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27. Juni 2018

FOMO, die Suche nach der besten aller möglichen Welten

Ein Artikel von Keyvan Haghighat Mehr

Marcus Tullius Cicero ließ sich Briefe aus Rom schicken, wenn er mal nicht zugegen war, um über jegliche Geschehnisse informiert zu werden. Gute zwei Jahrtausende später fragt man nicht mehr nach Briefen, sondern bekommt sie einfach – rund um die Uhr, wenn man das möchte – und auch nicht nur dann, wenn man gerade nicht da ist.

Wofür sich Cicero entschied, war, an zwei Orten gleichzeitig zu sein – psychisch in Rom, physisch wo auch immer er gerade hin verreist war, denn er hatte wohl Angst, etwas zu verpassen. Angst davor, nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Dinge zu sein, wenn er wieder zurückkehrte, denn das nicht informiert Sein resultierte vielleicht in schlechtem Ansehen, verschlechtertem zwischenmenschlichen Dasein.

Die Menschen des zweiten Millenniums würden bei ihm wahrscheinlich FOMO diagnostizieren – die fear of missing out – die Angst davor, etwas nicht zu erleben und vor den dadurch auftretenden Konsequenzen. 

8. April 2018

Gegen die Leichtigkeit des Seins

Das einfache Leben – ein navier Traum

Minimalismus, Askese, Authentizität: das seien die Zutaten zu einem einfachen Leben, steht im Philosophie Magazin (Nr. 3 / 2018). Man könnte auch sagen: Lebensflucht, Sinnesfeindlichkeit und Egozentrik. Wie man es auch nennt, der zeitgeistige Trend zur Einfachheit beginnt mit einem Überforderungsgefühl, dem bei priviligierten Zeitgenossen Umstände wie diese drei zugrunde liegen:

  1. Zu viele Dinge umgeben uns und verlangen unsere Aufmerksamkeit und unser tägliches Management.
  2. Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem unsere Begierden jederzeit erfüllt werden können. Das ist sehr anstrengend, denn es erfordert ständige Organisation, Evaluation und Investition.
  3. Wir spielen zu viele Rollen jeden Tag: Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Lebens- oder Ehepartner, Elternteil, Autor, Künstler, Bandmitglied, Bodybuilder oder Vereinsmitglied – das grenzt an Persönlichkeitsspaltung und frisst jede Menge Energie.

Das sind Überforderungszenarien, deren Kombinationen eine wohlhabene, mitteleuropäische Existenz heute beinahe dauernd ausgesetzt ist. Das ist immer noch besser, als Hunger zu leiden oder von Krankheiten und Kriegen bedroht zu sein, aber das haben wir schon lange vergessen, deswegen kommt uns unser Leid auf hohem Niveau nicht weniger furchtbar vor.

9. September 2017

Die vergnügliche Verzweiflung am Sein

Vom Elend des Menschseins auf dem asketischen Stern

»Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben«. (Silenos auf die Frage des Midas, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. In: Die Geburt der Tragödie, Friedrich Nietzsche, 1873)

Papst Innocent III, geboren als Lotario dei Conti di Segni (Fresko im Kloster San Benedetto um 1219)

Wir hören erst auf zu sterben, wenn wir aufhören zu leben. Das ist in etwa die Erkenntnis des Lotario de Segni in seiner Schrift "De miseria humanae conditionis", die er im 12. Jahrhundert verfasste, noch bevor er 1198 zum Papst Innocent III. berufen wurde. Diese Schrift war in den folgenden Jahrhunderten eine der populärsten und am meisten (noch vor dem Buchdruck) vervielfältigten Abhandlungen über das menschliche Dasein. Was war das für eine Zeit, als man sich in der sich selbst zugeschriebenen Unwürdigkeit suhlte? Vielleicht wäre unsere Geistesgeschichte eine andere, eine positivere geworden, wenn Lotario nicht Papst geworden wäre, sondern statt dessen die Zeit gefunden hätte, die geplante Gegenschrift von der Würde des Menschen zu verfassen. Das ist aber nie geschehen. So wurde diese pessimistische Schrift zu einer Grundlage unserer Weltverachtung wie wir sie seither von Luther über Schopenhauer bis Cioran kennen.

23. Juli 2017

Zu einer mehrdimensionalen Lebenskunst

Ginge auch beides?

Wer hat sie nicht, diese zwei Seelen in der Brust? Anspannen oder entspannen? Fitness-Center oder Couch? Mehr wollen oder sich mit dem zufrieden geben, was man hat? Karriere oder Ausstieg aus dem Hamsterrad? Wie bei allen dualen Entgegensetzungen vermute ich auch hier, dass ein Entweder-Oder nicht der richtige Ansatz sein kann. Eigentlich will ich doch sowohl das eine, als auch das andere. Anfang des Jahres war ich in einem ausführlichen und wirklichen guten Coaching, nach dessen Ende ich ein Kärtchen mit einem Slogen darauf überreicht bekam, er lautete: "Ginge auch beides?" Ich brauchte einen Moment, um mich damit anfreunden zu können und dann begriff ich, dass es mich nicht etwa als gierig beschrieb, sondern dass es mir meistens um ein Sowohl-als-Auch geht.

