13. März 2016

Wir spüren die Monstren des Fortschritts im Nacken

  Wie wir uns sehen (links) und wie es ist (rechts), Bruno Latour, S. 102  

Das Verschwinden von Natur und Kultur in der Hybridisierung

Unser modernes Sein und Denken gehen immer durch zwei Sphären durch, so scheint es: die Natur und die Kultur. Schnell lassen sich Gegensätze aufmachen, wie in den Natur- und Kulturwissenschaften und der modernen gesellschaftlichen Tradition, wonach Dinge durch Wissenschaft und Subjekte durch Politik zu repräsentieren sind. So könnte die westliche Menschheitsgeschichte vereinfacht als Sieg der Kultur über die Natur gesehen werden, denn wir haben uns die Natur durch Technik gefügig gemacht.

Durch Philosophie, Anthropologie und Ethnologie wird uns jedoch klar, dass diese Spaltung so einfach nicht ist. Das fängt mit ganz simplen Beispielen an: Was sind Naturvölker, sie haben doch auch Kultur? Was ist der Park - Natur oder Kultur? Was sind Ozonloch oder Klimaerwärmung? Was sind wir Menschen? Was ist ein Haustier oder gar ein geklontes Schaf? Diese Fragen kann man weder mit Natur noch mit Kultur beantworten und nicht einmal mit einer schwammigen Natur-Kultur-Mischung.

Warum unsere Spaltung in Natur und Kultur ein wichtiges Problem ist? Weil sie uns an zu diesem Moment der modernen Welt geführt hat, wo nicht mehr genug Welt übrig ist, um auf diese Art weiter zu modernisieren. Bruno Latour schreibt in seinem Buch We Have Never Been Modern (Original: Nous n'avons jamais ete modernes), dass dem Erfolg und gleichzeitigem Fluch der Moderne drei Garantien zugrunde liegen, die unsere paradoxen Auffassungen von Natur versus Kultur überbrücken:

  1. Selbst wenn wir die Natur konstruieren, ist die Natur, als hätten wir sie nicht konstruiert.
  2. Selbst wenn wir die Kultur nicht konstruieren, so ist sie doch, als hätten wir sie konstruiert.
  3. Natur und Kultur bleiben absolut von einander getrennt, das heißt, wir akzeptieren die naturwissenschaftliche Reduktion und Reinigung auf der einen Seite und die kulturellen Zusammenhänge auf der anderen Seite, ohne sie zusammen zu betrachten.

Zu 1.) konstruierte Natur

Latour meint mit konstruierter Natur beispielsweise die wissenschaftlichen Experimente von ersten physikalischen Versuchen mit Vakuumglocken bis hin zu riesigen Teilchenbeschleunigern, die im höchsten Maß künstlich fabriziert sind, aber etwa auch unsere schönen und problematischen Hybriden wie Parks und geklonte Schafe. Für die Moderne ist wichtig, dass so getan wird, als sei dort Natur ganz einfach von Kultur dadurch zu unterscheiden, dass Natur eben nicht von uns fabriziert ist, sondern dass sie allenfalls das Material für unsere Fabrikate ist.

Zu 2.) nicht konstruierte Kultur

Kultur hat in ihren Mechanismen Macht über uns als Menschen und erst recht über jedes einzelne Individuum. Sie unterliegt eben nicht einfach so unserer Kontrolle, aber die Moderne muss so tun, als sei Kultur lediglich ein Produkt, das wir hervorgebracht haben und das jederzeit umgestaltet werden kann.

Zu 3.) Trennung von Natur und Kultur

Es wird klar, dass der Moderne aus dem Zusammenspiel von 1. und 2. eine ungeheure Kraft der Nutzung des angeblich Naturgegebenen für eine Welt des ständig möglichen kulturellen Wandels und Fortschritts zur Verfügung steht. Warum aber dürfen diese Dinge in der Moderne nicht miteinander vermischt werden? Um es auf den Punkt zu bringen: Weil die Zusammenschau unserer natürlichen Konstruktionen (z.B. die Kernenergie oder das geklonte Schaf) und ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Folgen (die eben nicht völlig von uns kontrollierbar sind, wie wir gern tun), den Fortschritt bremsen und somit die Moderne in die Knie zwingt.


