21. April 2019

Gedanken über Gefühle

Gegen eine Politik der Emotionen

Gefühle tauchen immer auf, wenn 
Manipulation ins Spiel kommt. Sie
sind der Werkstoff der Täuschung 
und die Grundlage der Diktaturen.
Wolf Lotter, brand eins, April 2019

Über Gefühle, die öffentlich zur Schau gestellt werden, müsse man kritisch urteilen, sagt Wolf Lotter in der aktuellen brand eins und spricht mir aus dem Herzen (wenn diese Gefühlsmetapher erlaubt ist). Es wird Zeit, dass wir in unserer Erregungsgesellschaft einmal tief durchatmen und dieses ganze Gerede von Authentizität, Empathie und EQ hinterfragen. Und dabei ist gar nicht gemeint, Gefühle abzulehnen, sondern sich über die Gefühle Gedanken zu machen.


Die Konjunktur der Gefühle im öffentlichen Raum und in der Politik ist vielleicht eine Reaktion auf die lange betonte Nüchternheit unserer auf Wissenschaft und Wirtschaft beruhenden technologischen Gesellschaften bzw. auf die Entfremdungserfahrungen und den erlebten Sinnverlust, die sie mit sich bringen. Es war sicherlich auch eine lange schon notwendige Korrektur, dem IQ einen EQ zur Seite zu stellen. Damit war aber nie gemeint, dass man deswegen auf Intelligenz zugunsten der Emotion verzichten solle. Oder ist es nun so, dass angesichts der uns versprochenen oder angedrohten Künstlichen Intelligenz Zeitgenossen meinen, sich auf die reine Emotion zurückziehen zu müssen, weil uns die Maschinen dahin noch nicht zu folgen vermögen?

19. März 2019

Reich ist, wer viel ... hat

Eine kleine Umwertung unserer Werte

Nietzsche betonte schon im 19. Jahrhundert, dass Werte immer auf Herrschaftsstrukturen ausgerichtet und damit relativ, perspektivisch und zeitlich sind. Reich und glücklich sein, vielleicht auch noch schön … das sind heute die höchsten Werte vieler Menschen in so vielen Gesellschaften. Philosophisch gehören diese Eigenschaften in die Kategorien von Ästhetik und Ethik des Lebens. Was "schön sein" bedeutet, ist jeweils sehr von den gesellschaftlichen Übereinkünften, von Überlieferungen, Moden und Trends abhängig. "Glücklich sein" ist so individuell, dass eine einheitliche psychologische und philosophische Praxis dazu nicht möglich ist. Umstände, die den einen Menschen glücklich machen, können einen anderen unglücklich machen oder keinen Einfluss auf dessen Glückserleben haben.

"Reich sein" aber, scheint uns eine objektive Kategorie zu sein, man kann das an Zahlen ablesen: Was auch immer das Zahlungsmittel in einer Gesellschaft ist, man ist reich, wenn man viel davon hat. Egal ob es Gold ist, ob es Muscheln sind oder Gewürze – wenn es als Zahlungsmittel taugt, weil alle sich über die Stabilität des Werts dieses Mittels einig sind, dann ist derjenige reich, der viel davon hat. Bei uns sind diese Mittel lange schon im Geld abstrahiert. Geld ist in dieser Hinsicht nahezu magisch, denn wir können mit Geld alle anderen Mittel und noch vieles mehr erwerben. Kein Wunder also, dass bei uns derjenige als reich gilt, der viel Geld hat.

