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14. Juli 2026

Vagus, Baby!

Das philosophische Nervensystem

Vor rund 2000 Jahren widerlegte ein Arzt die damals bereits 500 Jahre gültige These des Aristoteles, dass das Herz über den Körper bestimme. Aristoteles schrieb in De anima, dass das Herz der Ort sei, an dem die wahrnehmende Seele wohne, wo der Sitz des Verstandes sei. Der Kopf war für ihn lediglich eine Art Kühlsystem für das Blut. (Sicher kennt jeder von uns irgend jemanden, bei dem das tatsächlich so ist.)

Galen und der Pneumatische Nerv (vom Autor mit KI erstellt, Juli 2026)

Galen, der griechisch-römische Arzt des 2 Jahrhunderts nach Christus, entdeckte dann eben diese 500 Jahre später nicht weniger als die Einheit von Körper und Geist. Er nannte das, wo beides zusammenkommt, den "pneumatischen Nerv": ein System von Nerven, das den Hirnstamm und sogar Teile des präfontalen Cortex mit vielen Organen in unserem Körper verbindet. Es sollte noch einmal 1500 Jahre dauern, bis Galens Erkenntnisse medizinisch eine Renaissance erfuhr. Das alles interessierte aber Philosophen wie René Descartes kein Stück. Sie zerlegten lieber das Leben in Geistiges und Mechanisches. Um der strengen Gewissheit wegen, tat man sogar so, als wäre die Annahme, dass alle außer ich – und Tiere sowieso – Automaten seien, nicht total hirnverbrannt sei. Diese Distanz zum (Er-)Leben "der Anderen" war sicher auch ganz hilfreich (Inquisition, Kolonisation, Holocaust) durch die europäische Geschichte hindurch.

Kybernetischer Vagabund in Kopf und Körper

1611 nannte Caspar Bartholin der Ältere den "pneumatischen Nerv" dann "Vagusnerv", weil er fast durch unseren gesamten Körper mäandert. Der Name blieb und die moderne Forschung begann. Es ist ein ganz außerordentliches System: bi-direktional kann es nicht nur sensorische Reize oder Information aus den Organen ins Gehirn bringen, sondern gibt den verknüpften Hirnarealen auch die Möglichkeit, motorisch auf die angeschlossenen Organe zu wirken.

13. März 2026

Hai oder Elektrischer Stuhl?

Eine Anekdote von Donald Trump

(Mehr Anekdoten? Ja. Und warum? Hier entlang >>)

Lieber auf den Elektrischen Stuhl (KI-generierte Illustration, erstellt 2026)
 

Ich war bei einer Bootsfirma in South Carolina. Ich fragte: "Wie läuft’s?" Der Inhaber meinte: "Es gibt ein Problem, Sir. Die wollen, dass wir nur noch Elektroboote bauen." 

2. März 2026

KI, mein Onkel am MIT und der Unabomber

Eine Anekdote von Donald Trump

(Mehr Anekdoten? Ja. Und warum? Hier entlang >>

Als ich das erste Mal von Künstlicher Intelligenz hörte... wisst ihr, das ist nicht so mein Ding. Mein Onkel war zwar am MIT, einer der großen Professoren, 51 Jahre lang, oder so. Er war der dienstälteste Professor in der Geschichte des MIT. Drei Abschlüsse in Nuklear, Chemie und Mathematik. Ein wirklich kluger Mann.

Kaczynski war einer seiner Studenten. Kennen Sie Kaczynski? [Auch bekannt als Unabomber, weil er Paketbomben an Universitäten und Fluggesellschaften (universities ’nairlines) schickte und damit 3 Menschen tötete und viele weitere verletzte.] Zwischen einem Wahnsinnigen und einem Genie gibt es kaum einen Unterschied. Aber Kaczynski... ich fragte meinen Onkel: "Was für ein Student war er, Onkel John?“ Dr. John Trump.

