18. Oktober 2012

Spiritualität und das Vertrauen in die Wissenschaft

Buch zum Thema
Bereits im im Jahr 2005 schrieb Tenzin Gyatso der vierzehnte Dalai Lama einen Artikel Our Faith in Science, deutsch etwa: Unser Vertrauen in die Wissenschaft. Der Text scheint sich vor allem als ein Appell an die Vertreter der Naturwissenschaften zu richten, ihr Tun und Lassen mit ethischen Prinzipien zu unterfüttern. Am Anfang geht es jedoch kurz (zu kurz) um das Verständnis des Dalai Lamas vom Buddhismus in Abhängigkeit von diesen Wissenschaften. Der Satz darin, der mich aufhorchen ließ, lautet: "Wenn die Wissenschaften irgend welche Überzeugungen des Buddhismus wiederlegen sollten, dann muss sich der Buddhismus ändern." Solch einen Satz stelle man sich einmal vom Papst vor!1 Mich hat das auch unter den Gesichtspunkten der Reinkarnation und Karma interessiert, die heute noch wortwörtlich so verstanden werden, als würde dort jemand immer wieder geboren, bis er endlich ins Nirwana entlassen würde. Das geht für mich nicht mit dem Selbstanspruch des Dalai Lamas einher, dass sich der Buddhismus den Erkenntnissen der Wissenschaft unterzuordnen habe. In der Diskussion zu meinem Artikel Warum wir vom Buddhismus fasziniert sind und was da nicht passt ist mir aufgefallen, dass vielen, die gerne über Buddhismus reden, dieser Artikel und die Implikationen, die er haben kann, nicht bekannt waren. Liegt es daran, dass er nur auf Englisch vorlag? Ich konnte keine deutsche Übersetzung finden. Also fragte ich den Dalai Lama, ob ich seinen Artikel übersetzen und bloggen darf. Er hat mir nicht geantwortet. Was würde Buddha tun? Ihn trotzdem bloggen. Hier und jetzt also der Artikel auf deutsch (Anwälte des Dalai Lamas oder der New Your Times bitte ich, mich zuerst zu informieren, falls ich irgendwelche Rechte verletzen sollte):

Wissenschaft hat mich schon immer fasziniert. Schon als Kind in Tibet war ich enorm neugierig, wie die Dinge funktionierten. Wenn ich ein Spielzeug bekam, spiele ich eine Weile damit und nahm es dann auseinander, um zu sehen, wie es zusammengesetzt war. Als ich älter wurde, wandte ich meinen forschenden Ehrgeiz auf einen Filmprojektor und einen Oldtimer an.

Auch war ich besonders von einem alten Teleskop eingenommen, mit dem ich den Himmel studierte. Eines Nachts, während ich mir den Mond besah, fiel mir auf, dass es auf seiner Oberfläche Schatten gab. Ich zwang meine beiden wichtigsten Lehrmeister, sich das anzusehen, denn mir wurde zuvor die alte Kosmologie beigebracht, nach der der Mond ein himmlischer Körper war, der sein eigenes Licht ausstrahlte. Aber durch mein Teleskop gesehen, war der Mond ganz deutlich nur ein wüster Stein mit Kratern übersehen. Wenn der Autor dieser Kosmologie aus dem vierten Jahrhundert2 heute leben würde, ich bin mir sicher, er hätte diese Kapitel anders geschrieben.

Wenn die Wissenschaften irgend welche Überzeugungen des Buddhismus wiederlegen sollten, dann muss sich der Buddhismus ändern. Ich denke, Wissenschaft und Buddhismus suchen beide nach der Wahrheit und einem zutreffenden Verständnis der Realität. Ich glaube, dass der Buddhismus seinen Horizont dadurch erweitert, dass er von der Wissenschaften dort lernt, wo sie ein fortschrittlicheres Verständnis von der Realität haben.

