Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

7. Februar 2016

Warum wir so erschöpft sind

Tagträume und andere Rezepte zum Überleben

Im letzten Flow (siehe Bild links) las ich im Interview mit dem Neurowissenschaftler Daniel Levitin, dass ein erwachsener Mensch heute fünfmal mehr Informationen aufnimmt, als noch vor 30 Jahren (Flow Nr. 12, S. 59). Ob in der Freizeit oder auf der Arbeit, die Dichte, die Schlagfrequenz an Informationen ist enorm angewachsen. Nicht verwunderlich, dass sich ein allgemeiner Erschöpfungszustand breit macht, den viele dann gern damit verbringen, ihr Hirn noch mehr zuzumüllen, mit dem was das Internet so bietet. Denn größer als die Erschöpfung ist nur noch das sogenannte FOMO (fear of missing out), die Angst, etwas zu verpassen. Ich setze dem zunehmend das JOMO entgegen: joy of missing out. Das ist dann in Unterhaltungen immer wieder lustig, wenn Freunde sagen: "Was, davon hast du nichts gehört? Das war doch überall auf Facebook!" Ich freue mich dann heimlich an meiner Unwissenheit.

Neulich hatten wir einen Coach im Unternehmen, der sich auf Themen wie Stress und Burn Out konzentriert. Ich habe ihn eine Stunde gebucht und er schloss mich mit Kabeln an einen Computer an, der meine Stresslevel visualisierte. Wir machten ein paar Experimente, um meine Level durch tückische Fragen hochzutreiben und mit Durchatmen wieder abzubauen. So naheliegend es klingt, so sehr vernachlässigen wir es täglich: Das bewusste Atmen ist eine der Tätigkeiten, die uns schnell helfen können, Stress abzubauen. Seine Diagnose des heutigen Arbeitsumfeldes war klar: Das kann nur im Stress enden, wenn man nicht auf sich aufpasst.

4. Februar 2016

Die Befreiung des Selbst

Ein Artikel von Nicholas Wenzel

Die Philosophie kann uns die Möglichkeiten an die Hand geben, aus dem Alltag ein Übungsfeld der Weisheit machen, meint Nicholas Wenzel. Im philosophischen Wirtschaftsmagazin agora42 erinnert er uns daran, woher viele unserer Ansätze zur Verwirklichung eines guten Lebens kommen. Sei es Selbsterkenntnis, Achtsamkeit, die Betonung des Seins über das Haben, ja sogar die Grundsätze der positiven Psychologie, all das finden wir bereits in der antiken Philosophie. Ganz besonders erinnert uns dieser Artikel daran, wie wir im Grunde nicht viel mehr als unsere Gewohnheiten sind und dass wir in unseren Gewohnheiten den größte Hebel finden, um gute Menschen zu sein. Lesen Sie selbst...

Vom Autor empfohlen

Philosophie als Lebensform

Sokrates Verteidigungsrede vor dem Athener Gericht ist berühmt geworden. Er werde nimmer aufhören, zu philosophieren und jedem in seiner gewohnten Art folgendermaßen ins Gewissen zu reden:

"Mein Bester, du bist Athener, ein Bürger der größten und durch Bildung und Macht berühmtesten Stadt, und du schämst dich nicht, dich darum zu kümmern, wie du zu möglichst viel Geld kommst, aber um die Vernunft und Wahrheit und darum, dass du eine möglichst gute Seele hast, kümmerst du dich nicht?"

Als Sokrates starb, verurteilt zum Tod durch den Giftkelch, starb mit ihm der vielleicht berühmteste Verfechter eines kompromisslosen Strebens nach Selbsterkenntnis. Zuvor hatte er zwei Möglichkeiten, sich dem Todesurteil zu entziehen, entschieden in den Wind geschlagen: das öffentliche Bekenntnis, nicht mehr zu philosophieren, und die von seinen Freunden angebotene Fluchtmöglichkeit aus dem Kerker.

