Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

18. Januar 2020

Impeachment II – Donald J. Trump auf der Anklagebank

Ein Versuch, die Demokratie durch ihre Institutionen zu retten

Nachdem Präsident Trump nun im Senat angeklagt wurde und das eigentliche Verfahren beginnt, will ich dem ersten Artikel Impeachment erklärt: Das Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump diesen zweiten hinzufügen, in dem ich noch mehr politischen Kontext beschreibe, der in den deutschen Nachrichten nicht vorkommt und der sich genauer mit den nun im Verfahren abzeichnenden Vorgängen und ihren Folgen befasst.

Abstimmung über die Einleitung des Verfahrens gegen Trump (Quelle: Wikipedia, Public Domain)

Erinnern wir uns an 2016, als fassungslose Demokraten nach Trumps gewonnener Wahl sagten: Wie schlimm kann es schon werden? Wir haben doch unsere "check and balances", also die Gewaltenteilung, um jemanden wie Trump, der von Politik nichts versteht, in Schach zu halten. Wer hätte damals geahnt, wie dringend nötig diese von einander getrennten Gewalten einmal werden und wie anfällig sie auch sind, wie wir z.B. am US Justizministerium sehen können (dazu gleich mehr). Die USA befinden sich jedenfalls im politischen GAU – in einer Verfassungskrise – und können jetzt endlich einmal die Nothaltesysteme der Demokratie in Form des Amtsendhebungsverfahrens gegen Donald John Trump in Aktion sehen.

11. Januar 2020

Im Hier und Jetzt leben!

Was ist das Problem mit dieser gutgemeinten Aufforderung?

Gestern Abend rief Dominik vom Deutschlandfunk Nova an und fragte mich, was ich von solchen Aufforderungen, wir müssten wieder mehr im "Hier und Jetzt" leben, hielte.



Ich verstehe schon, was damit gemeint ist: Weniger Ablenkung, weniger Notification, einfach mal den Augenblick genießen. Nur gibt es damit einige Probleme, wenn man solche eigentlich ganz selbsstverständlichen Dinge so hyped und verabsolutiert. Beispielsweise diese hier:

  1. Das ist ja schon wieder eine Aufforderung, die gar nicht so leicht umzusetzen ist und gerade dadurch auch schon wieder Druck erzeugt: "Jetzt leb doch endlich mal im Hier und Jetzt! Kannst du das etwa nicht? Was stimmt denn mit dir nicht?"
  2. Es ist eine Fluchbewegung und wie alle solche Fluchtbewegungen, löst sie Probleme aus, sie hinterlässt Wüsten und macht die Flüchtenden schutzlos gegenüber "Menschenfängern" oder Schleppern.
  3. Die Fähigkeit, nicht im Hier und Jetzt zu leben, ist eine sehr wertvolle Fähigkeit, die uns Menschen auszeichnet und von den meisten anderen Lebewesen, die nämlich weder weit zurück in die Geschichte schauen, noch ihr Leben in die Zukunft entwerfen und planen.

14. Dezember 2019

Das Leben durch luzide Träume verändern

Der Traum in der Philosophie und seine Nutzbarmachung

Die Philosophen haben sich bis zum kometenhaften Aufstieg der Psychologie seit dem 19. Jahrhundert gern einmal mit dem Träumen auseinandergesetzt. Besonders viel wurde dem Träumen bis zur Romantik nie zugetraut. Für Platon war der Traum lediglich der Ausdruck der vernunftlosen Seelenanteile, aus dem wir uns keinerlei Erkenntnis erhoffen konnten. Aristoteles nahm immerhin die Abhängigkeiten des Traumes von Sinneseindrücken zur Kenntnis, die während des Träumens unabhängig von der Realität bewegt werden konnten. Armseligerweise ist die größte Bedeutung des Traumes für die moderne abendländische Philosophie in Descartes' methodischem Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Bewusstseinsinhalte zu sehen. Die Romantik dann endlich begreift das Träumen als ergänzende und dem Denken mindestens ebenbürtige Bewusstseinstätigkeit mit sogar transzendentaler Potenz zum Göttlichen. 

