Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

2. Oktober 2017

Auf in eine horizontale Transzendenz!

Pankaj Mishras apokalyptisch-hoffnungsvolle Vision

Wir als westliche Zivilisation sind in einer tiefen Krise. Weltanschaulich haben wir keinen lockenden Horizont mehr; die Grenzen des Erkundbaren sind verschwunden, die Erde ist auch in dieser Hinsicht zur Kugel geworden. Politisch kommen nationalistische Idiotien zurück, wie wir sie im 20. Jahrhundert glaubten, überwunden zu haben. Ökonomische und ökologische Krisen wachsen zusammen in Eins. Und die vertikale Transzendenz, wie wir sie aus unseren Glaubenssystemen kennen, ist nach langer schwerer Erosion so gut wie verschwunden. Der Westen ist die Krise, die östlichen und südlichen Krisen werden von ihm global verstärkt.


Pankaj Mishra auf dem Palestine Festival of Literature 2008 (CC BY 2.0)

Der Philosoph Peter Sloterdijk nennt einen sich täglich intensivierenden Weltverbrauch als Folge unserer modernen Lebensform des aktivischen Konsumismus oder konsumistischen Aktivismus. In seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit beschreibt Sloterdijk unseren Lebensstil als ein vollmundig-leeres Versprechen mit unbezahlbaren Kosten und "mengentheoretische Pradoxien":

1. Oktober 2017

Von der Würde im Alltag

Das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt 

Ein Artikel von Thomas Marti

Für jeden Menschen ist es wichtig, dass er selber Entscheidungen treffen kann. Abhängigkeit von anderen Menschen fühlt sich unangenehm an. Menschen haben grundsätzlich das Bestreben, solche Situationen zu vermeiden, oder ihnen aus dem Weg zu gehen. Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ist ein hohes Gut. Wenn der Schweizer Philosoph Peter Bieri in seinem Buch Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde (Amazon-Link) von Würde spricht, so meint er Würde als einen Lebensentwurf. Er beschreibt Würde als ein "Muster des Denkens, Erlebens und Tuns" (Ebd., S. 10), als "innerer Kompass unseres Lebens" (Ebd., S. 15). Bieri unterscheidet drei Dimensionen von Würde: Erstens geht es um die Art und Weise, wie andere mich behandeln, zweitens geht es um die Frage, wie ich andere behandle und drittens steht mein Selbstbild, und damit die Frage, wie ich mich selbst behandle, im Vordergrund.

Wichtig für diesen Zusammenhang ist auch Bieris Argumentation, wie und unter welchen Bedingungen Würde verloren gehen kann. Werden Menschen als Subjekte missachtet, so entsteht ein Gefühl von Demütigung. Bieri beschreibt Demütigung als eine Erfahrung von Ohnmacht. Ohnmacht ist dann gegeben, wenn eine bestimmte Macht fehlt: die Macht einen für das eigene Leben entscheidenden Wunsch zu erfüllen. Um noch einmal Peter Bieri zu zitieren; "Demütigung ist demonstrierte Ohnmacht" (Ebd., S. 13). Auch Willkür als das bewusste Auslassen von Handlungsoptionen, fällt damit unter Ohnmacht, die mit Demütigung verbunden ist. In dieser Situation ist die Würde stark in Gefahr oder geht verloren.

16. September 2017

Arbeit und das Recht auf die eigene Persönlichkeit

Zur Insel-Sensibilität für das Thema Introversion

Gestern erschien in der Zeitung Die Welt der Artikel So starten introvertierte Mitarbeiter im Job richtig durch, für den man mich interviewt hatte. Leider war die Zeitung weder in der Lage, mir ein Belegexemplar zur Verfügung zu stellen, noch mir wenigstens rechtszeitig ein PDF zuzusenden. Meinen Versuch, ein Online-Abo abzuschließen habe ich an dem Punkt abgebrochen, als ich las, dass ich einen Brief schreiben und in die Post geben muss, um das Abo wieder zu kündigen. Einen Vertrag online abschließen, den man nur offline kündigen kann? Das ist "Digitalisierung made in Germany" und absolut unseriös. Die Logik ist durchsichtig: Einen Brief zu schreiben, bedeutet eine größere Hürde, als im Online-Konto das Abo zu kündigen. Man rechnet einfach damit, dass Abonnenten den Aufwand scheuen und so wider Willen zahlende Kunden bleiben.

