Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

24. Juli 2016

Im Zeitalter der Kuscheltiere

Unsere neu entdeckte Liebe zur Kreatur

Als frisch gebackenem Vater fallen mir tagtäglich Dinge auf, die zu einem ansonsten unhinterfragten Alltag der meisten Menschen hier in Westeuropa gehören dürften, wie zum Beispiel all die Tiere in den Bilderbüchern, in den Kinderliedern, überall als Aufdrucke auf den Kinderkleidern und als Kuscheltiere in den Kinderzimmern.

Kinderzimmer: Eine Welt der versöhnten Kreaturen

Wir bekommen zur Zeit so viele praktische und unpraktische Dinge von Freunden und Familienmitgliedern geschenkt und beinahe jeder dieser Gegenstände kommt selbst als Tier daher (die erste Sparbüchse für M. in Form eines Frosches, die Moby-Dick-Spieluhr und all die Kuscheltiere) oder ist mit Aufdrucken von Tieren versehen, wie jedes einzelne Kleidungsstück, das wir M. im Moment anlegen. Tiere überall. Auch vor dem Hintergrund, dass es dem kleinen M. scheißegal ist (nach drei Wochen auf dieser Welt hat er noch kein Konzept von Tieren oder gar Tierrepräsentationen), frage ich mich, was all die Tiere bedeuten?

17. Juli 2016

Die Zeit kommt aus der Zukunft

Gespräche zum Akzelerationismus und zum Augenblick

"Wer es rundweg ablehnt zu spekulieren, 
liefert sich dem Gegebenen aus. Der spekulative
Realismus entdeckt neue Möglichkeiten, indem
er eine neue Zeit denkt." (Armen Avanessian)

Ein gutes philosophisches Gespräch zeichnet sich dadurch aus, dass der Zuhörer hin und her gerissen ist und nicht weiß, wem er Recht geben soll. Solch ein Gespräch findet sich im aktuellen Philosophie Magazin zwischen dem "Resonanztheoretiker" Hartmut Rosa und dem "Akzelerationisten" Armen Avanessian. Schon die beiden Begriffe Resonanz und Akzeleration (Beschleunigung) scheinen miteinader in Feindschaft zu stehen: Der erste Begriff zielt auf ein "orphisches" Weltverhältnis des "Hörens und Antwortens" ab (und was könnte daran falsch sein?!) und der andere Begriff zielt auf die "prometheische" Machbarkeit durch Technik und eine Verfügbarkeit über die Zukunft. Schließt sich das gegenseitig aus? Meine Oma hätte gesagt: Alles zu seiner Zeit!

Armen Avanessian und Svenja Flaßpöhler im Gespräch (Foto: Gilbert Dietrich)

Apropos Zeit: Wo kommt die Zeit her? Läuft sie aus der Vergangenheit durch uns in die Zukunft? Diese Frage stellte Avanessian heute beim Sonntags-Talk der School of Life in Berlin und beantwortete sie gleich: Die Zeit komme aus der Zukunft auf uns zu und fließe in die Vergangenheit ab. Wenn wir zurück in die Geschichte blicken, dann können wir sehen, wie sich die alte Zeit dort sammle. Was aber heißt das für unser Handeln? Vor allem, dass wir es an der Zukunft ausrichten müssen, denn die Vergangenheit kann uns kaum die Antworten geben, die den heutigen Anforderungen ans Morgen genügen. Und das ist der Grund, warum Avanessian den Trend so stark angeht, den er Achtsamkeitsfanatismus nennt. Während wir meditieren oder Achtsamkeit üben, wird über uns weiter verfügt, sagt Avanessian auf dem Podium. Oder im Philosophie Magazin:

14. Juli 2016

Der Fremdenhass in dir und mir

Es kostet viel Energie, die anderen zu ertragen

Ich lebe am Rande der Großstadt Berlin, da wo es ein bisschen grün ist und wo man mit Fahrrad und Auto eigentlich alles ganz gut erreichen kann. Ich gebe es zu: Ich entziehe mich dem Personennahverkehr gern und ziehe den Individualverkehr vor. Zur Not fahre ich auch weite Strecken im Winter mit dem Fahrrad und freue mich über jeden Grund, der das eigentlich unentschuldbare Autofahren irgendwie zu legitimieren scheint. Heute jedoch fuhr ich wieder einmal S- und U-Bahn. Ich musste zum Standesamt, die Geburtsurkunde unseres Sohnes holen und ich dachte, das ist doch auch mal schön: in der Bahn sitzen, was lesen und ganz entspannt ankommen, ohne Stau oder gefährliche Ausweichmanöver auf dem Rad.

Was mir zuerst auffiel: Berlin ist voll geworden. Und was mir dann auffiel: Viele Leute, die es sich leisten können, machen es wie ich und verzichten auf den Personennahverkehr. Mit anderen Worten, es kommt (vor allem auf bestimmten Linien) zu einer mobilen Ghettoisierung in den Bussen und Bahnen. Man sieht die Alten und die Kranken, die Armen und die Obdachlosen und die einzelnen Mütter mit Kinderwagen, die Grüppchen Halbstarker. Überall wird gelärmt, gebettelt, rumgemotzt. Es stinkt nach Schweiß, Bier und alten ungewaschenen Haaren. Was im Image-Film der BVG ganz lustig daherkommt, ist im Alltag mitunter nur schwierig zu ertragen.


Vielleicht doch nicht ganz egal!

8. Juli 2016

Freitickets: Augenblick verweile... mit Armen Avanessian

Verlosung von Geist und Gegenwart und The School of Life Berlin

Du bist am Sonntag, 17. Juli 2016 in Berlin und möchtest dem philosophischen Gespräch "Augenblick verweile - Über Gegenwartsfixierung und Zukunftsverschlossenheit" beiwohnen? Dann fülle das Formular hier aus:


7. Juli 2016

Mit Beschleunigung zum Postkapitalismus

Die Akzelerationisten und ihre gesellschaftliche Utopie

Die Zukunft muss noch einmal aufgeknackt werden 
– und unsere Horizonte werden frei für die 
unbegrenzten Möglichkeiten des Außen.

Aus der Philosophie des Spekulativen Realismus, die hier schon des Öfteren thematisiert wurde, entsteht gerade die postkapitalistische Utopie der Akzelerationisten: Den Kapitalismus mit Mitteln des Kapitalismus stürzen. Von Bruno Latour haben sie gelernt, dass die Technik und das Soziale untrennbar miteinander verbunden sind und dass jede Veränderung auf einer Seite die Veränderungen auf der anderen verstärken.

Helmut Georg, Pipelines 1978-79 (Quelle: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Die Akzelerationisten meinen, dass es zu ihrem globalisierten Postkapitalismus, der aus einer intellektueller Infrastruktur, den Medien in öffentlicher Kontrolle und politischen Zusammenschlüssen aus Mehrheitsinteressen zu erarbeiten wäre, nur eine Alternative gäbe: "eine allmähliche Fragmentierung hin zum Primitivismus, zur permanenten Krise und zum weltweiten ökologischen Zusammenbruch." Dass ihnen die global beobachtbaren Symptome von Brexit über Finanzkrise, Donald Trump und ökonomischen und ökologischen Dauerkrisen eine belastbare Argumentationshilfe bieten, kann man wohl nicht bestreiten. "Am bedeutendsten ist der Zusammenbruch des Weltklimas," sagen die Akzelerationisten und schauen unter dem Stichwort Anthropozän schon einmal von einem Zeitpunkt auf uns zurück, zu dem es gar keine Menschen mehr gibt.