Die Frage, ob man sich lieber mit wenig zufrieden geben sollte oder doch ständig nach mehr streben sollte, ist eine klassische Frage der Lebensphilosophie, findet auch das neuste Philosophie Magazin mit dem Titel "Will ich zu viel – oder zu wenig?" Es gab schon in der Antike Stoiker, die auf der einen Seite Mäßigung in allen Lebensfragen anmahnten und Sophisten auf der anderen Seite, die vermuteten, dass das Predigen von Bescheidenheit ein Versuch der Schwachen sei, die Starken in ihrem Vorwärtsdrang zu bremsen (Nietzsche nannte das dann "Sklavenmoral").

Intensität als Versprechen des Seins (Burning Man CC BY 2.0)

25. Februar 2017

Was bedeutet es, reich zu sein?

"Reich sein" scheint ein objektiv zu beschreibender Zustand zu sein, denn man kann das an Zahlen ablesen: Was auch immer das Zahlungsmittel in einer Gesellschaft ist, man ist reich, wenn man viel davon hat. Egal ob es Gold ist, ob es Muscheln sind oder Gewürze – wenn es als Zahlungsmittel taugt, weil alle sich über die Stabilität des Werts dieses Mittels einig sind, dann ist derjenige reich, der viel davon hat. Bei uns sind diese Mittel lange schon im Geld abstrahiert. Geld ist in dieser Hinsicht nahezu magisch, denn wir können mit Geld alle anderen Mittel und noch vieles mehr erwerben. Kein Wunder also, dass bei uns derjenige als reich gilt, der viel Geld hat.

30. Oktober 2016

Postwachstum: Müssen wir uns gesundschrumpfen?

"Degrowth" statt "Wachs oder stirb!"

Die Ausbreitung des Ökologischen Imperativs über die letzten 30 Jahre kann sich den kapitalistischen Entfremdungsdynamiken nicht entziehen. Wie alles gut gemeinte, kann das populäre Ökobewusstsein unter dem Strich nicht mit ausschließlich gewünschten Ergebnissen, also etwa gesunkenem Ressourcenverbrauch oder mehr Natur punkten: Windparks statt Wälder, SUVs statt Käfer und Billig-Bio im Discounter. Zugrunde liegt auch ein Prinzip, nachdem uns effizientere Technologien nicht zum Sparen bringen, sondern dazu, mehr davon zu nutzen und damit zum selben oder zu einem größeren Ressourcenverbrauch zu kommen.

Was hat die Schnecke dem Menschen voraus? Sie kennt keinen Konsumstress zum Beispiel.

Es ist so ähnlich, wie wir auch nicht mehr Freizeit dadurch bekommen, dass wir die Dinge nun schneller erledigen können, denn wir machen dann eben einfach mehr und kommen so unter Zeitdruck. Und wie ökologisch (un-) verträglich die Fertigung und Entsorgung all der Akkus für unsere Elektroautos sein wird, die nun bald den Verbrennungsmotor ersetzen sollen, wird sich noch zeigen. Der Post-Wachstums-Blues macht sich breit.

24. Dezember 2015

Die Gesellschaft hat nicht immer recht

Ein Gastartikel von Benedikt Ahlfeld

Benedikt coacht und trainiert seit 10 Jahren Menschen aus Wirtschaft, Sport und Medizin für besseres Management, das Treffen von Entscheidungen und eine größere Umsetzungskompetenz. Auf Geist und Gegenwart bittet er uns heute, anhand von sechs Denkanstößen einmal unsere Beziehung zur Gesellschaft und ihren oft subtilen Einflüsterungen und Erwartungshaltungen zu hinterfragen. Dieser Artikel lehnt sich an ein Kapitel aus seinem E-Book Überwinde die Angst, du selbst zu sein an. Auf seinem Blog schreibt Benedikt mehr darüber, wie man besser entscheiden und mehr umsetzen kann.

Führst du dein Leben so, wie man es sich in unserer Gesellschaft vorstellt? Mit einem guten Job, einem tollen Eigenheim und einem harmonischen Familienleben. Gratuliere, dann bist du genauso, wie es die Gesellschaft von dir verlangt und erwartet. Von außen betrachtet verkörperst du das Bild des glücklichen Menschen. Doch hast du dir schon einmal den Spiegel vor die Nase gehalten? Bist du mit deiner Gesamtsituation wirklich zufrieden? Oder hast du einfach dem großen Druck der Gesellschaft nach gegeben?

So wie hier beschrieben geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche nach einem Leben in absoluter Sicherheit, einem Leben, wie es andere Vorbilder vorleben und es auch von ihnen erwartet wird. Doch wirf einen Blick in dein Umfeld. Wenn du es genauer betrachtest, ist es eine Scheinwelt: Nach außen hin wird die heile Welt vorgetäuscht und im Inneren spielen sich oft ernsthafte Tragödien ab. Grund dafür ist der gesellschaftliche Druck, der für viele Menschen einfach zu groß ist, um eine Veränderung in ihrem Leben zu wagen. Das ist eine Aufforderung, über dein Leben nachzudenken. Ist es wirklich so, wie du es willst, oder ist es jetzt Zeit, etwas daran zu ändern?

