Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

2. Juli 2015

Besitzen, als besäße man nicht

Ein Interview zur Spannung zwischen Freiheit und Eigentum

Thomas Gutknecht, Philosoph, Theologe, Germanist und Psychologe, wurde 1953 in Stuttgart geboren und ist seit 2003 ist er Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis. Er selbst praktiziert in dem von ihm 1991 gegründeten Logos-Institut. Themenschwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem Aspekte der Lebenskunst, Fragen nach Sinn und Glück, Philosophie der Zeit, der Gesundheit, der Religion sowie Theoriefragen der Philosophischen Praxis. Das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42 hat dem Philosophen für die neue Ausgabe "Besitz und Eigentum" einige Fragen dazu gestellt, was Besitz eigentlich für ein geglücktes Leben bedeutet.

Thomas Gutknecht: Die Mitte ist etwas sehr Spannendes (Foto: Janusch Tschech)

agora42: Viel zu besitzen, wird heute überwiegend als etwas Positives angesehen. Für den Philosophen Diogenes von Sinope bestand die richtige Lebensweise hingegen darin, allem Materiellen zu entsagen. Er soll in einem Fass gewohnt und selbst noch seinen Becher weggeworfen haben, als er ein Kind aus den Händen trinken sah. War er ein Spinner?

28. Juni 2015

E-Mail-Machtspiele: Was unser Schreibstil über uns verrät

Die Macht, die keine Macht mehr nötig hat

E-Mails sind überall, besonders auf der Arbeit. Und sie sind nicht der einfachste Weg zu kommunizieren. Die E-Mail hat alle Nachteile der schriftlichen Kommunikation - man kann beispielsweise die Stimmung nicht hören oder in der Mimik sehen - andererseits grenzt sie eng an Kurzmitteilungen, wie wir sie aus SMS, ICs und ähnlichen Formaten kennen. Diese Kurzmitteilungen wiederum sind eher dem mündlichen Austausch verwandt, als zum Beispiel dem Briefeschreiben. Daher auch die Smilies und die kurze Dialogform (jeder kennt inzwischen das manchmal endlose What's App Ping Pong mit Emoticons).

Ich selbst habe meine Schwierigkeiten mit der Ambivalenz der E-Mail. Lange Zeit widerstrebten mir Smilies, ich empfand sie als kindisch. Inzwischen finde ich, dass sie helfen können, die fehlenden non-verbalen Signale wie Stimmlage oder Gesichtsausdruck zu kompensieren. Ich bin nicht immer ganz sicher, ob meine E-Mail eine Anrede haben soll und ob ich sie mit "MFG" oder "Mit freundlichen Grüßen" oder gar nicht unterschreiben soll. Und dann die Zeichensetzung...?! Ich bin ein Freund von Punkt. Fragezeichen finde ich manchmal auch sinnvoll, aber Ausrufezeichen versuche ich zu vermeiden.

21. Juni 2015

Islam für Dummies?

Zusammenhänge zwischen Koran, Islam und Islamismus

Das Philosophie Magazin versucht sich in seiner Sonderausgabe zum Koran an einer Aufklärung. Aus schierer Unwissenheit würden Islamisten und Islamkritiker den Koran - das schwer zugängliche Gebetsbuch der Muslime - für ihre Zwecke in Anschlag bringen. Tatsächlich gelingt es dem Magazin hervorragend, die Schwierigkeiten des Textes zu erläutern. Die fangen schon damit an, dass es als Gebetsbuch nicht zum Gesetzestext taugt, also Regeln zum Verhalten daraus eigentlich nicht ableitbar sind. Leider gehören nur die wenigsten Islamisten zur Leserschaft von Philosophie Magazinen und die Islamkritiker dürften sich eher bestätigt fühlen, durch das, was sie in dieser Sonderausgabe lesen.

