Geist und Gegenwart

Erkenne dich selbst. Der Rest kommt (fast) von allein.

26. Juli 2020

Kognitive Mobilisierung und Verwirrung

Der Weg der Aufklärung ist komplizierter als Immanuel Kant dachte

Es hat mich immer gewundert, dass antidemokratische Tendenzen wieder zunehmen, trotz des gesellschaftlichen Fortschritts über die letzten 75 Jahre, in der die Demokratie auch in Zusammenarbeit mit der sogenannten sozialen Marktwirtschaft (in Abgrenzung zum Wirtschaftsliberalismus) gezeigt hat, wie sie das Leben aller Beteiligten zu bessern vermag. Die Ängste vor den Fremden, die Spaltung in Wohlhabende und Arme, in sogenannte Eliten und das Volk – all das ist schließlich nichts neues. Auch der liberale Wandel, der sich im Feminismus, in der Anerkennung von Homo-Ehe oder etwa dem sprachlichen Diskriminierungsverzicht zeigt, ist nicht so radikal zwingend, dass er alleine eine so mächtige Gegenbewegung wie den reaktionären Populismus erklären könnte.


21. Mai 2020

Fortschritt und Enttäuschung

Modernisierung als Entlastung und Verdichtung

"Sie wollten den Fortschritt und 
was sie bekommen haben, 
ist die Komplexität." 
(Peter Sloterdijk)

In diesem Artikel werden wir sehen, wie der falsche Begriff zur falschen Zeit eine ganze Gattung an einen Abgrund von unermesslichen Kosten und tiefer Enttäuschung führt.

Fortschritt ist etwas, ohne das wir uns heute gar nicht denken können. Wir verstehen uns als Ergebnis und Urheber des Fortschritts. Er muss überall sein, ansonsten macht unsere Existenz keinen Sinn. Und er weist immer linear von einem defizitären Moment aus der Vergangenheit in einen besseren Moment in der Zukunft. Dabei war bis zur Antike nur eine runde Sache eine gute Sache. Die Welt war gut und alle Entwicklungen liefen als ewige Wiederholungen ab. Das war das große Rad des Lebens. Heute kennen wir das nur noch aus dem Recycling und auch das ist nur nötig, weil wir das Ressourcenproblem (die Erde als ein geschlossenes System) noch nicht gelöst haben. Diesen Rohstoffkreislauf werden wir aber mit Müllkippen auf dem Mond und Rohstoffminen auf anderen Planeten auch bald abschaffen. Woher kommt dieses Denken in geraden Linien, dieses Denken in Bahnen des Fortschritts, das uns unermessliche Schulden und eine tiefe Enttäuschung einbrachten? Peter Sloterdijk macht dafür einen tiefgreifenden Sinneswandel am Beginn der Moderne verantwortlich:

25. April 2020

Solastalgie oder wie wir das Ende der Natur verkraften

Die Krankheit des 21. Jahrhunderts und ihr Trost

Warnung: Das ist ein sehr persönlicher Artikel. Lies ihn nicht, wenn du derzeit keine Aufnahmefähigkeit auf Trauer, Pessimismus und Angst hast!

Ästhetik für ein Leben in Enttäuschung und Trauer

Jede Minute verschwinden etwa 30 Fußballfelder Regenwalds auf der Erde. Jede Minute! 30! "Weltweit verlieren wir derzeit rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der europäischen Alpen. Und das jedes Jahr." (Michael Zemp, ETH Zürich) Die für artenreiche und damit gesunde Meere unverzichtbaren Korallenriffe gehen großflächig an den steigenden Wassertemperaturen kaputt; Unterwasserwüsten breiten sich aus. Und allein während meiner Lebenszeit bisher verschwand mehr als die Hälfte (!) aller wildlebenden Säugetierarten für immer von unserem Planeten. Das Schlimmste: All das sind sich gegenseitig verstärkende Zustände, Teufelskreise wie beispielsweise jener, dass immer weniger Regenwald eben auch immer weniger Luft kühlt oder der, dass weniger Eis an den Polen die Athmosphäre zusätzlich aufheizt und so das Eis noch schneller schmilzt. Mit anderen Worten: Wer heute noch hofft, dass wir diese Entwicklungen wieder in den Griff bekommen, muss komlett irre sein. Die Veränderung beschleunigt sich dramatisch.