Er antwortete: "Was für ein Student? Ein wirklich guter. Er hat ständig alle um ihn herum korrigiert, jeden." Aber das lief dann nicht so gut für ihn. Nicht so gut. Aber so ist das Leben. Ich sage euch eins: Wir haben die klügsten Köpfe, wir haben die größte Macht, und wir werden noch mehr Elektrizität für Künstliche Intelligenz haben. 

 Donald J. Trump, 15. Juli 2025, Rede beim ersten Pennsylvania Energy and Innovation Summit 

Faktencheck: Die Identität des Unabombers war zu Lebzeiten von John G. Trump unbekannt. Dr. Trump starb 1985. Ted Kaczynski wurde erst 1996 – elf Jahre nach Dr. Trumps Tod – als Unabomber identifiziert und verhaftet. Folglich konnte Dr. Trump nicht wissen, dass Kaczynski der Unabomber war, um ihn mit Donald Trump unter diesem Namen zu erwähnen. Ebenso wenig hätte Donald Trump einen Grund gehabt, seinen Onkel nach einem anonymen, noch nicht gefassten Flüchtigen zu fragen.

Das passt dazu:

  • Creedmoor: Bösartiger Stahl
  • Hai oder Elektrischer Stuhl? 
  • Donald Trump ist ein Politroboter aus der Zukunft 
  •  

    20. Januar 2026

    Creedmoor: Bösartiger Stahl

    Eine Anekdote von Donald Trump

    (Mehr Anekdoten? Ja. Und warum? Hier entlang >>

    Building  40, Creedmoor Psychiatric Center (Matt Green, CC BY-NC-SA 2.0)
     

    Ich bin in Queens aufgewachsen. Wir hatten da so einen Ort namens Creedmoor. Creedmoor. Kannte das überhaupt jemand, Creedmoor? Ein großes... 

    6. Januar 2026

    Entzündung oder Erleuchtung?

    Eine Kolumne über eine pandemische Autoimmunerkrankung des Zeitgeistes

    Entzündet
    Aufgeregt. Heiter bis wolkig aufgewühlt.
    Wer oder was regt sich. Auf was hin? 
    Manisch, händisch, handgreiflich.
    Ich wünscht', ich stünd' im Walde.
    Ganz still und stumm.

    Im Walde, ganz still und stumm (Foto: G. Dietrich, CC BY 4.0)
     

    Spüren Sie es auch? Seit ein paar Jahren schon? "Spätestens seit Corona" wie es immer heißt – in der Presseschau oder an der Kaffeemaschine. Alle sind doch tiereisch aufgeregt. Oder ist es eine private Einblidung, die bei mir durch zu viel Medienkonsum und X entstand? Sind eigentlich alle irgendwie beim Meditieren, ganz entspannt, in sich gekehrt, die Ruhe selbst und nur ich habe das Gefühl, alle seien ganz aufgewühlt, kurz vor Handgreiflich?

    23. Dezember 2025

    Schopenhauers gute Gemeinschaft

    Gemeinschaft ist kein Sinnträger, sondern Nebenprodukt moralischer Erkenntnis

    Arthur Schopenhauer. Fotografie von Johann Schäfer (1855, Ausschnitt, gemeinfrei)

    Die Einwanderer fressen eure Haustiere!

    Im Artikel Warum wir Grausamkeit wählen, haben wir gesehen, dass in vielen Menschen ein Bedürfnis nach autoritären Strukturen entsteht, sobald sie mit unklaren Ängsten konfrontiert sind. Und wir haben analysiert, wie sich gesellschaftliche Akteure wie die AFD oder die MAGA Bewegung in den USA diese Psychologie zunutze machen. Unklare Zukunftsängste werden oft unter Rückgriff auf die Fremden, die Anderen geschürt. Das ist natürlich billig und nutzt die mangelnde Bildung und die Heimatliebe der Bevölkerung aus. So war das schon immer – die eigene Gruppe schweißt sich zusammen und die Anderen werden werden dämonisiert. Daher sind auch die gegenwärtigen politischen und kulturellen Spannungen von kollektiven Affekten wie Nationalstolz, identitäre Loyalitäten oder dem Ruf nach Ordnung und Autorität geprägt.

