Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

25. September 2016

Wann wird die Herrschaft des Volkes gefährlich?

Zur Philosophie-Zeitung HOHE LUFT mit dem Schwerpunkt Demokratie

Cover der aktuellen Ausgabe (5/2016)
Für alle, die Lust am Lesen und Denken haben, das ist das Motto des Magazins HOHE LUFT. Das Magazin betrachtet aktuelle und bewegende Themen aus Gesellschaft und Kultur, Politik und Wirtschaft aus einem philosophischen Blickwinkel. Genau das Richtige in einer Gesellschaft, die immer weiter in etwas abdriftet, das durch ein Wort der deutschen Kanzlerin nun als "postfaktisch" in den Duden kommen wird. Philosophie ist ein potentes Mittel gegen ein Verschwinden der Gesellschaft in bloßer Stimmung.

In der neuesten Ausgabe ist es beispielsweise der Schwerpunkt "Demokratie" mit solchen Fragen wie: Wie können wir Demokratie heute praktizieren, wenn sie von Populisten unterwandert wird? Eine in der Tat aktuelle Frage in einer Zeit, in der Demagogen wie Marine Le Pen, Donald Trump, Boris Johnson und bei uns in Deutschland die professionell noch leicht unterentwickelten von Storch, Petry oder auch die oft unbedarft provinziell daher kommenden, aber nicht minder gefährlichen Seehofer und Söder behaupten, für das Volk und mithin die Demokratie zu sprechen.

16. September 2016

Wer hat Angst vor Cookies?

Wie viel Sorgen müssen wir uns um unsere Privatsphäre machen?

Das gerade erschienene Philosophie Magazin trägt den Titel "Wie berechenbar sind wir?" und hebt damit auf eine Angst ab, die sich inzwischen in den Mainstream reingefressen hat. Dabei haben es der Redaktion besonders die sogenannten Cookies unserer Internet-Browser angetan. Und es stimmt schon, dass es die Cookies sind, die bestimmte Aktionen unseres Surf-Verhalten aufzeichnen und diese Informationen zur Verwendung durch den Website-Anbieter bereit halten. Dadurch müssen wir uns z.B. nicht immer wieder neu anmelden, wenn wir eine Seite wie Amazon wiederholt besuchen und können dort andere personalisierte Services wie virtuelle Warenkörbe und flüssige Navigation sogar nach einem Verbindungsabbruch nutzen.

Eine gespenstische Herrschaft der Cookies?

Chefredakteur Wolfram Eilenberger sieht gar Gott im Cookie wieder auferstehen und auch Maurizio Ferraris, ein Vertreter des neuen Realismus, sieht eine gespenstische Herrschaft durch die Cookies.

29. August 2016

Die Vermessung des Angestellten

Welche Daten zukünftig über uns erhoben werden

Secrets are Lies
Sharing is Caring
Privacy is Theft
The Circle

Mein berufliches Spezialgebiet ist derzeit, was man auf Business-Deutsch People Analytics nennt. Einige von euch kennen noch den Vorgänger aus der BWL, Fachrichtung Personalwesen, als "Kennzahlen-Reporting" oder so. Geschäftsführer wollten damals wissen, wie viele Leute eigentlich im Betrieb arbeiten (es gibt immer noch Unternehmen, die das nicht wissen), wie viele im letzten Monat krank waren und was der ganze Spaß gekostet hat.


Big Data als Fetisch in HR, hier Visualisierung einer Netzwerkanalyse (Wikipedia)

Heute ist das oft schon ein bisschen weiter. Die am weitesten verbreitete Frage der People Analytics ist heute die nach der sogenannten Attrition. Das ist ein Begriff aus dem Militär und bedeutet so viel wie Abrieb, Verschleiß – Schwund also. Bei den sich sorgenden Arbeitgebern ist das der Teil der Mitarbeiter, die das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen. Unter uns Personalern ist das so ein typischer Fetisch: Sag mir deine Attritionrate und ich sage dir, was für ein Arbeitgeber du bist. Dahinter steht die Annahme, dass Arbeitgeber mit guten Bedingungen, interessanten Aufgaben, einer transparenten Geschäftsführung und angemessenen Vergütung relativ geringen Schwund haben.

