Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

17. April 2017

Die zweite Hälfte deines Lebens

Kontemplation oder die Tiefe der Zeit


Der Franziskaner und Autor zur christlichen Mystik (z.B. Pure Präsenz: Sehen lernen wie die Mystiker) Richard Rohr, 74 Jahre alt, beschreibt, wie wir als erwachsene Menschen zwei Hälften des Lebens durchmachen. Die erste Hälfte dreht sich notwendigerweise um das Überleben, mehr noch um das erfolgreiche Überleben. Es ist oft voller Sorge rund um Karriere, Titel, Status und Besitz. Die kognitive Charakteristik dieser Lebensphase bestehe in einem dualen Entweder-Oder-Denken, in einer Herangehensweise des Alles-oder-Nichts. Wir brauchen diese Phase im Leben, aber, so Rohr, diese Lebensweise bringt uns nicht dem näher, was man "Sinn des Lebens" nennen könnte. Sie hat kein Gespür dafür, was die Zeit überdauern wird und was in der zweiten Hälfte des Lebens noch wichtig sein wird.

Rohr warnt davor, die Zeit nur linear zu verstehen. Es gibt keinen zwingenden Grund, dass die zwei Hälften hintereinander gelebt werden müssen. Vielmehr kommt es auf eine Lebensweise an, die für das Platz lässt, was Rohr "Kontemplation" nennt:

12. April 2017

Exzess und Todestrieb

Das merkwürdige Paradox unserer Lebenswut

Das Ziel alles Lebens ist der Tod.
Sigmund Freud

Es scheint mir so, als gäbe es in jedem von uns nicht nur einen Willen zum Leben, sondern auch einen komplementären Willen zum Tod. Spüren wir ihn nicht – des Schlafes großen Bruder – wenn wir abends zu Bett gehen, um uns vom täglichen Treiben auszuruhen? Wir freuen uns doch auf diese süße Schwere der Dunkelheit, des Nichts. Der Schlaf hat schon immer diese unheimliche Verwandtschaft mit dem Tod, diese zeitweise völlige Kontroll- und Bewusstlosigkeit, der wir uns bereitwillig für ein paar Stunden hingeben, ohne je sicher zu sein, dass wir auch wieder aufwachen werden. Vielleicht kann man beim Einschlafen das Sterben lernen?

Exzess und Tod in Hieronymus Boschs Garten der Lüste (Detail)

30. März 2017

Eine alte Weltanschauung in (beinahe) neuem Gewand

Die nationalistische Intelligenz der Marine Le Pen

In drei Wochen beginnen die französischen Präsidentschaftswahlen und ich möchte an dieser Stelle einen Gedanken aufgreifen, den ich in meine letzten Artikel Die Angst vor der unmenschlichen Stadt so ziemlich am Rande eingestreut hatte: Marine Le Pen vom französischen Front National ist unter all ihren populistischen Kollegen der neuen Rechten mit Abstand die intelligenteste und damit gefährlichste Politikerin Europas, denn sie maskiert ihre nationalsozialistische Agenda ganz geschickt als humanistisch und antitotalitaristisch. Der russische Philosoph Michel Eltchaninoff, der sich auf dem Gebiet antidemokratischer Entwicklungen in Europa bestens auskennt, schreibt im aktuellen Philosophie Magazin, um welche angeblichen Totalitarismen es Marine Le Pen geht: ein religiöser Totalitarismus, den sie ausschließlich im Islam sieht und dem totalen Kommerz, dem sich die europäische politische Elite und damit ganz Europa unterworfen habe. Das ist eine kluge, aber auch hinterhältige Strategie.

