12. April 2014

Unser Ich-Gefühl ist im Grunde ein Scherz

Das Ich als Hautsack und das Tabu der Selbsterkenntnis

Dem britischen Philosophen Alan Watts, der 1973 mit nur 58 Jahren in seiner abgeschiedenen Hütte in Kalifornien starb, verdanken wir einige obskure Gedanken, die man im akademischen Kontext kaum unter Philosophie einordnen würde. Dazu gleich mehr. Der Westen verdankt ihm außerdem den Modebuddhismus, der sich ausbreitet, wie Mumps im Kindergarten. Alan Watts selbst, der allerlei Religionen und Drogen in seinem Leben ausprobiert hat, war da weitaus skeptischer als seine Anhänger und lebte nach der Regel: "Wenn du die Nachricht verstanden hast, dann leg den Hörer auf." Obwohl er zeitweise sogar als christlicher Priester wirkte, distanzierte er sich von jeglicher Religion bald vollständig. Das große Thema, das ihn umtrieb, war die Frage nach der Identität, nach dem Ich und seiner Einbettung im Universum. Hier kam er mithilfe östlicher Philosophie zu sehr originellen Ideen, die zudem eine unheimliche praktische Relevanz haben: An unserer Angst, unserem Leid, der Entfremdung in der Natur und dem fehlenden Lebensglück ist ein Irrtum schuld - die Illusion des Ichs als Individuum. Unten habe ich einige Passagen aus Watts Buch On the Taboo Against Knowing Who You Are ins Deutsche übertragen. Beim Verständnis hat mir der Artikel The Ego and the Universe: Alan Watts on Becoming Who You Really Are von brain pickings geholfen, den ich ebenso unten zitiere. Und nun Alan Watts und wie man wird, wer man wirklich ist...

Alan Watts 1971 im Interview zur Frage, was schief läuft (in Englisch)

Für den britischen Philosophen Alan Watts gab es ein großes Problem für die Menschheit und somit für jeden einzelnen Menschen: Das Ego. Im Kern unseres Selbstverständnisses läge eine alles bestimmende Illusion, die unsere fundamentale Einsamkeit und eine allgemeine Entfremdung von einander, aber auch von der Natur und uns selbst verursache:

Wir alle leiden unter einer Halluzination, einer falschen und verzerrten Wahrnehmung unserer eigenen Existenz als lebende Organismen: Wir haben das Gefühl, "Ich selbst" sei ein individuelles, von allen anderen abgetrenntes Zentrum von Gefühlen und Handlungen innerhalb und umgrenzt von einem physischen Körper - ein Zentrum, das mit der "äußeren" Welt der Menschen und Dinge konfrontiert wird und das durch unsere Sinne mit diesem fremden und fremdartigen Universum um uns herum Kontakt aufnimmt. Jegliche Alltagssprache spiegelt diese Illusion: "Ich wurde in diese Welt geboren." "Du musst der Realität ins Gesicht blicken." Aber auch die Rede von der "Unterwerfung der Natur."

Das Gefühl der Einsamkeit und der nur vorübergehenden Anwesenheit in diesem Universum befindet sich im absoluten Widerspruch jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis über den Menschen und alle anderen lebenden Organismen. Wir werden nicht "in diese Welt geboren", sondern wir werden von ihr geboren. So wie das Meer Wellen schlägt, bringt das Universum Menschen hervor. Jedes Individuum ist ein Ausdruck der vollen Kapazität der Natur, ein einzigartiges Tun des ganzen Universums. Diese Tatsache ist uns nur selten bewusst, wenn überhaupt jemals. Sogar die unter uns, die das als Wahrheit akzeptieren, können es nicht fühlen oder spüren, sondern begreifen sich weiterhin als isolierte "Egos" in Hautsäcken.

Watts illustriert seinen Grundgedanken mit einem faszinierenden Bild: Man kann einer Person den Kopf nicht abschneiden, ohne dass sie stirbt, das ist der Grundgedanke von "Individuum" - dem unteilbaren. Genauso wenig kann man eine Person aus seiner adäquaten Umwelt entfernen, ohne dass sie zugrunde geht. Im Umkehrschluss heißt das, dass wir als Lebewesen nicht nur sehr eng mit unserem zentralen Nervensystem vernetzt sind, sondern eben auch mit unserer Umwelt. Es gibt keine plausible Grenze, an der das Ich aufhört.

