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3. Juli 2025

Die Brutalität der Kettensäge

Wenn sich das Böse selbst ganz schamlos zeigt 

Auf der Fête de la Musique sprach ich mit einem Freund aus Frankreich, der sich beeindruckt zeigte, dass ich im Osten Deutschlands aufgewachsen war und dennoch irgendwie ein normaler Mensch geworden zu sein schien. Er meinte, dass doch das DDR-Regime nicht viel besser gewesen sein konnte, als das sogenannte "Dritte Reich" zuvor. Dazu gäbe es einiges zu sagen, das einen Vergleich generell disqualifizieren würde, aber meinem französischen Freund ging es um die Frage, was eigentlich der große Unterschied war.  

Gesten der Brutalität in der Politik. Foto von Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0)

19. Januar 2019

Von der Angst zur Furcht und zurück zur Angst

Die Freiheit liegt im Aushalten des Ungewissen

"Angst ist Angst, weil sie mir absolut
gewiss erscheinen lässt, das nichts
absolut beständig und gewiss ist."
(Frank Ruda, Agora42)

Das Leben, die Zukunft, die Freiheit, die Liebe, das Zusammensein – ja alles, das Mut erfordert, ist nicht ohne Angst zu haben. Angst resultiert aus der Unsicherheit, die all diese fundamentalen Zustände des bewussten menschlichen Lebens begleitet. Ich selbst habe das als junger Erwachsener auf eine sehr unangenehme Weise erkennen dürfen, als mich eine manifeste Angststörung zu einem selbstbestimmten Leben befreite (siehe Schizoid - die Angst vor dem Ich-Verlust). Spätestens im Zusammenleben, also in der Gesellschaft, wird die Angst von einem privat-psychologischen zu einem gemeinschaftlichen, zu einem politschen Thema, das im engen Zusammenhang mit dem Fortbestand unserer Demokratie steht.

Mauern gegen Angst: Grenze USA/Mexiko (ProtoplasmaKid / Wikimedia Commons / CC-BY-SA 4.0)

14. Juni 2017

Du willst dich selbst finden? Erfinde dich!

Warum du dein Selbst nicht tief in dir findest


"Niemand kann dir die Brücke bauen,
auf der gerade du über den Fluss des Lebens
schreiten musst, niemand ausser dir allein." 
(Friedrich Nietzsche)

Robert Pen Warren 1968
In unserer individualisierten Gesellschaft neigen wir dazu, unser "Selbst" in Abgrenzung zu den anderen sehr wichtig zu nehmen, of viel zu wichtig, wie man an politischen Strömungen rund um vermeintlich abgrenzbare Identitäten sehen kann. Gleichzeitig sind wir sehr unsicher darüber, was dieses Selbst sei und wir vermuten, dass es von gesellschaftlicher Einflussnahme und beengenden Institutionen verunreinigt wird. Fragen wie "Wer ist mein wahres Selbst?" oder "Wie kann ich authentisch leben?" treiben uns um und Ratgeber meinen, dass man sich nur selber finden müsste, um das persönliche Glück auf Erden zu finden. Der Poet Robert Penn Warren, politischer Aktivist und Autor von Gedichten, aber auch Büchern wie Democracy and Poetry hat bereits vor 40 Jahren darauf hingewiesen, dass das Selbst nichts ist, zu dem man abseits vom Alltag in einem Kloster finden kann oder in der Meditation:

"In den Worten [sich selbst finden] verbirgt sich die Idee einer bereits existierenden Entität, das Selbst wie eine platonische Idee, in einem mystischen Raum jenseits von Zeit und Wandel. [...] Das ist die essentielle Passivität, das Glück ohne eigenes Zutun. Und es ist ebenso eine absolute Absurdität, denn das 'Selbst' kann niemals gefunden, sondern muss aktiv geschaffen werden, es ist nicht der glückliche Zufall in Passivität, sondern das Produkt Tausender Handlungen, großer wie kleiner, bewusster und unbewusster und eben nicht im Rückzug von der Welt, sondern in ihrem Angesicht, im Guten wie im Schlechten, in der Arbeit und Muße eher als im Nichtstun." (Warren, Democracy and Poetry, S. 88 f., Übersetzung von mir)

30. Juni 2016

Der Staat bin ich!

"Es ist gefährlich Recht zu haben, wenn die Regierung falsch liegt." – Voltaire. Wie siehst du die politische Situation in Europa bzw. die wirtschaftsliberale Politik, das uneingeschränkte Streben nach Shareholder Value, Hyperkapitalismus und die damit zusammenhängenden ethischen Fragen? Ist es Zeit für selbstkritische Besinnung?

Es ist immer Zeit für selbstkritische Besinnung. Und Voltaire hatte sicherlich damals Recht, aber das ist etwas, das wir inzwischen auch mit seiner Hilfe in Europa erreicht haben: Es ist nicht mehr gefährlich, eine andere Meinung zu haben.