Die gesellschaftlichen Folgekosten des Fortschritts (Bild ist gemeinfrei)

Monstrositäten der Hybridisierung

Das Wort "modern", so schreibt Latour bezeichne zwei Sets von komplett verschiedenen Praktiken, die auch von einander verschieden bleiben müssen, um effektiv bleiben können, wie wir gerade unter drittens gesehen haben:

"Das erste Set von Praktiken bringt durch 'Übersetzung' einen Mix von komplett neuen Seinsformen hervor, Hybridisierungen von Natur und Kultur. Das zweite Set unterteilt durch eine 'Reinigung' zwei komplett von einander getrennte Zonen des Seins: Die Zone der menschlichen Wesen auf der einen und die Zone der nichtmenschlichen Dinge auf der anderen Seite." (Latour, We Have Never Been Modern, S. 10f.)

Das, was Latour hier "Reinigung" nennt, ist anders formuliert eine wissenschaftliche Reduktion, ein Ausblenden der Beziehungen und Netzwerke zwischen den ontologischen Zonen der menschlichen und nicht-menschlichen "Dinge".

Diese saubere Trennung hat ihren Sinn, indem sie zum Beispiel den Fokus der Naturwissenschaften unter Ausblendung all der politischen und gesellschaftlichen oder auch spirituellen Zusammenhänge ermöglicht hat. Denn mit diesem Fokus werden die Hybridisierungen, die wir nicht nur negativ, sondern insgesamt als technologischen, wissenschaftlichen, medizinischen usw. Fortschritt denken müssen, beschleunigt. Ein Inbetrachtziehen all der Folgekosten des Fortschritts und seiner Verstrickungen in die Kultur, bremst den Fortschritt. Und das war oder ist in der Moderne nicht gewollt.

Nun aber haben die Wucherungen der Hybridisierung dieses Modell der Moderne gesättigt. Und wenn wir beim Klonschaf als Beispiel bleiben oder bei Fukushima, dann sehen wir, wie sich heute die Hybridisierung von Natur und Kultur, Latour nennt das auch Monstren, zusammen mit ihren gesellschaftlichen Folgekosten geradezu aufdrängt. Das heißt, unsere drei Garantien lassen sich nicht mehr aufrecht erhalten, die Hybridisierungen des Klonens, der Klimaerwärmung oder der künstlichen Intelligenz sind in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen zu monströs, als dass sie weiter ignoriert werden könnten.

Beim Lesen von Latour musste ich immer wieder an Frankensteins Monster denken, wo die Hybridisierung sich in einer zerstörerischen Form aufdrängt. Durch die sich aufdrängen Folgekosten können die Beziehungen zwischen den menschlichen und nicht-menschlichen "Dingen" also nicht weiter ausblenden. Unsere dritte Garantie der Moderne, das so hilfreiche Verdrängen, funktioniert nicht mehr. Bruno Latour sagt in seinem Essay Mode of Existence ganz klar: "Es gibt keine Welt mehr, in der wir weiter so modernisieren können wie bisher." Und damit ist auch ganz schlicht das Materielle gemeint, denn die Welt wie wir sie als Ressource kennen (siehe Garantie 1.), geht zu Ende und für eine globale "Moderne" wird es nicht reichen.

Eine Philosophie der Gesamtschau moderner Praktiken

Unter den derzeitigen Philosophen haben sich zuletzt die Denker des sogenannten Spekulativen Realismus für diese Überblendungen von menschlich/nicht-menschlich, von Objekt/Ding/Subjekt, von Naturwissenschaft/Geisteswissenschaft/Kunst interessiert. Man könnte mit ihnen die Ignoranz gegenüber dem Dritten, den Dingen und Beziehungsgeflechten für Ausbeutung, Krieg, Umweltzerstörung und Naturvernichtung verantwortlich gemacht. Wissenschaft und Philosophie sind dabei Teil des Systems, indem sie sich stur auf das bloße Kategorisieren, Säubern, Einteilen oder Aufdecken von Fakten eingeschossen haben, anstatt sich mit den netzartigen Beziehungen und den Interessenlagen zwischen den Dingen zu beschäftigen.