    Die These im Artikel war, dass es eine Kränkung vieler vormals Privilegierter gäbe, denen plötzlich auffällt, dass andere, vormals unsichtbare Menschen (Frauen, Zugezogene, Wessis, Migranten, Transsexuelle) ihnen gleichgestellt sind und ggf. sogar ihnen gegenüber privilegiert sind. Ihnen ist damit gewissermaßen die Selbstverständlichkeit genommen worden, auf sich, die eigenen Eltern oder Kinder stolz sein zu können. Statusangst und Unterlegenheitsgefühle kommen auf und die müssen möglichst korrigiert werden. Ein Leser wies in diesem Zusammenhang auf Arthur Schopenhauers Kritik des Nationalstolzes hin.

    15. Oktober 2025

    Bewusstseinsphilosophie auf der Yogamatte

    Atmen und zu Bewusstsein kommen

    Ich komme gerade von meinem zweiten Yoga Retreat dieses Jahr zurück. Zuvor hatte ich noch nie Yoga gemacht. Ich war einfach neugierig und schon nach dem ersten Retreat stand fest, dass ich das weiter verfolgen werde. Denn neben der körperlichen Wohltat, hat mir das konzentrierte Atmen, Dehnen und Ruhen auch mental gut getan. Von den Begegnungen mit anderen interessanten Yogis ganz zu schweigen.

    Als ich zum Ende einer Session so entspannt auf der Matte lag und die Yogalehrerin meinte, ich solle meinen Geist leeren, wurde ich philosophisch neugierig. Das stand dem Ziel der Übung (ein leeres Bewusstsein) ganz entgegen. Um meinen Geist zu leeren, solle ich auf meinen Atem achten. Das ist natürlich selbst etwas widersprüchlich, dachte ich, denn wenn ich auf meinen Atem achte, ist ja genau das das Objekt meines Bewusstseins. Und dann ist es nicht leer. Aber ich wollte nicht kleinlich sein, denn es ging ja um eine Übung und da braucht man manchmal Krücken.

    Später dann schien mir das Reden von einem leeren Bewusstsein noch rätselhafter, ja widersprüchlich, denn wenn nichts im Bewusstsein ist, dann ist mir nichts bewusst und dann ist es kein Bewusstsein. Die Metapher vom Spiegel, der auch dann ein Spiegel ist, wenn er nichts reflektiert, half mir hier nicht. Denn das Bewusstsein ist kein Gegenstand, der irgendwo rumsteht, sondern zeichnet sich gerade durch Bewusstwerdung von etwas aus. Was meint meine Yogalehrerin denn mit "Bewusstsein leeren"?
     

    Was ist das Bewusstsein? (Foto von Maksim Goncharenok, Lizenz)

    21. September 2025

    Aktenzeichen XY Ungeliebt

    Ein komisch-autokratischer Versuch, die Medien unter Kontrolle zu bringen

    Zu wenig Lob für des Königs fragiles Ego

    In den USA sehen wir gerade die historisch größten Zensurbemühungen gegen die freie Meinungsäußerung in den Medien. Ich konnte mir das bisher nicht vorstellen, in einem Land, in dem man sogar den Holocaust leugnen darf oder frei mit Hakenkreuzen und Runen um sich schmeißen kann, wenn man will. 

    Die Regierung setzt mithilfe ihrer Behörden Fernsehsender und Medienhäuser unter Druck, Comedians zu feuern, wenn sie sich über Trump lustig machen oder verklagt Zeitungen wie die New York Times oder das Wallstreet Journal, wenn sie unliebsame Fakten beispielsweise über Trump und seinen "long time buddy" Epstein veröffentlichen.

