Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

17. Dezember 2014

Willst du eine romantische Disney-Fantasie leben?

Wir Unglücklichen wissen das Unglück nicht zu schätzen



Ich bin ein großer Fan von Comedy, besonders wenn sie tragisch ist. Guter Humor hat immer eine philosophische Dimension und konfrontiert uns mit uns selbst und unseren absurden Hoffnungen, unseren dummen Überzeugungen und peinlichen Schwächen. Kein Komiker macht das im Moment so gut wie Louie C.K. aus New York. Er macht das so gut, dass es oft schwer ist, seine Show noch lustig zu finden.

Perlen vor die Säue: Verschwende dein Unglück nicht!

Zuletzt sah ich die zehnte Folge aus der vierten Staffel, in der es um seine verlorene Liebe geht - eine Frau, die nach einem romantischen Intermezzo von New York zurück nach Ungarn ging. Natürlich war Louie extrem traurig, er bemitleidet sich selbst und sucht Trost oder Rat beim abgeklärten Dr. Bigelow und dessen dreibeinigen Hund (den der Doktor übrigens für den glücklichsten Hund der Welt hält). Louie sagt, dass er zu traurig ist, dass es diese kurze Liebe nicht wert war, wenn sie nur hierhin in diese Trauer geführt hat. Hier ist Dr. Bigelows Antwort von mir ins Deutsche übersetzt:
Die Unglücklichen wissen das Unglück nicht zu schätzen... Du bist ein Vollidiot. Denkst du, es ging darum, Zeit mit ihr zu verbringen, sie zu küssen, Spaß zu haben? Du denkst, das war der Sinn des Ganzen? Du meinst, das sei die Liebe? Nein, DAS HIER ist Liebe: sie zu vermissen, sterben wollen, weil sie verschwunden ist. Du bist so ein Glückspilz, ein umherlaufendes Gedicht. Wärst du lieber irgendeine Art von Fantasie, so ein Disney-Märchen? Willst du das? Verstehst du nicht, dass DAS HIER der beste Moment deines Lebens ist. Das ist, wonach du die ganze Zeit gesucht hast. Nun hältst du es endlich in der Hand, diesen kleinen Diamanten der Liebe, süß und traurig und nun willst du es wegschmeißen? Du hast gar nichts verstanden! [...] Schlimm ist es erst, wenn du sie vergisst, wenn sie dir egal wird, wenn dir alles egal wird. Das kommst noch früh genug, also genieße dein gebrochenes Herz, so lange du noch kannst, verdammt noch mal... Kannst du mal bitte die Hundescheiße aufsammeln? Du verdammter Glückspilz...
Mehr muss man dazu eigentlich gar nicht sagen. Es passt wie die Faust aufs Auge unserer überzogenen Erwartungshaltung ans Leben als Glücksspender. Das Leben ist alles andere als Disney-Romantik und wer als umherlaufendes Gedicht Leid und Trauer kennt, ist ein Glückspilz. Es geht dann nur noch darum, das zu erkennen.



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14. Dezember 2014

Bist du ein Segmentor oder ein Integrator?

Warum Work-Life-Balance für die meisten von uns so schwer ist

Mein ehemaliger Arbeitgeber fasziniert mich immer wieder, besonders auch in dem Feld, das dort People Operations (gemeinhin: HR) genannt wird. Das Google People Operations Team hat eine auf 100 Jahre angelegte Langzeitstudie begonnen, die nach wissenschaftlichen Standards die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Arbeit untersucht und dabei Aspekte wie anhaltende Zufriedenheit und Kommunikation oder die Balance zwischen Arbeit und Freizeit untersucht. Zum Beispiel fand das Team heraus, dass die Mitarbeiter, zu deren regelmäßigen Gewohnheiten es gehört, Dankbarkeit zu empfinden und auszudrücken, langfristig und signifikant zufriedener mit ihrer Arbeit sind. Das überrascht nicht, denn dieser Zusammenhang ist schon aus anderen Lebensbereichen bekannt.

Schwer zu sagen, wo Arbeit aufhört und Freizeit anfängt (Bildlizenz: CC0 Public Domain)

7. Dezember 2014

Rasende Gedanken und 14000 Schritte im Wald

Diese Woche im Baruther Urstromtal

Was machen mit den zermarterten Ohren, den müden Augen, der überfrachteten Psyche? Weggehen! Wohin mit der in Straßenbahnen, Bussen und geschlossenen Räumen aufgestauten Energie der Beine? In den Wald! Wo kriegt die Lunge ihre Freiheit zurück, das Auge seine Farben, das Ohr sein Knacken und Rascheln? Auf ins Feld, an den See und ins Unterholz! Wie findet die Nase zurück ins Laub und hinein ins Holz, ins Moos und übers Wasser? Loslaufen, riechen! Was macht der Specht in meiner Stirn, der Eichelhäher im Baum, der laut vor mir warnt, wenn ich komme und die Kraniche, die versuchen sich unseren Blicken und der Kälte des Nordens zu entziehen? Sie heilen mich.