Die Suche nach einer neuen Perspektive

Religionen, so meint Watts, befreien uns nicht von der Illusion, sondern verstärken dieses Gefühl des von einander getrennt Seins noch, denn ihrem Wesen nach sind sie der Ungewissheit gegenüber intolerant. Dabei ist das Akzeptieren und Annehmen von Ungewissheit so fundamental entscheidend für unserer Lebensglück (findet auch Martha Nussbaum).

Jeder Glaube ist glühende Hoffnung und damit ein Vertuschen von Zweifel und Unsicherheit. [...] Die unwiderrufliche Hingabe an einen Glauben ist nicht nur intellektueller Selbstmord, sondern geradeheraus ein Unglaube, denn sie verhindert jegliches neue Begreifen oder Erkennen der Welt. Wirklicher Glaube muss eine Offenheit sein, ein Akt des Vertrauens ins Unbekannte.

Statt Religionen und anderen letzten Antworten, will Watts eine neue Sphäre von nicht nur Ideen, sondern Erfahrungen und Gefühlen eröffnen, etwas das als ein Punkt des Absprungs dient und nicht ein dauernder Punkt des Festhaltens. Er möchte zu einem neuen Verständnis davon kommen, was es heißt, ein Ich zu sein. Die Erkenntnis und das Ausfüllen solch eines Ich-Gefühls, sei das größte Tabu unseres menschlichen Selbstverständnisses. 

Unser Ich-Gefühl ist im Grunde ein Scherz, im besten Fall nichts weiter als eine vorübergehende Rolle, die wir spielen oder mit der man uns angeschmiert hat. Natürlich mit unserem stillschweigendem Einverständnis, so wie jede hypnotisierte Person irgendwie auch einwilligt, hypnotisiert zu werden. Das am stärksten forcierte Tabu ist das der Selbsterkenntnis: Wer oder was sind wir hinter unseren Masken der angeblichen unabhängigen und isolierten Egos?

Watts gesteht uns allen zu, dass unser Ich-Verständnis mit seiner Illusion der Individualität, des Abgeschiedenseins vom Rest des Universums so tief in unserer Sprache, den Institutionen und kulturellen Konventionen, aber auch in unserer naturgegebenen Wahrnehmung verwurzelt ist, dass wir gar nicht anders können, als unser Selbst als etwas oberflächliches und unverbundenes in unserem Modell des Universums zu verstehen. Der Clou besteht darin zu erkennen, dass wir nicht nur eng verwoben sind mit dem Rest des Universums, sondern dass es solch einen Rest erst gar nicht gibt: Wir sind das Universum.

Wo ist der Ausweg?

Es scheint keinen zu geben! Alan Watts bringt uns hier in echte Bedrängnis. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Nicht nur unsere Sozialisation lässt uns in die Irre laufen, sondern bereits unser natürlicher Wahrnehmungsapparat und die Feedback-Schleifen unseres Gehirns, die uns ständig ein Ego vorgaukeln, sorgen dafür, dass wir uns und die Welt grundlegend falsch begreifen. Was können wir nun tun, damit wir nicht dumm und unglücklich sterben, sondern uns vom Paradox des Egos befreien und die Welt begreifen und daraus das Beste machen können? Denn - so Watts - dieses Paradox hält uns davon ab, wirklich zu leben, indem wir Ungewissheit zulassen und uns angstfrei mit dem Leben und dem Tod versöhnen.

Weil das Ego von Anfang an nur ein schlechter Witz ist, kann es auch nur eine nicht ernst zu nehmende Reaktion auf das Leben haben. Denn aus der Perspektive dieses Egos, das sich immer getrennt vom Rest der Welt begreift, als sei sie etwas von ihm verschiedenes, entzieht sich die Welt immer wieder wie eine Täuschung, das Ego findet so keinen Zugang...

Weder der mönchische Rückzug, noch das ständige Lenken und Managen des Lebens in Hoffnung auf eine zukünftige Belohnung sind vor diesem Hintergrund angemessen. Jedoch ist ein dritter Weg möglich: Die volle Kooperation mit der Welt als ein harmonisches System inklusive seiner Konflikte, akzeptierend, dass das einzige wirkliche Ich der komplette und endlose Prozess dieser Welt ist. Dieses Wissen ist bereits in uns, unsere Körper wissen das alles, unsere Knochen, Nerven und die Sinnesorgane...

