10. Mai 2015

Im fortwährenden Sturz nach allen Seiten

Politik als ausgeweiteter Pannendienst


Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Friedrich Nietzsche

Wer wundert sich nicht zunehmend, dass die von uns gewählten Politiker lange nicht mehr die Gestalter zu sein scheinen, die wir uns gewünscht haben? Anstatt Zukunftsvisionen zu entwerfen und die für den Fortschritt legislativen Spielräume zu gestalten, scheint die Politik nur den gerade noch eben selbst gemachten Problemen wie Flüchtlingskatastrophen, Klimawandel und Schuldenpolitik hinterher zu laufen. Überall lodernen Problemherde auf und die Politik wirkt wie eine überforderte Feuerwehr, die von einer zur anderen Brandstelle eilt, um das Feuer auszutreten. Warum ist das so? Und kann man Feuer mit Feuer bekämpfen? Herkules konnte das.

John Singer Sargent: Herkules und die Hydra (Bild: 1921, gemeinfrei)

Peter Sloterdijk bietet für unser Dilemma der tausend Problemfeuer in seinem Buch Die schrecklichen Kinder der Neuzeit (Amazon-Affiliate-Link) eine Erklärung durch seinen "zivilisationsdynamischen Hauptsatz" an, demzufolge ständig mehr Energien freigesetzt werden, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können. Oder, um es etwas praktischer zu fassen und auf die Politik zuzuschneiden:

"Es werden der Problemlösungsfähigkeit künftiger Generationen zunehmend mehr Aufgaben aufgebürdet, als diese durch die Übernahme des Kompetenz-Erbes vorangehender Generationen und dessen Ergänzungen durch eigene Erfindungskräfte meistern könnten" (Sloterdijk, 2014, S. 90)

Das hat viel mit der Innovationsfreude oder - wie Nietzsche negativ gewendet sagt - mit dem fortwährenden Stürzen nach allen Seiten zu tun. Mich erinnert das an die häufig zu beobachtende Ineffizienz vermeintlich moderner Firmen im Digitalbereich, gerne Startups genannt, die viele Ideen, aber kaum Problemlösungskompetenz mitbringen. Die normalen Strukturprobleme, die sich in Wirtschafts- und Arbeitszusammenhängen nun einmal stellen, werden durch eigene "pragmatische" Lösungsversuche auf die Zukunft verschoben. Als Beispiel: In der Buchhaltung solcher Firmen werden oft statt richtiger Finanz- und Buchhaltungssysteme hunderte immer komplexer werdende Tabellenkalkulationsdateien geführt und angereichert. Diese Monstren zu managen wird selbst bald ein Full-Time-Job, sodass sie vom Status eines Werkzeuges in den Status eines Problems übergehen. Ich habe Firmen von innen gesehen, die über 10 Jahre hinweg durch die Masse solcher problematischen Nicht-Systeme langsam zum Stillstand kamen. Intelligente und erfahrene Geschäftsführer kennen diese Fallen und investieren früh genug in entsprechend professionelle Systeme, weil sie wissen, dass die drohenden Folgekosten der Nichtinvestition viel höher sein werden.

Mit anderen Worten: Häufig wird das Lösen von Problemen in der Wirtschaft und Politik selbst das Problem, weil es alle Ressourcen bindet und uns somit davon abhält, große umfassende Problemlösungskonzepte zu entwickeln. Das ist wie mit dem Monster Hydra, die überall dort zwei Köpfe wachsen ließ, wo Herkules ihr einen zerschlug.

"War die Moderne das Weltalter der Projekte, erweist sich die Postmoderne als das Zeitalter der Reparaturen (...) Waren Fortschritt und Reaktion die Leitbegriffe des 19., sind Pfusch und Reparatur die des 21. Jahrhunderts. Größere Politik scheint nur noch als ausgeweiteter Pannendienst möglich. Von dem phantasiert die wohlmeinende politische Theorie seit einer Weile unter dem Stichwort Global Governance. Das Wort bezeichnet ein Vorhaben, das praktisch und faktisch nicht gelingt, weil in der Welt der lokal zersplitterten Agenden immer anderes wichtiger sein wird, als die Sorge ums Ganze."(Sloterdijk, 2014, S. 93)

Was zu fehlen scheint ist eine gesamtgesellschaftliche List, eine Vision, auf die wir uns als Menschheit einigen können und aus der wir von allen gemeinsam verfolgte Strategien entwickeln können. Der fortwährende Sturz nach allen Seiten ist in Nietzsches Geschichte vom tollen Menschen, der den Tod Gottes verkündet, eine Folge des zunehmenden Verlohrengehens des menschheitlichen und gesellschaftlichen Zusammenhangs bei gleichzeitigem technischen Fortschritt. Damit Fortschritt und Innovation zielgerichtet gelingen, braucht es einen ganzheitlichen Zusammenhang, in dessen Rahmen das Vorwärts eingebettet werden kann. Im Moment scheint ein solcher globaler Zusammenhang aufgrund der "lokal zersplitterten Agenden" unmöglich.

