Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

25. März 2017

Vorgetäuchte Orgasmen und Populismus

Leidet die Welt unter spezifisch männlichen Pathologien?

Oder anders gefrat: Ist der Fake-Orgasmus typisch weiblich, so wie Fake-News typisch männlich sind? Catherine Newmark schreibt im letzten Philosophie Magazin:

"Niemand verkörpert derzeit die unrühmliche Denkgeschichte des pathologischen männlichen Zweifels eindeutiger als der neue amerikanische Präsident. Wie sich die Weltgeschichte unter ihm entwickeln wird, darüber lässt sich gegenwärtig nur sorgenvoll spekulieren. Dass ein schlecht verarbeiteter Mangel an körperlicher Gewissheit und spezifisch männliche Pathologien des skeptischen Zweifels schon bis hierhin viel Unheil angerichtet haben, steht dagegen außer Frage." (Philosophie Magazin Heft 3 / 2017, S. 57)

Auch ich frage mich seit ich denken kann, warum unsere Geschichte meistens durch männliche Gewalt getrieben ist. Dass den Frauen dabei nicht unbedingt die Opferrolle, sondern zu oft die Rolle der Mitläuferinnen zukommt, spricht nicht unbedingt dafür, dass sie so etwas wie ein besseres Geschlecht wären. Aber was sind die "spezifisch männlichen Pathologien", von denen Newmark hier spricht?

19. März 2017

Was macht die School of Life in Berlin?

Interview mit dem Mitbegründer und Geschäftsführer Thomas Biller

Vor bald einem Jahr hat die School of Life endlich ihre Dependance in Berlin eröffnet. Endlich sage ich, denn die School of Life ist eine Institution, die man dringendst erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit neun Jahren in London und seit dem zunehmend auch in anderen Städten gäbe. Der Philosoph Alain de Botton hat die School of Life eröffnet, um Menschen zu helfen, das zu lernen, was man an Schulen und in Universitäten immer noch nicht lernt: ein gutes und erfülltes Leben zu führen.

Alain de Botton, Dörte Ilsabe Dennemann und Thomas Biller in der TSOL Berlin (© Katherina Nobis)

Mit einer Kombination aus Philosophie, Lebenshilfe, etwas Psychologie und einer guten Prise modernen geschmackvollen Lifestyles stößt sie in eine Lücke, die sich nun auch in Berlin dank vermehrtem Tourismus und der Zuwanderung kreativer und internationaler Menschen mit ihrer urbanen Orientierungslosigkeit auf hohem Niveau aufgetan hat. Dazu bietet die School of Life Seminare und Veranstaltungen zu solchen Themen wie Selbsterkenntnis, gute Arbeit, gesteigerte Kreativität, gelungener Umgang mit Konflikten und natürlich auch dem Leben in romantischen Beziehungen auf deutsch und englisch an. Eine Veranstaltung, auf die ich mich jetzt schon freue, ist Alain de Botton On Love – wir verlosen dazu beizeiten Eintrittskarten für den 4. Mai.

Zum anstehenden einjährigen Jahrestag habe ich mit Thomas Biller, Mitgründer und Geschäftsführer der School of Life Berlin gesprochen. Ich will herausfinden, was die School of Life und ihre Mitarbeiter hier in Berlin ausmacht und wo die Reise einer solchen Schule des Philosophischen Lebens hingehen soll.

26. Februar 2017

Das Leben feiern – Ihr wisst, was ich meine!

Nina Simones "I'm Feeling Good"

Die Vögel fliegen so hoch, ihr wisst, wie ich mich fühle. Die Sonne am Himmel, du weißt, wie ich mich fühle. Ein Luftzug streift mich, du weißt, wie ich mich fühle. Ein neuer Morgen, ein neuer Tag, ja ein neues Leben für mich. Und ich fühl mich gut.

25. Februar 2017

Was bedeutet es, reich zu sein?

"Reich sein" scheint ein objektiv zu beschreibender Zustand zu sein, denn man kann das an Zahlen ablesen: Was auch immer das Zahlungsmittel in einer Gesellschaft ist, man ist reich, wenn man viel davon hat. Egal ob es Gold ist, ob es Muscheln sind oder Gewürze – wenn es als Zahlungsmittel taugt, weil alle sich über die Stabilität des Werts dieses Mittels einig sind, dann ist derjenige reich, der viel davon hat. Bei uns sind diese Mittel lange schon im Geld abstrahiert. Geld ist in dieser Hinsicht nahezu magisch, denn wir können mit Geld alle anderen Mittel und noch vieles mehr erwerben. Kein Wunder also, dass bei uns derjenige als reich gilt, der viel Geld hat.

12. Februar 2017

Der Weg wird durch das Gehen geschaffen

Von der Notwendigkeit des Reisens zu Fuß

"Was soll ich im Wald,
wenn ich dabei an etwas denke,
was nicht im Wald ist?"
(H. D. Thoreau)

Die meisten von uns sitzen heute mehr, als dass sie ihre Beine gebrauchen. Egal ob bei der Arbeit, zu Hause oder in der Fortbewegung dazwischen: Wir sitzen. Henry David Thoreau hat in seinem Text Vom Spazieren bereits in den 1850er Jahren von solchen wie uns gesagt: "diesen Menschen gebühre eine gewisse Anerkennung, weil sie ihrem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht haben" (S. 59, Durch Welt und Wiese: oder Reisen zu Fuß).

Der Autor beim Wandern in der nordöstlichen Mecklenburger Seenplatte

Das ist ein mich aufrüttelnder Satz. Thoreau lief nach eigener Auskunft jeden Tag mindestens vier, meistens jedoch mehr Stunden über Hügel, Felder und durch Wälder. Für ihn war das tägliche Sitzen eine Art Krieg des Menschen gegen sich selbst, weil man gewissermaßen sich selbst belagere und versuche, "eine Garnison auzuhungern, der man sich eigentlich verbunden fühlt."