2. Juli 2015

Besitzen, als besäße man nicht

Ein Interview zur Spannung zwischen Freiheit und Eigentum

Thomas Gutknecht, Philosoph, Theologe, Germanist und Psychologe, wurde 1953 in Stuttgart geboren und ist seit 2003 ist er Präsident der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis. Er selbst praktiziert in dem von ihm 1991 gegründeten Logos-Institut. Themenschwerpunkte seiner Arbeit sind unter anderem Aspekte der Lebenskunst, Fragen nach Sinn und Glück, Philosophie der Zeit, der Gesundheit, der Religion sowie Theoriefragen der Philosophischen Praxis. Das philosophische Wirtschaftsmagazin agora42 hat dem Philosophen für die neue Ausgabe "Besitz und Eigentum" einige Fragen dazu gestellt, was Besitz eigentlich für ein geglücktes Leben bedeutet.

Thomas Gutknecht: Die Mitte ist etwas sehr Spannendes (Foto: Janusch Tschech)

agora42: Viel zu besitzen, wird heute überwiegend als etwas Positives angesehen. Für den Philosophen Diogenes von Sinope bestand die richtige Lebensweise hingegen darin, allem Materiellen zu entsagen. Er soll in einem Fass gewohnt und selbst noch seinen Becher weggeworfen haben, als er ein Kind aus den Händen trinken sah. War er ein Spinner?

16. Mai 2014

Zuflucht zu den inneren Wäldern

Rückzug in die Einsamkeit als Form des Widerstandes


Cottage in the woods
Sibirien: Cottage in the Woods (Bild von Igor via Flickr, Lizenz: CC)

Der moderne Kapitalismus ist ein enorm anpassungsfähiges Untier. Im Survival of the Fittest ist er der Gewinner unter den Staatsformen. Jede noch so subversive Aktion wird dankbar von ihm aufgenommen. Gestärkt geht der Kapitalismus aus allen Konfrontationen mit seinen Gegnern hervor, er liebt seine Gegner und macht sie zu Geld. Punkmusik und Banksy verkaufen sich prächtig. Der Staat lacht mit seinen Kabarettisten, wo andere Staatsformen sie wegschließen. Und je heruntergekommener ein Stadtbezirk, desto schöner seine Gentrifizierung. Man fragt sich, ob dieses amöbenartige Einverleiben alles Widerstandes eine Grenze findet. Kann man überhaupt etwas subversives tun? Gibt es ein richtiges Leben in einer falschen Welt? In Sylvain Tessons Buch In den Wäldern Sibiriens fand ich dazu folgende Stelle:

"In der Stadt bezahlen der Liberale, der Linke, der Revolutionär wie der Großbürger ihr Brot, ihr Benzin und ihre Steuern. Der Einsiedler dagegen bittet den Staat um nichts und gibt ihm nichts. Er vergräbt sich in den Wäldern und entnimmt ihnen, was er braucht. Sein Rückzug stellt für die Regierung einen Gewinnausfall dar. Zum Gewinnausfall zu werden, sollten die Revolutionäre sich zum Ziel setzen. Eine Mahlzeit aus gebratenem Fisch und im Wald gepflückten Blaubeeren ist staatsfeindlicher, als eine mit schwarzen Fahnen gespickte Demonstration. Diejenigen, die die Zitadelle sprengen wollen, brauchen die Zitadelle. Sie sind gegen den Staat in dem Sinne, dass sie sich gegen ihn lehnen. Walt Whitman: »Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen (Was überhaupt habe ich mit ihnen gemein? oder was mit ihrer Zerstörung?)« [...]

Rückzug ist Revolte. In eine Hütte zu ziehen bedeutet, von den Kontrollschirmen zu verschwinden. Der Einsiedler löscht sich. Er sendet keine digitalen Spuren mehr, keine Telefonsignale, keine Bankkartenimpulse. Er entledigt sich jeder Identität. Er praktiziert ein umgekehrtes Hacking, er tritt aus dem großen Spiel aus. Es ist im Übrigen keineswegs notwendig, dafür in den Wald zu gehen. Der revolutionäre Asketismus wird auch im urbanen Kontext geübt. Die Konsumgesellschaft bietet die Wahl, danach zu handeln. Etwas Disziplin genügt. In der Welt des Überflusses steht es den einen frei, als Fettkloß zu leben, den anderen aber, Mönch zu spielen und ihr Dasein abgemagert im Gemurmel der Bücher zu führen. Letztere nehmen Zuflucht zu den inneren Wäldern, ohne ihre Wohnung zu verlassen. "

Nun kann eben wirklich nicht jeder in eine Hütte am Ural ziehen. Und außerdem wollen das auch nur die wenigsten. Warum? Nun: Ich empfehle das Buch von Tesson zu lesen, dann kriegt man von ganz allein kalte Füße. Aber wir haben eben doch die Wahl: Wenn es nicht die Wälder der Wildnis sind, in die wir uns zurückziehen können, dann wenigstens die inneren Wälder, die wir oft aber auch erst wieder entdecken müssen (wo sie nicht schon abgeholzt sind).

Ich traf Sylvain Tesson in Leipzig im Institut Français im Rahmen der diesjährigen Buchmesse. Tesson ist ein sehr ruhiger, witziger Mensch, sehr politisch interessiert und trotzdem ein Naturmensch, der auch die deutsche Philosophie - immer mit einer gewissen ironischen Distanz - liebt: "Schopenhauer in Sibirien hat noch einmal eine ganz andere Brutalität." Wer diesen Mix - Humor, Politik, Literatur, Natur und Philosophie - interessant findet, dem lege ich ganz dringend das Buch In den Wäldern Sibiriens: Tagebuch aus der Einsamkeit ans Herz. Tesson steht der nordamerikanischen Tradition des Nature Writings in absolut nichts nach. Für mich ist er meine literarische Entdeckung des Jahres.