Wie gelang es Herkules, die Hydra zu besiegen? Mit einer strategischen List: Er rief seinen Neffen Iolaos zu Hilfe, der den Wald der Hydra in Brand setzte und die Hälse der Hydra versengte, sodass keine weiteren Köpfe nachwachsen konnten. Jedoch kam es dann doch zu einer späten Rache der Hydra, denn ihr giftiges Blut - von Herkules noch lange als Waffe gegen seine Widersacher genutzt - sollte dem Leben des Herkules selbst letztlich ein Ende setzen.

Wer hat Ideen, wie wir der Hydra Herr werden? Welche List, welche Vision, welches Feuer können wir legen, damit wir aus dem Modus des Problemlösens in einen der in globale Zusammenhänge eingebetteten Innovation übergehen können?



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Kommentare:

  1. Das “Stürzen” ist ja ein altes Bild. Die Motivgeschichte reicht bis in die Antike zurück. In Deutschland wurde es quasi zu einem melancholischen Bewusstseinspartikel des Bürgertums durch Hölderlin („Es schwinden, es fallen die Menschen, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen ... etc. jahrlang ins Ungewisse hinab ... “ [hach, schön]). Daher würde ich empfehlen, skeptisch zu bleiben auch gegenüber dem eigenen Sentiment und sich zu fragen, wieweit denn die Menschheit stürzt und fällt und wie weit sie nur seit uralten Zeiten das zutreffende Gefühl hatte, nie wirklich etwas auf Dauer geregelt zu kriegen. Vielleicht ist neu, dass die Illusion, Leben und Geschichte vernünftig kontrollieren zu können, sich eins ums andere Mal als Wunsch herausstellt? Gerade heute leben wir dank Metrifizierung von allem, von Wolke, Meer und Herzschlag, in einer Epoche eines überbordenden Kontroll- und Steuerwahns. Kein Wunder, dass dann die Kehrseite auffällt: Humanität ist nie ganz unter Kontrolle zu bringen, „you can’t control life“.
    Aber etwas ist doch neu?! Ich glaube, Sloterdijk hat definitiv einen Faden zu fassen. Denn was er letztlich schildert, ist nicht nur das Wackeligwerden aller gesellschaftlichen Existenz, wenn Traditionen - egal wie sinnvoll die sein mögen, egal ob gerechtfertigt oder nicht – keine Bindekraft mehr haben. Und wir erleben augenscheinlich gerade eine Ära, die schon fast das Wort „Tradition“ unter den Verdacht stellt, die weitere Perfektionierung der Gesellschaft reaktionär zu behindern. Sloterdijk schildert eigentlich, dass wir gar keine Mechanismen mehr haben, neue Traditionen auszubilden.
    Ob das stimmt? Vermutlich nur halb. Vielfach entwickelt sich jetzt eine „Tradition“ des maximalen Veränderungstempos – und das produziert eine Gesellschaft, die einem erhöhten Risiko des Kollapses ausgesetzt ist. Von diesen „Kollapsen“ erleben wir fast wöchentlich Neue. Gerne auch als Disruption gefeiert. Dem entgegen steht aber auch eine neue Tradition der erhöhten Konnektivität und Kooperativität, die wiederum – langsam – neue Werte mit globalem Anspruch wachsen lassen. Wenn man für einen Moment aufhört, sich vom scheinbar immertobenden Schrecklichen in der Welt blenden zu lassen, sieht man auch eine noch nie zuvor dagewesene „Ethisierung“ der Beziehungen (Politik, Wirtschaft, zwischenmenschlich). Die kann nicht ausbleiben, wenn die kommunikative Kohärenz letztlich hyperbelhaft ansteigt.
    Vielleicht kann man es so formulieren: Ja, es fallen die Menschen seit Neuestem so temporeich, dass ihnen sogar die klassischen Traditionsbildungsformen abhanden gekommen sind, gleichzeitig fassen sie sich einander aber mehr und fester bei der Hand. Ich würde zwar nicht meinen Kopf darauf wetten, aber es könnte doch sein, dass sich die Menschheit am Ende des Jahrhunderts noch selbst wird geholfen haben.

