Geist und Gegenwart

Philosophische Praxis
Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

23. April 2014

Der finstere Berg

Trauer um die Schönheit der Natur

Wir kennen die Phasen der Trauer, die solche Patienten durchmachen, deren Krankheit unausweichlich zum Tode führt: Wut, Leugnen, Feilschen, Depression und schließlich Akzeptanz. In der Phase der Akzeptanz tritt man einen Schritt zurück und überlegt sich, wie man die Zeit, die einem noch bleibt, verbringen möchte und wie man sie mit etwas Würde durchstehen kann. Ich stelle mir diese Fragen inzwischen auch öfter...

From the Shank Of Drumfallow (Quelle: Stuart Anthony via Flickr  CC BY-NC 2.0)

Die Menschheit ist in einer ähnlichen Situation wie ein Todkranker: Uns wird zunehmend klar, dass unsere Existenz als Menschheit auf diesem Planeten zu einem Ende kommt. Wir sind sieben Milliarden Menschen, die der Planet nicht mehr erträgt und wir werden noch mindestens zwei Milliarden mehr werden. Die Erde wird zunehmend wärmer, ohne dass wir unseren Kohlendioxidausstoß reduzieren können. Die Eismasse der Arktis schrumpft zusehends. Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten beschleunigt sich trotz WWF und Greenpaece. Unsere erste Reaktion, als wir mit dem Waldsterben und dem Waleschlachten konfrontiert wurden, war Wut. Ich denke, dass wir völlig zu Recht wütend waren und dass es vielleicht sogar das authentischste Gefühl war, dass wir haben konnten. Wir protestierten, militante Öko-Gruppen bildeten sich und wir hoben damit die ökologischen Probleme zum ersten Mal auf die politische Agenda. Bis heute gibt es auch Gruppen, die eine bevorstehende ökologische Katastrophe leugnen. Aber viel größer ist die Gruppe der Leute, die begonnen haben, zu feilschen: Man könnte das Fortschrittsoptimismus nennen. Ich selbst habe lange geglaubt, dass wir durch technischen Fortschritt wie Solarzellen und Windkraft den ökologischen Raubbau kompensieren können. Mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Nicht, weil es prinzipiell unmöglich wäre, sondern weil die Schäden so massiv sind, dass jedes politisch vertretbare Gegensteuern lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet.

12. April 2014

Unser Ich-Gefühl ist im Grunde ein Scherz

Das Ich als Hautsack und das Tabu der Selbsterkenntnis

Dem britischen Philosophen Alan Watts, der 1973 mit nur 58 Jahren in seiner abgeschiedenen Hütte in Kalifornien starb, verdanken wir einige obskure Gedanken, die man im akademischen Kontext kaum unter Philosophie einordnen würde. Dazu gleich mehr. Der Westen verdankt ihm außerdem den Modebuddhismus, der sich ausbreitet, wie Mumps im Kindergarten. Alan Watts selbst, der allerlei Religionen und Drogen in seinem Leben ausprobiert hat, war da weitaus skeptischer als seine Anhänger und lebte nach der Regel: "Wenn du die Nachricht verstanden hast, dann leg den Hörer auf." Obwohl er zeitweise sogar als christlicher Priester wirkte, distanzierte er sich von jeglicher Religion bald vollständig. Das große Thema, das ihn umtrieb, war die Frage nach der Identität, nach dem Ich und seiner Einbettung im Universum. Hier kam er mithilfe östlicher Philosophie zu sehr originellen Ideen, die zudem eine unheimliche praktische Relevanz haben: An unserer Angst, unserem Leid, der Entfremdung in der Natur und dem fehlenden Lebensglück ist ein Irrtum schuld - die Illusion des Ichs als Individuum. Unten habe ich einige Passagen aus Watts Buch On the Taboo Against Knowing Who You Are ins Deutsche übertragen. Beim Verständnis hat mir der Artikel The Ego and the Universe: Alan Watts on Becoming Who You Really Are von brain pickings geholfen, den ich ebenso unten zitiere. Und nun Alan Watts und wie man wird, wer man wirklich ist...

Alan Watts 1971 im Interview zur Frage, was schief läuft (in Englisch)

9. April 2014

Die horizontalen Linien des Glücks

Agnes Martin über Einsamkeit, Stolz und die Freiheit des Geistes

Die Malerin Agnes Martin, 1912 in Kanada geboren und 2004 in New Mexiko gestorben, war eine Zurückgezogene, deren minimalistische Kunst auf die elementaren Grundmuster unserer Existenz zu verweisen scheint. Aus der lebhaften Szene in New York zog die Künstlerin des abstrakten Expressionismus in die leere Wüste im Südwesten der Vereinigten Staaten. "Die besten Dinge im Leben", so ihre Auffassung, "passieren, wenn du allein bist."

