23. September 2013

Der ewige Gärtner und die endlose Kultivierung unserer Umwelt

Mögen Sie Bienen, Schmetterlinge, Igel und Füchse?

Meine Frau und ich sind gerade umgezogen. Aus dem durchmodernisierten und schicken Gohlis mit seinen Parklandschaften in Leipzigs Norden in den Süden beim Völkerschlachtdenkmal, wo alles noch etwas runtergekommen aussieht. Schon eine Weile hatten wir nach etwas gesucht, das etwas grüner war, vielleicht mit einem kleinen Garten dran. Gefunden hatten wir dann dieses alte alleinstehende Mehrfamilienhaus aus den dreißiger Jahren mit ganz verwilderten Gärten, Brombeersträuchern und alten Obstbäumen drum herum. Vor dem Haus eine Wiese mit Gras, Kräutern, kleinen Blumen und Brennesseln an den Rändern. Perfekt. Es wimmelte von Schmetterlingen, Libellen, Vögeln, Igeln und sogar die Füchse kamen hier am hellerlichten Tag aus dem Unterholz, um die runterfallenden Pflaumen zu verspeisen.

Wahnhafte Beseitigung von Unkraut und Gestrüpp

Ein paar Wochen später, wir sind inzwischen eingezogen und haben den IKEA-Terror hinter uns, sind die Sträucher und Tiere weg. Statt dessen überall Maschinen, umgepflügte Erde und ein Mann in einem Bagger, der die letzte Fläche planiert. Er ist der Landschaftsgärtner, den die Eigentümer mit der Umgestaltung beauftragt haben. Ich gehe zu ihm und frage, was hier so geplant ist, wenn das ganze Grün weg ist, doch hoffentlich nicht noch ein Parkplatz? Nein, sagt er. Dort wo vorher das ganze Gestrüpp war, kommt eine gepflegte Rasenterasse hin. Die Bäume bleiben, werden aber ausgeästet und in Form gebracht. Ausgeästet... aha, sage ich, und hier, wo eben noch die Blumen und Bienen waren und jetzt die nackte Erde? Hier kommt auch Rasenfläche hin. Da hinten, sagt er und zeigt mit dem Finger auf eine verbliebene Ecke mit Büschen und Brennesseln, da müsste man auch noch rein und das ganze Gestrüpp rausreißen. Mögen Sie Bienen, Schmetterline, Igel und Füchse?


Vorher- Nachherbild aus meinem Garten: Kultivierung gegen Gestrüpp und Unkraut

Überall in unseren Städten sieht man, dass kleinste Flächen nutzbar gemacht werden. Menschen ziehen vom Land in die Stadt und dort wird es zunehmend eng. Es ist ja auch gut, dass wir die Städte nutzen, anstatt das Land in seiner Fläche zu zersiedeln. Leute, die Land in der Stadt besitzen, haben sicher auch kein Interesse am Gestrüpp, denn Gestrüpp zahlt keine Miete. Also noch einen Stellplatz ins Grün hineinbetoniert, den man für 50 Euro den Monat vermieten kann. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das verständlich.

Von der Natur zur Kultur: Wir sind alle kleine Gärtner

Aber was steckt noch hinter der beinahe wahnhaften Beseitigung von Unkraut und Gestrüpp? Der Gärtner bevorzugt gepflegten Rasen, Blumenbeete, in Form gebrachte Bäume und gestutzte Hecken. Im Grunde sind wir alle kleine Gärtner. Dazu muss man wissen, dass Gärtner die eigentlichen Kultivierer unserer Neuzeit sind. Sie haben - nachdem die Bauern den Acker auf dem Land kultiviert und so für eine zuverlässigere Nahrungsquelle gesorgt haben - im Auftrag des Adels und Bürgertums die Natur rund um die Landsitze und Häuser am Stadtrand und letztlich auch in den Städten in eine Kultur verwandelt. Die Bewegung von der Natur zur Kultur ist das eigentliche Merkmal des Menschen.* Die Natur ist gefährlich, böse und gewissenlos, sie frisst uns auf, macht und krank und nimmt keine Rücksicht auf Schwächere. Gegen diese Gefahren hat der Mensch schon immer die Kultur gesetzt: Den Wolf zum Hund gemacht, den Löwen zum Stubentiger, die Giftpflanze zur Medizin (oder zum Rauschmittel), den Büffel zum Steak, die Savanne zum Nationalpark und so weiter.

Dieser Zug des Vergärtnerns der Natur zum Park, ist so grundlegend für uns Menschen, dass er noch heute auch dort in uns fortlebt, wo er gänzlich unnütz, sogar schädlich ist, zum Beispiel wenn wir keine Brennesseln und Gestrüpp in unseren Städten mehr ertragen und dafür in Kauf nehmen, noch die letzten Unterschlüpfe und Nahrungsquellen den sonst so geliebten Bienen, Schmetterlingen und Igeln zu nehmen. Ich habe jetzt angefangen, lauter altes Holz in eine Ecke im Garten zu deponieren. Hinzu kommt dann von ganz allein lauter Unkraut, Spinnen, Asseln, Würmer und damit Igel und Vögel, die immer solche Ecken voll Unrat auch zum Überwintern benötigen. Das ist mein Versuch, gegen zu halten und die Kultur zugunsten der Natur in einer Ecke meines Gartens zurück zu drängen, wenn auch mit künstlichen Mitteln. Meine Nachbarn, die Liebhaber der gepflegten Grünfläche, werden sich freuen.

