet ihn mindestens genauso hasst, wie umgekehrt. Einige aus der Internetgemeinde bezeichneten das Buch als "wertloses Stück Scheiße". Dahinter steckt vor allem eine Ablehnung eines als überkommenen wahrgenommenen links-liberalen amerikanischen Realismus, als dessen Vorreiter oder Totengräber der mild-skeptische Intellektuelle Jonathan Franzen mit seiner Liebe für Vögel, vögeln und die anderen üblichen East-Coast-Probleme gilt. Und wenn man in das essayistische Herzstück des Romans vordringt, in dem Franzen das Internet als totalitäres System charakterisiert, dann muss man schon attestieren, dass es Franzen nicht gelingt, die heutigen Probleme entweder adäquat oder radikal zu analysieren. Waren die Corrections und Freedom noch nah am Erleben der amerikanischen Mittelschicht dran, so befindet sich Purity irgendwie in einem Limbo zwischen allzu menschlichem und ganz großen historischen Entwicklungen.

Um zum Punkt dieses Artikel über das Internet als totalitäres System zu kommen: Im Wesentlichen zieht Franzen die drei folgenden Parallelen zwischen dem Internet und der DDR, um zu zeigen, dass es sich auch beim Internet um ein totalitäres System handelt, das uns zu Funktionären oder zu Funktionen seiner selbst macht.

Erste Parallele: Es gibt kein Entkommen

Für Franzen - oder besser für seine Figur Andreas Wolf (von dem ich jetzt nachfolgend ausschließlich rede) - handelt es sich sowohl beim sogenannten Sozialismus der DDR (die er nur "die Republik" nennt) als auch bei den Strukturen des Internets um totalitäre Systeme. Er definiert ein totalitäres System sehr einfach:

"...ein System, aus dem man nicht aussteigen kann. Die alte Republik hat sich ohne Zweifel selbst übertroffen, was Überwachung und Paraden anging, aber die Essenz ihres Totalitarismus war viel alltäglicher und subtiler. Du konntest mit dem System kooperieren oder du konntest in die Opposition gehen, aber die eine Sache, die du nicht tun konntest, egal ob du ein sicheres und angenehmes Leben genossen oder im Gefängnis gesessen hast, war, dich in keiner Beziehung zum System zu befinden. Die Antwort auf jede Frage, groß oder klein, war Sozialismus. Wenn du Netzwerke statt Sozialismus sagst, hast du das Internet." (S. 447f)

Die verschiedenen Plattformen des Internets, ob E-Commerce, Social-Media, Unterhaltung oder was auch immer, hätten nur das eine Ziel, jegliche unserer Existenzbedingungen zu definieren. Wenn man das analysiert, dann wird man freilich finden, dass es kein solches Ziel gibt. Niemand hat sich irgendwann in Hinterzimmern die Hände gerieben und beschlossen, Systeme zu entwickeln, die alle unsere Existenzbedingungen definieren würden. Wer so etwas glaubt, geht Verschwörungstheorien auf den Leim und übersieht die eigentlichen Dynamiken. Andreas Wolf leidet, anders als sein Autor, tatsächlich unter Verfolgungswahn und wittert überall Verschwörungen. Das liegt gewissermaßen in der Natur seiner Arbeit. Gleichzeitig sprechen Andreas Wolf und Jonathan Franzen aus einem Munde, wenn Andreas sagt, das Internet strahle massiv falsches Licht ab (anstatt "sunlight").

Es gibt also keine Verschwörung, vielmehr ist es so, dass alle diese Systeme ihre eigenen Ziele haben: Amazon möchte der größte Handelsplatz für Konsumgüter jeglicher Art werden, Facebook möchte ein so attraktives und geschlossenes Social-Media-System sein, dass wir uns nur noch dort aufhalten und somit für Werbeeinnahmen sorgen. Google möchte dasselbe wie die vorgenannten, nur über andere Angebote. Ebay besetzt die Gebrauchtwaren-Nische, die Amazon bisher nicht übernehmen konnte. Und so weiter und so fort. Wenn man das also zusammenfasst, dann haben sie alle das Ziel, Geld zu verdienen. Das ist keine Verschwörung, man nennt es Kapitalismus.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Nebenprodukt dessen genau die oben angesprochene umfassende Definition all unserer Lebensbedingungen ist, aber das ist kein Ziel. Das Internet hat sich von einer subversiven Informations- und Tauschplattform zum feuchten Traum des Kapitalismus entwickelt. In vielen Fällen, denken wir beispielsweise an Google, wo man anfangs einfach nur einen Weg finden wollte, die Information im Netz auffindbar zu machen, war Geld verdienen nicht einmal das eigentliche Ziel. Geld war ein Mittel zum Zweck, bis es zum Selbstzweck wurde. Wir sehen darin einfach die Perfektion des Kapitalismus durch seine unsichtbare Hand.