Die Dinge sind also immer in Zusammenhängen zu betrachten, denn so wie bei Heidegger sind die Dinge auch bei Latour oder bei Harman ein Zusammenkommen vielfältiger Dimensionen. Latour will mit einem soliden Realismus die offensichtlich netzartige, dingliche Qualität der Interessenlagen ans Licht bringen. Latour will dieser Philosophie vorerst den Namen der Nicht-Moderne geben:

"Die überhand nehmende Vermehrung der Hybriden hat den konstitutionellen Rahmen der Moderne gesättigt. Die Modernen haben immer beide Dimensionen [Reinigung und Hybridisierung, GD] praktiziert, sie haben beides immer explizit gemacht, aber sie haben nie die Beziehungen zwischen beiden Praktiken explizit gemacht. Die Nicht-Modernen müssen diese Beziehungen zwischen den Praktiken betonen, wenn sie den Erfolg und das Scheitern der Moderne verstehen wollen und nicht in eine Postmoderne verfallen wollen. Durch die gleichzeitige Anwendung beider Dimensionen, vermögen wir vielleicht den Hybriden gerecht zu werden und ihnen einen Platz zuzuweisen, einen Namen, ein Zuhause, eine Philosophie, eine Ontologie und, wie ich hoffe, eine neue Verfassung." (Latour, We Have Never Been Modern, S. 51)

Wenn ich Bruno Latour richtig verstehe, dann will er in einer Art Gesamtschau der Dinge und ihrer Zusammenhänge den historisch erreichten Fortschritt bewahren und fortführen, ohne eine lebenswerte Zukunft zu riskieren. Ob uns eine solche "dritte Kultur" in die Lage versetzen würde, monströse Ereignisse wie Fukushima oder noch schlimmere katastrophale Folgekosten des Fortschritts zu verhindern?



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Kommentare:

  1. Ein hochspannender Text - den muss ich mehrmals lesen! So viele Dimensionen und Implikationen... Engagierte Philosophierende sollten vielleicht darüber nachdenken, sowas in mehrere Artikel aufzuteilen. :-)

    Jetzt deshalb nur zu einer Marginalie:

    "Folgekosten"

    Diese kann man ehrlicherweise nur wirklich beurteilen, wüsste man genau Bescheid über die Folgekosten des "Nicht Tuns" - und dazu fehlt die Gesamtschau (Konsens über das, was ist) und die Einigkeit über das angesagte Handeln.

    Was passiert, hängt also davon ab, wer besser Gefahren und Chancen bzw. heute vermehrt "Gefahrenabweht" kommunikativ erfolgreich vertritt.

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    1. Ich weiß, das ist kompliziert und es ist bereits eine Aufteilung. Der erste Teil war der zu Harman, der zweite ist das hier zur ersten Hälfte von Latours Buch und der dritte Teil kommt, wenn ich mit dem Buch durch bin.

      Um den obigen Text im Kern zu verstehen, muss man vor allem das hier begreifen:

      Wir westlichen Menschen haben immer Reinigung (also Natur und Kultur theoretisch auseinander gehalten) und Hybridisierung (Natur und Kultur praktisch vermischt) praktiziert, aber wir haben nie die Beziehungen zwischen Reinigung und Hybridisierung explizit gemacht. Dadurch wurden die Interaktion von Gesellschaft und Technik ausgeblendet und die verursachten Probleme verdrängt. Die haben sich jetzt so aufgehäuft, dass sie nicht mehr ignoriert werden können.

      Sehr vereinfacht, aber das geht und ist nachvollziehbar, oder?

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    2. Ja - aber stimmt denn das? (Hab auch den Artikel nochmal gelesen)

      Gab und gibt es nicht das weite Feld der Technikfolgenabschätzung? Die "Umweltverträglichkeitsprüfungen"? Klar, das sind keine beliebten Praktiken, aber sie sind ja doch ein "Zusammendenken". Die ganze grüne Bewegung, der Umweltschutz - all das ist doch eine Reaktion auf die "Sättigung mit Hybriden" - oder etwa nicht?

