Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

20. August 2014

Gefühle bei Menschen und anderen Tieren

Warum Gefühle so wichtig sind, warum auch Tiere verliebt sein können und warum Gefühlslosigkeit eine Krankheit ist. Ein Interview mit Prof. Dr. Kurt Kotrschal, wissenschaftlicher Leiter des Biologicum Almtal von der Kunsthistorikerin und Autorin Veronika Hofer.


Kurt Kotrschal, Gründer des Wolfsforschungszentrums (Quelle: Christian Brandstätter Verlag)


Prof. Dr. Kurt Kotrschal lehrt an der Fakultät für Lebenswissenschaften, Department für Verhaltensbiologie an der Universität Wien. Hier beschäftigt er sich mit sozialer Organisation und der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. Davon zeugen auch seine Bücher wie etwa Wolf - Hund - Mensch: Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Seit über 24 Jahren leitet Kotrschal als Nachfolger von Konrad Lorenz die Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal. Im Jahr 2008 hat er das Wolf Science Center mitbegründet.

16. August 2014

Warum wir nicht wissen, was wir wollen

Wie können wir heute überhaupt noch etwas wollen?


Ist es schwerer geworden, heute noch etwas zu wollen? Was ist anders geworden? Schaut man die letzten hundert Jahre zurück, so ist an die Stelle der Alternativlosigkeit des Individuums (wer König war, blieb König; wer Bauer war, bleib Bauer) heute eine Überforderung durch ein Übermaß an Optionen und Ambitionen getreten. So diagnostiziert nicht nur Sloterdijk (Die schrecklichen Kinder der Neuzeit) die heutige Tragik der Freiheit und des Überflusses, die uns ratlos fragen lässt: "Was will ich eigentlich?"

Tragik des Übermaßes an Optionen überall (Jeremy Zilar via Flickr CC)

Überfluss an Optionen und Zwang zum Optimum

Durch das Übermaß an Optionen, an noch zu verwirklichenden Lebensentwürfen, an zu bereisenden Orten, an potenziell zu treffenden erotischen Partnern, ja Übermaß sogar in der Auswahl an Waschmitteln, sehen wir uns ständig dem Zweifel gegenüber, ob wir die beste Wahl getroffen haben. Ob es nicht noch besser geht? Am Ende wollen wir gar nicht genau dieses Waschmittel, diesen Urlaub, diese Arbeit oder genau diese Frau. Statt dessen wollen wir das Beste und können uns nie sicher sein, es auch erlangt zu haben. Auf die Frage, was wir denn nun wollen, haben wir mit "das Beste" immer noch keine Antwort.

7. August 2014

Es gibt keine Identität ohne Masken

Der freie Umgang mit der Unfreiheit


Bei allem Psycho-, Coaching- und Selbstoptimierungskult, der uns zur Zeit zu überrollen und mit seinen Imperativen zu überfordern scheint, wird eines immer wieder unterschlagen: Die fundamentale Ungerechtigkeit der Verteilung von Kapazitäten, Rechten und Gütern und die damit einhergehende Unfreiheit der vielen in der Gestaltung ihres Lebens. Wenn man an diese Themen so naiv ran geht, dass eben jeder seines eigenen Glückes Schmied sei, dann ist das nicht einmal die halbe Wahrheit.

Die Maske als Medium unserer Identität (Stefano Menegatti via Flickr CC)

Eine treue Leserin kommentierte meinen Artikel Jeder Mensch ist eine Fiktion (Von der Freiheit der Selbsterfindung) folgendermaßen:

30. Juli 2014

Folge deiner Angst

Von der Angst über die Wut bis zum Mut

Kennen Sie die Geschichte? Die Schlange starrte auf das Kaninchen. Das Kaninchen starrte auf die Schlange, und dann sagte das Kaninchen: "Buh!" Die Schlange zuckte zusammen und musste über das alberne Kaninchen lachen. Als die Schlange ihre Augen wieder aufmachte, war das Kaninchen weg.

Wie kann das Kaninchen seine Todesangst überwinden? Wo entsteht der Mut? Wie kann jeder von uns Zugang zu dieser Ressource erhalten? Wie können wir Mut und Angst ausbalanzieren? Und warum ist es gut, unseren Ängsten zu folgen? Diese Fragen beantwortet Ihnen heute Nadja Petranovskaja.


Mutiges Häschen (Bild von MaffersToys via Flickr CC)

Die sechs Gespenster der Angst

Wenn hier von "Angst" die Rede ist, sind die normalen menschlichen Ängste gemeint, nicht die verschiedensten Angststörungen und extreme Angstzustände. Viele Wissenschaftler haben sich bereits mit dem Begriff "Angst" auseinander gesetzt. Napoleon Hill, einer der Väter der amerikanischen Selbsthilfe-Szene, hat in seinem Buch Denke (nach) und werde reich die sechs Gespenster der Angst beschrieben, und auch wenn sein Buch sich primär dem Unternehmertum widmet, so sind doch diese sechs Gespenster allgegenwärtig in jeder Stadt dieser Welt. Diese lauten:

  1. Angst vor Armut
  2. Angst vor Kritik
  3. Angst vor Krankheit
  4. Angst vor Liebesverlust
  5. Angst vor dem Alter und
  6. Angst vor dem Sterben

Diese sechs Ängste, so Hill, bestimmen unser Leben. Einen Großteil unseres Tages verbringen wir damit, alles zu tun, um nicht zu sterben. Wir verdienen Geld, um Dach über dem Kopf, Kühlschrank und Essen im Kühlschrank bezahlen zu können. Auch die Angst vor Armut und Krankheit spielen hier mit rein, besonders wenn wir uns um den beruflichen Erfolg und Gesundheit kümmern.

26. Juli 2014

Was ist dran am Mythos von Genie und Wahnsinn?

Geister zwischen Kreativität und Psychose

Anders, als wir uns gern glauben machen, vertragen sich Kreativität und psychische Störungen nicht ohne weiteres. Mein Verdacht ist, dass wir als durchschnittlich begabte Menschen das Haar in der Suppe der überdurchschnittlich Begabten suchen. Da fällt es leicht, sie als etwas sonderbar hinzustellen und zu glauben, dass sie nicht ganz richtig im Kopf sind. Wir sind dann lieber "gesund" und dafür weniger kreativ.

Kreativität und Wahnsinn haben einiges gemein (Bild von figlioDiOrfeo via Flickr CC)

Die amerikanische Psychiaterin und Neurowissenschaftlerin Nancy Andreasen beschreibt in ihrem Buch The Creating Brain: The Neuroscience of Genius die viel komplexeren Zusammenhänge, die hinter der kreativen Psyche und dem Wahn stehen. Dabei wird deutlich, dass psychische Störungen wie Schizophrenie oder Depressionen dem kreativen Schaffen etwa in der Literatur oder auch in den Wissenschaften eher im Wege stehen. Wer beispielsweise unter Schizophrenie leidet, wird kognitiv zu "durcheinander" sein, um etwas sinnvolles hervorzubringen. Für viele kreative Arbeiten wie das Schreiben benötigen wir einen Geist, der ordnen, strukturieren und konstruieren kann. Schizophrenie kann zwar zu künstlerischen Tätigkeiten passen, die auf plötzliche Eingebungen bauen, sie passt aber nicht zu konzeptionellen Arbeiten. Häufig seien laut Andreasen unter den konzeptionell Kreativen jedoch affektive Störungen wie Depressionen oder Manien zu beobachten.