Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

5. Juli 2018

Wie es kam, dass wir die Erde beherrschten

Ein Mängelwesen wird durch Fiktionen zu Gott

Wer Geist und Gegenwart kennt, weiß, wie sehr es mir die Philosophische Anthropologie angetan hat, also die Frage: Was ist der Mensch? Bei aller Skepzis am Humanismus, also der religiösen Verherrlichung des Menschen und seiner unteilbaren Würde, ist es doch zulässig und eigentlich auch unumgänglich festzustellen, dass dem Menschen eine Sonderstellung im uns bekannten Kosmos zukommt. Katzen sind niedlicher und weicher, Hunde irgendwie knuffiger und liebenswürdiger, Gazellen sind schneller und Fische können besser unter Wasser atmen und schwimmen. Menschen jedoch beherrschen ganz buchstäblich die Welt mit allen Vor- und Nachteilen, die das für alle bringt.

Auf dieser Platte finden wir das Geheimnis unserer göttlichen Macht (Quelle: NASA, gemeinfrei)

Von den Vorteilen, ein Mensch zu sein

Vielleicht muss man zu den Vorteilen noch etwas sagen, denn die Nachteile für alle, die keine Menschen sind und auch für viele Menschen, liegen ja auf der Hand. Ein riesiger Vorteil für den Menschen selbst ist, dass es ihm gelungen ist, wie der Comedian Louis CK festgestellt hat, sich selbst aus der Nahrungskette herauszunehmen. Das sei ein "massive upgrade", so CK. Für die meisten Tiere ende das Leben damit, gefressen zu werden, nur Menschen stürben regelmäßig alt im Bett und könnten sich weinerlich von ihren Liebsten verabschieden. Da hat er schon Recht, ich würde es auch hassen, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit immer aufpassen müsste, dass ich nicht von Raubtieren angefallen und aufgefressen werde. Und auch, anderen aufzulauern, um ihnen die Kehle durchzubeißen, würde mir nicht immer gefallen.

27. Juni 2018

FOMO, die Suche nach der besten aller möglichen Welten

Ein Artikel von Keyvan Haghighat Mehr

Marcus Tullius Cicero ließ sich Briefe aus Rom schicken, wenn er mal nicht zugegen war, um über jegliche Geschehnisse informiert zu werden. Gute zwei Jahrtausende später fragt man nicht mehr nach Briefen, sondern bekommt sie einfach – rund um die Uhr, wenn man das möchte – und auch nicht nur dann, wenn man gerade nicht da ist.

Wofür sich Cicero entschied, war, an zwei Orten gleichzeitig zu sein – psychisch in Rom, physisch wo auch immer er gerade hin verreist war, denn er hatte wohl Angst, etwas zu verpassen. Angst davor, nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Dinge zu sein, wenn er wieder zurückkehrte, denn das nicht informiert Sein resultierte vielleicht in schlechtem Ansehen, verschlechtertem zwischenmenschlichen Dasein.

Die Menschen des zweiten Millenniums würden bei ihm wahrscheinlich FOMO diagnostizieren – die fear of missing out – die Angst davor, etwas nicht zu erleben und vor den dadurch auftretenden Konsequenzen.

Wie wohl fühlen wir uns mit endlosen Auswahlmöglichkeiten? (Averie Woodard, Unsplash License)

27. Mai 2018

Warum wir Freude an der Natur empfinden

Und was wir damit tun könnten

"Wir haben vielleicht die Natur verlassen,
aber die Natur hat uns nicht verlassen."
Michael McCarthy

Wenn der Frühling kommt und alles neugeboren wird, erneuert das auch unsere Energien und lädt uns auf mit Freude. Alles wird wieder neugeboren und das ist eine erstaunlich erfreuliche Beobachtung für endliche Wesen wie wir, deren Leben nicht zirkulär wie die natürlichen Jahreszeiten verläuft, sondern eben linear von der Geburt zum Tod.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum uns in der Natur eine Art unerklärlicher Freude oder auch Glück und Zufriedenheit überkommen? Stehen wir nicht voller Entzücken auf einem Berg und schauen jubilierenden Herzens runter ins grüne Tal? Versetzt uns nicht der Sternenhimmel in ein freudiges Erstaunen? Haben die rhythmischen Anläufe der Wellen auf den Strand nicht eine beruhigende Magie? Und sind Sonnenuntergänge nicht einfach wie ein großer Frieden, der sich über unsere Seelen legt und sie heilt?


On Being – Interview mit Michael McCarty

Wo kommt diese ästhetisch-emotionale Verbundenheit mit den natürlichen Abläufen her? Warum berührt uns die Natur so und warum sind wir trotz aller Gewalt, die wir so vielen Geschöpfen täglich antun, doch so fasziniert von Tieren? Es ist wie ein Erbe, das tiefer geht als alle Zivilisation. Wir spüren es vielleicht nicht jeden Tag, aber dieses Erbe ist so tief in uns eingeschrieben, dass es sich bei jedem Waldspaziergang wieder meldet, unseren Stress abbaut und die Stimmung hebt.

29. April 2018

Der Mensch ist das Tier, das lügen kann

Wie entfesseltes Lügen unsere Zivilisation bedroht

Sich gegenseitig der Lüge zu bezichtigen ist eine altbekannte Kampfhandlung oder ging und geht zumindest vielen Konflikten, Duellen und Kriegen voraus. Heute bezeichnet Donald Trump alle, die nicht seiner Meinung sind, als Lügner. Und er selbst wird ebenso gern als Lügner bezeichnet (allein diese Symmetrie sagt eigentlich alles darüber aus, was man über das Präsidentenamt der heutigen Zeit, der Nach-Obama-Ära, wissen muss). Oder denken wir an das neue polnische Gesetz, das die vermeintliche Lüge, es hätte Polen gegeben, die beim Mord an Juden mit den deutschen Nazis kollaborierten, unter Strafe stellt und damit selbst in einer offensichtlichen Lüge gründet.

Karikatur von DonkeyHotey (Lizenz: CC BY-SA 2.0)

15. April 2018

Wenn immer gleich alles übergriffig ist

Denken braucht spontane Zumutungen

Ich halte es durchaus für eine zivilisatorische Leistung, freundlich, diplomatisch und rücksichtsvoll zu kommunizieren. Gleichzeitig halte ich es für unabdingbar, dass man offen sprechen kann und auch mal kontroverse Thesen zur Debatte stellen kann, ohne sich gleich innerlich zu zensieren oder gar von anderen per Totschlagargument zensiert zu werden.

Weder ist das dumm-dreiste "Das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen-Dürfen" eine Entschuldigung für Rassismen, Sexismen oder sonstige plumpe Angriffe auf den zivilisierten Umgang unter Menschen, noch sind die "safe spaces" eine diskursive Option, wie sie jetz in manchen amerikanischen Unis gefordert werden und wo nichts mehr gesagt werden darf, das irgend eine/n Anwesende/n vor den Kopf stößt. Solche Zensur im Namen der "political corectness" schafft nicht nur das Denken und Argumentieren ab, es ist auch mitverantwortlich für die Blüte des politischen Populismus, der sich zurecht gegen einen vorauseilenden Konsens im Austausch wehrt.


Wer nicht spricht, wird nicht gewürgt... Mal richgtig übergriffig

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