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12. Mai 2014

Über das Glücklichsein

Der Antrieb der Menschen ist Glücklichsein, sagt Elias Fischer. Jeder Mensch wolle im Prinzip einfach nur glücklich sein und so könne man vielleicht all seine Handlungen darauf zurückführen, dass ein jeder versucht, sein Leid zu verringern und sein Glück zu erhöhen. Je nach Lebenserfahrung und Bewusstseinszustand hat jeder von uns die unterschiedlichsten Ansichten darüber, was ihn glücklich macht. In diesem Artikel möchte Elias Fischer einige Dinge vorstellen, die ihn in seinem Leben vom wahren Glück abgehalten hatten.

Child playing
Es gab nur den Moment, dich und dein Sein (Alan Pantoja via Flickr, CC)

Drei Hürden auf dem Weg zum wahren Glück

Zu Beginn möchte ich erst einmal erklären, was für mich Glück und wahres Glück sind. Ein inneres Hochgefühl können wir nämlich kurzfristig erzeugen, indem wir uns schöne Dinge kaufen, essen oder irgendetwas anderes konsumieren. Generell ist beim Konsumieren das Glück immer nur von kurzer Dauer. Es hat nichts mit Beständigkeit und innerer Erfüllung zu tun.

27. April 2014

Die dumme Freude über das schöne Wetter

Ein Wetterwechsel aber genügt, um die Welt und uns selbst gleichsam neu zu erschaffen. 
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Einfache Freuden (Foto von Martin Talbot via Flickr, Lizenz: CC BY 2.0)

Gibt es nichts Wichtigeres, als das Wetter?

Heute saß ich dösend auf meinem kleinen Balkon zu ebener Erde, vor mir das Gras, der Kirschbaum, die Brombeersträucher. Vögel trällerten ihre Frühlingslieder, die Wolken zogen von Westen über das Blau und wechselten sich ab mit intensiver Sonne. Von hinter dem Haus drangen die Stimmen spielender Kinder herüber, die Bienen summten durch die Blüten um mich herum und ein Flugzeug zog unsichtbar, aber dennoch entfernt hörbar durch die Stratosphäre über mir. Der Sommer kommt und das macht mich glücklich.

Die Freude, die gutes Wetter in uns erzeugen kann, ist auf eine Art absurd. Dankbarkeit für die Sonne gehört in eine Kategorie ganz bescheidener und einfacher Erfüllung. Aus intellektueller Perspektive ist es verführerisch, die Wichtigkeit von Wetter völlig zu leugnen und sich statt dessen auf die vermeintlich substantiellen Probleme wie Wirtschaft und Politik zu konzentrieren, die unsere Leben viel stärker bestimmen. Es sollte uns doch möglich sein, über solchen kleinen Frustrationen wie 11 Tage Regen und ein hartnäckiger Nord-West-Wind zu stehen.

In Wirklichkeit aber, zeigt unser Verhalten eine Hingabe an eine ganz einfache Wahrheit: Unser Vertrauen in uns selbst und unsere Zukunft hängt ganz oft von nichts größerem als der Anzahl der Photonen und der Wärme auf unserer Haut ab. Hitze, eine angenehme Briese, intensives Sonnenlicht und frische Blumen können eine entscheidende Rolle dabei spielen, uns zu ermutigen und nicht aufzugeben. (The Philosophers' Mail)

Es ist keine ganz neue Erkenntnis, dass unsere Stimmungen und unser Wohlbefinden, sogar unsere Gesundheit von so simplen Dingen wie dem Wetter abhängen. Bedenkt man, dass wir ursprünglich Naturwesen sind, dann verwundert es auch gar nicht, denn die Zyklen der Natur spielen in den Lebenszyklen der Tiere - sei es Winterschlaf, Paarungszeit, Nahrungsfülle und -knappheit - eine entscheidende Rolle. Unsere kulturellen Errungenschaften wie Kleidung, Nahrungskonservierung, künstliches Licht und beheizte Räume haben uns etwas vom Rhythmus der Natur emanzipieren können. In den ganz tiefen Rhythmen unserer Stimmungen und Lebensenergien geben die natürlichen Zyklen aber immer noch den Ton an.

9. April 2014

Die horizontalen Linien des Glücks

Agnes Martin über Einsamkeit, Stolz und die Freiheit des Geistes

Die Malerin Agnes Martin, 1912 in Kanada geboren und 2004 in New Mexiko gestorben, war eine Zurückgezogene, deren minimalistische Kunst auf die elementaren Grundmuster unserer Existenz zu verweisen scheint. Aus der lebhaften Szene in New York zog die Künstlerin des abstrakten Expressionismus in die leere Wüste im Südwesten der Vereinigten Staaten. "Die besten Dinge im Leben", so ihre Auffassung, "passieren, wenn du allein bist."

Chuck Close
Agnes (Martin) von Chuck Close, 1998. (Quelle: CC Rocor via Flickr)

19. Januar 2014

Die Luft ist voll unsichtbarer Pfeile

Wie könnten wir unser Leben entschleunigen?