Seit vielen Jahren schon habe ich die Möglichkeit, mich mit Wissenschaftlern zu treffen und ihre Ergebnisse zu diskutieren. Hervorragende Wissenschaftler haben mich ganz selbstlos in Themen wie subatomare Physik, Kosmologie, Psychologie und Biologie eingeführt. Als am wichtigsten jedoch haben sich unsere Diskussionen in der Neurowissenschaften herausgestellt. Hier hat sich eine ganz starke Forschungsinitiative zwischen Mönchen und Neurowissenschaftlern entwickelt, um zu untersuchen, wie Meditation unsere Hirnfunktionen verändert. Das Ziel hier ist nicht, den Buddhismus zu beweisen oder zu wiederlegen oder gar Menschen zum Buddhismus zu bringen, sondern diese Forschungsergebnisse aus ihrem nur theoretischen Kontext zu nehmen und ihren praktischen Nutzen zu untersuchen und jedem zugänglich zu machen, der sie hilfreich finden mag. Wenn Übungen aus meiner Tradition mit wissenschaftlichen Methoden zusammengebracht werden können, sind wir vielleicht einen kleinen Schritt weiter, menschliches Leiden zu mindern.
Ich unterbreche und kürze die Übersetzung hier etwas, denn der Text schweift ab, indem er Forschungsergebnisse zitiert, nach denen Hirnregionen, die mit Glücksgefühlen im Zusammenhang stehen durch das Meditieren an Aktivität zunehmen. Das ist aber als neurowissenschaftliches Ergebnis heutzutage denkbar dünn und berührt nicht die eigentliche Botschaft dieses Textes.
Egal, welche Ergebnisse solche Untersuchungen haben, ich trete für ihre Durchführung ein. Denn viele Leute verstehen Wissenschaft und Religion immer noch als sich gegenseitig feindlich gegenüberstehend. Ich gestehe zwar zu, dass bestimmte religiöse Konzepte nicht mit wissenschaftlichen Fakten und Prinzipien zusammenzubringen sind, denke aber, dass Leute von beiden Welten3 eine intelligente Diskussion führen können, die am Ende ein tieferes Verständnis der Herausforderungen in unserer durch und durch vernetzten Welt hervorbringen können.

Einer meiner ersten wissenschaftlichen Lehrer war der deutsche Physiker Carl von Weizsäcker, ein Schüler des Quanten-Theoretikers Werner Heisenberg. Dr. Weizsäcker unterrichtete mich in diesen wissenschaftlichen Themen. [...] Was mich am meisten beeindruckte, war wie sehr Dr. Weizsäcker die philosophischen und ethischen Konsequenzen seiner Wissenschaften beschäftigte. Seiner Meinung nach würde es den Naturwissenschaften gut tun, auch solche Probleme zu behandeln, die normalerweise den Geisteswissenschaften überlassen wurden.

Ich glaube, dass wir einen Weg finden müssen, ethische Abwägungen in die Richtung, die die Wissenschaften, insbesondere die Lebenswissenschaften nehmen, einfließen zu lassen.4 In meiner Forderung nach fundamentalen ethischen Prinzipien geht es mir jedoch nicht darum, die religiöse Ethik und die wissenschaftliche Praxis zu fusionieren. Sondern es geht mir um eine weltliche Ethik, die alle die Prinzipien umfassen, die wir als menschliche Wesen teilen: Mitgefühl, Toleranz, Achtung des anderen, der verantwortungsvolle Umgang mit mit Wissen und Macht. Diese Prinzipien gehen durch die Grenzziehungen zwischen Glaubenden und nicht Glaubenden hindurch, sie sind Teil eines jeden Vertrauens.

Unser Wissen über das menschliche Gehirn und den Körper hat heute auf dem zellulären und genetischen Level eine ganz neue Qualität erreicht. Fortschritte in der Genmanipulation beispielsweise bedeuten, dass Wissenschaftler heute genetisch neue Wesen erschaffen können, hybride Tier- und Pflanzenarten zum Beispiel. Die langfristigen Konsequenzen solcher Entwicklungen bleiben vorerst unbekannt.

Manchmal, wenn Wissenschaftler sich auf ihr enges Feld konzentrieren, verhindert ihr scharfer Fokus die Wahrnehmung der größeren Auswirkungen, die ihre Arbeit haben kann. In meinem Austausch mit Wissenschaftlern, versuche ich, sie an die größeren Ziele ihrer täglichen Arbeit zu erinnern. Das ist nötiger denn je, denn es wird deutlich, dass unser moralisches Denken nicht mit dem wissenschaftlichen Fortschritt mithalten konnte. Die Konsequenzen dieses Fortschritts sind so enorm, dass es nicht mehr angemessen ist, die Beantwortung der Frage, wozu dieses Wissen angewandt werden soll, einzelnen Individuen zu überlassen. [...] Die Frage, wie sich die Naturwissenschaften zur gesamten Menschheit verhalten, ist nicht mehr nur ein akademischer Gegenstand.Vielmehr ist sie eine der drängenden Fragen für all jene, denen das Schicksal der Menschheit am Herzen liegt.