16. August 2016

Post Fact World: Hauptsache es fühlt sich wahr an

Genug mit der Wahrheit, jetzt werden Fakten geschaffen!

Das Volk in diesem Land hat genug von Experten.
Michael Gove, britischer Ex-Bildungsminister

Der Skandal ist nicht so sehr die Tatsache, dass Politiker lügen oder einfach Geschichten erfinden (das haben einige schon immer getan), der Skandal ist, dass es uns plötzlich egal zu sein scheint, dass sie das tun. Sie bekommen auch dann – nein: gerade dann – Zulauf, wenn jede vierte ihrer Aussagen falsch oder überwiegend falsch ist, wie bei Frauke Petry, die dicht gefolgt von Markus Söder die Hitparade der Falschaussagen bei Faktenzoom.de anführt. Wieso eigentlich?

Mit einem kann es nicht mal Petry aufnehmen: Fakten-Checks in den USA bescheinigen Donald Trump eine Falschaussagenquote von mehr als 70% (siehe z.B. politifact.com). Leute wie Söder, Petry oder Trump nennt man wohl (mindestens) "Populisten". Übrigens, um philosophisch korrekt zu bleiben, will ich zu Bedenken geben, dass Falschaussagen nicht unbedingt Lügen sein müssen, es könnten Irrtümer sein oder Halbwahrheiten mit gezieltem Weglassen von wichtigen Fakten oder eben auch dreiste Lügen. Am Ende ist ein notorischer Lügner in der Politik genauso haarsträubend wie jemand, der dermaßen dumm ist, dass er oder sie sich ständig irrt. Bei so einer hohen Quote, wie sie Trump vorlegt, kann eigentlich nur beides zusammenkommen.

Hitparade der Falschaussagenden (Screenshot von Faktenzoom.de, 15.08.2016)

Populismus – Verachtung des Verstandes

He got the facts wrong but the story right
House of Cards, S4

Eine interessante Frage wäre, warum gerade die am meisten Mist erzählen, die im Rundumschlag immer allen anderen vorwerfen, sie würden lügen oder "das System" manipulieren. Noch interessanter finde ich aber die Frage, warum diese notorischen Populisten solch einen Zulauf bekommen. Sicher kommt es irgendwie als rebellisch rüber, wenn Populisten systematisch behaupten, sie würden jetzt gegen das Establishment vorgehen (jedenfalls bis sie sich dann selbst z.B. im Europaparlament die Ärsche plattsitzen). Übrigens ist die Ablehnung von Establishment, der Anti-Intellektualismus und das Preisen des Völkischen gegen das Elitäre eine PR-Masche, die schon Hitler "erfolgreich" gemacht hat.

12. August 2016

Donald Trump ist ein Politroboter aus der Zukunft

Die Künstliche Intelligenz hat noch ein paar Bugs

Es ist oft beobachtet worden, dass Donald Trump kein Politiker (im herkömmlichen Sinne) ist, etwa mit Überzeugungen, Werten oder einer Agenda. Vielmehr erstaunt er alle Beobachter dadurch, wie er innerhalb von wenigen Minuten eine Sache und ihr Gegenteil behaupten kann und wie er es schafft, selbst Verbündete zu erbitterten Gegnern zu machen. Das liegt vor allem daran, dass seine Agenda keine andere ist, als Aufmerksamkeit zu erzeugen und zu erhalten. Aber damit gibt es ein Problem...



Künstliche Intelligenz stolpert noch (GIPHY)

Trump mag zwar keine Überzeugungen und Werte haben, aber er hat eine binäre Methode. Cathy O'Neil (aka Mathbabe) hat gezeigt, dass hinter Trump ein ganz einfacher, aber fehlerhafter Algorithmus stecken könnte. Cory Doctorow von Boingboing erklärt die Technik so: