Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

18. Oktober 2014

Von freien Menschen und passiven Kunden

Was ist unser Selbstverständnis als souveräne Bürger?

Unser eigenes Verständnis von dem, was wir als Menschen sind und sein können, wird darüber mit entscheiden, wie unser Leben gelingt. Vom Erdulden der Umstände und Mitschwimmen im neusten Trend, wenn wir uns passiv verhalten bis hin zum Gestalten und Revolutionieren unseres Lebens, wenn wir es aktiv analysieren und führen. Natürlich sind wir alle mal passiv und mal aktiv, das ist ganz selbstverständlich. Passivität ist zur Orientierung wichtig, zum Auftanken und zum Genießen. Gefährlich wird es, wenn unser Selbstverständnis darauf eingeschränkt wird, dass wir als Menschen vom Konsum abgesehen eine lediglich passive Lebensform seien. Und ich meine, dass wir in einer Welt leben, die uns gern auf die Rolle als ein nur sehr eingeschränkt aktiver König-Kunde festlegt und ansonsten davon ausgeht, dass wir uns möglichst passiv verhalten.

Wo der Mensch heute noch frei sein kann (CC0)

9. Oktober 2014

Traurig sein macht glücklich

Das Leben ist okay, selbst wenn alles schief geht (Alain de Botton)


Sei positiv, Kopf hoch, lass dich nicht hängen! An sich glauben, sich permanent weiterentwickeln und bloß keine Rückschläge eingestehen, sondern immer nach vorn schauen und das beste draus machen. Das klingt doch nach uns, oder? Ich jedenfalls denke auch oft so und irgendwie hilft es mir ja auch durch die eine oder andere Krise. Im letzten Winter war ich in Südafrika und habe mir auf dem Flughafen ein Magazin mit dem Titel flow gekauft, um die Zeit zum Abflug zu überbrücken. Dieses Magazin sagt von sich selbst, voll von positiver Psychologie zu sein. Nicht wenig überrascht war ich also, als ich darin ein Interview mit dem Philosophen Alain de Botton fand, in dem er genau das Gegenteil zu dieser "Think Positive" Doktrin sagt: Gib dich deiner Negativität hin, das Leben ist nun mal wie es ist - gewöhnlich. Im Folgenden habe ich einen kurzen Auszug aus diesem in Englisch erschienen Interview übersetzt.

Traurig sein macht glücklich? Das klingt schräg!

Nur wenn du Trauer zulässt, verstehst du, dass sie ein Teil des Lebens ist. Ich mag beispielsweise die pessimistische Seite des Christentums sehr: Das Leben ist nicht perfekt, Menschen sündigen, sie scheitern und sind unvollständig. Inzwischen sind wir aber in einer Gesellschaft angekommen, die vom optimistischen Denken beherrscht wird. Wir sind ganz eingenommen von Jugend, Glück und Schönheit und das macht es uns so schwer, Scheitern, Schmerzen, Krankheit, Alter und Tod zu akzeptieren. All das stößt uns unweigerlich zu, jedoch werden wir im Umgang mit diesen Härten allein gelassen. Wir brauchen also mehr Platz im Leben für Trauer und Melancholie.


Das Leben ist nun mal wie es ist - gewöhnlich (Bild via CC gemeinfrei)

4. Oktober 2014

Weder war es noch wird es sein. Was ist es?

Präsenzbewusstsein und Dauer


"Wir erzeugen als Organismen, als Lebewesen ständig unsere eigene Zeit.
Atmend sind wir diese Zeit. Dies ist unsere elementare Weise zu sein."
(Gernot Böhme, Bewusstseinsformen, 172)


Unser Herz schlägt die Zeit. Wir atmen Dauer. Sesshū Tōyō, Japan, 1496 (gemeinfrei)