Ein gründlicherer Dialog zwischen den Neurowissenschaften und der Gesellschaft, ja zwischen allen wissenschaftlichen Feldern und der Gesellschaft, sollte uns verstehen helfen, was es bedeutet, Mensch zu sein und welche Verantwortung wir für die Natur haben, die wir mit anderen empfindsamen Wesen teilen.

So wie die Welt der Wirtschaft ihre Aufmerksamkeit erneut auf die Ethik gerichtet hat, sollte auch die Wissenschaft von einer Reflexion über die Konsequenzen ihrer eigenen Arbeit profitieren. Wissenschaftler müssen mehr als nur technisch versiert sein; sie sollten sich ihrer eigenen Motivation und dem großen Ziel ihrer Arbeit bewusst sein: die Besserung der Menschheit.


Anmerkungen
  1. Übrigens sagt der Dalai Lama im Interview auch: "Es ist besser, wenn jeder Mensch seiner eigenen Tradition folgt. Sie im Westen haben einen jüdisch-christlichen Hintergrund, es ist besser, wenn Sie bei Ihren Wurzeln bleiben."
  2. Hier sieht man, an welchen uralten Quellen buddhistische Mönche offenbar geschult werden oder vor Kurzem noch wurden. Und es zeigt auch, dass der Dalai Lama ein historisches Verständnis mitbringt, dass sich auf andere überholte Gewissheiten übertragen lassen muss: Wenn der Mond heute etwas ganz anderes ist, dann kann auch die Reinkarnation heute etwas ganz anderes sein.
  3. Eine etwas verräterische Stelle, wo auch der Autor selbst seine dualistischen Ansichten von der Trennung von Religion und Wissenschaft in zwei unterschiedlichen Welten verrät.
  4. Eine nicht ganz unkomplizierte Forderung, die sich mancher Wissenschaftler, der sich der "Wahrheit" verpflichtet fühlt, verbitten wird. Dürfen ethische Prinzipien der Erkenntnis im Wege stehen?


Kommentare:

  1. Ich würde einfach fragen: Würde das gedruckt, wenn er nicht 5 Million Twitter-Follower hätte? Hat er wirklich was Neues zu sagen? Ist das nicht wohlfeiles Gerede? Ist das etwas Profundes oder ist es seinem Status einer "Charismatischen Persönlichkeit" im Sinne Max Webers geschuldet?

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    1. Was wäre denn was "Profundes"? Wenn du in Philosophie/Ethik-Foren gehst, dann würde die die analytisch orientierte Fraktion einen Foucault als Schwätzer abqualifizieren.

      Und was den Dalai Lama angeht:

      "In meiner Forderung nach fundamentalen ethischen Prinzipien geht es mir jedoch nicht darum, die religiöse Ethik und die wissenschaftliche Praxis zu fusionieren. Sondern es geht mir um eine weltliche Ethik, die alle die Prinzipien umfassen, die wir als menschliche Wesen teilen: Mitgefühl, Toleranz, Achtung des anderen, der verantwortungsvolle Umgang mit mit Wissen und Macht. Diese Prinzipien gehen durch die Grenzziehungen zwischen Glaubenden und nicht Glaubenden hindurch, sie sind Teil eines jeden Vertrauens."

      Vergleiche es mit dem, was aus dem Vatikan kommt, was aus China kommt, was von den Imamen kommt. Wenn wir uns auf der moralischen Ebene bewegen sollten (und beim anderen Artikel hatte ich ja keine Antwort darauf bekommen), dann plädiere ich dafür, dass wir erst einmal nach Gemeinsamkeiten suchen. Und prüfen wir mal, mit wem wir eine Ethik auf dieser Basis entwerfen könnten:

      1. Sie dürfen sich nicht auf Autoritäten berufen.
      2. Sie dürfen sich nicht von bestreitbaren metaphysischen Annahmen abhängig machen.
      3. Sie müssen von einem Standpunkt der Unparteilichkeit getroffen werden.
      4. Sie müssen die Interessen aller von ihr Betroffenen berücksichtigen.
      (Birnbacher, Einführung in die analytische Ethik)

      Also, auf _dieser_ Ebene hat er was zu sagen, was mehr Leute interessieren sollte. Oder sollte man sich lieber an China oder dem Papst ausrichten?

      LG
      Uwe

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    2. Zum Bereich „Forschung und Verantwortung“ biete ich einige Statements an. Vielleicht ergibt sich daraus ein weiter führendes Gespräch...

      http://neu-staat.jimdo.com/der-staat/12-wissenschaft-forschung/forschung-verantwortung/

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  2. Was hat dir der Lama eigentlich getan?

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