Occupy Berlin, Reichstag, Berlin (Corner of a Life CC BY 2.0)

Mir fällt auf, dass wir es uns angewöhnt haben, Meinungsbürger und Wutbürger zu sein, aber wir haben es verlernt, Bürger zu sein. Anstatt der Staat zu sein, grenzen wir uns ab und schimpfen über alles, was die Politik macht. Ein Grund mag sein, dass die Problemlagen so komplex geworden sind, dass wir sie nicht mehr durchschauen und stattdessen meinen, "die da oben" hätten die Kontrolle verloren (oder wahlweise: kontrollieren uns alle). Deine Stichworte Shareholder Value und Hyperkapitalismus stehen ja auch für solche "Angstbegriffe". Frag mal jemanden im Einkaufscenter, was Shareholder Value ist. Außer einer diffusen Meinung, werden die meisten dazu nichts sagen können.

20. März 2016

Was könnte das sein, ein wahres Selbst?

Oder wie man sein Tattoo nach innen trägt

Das neue Philosophie Magazin macht mit der Frage auf: "Wer ist mein wahres Selbst?" (Und einem Cover, das diesmal in seiner Offensichtlichkeit jeglichen Witz vermissen lässt.) Mein Professor pflegte bei solchen Anlässen immer zu sagen: "Das ist die falsche Frage!" Wörter wie "wahr" und "das Selbst" sind sehr tückische Wörter, weil sie es zwar in sich haben, aber jeder aus seinem Alltagsverständnis heraus meint, ganz genau zu wissen, was sie bedeuten. Im gemeinsamen Zusammenhang sind solche Wörter natürlich noch tückischer. Ob die Frage, wer mein wahres Selbst sei, überhaupt sinnvoll ist, können wir nur klären, wenn wir wissen, ob es so etwas wie ein wahres Selbst gibt und wenn ja, ob es ein Subjekt gibt (zum Beispiel "ich"), dem dieses "wahre Selbst" zugeschrieben werden kann.

Wahr will in diesem Zusammenhang auf eine Art Kern verweisen, der einem Selbst innewohnt. Was soll dieser Kern sein? Ist es die jeweils eigenartige Weise, auf die jeder Körper mit seinen Organen bis hin zu seinen Fingerabdrücken zusammengestellt ist? Das reicht wahrscheinlich nicht, denn hat solch ein bloßer Körper schon ein Selbst? Und bin ich nicht mehr "ich selbst", wenn ich eine Niere abgebe oder neue Fingerabdrücke transplantiert bekomme? Nein. Ist es mein Erleben, meine Persönlichkeit, die Art und Weise, wie ich denke und mich verhalte? Schon eher ist das gemeint. Und so stoßen wir im Philosophie Magazin auf Begriffe wie "Authentizität" und "Aufrichtigkeit".

22. Januar 2016

Wie man sich richtig schämt

Die menschlichsten Momente im Leben


"...die Scham ist - wie der Stolz - die Wahrnehmung meiner selbst als Natur, wenn auch eben diese Natur mir entgeht und als solche unerkennbar ist.“ Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts
Misstrauisch gegenüber jedem, der sich nie schämt (Bild von Rob, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Immer wieder mal, seit ich eingeschult wurde, hatte ich einen verstörenden Traum: Ich stand vor der Klasse oder im Hörsaal oder lief auf der Straße und bemerkte plötzlich, dass ich nur ein T-Shirt an hatte, aber keine Hosen. Sofort übermannte mich die Scham und ich versuchte umzukehren, nach Hause zu kommen und mich zu verstecken. Oder die Szene in Game of Thrones: Cersei, die Mutter des Königs, muss nackt durch die Bevölkerung von King's Landing gehen, um für ihre Sünde zu büßen. Das ist schmerzhaft anzusehen, denn auch wenn man Cersei nicht mag, kann man nicht umhin, die tiefe Scham und Schande zu fühlen, die ihr da widerfährt. Die bewusste und unfreiwillige Nacktheit vor anderen ist der Inbegriff der Scham, denn hier sind wir allen schützenden Hüllen in der Gesellschaft beraubt.

Wir kennen alle einen Moment, in dem wir uns für uns selbst geschämt haben. Vielleicht haben wir als Sportler versagt oder ein schmutziges Detail aus unserer Vergangenheit ist ans Licht gekommen oder wir haben uns vor versammelter Mannschaft blamiert, indem wir auf dem Firmenfest gestolpert sind und dabei das ganze Buffet abgeräumt haben. Ich wäre misstrauisch gegenüber jedem, der behauptet, nicht schon einmal so einen Moment der gefühlten Schande erlebt zu haben.

Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks beschreibt in dem hier abgebildeten Buch (Amazon Link), wie Scham entsteht, welche Auswirkungen sie hat und wie wir mit diesem Gefühl umgehen können. Marks zeigt, dass viele zwischenmenschliche Konflikte vor dem Hintergrund der Scham verstanden und gelöst werden können.

10. Januar 2016

Was sagen Philosophen zu einer Million Flüchtlinge?