Luft, Raum, Familie, Zeit: Von dem viel haben, das einem wichtig ist... (Gilbert Dietrich, CC BY-SA 2.0)

19. Januar 2019

Von der Angst zur Furcht und zurück zur Angst

Die Freiheit liegt im Aushalten des Ungewissen

"Angst ist Angst, weil sie mir absolut
gewiss erscheinen lässt, das nichts
absolut beständig und gewiss ist."
(Frank Ruda, Agora42)

Das Leben, die Zukunft, die Freiheit, die Liebe, das Zusammensein – ja alles, das Mut erfordert, ist nicht ohne Angst zu haben. Angst resultiert aus der Unsicherheit, die all diese fundamentalen Zustände des bewussten menschlichen Lebens begleitet. Ich selbst habe das als junger Erwachsener auf eine sehr unangenehme Weise erkennen dürfen, als mich eine manifeste Angststörung zu einem selbstbestimmten Leben befreite (siehe Schizoid - die Angst vor dem Ich-Verlust). Spätestens im Zusammenleben, also in der Gesellschaft, wird die Angst von einem privat-psychologischen zu einem gemeinschaftlichen, zu einem politschen Thema, das im engen Zusammenhang mit dem Fortbestand unserer Demokratie steht.

Mauern gegen Angst: Grenze USA/Mexiko (ProtoplasmaKid / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0)

12. Januar 2019

Wer keine Angst hat, hat auch keine Zukunft

Angst als Erkenntnisthema – Interview mit Heinz Bude


Heinz Bude wurde durch sein 2014 erschienenes Buch Gesellschaft der Angst in der Öffentlichket bekannt, in dem er am "Leitfaden des Erfahrungsbegriffs der Angst [...] eine Gesellschaft der verstörenden Ungewissheit, der runtergeschluckten Wut und der stillen Verbitterung" beschreibt (Perlentaucher). Da drängt sich eine Perspektive auf, unsere heutige populistische Gesellschaft und ihre Ursachen zu erkennen. 1954 in Wuppertal geboren, studierte er Soziologie, Psychologie und Philosophie an der Universität Tübingen und an der FU Berlin. Von 1992 bis 2014 war er am Hamburger Institut für Sozialforschung tätig und übernahm dort 1997 die Leitung des Bereichs "Die Gesellschaft der Bundesrepublik". Seit 2000 ist er Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Bude gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, die Ende November 2016 veröffentlicht wurde. 

Das hier veröffentlichte Interview erschien zuerst in der Ausgabe 4/2017 des philosophischen Wirtschaftsmagazins Agora42.


Heinz Bude auf der Leipziger Buchmesse 2018 (Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0)

Was ist das Charakteristische dieser Angst, die die Gesellschaft durchzieht?

Für mich ist der Angstbegriff mit der Phase des Abschieds von einer Periode verbunden, die in den letzten 30 bis 40 Jahren die westliche Gesellschaft beherrscht hat und die manche Leute Neoliberalismus nennen. Diese Periode hatte eine zentrale Botschaft: Eine gute Gesellschaft ist eine Gesellschaft starker Einzelner, das heißt von Leuten, die nicht auf andere angewiesen sind, die für sich selbst sorgen und sich durchsetzen können. Aber daran, dass starke Einzelne eine gute Gesellschaft ergeben, glaubt keiner mehr. Es herrscht über Partei- und Milieugrenzen hinweg meiner Wahrnehmung nach die Auffassung, dass diese Idee einer guten Gesellschaft mit hohen Kosten für den Einzelnen verbunden ist. Denn es ist erstens ungeheuer aufwendig, andauernd stark sein zu müssen, und zweitens ist für viele dieses gute Leben von vornherein unerreichbar. Und diese Kosten sind für unsere Gesellschaft nicht mehr tragbar.

Außerdem kann man nicht bestreiten, dass immer dann Angst im Spiel ist, wenn es um die Abhängigkeiten der Banken im globalen Finanzsystem, um die Folgen der Digitalisierung für die Arbeitsmärkte und das Gefüge der internationalen Machtbalance geht.

Angst ist für mich also nicht nur ein Affekt, sondern in Begriffen der Angst wird deutlich, was Menschen wichtig ist und wovon sie sich bedroht fühlen. Mit "Gesellschaft der Angst" wollte ich also nicht etwa eine Politik der Klage unterstützen, sondern aufzeigen, inwiefern der Begriff der Angst helfen kann, unsere Situation zu verstehen. Angst ist ein Erkenntnisthema geworden. Das ist meine Idee.

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