1. Juni 2011

Schluss mit feige. Liebt, begrabt euch!

Mein Lieblingsautor Jonathan Franzen schrieb einen Artikel in der New York Times, in dem er zwischen der Welt des Mögens (world of liking) und der Welt der Liebe unterschied: Liking Is for Cowards. Go for what hurts. Franzen hat beobachtet, dass auf Facebook das Mögen von etwas - ursprünglich ein neurologischer Vorgang - in einen Klick verwandelt wurde, in eine wenig durchdachte oder von Gefühlen begleitete Geste, die wir mit der Computer-Maus hundertmal am Tag ausführen.

Die Dingseiten des Liebens

Das Mögen (die Dingseite des Liebens) ist steril und kommt ohne den Sumpf der Gefühle aus, in den wir uns begeben, wenn wir lieben. Denn jemanden lieben heißt auch, mit der eigenen Hässlichkeit umgehen zu müssen. Wir streiten, verletzen uns gegenseitig oder sind eifersüchtig. Mit all den polierten Gegenständen, die wir lieben - z.B. Autos, Schmuck oder iPhones - und den kleinen lustigen Beiträgen, aus denen sich unser Facebook-Leben zusammenzusetzen scheint, gehen wir eine risikolose, narzisstische Beziehung ein. Wir lieben den Spiegel und der Spiegel liebt uns zurück. Wer dazu ein "unheimlich schönes" Beispiel aus seiner eigenem Online-Existenz sehen will, sollte mal The Museum of Me ausprobieren.

Das Risiko der Zurückweisung der Liebe, des Verlustes der geliebten Person macht es so verführerisch, die Liebe gleich ganz zu meiden und statt dessen in einer Welt des Mögens von Gegenständen und Cyber-Freunden zu verharren. Die Zurückweisung und der Verlust bleiben hier erträglich. In der Liebe zu Fleisch und Blut zerstört der Verlust im Extremfall auch uns selbst. Mensch sein, heißt, dieses Risiko einzugehen.  iPhone und Facebook können die Liebe nicht ersetzen, so wenig wie uns Pornographie den Sex nicht ersetzen kann.

Franzen meint, der simple Fakt, dass wir sterben werden, sei der Grund für all unsere Wut und Verzweiflung. In einer Welt des Mögens von Dingen können wir uns betäuben und vor dieser Zumutung fliehen. Nur in der schön-schmutzigen Liebe stellen wir uns dem unausweichlichen Schmerz, denn Verlust oder Tod sind hier immer schon garantiert durch den anderen, den wir auf die eine oder andere Art verlieren werden. Allein in dieser Konfrontation mit dem Schmerz, mit der Wut, aber auch der Liebe, findet sich das wirkliche Leben. Ansonsten - so Franzen - ist man im schlimmsten Sinne des Wortes einfach ein Konsument.

In diesem Sinne: Liebt, streitet, vögelt, schreit, schlagt mit den Türen und begrabt euch gegenseitig. Alles immer noch besser, als eines Tages auf Facebook aufzuwachen, ohne je gelebt zu haben.

Kommentare:

  1. Eine Person mag das und hat es mit ihren Freunden geteilt: http://rbnbr.info/lh

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  2. :) Schöner ironischer Kommentar! Danke fürs verlinken.

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  3. Interessante Sichtweise, guter Artikel. Vielleicht weiß ich jetzt, warum mir persönlich Twitter mehr liegt.

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  4. Nicht entweder oder sondern sowohl als auch. Ich finde es nämlich sehr schön, mit mir und mir auf diesem Planeten und das war nicht immer so. Was da gesagt wird stimmt. Aber eben nicht ausschließlich. Und was auf Facebook passiert hat es immer schon gegeben, nur jetzt gibt es das eben global. Ich habe jetzt die Chance, jemanden in Timbuktu bewusst zu ignorieren. Das macht das Leben um so vieles reicher.

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