Henry Thoreau: "Sind die Menschen seit der Erfindung der Eisenbahnen nicht etwas pünktlicher geworden? Sprechen und denken sie nicht schneller auf dem Bahnhof als vor der »Posthaltestelle«? Etwas Elektrisierendes liegt in der Atmosphäre eines Bahnhofs." (Walden oder Leben in den Wäldern - Kapitel 7)

Afrika: Weniger Uhren, dafür mehr Zeit (Bild von Katja, Lizenz: CC0 )

Genau jetzt, also etwas später...

Während der letzten zwei Wochen war ich in Südafrika unterwegs. Mit dem Auto vom Atlantik zum Indischen Ozean die Küste entlang, die Sonne und das Meer genießen, die exotischen Früchte entdecken und die Tiere bestaunen. Und - wie immer, wenn ich etwas weiter weg bin - die Mentalität der Menschen in mich aufnehmen. Der erste Restaurantbesuch hat mir beispielsweise vor Augen geführt, wie unterschiedlich Menschen mit der Zeit umgehen. Ich hatte zwar Urlaub, aber dennoch kam mir das Warten auf die bestellten Getränke und Speisen viel zu lange vor. Ich brachte mich durch Nachfragen beim Kellner in Erinnerung, weil ich dachte, vergessen worden zu sein. Das war aber nicht der Fall, es dauert eben nur etwas. Die Kellner kennen die Ungeduld der Touristen schon und beschwichtigen: "I'll bring your order just now." Just now, also wörtlich übersetzt "jetzt sofort", heißt in Südafrika jedoch so viel wie "etwas später" und kann eine Dauer von 10 Minuten beschreiben oder auch zwei Stunden. Auch sonst fällt die Ruhe auf, mit der sich die Menschen in Südafrika bewegen. Manchmal kann ihre Schrittgeschwindigkeit an Schildkröten erinnern und tatsächlich hielten wir in Städtchen wie Sedgfield, die sich das Label "slow town", also etwa "langsame Stadt" und als Wappentier eine Schildkröte gegeben haben.

6. August 2013

Erfolg ist, wenn man die eigenen Schiffe in Brand setzt und kämpft

Genies werden nicht geboren, sondern gemacht


Die schlechte Nachricht ist: Erfolg ist harte Arbeit und erfordert unbequeme Entscheidungen. Die gute Nachricht ist: Jeder kann für sich selbst definieren, was Erfolg ist und seine eigenen Wege einschlagen, um dahin zu kommen. Sebastian Klein zeigt uns im folgenden Artikel die Wege zum Erfolg auf und hat dafür nicht weniger als fünf Bücher gelesen und für uns zusammengefasst. Aber lesen Sie selbst...

Elefanten essen? Verstehen Sie es bildlich, wenn Sie Vegetarier sind oder vom WWF


31. März 2013

Wittgenstein und die gute Form des Lebens

In Peter Sloterdijks Buch Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik von  2009 bin ich auf ein eigenartiges Zitat von Ludwig Wittgestein (1889 - 1951) aufmerksam geworden:
"Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann dein Leben verändern, & paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische." (Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Frankfurt a. M. 1994, S. 62)
Auf Facebook habe ich das Zitat erst mal zur Diskussion gestellt und dort gab es viele gute Gedanken dazu. Wittgensteins Worte bleiben aber eigenartig, weil sie unserem heutigen Verständnis von Leben so fern zu stehen scheinen. Wer heute Leben sagt, muss eigentlich immer gleich Pluralität mitdenken. Eine Form von Leben gibt es schon gar nicht, sondern immer viele Formen. Und alle sind OK. Außerdem klingt es sehr nach Anpassung des eigenen Lebens an diese eine rigide Form, wo wir doch im Gegenteil immer versuchen, die äußeren Formen unserem Leben anzupassen. Das Zitat hat mich neugierig gemacht und ich will zeigen, wie man es heute lesen kann und was das für uns praktisch bedeuten kann.*

17. März 2013

Ankunft im Postmaterialismus

Was wir wirklich wollen

"Wird nur noch von Innovation geredet, ist das ein sicheres Zeichen für den Niedergang. Und heute redet jeder von Innovation."*
In einem Landhaus in Maine lebt eine Philosophin, Sozialpsychologin und Ökonomin, von der wer leider viel zu selten hören: Shoshana Zuboff. Niemand hat die Krise des Kapitalismus so treffend aus einer Perspektive des Individuums und seines Verlangens auf der einen Seite und der technologischen Infrastruktur auf der anderen Seite analysiert. Durch diese Analyse wird sichtbar, an welchem historischen Punkt des Niedergangs einer Wirtschaftsform wir uns befinden und wie wir von dort aus weiter machen können. Es kommt nur darauf an, was wir wirklich wollen.

"Der Kapitalismus verpennt den Wandel" (Foto: Regierungsbezirk Tokio, Gilbert Dietrich)

Verlangen und Massenproduktion

Zuboff geht von einem simplen und uns allen bekannten Gedanken aus: Das Verlangen bestimmt den Markt, denn das was Menschen verlangen, findet Absatz und damit lässt sich Geld verdienen. Historisch lässt sich das an Beispielen wie dem Porzellan zeigen, das im 18 Jahrhundert plötzlich vom Bürgertum begehrt wurde, weil es ein Zeichen des Reichtums war, der zuvor dem Adel vorbehalten war. Oder denken wir an die 50er und 60er Jahre: Alle wollten Kühlschränke und Autos haben, denn diese Gegenstände waren Luxus. An der Autoproduktion lässt sich zeigen, wie dieses Verlangen der Masse befriedigt wurde: Die Produktion wurde auf Masse umgestellt, das Fließband ließ die Preise purzeln und seit dem ist das Auto kein Luxusgegenstand mehr.

