Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

16. August 2016

Post Fact World: Hauptsache es fühlt sich wahr an

Genug mit der Wahrheit, jetzt werden Fakten geschaffen!

Das Volk in diesem Land hat genug von Experten.
Michael Gove, britischer Ex-Bildungsminister

Der Skandal ist nicht so sehr die Tatsache, dass Politiker lügen oder einfach Geschichten erfinden (das haben einige schon immer getan), der Skandal ist, dass es uns plötzlich egal zu sein scheint, dass sie das tun. Sie bekommen auch dann – nein: gerade dann – Zulauf, wenn jede vierte ihrer Aussagen falsch oder überwiegend falsch ist, wie bei Frauke Petry, die dicht gefolgt von Markus Söder die Hitparade der Falschaussagen bei Faktenzoom.de anführt. Wieso eigentlich?

Mit einem kann es nicht mal Petry aufnehmen: Fakten-Checks in den USA bescheinigen Donald Trump eine Falschaussagenquote von mehr als 70% (siehe z.B. politifact.com). Leute wie Söder, Petry oder Trump nennt man wohl (mindestens) "Populisten". Übrigens, um philosophisch korrekt zu bleiben, will ich zu Bedenken geben, dass Falschaussagen nicht unbedingt Lügen sein müssen, es könnten Irrtümer sein oder Halbwahrheiten mit gezieltem Weglassen von wichtigen Fakten oder eben auch dreiste Lügen. Am Ende ist ein notorischer Lügner in der Politik genauso haarsträubend wie jemand, der dermaßen dumm ist, dass er oder sie sich ständig irrt. Bei so einer hohen Quote, wie sie Trump vorlegt, kann eigentlich nur beides zusammenkommen.

Hitparade der Falschaussagenden (Screenshot von Faktenzoom.de, 15.08.2016)

Populismus – Verachtung des Verstandes

He got the facts wrong but the story right
House of Cards, S4

Eine interessante Frage wäre, warum gerade die am meisten Mist erzählen, die im Rundumschlag immer allen anderen vorwerfen, sie würden lügen oder "das System" manipulieren. Noch interessanter finde ich aber die Frage, warum diese notorischen Populisten solch einen Zulauf bekommen. Sicher kommt es irgendwie als rebellisch rüber, wenn Populisten systematisch behaupten, sie würden jetzt gegen das Establishment vorgehen (jedenfalls bis sie sich dann selbst z.B. im Europaparlament die Ärsche plattsitzen). Übrigens ist die Ablehnung von Establishment, der Anti-Intellektualismus und das Preisen des Völkischen gegen das Elitäre eine PR-Masche, die schon Hitler "erfolgreich" gemacht hat.

12. August 2016

Donald Trump ist ein Politroboter aus der Zukunft

Die Künstliche Intelligenz hat noch ein paar Bugs

Es ist oft beobachtet worden, dass Donald Trump kein Politiker (im herkömmlichen Sinne) ist, etwa mit Überzeugungen, Werten oder einer Agenda. Vielmehr erstaunt er alle Beobachter dadurch, wie er innerhalb von wenigen Minuten eine Sache und ihr Gegenteil behaupten kann und wie er es schafft, selbst Verbündete zu erbitterten Gegnern zu machen. Das liegt vor allem daran, dass seine Agenda keine andere ist, als Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu erhalten. Aber damit gibt es ein Problem...



Künstliche Intelligenz stolpert noch (GIPHY)

Trump mag zwar keine Überzeugungen und Werte haben, aber er hat eine binäre Methode. Cathy O'Neil (aka Mathbabe) hat gezeigt, dass hinter Trump ein ganz einfacher, aber fehlerhafter Algorithmus stecken könnte. Cory Doctorow von Boingboing erklärt die Technik so:

6. August 2016

10 Dinge, die ich in der Elternzeit gelernt habe

Elternzeit für Väter ist ein Muss!

