Warum die Rechten Die Odyssee von Christopher Nolan hassen
Vor kurzem sah ich den neuen Film von Christopher Nolan: The Odyssey. Ich würde sagen, es ist keine "Neuverfilmung", sondern ein eigens geschaffener neuer Film. Diese Odyssey ist lang (haha), aber kurzweilig und meine dürftige Kenntnis der Materie (Studium ist lange her und die Kinderbücher dazu nur bedingt quellentreu) lies mich so das eine oder andere wiedererkennend mitschwimmen. Ich ahnte nicht, welcher politische Sprengstoff sich da unter der filmischen Oberfläche verbarg.
| Trojanisches Vasenbild (ca. 550 - 570 v. Chr., 1869 in Cervetri in Italien gefunden) aus: Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen Archäologischen Instituts (Band 7, 1892, gemeinfrei) |
Am Ende dachte ich, ja – toller Film und ging nach Hause. Zunehmend hörte ich dann, wie die Rechte in den USA darüber herzogen. Nolan pisse auf Homers Grab (Elon Musk) und ähnlicher Quatsch. Was hatte ich verpasst? Klar, eine fast religiöse Gastfreundschaft wird in dem Film als "Gesetz des Zeus" immer wieder hochgehalten, aber deshalb so ein kultureller Aufschrei der Rechten? Wieso soll das eine Herabwürdigung Homers sein? Das machte mich neugierig und ich fing an zu suchen...
Nolans Trick und die Tricksters
Ich fand Ezra Klein, derzeit Journalist bei der New York Times. In seiner Podcast-Folge Christopher Nolan's Finest Trick findet auch er, dass Nolans Odyssey keine Neuverfilmung sei, sondern eine moralische Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart, insbesondere mit dem Aufstieg einer politischen Kultur der Macht, Grausamkeit und Regelverletzung. Eine Gesellschaft, so argumentiert Klein mit Blick auf die USA und die Antike, kann durch Tabubruch und Regelverletzung notwendige Erneuerung erfahren. Wenn aber die zerstörerischen Kräfte überkommener Regeln und Tabus die moralische Grundlage der Gesellschaft selbst angreift, dann braucht es nicht noch mehr Chaos, sondern eine Rückkehr zu universellen Prinzipien von Gegenseitigkeit, Mitgefühl und menschlicher Würde. Und eben das sei die Pointe Odysseus in Nolans Film.
Ein zentrales Motiv ist dabei die ambivalente Figur des Tricksters. Odysseus ist in Homers Epos ein Meister der Täuschung, voller Widersprüche und Ambivalenzen. Klein greift dazu Lewis Hydes Interpretation des Tricksters in Trickster makes this World auf: Trickster-Figuren wie Loki, Hermes oder Odysseus brechen Regeln, bringen Unordnung in bestehende Ordnungen und machen Verdrängtes sichtbar. Das kann eine Gesellschaft erneuern oder auch zerstören.
Man kann dieses Muster natürlich wunderbar auf die heutige internationale Rechte übertragen. Sie sind politische Trickster: Sie gewinnen Macht, indem sie Tabus brechen, Konventionen missachten, und Dinge sagen oder tun, die zuvor als unzulässig galten. Das Problem sei aber, so Klein, dass der Westen und die USA mittlerweile nicht mehr an zu viel Ordnung und Tabus litten. Die traditionelle moralische Ordnung ist ja nicht nur liberalisiert, sondern vielmehr bereits massiv beschädigt. Deshalb stelle sich heute die Frage, ob die von den rechten Trickstern angerichtete Unordnung zu Erneuerung oder zum Untergang führe.
Nolans Trick ist nun in diesem Zusammenhang die Erfindung eines moralischen Prinzips, das im Film als "Gesetz des Zeus" erscheint: Man soll den Fremden und Bettler so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Historisch ist das nicht eigentlich das Gesetz des Zeus gewesen. Das antike Gebot bezog sich vielmehr auf Gastfreundschaft gegenüber Fremden und war keine allgemeine moralische Regel, wie andere zu behandeln seien. Wie vielem in der Antike lag dem Gastfreundschaftsgebot die Angst vor den Göttern zugrunde, denn ein Fremder kann immer auch ein Gott in Verkleidung sein.
Homer damals und Odysseus heute
Der Regisseur Nolan macht also aus Zeus' Regel bewusst etwas anderes: eine Variante der Goldenen Regel der Moral. Ezra Klein sieht darin einen genialen Kunstgriff: Nolan schmuggelt eine jüdisch-christliche Moralvorstellung in die Welt der griechischen Mythologie. Er verweist auf die Goldene Regel Levitikus 19,18 ("Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.") in der Bibel. Also, richtig! Der Film ist hier der homerischen Vorlage nicht historisch treu, aber wird hier deshalb "auf Homers Grab gepisst"? Nein, denn Kultur entwickelt sich und natürlich leben wir heute (ein Glück) nicht mehr unter den z.T. spartanischen bis grausamen Vorstellungen und Gesetzen der Antike. Was brächte es kulturell, diesen Stoff als einen historischen Schinken einfach neu zu verfilmen und dabei Homer treu zu bleiben? Das wäre kulturell und künstlerisch höchst irrelevant.