Seit die Masenproduktion Autos für alle erschwinglich machte, lässt sich nur noch durch Innovation am Produkt selbst ein Unterschied zwischen Volkswagen und Luxuskarosse herstellen. Aber irgendein Auto kann sich heute beinahe jeder leisten (wenn auch den Unterhalt vielleicht nicht). Wir zahlen heute für Konsumgüter nicht mehr jeden Preis, sondern nur, was wir auch zahlen wollen. So verlieren diese Güter auch deshalb an Attraktivität, weil sie leicht zugänglich sind. Die Massenproduktion hat das Verlangen auf breiter Ebene stillen können, jedoch hat sich das Verlangen inzwischen verändert.

Individualisiertes Verlangen

Die Massenproduktion hat ein Wohlstandswachstum in Gang gesetzet, das die Gesellschaft ungeheuer komplex werden ließ und ein neues gesellschaftlichen Phänomen geboren hat: das "psychologische Individuum". Auf diesem Individuum liegt zum einen die Last, sich seinen gesellschaftlichen Status selbst zu erarbeiten (etwas, das in der Ständegesellschaft ausgeschlossen war), hat aber auf der anderen Seite zu einer Emanzipierung des Ichs geführt. Jeder begreift sich nun als einzigartig und mit dem Recht ausgestattet, diese Einzigartigkeit in allen Lebensbereichen zu verwirklichen.

"Ich betrachte das als Aufblühen, als fast unbegreiflich positives Signal von Menschlichkeit. Wir halten uns für wert, in Würde zu leben."*

Man kann sicher nicht sagen, dass diese Individualisierung mit den dazugehörigen Menschenrechten allein durch die Massenproduktion und den resultierenden Wohlstand ermöglicht wurde, aber es ist erfrischend festzustellen, dass Massenproduktion nicht nur ein Schimpfwort sein kann, sondern durchaus seine Zeit gehabt hat, die nun aber vorbei ist.

Während die Massenproduktion der Industrie zur Blaupause für alle gesellschaftlichen Strukturen von Schule über Krankenhaus bis Nationalpark wurde, hat sich als Folge, Begleiterscheinung und Gegenbewegung der Individualismus in die Gesellschaft geschlichen. Das jeweils andere Verlangen aller Vertreter diesen Individualismus passt nicht mehr zu den Mechanismen der Massenbewegung.

Wichtiger als der Erwerb von Konsumgütern ist uns heute, "Zugang zu den materiellen und immateriellen Ressourcen zu haben, die wir brauchen, um so zu leben, wie wir leben wollen. Solche Ressourcen werden aber kaum angeboten."*

Der Kapitalismus verpennt den gesellschaftlichen Wandel, Chaos ist unvemeidbar

Die Bedeutung von "Wert" ändert sicht. Wenn früher etwas einen Wert an sich hatte (weil sich alle über den Warenwert einig waren), dann ist heute der Wert im Individuum und seinen je ganz eigenen Zielen verborgen. Wir wollen nicht mehr alle dasselbe, sondern zum Beispiel unser individuelles Verständis von einem glücklichen Leben verwirklichen.

Der Kapitalismus jedoch, ist in weiten Teilen immer noch der alte. Und weil sein Absatz ins Stocken gerät, wird überall heftig Innovation betrieben, um mit dem altbekannten "Neu" auf jeder Verpackung doch allen denselben Krempel zu verkaufen. Das klappt im Moment höchstens noch, weil es neue Absatzmärkte für Konsumgüter in Asien, Afrika und Südamerika gibt. Strukturell ist das System jedoch am Ende. Deutlich zu sehen, so Zuboff, ist das am Kapitalmarkt:

"...der Kommerzapparat ist ermattet, zieht sich von Güterproduktion und Handel zurück und benutzt das angehäufte Kapital als Basis, um mit finanziellen Instrumenten [d.h. nicht mehr mit Ware, GD] Profit zu erwirtschaften. Die Folge ist eine Kontraktion, in der Firmen finanziell gesund sind, dank Gewinnen durch finanzielle Transaktionen, aber der Wohlstand der Gesellschaft abnimmt. Soziales Chaos ist unvermeidbar."*

Internet - die dezentralisierte Infrastruktur der neuen Ökonomie

Statt kleinteiliger Innovation, die nur noch reparieren will, was systemisch schon versagt hat, muss es zu Mutationen kommen, die sich der neuen Umwelt des individualisierten Verlangens anpassen können. Die nötige dezentralisierte Wertschöpfung, die sich an den jeweils individuellen Werten orientiert, findet bereits im Internet ihre passende dezentralisierte Infrastruktur. Das erinnert an Chris Andersons Postulat vom Long Tail, wonach im Internet die "große Anzahl wenig gefragter Produkte mehr Umsatz erzielen kann als wenige Bestseller" (Wikipedia).

