Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

26. November 2016

Familie – der letzte Schutzraum des Individuums

Das Philosophie Magazin fragt: Zuflucht oder Zumutung?

Cover Philosophie Magazin
Philosophie Magazin Nr. 01 / 2017
Familie? Ich würde mal sagen, ich habe Glück gehabt. Denn niemand kann sich die Umstände aussuchen, in die er geboren wird. Ich habe noch sehr deutliche Erinnerungen an das immer wiederkehrende und furchtbare Gefühl des Verlorenseins, als ich als Kind den Institutionen übergeben wurde. Egal ob Kindergarten, Schule, Ferien- oder Trainingslager – ich wäre lieber im Schoße der Kleinfamilie geblieben. Ich schrieb verzweifelte Briefe voller Heimweh aus den Ferienlagern an meine Eltern. Ich bat sie dringend, mich abzuholen und wenn irgendwo in der Nähe ein Hubschrauber vorbei flog, gab ich mich der Fantasie hin, dass er im Hof landen würde und meine Mutter ausstiege, um mich abzuholen. Ich weinte bitterlich. Familie war für mich immer Zuflucht, immer Geborgenheit und Schutz vor dem Chaos da draußen. Jetzt, da ich selber eine Familie "gegründet" habe, kommen diese Gefühle manchmal zurück und ich würde lieber gern bei Frau und Kind bleiben, anstatt raus zu gehen und mich dem Kampf um den Radweg oder den Parkplatz, dem Wettbewerb um Anerkennung und der Willkür im Verhalten anderer Menschen auszusetzen. Aber natürlich kommt die Sehnsucht danach erst daher, dass es kein Dauerzustand ist. Wäre es einer, dann würde ich die Differenz vermissen und die Geborgenheit nicht fühlen.

19. November 2016

Wie gefährlich sind Trump und Konsorten?

Was ist Faschismus und ist er heute wieder möglich?

Ich wuchs in den 70er und 80er Jahren in Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR auf. Es verging kein Tag, an dem wir nicht irgendwie in der Schule oder durch die Medien vom Kampf des Kommunismus gegen den Faschismus hörten. In den 90ern hatten wir dann in Berlin, nun die Hauptstadt des vereinigten Deutschlands, die sogenannten Faschos: gewalttätige Dummköpfe mit Glatzen und Baseballschlägern. Faschismus war für mich immer ein Wort des Verbrechens, der Grausamkeit und vor allem der Unmöglichkeit. Ausgeschlossen, dass der Faschismus in der Gegenwart oder Zukunft irgendwie gesellschaftlich wieder relevant werden könnte. Nun hat Jakob Augstein in einer Kolumne auf Spiegel.de im Zusammenhang mit Trump die Rückkehr des Faschismus in die Politik ausgerufen. Mein erster Gedanke und der von Freunden war: Trump ein Faschist? Das ist dann wohl doch etwas weit hergeholt.

Ein Präsident Trump ist nicht normal (Poster von Act now to stop war and racism, San Francisco)

18. November 2016

Die Bandbreite des Lebens wiederentdecken

Die wertvolle Nutzlosigkeit von Kunst und Literatur

Kunst kann uns stimmen.
Stellen Sie sich eine verstimmte Geige vor!
Sie zu stimmen, dass sie wieder in Harmonie ist,
das ist, was Kunst kann. (Michael Longley)

Unsere Leben sind oft hektisch und zerstreut, geprägt von profanen Sorgen um Arbeit, Beziehungen, Politik und das, was in der Zeitung steht. Nicht selten sind es aufgebauschte Kleinigkeiten, die uns sehr groß und bedrohlich erscheinen. Man könnte sagen, dass diese Form des Seins uns nur sehr einseitig fordert und uns und unsere Wahrnehmung damit zu verengen und zu verzerren droht. Das Leben ist doch größer als die immer währenden Besorgungen des Alltags. Da stimmen wir sicher alle zu. Und trotz dieses Wissens geht die Größe des Lebens oft verloren, sie entzieht sich immer mehr, wird unsichtbar und damit irgendwann auch unerreichbar. Was können wir tun, um uns die ganze Bandbreite des Lebens offen zu halten?

12. November 2016

Was ist Künstliche Intelligenz und was heißt das für uns?

Wenn Utopie und Dystopie in der Technik zusammenkommen

Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Robotik werden die meisten von uns arbeitslos machen und den Rest von uns in extreme Gering- und extreme Hochverdiener spalten.

Nein, das ist nur die vierte Stufe einer industriellen Revolution, von der wir alle in ungeahntem Ausmaß profitieren werden.

Das waren in etwa die zu erwartenden Positionen auf der Littler Konferenz in Berlin letzte Woche zur Frage, welche Herausforderungen Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Robotik an unsere Gesellschafts- und speziell die Arbeitsorganisation und Legislative stellen. Wer hat nun Recht, der Pessimist mit seinem Szenario von Arbeitslosigkeit und weiterer gesellschaftlicher Spaltung oder der Fortschrittsoptimist? Nun, die Antwort lautet wie immer: Es kommt darauf an. 

Ganz so harmlos wird die Zukunft wohl nicht aussehen

8. November 2016

Das Zeichen wahrer Liebe

Was wir von unserer Liebe zu Kindern lernen können

Es ist wundervoll, in einer Welt zu leben,
in der so viele Menschen nett zu Kindern sind.
Es wäre sogar noch schöner, wenn wir in einer Welt lebten,
in der wir gegenseitig etwas netter zu den kindischen Seiten
in uns wären. (Alain de Botton, The Course of Love*, S. 120)

Unlängst schrieb ich verwundert über die Liebe, die wir Erwachsene gegenüber Kindern aufbringen. Ich machte mir Gedanken, wo die Liebe herkam und mutmaßte, dass es etwas mit der kindlichen Unschuld, der Sorglosigkeit und dem Spielerischen des kindlichen Verhaltens zu tun haben müsste. Und nun las ich all das so schön zu Ende gedacht und auf den Punkt gebracht in zwei Sätzen von Alain de Botton:

"Gesellschaften werden für die Qualitäten empfindlich, die ihnen fehlen. Eine Welt, die einen hohen Grad an Selbstkontrolle, Zynismus und Vernunft verlangt und die sich durch extreme Unsicherheit und Konkurrenzdenken auszeichnet, erkennt in der Kindheit die fehlenden Tugenden – Qualitäten, die sehr strikt und definitiv aufgegeben werden mussten, um Zutritt zur Erwachsenenwelt zu erlangen." (Alain de Botton, S. 117)

Wir lieben also in den Kindern das, was wir wohl irgendwie verloren oder abgegeben haben und nach dem wir uns zurücksehnen. Wir verzeihen unseren Kindern darüber hinaus auch jeglichen Blödsinn, jede Unvernünftgkeit und Ungerechtigkeit, die sie mit der Regelmäßigkeit und Naturgesetzlichkeit von Ebbe und Flut über uns kommen lassen. Das Unreife in den Kindern, das wir "durch die Linse unserer erwachsenen Erfahrungen sehen", erscheint uns als besonders liebenswert. Wenn wir jedoch Zeugen eines unreifen Verhaltens von Erwachsenen werden, erscheint uns das als besonders unangebracht.