Vorm Karstadt Reisebüro: Hier kann jeder seine Auffassungen bestätigt finden (Bildlizenz: CC BY 2.0)

Der Koran selbst, seine Form und sein Inhalt, bietet offenbar zahlreiche Anschlussmöglichkeiten für liberale Muslime genauso wie für Fundamentalisten und Islamisten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Text ein Sammelsurium von verschiedensten Versen aus verschiedensten Strömungen und Regionen ist, die in keinerlei kohärentem Zusammenhang stehen, sondern sich sogar inhaltlich widersprechen. So kann im Grunde jeder seine eigenen Auffassungen bestätigt finden. Sowohl die Religionsfreiheit kann man im Koran begründet finden, wie auch die Aufforderung, alle Ungläubigen mit dem Schwert hinzurichten. Frauen zu unterdrücken und sogar zu schlagen, wird genauso legitimiert, wie gleichzeitig eine absolute Gleichberechtigung durch das Prinzip der Einheit im Koran gefordert wird. Und Rationalismus und Mystizismus stehen im Koran genauso in einem Spannungsverhältnis wie Aktivität im Namen Gottes und Passivität im vorgezeichneten Schicksal.

17. Juni 2015

Vom Gegenteil der Weisheit

Drama und emotionale Reife

Wir kennen sie von uns selbst - die Sucht nach Drama. Jeder hat das hin und wieder. Es scheint mir sogar oft so, dass wir alle immer unreifer, dramatischer und ungeduldiger werden. Wenn mal irgend etwas nicht klappt, dann fühlen wir uns gleich persönlich angegriffen. Mal auf etwas warten zu müssen oder mal nichts zu tun, das hält heute niemand mehr aus. Wir brauchen den konstanten Sog der Ereignisse, den Strom der Informationen und die dauernde Verbindung, damit wir uns im Schein der Anderen selbst vergewissern können. Ohne Drama im Alltag fühlen wir uns leblos.

Drama jedoch ist das Gegenteil von Weisheit. So wie der weise Mensch gelernt hat, in Ausgeglichenheit zu leben, so schwer fällt es manch anderen, Ruhe und Zufriedenheit zu finden.


Jeder von uns kennt jemanden, dessen ganzes Leben komplett von Drama durchzogen zu sein scheint. Immer ist irgend etwas: Sie meinen, dass sie nicht verstanden werden, dass sie nicht bekommen, was sie verdient haben, dass es jemand auf sie abgesehen hat, dass eine Verschwörung im Gange sei oder dass sie permanent gemobbt würden. Die Welt scheint für solche Menschen nur dann komplett, wenn sie sich darüber echauffieren können, wie falsch und imperfekt alles ist, wie gemein und unfair sie behandelt werden.

7. Juni 2015

Unconscious Bias: Vorurteile in einer aufgeklärten Welt

Wie uns unbewusste stereotype Entscheidungen täglich behindern

Es scheint, dass unsere psychologische Geschichte vor allem ein Zurückdrängen des Unbewussten ist und damit ein Ausweiten von Bewusstsein. Wir sind inzwischen darüber aufgeklärt, dass man Menschen nicht wegen ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres Alters, ihres Gesundheitszustandes oder ihres Geschlechts benachteiligen oder gar unterdrücken darf. Das Verb "darf" ist in diesem Zusammenhang wichtig. Denn diese Aufklärung ist nicht zurückführbar auf unsere Natur oder unsere eigenen Interessen und Vorlieben, sondern sie ist eine Übereinkunft, ein gesellschaftliches Gesetz, dem wir uns "trotz allem" unterwerfen.

Auch die Logik verbietet übrigens solche Kurzschlüsse von einem gefühlten "meistens" auf ein "immer". Aber das ist genau der Witz: Wir denken nicht streng logisch, das wäre viel zu zeit- und enregieaufwendig, sondern entlasten unsere Gehirnkapazität mit Automatismen wie unbewusste stereotype Klassifizierungen. Für mich stellt sich die Frage, wo solche Automatismen aufhören zu helfen und wo sie anfangen uns im Wege zu stehen oder gar zu schaden. Es gibt noch nicht viel gute und gründlich recherchierte Literatur zu diesem Thema (erst Recht nicht auf Deutsch), aber einer der heutigen Spezialisten Howard J. Ross beschreibt Unconscious Bias als so normal für Menschen wie das Atmen: "Menschen haben Vorannahmen hinsichtlich jeder Dimension menschlicher Identitäten. Wirklich jeder hat sie und sie sind zum allergrößten Teil unbewusst."


Egal wo du arbeitest, was deine Hautfarbe, dein Geschlecht ist? Nein, nicht egal!