Das heißt übersetzt, dass es sich bald eher lohnen wird, auf ganz individuelle Interessen zu setzen, als auf den vermeintlichen Massengeschmack. Der Zusammenschluss kleiner dezentralisierter Produzenten von Kleidung, Schmuck und Gebrauchsgegenständen auf Seiten wie Etsy scheint das ebenso zu belegen, wie der sich abzeichnende dezentrale Medienkonsum und die kommende Technologie des 3D-Printing. Das Ende der Massenproduktion kommt für uns freilich nicht auf einen Schlag (genauso wenig wie der Buchdruck für die vor 500 Jahren lebenden Mönche), aber aus einem geschichtlichen Abstand wird es als große historische Verwerfung beschrieben werden können.

Das Internet als wirtschaftliche Infratsuktur ist aber nur eines der begleitenden Phänomene: "Das System des Managerkapitalismus mit seiner konzentrierten Organisation, hierarchischer Kontrolle und Ausrichtung auf den Massenkonsum ist an seine adaptiven Grenzen gestoßen. Innovation hält es bloß künstlich am Leben."*

Hybriden eines neuen Kapitalismus

Zuboff beschreibt Firmen wie Apple und Google als Hybriden, die auf diesen Long-Tail-Effekt dadurch setzen, dass sie nicht ein Produkt für alle anbieten, sondern gerade die Verfügbarkeit des Abseitigen herzustellen versuchen. Sie verstehen zwar, dass das Geschäft vom Nutzer ausgeht und nicht mehr von der Firmenzentrale, aber sie versuchen das dann wiederum mit zentralistischen Strukturen (proprietäre Verschmelzung von Software- und Hardware als goldener Käfig für den Nutzer bei Apple) und alten Geschäftsmodellen (Anzeigenverkauf bei Google) oder gar Orwell'scher Komplettdurchleuchtung des Nutzers (bei Facebook) zu kolonisieren. Google und Facebook sehen das naturgemäß anders, denn für sie ist der Anzeigenverkauf und die Durchleuchtung des Nutzers auf der Suche nach seinem Verlangen genau die Voraussetzung für den Long-Tail-Kapitalismus. Was sie dabei vergessen ist, dass bereits die brachial-eigenmächtige Art und Weise, mit der sie ihr Geschäft durchziehen, (siehe Facebook und Datenschutz) immer weniger zum Verlangen der Nutzer passt.

"Der Ort des ökonomischen Werts hat sich ins Verlangen des Individuums verlagert. Wären Facebook oder Google oder Apple sich ihrer Rolle als historische Kraft bewusst, würde keiner von ihnen gegen das Interesse seiner Nutzer handeln. Denn sie wüssten, dass sie so auch künftigen Profit verringerten. In jedem Augenblick, in dem sie das Vertrauen des Individuums enttäuschen, geht ihnen Geld verloren."*

Es stellt sich die Frage, wie eine Ökonomie aussieht, in der solche Firmen alles richtig machen. Welche Konsequenzen würden sich daraus ergeben, dass solche Firmen ausschließlich im Interesse der Nutzer handeln würden? Zuboff nennt das eine "ganz neue, noch nicht kartographierte Landkarte" mit enormem ökonomischen Potenzial. Die Nutzer seien bereit, dafür zu bezahlen, dass ihnen die Ressourcen geboten werden, die sie benötigen, um ihre Idee von einem guten Leben zu verwirklichen. Nur darf man dabei nicht ihr Vertrauen missbrauchen, wie es die Hybriden gerade tun.

Was wir wirklich wollen

Wenn das neue am Verlangen des Individuums ausgerichtete System lediglich dazu gut wäre, das jeder eine andere Musik auf seinem iPod hört oder endlich jeder von uns sein eigenes Online-Profil mit je ganz eigenen Bildchen oder Hochzeitsvideos hat, dann wäre das alles nicht der Rede wert. Ich glaube, dass der Zauber, der darin verborgen liegt, eher ein Weniger als ein Mehr ist. Weniger Massenproduktion heißt auch, mehr Chancen für dezentrale, menschlichere Produktion. Ein am wahren Verlangen ausgerichtetes Angebot hieße vielleicht, dass wir viel weniger mit materiellen Gütern kompensieren müssen und statt dessen Zugang zu Ressourcen höher schätzen, als den Besitz von Ressourcen. Wir wollen z.B. immer weniger Autos, dafür lieber Mobilität. Und immer weniger wollen Bücher in der Schrankwand verstauben lassen, aber lesen wollen sie trotzdem. Ich bin gespannt, wie beispielsweise das neue Angebot auf mein Verlangen nach Ruhe, Zeit, Natur, Wertschätzung, Genuss und anspruchsvoller Tätigkeit aussehen wird.

Und was wollen Sie eigentlich? Lassen Sie uns unten in den Kommentaren wissen, wie Ihr Verlangen realisiert werden kann!


*Zitate aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10. Februar 2013, Nr. 6, Das System versagt. Protokoll einer Zukunftsvision.

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27. Februar 2013

Das ist (nicht) alles dein Problem

Von der Kunst, erst einmal nichts zu tun


Klar ist das alles dein Problem! Das sagen die um dich herum, die über dir. Sagst du sogar selbst. Das hast du dir eingeredet seit du 12 bist oder so. Im Folgenden lernen wir:
  1. Probleme zu ignorieren
  2. Erfolge wahrzunehmen und unseren Optimismus zu bewahren
  3. die eigene Kontrollillusion zu zügeln
  4. Kollegen zu erziehen
  5. und uns zu konzentrieren

Innere Kontrollüberzeugung

Menschen, die Verantwortung übernehmen, die nicht alles auf die anderen schieben, auf die Umstände, die Chefs, sondern davon ausgehen, dass sie selbst Kontrolle haben, dass sie die Umstände schaffen und nicht deren Opfer sind, solche Leute sind gemeinhin erfolgreicher im Beruf und sogar glücklicher. Sie haben das Gefühl zu leben, zu gestalten und nicht gelebt und manipuliert zu werden. Damit einher gehen ein gutes Selbstwertgefühl, ein Gefühl von Erfolg und Selbstbestimmung. Und auch ihre Mitmenschen erleben solche Macher als erfolgreich und produktiv.