Intellektuell wissen wir es nur deshalb nicht, weil der dünne Strahl des Bewusstseins, der wie eine Taschenlampe immer nur ein Objekt nach dem anderen im Lichtkegel hat, uns vergessen lässt, dass wir und alle Dinge nur im Zusammenhang mit dem ganzen Universum sind und sein können. Die Gänze unseres Bemühens, sei es wirtschaftlich, ökologisch oder privat-psychologisch, scheitert daran, dass wir diesen großen Zusammenhang nicht sehen, sondern davon ausgehen, dass wir und alle Dinge jeweils von einander getrennt sind. Natürlich gibt es im großen und ganzen Prozess Dinge, die sich voneinander unterscheiden. Aber wir dürfen "von einander unterschieden" nicht verwechseln mit "von einander getrennt". Wir als Menschheit sind weit davon entfernt das zu begreifen, Kriege, allumfassende Ausbeutung und ökologische Katastrophen bleiben unsere Begleiter.

Das Dilemma von Meditation und anderen Anti-Ego-Mühen

Was aber ist nun mit den inzwischen so beliebten Methoden der westlichen Esoterik und des Modebuddhismus, das Ego aufzulösen und hinter uns zu lassen? Yoga und Meditation - so sagen uns die Gurus - sind doch dafür genau die richtigen Wege. Nein, meinte Alan Watts, der größte Importeur der östlichen Weisheiten in den modernen Westen, schon vor einem halben Jahrhundert:

Eine solche Erfahrung [eins sein mit dem Universum] kann nicht forciert oder sonst irgendwie durch einen fiktiven "Willen" herbeigeführt werden [...] Versuch nicht, das Ego hinter dir zu lassen! Akzeptiere es, so lange es da ist, als ein Merkmal, eine Spielart des großen ganzen Prozesse, so wie eine Wolke oder eine Welle, so, wie dir eben mal warm und mal kalt ist oder sonst irgend etwas, was ganz von allein passiert. Das Ego hinter sich lassen zu wollen, ist selbst ein unbesiegbarer Egoismus! So eine Operation bestätigt und verstärkt die Realität des Ego-Gefühls nur. Wenn aber das Gefühl von Individualität und getrennt Sein einfach angenommen wird wie jedes andere Gefühl auch, dann löst es sich wie die vorübergehende Täuschung, die es ja ist, in Luft auf.

Genau deswegen bin ich nicht besonders begeistert von den diversen spirituellen Übungen wie Meditation und Yoga, die einige für unabdingbar halten, um das Ego fahren zu lassen. Solche Versuche, spirituelle Erleuchtung zu gelangen, verstärken nur den Fehlschluss, dass sich das "Ich" am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen könnte.

Wenn man es zusammenfasst, läuft es darauf hinaus, dass wir einer durch Biologie und Sozialisation hervorgebrachten Illusion von Ich versus Welt unterliegen, der wir gar nicht willentlich entrinnen können, die wir nur als ein Ausdruck all dessen akzeptieren können, was passiert. Alle Religion, Selbstfindung, Esoterik und Meditation sind vor diesem Hintergrund lächerlich und eher kontraproduktiv. Akzeptanz, Wahrnehmung und Achtsamkeit heißen die Schlagwörter, die Watts gegen die große Illusion ins Spiel führt. So, wie er am Ende des Videos oben in die grüne Weite schauend sagt: Unser fundamentales Selbst ist alles um uns herum, mit dem wir verbunden sind, es ist das, was passiert und nicht das, was wir machen. Schaust du aus deinen Augen auf die Natur, die dort passiert, dann siehst du dich selbst. Der antike Spruch, "Erkenne dich selbst!", dem auch Geist und Gegenwart als philosophische Praxis verpflichtet ist, bekommt damit noch einmal eine ganz neue und unerwartete Facette: Ich selbst bin gar kein Selbst, sondern Teil des großen und ganzen Prozesses, den wir Universum nennen. Aber was bedeutet das konkret für uns?