Nicht einen, der sich Gedanken zu diesem agilsten aller bisherigen Gesellschaftssysteme macht, kann das auch nur ein bisschen überraschen. Natürlich sickert der Kommerz überall hinein. Was denn sonst? Schwerer fällt es mir zu beurteilen, ob es ein Ziel des Sozialismus war, jegliche Existenzbedingungen seiner Bürger zu definieren. Wahrscheinlich auch nicht, auch hier war es eine Nebenwirkung, die am Ende zum Selbstzweck pervertierte. Für uns, die wir die Konsequenzen zu spüren bekamen und bekommen, ist es letztlich auch egal, ob das ein Ziel war oder lediglich eine uns überwältigende Begleiterscheinung. Im Ergebnis unserer Lebensrealität ist das unerheblich.

Zweite Parallele: Notwendige und gleichzeitig fragile Revolutionen

Legitime Revolutionen, wie zum Beispiel die wissenschaftliche Revolution, gäben nicht damit an, Revolutionen zu sein. Nur solche Revolutionen, deren Protagonisten sich unsicher sind, weil sie nicht wirklich guten Gewissens von sich sagen können, im Dienste des Menschen legitim zu sein, würden sich selbst lautstark feiern. Die Führer der DDR waren sich ihrer humanistischen Revolution dermaßen unsicher, dass sie eine Mauer um all die bauten, die sie doch eigentlich befreit haben wollten. Gleichzeitig nannten sie sich vollmundig und lautstark eine Notwendigkeit der Geschichte und die Avantgarde der Zukunft.

"...die Revolution war gleichzeitig historisch notwendig und furchtbar fragil und von Feinden bedrängt. Dieser lächerliche Widerspruch ist eine feste Ausstattung von angeberischen Revolutionen. Kein Verbrechen und keine unvorhergesehene Nebenwirkung war so schlimm, dass man sie nicht damit entschuldigen konnte, dass das System gleichzeitig eine Notwendigkeit und vom Scheitern bedroht war." (S. 448)

Diese Parallele ist interessant, denn auch das Internetzeitalter hatte seine Propheten, die es lautstark eine Revolution nannten. Vergangenheitsform, denn das ist nicht mehr nötig. Das Internet ist in der Tat ein global totalitäres System, das es gar nicht nötig hat, irgend jemanden darin einzusperren oder es als eine Notwendigkeit der Geschichte zu bezeichnen. Es ist eben gerade nicht fragil, sondern es handelt sich beim Internet gewissermaßen um die Blutgefäße der globalisierten Menschheit. Eine Art von Blutgefäßen nebenbei, die ein System von der Art der DDR von innen heraus gesprengt hätte. Und hier zeigt sich die Schwäche von Andreas Wolfs Parallelen dieser zwei totalitären Systeme: Die DDR war ein politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches System, während das Internet eine Infrastruktur von Systemen ist. Es handelt sich um ganz verschiedene Kategorien.

Dritte Parallele: Die Funktionäre

Andreas Wolf hat in beiden Systemen die Funktionäre entdeckt, die sich in einer Kombination aus opportunistischer Überzeugung und Aufgabe ihrer persönlicher Werte im jeweiligen System eingerichtet haben. Die Privilegien von damals (Auto, Telefon, Neubauwohnung und Ostseeurlaub) seien in ihrer Armseligkeit durchaus vergleichbar mit heutigen Statuszeichen wie die Anzahl der Twitter-Followers, einem populäres Facebook-Profil und der fünfminütige Berühmtheit, die heute jedem auf irgend einer Plattform zustehe.

Die wahre Anziehungskraft aber kommt für die Funktionäre aus der Sicherheit des Dazugehörens. Draußen mag die sozialistische Planwirtschaft versagen und der Zynismus überhand nehmen, im Zirkel der Dazugehörigen jedoch versicherte man sich des Sieges über den Klassenfeind. Heute klafft die Schere zwischen arm und reich soweit auseinander, dass es keine Mittelklasse mehr gibt, die Fremdenfeinde gewinnen die Wahlen, während sich religiöse Klans gegenseitig abschlachten. Zu allem Überfluss schmelzen auch noch die Polkappen, unter den "Dazugehörigen" jedoch besteht die Sicherheit, dass "disruptive Technologien" traditionelle Machtgefüge überflüssig machten, dass die Schwarmintelligenz (ein mir sehr suspekter Begriff) eine neue Kreativität darstelle und diejenigen belohnt würden, die etwas riskierten (und wenn es auch nur ein bisschen Geld der Investoren war und nicht die Guillotine) und das der technologische Fortschritt ohnehin alle Menschheitsprobleme beseitigen wird. Für die Funktionäre damals wie heute sei klar, dass ein neues Kapitel der Menschheit anbreche und es störte sie nicht, dass weiterhin die altbekannten gierigen Eliten des Kapitals den Ton dabei anführten.