    Natürlich ist das furchtbar, denn selbst wenn das nicht erfolgreich ist, macht es immer Druck und Medien versuchen, diesem Druck durch vorauseilendem Gehorsam zu entgehen. Aber es ist auch echt komisch, denn wie bei allem, was diese Regierung macht, ist es stümperhaft, auf Grundschullevel. Denken wir an die unausgegorenen Zölle; an eine Mauer, die gebaut und von Mexiko bezahlt werden sollte oder an den Versuch, Trumps Freundschaft zum Sexualstraftäter Epstein zu vertuschen und sich dabei um Kopf und Kragen zu reden... das alles ist echtes Comedy-Gold.

    1. August 2025

    Angst und autoritäre Persönlichkeit

    Warum wir Grausamkeit wählen

    Wenn die Herabsetzung anderer wichtiger ist, als gute Politik und die eigene Lebensqualität 

    Immer wieder kratze ich mir am Kopf, weil ich nicht verstehe, wieso so viele Menschen solchen clownesken Autokraten und Möchtegerndiktatoren wie Orban, Le Pen oder Trump hinterher laufen oder warum sie Parteien wie die AfD wählen, die durch grausame Sprache auffallen, immer nur andere herabwürdigen und in alle Richtungen bittere Galle versprühen. Das ist doch höchst unattraktiv! Wenn man dann noch beobachtet, dass die eigentliche Politik dieser Autokraten den Unterstützern eher noch schadet (siehe Abschaffung von Sozialleistungen und das Ruinieren der Wirtschaft etc.), dann bin ich komplett ratlos.

    Da diesem Phänomen mit philosophischen und politischen Analysen schon gar nicht beizukommen ist, wird es Zeit für ein bisschen Psychologie und Soziologie. Ganz knapp zusammengefasst: die tragisch-grausamen Clowns werden nicht trotz, sondern wegen ihrer Grausamkeit gewählt. Aber warum wählen wir Grausamkeit überhaupt?

     
    Was die Wähler sehen wollen: "Illegal aliens are returned to Ecuador" (DoD, Public Domain*)

    3. Dezember 2023

    Küsst du mit diesem Mund auch deine Mutter?

    Anstand, Tugend und Würde in der Öffentlichkeit

    Kaiser Nero: Man-child, Gopnik, Peter Pan (Abraham Janssens van Nuyssen: Nero, Ausschnitt)

    Wir kennen alle die Geschichte vom Kaiser Nero als größenwahnsinnigen Tyrannen, der lasterhaft und mit Grausamkeit das antike Rom beherrschte. Inspiriert von Neros Niederbrennens seiner eigenen Stadt, wies Adolf Hitler am Ende des zweiten Weltkrieges mit dem sogenannten "Nerobefehl" die Zerstörung der deutschen Infrastruktur an. Wir alle haben sicher auch schon von Iwan dem Schrecklichen gehört, der schon als Kind durch Sadismus gegenüber Tieren auffiel und später seinem Volk Massenhinrichtungen, grausamste Foltermethoden und andere Grausamkeiten wie diese zukommen ließ:

    "Einmal ließ er einen Fürsten in ein Bärenfell einnähen und auf das Eis bringen. Als seine großen Hunde den vermeintlichen Bären in Stücke rissen, belustigte der Zar sich so sehr, dass er vor Freude nicht wusste, auf welchem Bein er stehen sollte." (Peter Petrejus: Historien und Bericht im Großfürstenthumb Muschkow. Leipzig 1620 – Wikipedia)

    Ich glaube, diesen historischen Figuren wurde in Games of Throns die Figur King Joffrey (Baratheon) gewidmet. Ein tyrannisches und grausames Kind mit absoluter Macht über ein ganzes Königreich und seine beklagenswerten Einwohner.

    3. September 2022

    Nichts glauben und lieber selbst recherchieren?