Im deutlichen Kontrast zum gewohnten Ich-Gefühl, gibt es hier tatsächlich eine gewisse Passivität der Empfindung, als wärst du ein Blatt, das vom Wind vor sich her getrieben wird. Bis du merkst, dass du das Blatt und der Wind bist. Die Welt außerhalb deiner Haut ist genauso ein Teil von dir, wie die Welt in deiner Haut. Sie gehen Hand in Hand und zuerst fühlst du einen Kontrollverlust, denn das Außen ist so viel riesiger als das Innen. Bald stellst du fest, dass du ganz normal weiter machen kannst, arbeiten gehen und Entscheidungen treffen musst, aber irgendwie ist es nun nicht mehr solch eine Zumutung. Dein Körper ist nicht mehr diese Leiche, die vom Ego herumgeschleppt und belebt werden muss. Ein Gefühl stellt sich ein, dass der Boden dich trägt und die Berge dich hochheben, wenn du sie ersteigst. Luft strömt von allein in deine Lungen und wieder hinaus. Du musst nicht schauen und hören, Licht und Schall kommen von selbst zu dir. Augen sehen und Ohren hören, so wie der Wind bläst und das Wasser fließt. Der gesamte Raum wird zu deinem Geist. Die Zeit trägt dich voran, so wie ein Fluss, der auch niemals aus der Gegenwart herausfließt. Je länger alles geht, desto länger bleibt es und du musst es nicht mehr bekämpfen oder besiegen.

Hast du das einmal verstanden, kommst du mit einem neuen Geist und Elan zurück in deine Welt der praktischen Erfordernisse. Du hast gesehen, dass das Universum eine magische Illusion und ein fantastisches Spiel ist und dass es kein abgetrenntes Ich gibt, dass irgend etwas daraus mitnehmen könnte. Das Universum ist keine Bank, die man ausrauben könnte. Das einzig wahre Ich ist das, das kommt und geht, sich ewig in jeder Existenz entzieht und manifestiert. Denn das Ich ist das Universum, wie es sich selbst anschaut, aus Milliarden verschiedener Perspektiven, die kommen und gehen, sodass die Ansicht immer wieder und für immer neu ist.

Die Frage, welchen Zweck all das hat, stellt sich nicht. Welchen Zweck hat das Universum? Welche praktische Relevanz haben all die Millionen Galaxien?

Nun ja, es ist ein Dilemma (wenn man es unbedingt für sich bewerten will): Man kann ja erst gar nicht willentlich versuchen, irgend etwas dessen, was Alan Watts sagt, in sein eigenes Leben zu integrieren. Oder doch, aber eben begleitet von einem Schulterzucken. Man kann akzeptieren, dass man ziemlich sinnlos etwas will. Im Grunde ist das, was Watts uns sagt, das Ende jeden Sprechens, wie wir es in unserer westlichen Individual-Kultur gewohnt sind. Ich probiere es aus, beobachte einfach, was durch mich hindurchgeht und durch was ich hindurchgehe. Ich versuche mit den Schultern zu zucken und hoffe, dass mir nicht alles egal wird. (Gerade, als ich hier zu Ende schreibe, schwirrt eine Schmeißfliege um mich herum. Das ärgert mich. Ich möchte sie mit einem Klatsch töten. Aber sie ist ja auch ich, ein Teil von mir. Auf der anderen Seite wäre es auch nur ein Teil des ganzen großen Prozesses, wenn ich sie ums Leben brächte. Was soll ich nur tun? Ich werde das Geschehen weiter beobachten und was auch immer passiert ist ok.)



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Kommentare:

  1. Vielleicht irre ich, aber das geht stark in Richtung Pantheismus.
    Ich werde mir wohl jetzt mal das Video ansehen, vielleicht kommt dann eine andere Erkenntnis.
    Zum letzten Klammersatz empfehle ich mich übrigens selbst mit meinem Erstlingswerks, wenn ich darf, auch wenn es in einer der Geschichten nicht um eine Schweiß- sondern eher Stubenfliege geht (http://www.blog.adelhaid.de/2014/04/giveaway-meines-redegierten-buchs.html).

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    1. Ja, an Pantheismus musste ich auch denken. Nur, das in dem Wort außer "pan" (alles übergreifend) auch "theismus" steckt, also ein Gott angenommen wird. Das sehe ich bei Watts nicht unbedingt. Er sagt ja erst einmal nur, dass wir uns von dem Konzeot der durch Haut abgegrenzten Person verabschieden müssen. Dass es deswegen einen Gott geben muss, der allem inne wohnt, ist daraus nicht abzuleiten.

      Danke für den Link zu deiner eigenen Rezension (stirbt die Fliege am Ende?)!