Was der Zuzug von so vielen Flüchtlingen uns abverlangt

Was soll ich tun? Das ist eine Grundfrage der Philosophie, es ist eine moralische Frage: Was ist geboten, was ist in der Situation das Richtige? Diese Frage kommt daher, dass wir in Gruppen leben und unser Sozialverhalten ohne moralische Übereinkünfte (institutionalisiert in zuerst religiösen Geboten und dann staatlichen Gesetzen) nicht denkbar ist. Das moralische Problem wird größer, in einer "globalisierten Welt", wo nicht Stämme, Klans, ja nicht einmal mehr Nationalitäten eine Gruppe von Menschen nach außen gegen andere Gruppen abzugrenzen vermag. In den sozialen Netzwerken las ich, wir müssten endlich aufhören, die Flüchtlingskrise unter moralischen Gesichtspunkten betrachten. Ich glaube, das können wir gar nicht. Weil wir Menschen sind (siehe oben), müssen wir solche Entwicklungen gerade unter moralischen Gesichtspunkten betrachten. Vielleicht ist aber gemeint, dass wir die Entwicklungen nicht nur unter moralischen Gesichtspunkten betrachten können. Und das ist absolut korrekt.

Moralische Appelle wirken nur kurzfristig und unter ganz bestimmten Bedingungen. Was wir für eine positive Vision der derzeitigen Entwicklungen benötigen, sind konkrete Pläne und Umsetzungsstrategien, die ein dauerhaft funktionierendes Zusammenleben möglich erscheinen lassen. Was ist in der Situation das richtige Handeln? ist nicht ausschließlich eine moralische Frage, sondern auch eine des Gestaltens.

2. Januar 2016

Bestandswahrung oder Weiterentwicklung?

Philipp Blom über Alternativen einer europäischen Wilkommenskultur

Was haben der IS, die Pegida, der Front National, Vladimir Putin und christliche Fundamentalisten gemein? Auf den ersten Blick nicht viel und auch untereinander würden sie sich wohl kaum miteinander identifizieren wollen. Der Historiker Philipp Blom analysiert jedoch im Gespräch "Die Flüchtlingsströme markieren eine Zeitenwende" (siehe auch Video der Sternstunde Philosophie weiter unten), dass sie sich alle zurück sehnen nach einer Welt der Völker und der Kollektive mit historischen Gemeinschaften und kulturellen Essenzen, die es zu bewahren gelte.

Solche Zeiten der stabilen völkischen Identitäten wieder herzustellen, ist die gemeinsame Sehnsucht der vermeintlichen Kontrahenten von Islamisten bis Nationalisten. Und wenn man Philipp Blom glaubt, dann wäre auch das Ergebnis einer erfolgreichen rechtspopulistischen und nationalistischen Politik nichts anderes, als der Wunsch ihrer islamistischen Feinde: Ein Untergang Europas, ein Untergang unserer Werte, Freiheiten und Ideen.

24. Dezember 2015

Die Gesellschaft hat nicht immer recht

Ein Gastartikel von Benedikt Ahlfeld

Benedikt coacht und trainiert seit 10 Jahren Menschen aus Wirtschaft, Sport und Medizin für besseres Management, das Treffen von Entscheidungen und eine größere Umsetzungskompetenz. Auf Geist und Gegenwart bittet er uns heute, anhand von sechs Denkanstößen einmal unsere Beziehung zur Gesellschaft und ihren oft subtilen Einflüsterungen und Erwartungshaltungen zu hinterfragen. Dieser Artikel lehnt sich an ein Kapitel aus seinem E-Book Überwinde die Angst, du selbst zu sein an. Auf seinem Blog schreibt Benedikt mehr darüber, wie man besser entscheiden und mehr umsetzen kann.

Führst du dein Leben so, wie man es sich in unserer Gesellschaft vorstellt? Mit einem guten Job, einem tollen Eigenheim und einem harmonischen Familienleben. Gratuliere, dann bist du genauso, wie es die Gesellschaft von dir verlangt und erwartet. Von außen betrachtet verkörperst du das Bild des glücklichen Menschen. Doch hast du dir schon einmal den Spiegel vor die Nase gehalten? Bist du mit deiner Gesamtsituation wirklich zufrieden? Oder hast du einfach dem großen Druck der Gesellschaft nach gegeben?

So wie hier beschrieben geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche nach einem Leben in absoluter Sicherheit, einem Leben, wie es andere Vorbilder vorleben und es auch von ihnen erwartet wird. Doch wirf einen Blick in dein Umfeld. Wenn du es genauer betrachtest, ist es eine Scheinwelt: Nach außen hin wird die heile Welt vorgetäuscht und im Inneren spielen sich oft ernsthafte Tragödien ab. Grund dafür ist der gesellschaftliche Druck, der für viele Menschen einfach zu groß ist, um eine Veränderung in ihrem Leben zu wagen. Das ist eine Aufforderung, über dein Leben nachzudenken. Ist es wirklich so, wie du es willst, oder ist es jetzt Zeit, etwas daran zu ändern?

