Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

24. Juni 2017

Wir müssen uns gegen Nietzsche verteidigen

Ein Philosoph für alle und keinen

Nietzsche der Musiker, der Atheist, der Religionsstifter, der Rauschhafte, der Nüchterne, der Pessimist, der Optimist, der Künstler, der Kranke mit der großen Gesundheit, der Moderne, der Antike, der Unmoralische mit dem hohen Anspruch an den Menschen, der Anti-Demokrat – bei Nietzsche findet jeder etwas und niemand wird so richtig glücklich mit ihm.

Das Philosophie Magazin hat Friedrich Nietzsche jetzt eine Sonderausgabe gewidmet, der es gelingt genau dieses philosophische Kaleidoskop, das Nietzsche ist, einmal festzuhalten und lesbar zu machen. Zu Wort kommen neben Nietzsche selbst so anerkannte Kenner seiner Philosophie und seiner Biographie wie Renate Reschke, Rüdiger Safranski, Annemarie Pieper, Andreas Urs Sommer, Kerstin Decker oder Volker Gerhardt. Ein kleines Highlight für mich persönlich ist der Auszug aus Thomas Manns "Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung" von 1947.


14. Juni 2017

Du willst dich selbst finden? Erfinde dich!

Warum du dein Selbst nicht tief in dir findest


"Niemand kann dir die Brücke bauen,
auf der gerade du über den Fluss des Lebens
schreiten musst, niemand ausser dir allein." 
(Friedrich Nietzsche)

Robert Pen Warren 1968
In unserer individualisierten Gesellschaft neigen wir dazu, unser "Selbst" in Abgrenzung zu den anderen sehr wichtig zu nehmen, of viel zu wichtig, wie man an politischen Strömungen rund um vermeintlich abgrenzbare Identitäten sehen kann. Gleichzeitig sind wir sehr unsicher darüber, was dieses Selbst sei und wir vermuten, dass es von gesellschaftlicher Einflussnahme und beengenden Institutionen verunreinigt wird. Fragen wie "Wer ist mein wahres Selbst?" oder "Wie kann ich authentisch leben?" treiben uns um und Ratgeber meinen, dass man sich nur selber finden müsste, um das persönliche Glück auf Erden zu finden. Der Poet Robert Penn Warren, politischer Aktivist und Autor von Gedichten, aber auch Büchern wie Democracy and Poetry hat bereits vor 40 Jahren darauf hingewiesen, dass das Selbst nichts ist, zu dem man abseits vom Alltag in einem Kloster finden kann oder in der Meditation:

"In den Worten [sich selbst finden] verbirgt sich die Idee einer bereits existierenden Entität, das Selbst wie eine platonische Idee, in einem mystischen Raum jenseits von Zeit und Wandel. [...] Das ist die essentielle Passivität, das Glück ohne eigenes Zutun. Und es ist ebenso eine absolute Absurdität, denn das 'Selbst' kann niemals gefunden, sondern muss aktiv geschaffen werden, es ist nicht der glückliche Zufall in Passivität, sondern das Produkt Tausender Handlungen, großer wie kleiner, bewusster und unbewusster und eben nicht im Rückzug von der Welt, sondern in ihrem Angesicht, im Guten wie im Schlechten, in der Arbeit und Muße eher als im Nichtstun." (Warren, Democracy and Poetry, S. 88 f., Übersetzung von mir)

1. Juni 2017

Ist die Liebe der Sinn des Lebens?

Alain Badiou über Liebe, Wahrheit und Abenteuer

Was ist die Liebe, fragt der französische Philosoph Alain Badiou und Autor des Buches Lob der Liebe im letzten Philosophie Magazin und gibt auch gleich folgende Antwort:

"Sie ist eine bestimmte Beziehung zum anderen, von Individuum zu Individuum, die impliziert, die Bedeutung des Lebens des anderen für mich anzuerkennen. [...] Die Liebe ist die intensivste Beziehung der Anerkennung und der Abhängigkeit vom anderen, die wir in unserer gewöhnlichen Existenz kennen." (Badiou, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 45.)