Was, wenn wir immer schneller atmen, wenn wir völlig außer Atem geraten? Das scheint mir heute immer häufiger der Fall zu sein. Wir verbringen unsere Zeit indem wir von einem Termin zum anderen rennen und auf der Arbeit messen wir die Zeit in Zielen und Milestones, von denen wir häufig mehrere parallel erreichen sollen. Was wir dafür immer weniger erleben, ist die Zeit als Dauer. Betrachten wir als Gegenentwurf das Bild oben, stellen wir uns vor, wir sind ein Teil dieses Bildes, vielleicht in den kleinen Figuren rechts. Stellt sich nicht ein großes Gefühl von Dauer ein? Aber die Zeit als Augenblick, der nicht verweilt, ist bereits in unserer abendländischen Philosophie angelegt, wie Gernot Böhme in seinem Buch Bewusstseinsformen. beschreibt:

28. September 2014

So viel Urlaub, wie du nur kannst

Von den Tücken zunehmender Freiheit bei der Arbeit

A: Wie fühlt es sich an, so frisch zurück aus dem Urlaub?
B: Komisch... Ich weiß nicht, was im Büro los ist, wichtige Projekte laufen ohne mich und alle Kollegen sind sauer, weil ich ihre E-Mails nicht beantwortet habe.
A: Klingt ja genau wie vor dem Urlaub!
B: Ja, nur dass ich jetzt weniger Urlaub habe.

Ein Witz aus alten Zeiten. Aber langsam nehmen wir Fahrt auf: Immer mehr internationale Firmen, aber auch kleinere Start-Ups und IT-Firmen in Deutschland gehen kulturell voran, demokratisieren ihre Betriebe und definieren nebenher den mündigen Mitarbeiter neu. Eine ganz frische Idee: Der Arbeitnehmer bestimmt selbst, wie viel Urlaub er machen möchte... beziehungsweise machen kann. Das wäre ein großer Schritt weg von der Bevormundung, die viele Arbeitgeber - selbst im Umfeld der Knowledge Work - heute noch für nötig halten.

Arbeit oder Urlaub? (Bild von David Reid via CC)

Wie ich immer wieder sage: Ich glaube prinzipiell daran, dass Menschen souverän und eigenverantwortlich handeln sollen. Leider konterkarieren viele Prozesse in den meisten Firmen das total. Anstatt die Mitarbeiter wie Erwachsene zu behandeln, werden sie kontrolliert, gegängelt und gemaßregelt. [...] Jeder kann ein Auto kaufen, Kinder erziehen und wählen gehen, aber niemandem trauen wir zu, eigenverantwortlich zu entscheiden, wann sie ihre Aufgaben erledigen können und wie viel Zeit sie dazu benötigen (siehe das Interview Philosophie und Führungsverantwortung, 29.06.2013).

19. September 2014

Mag ich, mag ich nicht - Freiheit trotz Facebook!

Wie unfrei und unglücklich macht uns das soziale Netzwerk?

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Facebook. Ich mag es, um dort Neues und Links zu interessanten Artikeln zu entdecken (obwohl sich Twitter und Google Plus viel besser dazu eignen) und ich mag es um selbst Neues aus meinem Blog zu posten. Für Geist und Gegenwart nutze ich Facebook sehr aktiv, mein privates Konto habe ich allerdings stillgelegt. Privat mag ich Facebook gar nicht. Warum? Ein Aha-Moment war für mich, als ich eines Tages auf das Profil einer ehemaligen Kollegin stieß. Ich sah mir an, was sie in den letzten Wochen dort hinterlassen hatte und es war alles toll, bunt und gute Laune. Man sah sie beim Ski-Fahren, in Restaurants, mit Freundinnen, Babys und Katzen und man musste den Eindruck haben, sie habe das beste Leben, das man sich vorstellen kann. Auf der anderen Seite kenne ich ihr "wahres" Leben und weiß, dass es schwierig ist, so wie das Leben der meisten Menschen. Dieses Schwierige hat aber auf Facebook keinen Platz. Ist ja auch klar, man will schließlich Positives zeigen, Urlaubsbilder und so weiter. Was aber macht das mit jemandem, der sich das anschaut? Ich sehe die ganzen Profile von Bekannten, die alle ein sorgenfreies Leben voller Spaß und Freude spiegeln und im Vergleich dazu sieht mein Leben mit Stress auf der Arbeit, mit Problemen in der Beziehung, vielleicht Krankheit und materiellem Verzicht ganz mies aus.