In den letzten Monaten macht mir das zunehmend zu schaffen. Ich kann kaum noch Dokumentationen sehen, weil keine Natur-Doku mehr ohne Hinweis auf die alarmierende Verschlechterung der Situation auskommt. Ich kann den sonnig-warmen Frühling kaum noch genießen, seitdem ich sehe, wie hier in Ostdeutschland die Wälder vertrocknen und von Schädlingen zerfressen werden. Ich empfinde eine enorme Trauer, seitdem ich meinem Sohn die Bäche in Berlin Buch zeigen wollte, an denen ich in meiner Kindheit Stichlinge und Frösche fing. Heute ist zum Beispiel der Bach hinter meiner damaligen Schule nicht einmal mehr ein Rinnsal – es ist eine mit Plastikflaschen gefüllte Furche im ausgetrockneten Boden. Ich schlafe schlecht, weil das an mir nagt. Ich bekomme Panikattacken, wenn ich daran denke, was ich meinem Sohn hinterlasse. Ich könnte heulen, wenn ich an die verdreckte und vertrocknete Umwelt denke, in der ich vor gar nicht langer Zeit noch die erfrischende grüne Kühle und Stille fand, die meine Psyche so dringend benötigt. Ich habe Angst vor dem Kippen unserer Gesellschaften als Folge der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Was ist los mit mir, dass mir das persönlich so nahe geht?

6. April 2020

Den Zusammenbruch akzeptieren, die Krise meistern

Warum krampfhaft erhalten, was dem Untergang geweiht ist? 

Ein Text von Frank Augustin

Zwingt uns die Corona-Krise endlich eine neue Bereitschaft für eine neue Wirtschaftswelt auf? Zu hoffen wäre es, gerade auch, weil wir die letzte Krise um 2008 dazu nicht genutzt hatten. Denn bisher gab es auf der einen Seite nur die hoffnungslosen Romantiker, die sich Veränderung auf die Fahnen schreiben, aber weder vom Bösen im Menschen noch von Systemzwängen etwas wissen wollen und auf der anderen die Anhänger der Wachstumsfortschrittsreligion, die sich, von Verlustängsten und Orientierungslosigkeit geplagt, ans Alte klammern. Nun muss unter den Vorzeichen der Corona-Pandemie allen klar werden, dass das Alte einfach nicht mehr funktioniert. Aber ist ein Ausstieg aus dem Alten ohne unzumutbare Härten überhaupt möglich? Der folgende Text erschien zuerst in der philosophischen Wirtschaftszeitung Agora42, Ausgabe 1/2020 Innovation.

Hoffnung und Angst in einem Bild (NASA and ESA pollution monitoring satellite, Public Domain)

22. Februar 2020

Psychologie und Philosophie der Pferdestärken

Das Auto als Mutterersatz und Antidepressivum?

Wir haben ein Auto. Meistens steht es rum, in unserer Freizeit bringt es uns in den Wald, an den See oder in den Urlaub. Werden wir Menschen das Auto jemals wieder loswerden können? Das frage ich mich manchmal, wenn ich einerseits sehe, wie wenig sinnvoll, wie klimaschädlsich ein eigenes Auto ist und wenn andererseits klar ist, dass es industriell gar keinen Schwenk weg vom Auto gibt. Statt vernunftorientiert in der Breite auf öffentliche Verkehrsmittel zu setzen, sehen wir momentan das Hinüberretten des Individualverkehrsmittels Autos in eine Zeit, nach dem Verbrennungsmotor. Das lässt vermuten, dass es beim Individualverkehr gerade nicht um Vernunft geht. Was steckt denn vielleicht philosophisch und tiefenpsychologisch hinter diesem Fetisch Auto?

Fetisch Auto: Ausschnitt aus "Natural Beauty" von Sebastian Schrader

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