    Vom Selberdenken und den Tücken der Wahrheitsfindung

    "Soll das ein Witz sein? Quantenmechanik –
    darüber diskutieren wir hier? Bleiben Sie bei ihren Leisten!"
    Walter White zu Saul Goodman in Better Call Saul

    Wie das nervt, wenn ich von skeptischen Mitmenschen ermahnt werde, doch bitte nicht so ein Schaf zu sein und alles zu glauben, was mir von "angeblichen" Wissenschaftlern erzählt wird. Hier ein paar Beispiele:


    Sie glauben immer noch nicht an Reptiloide unter uns? (Chris Gold, CC BY-NC 2.0)

    • Es gibt keine außerirdischen Reptiloiden unter uns, die aussehen wie Menschen und uns alle steuern? Ja, Reptiloide – das klingt erst einmal nach Fantasy, aber wenn man sich die gut recherchierten Dokumentationen auf YouTube ansehe, dann falle es einem "wie Schuppen von den Augen" (pun intended).
    • Unsere heutigen Klimakatastrophen seien menschengemacht? Ich kennte wohl die Arbeiten des norwegisch-amerikanischen Physikers und Nobelpreisträgers Ivar Giaever nicht? Dieser habe nachgewiesen, dass es keinen Klimanotstand gäbe... 
    • Impfschäden? Übersterblichkeit? Wirkungslose Homöopathie? Diese angeblichen Wissenschaftler sind doch alle von der Pharma-Lobby gekauft. Bist du wirklich so naiv?

    23. August 2022

    Karma oder Schadenfreude? Zum Tod einer Tochter

    Wie ist es moralisch zu bewerten, wenn wir uns diebisch freuen?

    Ist es legitim, sich über das Unglück eines anderen Menschen zu freuen? Schadenfreude ist menschlich, so viel ist klar. Aber ist sie nicht auch verwerflich, also aus einer Perspektive der Ethik betrachtet falsch?

    Was steckt hinter der Schadenfreude?

    Schadenfreude ist die Freude über einen Schaden, der für jemanden anderen eingetreten ist. Eigentlich freut man sich ja nicht über Schäden, die auftreten, sondern über etwas positives, das einem selbst oder anderen widerfährt. Warum kann es also überhaupt Freude über einen Schaden geben? Na offensichtlich, weil man dem anderen eben genau diesen Schaden gewünscht oder nach Möglichkeit sogar selbst zugefügt hätte und weil man meint, dass einem selbst durch den Schaden des anderen etwas Gutes widerfahren sei. Auch ein vereinfachtes und unklares Gerechtigkeitsgefühl kann eine Rolle spielen. Die Freude ist offenbar auch dadurch noch gesteigert, dass der Schaden eingetreten ist, ohne dass man selbst dafür sorgen musste.

    Kurz gesagt: Man profitiert vom Schaden eines anderen. Aus ethischer Perspektive kann man also argumentieren, dass die Freude über den eingetretenen Schaden moralisch nicht besser ist, als der Akt des Zufügen eines Schadens selbst. Man könnte vielleicht sogar behaupten, dass die "billige" Schadenfreude des Zuschauers noch perfider ist, als der Akt des Schadenzufügens, denn hier freut man sich ohne eigenes Risiko. Ein interessantes Beispiel, wie die Rechtssprechung von der Moral abweicht, denn egal wie moralisch verwerflich – für Schadenfreude wird man nicht vors Gericht gestellt.

    Auch nach den bekannten goldenen Regeln und ethischen Imperativen, nach denen man anderen nichts zufügen oder wünschen solle, dass man nicht auch für alle inklusive sich selbst wünschte, ist Schadenfreude also ganz klar moralisch verwerflich. Einen Ausweg gäbe es, wenn man sich über eine harte Strafe freut, die man sich auch selbst für ein Fehlverhalten wünscht. In religiösen Kontexten kann man das sehen, wenn jemand sündigt und sich erst besser fühlt, nachdem er dafür auch Buße tun konnte. Die Selbstgeißelung wäre solch ein Beispiel. Wer sich über das Auspeitschen eines anderen freut und für alle inklusive sich selbst in Anspruch nimmt, bei vergleichbaren Vergehen auch ausgepeitscht zu werden, der wäre bei dieser Art Schadenfreude fein raus.