Kiefern auf den trockenen Dünen des Urstromtals

In der letzten Woche bin ich bei meiner Tante in Glashütte abgestiegen. Als ich nach Glashütte reinkam, empfing mich dort die 600 Jahre alte und 6 Meter starke Bosdorf Eiche. Trotz der massiven Brandschäden grünt sie jedes Jahr wieder. Glashütte selbst entstand 1716 als Glasmachersiedlung bei Baruth/Mark im Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg und blieb bis heute fast unberührt. Seit 1983 steht der gesamte Gemeindeteil Glashütte unter Denkmalschutz. Dementsprechend ursprünglich wirkt hier alles. Der alte Dorfkonsum mit der selbstgemachten Wildschweinwurst und dem frisch gebackenen Kürbiskernbrot, der Gasthof, die Töpferei und das Museum, alles hat sich in den denkmalgeschützten alten Häusern eingerichtet.

1. Dezember 2014

Verantwortung fürs eigene Leben? Was denn noch alles?

Wie zwei Prinzipien zum Gelingen unseres Lebens beitragen

Ein lebensphilosophisches Dilemma ist für mich die Notwendigkeit der Entlastung im Angesicht der Notwendigkeit der Entfaltung:

  1. Entlastung: Wir alle spüren immer wieder diesen Druck irgend etwas zu tun, erfolgreich zu sein, den Normen zu entsprechen. Er kommt teils aus der Gesellschaft, aus unserer Erziehung und schließlich dann von uns selbst. Ich denke immer wieder, dass wir alle es bitter nötig haben, uns von diesem Druck zu befreien. Sind wir nicht oft viel zu verkrampft, werden aggressiv und stehen unter Stress? Wir haben es doch verdient, ein Leben zu führen, in dem wir uns wohl fühlen, ohne diesen ständigen Druck, in einer Welt des gegenseitigen Verständnisses und der Liebe. Das ist die eine Seite, hier brauchen wir Entlastung.
  2. Entfaltung: Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass das Leben ein ständiges Weiterentwickeln ist, ein Besser-Werden, ein Entfalten. "Werde, der du bist", sagt Nietzsche und verbindet damit einen Anspruch an den Einzelnen, der für seine eigene Entfaltung, die nicht ohne Arbeit an ihm selbst vollzogen werden kann, verantwortlich ist. Sloterdijk nennt das in seinem Buch Du musst dein Leben ändern die Vertikalspannung, unter der wir alle stehen. In diesem Anspruch ist also doch wieder solch ein Druck zu erkennen, der potenziell zu Stress führen kann. Eine Vertikalspannung ist eben alles andere, als eine Entspannung. 

Aber wie können wir Verantwortung für unser Leben übernehmen, wie entfalten wir uns als moderne Menschen zielgerichtet, ohne den ständigen Druck zu haben, für alles Glück und Unglück im Leben verantwortlich zu sein? Diese zwei Prinzipien halte ich für zwar sehr wichtig für das moderne Leben und finde sie doch schwer in Übereinstimmung zu bringen.

Wenn ich einmal groß bin... Wer möchtest du sein? (Bildlizenz: CC0 Public Domain)

26. November 2014

Wir können nicht endlos hin- und hergebogen werden

Catherine Malabou empfiehlt Plastizität, anstatt Flexibilität


"Das Problem liegt darin, dass der Kapitalismus
den Begriff der Plastizität pervertiert, indem
er ihn mit der Flexibilität verwechselt."
(Catherine Malabou, Philosophie Magazin)

Eine Eigenschaft, die von uns als modernen Menschen offenbar mehr als jede andere erwartet wird, ist die Flexibilität. Wir sollen anpassbar sein an die Gegebenheiten, mit denen uns die moderne Gesellschaft, insbesondere im Arbeitsleben konfrontiert. Wir sollen "Ja" sagen zu Veränderungen, die oft Zumutungen sein können. Wenn Firmen von sich sagen, sie seien "flexible Unternehmen" verbirgt sich dahinter oft einfach ein Mangel an Strategie und Planung. Aber auch epochale Veränderungen wie sich global aufschaukelnden Systeme in Technik, Gesellschaft und Wirtschaft verlangen von uns eine immer größere Agilität angesichts schwindender Planungssicherheit. Als Belohnung für unsere Bereitschaft, auf Sicherheiten und Annehmlichkeiten zu verzichten, gibt es neue Chancen, Karrieren und vielleicht sogar flexible Arbeitszeiten.

"Menschen können nicht endlos hin- und hergebogen werden" (Bildlizenz: CC0 Public Domain)

Was beim Nachdenken darüber stören muss, ist die Einseitigkeit des Konzepts Flexibilität: Wir sollen auf eine sich ständig ändernde Umwelt mit Anpassung (z.B. durch neu Lernen, Verzicht oder Umzug) reagieren. Da kriegt man schon beim bloßen Zuhören ein Gefühl von ausgeliefert sein: Entweder wir reagieren flexibel auf die Anforderungen wie ein junger Grashalm auf den Wind oder sie brechen uns wie der Sturm einen alten trockenen Strohhalm. Das sind eigentlich keine akzeptablen Alternativen. Wie können wir den Wandel und unseren souveränen Umgang damit neu denken?