Mein Sohn M. ist gerade etwas über einen Monat alt geworden und ich habe diesen Monat zusammen mit ihm und seiner Mutter zu Hause verbracht. Ich war keinen Tag arbeiten, habe keine E-Mails gelesen oder geschrieben und habe meinem Team nur einen kleinen Überraschungsbesuch abgestattet. Diese Zeit zu Hause war schön und anstrengend und auch nötig. Hier sind 10 Dinge, die ich in diesem Monat gelernt habe:


2. August 2016

Mein Säuglingssohn hat mich zum Singen gebracht

Der Abendstern und andere Lieblingslieder

Mein Sohn ist jetzt noch keine fünf Wochen alt und hat bereits uralte und längst vergessen geglaubte Teile meines Geisteslebens wiederbelebt, zum Beispiel das Singen. Als Kind hatte ich Musikunterricht und ich hatte nicht viel dafür übrig. Besonders all die Arbeiter- und Kampflieder, die ich im sozialistischen Unterricht lernen musste, konnten mir gestohlen bleiben. Ich glaube, der Unterricht hat mir das Musizieren eher verleidet, als irgend etwas sonst. Kurz nach M.s Geburt jedoch fand ich heraus, dass das Singen nicht nur eine sehr wirksame Art und Weise ist, ihn zum Einschlafen zu bringen, ich habe auch gelernt, dass das Singen mir selbst unheimlich viel Spaß macht.


 In dir, du dunkler Abendstern, seh' ich mich selber wie von fern, wie von fern...

Es ist wie Magie, wenn man einen ansonsten nicht zu beruhigenden Säugling durch die eigene Stimme und etwas Rhythmus und Melodie zum Schlafen bringen kann. Das alleine ist bereits ein mächtiges Gefühl. Aber auch, sich selbst singen zu hören, die Resonanz der eigenen Stimme in dem kleinen Leib zu spüren, den ich an mich presse, das ist unmittelbare Erfahrung des Selbst und des anderen in einer Einheit.

27. Juli 2016

Die drei Phasen des Feuers

Eine Grundfrage der Philosophie: Was ist der Mensch?

Von Marian E. Finger

Seit mehr als zweitausend Jahren diskutieren Philosophen, Theologen und Wissenschaftler über diese Frage. Meistens geht es darum, ob der Mensch durch Gott, die Seele oder sein Schicksal, durch Gene oder Umwelt oder durch seinen freien Willen bestimmt ist. Die verschiedenen Positionen sind entweder idealistisch oder materialistisch oder eine Mischung aus beidem. In der Nacherzählung unserer Menschwerdung zeichnet sich eine weitere Perspektive ab, die den klassischen Gegensatz zwischen idealistisch und materialistisch auflöst und den Menschen stattdessen einfach als evolutionsbiologische Neuheit begreift.

Eine übermächtige Erscheinung: Waldbrand (John McColgan, 2005)

Die Geschichte unserer Menschwerdung begann vor etwa fünf Millionen Jahren, als unser schimpansenähnlicher Vorfahre sein Leben in den Regenwäldern aufgab und in die Savannenwälder zog. Was er dort suchte, war die Nahrung, auf die er sich spezialisiert hatte, eventuell war es die Yamswurzel. Das Leben in den Bäumen gab der Waldaffenmensch deswegen noch lange nicht auf. Erst zweieinhalb Millionen Jahre später entwickelte er mit dem aufrechten Gang, dem schwächeren Unterkiefer und einem größeren Gehirn die ersten menschlichen Züge. Es ist kein Zufall, dass das Auftauchen dieser Merkmale mit dem Beginn einer neuen Eiszeit in eins fällt. Die Vereisung des Nordpols führte in Afrika zu einer langanhaltenden Dürre, die die Fruchtbäume in den Savannen verschwinden ließ und unseren Vorfahren endgültig auf den Boden zwang.

Neben Tundra, Taiga und Steppe ist die Savanne ein Ökosystem, in dem Feuer ein häufig auftretender Umweltfaktor ist. Vor zweieinhalb Millionen Jahren begegnete unser Vorfahre in der nunmehr von extremer Trockenheit geprägten Savanne dem Phänomen, das seinen weiteren Werdegang entscheidend prägte: dem Feuer.