    22. Mai 2022

    Von der Sorge und vom Denken

    Warum ist das Denken so unbeliebt?

    Denken hat heutzutage nicht unbedingt den besten Ruf. Lange habe ich mich am Kopf gekratzt, wenn ich mitbekam, dass Menschen um mich herum in Zweifel zogen, dass das "Philosophieren" ein guter Weg wäre, einen Zugang zur Welt und zur eigenen Position in dieser Welt herzustellen.

    Zuviel denken macht krank! Solche Aussagen haben mich immer sehr irritiert. Oder: Meditieren, statt denken! Wir müssen im Hier und Jetzt sein. Oder: Nicht immer nur denken, auch mal machen! Das hat sich mir dann schon eher erschlossen, wenn ich auch immer umgekehrt dachte, dass zu viel machen ohne genügend nachgedacht zu haben, das eigentliche Problem sei. Besser verstanden habe ich das Problem bei typischen Fagen wie: Wie kann ich es abstellen, dass meine Gedanken immer so rasen?

    Es geht bei all den oben so unbehaglich problematisierten kognitiven Vorgängen gerade nicht ums Denken. Wie soll denn denken, krank machen können? Und gerade beim Denken bin ich doch am ehesten im Hier und Jetzt! Und denken schließt doch das Handeln nicht aus, ist hier vielleicht "zögern" gemeint? Und "rasende Gedanken" ist eigentlich schon das Gegenteil von denken.

    13. April 2022

    Prekär geborgen in der letzten Kugel

    Eine (fast unmögliche) Kurzfassung zu Peter Sloterdijks Sphären Band II von Paul-Heinz Schwan

    Globalisierung oder Sphäreopoiese im Größten ist das Grundereignis des europäischen Denkens das seit zweieinhalbtausend Jahren nicht aufhört, Umwälzungen in den Denk- und Lebensverhältnissen der Menschen zu provozieren. (Peter Sloterdijk)

    Das Leben – eine runde Sache?

    Das Runde, Bergende, Harmonische begeistert. Es zieht uns schnell in seinen Bann. Es fasziniert zunächst und beherrscht dann diejenigen, die so "beherrscht" – heute würde man sagen: geführt – werden möchten. Rundes ist einnehmend, bewegend. Es inspiriert das Gefühl. Es schmeichelt dem Wohlsein. Der runde Tisch, die gesellige Runde. Das runde Lenkrad für die vielen PS. Wir sprechen vom "Runden" wenn wir beruhigen oder verführen wollen. Wir sitzen gesellig an runden Tischen, sind Teil einer illusteren Runde. Wer möchte nicht, dass der Tag, das Projekt, ja sein Leben eine "runde Sache" wird. 

    Atlas, der die Welt hält und von 12 Frauen umgeben ist, die die 12 Tierkreiszeichen darstellen (gemeinfrei)

    Irgendwie rundet man immer auf oder ab und wenn es nur der Schnaps zum Abschluss der Verhandlungsrunde ist. Sonst fehlt was. Rundungen wirken architektonisch immer. Die Portale einer Kirche und deren Decken sind rund. Wer im Altertum Herrschaft oder Schutz begründen wollte hielt eine Kugel in der Hand oder stand auf einer. In eine Ecke wird man gestellt und bestraft. In die Runde wird aufgenommen, kann die Mitte finden. Alles menschliche Leben beginnt in einer Rundung, in einer "Kugel". Dass wir auch an den Rand einer Rundung geraten können, dass wir auf einer Kugel wohnen die die einzige und letzte sein könnte, dass uns eine Kugel treffen kann, all diese Schrecken sitzen auch tief. Wie kann denn das Bergende auch unser Vernichter werden?

    16. Januar 2022

    Verschwörungstheorien... Warum nicht?