Alain Badiou mit Studenten in der École Normale Supérieure (Jean-François Gornet, CC BY-SA 2.0)

Liebe als Wahrheitsverfahren

So weit so nüchtern und diesseitig. Es ist unschwer zu erkennen, dass der marxistische Philosoph hier eine ganz atheistische Position der Liebe skizziert, denn viele Christen beispielsweise würden die intensivste Beziehung der Anerkennung und Abhängigkeit sicher nicht zwischen Individuum und Individuum verorten, siehe der diesjährige Slogan auf dem Kirchentag: "'Du siehst mich' ist ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt", so Ellen Ueberschär vom Kirchentag. Aus Badious Perspektive jedoch haben die Religionen die Liebe gewissermaßen pervertiert, indem sie die Liebe unter zwei Menschen umlenkten auf die Liebe zu nur dem einen ganz anderen, nicht menschlichen Objekt, dem man sich bloß und ohne jegliche Gleichberechtigung unterwirft. Insofern und auch in unserem individualistischen Zeitgeist ist die Liebe von zweien immer der Bedrohung des nur einen ausgesetzt. Bleiben wir im Diesseits:

25. Mai 2017

Ein kurzes Vibrieren vom Glück entfernt?

Ein Artikel von Sara Volkmer. Sara brennt für die wissenschaftliche Untersuchung der positiven Aspekte des menschlichen Erlebens und Verhaltens und arbeitet deswegen an einer Studie, die Zusammenhänge zwischen Glückserleben und Handynutzung aufdecken möchte. Und ihr könnt dabei mitmachen (Update 1. 6. 2017: Umfrage inzwischen beendet) und nach Ausfüllen des kurzen Tests sofort eure Auswertung lesen! Ich hab das getan und fand es faszinierend. Aber lest erst einmal selbst:


Erfahre, wie glücklich oder unglücklich dich dein Handy macht!  

Smartphones sind heutzutage aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie sind ja auch super praktisch. Man kann schnell ein Foto machen, oder nachschauen, wie man am schnellsten nachhause kommt, wann der Hausarzt offen hat und wie die Kinder von Angelina Jolie heißen. Manchen Leuten wird die Omnipräsenz des Smartphones allerdings zu viel, sodass es inzwischen sogar Apps gibt, die einen für das Ignorieren des Smartphones belohnen. Beinahe jeder hat eine Meinung zu Handys und wie sie sich auf die Lebensfreude wohl auswirken, aber niemand weiß irgend etwas genaues, weil die Forschung dazu fehlt. Mich interessiert, ob es tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen individuellem Wohlbefinden und dem Ausmaß der Handynutzung gibt und ob es dabei eine Rolle spielt, wie achtsam eine Person ist.


Glücklich trotz oder wegen Smartphone?

21. Mai 2017

Das regelmäßige Versagen unserer Demokratien

Tyrannei ist immer möglich

Die Zeit, da man als Verfechter von Institutionen als politisch rechts galt (wie z.B. Arnold Gehlen im Gegensatz zu T. W. Adorno), ist ein Glück vorbei. Dabei ist sowieso das Gegenteil wahr: Die Rechte zeichnet sich schon immer durch einen romantischen Impuls aus, die Institutionen zu zerstören oder, um es in den Worten Donald Trumps zu sagen: "den Sumpf trocken zu legen". Ein großer intellektueller Kritiker dieser rechten populistischen Politik heute ist der US-Historiker Timothy Snyder, den das Philosophie Magazin für seine neueste Ausgabe interviewt hat. Snyder ist bekannt für den Gedanken, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Institutionen (Parlamente, Universitäten, Gerichte, Polizei) uns im Angesicht der Tyrannei retten werden, vielmehr – so Snyder in Über Tyrannei: Zwanzig Lektionen für den Widerstand – müssten wir die Institutionen retten.

"Mit Tyrannei meine ich eine Situation, in der ein Einzelner oder eine Gruppe genug Macht erlangt hat, um den Rechtsstaat zu umgehen." (Snyder, Philosophie Magazin Nr. 04/2017, S. 33.)

Die Demokratien sollen eben diesen Fall ausschließen, jedoch haben sie mit "historischer Regelmäßigkeit" (ebd.) in dieser Sache immer wieder versagt. Die nahe liegende und heute wieder sehr drängende Frage ist also: Warum versagen unsere Demokratien?

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