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    1. Danke, Frederico, für diese tollen Erweiterungen. Interessant die Gegenüberstellung des nietzscheschen und hölderlinschen Stürzen. Hölderlins Stürzen scheint mir ein Stürzen nach unten zu sein, während Nietzsches Stürzen eines "nach allen Seiten" ist. Gerade nicht das kulturpessimistische, sondern ein Voran-Stürzen, etwas ziellos zwar, aber immerhin explodierend und gerade nicht melancholisch oder degenerativ bürgerlich-buddenbrocksch.

      Das mit der Bindekraft ist genau das, was gemeint ist. Dort kommt ja auch das Wort "Religion" her. Und dieser Verlust ist das, was auch Sloterdijk mit Nietzsche hier vorbringt.

      Das global village mit seiner "Ethisierung" ist tatsächlich ein Phänomen der neuen Konnektivität und Transparenz. Auch das hätte Nietzsche sicher nicht gefallen, aber das ist spekulativ. Ich drücke uns die Daumen, dass wir das Beste draus machen!

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  2. Sicherlich kann man festhalten, dass der Geist der Gegenwart in der Vergangenheit feststeckt oder gebunden ist. Dies kann auch Sloterdijk vorgeworfen werden, wenn man seinen "zivilisationsdynamischen Hauptsatz" betrachtet. Wenn er in diesem Zusammenhang von "überlieferungsfähiger Zivilisierung" spricht, so scheint er sich auf auf den möglichen Denkraum der bestehenden systemisch-funktionalen Zivilisation zu beschränken, deren paradigmatische Grenzen und kulturellen Räume eben nicht überschritten werden dürfen.
    Denn dann ist sein "zivilisatorischer Hauptsatz" am ehesten als autopoietisches System zu verstehen, deren institutionelle Kräfte sich solange stabilisieren können, bis eine veränderte Wirklichkeit für ihren Zusammenbruch sorgt.
    An diesem scheinbaren Dilemma scheint mir die Lösung auf, dass jeder Lösungsversuch mit den inhärenten Mitteln eines autopoietischen Systems, zum scheitern verurteil sein muss. Die nachwachsenden Köpfe der Hydra sind systemimanet. 
    Denn wie schon Einstein in dem Zitat zugeschrieben wird, "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." kann die Lösung nicht in der Differenzierung der Postmoderne gegenüber der Moderne gedacht werden.
    Wer den "menschlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang" nicht in einem ständigen dynamischen Wandel sehen und betrachten kann, reduziert eben diesen Zusammenhang zu sehr auf die Vergangenheit und nicht auf die Möglichkeiten der Gegenwart, die potenziell immer grenzüberschreitend vorhanden sind.
    Ich kann eine globale Verantwortung nur wahrnehmen, wenn ich sie sehe. Genau hier ist die "Postmoderne" blind. 
    Die Zeit des "gesunden Egoismus", wäre eine Zeit des Altruismus gegenüberzustellen. Dieser paradigmatische Grenzübertritt, schafft die Innovationen aus sich selbst heraus und erzeugt damit Lösungen, auch mit und trotz technischen Fortschrittes.
    Die Gesinnung gegenüber dem Menschen macht es. Nichts anderes...

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    1. Danke für den Kommentar! Nur die Gesinnung macht es sicher nicht, auch wenn sie zweifellos ein wichtiges Fundament ist. Die Fragen rund um Differenzierung, Grenzen und die Beschränkungen auf bestimmte Systeme lässt mich denken, dass diese zwei Artikel dazu vielleicht interessant sein könnten:

      Wir spüren die Monstren des Fortschritts im Nacken
      und
      Gaia! Können wir uns noch retten?

      Was mich an Ihren Ausführungen neugierig macht, ist die Vermutung, dass "er sich auf auf den möglichen Denkraum der bestehenden systemisch-funktionalen Zivilisation zu beschränken [scheint], deren paradigmatische Grenzen und kulturellen Räume eben nicht überschritten werden dürfen." Lassen Sie uns an Ihrer Grenzüberschreitung teilhaben! Worauf würden Sie es ausdehnen, wenn Sie uns darauf nicht beschränken wollten?

      Viele Grüße!

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