    Eine unvoreingenommen philosophische Betrachtung

    Die NASA hat die erste Mondlandung vorgetäuscht... Die US-Regierung orchestrierte die Anschläge am 11. September... Eine eingeschworene Gruppe Satan anbetender Pädophiler betreiben einen globalen Kindersexhandelsring und plant ein Komplott...

    Mini Mondlandung (Eric Kilby, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

    Jede dieser Behauptungen wurde als "Verschwörungstheorie" angeprangert. Aber was sind Verschwörungstheorien? Und sollten wir jemals eine akzeptieren? Wenn ja, wann? Auf diese Fragen bietet dieser Essay von Jared Millson, Assistant Professor der Philosophie in Memphis USA erste Antworten.

    12. Dezember 2021

    Über Misanthropie: Hass und Verachtung reflektiert

    Ein Gespräch über enttäuschte und missglückte Menschenliebe

    Im Sommer sprach der Journalist Rolf Cantzen mit mir über Negativität, Misanthropie und verwandte Variationen des menschlichen Erlebens. Das Ziel war Cantzens Radio Feature Über Misanthropie: Missglückte Menschenliebe, das schließlich am 5. Dezember im Deutschlandfunk ausgestrahlt wurde.


    Im Folgenden kann man das Zweiergespräch als Transkript lesen. Allerdings lege ich jedem ernsthaft ans Herz, sich das gesamte Feature anzuhören, es lohnt sich und ist überraschend komisch.

    21. Februar 2021

    Drogen – Extase und Vernunft

    Die Sucht nach Inexistenz, erste und zweite Philosophie

    Ich würde mich einen Menschen der vorsichtigen Ekstase nennen, einen, der gern mal Grenzbereiche auslotet, mindestens ausleuchtet. Eines meiner Lieblingsbücher in der Adolesenz war Die Pforten der Wahrnehmung. Himmel und Hölle. Erfahrungen mit Drogen von Aldous Huxley. Seit seiner Lektüre stellte ich mir die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Drogenrausch kein Mittel der außerordentlichen Erkenntnis mehr ist, sondern zu einem Alltagsphänomen wurde. Ich stelle mir immer vor, dass der Rausch für vormoderne Völker viel wichtiger gewesen sein muss als für uns. Zugleich wichtiger und auch eingeschränkter. Der Rausch wird nur in zeremoniellen Momenten und für wenige Repräsentanten verfügbar gewesen sein, zum Beispiel Schamanen oder Stammesangehörige an einem ganz bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben. Heute ist es umgekehrt: Wie in Huxleys Schöne Neue Welt und seiner Droge Soma gehört der Rausch in Form von Alkohol und anderen Drogen einfach dazu. Rausch ist täglich verfügbar und gehört mindestens am Wochenende zum guten Ton. Damit einher geht natürlich eine Entwertung, eine Vulgarisierung: Bis auf den gesundheitsgefährdenden Zeitvertreib bedeutet der Drogenkonsum heute nichts mehr. Oder?

    Natürlich bedeuten alle Dinge mehr, als man ihnen auf Anhieb ansieht, was ja der Grund der philosophischen Neugierde ist. Die Frage nach dem Rausch geht interessanterweise einher mit der Frage nach der Philosophie überhaupt, denn anfangs sind Philosophie und Rausch gar nicht von einander zu trennen.

    12. Dezember 2020

    Glücklich durch die Pandemie

    Meine Überlebensstrategien in Krisen

    Es kann ziemlich niederschmetternd sein, dieses Jahr so zu beenden, wie es anfing: beschränkt in unseren Sozialkontakten, besorgt über uns selbst und unsere Nächsten, behindert in unserem Bewegungsdrang. Hinzu kommen all die idiotischen Zumutungen durch ängestigende Nachrichten, unklare Zufunftsaussichten oder tatsächliche Einkommenseinbrüche. Mich nerven auch verwirrte Mitmenschen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als gegen die objektive Realität anzustürmen, indem sie sich weigern Masken zu tragen, indem sie so tun, als seien sie unverwundbar und/oder indem sie ihrer Verwirrtheit mit messianischem Eifer über Verschwörungsgeschrei Ausdruck geben müssen. 