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    2. Das stimmt, wie von dir schon eingangs geschrieben, man kann es wirklich schwer einordnen, ich glaube selbst, wenn man sich damit ausgiebiger befasst.

      Ich mag Geschichten mit "Happy End". So oder so - oder daher - Fliegen sterben nie. Sie sind ja epigenetische Lebensformen :-)

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  2. Erst einmal ein kräftiges DANKE für die Möglichkeit, meinem Lebensbildern eine neue, frag-würdige Erkenntnis und Erweiterung hinzuzufügen.
    Allein die Tatsache, meine Identität - jenes Bewustsein meines Ich's zu begreifen als ein
    "einssein mit dem Universum" ist für mich plausibel. Ich spüre und lese aus diesen Texten
    kein Widerspruch zu meinem Christsein, sondern das in mir angelegte natürliche Eingebundensein mit allen Lebenden im Zyklus von Raum und Zeit,
    Allein diese Art Kultur ist unsere Geburt, die uns VERTRAUEN und WERT vermittelt und den " Namen GOTTES " in seiner Finalität nicht verleugnet. U. M:

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  3. Watts war ein großer Freund der Advaita-Philosophie: Jegliches Konzept ist Illusion, aber im spielerischen Sinne, "ludere" eben. Allerdings trieb ihn (aufgrund seiner Beschäftigung mit allerlei spirituellen Systemen) eine seltsame Sehnsucht um, jegliche Mystik aus Ost und West auf den gemeinsamen Nenner "nonduales Bewusstsein" herunter zu brechen, etwas, das nur im Advaita im eigentlichen Sinne eine Rolle spielt. Überall sonst wird die Illusion - Maya, Satan, Frau Welt usw. - als abträglich, gar schädlich angesehen. Und darauf hat er seltsamerweise bestanden.

    Watts hat sich in seinen Vorträgen in teils absurde Polemiken gegenüber der westlichen Zivilisation und ihrem vermeintlichen Demiurg, dem Haben-Bewusstsein, hinein gesteigert. Diese Illusion des "Habens" entsteht seiner Meinung nach durch bewusste Aufmerksamkeit, einem Trick, der in weiterer Folge Abgeschiedenheit von der Welt (Dualismus hat er wörtlich genommen), Angst und als Kompensation dafür allerlei zivilisatorische Umtriebe hervor ruft.

    Ohne eben diese bewusste Aufmerksamkeit auf das, was jetzt gerade "ist", würde der Mensch die Illusion, "in sich" zu sein, verlieren und in Harmonie mit seiner Umwelt leben. So hat er das aber nur selten kommuniziert, sondern häufig die "große kosmische Rundtour" bevorzugt, bei der alles ad absurdum geführt wird, bis man es endlich aufgibt, das Haben-Wollen.

    Diese Dialektik muss man als solche verstehen. Watts war ein westlicher Intellektueller, der diese reduktionistische Logik zu "Befreiungszwecken" verwendet hat. In manchen seiner Vorträge lüftet er den Schleier und spricht von "pattern weaving", davon, dass man jetzt, nach diesem dreistündigen Vortrag, ja wohl verstehe, wie absurd es sei, in Abstrakta vernarrt zu sein.

    Viele seiner Vorträge sind auch nicht losgelöst zu verstehen, sondern als Versuch, christliche Zuhörer von dem "Tri" in "Trinität" zu befreien.

    Empfehlenswert, weil halbwegs amalgamfrei:
    "The Way of Zen"

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    1. Danke für diese kenntnisreichen Ergänzungen!

      Ich verstehe diese Illusionen auch als Spiel, denke aber auch, dass Watts Recht hat, wenn er meint, dass wir diese Primär-Illusion unhintergehbar schon von der Natur aus mitgeliefert bekommen. Wir können sie kaum ablegen, ja wir sind als Menschen sogar durch sie definiert.

      Deswegen halte ich auch nicht viel von solchen Spekulationen wie, der Mensch würde "in Harmonie mit seiner Umwelt leben", wenn er diese Illusion aufgäbe. Das ist sehr romantisch, aber leider komplett an jeglichen anthropologischen Voraussetzungen vorbei. Solch ein Mensch würde glatt seinen Verstand verloren haben und im besten Fall zum Tier regressieren. Vielleicht lebte er dann in Harmonie mit seiner Umwelt, aber er wäre eben kein Mensch mehr.

      Spannendes Thema!

