Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

10. September 2026

Odysseus: Brutalität und Nächstenliebe

Warum die Rechten Die Odyssee von Christopher Nolan hassen

Vor kurzem sah ich den neuen Film von Christopher Nolan: The Odyssey. Ich würde sagen, es ist keine "Neuverfilmung", sondern ein eigens geschaffener neuer Film. Diese Odyssey ist lang (haha), aber kurzweilig und meine dürftige Kenntnis der Materie (Studium ist lange her und die Kinderbücher dazu nur bedingt quellentreu) lies mich so das eine oder andere wiedererkennend mitschwimmen. Ich ahnte nicht, welcher politische Sprengstoff sich da unter der filmischen Oberfläche verbarg.

Trojanisches Vasenbild (ca. 550 - 570 v. Chr., 1869 in Cervetri in Italien gefunden) aus:
Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts (Band 7, 1892, gemeinfrei)

Am Ende dachte ich, ja – toller Film und ging nach Hause. Zunehmend hörte ich dann, wie die Rechte in den USA darüber herzogen. Nolan pisse auf Homers Grab (Elon Musk) und ähnlicher Quatsch. Was hatte ich verpasst? Klar, eine fast religiöse Gastfreundschaft wird in dem Film als "Gesetz des Zeus" immer wieder hochgehalten, aber deshalb so ein kultureller Aufschrei der Rechten? Wieso soll das eine Herabwürdigung Homers sein? Das machte mich neugierig und ich fing an zu suchen...

26. August 2026

Alles i.O.: Fantasie- und Traumreisen

Kindergeschichten gegen den Wahnsinn

Ich habe ein Kind, dem ich ab und zu helfen muss, abends im Bett zur Ruhe zu kommen. Seine Gedanken rasen, ich spüre das. Der Mund geht unablässig wie unsere Geschirrspülmaschine. Da wird abgewaschen, durschgespült und klargespült, was am Tag so alles passiert ist. Und da wird dann auch schon gründlich vorgespült, was so morgen wohl alles sein wird.

Alles in Ordnung in der Fantasiereise zum Dschungel (erstellt mit KI 2026)


Das ist zwar alles ziemlich unnötig, besonders das Vorausschauen, aber irgendwie auch ganz normal in einer Welt, die vor allem eins suggeriert: Kontrolle ist das A und O. Blutbild, Grenzkontrolle, Schlafphasen, Kalorien-Tracking. Mangelnde Kontrolle, Überkontrolle, Angst vor Kontrolle, Angst vor Kontrollverlust – Kontrollstress. 

14. Juli 2026

Vagus, Baby!

Das philosophische Nervensystem

Vor rund 2000 Jahren widerlegte ein Arzt die damals bereits 500 Jahre gültige These des Aristoteles, dass das Herz über den Körper bestimme. Aristoteles schrieb in De anima, dass das Herz der Ort sei, an dem die wahrnehmende Seele wohne, wo der Sitz des Verstandes sei. Der Kopf war für ihn lediglich eine Art Kühlsystem für das Blut. (Sicher kennt jeder von uns irgend jemanden, bei dem das tatsächlich so ist.)

Galen und der Pneumatische Nerv (vom Autor mit KI erstellt, Juli 2026)

Galen, der griechisch-römische Arzt des 2 Jahrhunderts nach Christus, entdeckte dann eben diese 500 Jahre später nicht weniger als die Einheit von Körper und Geist. Er nannte das, wo beides zusammenkommt, den "pneumatischen Nerv": ein System von Nerven, das den Hirnstamm und sogar Teile des präfontalen Cortex mit vielen Organen in unserem Körper verbindet. Es sollte noch einmal 1500 Jahre dauern, bis Galens Erkenntnisse medizinisch eine Renaissance erfuhr. Das alles interessierte aber Philosophen wie René Descartes kein Stück. Sie zerlegten lieber das Leben in Geistiges und Mechanisches. Um der strengen Gewissheit wegen, tat man sogar so, als wäre die Annahme, dass alle außer ich – und Tiere sowieso – Automaten seien, nicht total hirnverbrannt sei. Diese Distanz zum (Er-)Leben "der Anderen" war sicher auch ganz hilfreich (Inquisition, Kolonisation, Holocaust) durch die europäische Geschichte hindurch.