Der vielleicht schönste Arbeitsplatz für Intorvertierte (Swativ28 - CC BY-SA 4.0)

Aber kommen wir zurück zum Thema Introversion und Arbeit. Der Artikel zitiert mich natürlich nur in einigen ausgewählten Sätzen und kann dem Thema aus meiner Perspektive nicht ganz gerecht werden. Da unterliegt jeder Journalismus der Tagespresse ganz verständlichen Beschränkungen wie Kürze und Lesbarkeit für ein breites Publikum. Deshalb könnt ihr hier meine ungekürzten Antworten zu den Interviewfragen lesen, wenn ihr möchtet.

9. September 2017

Die vergnügliche Verzweiflung am Sein

Vom Elend des Menschseins auf dem asketischen Stern

»Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben«. (Silenos auf die Frage des Midas, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. In: Die Geburt der Tragödie, Friedrich Nietzsche, 1873)

Papst Innocent III, geboren als Lotario dei Conti di Segni (Fresko im Kloster San Benedetto um 1219)

Wir hören erst auf zu sterben, wenn wir aufhören zu leben. Das ist in etwa die Erkenntnis des Lotario de Segni in seiner Schrift "De miseria humanae conditionis", die er im 12. Jahrhundert verfasste, noch bevor er 1198 zum Papst Innocent III. berufen wurde. Diese Schrift war in den folgenden Jahrhunderten eine der populärsten und am meisten (noch vor dem Buchdruck) vervielfältigten Abhandlungen über das menschliche Dasein. Was war das für eine Zeit, als man sich in der sich selbst zugeschriebenen Unwürdigkeit suhlte? Vielleicht wäre unsere Geistesgeschichte eine andere, eine positivere geworden, wenn Lotario nicht Papst geworden wäre, sondern statt dessen die Zeit gefunden hätte, die geplante Gegenschrift von der Würde des Menschen zu verfassen. Das ist aber nie geschehen. So wurde diese pessimistische Schrift zu einer Grundlage unserer Weltverachtung wie wir sie seither von Luther über Schopenhauer bis Cioran kennen.

2. September 2017

Zeit, Schönheit und Leben

Ein Artikel von Thomas Marti

Unser Alltag ist voll von Zeitphänomenen, die unser Leben mehr oder minder beeinflussen: Langeweile, Öffnungszeiten, Jet-Lag, Rentenalter, Stress, Weihnachten, der Termin beim Zahnarzt usw. Unendlich viele Zeiten, alle mit ihren eigenen Rhythmen, Symbolen und Konnotationen durchdringen unser Leben. Wir können sogar gleichzeitig in verschiedenen Zeiten sein: Ich kann z.B. innerhalb von drei Minuten, in denen ich nach dem Bus rennen muss, der um 8 Uhr 12 fährt und den ich kriegen muss, um pünktlich zu erscheinen spüren, wie mein Pulsschlag immer schneller zu klopfen anfängt, mir die Passanten etwas verwundert nachsehen und mir einige Ideen für das gemeinsame Nachtessen heute Abend durch den Kopf jagen. Zeit ist ein explizit soziales Phänomen: Zeit wird sozial konstruiert, kommuniziert und wie nur in einem sozialen Kontext relevant. Jede Zeitlichkeit und jegliche zeitliche Ordnung und Struktur sind Konstruktionen von Beobachtern und nicht das Wesen von Objekten und damit schliesslich soziale Zeit.

Tägliche soziale Zeiterlebnisse: gehen, stehen, fahren.

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