      Neulich hat man ein Bakterium entdeckt, das PET-Plastik abbauen kann, langsam zwar noch, aber erfolgreich spaltet es mittels bis dato unbekannter Enzyme das PET in ungefährliche Stoffe auf, die sogar wieder aus Ausgangsmaterial zur Erdöl-freien Produktion neuer PETs genutzt werden könnten - irre! Da es PET erst 70 Jahre gibt, stellt sich die Frage, ob das eine "schnelle natürliche Evolution" sei. Ist das Bakterium im Sinne dieses Artikels ein "Hybrid" oder noch Natur, weil nicht von uns hergestellt?

      http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/wissenschaft_nt/article153176664/Plastik-fressendes-Bakterium-entdeckt.html

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    3. Sicher gibt es solche Dinge und das würde auch Latour nicht abstreiten, vielleicht würde er es dieser Saturierung zuschreiben. Das ist ja nichts, was wir von einen auf den anderen Tag plötzlich anders machen. Latour denkt hier eher in größeren Zeitabschnitten. Er stellt die westliche Technik-Moderne zum Beispiel Naturvölkern gegenüber, die in kleinen Schritten zwar auch "hybridisieren", aber keine klare Trennung von Natur und Kultur machen. Vereinfacht gesagt ist der Effekt, dass alles Technische dann auch Magisch ist und somit immer die ganze Gesellschaft betrifft. Zu viel "Einflussnahme" ist dann z.B. aus Angst vor den "Göttern" oder "Geistern" ausgeschlossen, weshalb es nie zu solch einem Fortschrittsschub kommt.

      Seine Darstellung ist also eher eine Antwort auf die Frage "Wie konnte es dazu kommen?" und "Wie nun weiter?"

      Die Frage zum Bakterium ist wirklich schwierig, denn es mag ja Natur sein, aber wenn wir nicht hybridisieren könnten, dann würden wir dieses Stückchen Natur nie soweit technisieren können, dass wir es gezielt zum Einsatz brächten. Also ich sage "Hybrid" :)

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  2. Komisch, jetzt habe ich die zweite "Stecknadel im Heuhaufen" gefunden, war aber gar nicht meine Absicht. Gestern ging es mir nämlich um eine Debattenkultur. Nach einer "Dritten Kultur", die ja eine Debattenkultur sein könnte, sehne ich mich. Alles schon mal da gewesen, ich weiß.
    Aber warum sollte man sich mit einer Gefahr beschäftigen und andere warnen wollen, die es nicht hören möchten, weil sonst keine Vision oder ein gutes Angebot winkt. Was läuft falsch an den Debatten (gut dass es noch welche gibt), dass sie keinen Spaß mehr machen, weil man auch der Debatte überdrüssig ist? Wir treiben immer noch Fragen vor uns her, haben auch die Antwort, aber die Antwort schmeckt nicht. Die Antwort heißt nämlich auch, dass es keine Lösung gibt. Wer das noch behaupten möchte oder ernsthaft versuchen möchte, ist entweder ein Narr oder naiv. Die Probleme müssen geradezu auf möglichst lange Sicht gelöst werden, sonst macht man sich zum Narren. Einfach nur schöne Kultur? Was soll das. Es muss ein schweres Kaliber sein. Sonst ist man nur ein Luftikus. Wenn die Probleme nur schwer genug sind, kann man immer auch ein Stück weit Verantwortung abgeben. Eine leichte Last trägt man, eine schwere kann man delegieren, an die Besten. Und wenn die es nicht schaffen kann man klagen. Die große Enttäuschung der Menschheit oder eine erzwungene Kopf hoch Manier. Dazwischen ist Desinteresse? Denn der vielen Ratgeber ist ein großer Teil auch überdrüssig.
    Die Menschen sind entweder in Watte gepackt oder ausgehungert. Ich möchte so nicht denken, aber ich glaube, so denken viele, insgeheim natürlich. Und Vorwürfe machen ist nicht konstruktiv. Der Text ist übrigens gut. Deswegen schreibe ich schon zu viel und das Feld ist begrenzt. Dank und Gruß

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    1. Danke für deinen tollen Kommentar (übrigens kannst du so viel schreiben, wie du willst, das Feld ist unbegrenzt ;)

      Eine Debattenkultur wäre vielleicht das Minimum dessen, was möglich ist. Latour geht es um eine ganz neue Sichtweise in der Moderne, eine die die Trennung zwischen Natur und Kultur effektiv beseitigt, eine in der nicht Naturwissenschaftler unter sich oder gegen "Geisteswissenschaftler" debattieren, sondern eine in der es nur so etwas wie "Netzwerkwissenschaften" und "systemtheoretische" Geselschaftswissenschaftlen gibt. Kultur soll hier also nicht als "schöne Kultur" verstanden werden, sondern als Zivilisation.

