22. Mai 2011

Glückliches Leben in der modernen Stadt

Von der Hölle der Industrie zum urbanen Paradies 

Seit ich in eine neue Stadt gezogen bin, beschäftigen mich die Fragen nach dem heutigen Leben in modernen Städten, die ja auch immer ihre Geschichte haben. Es ist nicht ganz selbstverständlich und vielleicht auch erst ein moderner Gedanke, dass Menschen sich in Städten wohl fühlen sollen. Wir haben immer den Reflex, mit romantischer Brille in die Vergangenheit zu schauen. Wir denken, dass alles schlechter wird: mehr Menschen, mehr Verkehr, mehr Abgase und Umweltverschmutzung, mehr Lärm und Hektik. 

Menschen sollen sich in der Stadt wohlfühlen (Leipzig, Gohlis)

Die Hölle der Industrialisierung
Aber gerade in den europäischen und nordamerikanischen Städten* stimmt das überhaupt nicht. Denken wir an London, Paris und selbst Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mitten in der Industrialisierung, als Menschen nur in der Stadt lebten, um die Fabriken 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche am Leben zu halten. Da ging es nicht darum, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, sondern Menschen für die Arbeit heranzuschaffen. Rücksicht auf Nachtruhe, grüne Rückzugsgebiete oder saubere Atemluft und unverschmutztes Wasser gab es für die Massen gar nicht. Der Verkehr war größtenteils ungeregelt, LKWs stießen mit Pferdewagen zusammen, täglich gab es Unfälle mit Auto, Bus und Straßenbahn, in denen Leute ihre Beine verloren. Die Zeitungen der 20iger Jahre sind voll davon. Oder lesen Sie einmal Döblins Berlin Alexanderplatz, da wird das ganz plastisch erzählt.

Unsere Städte als post-industrielle Paradiese
Heute gibt es Einbahnstraßen, 30er-Zonen, Fußgängerüberwege und Ampeln. Umweltzonen und für den Verkehr gesperrte Innenstädte setzen sich durch. Parks und Begrünung sind in jeder modernen Stadtplanung ein zentraler Aspekt. Überall ziehen Menschen in alte Fabrikgebäude, in Schlachthöfen werden Ausstellungen eröffnet, Kinos, Theater und Musik-Clubs ziehen in Brauereien ein (siehe z.B. Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg). Uns kommt das heute ganz normal vor, aber vor 90 Jahren schrieen die Schweine in der Innenstadt, es stank bestialisch, Kohle und Schwefel lagen in der Luft und die Hämmer der Fabriken ließen die Wohnhäuser Tag und Nacht erzittern.

Später kam in Ostdeutschland dann noch die sogenannte Diktatur des Proletariats hinzu, die auf immer zu arm blieb, die vom Krieg verschonten Gebäude in Schuss zu halten oder anders ins Wohlbefinden der Arbeiterklasse zu investieren, als durch triste Plattenbauten und klassenkämpferische Wandgemälde. Man kann ja über den heutigen Kapitalismus sagen was man will, aber durch die Anreiz- und Ausbeutungsmechanismen bleibt bei uns immer noch genug übrig, alte Gebäude zu renovieren, Parks in Schuss zu halten und sogar neue Architektur zu fördern. Gerade das heruntergekommene Erbe des Sozialismus hält die Mieten in Städten wie Leipzig niedrig. Viele Gebäude sind noch nicht saniert, weshalb die Durchschnittsmiete niedrig ist und so auch die Maximalmieten beschränkt sind.

Die Zutaten der Architektur
Architektur ist die größte Schnittstelle zwischen individueller Psychologie, Massenpsychologie oder besser Anthropologie und der handfesten Formung unserer Umwelt. Das Geheimnis der Architekten, die es schaffen, etwas zu bauen, in dem wir uns als Individuen, aber auch als Gruppen dauerhaft wohlfühlen - seien es ganze Städte, Parks, Gebäude oder auch nur eine Wohnung - ist, dass sie sich selbst und ihre Mitmenschen genau beobachten und sich die Mühe machen, unsere Reaktionen auf Raum, Licht und Material zu verstehen. Darüber hinaus verstehen sie die ästhetischen Herausforderungen, die geschichtlichen Traditionen und widerstehen dem Kitsch und der platten Wiederholung der Geschichte. Am Ende ist es dann auch noch wichtig, wo sich ein Lichtschalter so befindet, dass man ihn nicht sucht, wenn man einen dunklen Raum betritt. Steckdosen müssen sinnvoll angebracht sein, die Türen müssen in die richtige Richtung aufgehen und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Mich fasziniert, dass in der Architektur all das zusammen kommt: Handwerk, Kunst, Psychologie, Geschichtsverständnis, "gesunder Menschenverstand" und nicht zu vergessen die Physik und all die komplizierten Dinge, die es zu verstehen gilt, damit ein Haus auch stehen bleibt und nicht in sich zusammen sackt.

Wenn Sie demnächst durch Ihre Wohnung, Ihren Ort oder Ihre Stadt gehen, schauen Sie sich einmal um und versuchen Sie zu empfinden, wo es Ihnen gut geht, wo Sie sich wohlfühlen, wo Sie sich verlassen und verunsichert fühlen und wo behütet oder frei. Dann sehen Sie sich die Architektur an und Sie werden die kleinen aber entscheidenden Unterschiede sehen, die diese Gefühle auslösen.

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*In vielen asiatischen und manchen afrikanischen Städten hingegen, wird die Geschichte jetzt in brutaler Zeitraffer nachgeholt.

Kommentare:

  1. Danke, Alex!

    Schade, dass man an dich nicht mehr ran kommt, weil man auf http://alex-rubenbauer.de/ deine Artikel nicht mehr kommentieren kann. Und jetzt erzähl mir nichts von E-Mail! E-Mails sind medientechnisch etwas völlig anderes, z.B. sind sie nicht transparent und haben keine Breitenwirkung, im Grunde sind Kommentare die beste offene Kommunikations- und Diskussionsmöglichkeit im Internet. Für E-Mails und unkommentierbare Texte brauchen wir kein Internet, das geht auch mit herkömmlichen Massenmedien.

    Ich würde auch gerne lobende Kommentare bei dir hinterlassen :)

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  2. Verdammt! Er hat mich erkannt! :-)

    Danke, das freut mich dass du das gerne würdest, aber mein Gefühl sagt mir dass es für mich viel entspannter so ist. Mal sehen, vielleicht ändere ich ja eines Tages meine Meinung wieder. Momentan will ich einfach die Ruhe genießen :-)

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