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  4. Wie gewohnt mal wieder ein interessanter Artikel.

    Einige Dinge möchte ich allerdings ansprechen, da sie ebenfalls von schwarz-weiß Denkerei durchsetzt und somit ihr tatsächlicher Mehrwert verloren geht. So würde ich im ersten Punkt von dem "Religion Bashing" absehen. Es steht außer Frage, dass viel blind indoktriniert und befolgt wird, die Frage aber sollte sein, ob es die Schuld des zu vermittelnden Stoffes ist, oder die mangelnde Aufnahmefähigkeit der Menschen. Ich bin kein überzeugter Christ oder gehöre irgendwelchen Religionen an, dennoch denke ich, dass man den Lehren einiges abgewinnen kann - wenn man die richtige Messlatte anlegt.

    Für die unter uns, die sich für Philosophie / Psychologie interessieren wären die Lehren der Bibel vielleicht dahingehend interessant Jesus als eine Art Maxime des menschlichen Geisteszustand zu sehen als viel mehr eine tatsächliche/fiktive Person die Wunder tat. Viele sind zu sehr damit beschäftigt Dinge zu verurteilen, die eigentlich gar nicht die Schuld tragen. Waffen töten keine Menschen, sondern Menschen nutzen diese um zu töten. Religion(en) verursachen keinen Krieg, sondern Menschen mit menschlichen Vorwänden. Selbiges für Politik. Im Grunde ist alles immer auf den menschlichen Egoismus zurückzuführen bzw. dem Mangel an Respekt and Akzeptanz der Dinge und/oder des anderen. Die eigene Überzeugung(en) werden nicht in Frage gestellt; dürfen nicht in Frage gestellt werden.

    Somit ist Religion auch nur ein Framework wie bspw. Temperamentlehren (MBTI, Socionics etc.) dam mehr Vergewaltigung wiederfährt als tatsächlichen Nutzen. Im Rahmen des MBTI Frameworks wird ein Typ bspw. oftmals als Rechtfertigung/Entschuldigung für Fehlverhalten hergezogen. "Ich bin asozial, hasse Menschen und bin ein Arschloch - das ist okay und normal ich bin ISTP". Das gleiche Prinzip lässt sich auf vieles anwenden und unter dem Strich auf mangelnde Eigenverantwortung des Individuums zurückführen. Zumindest meiner bescheidenen Lebenserfahrung nach ;)

    Die Idee das wir alle eins sind, ist nicht verkehrt und ich halte sie für wichtig. Sie zu realisieren und zu verinnerlichen überfordert aber meist den Verstand - bis es irgendwann "Klick" macht. Jung bspw. sprach vom kollektiven Unterbewusstsein in dem sich alles befindet das es jemals gab, gibt und darüber hinaus, vielleicht bereits alles, was noch kommt. Die Projektion dieses Unterbwewusstseins, dem sich Menschen irgendwo intuitiv bewusst sind, nannte er "Gott". Sprich Gott braucht Menschen um zu existieren, da wir diesen als Projektion des Sachverhalts des Universums erfinden, um uns ein simplistisches Bild zu erschaffen, um uns diese Gegebenheit zu verdeutlichen. Das makabere an der Sache ist somit aber ebenfalls das alles, was wir Gott anrechnen zu uns gehört und in uns ist und wir ergo ebenfalls so sein/werden könnten, sofern wir es versuchten. Stattdessen projezieren wir unser Gutes, Gutmütigkeit, Menschlichkeit etc. weg von uns, statt es zu leben.

    Wenn die Grenzen verschwinden und Respekt und Akzeptanz vorherrschten, so gäbe es keinen Konflikt mehr. Würden die Mauern fallen und wir uns nicht einander abtrennen, gäbe es nur noch eins - die Frage wäre aber, ob es uns tatsächliche gelingen könnte diese Merkmale unseres Wesens abzulegen, denn wie Watts sagt müsste man dazu unbegrenztes Vertrauen in die Welt, Natur, Umgebung und einander haben. Vertrauen in das, für uns als ausschließlich Chaos wahrnehmbare System, dass das Universum verkörpert.

    Die Illusion von Macht und Kontrolle ist wahrlich das, was uns als Spezies zurückhält - denn weder noch gibt es und das macht uns Angst. Eine Angst die viele nicht gewollt sind ins Auge zu sehen oder zu überkommen.

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