      Leider aber hast du völlig Recht, denn im Moment scheinen wir in den Gesellschaften nicht einmal die minimal erforderlichen Debatten hinzubekommen, denn alle sind irgendwie polarisiert: Entweder Donald Trump oder Bernie Sanders. Entweder Flüchtlingshelfer oder Pegida. Gibts noch "moderate" Kräfte, die dann Debatten auch moderieren können? Schwer im Moment.

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  3. Eine Sichtweise der Netzwerkwissenschaften, des vernetzten Begreifens beschreibt Uwe Schneidewind als "Transformative Literacy"
    http://wupperinst.org/info/details/wi/a/s/ad/2260
    Ein solches Grenzen überschreitendes Verstehen werden wir in einer Gesellschaft der "verteilten Intelligenzen" (Armin Nassehi) auch immer stärker brauchen; wir leben in einer Welt, in der nicht"nur" Kultur und Natur vermeintlich Antipoden sind, sondern in der auch Entwicklungen nebeneinander geschehen, die sich teilweise nicht berühren. Wie bspw. die technologische Entwicklung mit ihren Clouds und Humoiden, daneben die soziale Wirklichkeit mit einem zunehmend diversifizierteren und polarisierten Verständnis von Wirtschaft, Arbeit und Sinn, und die Welt der organisational gebündelten Konzernmächte, die eigene Gesetzmäßigkeiten generieren. Wir brauchen Übersetzungskompetenz.

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    1. Danke für den Hinweis auf die "Transformative Literacy"!

      Diese Entwicklungen, die nebeneinander geschehen, ohne sich zu berühren ist meinem Verständnis nach genau das, was Latour meint. Die technologische Entwicklung mit ihren Clouds und Humoiden wäre ein Beispiel für die "Hybridisierung" und die interagiert natürlich mit der sozialen Wirklichkeit, ohne dass das aber bewusst geschieht oder gesteuert wird, weil die hier genannte "Reinigung" diese zwei Sphären so gründlich von einander trennt.

      Die aufklärerische Moderne hat alles dazu getan, dass diese Reinigung so sehr zu unserem Selbstverständnis gehört, dass wir Schwierigkeiten haben, die Beziehungen überhaupt zu sehen.

      Wie kommen wir zu dieser Übersetzungskompetenz?

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  4. "Wenn ich Bruno Latour richtig verstehe, dann will er in einer Art Gesamtschau der Dinge und ihrer Zusammenhänge den historisch erreichten Fortschritt bewahren und fortführen, ohne eine lebenswerte Zukunft zu riskieren."
    Wie soll solch eine Gesamtschau zu bewerkstelligen sein? Die Moderne musste ja auch immer nachträglich lernen, welche Konsequenzen im einzelnen entstanden. Manche Konsequenz wird man auch jetzt noch nicht wissen, sondern erst dann, wenn sie uns vor die Füsse fällt. Wissenschaft zeigt uns ja, wie komplex Leben ist und zwar beginnend von den kleinsten Bauteilen über die Zellen bis hin zum biologisch "Großen". Es zeigt sich ja mit Fortschreiten der Wissenschaft, wie komplex alles ist, komplexer als je gedacht.
    Dagegen steht die Mär (oder Auffassung), daß Natur mit allem zurechtkommt. So gibt es Bakterien, wie Claudia erwähnte, die von Plastik leben können. Überhaupt gibt es einige Organismen, die sich an sich lebensfeindliche Substanzen zunutze machen können. Ja, es gibt diese Grundsatzanpassungsmöglichkeit, aber mehr im Kleinen und Unscheinbaren und nicht auf Kommando.
    Ich würde gerne in die Zukunft schauen: Ob die Menschheit in 100 Jahren noch existieren wird? Sicher schon, aber immer noch steil aufsteigend oder schon um die nackte Existenz kämpfend?
    Gerhard