16. September 2015

Das Leben siegt immer... und der Tod auch

Vor der Stille der Sturm von Wallace Stegner

In den letzten zwei Wochen habe ich mir eine Online-Auszeit gegönnt und es wirklich genossen. Auf Facebook hatte ich ein paar Beiträge im Voraus geplant, sodass ohne mein Zutun wenigstens ein bisschen was an meine Leser dringt. Es war schön, einmal ohne selbst aktiv zu sein, nur zu lesen, am Strand zu liegen und ein neues Land kennen zu lernen. Eines der Bücher, die ich las war Wallace Stegners Vor der Stille der Sturm (im Origial: All the Little Live Things). Diese Erzählung hat mich wirklich beeindruckt und mitgenommen. Sie hätte wohl eigentlich eine Novelle werden sollen, denn am Anfang und am Ende stehen geradezu unglaubliche Begebenheiten, währen der Text in der Mitte nur so mit Gesprächen, Gedanken und kleinen Konflikten am Leben gehalten wird. Gerade die letzten Kapitel des Buches gehören jedoch zum besten und atemberaubendsten, das ich je gelesen habe. Kurz gefasst geht es um die junge Mutter Marian, die ein zweites Kind erwartet und gleichzeitig mit Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs im Sterben liegt. Sie verwehrt jegliche Chemo- und Strahlentherapie, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden. Es ist ein Wettlauf - buchstäblich - um Leben und Tod. Dass der Tod dabei siegen wird, ist nie auch nur eine Sekunde unklar. Aber wird das Leben wenigstens ein kleines bisschen siegen? Das ist das große Thema der Erzählung: Das Leben siegt immer... und der Tod auch. Marian sagt in einem der vielen philosophischen Gespräche mit dem Erzähler:

"Es stimmt, der Tod muss in der Welt sein. Sterben ist so natürlich wie geboren werden. Wir sind alle ein Teil dieses großen Pools des Lebens und wir schulden der Welt den Raum, den wir einnehmen und die Chemikalien, aus denen wir gemacht sind. Sobald wir zugeben, dass das keine Abstraktion ist, sondern etwas, das wir persönlich schulden, sollte es nicht mehr so schwer sein." (von mir aus dem Englischen übertragen, S. 287)

Stegner hat ein Buch geschrieben, das einem alles lehren kann, was man zum Leben wissen muss: AUGEN AUF UND DURCH, könnte man sagen. Es wird immer wieder höllisch schmerzen und gleichzeitig ist es das beste, was uns widerfahren kann. Es gibt kein gutes Leben ohne Leid und Tod. Ich empfehle eine Online-Auszeit und Vor der Stille der Sturm.

23. August 2015

Vom Leben, das wir nicht gelebt haben

Das, was wir nicht werden konnten, macht uns zu dem, was wir sind

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich blicke schon öfter auf mein Leben, auf mich heute und bedaure, wie durchschnittlich das alles ist. Ich bin nichts besonderes. Es ist sicher irgendwie kindisch, aber ich wäre gern ein Rockstar geworden oder der berühmteste Maler unserer Zeit oder Literaturnobelpreisträger. Statt dessen arbeite ich jeden Tag in einer Firma irgendwo in Berlin. Aber noch quälender und daher auch viel wichtiger als meine Berühmtheitsfantasien ist die Frage, was eigentlich gewesen wäre, wenn...

Egal wie bunt und aufregend, es geht immer nur im Kreis... (Creative Commons C00)

An einem Punkt in meinem Leben stand ich vor der Entscheidung, entweder das Abitur zu machen oder eine Stelle in der Prignitz anzutreten, wo ich im Naturschutz arbeiten und zunächst Horste von Fischadlern observieren und schützen sollte. Oft denke ich daran und bedaure, dass ich kein Leben näher an der Natur führe, es fehlt mir. Oder: Wer wäre ich jetzt, wenn ich damals vor 12 Jahren nicht aus den USA zurückgekehrt wäre, sondern dort eine Doktorandenstelle angetreten hätte? Oder warum habe ich damals nach den vielversprechenden Anfängen im Studium nicht alles gegeben, um es zu Erfolg in der Fotografie oder der Schriftstellerei zu bringen?

8. Juli 2015

Das kontemplative Leben ist ein aktives Leben


Simone Campbell befragt. Campbell ist Nonne, Rechtsanwältin und sie praktiziert Zen-Meditation. Bekannt geworden ist sie in den USA durch "Nuns on the Bus". Diese Gruppe von Nonnen ist im Bus durchs Land gefahren, um auf Armut, Geringverdiener, Obdachlose und andere Benachteiligte aufmerksam zu machen. So richtig gefallen hat das dem politischen Amerika nicht, denn obwohl alle ständig Gott und Jesus im Munde führen, ist ihre Politik doch eher am Profit der wenigen ausgerichtet, als an den Tugenden und Leitsätzen irgend einer Religion.


 

29. Mai 2015

Seneca und die Philosophie der Kürze des Lebens

Das Aufschieben des Lebens ist sein größter Verlust

"Nur einen kleinen Teil des Lebens leben wir. Die ganze übrige Dauer ist ja nicht Leben, sondern bloß Zeit." Seneca - De brevitate vitae.

