Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

16. September 2017

Arbeit und das Recht auf die eigene Persönlichkeit

Zur Insel-Sensibilität für das Thema Introversion

Gestern erschien in der Zeitung Die Welt der Artikel So starten introvertierte Mitarbeiter im Job richtig durch, für den man mich interviewt hatte. Leider war die Zeitung weder in der Lage, mir ein Belegexemplar zur Verfügung zu stellen, noch mir wenigstens rechtszeitig ein PDF zuzusenden. Meinen Versuch, ein Online-Abo abzuschließen habe ich an dem Punkt abgebrochen, als ich las, dass ich einen Brief schreiben und in die Post geben muss, um das Abo wieder zu kündigen. Einen Vertrag online abschließen, den man nur offline kündigen kann? Das ist "Digitalisierung made in Germany" und absolut unseriös. Die Logik ist durchsichtig: Einen Brief zu schreiben, bedeutet eine größere Hürde, als im Online-Konto das Abo zu kündigen. Man rechnet einfach damit, dass Abonnenten den Aufwand scheuen und so wider Willen zahlende Kunden bleiben.

Der vielleicht schönste Arbeitsplatz für Intorvertierte (Swativ28 - CC BY-SA 4.0)

Aber kommen wir zurück zum Thema Introversion und Arbeit. Der Artikel zitiert mich natürlich nur in einigen ausgewählten Sätzen und kann dem Thema aus meiner Perspektive nicht ganz gerecht werden. Da unterliegt jeder Journalismus der Tagespresse ganz verständlichen Beschränkungen wie Kürze und Lesbarkeit für ein breites Publikum. Deshalb könnt ihr hier meine ungekürzten Antworten zu den Interviewfragen lesen, wenn ihr möchtet.

9. September 2017

Die vergnügliche Verzweiflung am Sein

Vom Elend des Menschseins auf dem asketischen Stern

»Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben«. (Silenos auf die Frage des Midas, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. In: Die Geburt der Tragödie, Friedrich Nietzsche, 1873)

Papst Innocent III, geboren als Lotario dei Conti di Segni (Fresko im Kloster San Benedetto um 1219)

Wir hören erst auf zu sterben, wenn wir aufhören zu leben. Das ist in etwa die Erkenntnis des Lotario de Segni in seiner Schrift "De miseria humanae conditionis", die er im 12. Jahrhundert verfasste, noch bevor er 1198 zum Papst Innocent III. berufen wurde. Diese Schrift war in den folgenden Jahrhunderten eine der populärsten und am meisten (noch vor dem Buchdruck) vervielfältigten Abhandlungen über das menschliche Dasein. Was war das für eine Zeit, als man sich in der sich selbst zugeschriebenen Unwürdigkeit suhlte? Vielleicht wäre unsere Geistesgeschichte eine andere, eine positivere geworden, wenn Lotario nicht Papst geworden wäre, sondern statt dessen die Zeit gefunden hätte, die geplante Gegenschrift von der Würde des Menschen zu verfassen. Das ist aber nie geschehen. So wurde diese pessimistische Schrift zu einer Grundlage unserer Weltverachtung wie wir sie seither von Luther über Schopenhauer bis Cioran kennen.

2. September 2017

Zeit, Schönheit und Leben

Ein Artikel von Thomas Marti

Unser Alltag ist voll von Zeitphänomenen, die unser Leben mehr oder minder beeinflussen: Langeweile, Öffnungszeiten, Jet-Lag, Rentenalter, Stress, Weihnachten, der Termin beim Zahnarzt usw. Unendlich viele Zeiten, alle mit ihren eigenen Rhythmen, Symbolen und Konnotationen durchdringen unser Leben. Wir können sogar gleichzeitig in verschiedenen Zeiten sein: Ich kann z.B. innerhalb von drei Minuten, in denen ich nach dem Bus rennen muss, der um 8 Uhr 12 fährt und den ich kriegen muss, um pünktlich zu erscheinen spüren, wie mein Pulsschlag immer schneller zu klopfen anfängt, mir die Passanten etwas verwundert nachsehen und mir einige Ideen für das gemeinsame Nachtessen heute Abend durch den Kopf jagen. Zeit ist ein explizit soziales Phänomen: Zeit wird sozial konstruiert, kommuniziert und wie nur in einem sozialen Kontext relevant. Jede Zeitlichkeit und jegliche zeitliche Ordnung und Struktur sind Konstruktionen von Beobachtern und nicht das Wesen von Objekten und damit schliesslich soziale Zeit.

