Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

27. Mai 2018

Warum wir Freude an der Natur empfinden

Und was wir damit tun könnten

"Wir haben vielleicht die Natur verlassen,
aber die Natur hat uns nicht verlassen."
Michael McCarthy

Wenn der Frühling kommt und alles neugeboren wird, erneuert das auch unsere Energien und lädt uns auf mit Freude. Alles wird wieder neugeboren und das ist eine erstaunlich erfreuliche Beobachtung für endliche Wesen wie wir, deren Leben nicht zirkulär wie die natürlichen Jahreszeiten verläuft, sondern eben linear von der Geburt zum Tod.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum uns in der Natur eine Art unerklärlicher Freude oder auch Glück und Zufriedenheit überkommen? Stehen wir nicht voller Entzücken auf einem Berg und schauen jubilierenden Herzens runter ins grüne Tal? Versetzt uns nicht der Sternenhimmel in ein freudiges Erstaunen? Haben die rhythmischen Anläufe der Wellen auf den Strand nicht eine beruhigende Magie? Und sind Sonnenuntergänge nicht einfach wie ein großer Frieden, der sich über unsere Seelen legt und sie heilt?


On Being – Interview mit Michael McCarty

Wo kommt diese ästhetisch-emotionale Verbundenheit mit den natürlichen Abläufen her? Warum berührt uns die Natur so und warum sind wir trotz aller Gewalt, die wir so vielen Geschöpfen täglich antun, doch so fasziniert von Tieren? Es ist wie ein Erbe, das tiefer geht als alle Zivilisation. Wir spüren es vielleicht nicht jeden Tag, aber dieses Erbe ist so tief in uns eingeschrieben, dass es sich bei jedem Waldspaziergang wieder meldet, unseren Stress abbaut und die Stimmung hebt.

29. April 2018

Der Mensch ist das Tier, das lügen kann

Wie entfesseltes Lügen unsere Zivilisation bedroht

Sich gegenseitig der Lüge zu bezichtigen ist eine altbekannte Kampfhandlung oder ging und geht zumindest vielen Konflikten, Duellen und Kriegen voraus. Heute bezeichnet Donald Trump alle, die nicht seiner Meinung sind, als Lügner. Und er selbst wird ebenso gern als Lügner bezeichnet (allein diese Symmetrie sagt eigentlich alles darüber aus, was man über das Präsidentenamt der heutigen Zeit, der Nach-Obama-Ära, wissen muss). Oder denken wir an das neue polnische Gesetz, das die vermeintliche Lüge, es hätte Polen gegeben, die beim Mord an Juden mit den deutschen Nazis kollaborierten, unter Strafe stellt und damit selbst in einer offensichtlichen Lüge gründet.

Karikatur von DonkeyHotey (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

15. April 2018

Wenn immer gleich alles übergriffig ist

Denken braucht spontane Zumutungen

Ich halte es durchaus für eine zivilisatorische Leistung, freundlich, diplomatisch und rücksichtsvoll zu kommunizieren. Gleichzeitig halte ich es für unabdingbar, dass man offen sprechen kann und auch mal kontroverse Thesen zur Debatte stellen kann, ohne sich gleich innerlich zu zensieren oder gar von anderen per Totschlagargument zensiert zu werden.

Weder ist das dumm-dreiste "Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-Dürfen" eine Entschuldigung für Rassismen, Sexismen oder sonstige plumpe Angriffe auf den zivilisierten Umgang unter Menschen, noch sind die "safe spaces" eine diskursive Option, wie sie jetz in manchen amerikanischen Unis gefordert werden und wo nichts mehr gesagt werden darf, das irgend eine/n Anwesende/n vor den Kopf stößt. Solche Zensur im Namen der "political corectness" schafft nicht nur das Denken und Argumentieren ab, es ist auch mitverantwortlich für die Blüte des politischen Populismus, der sich zurecht gegen einen vorauseilenden Konsens im Austausch wehrt.


Wer nicht spricht, wird nicht gewürgt... Mal richgtig übergriffig

8. April 2018

Gegen die Leichtigkeit des Seins

Das einfache Leben – ein navier Traum

Minimalismus, Askese, Authentizität: das seien die Zutaten zu einem einfachen Leben, steht im Philosophie Magazin (Nr. 3 / 2018). Man könnte auch sagen: Lebensflucht, Sinnesfeindlichkeit und Egozentrik. Wie man es auch nennt, der zeitgeistige Trend zur Einfachheit beginnt mit einem Überforderungsgefühl, dem bei priviligierten Zeitgenossen Umstände wie diese drei zugrunde liegen:

  1. Zu viele Dinge umgeben uns und verlangen unsere Aufmerksamkeit und unser tägliches Management.
  2. Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem unsere Begierden jederzeit erfüllt werden können. Das ist sehr anstrengend, denn es erfordert ständige Organisation, Evaluation und Investition.
  3. Wir spielen zu viele Rollen jeden Tag: Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Lebens- oder Ehepartner, Elternteil, Autor, Künstler, Bandmitglied, Bodybuilder oder Vereinsmitglied – das grenzt an Persönlichkeitsspaltung und frisst jede Menge Energie.

Das sind Überforderungszenarien, deren Kombinationen eine wohlhabene, mitteleuropäische Existenz heute beinahe dauernd ausgesetzt ist. Das ist immer noch besser, als Hunger zu leiden oder von Krankheiten und Kriegen bedroht zu sein, aber das haben wir schon lange vergessen, deswegen kommt uns unser Leid auf hohem Niveau nicht weniger furchtbar vor.

17. März 2018

Was ist Spiritualität wirklich?

Erfahrungsbasierte Formen von Erkenntnis und Ethik

"Ich behaupte, dass die einzige Spiritualität
die Unbestechlichkeit des Selbst ist."
Jiddu Krishnamurti

Wenn jemand zu uns sagt, er oder sie lebe spirituell, dann stellt sich die Frage, was meint diese Person damit? Nicht selten geht es um eine alternative "Weltanschauung" von Menschen, die eine als kalt erlebte wissenschaftliche Welt ohne einen übergeordneten, absoluten Sinn ablehnen, ohne gleichzeitig an einen spezifischen Gott glauben zu wollen.


Spiritualität und Ekstase sind nicht dasselbe (Quelle: Paul M. Walsh, CC BY 2.0)

Was ist Spiritualität nicht?

Da hört man dann Dinge wie "alles ist Geist" oder "die Wahrheit liegt in mir", da ist schnell von Seelenpartnern die Rede, von Karma, Schicksal, Reinkarnation oder gar solchen esoterischen Konzepten wie Astralkörper. Aber das kann es doch eigentlich nicht sein. Solche Ideen zeugen eher von einer Abwesenheit eines geistigen Anspruchs an sich selbst. Eine wirkliche Spiritualität möchte genau das andere: ethische und intellektuelle Integrität als eine "innere Form von Tugend oder Selbstvervollkommnung" (Thomas Metzinger, Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit, PDF-Link).

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