Seneca im Museo del Prado, fotografiert von Jean-Pol GRANDMONT (Lizenz: CC BY 3.0)

Schon vor zweitausend Jahren fiel Seneca auf, dass erwachsene Menschen in ihrer Geschäftigkeit das Leben auf später verschieben, wenn sie 50 oder 60 sind. Nicht im Moment zu leben, das heutige Leben nicht ausreichend zu würdigen und es zu bereuen, wenn zu spät ist, ist kein neues Phänomen. Neu ist vielleicht, dass heute wenigstens die Wahrscheinlichkeit hoch genug ist, das Rentenalter auch zu erreichen. Zu Senecas Zeiten haben nur die Glücklichsten dieses Alter erreicht.

20. Dezember 2014

Was sexuelle Neigungen über uns verraten

Was bedeuten die Dinge, die uns wirklich anmachen?

Klar leben wir hier im Westen in sexuell befreiten Zeiten. Wir dürfen unsere Verlangen nicht nur ausleben, wir sollen sogar. Das geht Hand in Hand mit Leistungsfähigkeit im Beruf, mit Konsum und der Demographie unserer Gesellschaften. Aber was ist mit den Dingen, die uns wirklich richtig anmachen?

Bildausschnitt aus einem einschlägigen Internetforum von mir bearbeitet (Urheber unbekannt)

Über unsere sogenannten perversen Fantasien, unsere Fetische, geheimen Wünsche und Gedanken reden wir nicht, meistens nicht mal mit unseren Partnern. Das liegt daran, dass diese Gedanken mitunter sehr abgründig, vielleicht sogar verachtend und politisch ganz und gar unkorrekt sein können. Wir fürchten vielleicht die Reaktion des anderen darauf, vermuten sogar, dass irgend etwas mit uns selbst nicht stimmt oder haben sehr früh ziemlich strikte Schamgrenzen kennen gelernt und übernommen. Wir gehen damit das Risiko ein, uns selbst zu stigmatisieren oder den Zugang zu wichtigen verborgenen - keinesfalls nur sexuellen - Wünschen in uns zu verlieren. Wenn wir überlegen, was unsere Fetische eigentlich bedeuten, kann es uns gelingen, ein besseres Verhältnis zu ihnen und damit zu einem bedeutenden Teil unserer selbst zu etablieren. Schon mit dem Wort Fetisch wird die Stellvertreterfunktion unserer sexuellen Obsessionen deutlich: Ein Fetisch ist etwas "unechtes", das wir anstatt des unsichtbaren "Echten" verehren.

7. August 2014

Es gibt keine Identität ohne Masken

Der freie Umgang mit der Unfreiheit


Bei allem Psycho-, Coaching- und Selbstoptimierungskult, der uns zur Zeit zu überrollen und mit seinen Imperativen zu überfordern scheint, wird eines immer wieder unterschlagen: Die fundamentale Ungerechtigkeit der Verteilung von Kapazitäten, Rechten und Gütern und die damit einhergehende Unfreiheit der vielen in der Gestaltung ihres Lebens. Wenn man an diese Themen so naiv ran geht, dass eben jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dann ist das nicht einmal die halbe Wahrheit.

Die Maske als Medium unserer Identität (Stefano Menegatti via Flickr CC)

Eine treue Leserin kommentierte meinen Artikel Jeder Mensch ist eine Fiktion (Von der Freiheit der Selbsterfindung) folgendermaßen:

30. Juli 2014

Folge deiner Angst

Von der Angst über die Wut bis zum Mut

Kennen Sie die Geschichte? Die Schlange starrte auf das Kaninchen. Das Kaninchen starrte auf die Schlange, und dann sagte das Kaninchen: "Buh!" Die Schlange zuckte zusammen und musste über das alberne Kaninchen lachen. Als die Schlange ihre Augen wieder aufmachte, war das Kaninchen weg.

Wie kann das Kaninchen seine Todesangst überwinden? Wo entsteht der Mut? Wie kann jeder von uns Zugang zu dieser Ressource erhalten? Wie können wir Mut und Angst ausbalanzieren? Und warum ist es gut, unseren Ängsten zu folgen? Diese Fragen beantwortet Ihnen heute Nadja Petranovskaja.


Mutiges Häschen (Bild von MaffersToys via Flickr CC)

Die sechs Gespenster der Angst

Wenn hier von "Angst" die Rede ist, sind die normalen menschlichen Ängste gemeint, nicht die verschiedensten Angststörungen und extreme Angstzustände. Viele Wissenschaftler haben sich bereits mit dem Begriff "Angst" auseinander gesetzt. Napoleon Hill, einer der Väter der amerikanischen Selbsthilfe-Szene, hat in seinem Buch Denke (nach) und werde reich die sechs Gespenster der Angst beschrieben, und auch wenn sein Buch sich primär dem Unternehmertum widmet, so sind doch diese sechs Gespenster allgegenwärtig in jeder Stadt dieser Welt. Diese lauten:

  1. Angst vor Armut
  2. Angst vor Kritik
  3. Angst vor Krankheit
  4. Angst vor Liebesverlust
  5. Angst vor dem Alter und
  6. Angst vor dem Sterben

Diese sechs Ängste, so Hill, bestimmen unser Leben. Einen Großteil unseres Tages verbringen wir damit, alles zu tun, um nicht zu sterben. Wir verdienen Geld, um Dach über dem Kopf, Kühlschrank und Essen im Kühlschrank bezahlen zu können. Auch die Angst vor Armut und Krankheit spielen hier mit rein, besonders wenn wir uns um den beruflichen Erfolg und Gesundheit kümmern.

3. Juli 2014

Bin ich ein weiser Mensch?

Eine "Anleitung" zur Weisheit in 10 Punkten

Weise werden, das wollen wir alle irgendwie. Durch den eigenen Lebensweg die Ruhe finden, abgeklärt sein, nicht mehr mithetzen, sondern aus der Distanz beobachten und vielleicht kluge Ratschläge geben. Irgendwie ist es aber auch immer aufgeschoben: Alte Männer sind weise, altersweise. Alt und weise - das scheint nichts für uns mitten im Leben zu sein. Oder doch? Die School of Life von Alain de Botton verfolgt eine ganz pragmatische Idee der Weisheit im Alltag, von der ich mich hier inspirieren lies. Auch wenn wir nie vollkommen weise werden können, kann uns das Konzept der Weisheit als ein Fluchtpunkt im Leben den Weg zu einem bewussteren und glücklicheren Leben weisen. Was also ist Weisheit, wodurch zeichnen sich weise Menschen aus?

1. Realismus

Weise Menschen sind zuallererst realistisch. Sie wissen, wie anstrengend viele Dinge im Leben sind. Das heißt nicht, dass sie nicht optimistisch wären, aber ihnen ist die Komplexität der vielen Herausforderungen im Leben bewusst: Kinder großziehen, ein eigenes Business starten, ein schönes Wochenende verbringen, die Welt verbessern, sich verlieben... Zu wissen, dass sie etwas schwieriges angehen, nimmt dem Weisen nicht die Ambitionen, es animiert ihn vielmehr zum durchhalten, macht ihn geduldiger und mindert die Panik, wenn die Dinge auf dem Weg zum Ziel unweigerlich schief gehen.

2. Dankbarkeit

Da ihnen klar ist, wie viel im Leben schief gehen kann und wird, sind weise Menschen gegenüber Momenten der Ruhe und Schönheit besonders aufmerksam, auch wenn diese Momente nur sehr unscheinbar oder kurz sein mögen und von anderen in ihrer Eile gar nicht bemerkt werden. Der Weise versteht es, selbst einen ereignislosen sonnigen Tag oder ein paar Mauerblümchen, den Anblick eines dreijährigen selbstvergessen spielenden Kindes oder den Abend mit Freunden voll und umfänglich zu genießen. Nicht etwa, weil sie sentimental und naiv sind, sondern im Gegenteil: Sie wissen genau, wie schwer die Dinge sein können und ziehen deshalb die größte Befriedigung aus dem Schönen, egal wann und wo es sich zeigt. Das ist Dankbarkeit gewachsen aus Offenheit gegenüber dem Moment, wie er sich präsentiert.

3. Wahnwitz

Der weise Mensch weiß, dass er wie alle Menschen tief in den Wahnwitz des Lebens verstrickt ist: Unser Verlangen ist oft irrational und verträgt sich nicht mit unseren eigentlichen Zielen. Vieles an uns selbst ist uns nicht bewusst, wir sind launisch, unterliegen verrückten Fantasien oder Täuschungen über uns selbst. Wir sind unseren Körpern und unserer Sexualität ausgeliefert. Der Weise ist nicht überrascht, dass wir lebenslang unreif bleiben, dass unsere Perversionen uns für immer begleiten, egal für wie klug und moralisch wir uns halten. Da weisen Menschen klar ist, dass mindestens die Hälfte des Lebens mit unserer Ratio nicht zu fassen und zu bewältigen ist, sind sie auf den lauernden Wahnsinn vorbereitet und bleiben gefasst, wenn er sich zeigt.

Der Weise lacht über sich selbst. Er hält sich mit Urteilen zurück und ist skeptisch gegenüber seinen eigenen Erkenntnissen. Wenn er sich dann mal einer Sache gewiss ist, dann ist diese Gewissheit weniger zerbrechlich und angreifbar. Weise Menschen amüsieren sich über den Widerspruch zwischen unserem noblen Anspruch an die Dinge und der verkorksten Art und Weise, in der sich am Ende alles manifestiert.

4. Höflichkeit

Weise Menschen sind sich über die große Bedeutung sozialer Beziehungen im Klaren. Im Zweifel bedeuten diese Beziehungen mehr als immer Recht zu behalten oder unbedingt die Wahrheit zu sagen. Sie wissen, wie schwer es ist, die Meinung eines anderen zu ändern oder gar sein Leben zu beeinflussen. Sie sind daher sehr zurückhaltend und sagen anderen nicht um jeden Preis, was sie von ihnen halten. Ihnen ist klar, dass es selten etwas bringt, andere zu kritisieren. Wichtiger scheint ihnen, dass soziale Beziehungen funktionieren, selbst wenn das heißt, nicht brutal ehrlich zueinander zu sein. Beispielsweise können sie mit jemandem aus dem entgegengesetzten politischen Lager zusamen sitzen, ohne den anderen umerziehen zu wollen. Sie halten sich zurück, wenn sie meinen, jemand erziehe seine Kinder falsch. Sie wissen, dass die Dinge aus der Perspektive eines anderen Menschen ganz anders scheinen. Weise Menschen suchen eher nach dem, was die Menschen verbindet, als nach dem, was sie trennt.

Poster und Karten können hier klein und hier groß heruntergeladen werden

5. Akzeptanz

Wer weise ist, hat seinen Frieden mit sich selbst gemacht und akzeptiert, dass es einen großen Unterschied zwischen dem eigenen Idealbild und dem realen Ich gibt. Sie vergeben sich ihre Idiotie, ihre Fehler, Hässlichkeiten, ihre Beschränktheit und die Rückschläge. Sie schämen sich nicht für sich selbst und müssen deshalb nicht lügen oder heucheln. Ohne Eitelkeit können sie sich und ihre Fehler und Neurosen ziemlich genau beschreiben. Ihnen fällt es leicht, anderen zu erklären, warum sie manchmal nur schwer zu ertragen sind (weshalb sie oft die erträglicheren Gefährten sind).

6. Vergebung

Weise Menschen sind auch realistisch in ihren Erwartungen gegenüber Mitmenschen. Sie verstehen den großen Druck, den viele verspüren, um ihren eigenen Ambitionen gerecht zu werden, um ihre Interessen zu verteidigen oder ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Wir können dadurch extrem gemein und bösartig wirken. Aber meist ist es gar nicht so persönlich gegen andere gerichtet. Wer weise ist, versteht, dass wir uns die meisten gegenseitigen Verletzungen nicht absichtlich zufügen. Es sind eher Kollateralschäden der blind konkurrierenden Egos in einer Welt der begrenzten Ressourcen.

Daher geraten weise Menschen nicht besonders schnell in Wut und sie lassen sich nur selten zu Urteilen hinreißen. Sie ziehen keine voreiligen Schlüsse darüber, was in anderen vorgeht. Weil ihnen klar ist, wie schwer jedes Leben voll von Ambitionen, Enttäuschungen und Verlangen ist, sind sie zu schneller Vergebung bereit. Sie verstehen den Druck, unter dem wir alle leiden. Wer weise ist, fühlt sich nicht von der Aggression der anderen verfolgt, weil er verstehrt, wo diese Aggression herkommt: Aus einer verletzten Seele.

7. Widerstandskraft

Weise Menschen wissen, wozu sie fähig sind. Sie verstehen, dass so vieles schief gehen kann und dass man trotzdem weiterlebt. Viele Menschen meinen, dass ihr Glück an so vielen Umständen hängen würde: Geld, Beziehungen, Ruhm, Gesundheit und so weiter. Auch der weise Mensch schätzt diese Dinge, aber er macht sich und sein Glück nicht davon abhängig, weil er weiß, dass diese Dinge vergänglich sind. Er kann sein Glück auch ohne sie schätzen.

8. Neid

Wer weise ist, versteht, dass es gute Gründe dafür gibt, dass wir nicht all das haben, was wir haben wollen. Sie kennen die Konsequenzen des Gewinnens und Erfolgs. Auch sie gewinnen gern, aber sie wissen, dass die grundlegenden Dinge im Leben davon unberührt bleiben. Sie überschätzen die Folgen des Erfolgs nicht und wissen, dass wir vielmehr von unseren eigenen Persönlichkeiten abhängen, als von unseren Jobs oder den materiellen Gütern, die wir erwerben. Erfolg und Niederlage liegen viel dichter zusammen, als es unsere moderne Welt wahrhaben möchte.

Weise Menschen sehen den erfolgreichen Manager, den Medienstar oder den Millionär und sie wissen, warum sie es nicht dahin geschafft haben. Vielleicht haben sie nicht so hart gearbeitet, haben nicht deren Ehrgeiz, vielleicht nicht mal ihre Intelligenz?

Andere Schicksale sind vielleicht lediglich auf Zufälle zurückzuführen. Manch einer wird ohne guten Grund befördert, mancher gewinnt im Lotto oder hatte die richtigen Eltern. Gewinner sind nicht immer gut und nobel. Wer weise ist, versteht die Fügungen von Glück und Zufall und wird sich dafür nicht selbst verantwortlich machen.

9. Reue

In unserer Zeit der großen Ambitionen beginnen viele mit dem Traum, ein makelloses und erfolgreiches Leben zu führen und die richtigen Entscheidungen von Karriere bis Liebe zu treffen. Weise Menschen wissen, dass ein makelloses Leben unmöglich ist und dass jeder riesige und oft unkorrigierbare Fehler in verschiedenen Lebenslagen machen wird. Perfektionismus ist eine wahnsinnige Illusion und Reue ist unvermeidbar.