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  5. Ich glaube, dass die Natur auf den Menschen nicht angewiesen ist, aber der Mensch auf die Natur. Sollte man Mensch und Natur als Gegensatzpaare sehen, entsteht die Frage, ob der Mensch die Natur zerstören kann? Selbst wenn der Mensch das im Ernst wollte, habe ich die Auffassung, dass es in diesem Wettrennen keinen Gewinner oder Verlierer gibt. Die Natur bleibt als unabhängige "Kraft" bestehen. Die Natur hat ihre eigene Wandlungsfähigkeit. Selbst wenn vorübergehend nur mal noch Kakerlaken existieren sollten, entwickelt sich auch daraus wieder etwas eigenes natürliches Neues. Die Kakerlake wird sich nicht fragen, wo der Mensch geblieben ist. Der Mensch muss sich schon selbst fragen, was aus ihm werden soll. Und wenn er sich überflüssig gemacht hat, wenn er sich mit abgeschafft hat als dass was den Menschen als Geistwesen ausmacht, dann kommt mein Verstand an seine Grenzen, weil ich dann den mir bekannten menschlichen Verstand verloren habe. Was hat die Natur (Bäume, Gräser etc. für einen Verstand?) Einen anderen eben. Es ist mir auch egal. Natur kennt auch keine Bedürfnisse nach Sinn oder Sprache.

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  6. Ich finde es in Ordnung, dass die Entwicklung der Natur getrennt von menschlicher Entwicklung abzulaufen scheint. Aber nicht so getrennt, dass der Mensch die Natur ersetzt. Diese übertriebenen technischen Innovationen. Brauche ich das wirklich? Sind das meine Bedürfnisse? Ich empfinde diese Innovationen als teilweise völlig überzogen, in einer Weise, dass Abziehbilder erschaffen werden, für die der Mensch einfach keinen Bedarf hat, meint aber, einen haben zu müssen. Und bei dieser Mannigfaltikeit kann ich nur noch nach Instinkt antworten, dass ich mich überrollt fühle. Ich ertappe mich immer häufiger, das ich sage: Was für ein Quatsch, ich könnte sofort drauf verzichten. Aber dann habe ich auch später festgestellt, dass aus einen Nein ein Ja geworden ist. Es muss die Möglichkeit bestehen, auf einen Zug aufzuspringen, aber auch wieder auszusteigen oder vielmehr sowohl als auch. Aber es scheint immer mehr zwingend zu werden. Man muss aufspringen, es gibt keine andere Formen mehr als zu allem Ja und Amen zu sagen. Das Rad dreht sich von alleine in eine eindimensionale Richtung. Ich finde, das ufert aus. Es kann nicht sein, dass der einzige Fortschritt nur noch technische Innovationen sind. Ich kann da nicht mehr Schritt mit halten. Keine Frage, dass es sehr gute Mittel sind, die auch faszinieren können und großen Nutzen haben. Ist es heute eine existentielle Frage, ob ich morgens beim Aufwachen erst einmal in die Luft wische, um damit das Licht anzuschalten, oder ob ich ein paar Schritte zu Fuß gehe und einfach den Lichtschalter betätige? Die Wischer sind die Kunden von morgen und auf der anderen Seite entsteht doch das soziale Elend gerade dadurch, dass durch diesen Fortschrittswahn die Abgehängten niemals Kunden von morgen sein werden. Die haben momentan ganz andere Sorgen und Bedarfe. Bei dieser Hochtechnologie bräuchte man sich doch eigentlich diese Fragen gar nicht zu stellen. Aber da entstehen ja die Kämpfe, dass in den Flüchtlingsfragen sich Fragen auftun, dass die Armut schon existiert und noch weitere neue Armut entsteht, was ja zu den "Unruhen" führt. Bei diesem technischen Luxus, der unaufhörlich neu entworfen wird, dürften eigentlich solche Existenzgrabenkämpfe erst gar nicht aufkommen. Tun sie aber trotzdem unaufhörlich weiter. Also diese Fragen, wohin fließt der ganze Segen? Doch eindimensional immer zuerst in die Technik und Forschung. Also Technik, Technik und noch einmal Technik. Das ist die Einfalt, wo man meint es sei Vielfalt. Sicher: Die Vielfalt in der Technik ist jetzt schon grenzenlos. Man denkt über die Folgen nach, dass man erst auf längere Sicht "prüfen" kann. Aber man "prüft, evaluiert, forscht" im Bereich der Technik. Etwas anderes geht nicht mehr, die Dimension, die Richtung ist wie festgebacken. Ich muss allerdings zugeben, es übersteigt eben mein Verständnis in welche technischen Ausrichtungen das alles noch mündet. Ich bin nur laienhafte Mitläuferin und Beobachterin und der Schrecken und auch das Lachen, weil es mich manchmal etwas albern anmutet, wechseln sich ab.