    Ab in den Wald ist eine meiner Strategien (Bild von mir, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)


    Ich verstehe sehr gut, dass man das alles am liebsten gar nicht wahr haben möchte. Und ich denke auch, dass all die Maßnahmen noch lange nach Corona nachwirken werden und dass wir einen Preis dafür zahlen werden. So mache ich mir beispielsweise Sorgen über unseren noch nicht ganz fünfjährigen Sohn, der in einem Alltag auwfächst, der von Infektionsangst geprägt ist. Ich weiß nicht, welche langfristigen Ängste all das tägliche Fiebermessen, die maskierten Gesichter und die vielen Verbote im Umgang miteinander nach sich ziehen werden. Es würde mich nicht wundern, wenn wir als eine langfristige Folge mit zunehmenden Angsterkrankungen unter Erwachsenen und Kindern zu kämpfen haben würden: ständige Angst vor Infektion, Angst vor körperlicher Nähe und Agoraphobien zum Beispiel.

    Hier sind ein paar Strategien, die mir und meiner kleinen Familie helfen, durch diese Zeit zu navigieren. Über all dem steht so ein bisschen das populäre royale Mantra in Vorbereitung der Briten auf den zweiten Weltkrieg:

    22. Februar 2020

    Psychologie und Philosophie der Pferdestärken

    Das Auto als Mutterersatz und Antidepressivum?

    Wir haben ein Auto. Meistens steht es rum, in unserer Freizeit bringt es uns in den Wald, an den See oder in den Urlaub. Werden wir Menschen das Auto jemals wieder loswerden können? Das frage ich mich manchmal, wenn ich einerseits sehe, wie wenig sinnvoll, wie klimaschädlsich ein eigenes Auto ist und wenn andererseits klar ist, dass es industriell gar keinen Schwenk weg vom Auto gibt. Statt vernunftorientiert in der Breite auf öffentliche Verkehrsmittel zu setzen, sehen wir momentan das Hinüberretten des Individualverkehrsmittels Autos in eine Zeit, nach dem Verbrennungsmotor. Das lässt vermuten, dass es beim Individualverkehr gerade nicht um Vernunft geht. Was steckt denn vielleicht philosophisch und tiefenpsychologisch hinter diesem Fetisch Auto?

    Fetisch Auto: Ausschnitt aus "Natural Beauty" von Sebastian Schrader

    11. Januar 2020

    Im Hier und Jetzt leben!

    Was ist das Problem mit dieser gutgemeinten Aufforderung?

    Gestern Abend rief Dominik vom Deutschlandfunk Nova an und fragte mich, was ich von solchen Aufforderungen, wir müssten wieder mehr im "Hier und Jetzt" leben, hielte.



    Ich verstehe schon, was damit gemeint ist: Weniger Ablenkung, weniger Notification, einfach mal den Augenblick genießen. Nur gibt es damit einige Probleme, wenn man solche eigentlich ganz selbsstverständlichen Dinge so hyped und verabsolutiert. Beispielsweise diese hier:

    1. Das ist ja schon wieder eine Aufforderung, die gar nicht so leicht umzusetzen ist und gerade dadurch auch schon wieder Druck erzeugt: "Jetzt leb doch endlich mal im Hier und Jetzt! Kannst du das etwa nicht? Was stimmt denn mit dir nicht?"
    2. Es ist eine Fluchbewegung und wie alle solche Fluchtbewegungen, löst sie Probleme aus, sie hinterlässt Wüsten und macht die Flüchtenden schutzlos gegenüber "Menschenfängern" oder Schleppern.
    3. Die Fähigkeit, nicht im Hier und Jetzt zu leben, ist eine sehr wertvolle Fähigkeit, die uns Menschen auszeichnet und von den meisten anderen Lebewesen, die nämlich weder weit zurück in die Geschichte schauen, noch ihr Leben in die Zukunft entwerfen und planen.

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