Die Funktionäre vermochten es, den Eindruck zu erwecken, dass sie die Feinde der alten Eliten und mithin die Freunde der Massen seien. In Wahrheit jedoch war es die Angst, die diese Leute antrieb. Die Angst vor dem Staat und seinen Organen damals und heute die Angst, uncool und nicht mehr populär zu sein, die Angst etwas zu verpassen. FOMO: Fear of missing out. Die Angst, vergessen zu werden und am immensen finanziellen Erfolg nicht teilhaben zu können.

Sahen sich die damaligen Funktionäre als Vollstrecker der Aufklärung, so ging es den heutigen Funktionären darum, die Menschheit endlich von ihrem Humanismus dadurch zu befreien, dass die Effizienz der Märkte in Sekundenbruchteilen gemessen werden konnte und die Maschinen endlich vernünftig wurden.

"Dies war die wirklich feste Ausstattung von illegitimen Revolutionen: die Ungeduld mit jeglicher Irrationalität, der Wunsch davon ein für alle Mal befreit zu sein." (S. 450)

Soweit die drei Parallelen von Totalität, Angeberei und Funktionärstum, die uns Jonathan Franzen über seine Figur Andreas Wolf vor Augen führt. Was aber will er uns damit sagen? Parallelen zwischen heute und der Vergangenheit zu finden, ist ja generell nicht so schwer. Und dann passen sie nicht einmal zusammen. Der ersten These von der Totalität kann man im Ergebnis sicher zustimmen, auch wenn sie falsch von Wolf entwickelt wurde. Die zweite These von der angeberischen und illegitimen Revolution ist grober Quatsch, denn durch den Kategoriefehler (Internet ist Infrastruktur von Gesellschaft, aber kein Gesellschaftssystem) ist sie in ihrer Konsequenz völlig inhaltsleer. Ob angeberisch oder nicht, das Internet kann nicht illegitim sein, wie die Funktionäre einer Diktatur. Das wird im Umkehrschluss klar, wenn man sich fragt, ob man gegen das Internet einfach revoltieren und es stürzen kann. Der dritten These von den Funktionären kann ich am meisten abgewinnen. Ich kenne sie selbst, diese Funktionäre von damals und die neuen von heute. Sie sind Opfer und Gewinner der Systeme, in denen wir leben.

Insgesamt ist die Beziehung zwischen Autor Franzen und Hauptfigur Wolf sehr interessant, denn sie sind sich nahe, aber eine Identifikation ist nicht möglich: Das Internet liebt Wolf, aber hasst Franzen, Franzen liebt den "richtigen" Journalismus, auf den Wolf herunterblickt, den er nur als "Mundstück" seiner Arbeit begreift und ansonsten fürchtet. Und dennoch artikuliert Franzens Figur des Autors Abneigung gegenüber dem Internet. In der Abneigung kommen die beiden zusammen.

Franzen - das macht er in Artikeln und Interviews immer wieder deutlich - hasst das Internet, die unablässige und schamlose Ablenkung, die es darstellt und seine Heuchelei einer besseren Welt, während gleichzeitig Aufklärung, Qualitätsjournalismus und so etwas wie eine bürgerliche Intellektualität zugrunde gehen. Mit Purity aber gelingt ihm keine umfassende und radikale Analyse, mit der man Wege in eine Zukunft entwickeln könnte. Vielmehr verfällt er durch seine Figur Andreas Wolf in eine Polemik gegen das Internet und seine Gewinnler. Das ist im besten Fall amüsant zu lesen, es kann einen daran erinnern, dass man nicht allen Mist glauben und kaufen sollte, der uns aus dem Netz entgegen schlägt. Sein Versuch der Charakterisierung des Internets als totalitäres System ist unbeholfen. Ich würde nicht soweit gehen zu vermuten, dass Franzen die US-Amerikanische Allergie gegen den Kommunismus instrumentalisieren wollte, um einen großen Schlag gegen "das Internet" zu führen. Aber der Gedanke kam mir.

Das Zitat jedoch, das ich diesem Artikel vorangestellt habe, das weist uns eine Richtung: Wir müssen dem Totalitarismus des Netzes widerstehen, wir müssen aufpassen, uns von ihm nicht verschlingen zu lassen. Einen Sinn im Leben werden wir nur erfahren, wenn wir es er-leben, wenn wir es mit Beziehungen, Bewegung, Ästhetik, Kreativität und Lust und Schmerz anreichern. Alles andere ist Vermeidung.

Ich bin gespannt auf den nächsten Franzen, in dem er hoffentlich neue misanthropische Wege finden wird, die Seelenlandschaften seiner Figuren in moderne Kampfplätze und Folterkammern zu verwandeln. In der Zwischenzeit soll uns angeblich Daniel Craig in einer TV-Fassung des Romans Purity bei Laune halten. Ich bin mal gespannt, wer sich das Stückchen unter den Nagel reißen wird. Mit etwas Glück wird es eine Amazon-Produktion, womit Purity dann doch die Totalität des neuen Systems aufs Deutlichste bewiesen hätte und Franzen selbst zum Funktionär würde.


*Alle Textstellen wurden von mir aus dem amerikanischen Original übersetzt (London, HarperCollins 2015)

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