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    1. Ich glaube, diese Technik-Skepsis gab es schon immer. Früher haben Leute gesagt: Was soll ich mit diesen neumodischen Glühbirnen, ich habe doch eine Petroleumlampe und das fließt kein geheimnisvoller "Strom" durch, der mich umbringt, wenn ich damit in Berührung komme. Jetzt sagen wir eben: Wir brauchen doch nicht wischen, wir haben Lichtschalter. Oftmals ist es gar nicht dieser Erstnutzen, der revolutioniert, sondern Sekundärfolgen (z.B. die bis in die Dunkelheit ausgedehnte menschliche Betriebsamkeit oder vielleicht die Energiegewinnung aus Licht?). Das Wischen zum Lichtanschalten ist vielleicht interessant und bequem, aber was wird aus dem Wischen, wenn wir bald alles nur noch mit Gesten machen und nichts mehr anfassen? Welche Revolutionen setzt das in Gang?

      Vielleicht sollten wir einfach anders Denken, als immer in dieser Dichotomie ich (der Mensch) hier und die Technik dort. Wir sind ja sozusagen Cyborgs. Ohne Technik wären wir nicht die Menschen, die wir jetzt sind. Technik und Mensch verschmelzen zunehmend, nicht erst durch Google Glass, sondern schon durch Hightech-Turnschuhe oder die Insulin-Pumpe, die dem diabeteskranken Sohn meines Freundes ein relativ angenehmes Leben ermöglicht.

      Das sind nur so Gedanken zur Aufhebung von Mensch vs. Maschine. Auf jeden Fall gibt es auch "böse" Technik und überflüssige und ablenkende und alberne usw.

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    2. Wenn man Cyborg nicht ausschließlich als Wesen mit implantierter Technik versteht, sondern weiter gefasst als Wesen, das ohne Technik nicht überleben kann, und wenn man den Beginn der Technik mit der Beherrschung des Feuers identifiziert, dann ist der Homo sapiens von allem Anfang an ein Cyborg, denn der Homo sapiens hat die Kaltzeiten innerhalb der Eiszeit höchstwahrscheinlich dank dieser Fähigkeit des Feuermachens überlebt. Schon um 120.000 v. Chr. hat der Homo sapiens Birkenpech hergestellt, sozusagen den ersten künstlichen Klebstoff erfunden.

      Wenn ich mir Natur, Kultur, Technik in dieser vernetzten Denkweise vorstelle, fehlt hier noch ein Punkt, nämlich die Rückkopplungseffekte. Ein Beispiel: um über das Verhalten von Atomen Aussagen machen zu können, musste im 19. Jh. erst die statistische Mathematik erfunden werden. Statistiken spielen heute in unserem Denken eine herausragende Rolle. Ein Großteil unserer menschlichen Aktivitäten wird heute statistisch erfasst, Tendenz steigend. Ob es um die Wirkungsweise eines Medikaments, um Konsumverhalten, um Berechnung der Rente geht, überall wird auf Statistiken zurückgegriffen. Statistiken reduzieren jedoch das Individuum auf den Massenmenschen. Dass wir uns heute als Massenmenschen erfahren, ist nicht nur eine Folge der Bevölkerungsexplosion, sondern auch der wissenschaftlichen Denkweise, mit der zunächst Atome erforscht werden. In dem Maße, wie die Technik die Natur inkl. Mensch umgestaltet, verändert sie auch den Wesenskern oder das Selbstverständnis desjenigen, der die Technik erfunden hat und benutzt.

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    3. Ja, das hat man in linker Theorie auch "Entfremdung" genannt (zumindest in einer ihrer zahllosen Ausprägungen). Wenn ich Latour richtig verstehe, dann sind die Rückkopplungen innerhalb dessen zu finden, was er "Netzwerke" nennt.

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