Kybernetischer Vagabund in Kopf und Körper

1611 nannte Caspar Bartholin der Ältere den "pneumatischen Nerv" dann "Vagusnerv", weil er fast durch unseren gesamten Körper mäandert. Der Name blieb und die moderne Forschung begann. Es ist ein ganz außerordentliches System: bi-direktional kann es nicht nur sensorische Reize oder Information aus den Organen ins Gehirn bringen, sondern gibt den verknüpften Hirnarealen auch die Möglichkeit, motorisch auf die angeschlossenen Organe zu wirken.

26. Juni 2026

Ein Alphabet des menschlichen Denkens?

Suche einer universalen Grammatik

Ein Essay von Jared Marcel Pollen

Träumer und Philosophen haben sich schon lange von der Vorstellung verführen lassen, dass ein universelles Zeichensystems imstande sei, das gesamte menschliche Denken in Schriftzeichen abzubilden. Das Rätsel um das Voynich-Manuskript ist dabei nur ein besonders schönes Beispiel.


Das Voynich-Manuskript 

Im Winter des Jahres 1890 entkam ein polnischer Revolutionär namens Michał Habdank-Wojnicz der eisigen Ödnis eines sibirischen Gefängnisses und durchquerte Europa im Verborgenen. In Hamburg versteckte er sich auf einem Schiff mit Kurs auf England – ein Land, das bereits anderen revolutionären Exilanten wie Karl Marx und Peter Kropotkin Zuflucht gewährt hatte. Wojnicz stammte aus einer Adelsfamilie, hatte sich jedoch von seiner Klasse losgesagt. Als junger Mann schloss er sich der revolutionär-sozialistischen Partei "Proletariat" an, die Polen von der zaristischen Herrschaft befreien wollte. Nachdem der Versuch gescheitert war, zwei zum Tode verurteilte Genossen zu befreien, wurde er verhaftet, monatelang in der Warschauer Zitadelle festgehalten und schließlich tief ins Innere des Russischen Reiches deportiert. Fünf Monate nach seiner Flucht ließ er sich in London nieder und eröffnete dort eine Buchhandlung für revolutionäre Literatur.

16. Juni 2026

Kontrollverlust

Hi-T und Big Dick Energy

Nach anderthalb Wochen im Tiefkühler haben wir ihn im Garten begraben. Was bedeutet es, wenn dir plötzlich ein Haustier wegstirbt oder gar "entrissen" wird? Er war ja schon etwas klapprig... Und meine Sonnenbrille habe ich auch verloren, dachte ich. Auch die App meines Wearables zeigt Vitalparameter, die zu wünschen übrig lassen. Und habe ich nicht irgendwie einen Schnupfen (als solcher bei > 25°C nicht erkennbar) oder mindestens some brain fog? Manchmal denke ich, ich hätte die Kontrolle über mein Leben verloren.

Welche Homöostase kann man von sich selbst überhaupt verlangen, wenn sich so große, so globale Systeme wie das Klima, der Bitcoin oder die regelgeleitete Politik aus dem Gleichgewicht schaukeln? Habt ihr es gelesen: 35 °C in Berlin an einem Wochenende im Juni?

"Der Geist ist lebendig", sagt mein Physiotherapeut, "Er ist verkörpert. Das hatte die Philosophie zwischenzeitlich vergessen." Und dass ich lieb zu mir sein soll, sagt er auch – sanft, nicht so hart. Ja, "Physio", nicht "Psycho"! Er sieht es an meinen Schultern, sagt er. Alles Kompensation, alles Kybernetik mit Kontrollschleifen in einem nur schlecht zu steuernden System. Ein Knöchelchen gerät außer Kontrolle und schon verschiebt sich das ganze dumme System. Ich find's schon hart.

Das hatte ich bisher gar nicht gemerkt, dass ich zu hart mit mir war. Wahrscheinlich bin ich über die Jahre abgestumpft gegenüber dieser Härte mit mir selbst. Wie geht es eigentlich meinen Nächsten damit? Spüren sie meine Härte, meine Liebe? Ist es diese Härte, die die Influencer-Bros meinen, wenn sie von Hi-T (aka High Testosteron) sprechen? Ist meine Härte also eigentlich erstrebenswert männlich?

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