Nolan macht mit und gegen Homer ein altes moralisches Prinzip für eine moderne politische Auseinandersetzung neu lesbar. Das geht den Trickstern, den Rechten, den christlich geprägten zumal, natürlich gegen den Strich, denn es erinnert sie an ihre eigenen kulturellen Wurzeln, auf die sie sich ja immer berufen, die sie dann aber selbst nicht leben. Nächstenliebe? Sie hassen doch "das Andere", das wissen wir! Sie lieben nur sich selbt.
Die Goldene Regel kontrastiert natürlich wunderbar mit einer rechten politischen Philosophie, die auf Stärke, Macht, Hierarchie und Dominanz setzt. Als exemplarisch kann man hier Trumps Sicherheitsberater Stephen Millers mit der Aussage zitieren, die reale Welt werde von Stärke und Macht beherrscht und nicht von internationalen Regeln. So klar kontrastiert, steht doch außer Frage, was wir wollen, oder? Eine heutige Gesellschaft begreifen wir als nur demonstrativ stark, wenn sie auf Grausamkeit und Dominanz setzt (siehe Putin, Trump etc.). Eigentliche und nachhaltige Stärke liegt in Menschlichkeit, gegenseitiger Rücksichtnahme und moralischer Begrenzung von Macht.
Odysseus als Held, als Barbar, als Trickster?
Homers Odysseus zerstört Troja durch eine List (den Trick mit dem Trojanischen Pferd) und wird dafür als Held gefeiert. Im neuen Kinofilm dagegen, sehen wir ihn mit moralischer Distanz: Odysseus muss für seine Taten Erlösung finden. Damit reflektiert der Film den historischen Wandel moralischer Maßstäbe. Zwischen Homers Welt und der Gegenwart liegen Menschenrechte und Regeln der Kriegsführung. Was in einer antiken Welt als heroische List gelten konnte, kann aus heutiger Perspektive als Kriegsverbrechen oder moralisches Versagen erscheinen.
Die moderne Rechte romantisiert eine ältere Welt von roher Stärke, Dominanz und Hierarchie. Deshalb auch die Faszination der Rechten für "Caesar", für das Römische Reich, bombastische Säulen und generell für antike Machtästhetik. Das ist irgendwie auch der Widerspruch zwischen dem eigentlichen Trickster und den heutigen Rechten: Was denn nun – Erneuerung heute oder Romantisierung des Alten? Entscheidet euch mal!
Im Film erkennt Odysseus, dass die Verletzung einer moralischen Ordnung nicht einfach Stärke erzeugt, sondern immer weitere Zerstörung hervorbringen kann. Troja ist zerstört, Agamemnon tot, Ithaka verwüstet und Odysseus selbst Teil der Barbarei geworden, die er zu bekämpfen glaubte. Das überträgt Ezra Klein auf die USA: Eine politische Bewegung, die angetreten sei, die westliche Zivilisation bzw. Amerika "great again" zu machen, drohe gerade das moralische Erbe dieser Zivilisation zu zerstören. Seine Gegenposition lautet daher: Grausamkeit ist keine Stärke. Eine stabile und anständige Gesellschaft brauche zwar Ordnung – aber Ordnung ohne Ethik und Anstand werde zu Autoritarismus.
Dauerhafte gesellschaftliche Stärke kann nur aus Mitgefühl, Gegenseitigkeit und der Bereitschaft entstehen, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Davon scheinen wir uns im Moment auch dank all der rechten politischen Trickster eher zu entfernen, nachdem wir uns diesem Ideal Jahrhunderte lang angenähert haben.
Mit Bezug auf Lewis Hyde meint Ezra Klein, dass eine Trickster-Geschichte dann regenerativ endet, wenn getrennte Welten wieder miteinander verbunden werden können: Bereiche, die durch eine bestehende Ordnung voneinander geschieden sind, etwa das Erlaubte und das Verbotene, das Eigene und das Fremde, Zentrum und Rand, Ordnung und Chaos, Lebende und Tote, etablierte Gesellschaft und Außenseiter.
Wo diese Verbindung nicht gelingt, endet die Trickster-Geschichte in Zerstörung. Darin kann man nun die vielleicht dringlichste politische Aufgabe für die Gegenwart erkennen: Die alten moralischen Werte von Bibel, Tora und unsere auf Grundregeln abziehlenden Verfassungen müssten nicht als konservative Bewahrung des Status quo verstanden werden, sondern könnten erneut als Instrumente für gesellschaftlichen Fortschritt dienen. Das Alte und das Neue können sich verbinden.
Nolans Odysseus ist selbst kein Trickster. Er ist ein Mensch, der in den Ruinen lebt, die die Trickster hinterlassen haben. Die Zeit des Tricksters könnte gerade jetzt wieder einmal zu Ende gehen... Orban, Trump, Putin... da ended etwas. Was wir anschließend brauchen, sind nicht noch mehr Menschen (oder KI), die die bestehende Welt zerstören, sondern Menschen, die eine bessere Welt neu gestalten wollen, gern im Sinne der Nächstenliebe.
Das passt dazu:
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