Marine Le Pen bei einem Partei Treffen (Bild von Blandine Le Cain, CC BY 2.0)

Der von Populisten dem Islamismus gleichgesetzte Islam ist heute ein ziemlich einfaches Zugpferd für rechte politische Extremisten. Deswegen möchte ich ihn hier beiseite lassen und mich auf Le Pens eigentlichen Geniestreich konzentrieren: Ihr wortreicher und sehr überlegt wirkender Kampf gegen Globalisierung, gegen totale Monetarisierung und Konsumismus, gegen den Verlust nationaler Identitäten und gegen die ständige Überforderung der Menschen durch einen entmenschlichten und hyperschnellen Kapitalismus. Le Pen sagt beispielsweise:

28. März 2017

Die Angst vor der unmenschlichen Stadt

New York City: Hart aber schön

Wenn morgens um 6 Uhr das Heulen der Sirenen zunimmt und das laute Geratter der Baumaschinen bis ins Bett im 20. Stock meines Hotelzimmer vordringt, suche ich tastend nach meinen Kopfhörern, damit ich einigermaßen human mit Naturgeräuschen aufwachen kann. New York ist eine harte Stadt. Und das liegt nicht nur an dem Blizzard, der gerade überall zerfetzte Plastikplanen durch die eisigkalten Häuserschluchten treibt. Es liegt auch nicht nur an den langen scharfen Schatten, die die Wolkenkratzer in die Schluchten werfen, in denen die Menschen zur Arbeit eilen. Es liegt auch nicht nur an den hohen Preisen überall – ein Frühstück kriege ich hier nicht mehr unter 20 Dollar und ein bescheidenes Abendessen liegt schnell bei 40 Dollar.

Interstate 495 W nach NYC: Man hat Glück, wenn man abends in die City will (G. Dietrich CC BY-SA 2.0)

Die Mieten sind exorbitant. Ein Kollege zahlt über 700 Dollar pro Monat für ein Zimmer einer Wohnung, die er sich mit drei anderen in Brooklyn teilt. In Manhattan, wo sich das Büro befindet, wären es 1000 Dollar oder mehr für ein Zimmer. Man sieht entsprechend viele Obdachlose und eigentlich kann sich niemand in der City leisten, dort zu leben, wo er auch arbeitet. Lange Pendelzeiten und Dauerstaus morgens und abends sind nur die offensichtlichste Folge.

Die Härte kommt auch aus einem sehr individualistischen Dahinhetzen. Kopfhörer auf, Augen auf dem Smartphone, ständig in Eile, immer den direkten Weg durch die Menschenmassen und die hupenden Autos. Für rote Ampeln ist keine Zeit, allein auf dem Weg schnell ein Stück Pizza reinschieben, weiter laufen. Never stop! Interessanterweise schaffen es die New Yorker dann aber meistens doch, freundlich zu bleiben, wenn man mal aneinander rempelt oder jemanden mit einer Frage aufhält. Als Besucher genieße ich New York, die Energie und Vielfalt der Stadt, die Aufregung und die Freundlichkeit in den Gesprächen. Aber würde ich hier leben wollen? Eher nicht.

25. März 2017

Vorgetäuschte Orgasmen und Populismus

Männer zweifeln: Sind unsere Frauen Roboter? (Michael Coghlan, adaptiert, CC BY-SA 2.0)

Leidet die Welt unter spezifisch männlichen Pathologien?


Oder anders gefrat: Ist der Fake-Orgasmus typisch weiblich, so wie Fake-News typisch männlich sind? Catherine Newmark schreibt im letzten Philosophie Magazin:

"Niemand verkörpert derzeit die unrühmliche Denkgeschichte des pathologischen männlichen Zweifels eindeutiger als der neue amerikanische Präsident. Wie sich die Weltgeschichte unter ihm entwickeln wird, darüber lässt sich gegenwärtig nur sorgenvoll spekulieren. Dass ein schlecht verarbeiteter Mangel an körperlicher Gewissheit und spezifisch männliche Pathologien des skeptischen Zweifels schon bis hierhin viel Unheil angerichtet haben, steht dagegen außer Frage." (Philosophie Magazin Heft 3 / 2017, S. 57)

Auch ich frage mich seit ich denken kann, warum unsere Geschichte meistens durch männliche Gewalt getrieben ist. Dass den Frauen dabei nicht unbedingt die Opferrolle, sondern zu oft die Rolle der Mitläuferinnen zukommt, spricht nicht unbedingt dafür, dass sie so etwas wie ein besseres Geschlecht wären. Aber was sind die "spezifisch männlichen Pathologien", von denen Newmark hier spricht?