1. Februar 2016

10 Thesen für eine aktuelle Philosophie

Das Philosophische Manifest des Magazins HOHE LUFT

"Verändern wir die Welt!" Das ist der Schlachtruf des philosophischen Magazins HOHE LUFT. Dazu hat das Magazin im letzten Jahr ein Manifest herausgegeben, dessen Lektüre mich heute sehr begeistert hat. Warum? Weil es mir zeigt, dass es einen neuen Zeitgeist gibt, der nach Philosophie fragt, die anwendbar auf unser modernes Leben ist. Aus diesem Bedürfnis heraus ist schließlich auch Geist und Gegenwart gegründet worden. Wir benötigen einen geistigen, sinnvollen, ja auch spirituellen Zusammenhang in unserem Leben und die dafür zuständigen Institutionen (z.B. Kirche), scheinen sich für viele überlebt zu haben, während New-Age-Spiritualität und Esoterik vielen einfach zu dumm und manipulativ sind. Mit diesem Manifest wird handgreiflich gemacht, wie Philosophie heute sein muss, um in diese Sinnlücke unserer Leben vorzustoßen.

22. Januar 2016

Wie man sich richtig schämt

Die menschlichsten Momente im Leben


"...die Scham ist - wie der Stolz - die Wahrnehmung meiner selbst als Natur, wenn auch eben diese Natur mir entgeht und als solche unerkennbar ist.“ Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts
Misstrauisch gegenüber jedem, der sich nie schämt (Bild von Rob, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Immer wieder mal, seit ich eingeschult wurde, hatte ich einen verstörenden Traum: Ich stand vor der Klasse oder im Hörsaal oder lief auf der Straße und bemerkte plötzlich, dass ich nur ein T-Shirt an hatte, aber keine Hosen. Sofort übermannte mich die Scham und ich versuchte umzukehren, nach Hause zu kommen und mich zu verstecken. Oder die Szene in Game of Thrones: Cersei, die Mutter des Königs, muss nackt durch die Bevölkerung von King's Landing gehen, um für ihre Sünde zu büßen. Das ist schmerzhaft anzusehen, denn auch wenn man Cersei nicht mag, kann man nicht umhin, die tiefe Scham und Schande zu fühlen, die ihr da widerfährt. Die bewusste und unfreiwillige Nacktheit vor anderen ist der Inbegriff der Scham, denn hier sind wir allen schützenden Hüllen in der Gesellschaft beraubt.

Wir kennen alle einen Moment, in dem wir uns für uns selbst geschämt haben. Vielleicht haben wir als Sportler versagt oder ein schmutziges Detail aus unserer Vergangenheit ist ans Licht gekommen oder wir haben uns vor versammelter Mannschaft blamiert, indem wir auf dem Firmenfest gestolpert sind und dabei das ganze Buffet abgeräumt haben. Ich wäre misstrauisch gegenüber jedem, der behauptet, nicht schon einmal so einen Moment der gefühlten Schande erlebt zu haben.

Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks beschreibt in dem hier abgebildeten Buch (Amazon Link), wie Scham entsteht, welche Auswirkungen sie hat und wie wir mit diesem Gefühl umgehen können. Marks zeigt, dass viele zwischenmenschliche Konflikte vor dem Hintergrund der Scham verstanden und gelöst werden können.

17. Januar 2016

Darum sind Selbsthilfe-Ratgeber einfach nur Mist

Du musst es nur doll genug wollen, du Loser!

Die sogenannte Ratgeberliteratur boomt sowohl im Buchhandel als auch im Internet. Welcher Blog rund um Psychologie, Coaching, Erfolg in Arbeit und Leben wartet heutzutage nicht mit E-Books auf, die uns mit vermeintlich einfachen Schritten helfen wollen, unsere innere Ruhe durch Meditation und Yoga zu finden, die uns sagen, wie wir erfolgreiche Gründer unserer kleinen Unternehmen werden oder wie wir uns anderweitig durch spezielle Ernährung, Achtsamkeit und Selbstmanagement optimieren können. Im Internet nerven uns die massenhaften Kärtchen mit kurzen Weisheiten, die dann massenhaft "geteilt" und "gemocht" werden und doch in niemandem die kleinste Veränderung hervorrufen. Wie originell: Man holt sich per Copy und Paste von eine der Millionen Zitatseiten irgend etwas motivierendes, knallt es auf ein Bildchen mit einem Mönch und stellt es bei Facebook rein. Wen soll das zu wirklicher Veränderung inspirieren?

Bob aus dem Film "Alles Routine"