Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

21. Februar 2021

Drogen – Extase und Vernunft

Die Sucht nach Inexistenz, erste und zweite Philosophie

Ich würde mich einen Menschen der vorsichtigen Ekstase nennen, einen, der gern mal Grenzbereiche auslotet, mindestens ausleuchtet. Eines meiner Lieblingsbücher in der Adolesenz war Die Pforten der Wahrnehmung. Himmel und Hölle. Erfahrungen mit Drogen von Aldous Huxley. Seit seiner Lektüre stellte ich mir die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Drogenrausch kein Mittel der außerordentlichen Erkenntnis mehr ist, sondern zu einem Alltagsphänomen wurde. Ich stelle mir immer vor, dass der Rausch für vormoderne Völker viel wichtiger gewesen sein muss als für uns. Zugleich wichtiger und auch eingeschränkter. Der Rausch wird nur in zeremoniellen Momenten und für wenige Repräsentanten verfügbar gewesen sein, zum Beispiel Schamanen oder Stammesangehörige an einem ganz bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben. Heute ist es umgekehrt: Wie in Huxleys Schöne Neue Welt und seiner Droge Soma gehört der Rausch in Form von Alkohol und anderen Drogen einfach dazu. Rausch ist täglich verfügbar und gehört mindestens am Wochenende zum guten Ton. Damit einher geht natürlich eine Entwertung, eine Vulgarisierung: Bis auf den gesundheitsgefährdenden Zeitvertreib bedeutet der Drogenkonsum heute nichts mehr. Oder?

Natürlich bedeuten alle Dinge mehr, als man ihnen auf Anhieb ansieht, was ja der Grund der philosophischen Neugierde ist. Die Frage nach dem Rausch geht interessanterweise einher mit der Frage nach der Philosophie überhaupt, denn anfangs sind Philosophie und Rausch gar nicht von einander zu trennen.

9. Januar 2021

Freiheit, Wirklichkeit und Fake News bei Hegel

Wahrheit und das Absolute – ein Interview mit Sebastian Ostritsch

Dieses Interview erschien zuerst in der aktuellen Printausgabe "Wahrheit und Wirklichkeit" der agora42. Sebastian Ostritsch ist Philosoph. Er lehrt und arbeitet an den Universitäten Stuttgart und Tübingen. Im Hegel-Jahr 2020 erschien sein Buch Hegel: Der Weltphilosoph


Jakob Schlesinger: Bildnis des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Berlin 1831 (Ausschnitt, gemeinfrei)


Herr Ostritsch, was hätte Hegel zu Fake News gesagt?

Hegel hat in seiner "Rechtsphilosophie" die öffentliche Mitteilung im Allgemeinen und die Presse im Besonderen als ein Mittel beschrieben zur "Befriedigung jenes prickelnden Triebes, seine Meinung zu sagen und gesagt zu haben". Hegel war also gar nicht erst so naiv, die Presse als ein Organ zur objektiven Wahrheitsgewinnung zu glorifizieren. Vielmehr muss sich das Gemeinwesen auf zwei Weisen gegen Meinungsmache immunisieren: zum einen durch die "Vernünftigkeit der Verfassung" und zum anderen durch eine Haltung, die sich aus der Gewissheit einer vernünftigen Staatskonstitution ergibt, nämlich durch "Gleichgültigkeit und Verachtung gegen seichtes und gehässiges Reden".

 

12. Dezember 2020

Glücklich durch die Pandemie

Meine Überlebensstrategien in Krisen

Es kann ziemlich niederschmetternd sein, dieses Jahr so zu beenden, wie es anfing: beschränkt in unseren Sozialkontakten, besorgt über uns selbst und unsere Nächsten, behindert in unserem Bewegungsdrang. Hinzu kommen all die idiotischen Zumutungen durch ängestigende Nachrichten, unklare Zufunftsaussichten oder tatsächliche Einkommenseinbrüche. Mich nerven auch verwirrte Mitmenschen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als gegen die objektive Realität anzustürmen, indem sie sich weigern Masken zu tragen, indem sie so tun, als seien sie unverwundbar und/oder indem sie ihrer Verwirrtheit mit messianischem Eifer über Verschwörungsgeschrei Ausdruck geben müssen. 

Ab in den Wald ist eine meiner Strategien (Bild von mir, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE)


Ich verstehe sehr gut, dass man das alles am liebsten gar nicht wahr haben möchte. Und ich denke auch, dass all die Maßnahmen noch lange nach Corona nachwirken werden und dass wir einen Preis dafür zahlen werden. So mache ich mir beispielsweise Sorgen über unseren noch nicht ganz fünfjährigen Sohn, der in einem Alltag auwfächst, der von Infektionsangst geprägt ist. Ich weiß nicht, welche langfristigen Ängste all das tägliche Fiebermessen, die maskierten Gesichter und die vielen Verbote im Umgang miteinander nach sich ziehen werden. Es würde mich nicht wundern, wenn wir als eine langfristige Folge mit zunehmenden Angsterkrankungen unter Erwachsenen und Kindern zu kämpfen haben würden: ständige Angst vor Infektion, Angst vor körperlicher Nähe und Agoraphobien zum Beispiel.