Welche Tipps und Tricks haben Sie für die Renatuierung ihrer Umwelt?



*Oberflächlich gesehen wiederspricht dem die zunehmende Begrüng unserer Städte. Aber bei dieser Begrünung - die ich sehr willkommen heiße - handelt es sich eben um Parkanlagen und Gärten - also Kultur - und nicht um Natur. Gegenläufige Trends sieht man inzwischen in unseren Wäldern und Naturschutzgebieten, die nicht mehr restlos aufgeräumt und bewirtschaftet werden, wo man statt dessen Totholz, Unterholz und Diversität wieder zulässt, weil ohne sie das Ökosystem nicht intakt bleibt.

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Kommentare:

  1. Hey Gilbert,

    erst mal herzlich Willkommen in Stötteritz! :-)
    Hier ist es trotz allem noch viel grüner, als in vielen anderen Stadtteilen von Leipzig und wenn ihr ein bißchen spazieren geht, werdet ihr noch einige schöne Plätze und Ecken finden, die noch nicht planiert wurden.

    Ansonsten hast du leider völlig Recht. Vieles wird mit gepflegtem Rasen und nutzbar gemachten Flächen zerstört.

    Liebe Grüße

    Kristin Schickel

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    1. Hallo Kristin und Danke für dein Willkommen! Auch wenn wir nihct ganz in Stötteritz, sondern schon in Probstheida sind ;) Es stimmt, hier im Süden sieht man noch viele Brachflächen. Auch das Wasserwerk direkt neben unserem Haus bietet viel unbewohntes Grün. Ich liebe es hier.

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  2. Nicht alle Gärtner sind so! Wir gärtnern "naturnah" inmitten einer klassischen Kleingartenanlage - und wohl oder übel müssen uns die Vereinsmitglieder gewähren lassen, so lange wir die Rahmenvorgaben (Heckenhöhe am Rand, keine Waldbäume) einhalten.

    Den Totholzhaufen finden sie immer wieder sehr seltsam, auch dass wir mehrere große Komposthaufen haben. Und RASEN gibt es gar nicht.... tststs... :-))) Wildkräuter dürfen wachsen, es gibt Ecken mit "Gestrüpp" und das Leben im Garten nimmt kontinuierlich zu, seit wir ihn haben und die kahle Erde verschwunden ist, die die Vorgänger so erfolgreich verteidigten.

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    1. Hallo Claudia! Toll, dass es Gleichgesinnte gibt und ich sehe, auch ihr hattet schon mit Kahlschlag und Vorher-/Nachherbildern zu tun. Komisch dieser Drang nach kahler Erde und hässlichen Wänden. Viel Erfolg beim Widerstand in Berlin!

      PS: Übrigens sind die Städte mit den meisten Kleingärten Berlin (68.000), Leipzig (40.000) und Hamburg (33.000). Im Verhältnis zur Einwohnerzahl dürfte in Leipzig also die größte Laubenpieperdichte dieser Republik herrschen. Wie können wir die alle zu wilden Gärtnern machen?

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  3. Der Mensch scheint eben den Gedanken zu mögen, die Natur zu beherrschen. So im Kleinen, im eigenen Garten, da funktioniert das dann ja auch noch. Aber wenn man mal an die Naturkatastrophen (was für ein Wort in diesem Zusammenhang!) denkt; Hochwasser, Hagel, etc. - am Ende sitzt die Natur am längeren Hebel. Schon wenn es ein bisschen schneit, bricht in deutschen Städten das Chaos aus. Weil viele Leute einfach so tun, als wäre nichts.

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  4. Die meisten Menschen lieben die Natur, aber nicht alles an ihr. Sie unterscheiden sehr genau, was sie lieben und was nicht.
    Die Füchse und Igel würde sicher fast jeder Deiner Nachbarn mal im Garten sehen. Die Spinnen, Mäuse und Schnecken aber eher nicht. Blumen, auch Wildblumen, sind sicher jedem Kleingärtner willkommen, aber Brennesseln oder Disteln (obwohl die wunderschön blühen!) eher nicht. Oftmals ist das Eine aber nicht ohne das Andere zu haben. Die wenigsten Gartenbesitzer aber wollen das "Widerliche" für das "Schöne" in Kauf nehmen. So siegt die Kultur, also der Konsens darüber, was als "schön" zu gelten hat.

    Ich selbst komme vom Lande, bin aber inzwischen ein Stadtmensch. Ich benutze die Stadt, um mir die Natur vom Leib zu halten, und das Land, um ab und zu kontrolliert Natur zu erleben. Ich sehe das sehr selbstkritisch und betrachte mich als ein bisschen "verzogen". Ändern kann ich das momentan leider nicht.
    Vor Menschen aber, die z.B. mit Totholz in ihrem Garten einen Gegenpol zum kulturellen Konsens setzen, habe ich Respekt!

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  5. Naturefund finde ich gut. Leider hat das kleine Team alle Hände voll zu tun und Fundraising scheint so einfach dann auch nicht zu sein. Aber sie haben Projekte wie bspw. Kauf von Wäldern, Wiesen & Feuchtgebieten, um Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu sichern; Aufforstung in Deutschland und auch international oder auch sehr interessant folgendes Projekt:
    http://www.naturefund.de/erde/aktuell/nachricht/article/wie-man-geld-spart-billiger-proudzieren-und-dabei-weniger-arbeiten.html

    Liste der Projekte:
    http://www.naturefund.de/projekte/alle_projekte.html

    Team:
    http://www.naturefund.de/ueber_uns/das_team.html

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