Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

11. Februar 2018

Fortschrittsmüde? Bitte wach bleiben!

Warum wir das Vertrauen in die Zukunft verlieren

Warum haben die Römer vom ersten Aufbruch nach Norden ca. 400 Jahre gebraucht, bis sie über den Kanal nach Großbritannien übersetzten, während Kolumbus im Jahr 1492 in nicht einmal 10 Wochen einen neuen Kontinent entdeckte? Der Grund ist derselbe, weshalb wir heute in einer Wissenschafts- und Fortschrittsgesellschaft leben: Wir wissen um das Unbekannte da draußen. Wir streben an, es zu finden, zu kartografieren und so zum schon Bekannten hinzuzufügen.

Erst blinde Flecken machen Lust auf Entdeckung (Frederick de Wit, 1662)

6. Februar 2018

Misanthropie, die Erkenntnis des verletzten Lebens

Fragt weiter wie die Kinder: Und wieso?

Ich habe mich immer schon zur Misanthropie bekannt, bin selbst mal ein Misanthrop, mal keiner und habe grundsätzlich große Sympathie mit Misanthropen. Denn wie ich schon im Artikel Wie wird man ein Misanthrop? geschrieben habe:

"Wie könnte man sich denn ohne Abscheu ansehen, wie wir nicht aufhören, uns in Kriegen und Massakern gegenseitig zu vernichten, wie wir vergewaltigen, foltern, die Natur in Asche legen oder in industriellem Stile Tiere quälen? Wie kann man eine solche unzivilisierte Zivilisation nicht hassen? Wie kann man sich nicht wünschen, all das hörte bald auf?"

Was mir jedoch Sorge macht, ist ein unhinterfragter Menschenhass, einer der nicht mehr verschwindet, sich verschärft und in unsere Gesellschaften einsickert. Misanthropen sind oft wütende, stolze Menschen, wutstolz auf ihre selbstgefühlte Sonderstellung, selbstgerecht in ihrer Verachtung der anderen, hochmütig in ihrer Ablehnung des Daseins. Nicht selten beziehen Misanthropen sich selbst in ihren Menschenhass mit ein, ohne das als einen Widerspruch zu ihrer vermeintlichen Sonderstellung zu sehen. Als Extrem könnte man da Emil Cioran mit seinem Satz nennen: "Ich verzeihe mir nicht, geboren zu sein."

Zarathustra – der erste Misanthrop? (Quelle: Wikipedia)

20. Januar 2018

Der Urmensch und der Motor der Geschichte

Ein einmalig raffiniertes Tier

"Es ist ein sonderbarer, surrealistischer, doch naheliegender Gedanke,
daß dieser Erdball seinen Weg weiterstürmt, umkreist von den neuen Monden,
nämlich den Paketen des giftigen Atommülls, die man in die Stratosphäre hinausschießt,
während irgendwo immer noch die Indianer den Tanz des roten Felsenhahns aufführen."
(Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur, S. 307)

Parallele Welten um 1900: Eine Saami Familie in Norwegen, Nomaden zwischen Steinzeit und Moderne

Die Geschichte ist nicht gerecht und die Evolution ein brutaler und blinder Prozess, so könnte man Yuval Noah Harari zusammenfassen, wenn er in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit der Zeit hinterher trauert, als der Mensch in Gestalt des Homo erectus, Homo ergaster, des Neandertalers und schließlich für einige zehntausend Jahre auch als Homo sapiens in kleinen Horden sammelnd und jagend durch die Wälder und Savannen streifte. Denn es blieb uns aus evolutionären Gründen nicht vergönnt, diese von Harari sehr romantisch dargestellte Lebensweise aufrecht zu erhalten. Dabei hat der Mensch als Gattung sehr wohl die meiste Zeit, nämlich zweieinhalb Millionen Jahre, als Jäger und Sammler und erst seit relativ kurzen zehntausend Jahren als seßhafter Bauer und Handwerker (und jetzt knowledge worker) gelebt.

13. Januar 2018

Good News, Bad News: Was willst du lesen?

Warum uns der mediale Pessimismus lähmt

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du lieber schlechte Nachrichten liest. Wir haben uns auch lange schon dran gewöhnt. Außerdem ist es sowieso zu schwer, Optimist zu sein oder Optimisten ernst zu nehmen. Zum einen, weil die kolportierte Realität der Welt um uns herum ein ständiger Ansturm schlechter Nachrichten auf die Hoffnung in uns ist, dass wir ein gutes Leben haben können. Zum anderen, weil es schick ist und als intelligent gilt, wenn man schlechte Laune verbreitet. Optimisten werden von Pessimisten schnell als "naiv" bezeichnet, Pessimisten selbst hingegen, verstehen sich als Realisten. Es gibt für diese Neigung ganz archaische und tiefe psychlogische Gründe.

Beispiel eines Titelbildes (Quelle: Stiftung Deutsches Historisches Museum)

Ich wurde kürzlich in einer Diskussion als naiv bezeichnet, weil ich meinte, dass es neben den ganzen vermeintlich schlechten Menschen einer Berufsgruppe auch viele gute gäbe. Das finde ich absurd, denn der Pessimist kann einfach so pauschalisieren und sagen "alles ist schlecht" und sich damit als Realisten rühmen. Während der Optimist herabgewürdigt wird, wenn er sagt: "Moment mal, nicht alles ist schlecht, manches ist auch gut." Ist das nicht viel realistischer und vor allem wahrscheinlicher? Pessimisten haben Dank der negativity bias, also der menschlichen Tendenz, die Dinge im Zweifel negativ zu sehen, einen Realitätsbonus auf ihrer Seite.

24. Dezember 2017

Erinnerungen und was sonst von der Kindheit bleibt

Acht Kindheitserinnerungen von acht Autoren

Vor zwei Wochen schrieb ich einen kleinen Text über das Erinnern, die Nostalgie und die Kindheit. Seitdem haben mich viele Zuschriften von Freunden, Autoren und Bekannten erreicht, in denen sie von ihren Erinnerungen berichten, ein paar spontane Erinnerungen kann man auch in den Kommentaren unter dem ursprünglichen Artikel lesen. Ohne weitere Worte will ich einige der mir zugesandten Erinnerungen einfach hier wiedergenben. Viel Spaß beim Lesen und Erinnern und vielen Dank an die Autoren!

Io und Beat, Foto von Elisabeth Göhring

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