24. Dezember 2013

Einfach nur schauen

Der Unterschied zwischen Sehen und Sehen

Wie können wir unsere gefühlte Entfremdung von der Natur überwinden? Durchs genaue Hinsehen vielleicht? Hugo Whately lehrt an Alain de Bottons School of Life in London und meint in Simply Seeing (Link zum englischen Originaltext), dass das Problem mit unserer Natur und Umwelt nicht nur in ihrem Verfall besteht, sondern bereits im Verfall unserer Wahrnehmung von Natur. Achtsamkeit unserer Umwelt gegenüber fängt in unseren Augen an. Ein interessanter Gedanke, den Whately hier mit Goethe entfaltet. Was kann das für uns als Individuen, aber auch für die Menschheit bedeuten? Da der Text nur auf Englisch vorliegt, habe ich ihn in der Hoffnung übersetzt, dass er zu unserem Wohl auch im deutschen Sprachraum die Runde macht...

Unsere wissenschaftliche Weltdeutung narrt uns, wenn wir glauben, dass uns die bloße Anhäufung von Wissen näher an unsere Welt um uns herum heran bringt. Es ist nicht das Wissen, das zählt, wenn wir als Menschen direkte Erfahrung suchen, es ist die Methode. Es gäbe einen "Unterschied zwischen Sehen und Sehen", meint Goethe in seiner Einleitung in die Morphologie und niemand, der aufmerksam schaut, werde die Natur jemals tot und stumm finden.

Gib deiner Wahrnehmung Raum und Zeit (Leaf von dr_tr via Flickr)

Unser Gefühl der Entfremdung von der Natur

Goethes Verständnis der Beziehung zwischen uns und der natürlichen Welt, so wie wir sie wirklich sehen können - mit der ganzen Aufmerksamkeit unseres Bewusstseins - zeigt uns auf, wie entkoppelt und entfremdet wir von der Natur sind. Wenn wir nicht richtig hinsehen, dann werden wir die Welt um uns herum einfach nicht fühlen. Obwohl wir ganz strikt gesagt von der Natur gar nicht abgetrennt sein können, denn wir sind immer in der Natur, wir sind ein Teil von ihr. Wir bestehen aus Natur. Und trotzdem ist das Gefühl der Entkopplung und Entfremdung von der Natur in uns sehr überzeugend, das Gefühl von Distanz zur Natur und Vertreibung aus ihr ist überwältigend. Unser Verdacht, dass wir die Verbindung zur Natur verlieren, lässt uns raus gehen und sie suchen: Tiefes Einatmen einer Brise Wind am Meer, das Panorama von einem Berg oder der kurze Blick auf die zahllosen Sterne an einem späten Abend. Wenn wir uns von der Natur entkoppelt fühlen, dann können wir immer raus gehen und versuchen, in sie einzutauchen. Goethe spricht die andere Seite an: Eine Verbindung mit der Natur entsteht nicht nur dadurch, dass wir raus zu ihr gehen, sondern dass wir sie in uns hineinlassen, dass wir sie sehen.

Der Auffassung des Universalgelehrten, des Philosophen, Schriftstellers, Wissenschaftlers und Politikers Goethe liegt eine etwas sonderbare, für Wissenschaftler vielleicht schamlose Einsicht zugrunde: Unser Verständnis der Welt wird dadurch geschärft, dass wir uns verdammt noch mal die Zeit nehmen, richtig hinzukucken. Im Auge seines Geistes formte Goethe ganz detailliert die Konturen, Kurven und Farben der Steine und Blumen nach, die er studierte. Dieser intensive Blick auf die Dinge war für ihn die Voraussetzung einer richtigen wissenschaftlichen Analyse. Die intime Kenntnis des Gegenstandes war Goethes Wissenschaft. 

Sehen als Form des Seins

Wenn wir die Verbindung zur Natur wieder fühlen wollen, sollten wir unsere Kategorien und Klassifikationen mal für einen Moment zur Seite legen, eine Pause machen und in die Natur schauen. Mal nicht nachdenken, sondern ein Blatt, einen Grashalm oder ein bisschen Erde in die Hand nehmen, anschauen und in unser Bewusstsein aufnehmen. Mit ganz gezielter Aufmerksamkeit tastet unser Auge die Miniaturlandschaft in unserer Hand Millimeter für Millimeter ab, wir tauchen ein ins Detail. Vergessen wir mal alles, was wir je gelernt haben, jedes Wort, dass wir je gesagt haben und versuchen wir, nur zu schauen. Als Spezies, so Goethe, ist der Mensch sehr gut im Sehen. Und wenn wir dem Schauen Zeit und Platz einrichten, geduldig und ohne Ablenkung, dann kann Seen eine Form des Seins werden.

Philosophen und deskriptive Wissenschaftler nennen das "exakte Sinneswahrnehmung", "unmittelbares Bewusstseinserleben" (in der Phänomenologie) oder, um noch einmal ein Wort Goethes zu nutzen: Morphologie als das Studieren der Form, das mit unserer bewussten und gezielten Wahrnehmung beginnt. Um es weiter zu fassen und auf unsere heutige Situation anzuwenden: Das dramatische Problem - so der Goethe Spezialist Jeremy Naydler - mit unserer Natur und Umwelt besteht nicht nur in ihrem Verfall, sondern bereits im Verfall unserer Wahrnehmung von Natur.

Unser Gefühl von Naturdefizit ernst zu nehmen und unsere Entfremdung von der natürlichen Umwelt zu lindern, ist keine Frage der Expertise, sondern eine Frage der Technik, der Methode. Mehr über die Tiere, Berge und Pflanzen zu wissen, ist an dieser Stelle nicht der Punkt. Der Punkt ist, sich darüber klar zu werden, wie wir die Dinge wahrnehmen und uns dann ganz bewusst unserer Aufmerksamkeit den Dingen gegenüber hinzugeben.

Wir müssen nicht noch mehr wissen, sondern nur mehr schauen, langsamer sehen, mit Mut und Bewunderung. Das Blatt, der Grashalm oder das bisschen Erde in deiner Hand sind schließlich Teile dieses Kosmos. Gib ihnen Zeit und Raum in deiner bewussten Wahrnehmung und lass die Natur ins Auge deines Geistes. Man könnte es kognitive Gastfreundschaft nennen, oder eben einfach nur Schauen!


Kommentare:

  1. Schauen alleine genügt nicht, es ist ganz einfach das GENIESSEN, welches als Defizit angesehen werden sollte. Sehen und Wirken lassen heißt genießen, welches wir unseren Kindern und Enkel unbedingt erspüren und erleben lassen sollten. Keine Computerspiele oder Smartphones in der Natur oder unterwegs bedienen. Hören auf die Geräusche um uns und in der Natur die Tiere "erahnen" lassen. Dies macht Kindern Spass und sie lernen gleichzeitig.

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  2. Danke für den bedenkenswerten Artikel, den ich hier nochmals aufgegriffen habe:
    http://faszinationmensch.com/2014/02/03/unser-gefuhl-der-entfremdung-von-der-natur/

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  3. Danke für den Beitrag, rings true. Hingabe ist für mich der zentrale Begriff. Das Sein im Hier und Jetzt, Zufriedenheit - auch und gerade als unruhiger Geist findet man das am ehesten in der Natur. Die Verbundenheit mit etwas, das größer ist als man selbst, hat natürlich auch was Spirituelles. Genauso wie die Hingabe in Form der Kenntnis seines Forschungsobjekts. Sehr interessante Gedanken, danke für den Anstoß.

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