In fast jeder Hinsicht ist es wünschenswert, diese innere Kontrollüberzeugung zu haben, aber man muss auch wissen, wie man mit ihr umzugehen hat, denn gerät diese Überzeugung selbst mal außer Kontrolle, wird sie zum Selbstläufer, dann kann das enorm stressen.

7. Februar 2013

Wie finden Körper und Seele zusammen?

Wenn ihr eure Freunde trefft, umarmt sie! Väter, umarmt eure Kinder!


Der amerikanische Minimalsimus-Blogger Leo Babauta hat in einem Interview den Gesundheits- und Natur-Guru Mark Sisson gefragt, welches das deutlichste Defizit des modernen menschlichen Körpers sei. Seine Antwort:
"Ein Mangel an körperlicher Berührung. Menschen sind soziale Tiere, wie man so sagt. Sozialer Kontakt zwischen Menschen sollte nicht steril und beiläufig sein. Die meisten sozialen Tiere verbringen die meiste Zeit des Tages damit, andere Gruppenmitglieder zu berühren. Sie schlafen aneinandergeschmiegt, Lausen sich gegenseitig, spielen und raufen mit einander und beschnüffeln sich gegenseitig. Sie benötigen ständige physische Berührung und können, da sie keinen sozialen Normen unterliegen, diesen Bedarf auch stillen."
Da muss ich mal kurz unterbrechen: Natürlich unterliegen alle sozialen Tiere auch sozialen Normen, denn Normen gehören eben zur Definition von sozial. Wer eine Horde Affen beobachtet, wird schnell sehen, wer wen berühren darf und dass das erhebliche Signifikanz für die soziale Stellung des Individuums hat. Und wer eine Herde Pferde beobachtet, wird bemerken, dass Tiere von der sozialen Gruppe ausgeschlossen und weggejagt werden. Diese haben dann lange Zeit gar keinen Kontakt zu anderen Pferden. Das ist auch gar nicht grausam, sondern notwendig, um zum Beispiel neue Herden zu gründen oder den Genpool mal ordentlich durchzumischen.

Das soziale Tier: Auch Scham hat seinen Ursprung in der Horde (Foto: Gilbert Dietrich)

22. Juni 2012

Zynismus - das Gift in unseren Beziehungen

Zynismus kommt von Kynismus, einer antiken philosophischen Geisteshaltung. Die Kyniker waren die Minimalisten des alten Griechenlands. Sie lehnten Besitz ab, strebten nach Unabhängigkeit und Glück durch Natürlichkeit und Entsagung. Alles natürliche war ihnen frei von Scham und Schande. Nackt wie die Tiere wollten sie sein, aber selbstbewusst und um ihr Leben wissend. Im Grunde stellten Sie die ganze Gesellschaft, ihre Werte und Normen in Frage. Das machte die antiken Kyniker nicht eben beliebt. Man könnte meinen, sie schossen durch ihre Radikalität und den Spott, den sie über die herrschenden Normen und Sitten ausgossen, über ihr Ziel hinaus und versauten sich damit den guten Ruf. Sie verscherzten es sich dermaßen mit der Gesellschaft, dass wir heute nur noch negatives mit dem Begriff Zynismus verbinden.

Der Kyniker als Minimalist des antiken Griechenlands: Diogenes von Jules Bastien-Lepage (1873)

Man begegnet dem modernen Zynismus überall: In der Politik ist es zynisch, wenn unsere Regierung gegen Tyrannen in Nordafrika wettert, aber gleichzeitig Waffen-Deals dahin unterstützt und Panzer exportiert. Das Ergebnis ist die berühmte Politikverdrossenheit oder gar die Abkehr von der Demokratie. Auf der Arbeit gibt es Zynismus, wenn Bosse und Mitarbeiter aneinander vorbei reden und sich nicht mehr über den Weg trauen. Und auch zu Hause kennen wir Zynismus, wenn wir zum Beispiel einen Streit schlichten wollen, aber der andere nur weiter Öl ins Feuer gießt, unsere ernsthaften Bemühungen und unsere Liebe karikiert.

31. März 2012

Kreativ in den Untergang: Innovation als Problem

The only solution to the problem of human innovation is more innovation. (Jonah Lehrer) 

Wer hat Recht: fortschrittsgläubige Kulturalisten oder romantische Naturalisten? Optimisten oder Pessimisten? Werden wir an unserer Technik, an unseren Innovationen, schließlich unserer Kreativität zugrunde gehen (Atomwaffen, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung) oder wird der Fortschritt alles negative kompensieren und Techniken zur Überwindung dieser Probleme entwickeln (Solarenergie, Elektroautos, Weltfrieden)? Werden unsere Technologien der Katastrophe immer einen Schritt voraus bleiben und sie gleichzeitig verhindern können?

Ein Mensch braucht mehr Energie als das größte jemals lebende Tier (MarineBio)

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