Chuck Close
Agnes (Martin) von Chuck Close, 1998. (Quelle: CC Rocor via Flickr)

5. April 2014

Warum schlechte Träume gute Träume sind

Bewusstseinszustände zwischen Mentalhygiene und Therapie

Der britische Psychologe Richard Wiseman stellt in der philosophischen School of Life die Frage, ob unsere Träume therapeutisch wirken können oder was der Sinn dahinter ist, dass sie uns allnächtlich mit negativen Gefühlen belästigen. Im Folgenden habe ich Wisemans Gedanken ins Deutsche übertragen, um dann am Ende des Artikels weiterführende Gedanken an therapeutische oder zumindest mentalhygienische Beschäftigungen anzuschließen.


Home Sweet Home 33
Hallo mein Kind, lass uns ein Spiel spielen! (Quelle: Leonardo Ho via Flickr)

Egal, was in unserem Alltag um uns herum passiert, ungefähr 80% unserer Träume werden von negativen Gefühlen begleitet. Die Mordrate in unseren Träumen ist sicher höher, als die jeder Stadt dieser Erde und unsere häufigsten Träume handeln von Angst, Stress und Furcht. In unseren Träumen fallen wir durch Prüfungen, werden Straßen entlang gejagt, stürzen in tiefe Abgründe, verpassen Züge, finden uns plötzlich nackt in der Öffentlichkeit wieder und kämpfen gegen Zombies. Unser Land der Träume ist eine Brutstätte des Bösen, des Verstörenden und Negativen.

27. März 2014

Philosophie als Lebenskunst

Ein Leben führen, als wäre es für immer


Michael Hampe
Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Michael Hampe - beide selbst Akademiker - sind sich sicher, dass die akademische Philosophie ihre Relevanz für die Gesellschaft aufgegeben hat. Auf der anderen Seite boomen philosophische Angebote in Form von Zeitschriften wie der Hohen Luft oder dem Philosophie Magazin, als Blogs im Internet und als beratende Philosophische Praxen für alle Lebensfragen. Es stellt sich die Frage, was die Philosophie uns in der Praxis bieten kann? Ist sie nur formale Gedankenakrobatik auf der Suche nach den Grundlagen des Wissens überhaupt oder findet sie zurück in die lebensrelevante Bedeutsamkeit für uns Menschen, in der sie ihre antiken Wurzeln hat? Im Moment muss man die oben geschilderte Spaltung konstatieren. Und es ist ja immerhin etwas, dass wir auf der Suche nach dem Sinnhaften in unseren Existenzen auch die Philosophie jenseits der Akademik wiederbeleben. Noch schöner wäre es, wenn auch die akademische Philosophie wie bei Hampe und Sloterdijk den Weg in die gesellschaftliche und individuelle Relevanz fände. Wie kann die Bedeutung der Philosophie für unser Leben ganz praktisch aussehen?

Philosophie zerstört den Glauben an die Autorität der anderen

Michael Hampe spricht im Philosophie Magazin von einer nichtdoktrinären Philosophie, die es uns ermöglicht, Sinnangebote der Gesellschaft infrage zu stellen. Ganz grundlegend geht es erst einmal um eine Operation der Bewusstwerdung, die allem Nachdenken eigen ist:

"Alle Reflexionsprozesse, ob naturwissenschaftlich, künstlerisch oder philosophisch, sind Prozesse der Bewusstwerdung. [...] In allen drei Beispielen geht es um Distanzierungsvorgänge zur Steigerung von Selbstbestimmung. Reflexion schafft Distanz und damit Freiräume. Man kann sich fragen: Möchte ich, dass die Vorgänge so weitergehen oder nicht?" (S. 60)*

Nichtdoktrinär kann die Philosophie deswegen sein, weil sie anders als die Sinnangebote aus den Religionen, aus der Esoterik, der Politik oder der konsumistischen Glücksversprechen unserer Werbung, zuallererst ein Hinterfragen ist. Dahinter steht der sokratische Gedanke, dass man sich eben nicht vorschreiben lässt, wie man sein Leben zu gestalten hat, sondern dass man ein glückliches Leben in der Selbstbestimmung findet, zu der man nur durch das Infragestellen aller Sinnangebote der Gesellschaft kommt.

Sokrates eröffnete Spielräume, über die Welt zu sprechen und damit Freiheit in ihr (Quelle: Wikipedia)

Das heißt natürlich auch, dass man sich von philosophischen Zeitschriften, Blogs oder Praxen keine unmittelbaren Antworten auf die Frage "Wie soll ich leben?" erhoffen kann. Vielmehr können sie Wege vermitteln, die eigenen Antworten auf diese Frage zu formulieren. Hampe meint, dass wir viel zu oft auf irgendwelche Experten vertrauen und uns damit abgewöhnen, selbst nachzudenken. Hier kann die Philosophie helfen, indem sie erst einmal zerstört: den Glauben an die Autorität der anderen.