Tägliche soziale Zeiterlebnisse: gehen, stehen, fahren.

23. August 2017

Warum wir nur in der Beziehung zu anderen existieren

Freiheit und Zivilisation sind kein Widerspruch

In den Kommentaren des Anfang August erschienenen Artikels Ist der Mensch von Natur aus gut oder böse? wurde ich auf meine zugegeben auf den ersten Blick steile These angesprochen, dass es uns nur in Relation zu anderen Menschen geben könne:

"Bist Du echt der Meinung, dass es Dich nur im Außen und in Relation zu anderen Menschen gibt? Das ist eigentlich eine sehr archaische Denkweise. Die schlimmste Strafe für den Urmenschen bestand anscheinend darin, von den Stammesmitgliedern fortan ignoriert zu werden."

Ich will auf die Frage in einem eigenen kurzen Artikel eingehen, weil es eine sehr wichtige Frage ist und weil die die Frage begleitenden Sätze bereits interessante Einblicke in eine mögliche Anwort geben. Dem Hinweis auf die Archaik dieses Denkens und die schlimmste Strafe, die einem Urmenschen widerfahren konnte, kann ich nur Recht geben. Ich meine, dass es unstrittig ist, dass wir diese archaischen Ängste nie losgeworden sind. Noch heute gehört es zu den größten Ängsten vieler Menschen, richtig allein zu sein. Es ist gewissermaßen die Mutter aller Ängste, "dass man trotz – beinahe wegen – der vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen fundamental allein ist".

Ausschnitt aus Carl Blechen - Landschaft mit Eremit (ca.1822)

19. August 2017

Schönheit und Arbeit

Fantasie ist der größte Freund der Möglichkeit

Der irische Dichter und Philosoph John O'Donohue sagte kurz vor seinem Tod im Jahr 2008, dass die sichtbare Landschaft gleichtzeitig ein Tor zum Unsichtbaren sei. Deshalb war die Schönheit der Landschaft für ihn so wichtig, weil sie ein Tor zur Schönheit in uns ist, zu einer Vorstellungskraft, einer Fantasie, die Gutes schaffen kann. Im Altgriechischen, so O'Donohue weiter, stehe das Wort für Schönheit in enger Verwandtschaft mit dem Wort "Ruf" im Sinne einer Aufforderung: Schönheit ruft uns dazu auf, Gutes zu tun.

Surreal, schön: The Burren (Foto vom Autor, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Als Philosoph kann man nicht die Augen davor verschließen, dass wir rund ein Drittel unseres erwachsenen Lebens mit Arbeit verbingen. Warum sollten dieses Drittel weniger schön sein, als unsere anderen Erlebnisse? Gleichzeitig assoziieren wir Begriffe wie Schönheit und Fantasie nur in einigen beruflichen Nischen wie Kunstrestaurateur oder Ausstellungskurator mit unserer Arbeit. Die Vorstellungskraft auf der Arbeit ist oft eine sehr praktische Vorstellungskraft, auf Prozesse und Effizienz gerichtet. Das ist auch nicht verkehrt, aber es ist eben nur ein kleiner Teil dessen, zu dem wir fähig sind. Vorstellungskraft und Fantasie lassen wir ja nicht zu Hause, wenn wir zur Arbeit gehen. Wir haben sie immer bei uns, aber wir können nicht immer ganz leicht einen Zugang zu ihr herstellen. Wir brauchen günstige Bedingungen, um das Gute in uns anzapfen zu können.

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