Die Reue wird aber erträglich, wenn wir verstehen, dass Fehler ein Teil jeden Lebens sind. Egal in wessen Leben man hineinschaut, man wird immer verheerende Fehlentscheidungen und Niederlagen finden. Das ist keineswegs zufällig, sondern vielmehr strukturell notwendig: Fehler treten auf, weil niemand von uns all die Information hat, um immer die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit zu treffen. Oft lenken wir da unser Leben völlig blind, wo es am meisten drauf ankommt.

10. Ruhe

Weise Menschen wissen, dass Unruhe und Tumult überall lauern und ausbrechen. Diesen Ausbruch sehen sie kommen und sie fürchten ihn. Deswegen pflegen sie solch eine Hingabe zur Ruhe und Stille. Ein ruhiger Abend ist für sie eine Errungenschaft und ein Tag ohne Besorgnis muss gefeiert werden. Ein bisschen Langeweile schreckt sie nicht, es könnte - und es wird irgendwann wieder - alles viel schlimmer sein.

Und - Sind Sie weise?

Wahrscheinlich wird niemand sagen, dass er weise ist und all die Punkte oben auf ihn zutreffen. Das wäre in sich schon ziemlich töricht. Aber vielleicht haben wir nach dieser Lektüre den einen oder anderen Punkt bemerkt, an dem wir zu verkrampft sind, wo wir uns etwas lockern und der Weisheit einen Schritt näher kommen können. Was meinen Sie: Helfen diese Punkte auf dem Weg durchs Leben? Lassen Sie es uns unten in den Kommentaren wissen.



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Ein Leben führen, als wäre es für immer


Michael Hampe
Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Michael Hampe - beide selbst Akademiker - sind sich sicher, dass die akademische Philosophie ihre Relevanz für die Gesellschaft aufgegeben hat. Auf der anderen Seite boomen philosophische Angebote in Form von Zeitschriften wie der Hohen Luft oder dem Philosophie Magazin, als Blogs im Internet und als beratende Philosophische Praxen für alle Lebensfragen. Es stellt sich die Frage, was die Philosophie uns in der Praxis bieten kann? Ist sie nur formale Gedankenakrobatik auf der Suche nach den Grundlagen des Wissens überhaupt oder findet sie zurück in die lebensrelevante Bedeutsamkeit für uns Menschen, in der sie ihre antiken Wurzeln hat? Im Moment muss man die oben geschilderte Spaltung konstatieren. Und es ist ja immerhin etwas, dass wir auf der Suche nach dem Sinnhaften in unseren Existenzen auch die Philosophie jenseits der Akademik wiederbeleben. Noch schöner wäre es, wenn auch die akademische Philosophie wie bei Hampe und Sloterdijk den Weg in die gesellschaftliche und individuelle Relevanz fände. Wie kann die Bedeutung der Philosophie für unser Leben ganz praktisch aussehen?

Philosophie zerstört den Glauben an die Autorität der anderen

Michael Hampe spricht im Philosophie Magazin von einer nichtdoktrinären Philosophie, die es uns ermöglicht, Sinnangebote der Gesellschaft infrage zu stellen. Ganz grundlegend geht es erst einmal um eine Operation der Bewusstwerdung, die allem Nachdenken eigen ist:

"Alle Reflexionsprozesse, ob naturwissenschaftlich, künstlerisch oder philosophisch, sind Prozesse der Bewusstwerdung. [...] In allen drei Beispielen geht es um Distanzierungsvorgänge zur Steigerung von Selbstbestimmung. Reflexion schafft Distanz und damit Freiräume. Man kann sich fragen: Möchte ich, dass die Vorgänge so weitergehen oder nicht?" (S. 60)*

Nichtdoktrinär kann die Philosophie deswegen sein, weil sie anders als die Sinnangebote aus den Religionen, aus der Esoterik, der Politik oder der konsumistischen Glücksversprechen unserer Werbung, zuallererst ein Hinterfragen ist. Dahinter steht der sokratische Gedanke, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt, wie man sein Leben zu gestalten hat, sondern dass man ein glückliches Leben in der Selbstbestimmung findet, zu der man nur durch das Infragestellen aller Sinnangebote der Gesellschaft kommt.

Sokrates: Spielräume, über die Welt zu sprechen, eröffnen Freiheit (Quelle: Wikipedia)

Das heißt natürlich auch, dass man sich von philosophischen Zeitschriften, Blogs oder Praxen keine unmittelbaren Antworten auf die Frage "Wie soll ich leben?" erhoffen kann. Vielmehr können sie Wege vermitteln, die eigenen Antworten auf diese Frage zu formulieren. Hampe meint, dass wir viel zu oft auf irgendwelche Experten vertrauen und uns damit abgewöhnen, selbst nachzudenken. Hier kann die Philosophie helfen, indem sie erst einmal zerstört: den Glauben an die Autorität der anderen.

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