Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

9. Dezember 2016

Am Anfang war das Wort

Die Bibel – zur Sonderausgabe des Philosophie Magazins

Die abendländische Philosophie, so Susan Neiman, bei der ich in Berlin ein Semester zu Moral und Literatur studiert habe, sei ohne die Bibel nicht zu denken. In unserer Geschichte sei Philosophie die längste Zeit eng an Theologie gekoppelt gewesen und viele der philosophischen Grundfragen kämen aus der Bibel, wie z.B. die nach dem Bösen, nach dem Guten, die nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft oder ob Gehorsam vor der eigenen Moral kommt oder umgekehrt. Das Philosophie Magazin stellt mit seiner aktuellen Sonderausgabe die Frage, ob die Bibel auch für die heutige Philosophie noch relevant sei.

"Ja, unbedingt! Nicht zuletzt deshalb, weil es doch auch darum gehen muss, den Graben zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen zu überwinden. Wir können, gerade angesichts der Entwicklungen der letzten 25 Jahre, nicht mehr davon ausgehen, dass Religionen einfach aussterben, dass sie im besten Fall unvernünftig, im schlimmsten Fall gefährlich sind … Ein in dieser Weise radikal säkulares Denken ist nicht klug. Da ist etwas, das wird auf absehbare Zeit Teil unserer Kultur bleiben, und damit müssen wir uns auseinandersetzen." (Susan Neiman, Philosophie Magazin, Sonderausgabe 07, S. 7)


Sonderausgabe 07 des Philosophie Magazins

3. Dezember 2016

Freiheit und Naturzustand

Die paradoxen Effekte gesellschaftlicher Institutionen

"So werden wenigstens die Menschen von ihren eigenen Schöpfungen
verbrannt und konsumiert und nicht von der rohen Natur, wie Tiere.
Die Institutionen sind die großen bewahrenden und verzehrenden, uns
weit überdauernden Ordnungen und Verhängnisse, in die die Menschen
sich sehenden Auges hineinbegeben, mit einer für den, der wagt, vielleicht
höheren Art von Freiheit als der, die in ›Selbstbetätigung‹ bestünde."
(Arnold Gehlen, Die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung)

Ich las gerade einen interessanten Text vom Fingerphilosoph, in dem es unter anderem darum geht, wie Freiheit erlebt wird. Dieser Text hat mich ins Überlegen gebracht. Warum erleben wir uns so oft als unfrei? Wenn wir an Freiheit denken, dann sind wir intuitiv geneigt zu meinen, Freiheit sei Freiheit von Zwängen: Frei bin ich, wenn ich tun und lassen kann, was ich will und die ultimative Freiheit zeigt sich vielleicht in so einer Art Naturzustand, wo es keine Regeln und Vorschriften, keine Bürokratie und Polizei, ja vielleicht sogar nicht einmal Menschen gibt. Ich will hier zeigen, warum das ein Missverständnis ist und dass es sich vielmehr genau anders herum verhält. Und ich meine, dass wir mit aufgeklärterem Verständnis vielleicht auch einen besseren Zugang zu den Schwierigkeiten im politischen und gesellschaftlichen Zusammenleben finden können.

Wo gibt es Freiheit? Vielleicht in einem Naturzustand?  (A.Ostrovsky: Kangchenjunga, Himalayas)

26. November 2016

Familie – der letzte Schutzraum des Individuums

Das Philosophie Magazin fragt: Zuflucht oder Zumutung?

Cover Philosophie Magazin
Philosophie Magazin Nr. 01 / 2017
Familie? Ich würde mal sagen, ich habe Glück gehabt. Denn niemand kann sich die Umstände aussuchen, in die er geboren wird. Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an das immer wiederkehrende und furchtbare Gefühl des Verlorenseins, als ich als Kind den Institutionen übergeben wurde. Egal ob Kindergarten, Schule, Ferien- oder Trainingslager – ich wäre lieber im Schoße der Kleinfamilie geblieben. Ich schrieb verzweifelte Briefe voller Heimweh aus den Ferienlagern an meine Eltern. Ich bat sie dringend, mich abzuholen und wenn irgendwo in der Nähe ein Hubschrauber vorbei flog, gab ich mich der Fantasie hin, dass er im Hof landen würde und meine Mutter ausstiege, um mich abzuholen. Ich weinte bitterlich. Familie war für mich immer Zuflucht, immer Geborgenheit und Schutz vor dem Chaos da draußen. Jetzt, da ich selber eine Familie "gegründet" habe, kommen diese Gefühle manchmal zurück und ich würde lieber gern bei Frau und Kind bleiben, anstatt raus zu gehen und mich dem Kampf um den Radweg oder den Parkplatz, dem Wettbewerb um Anerkennung und der Willkür im Verhalten anderer Menschen auszusetzen. Aber natürlich kommt die Sehnsucht danach erst daher, dass es kein Dauerzustand ist. Wäre es einer, dann würde ich die Differenz vermissen und die Geborgenheit nicht fühlen.

19. November 2016

Wie gefährlich sind Trump und Konsorten?

Was ist Faschismus und ist er heute wieder möglich?

Ich wuchs in den 70er und 80er Jahren in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR auf. Es verging kein Tag, an dem wir nicht irgendwie in der Schule oder durch die Medien vom Kampf des Kommunismus gegen den Faschismus hörten. In den 90ern hatten wir dann in Berlin, nun die Hauptstadt des vereinigten Deutschlands, die sogenannten Faschos: gewalttätige Dummköpfe mit Glatzen und Baseballschlägern. Faschismus war für mich immer ein Wort des Verbrechens, der Grausamkeit und vor allem der Unmöglichkeit. Ausgeschlossen, dass der Faschismus in der Gegenwart oder Zukunft irgendwie gesellschaftlich wieder relevant werden könnte. Nun hat Jakob Augstein in einer Kolumne auf Spiegel.de im Zusammenhang mit Trump die Rückkehr des Faschismus in die Politik ausgerufen. Mein erster Gedanke und der von Freunden war: Trump ein Faschist? Das ist dann wohl doch etwas weit hergeholt.

Ein Präsident Trump ist nicht normal (Poster von Act now to stop war and racism, San Francisco)

18. November 2016

Die Bandbreite des Lebens wiederentdecken

Die wertvolle Nutzlosigkeit von Kunst und Literatur

Kunst kann uns stimmen.
Stellen Sie sich eine verstimmte Geige vor!
Sie zu stimmen, dass sie wieder in Harmonie ist,
das ist, was Kunst kann. (Michael Longley)

Unsere Leben sind oft hektisch und zerstreut, geprägt von profanen Sorgen um Arbeit, Beziehungen, Politik und das, was in der Zeitung steht. Nicht selten sind es aufgebauschte Kleinigkeiten, die uns sehr groß und bedrohlich erscheinen. Man könnte sagen, dass diese Form des Seins uns nur sehr einseitig fordert und uns und unsere Wahrnehmung damit zu verengen und zu verzerren droht. Das Leben ist doch größer als die immer währenden Besorgungen des Alltags. Da stimmen wir sicher alle zu. Und trotz dieses Wissens geht die Größe des Lebens oft verloren, sie entzieht sich immer mehr, wird unsichtbar und damit irgendwann auch unerreichbar. Was können wir tun, um uns die ganze Bandbreite des Lebens offen zu halten?