Franz Marc: Liegender Hund im Schnee (gemeinfrei)

Mit der Psychologie verschwindet der Traum aus der Philosophie und wird letztlich nur noch funktional besprochen: Wie kommt es zum Träumen und was nutzt uns das? Diese funktionalen Fragen passen in unser modernes Zeitalter der individuellen Selbstoptimierung und so verwundert es nicht, dass die Phänomene des Traumes nach ihrem Nutzen befragt und auf seine durch uns aktiv kontrollierbaren Anteile hin gewertschätzt wird. Dem Klarträumen kommt dabei in Freud'scher Tratition die Bedeutung zu, die Verwandlung von unbewussten und nicht kontrollierbaren in bewusste und steuerbare Geistesinhalte auf die Spitze zu treiben. Wie das funktioniert, beschreibt Sebastian Jacobitz von schlafenguru.de in den folgenden Absätzen ...

7. Dezember 2019

Die Philosophie des Marquis de Sade

Eine pornografische Aufklärung

Was kann uns die philosophische Pornographie des Marquis de Sade heute über Vernunft, Aufklärung, Moral und den Reiz der inzwischen immer verfügbaren und mitunter ziemlich sadistischen Pornographie sagen?

Foto von Jim Champion (CC BY-SA 2.0)

Im Artikel Egoistische Wollust und darüber hinaus hatte ich auf einen Aspekt der Pornographie hingewiesen, der symptomatisch für ein allgmein großes Risiko unserer aufgeklärten Moderne steht: die Objektivierbarkeit des anderen und damit der Abriss gemeinschaftlicher Werte wie die Menschenwürde, Mitgefühl und Gleichbehandlung. Das Problem entsteht nicht durch die mediale Darstellung von solchen Szenen, in denen andere Menschen objektiviert werden (z.B. eine Frau oder ein Mann in einer SM-Szene), denn das haben wir in Theatern, Filmen und anderen Inszenierungen auch. Das Problem entseht, wenn Konsumenten auf breiter gesellschaftlicher Ebene das Verständnis dafür verlieren, dass es sich um eine Inszenierung handelt und sie das Dargestellte stattdessen für ein Ab- oder Zielbild der Normalität halten.

16. November 2019

Egoistische Wollust und darüber hinaus

Gedanken zu Pornographie und Gesellschaft

Das Wort Pornographie kommt aus dem griechischen und beschrieb ursprünglich alle Aufzeichnungen (gráphein) über Prostituierte (pórnē). Die Archäologie legt uns nahe, dass Pornografie ein Begleiter der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Und wie auch nicht? Wie könnte denn das stärkste menschliche Verlangen nicht seinen Ausdruck in Schrift und Bildern finden?

Anmerkung: In diesem Artikel geht es nur um erwachsenen und – sowohl unter rechtlichen als auch gesundheitlichen Aspekten betrachtet – unproblematischen Pornokonsum.

Ausschnitt aus einem persischen Gemäde (Wellcome Collection CC BY 4.0)

Danke für die Pornographie!

Gattungsgeschichtlich gab es immer Menschen, die keinen Anteil an aktiver Sexualität mit anderen hatten. So wie im Tierreich unter Säugetieren steht zu vermuten, dass v.a. ein nicht zu vernachlässigender Teil der männlichen Bevölkerung – unfreiwillig – kaum Sex im Leben hat. Von Seeelefanten ist bekannt, dass nur rund 20% der Männchen 100% der Weibchen schwängern, dass also 80% keinen Sex haben. Wie ist das bei Menschen? Naja – kulturell jeweils sehr unterschiedlich: Während heute in Japan rund 25% der über 30-jährigen Männer noch keinen Sex hatten, sind es in den USA nur ca. 5%. In Deutschland muss es ähnlich sein wie in den USA, denn in der Studie Jugendsexualität (PDF-Link) findet man die Zahl von sechs Prozent aller 25-jährigen Männer, die noch nie Sex im Sinne von Geschlechtsverkehr hatten. Die Zahlen derer, die zwar Sex hatten, aber nach eigenem Befinden viel zu wenig oder derer, die später im Leben nie wieder in den Genuss kommen, dürfte noch viel größer sein.

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