Hier sind ein paar Strategien, die mir und meiner kleinen Familie helfen, durch diese Zeit zu navigieren. Über all dem steht so ein bisschen das populäre royale Mantra in Vorbereitung der Briten auf den zweiten Weltkrieg:

14. November 2020

Politische Schurken: Ausgeburten des Ressentiments

Warum wir manchmal nicht den Helden, sondern seine Widersacher wollen

Vier Jahre lang war ich besessen von einer Figur des öffentlichen Lebens. Meine Obsession war die amerikanische Innenpolitik und besonders alles rund um Donald Trump. Ich konnte nicht anders als morgens beim Frühstück ins Internet zu schauen, was er jetzt schon wieder an unheimlichen Dummheiten gesagt, getwittert oder getan hatte. Ich bin ganz ehrlich, ich hätte es keine vier weiteren Jahre ausgehalten und hatte schon meine Frau verpflichtet, dass sie mich im Falle seiner Wiederwahl bitte davon abhalten müsse, Artikel, Bücher oder Video-Clips rund um Trump und die USA zu konsumieren. Wo meine Obsession herkam? Zum Teil sicher aus meiner biographischen Verbindung zu den USA, meinem Leben und Reisen dort. Zum anderen aber aus dem fassungslosen Staunen darüber, die sich wiederholende Geschichte zu erleben und mit ansehen zu müssen, wie wir jahrhunderte lange Errungenschaften der Zivilisation und Demokratie demontieren.

 

Schurke, statt Held: Trump als Darth Vader

 

Im Kern dessen lag für mich ein Mysterium: Immer wieder in unserer Geschichte ernennen wir Gestalten zu unseren Vertretern, Führern oder Herrschern, die alles andere als einen Vorbildcharakter haben. Menschen wie Donald Trump zum Beispiel, die man aus einer mythologischen Perspektive als nichts anderes bezeichnen kann als einen Schurken. Aus Perspektive der mythenbeladenen Popkultur rund um die Super Heroes wie Batman, Spiderman oder James Bond tragen diese Menschen ganz deutlich die Zeichen ihrer Widersacher, also der Bösewichte. Eigentlich wollen wir doch von Helden geführt werden.

 

"Der Held ist der Mann, der aus dem Meer der Verzweiflung an Land geht. In ihm beginnt das Abenteuer der Zivilisation als Kolonisierung des ichhaften Festlands – das Wohnen und Thronen auf neuem Kontinent: Eigenmacht, Können, Wollen, Wissen." Sloterdijk: Weltfremdheit (edition suhrkamp), S.23.

 

Der Held ist damit Vorbild für uns alle "normalen Menschen" und zeigt uns, was wir noch zu lernen haben, um wirklich selbstbestimmte – und damit "erfolgreiche" – Menschen zu werden. Die Weisheit des Helden kommt aus seinem durchlebten Leid und seiner selbst erarbeiteten Überwindung dieses Leids. Die Lebensgeschichte des Helden mit all seinen Widrigkeiten und Erfolgen am Ende, zeichnet ihn aus als einen, der auch andere aus dem Leid zum Erfolg führen kann.

 

Die Dunkle Seite der Macht

Es stellt sich also unmittelbar die Frage, warum wir manchmal Schurken, Bösewichte – Psychopathen wie Trump – zu unseren Führern ernennen? Um das zu verstehen, müssen wir zuvor schauen, was den Helden vom Schurken unterscheidet und wo wir anderen – der menschliche Durchschnitt – uns in Abgrenzung zu Helden und seinen Widersachern befinden.

4. Oktober 2020

Das Schicksal und sein Lauf

Aufklärung, Überheblichkeit, Corona und der faktische Fatalismus

Das Schicksal war einmal die Versicherung des Menschen, in einem Geflecht von sinnhaften Zusammenhängen zu existieren. Es war tröstend, eine Art Vorsehung zu erfüllen, einem Lauf unterworfen zu sein, der einer höheren Weisheit folgt. Die antiken Griechen hatten die Schicksalsgötting Tyche und die Römer hatten ihre Fortuna. Deren Wege waren unergründlich und schon deswegen musste man an seinem eigenen schlimmen Schicksal nicht zerbrechen, so unbegreiflich es auch war. Es war zu groß, um es zu begreifen, also konnte man sich darauf verlassen, dass es richtig war. Nichts von dem trifft heute noch zu. Machbarkeitswahn und Trostlosigkeit gehen Hand in Hand. Schlimmer als früher, ist das nicht. Es ist anders.

Taddeo Kuntze: Fortuna, 1754 (gemeinfrei)

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