16. März 2014

Von der Offenheit und dem Risiko zu leben

Martha Nussbaum und die Tragödie als Folge eines gelungenen Lebens


Ich bin ein unheilbarer Optimist und gehe damit immer auch irgendwie naiv Risiken ein. Beispielsweise erfuhr ich schon früh in meinem Arbeitsleben, dass Kollegen um mich herum schnell irgendwelche Intrigen witterten, während ich relativ gutgläubig einfach vor mich hinarbeitete. Eine Kollegin sagte mir damals, dass der neue Kollege in unserem Team mit unserem Boss kungelte und dass er bestimmt bald unser Vorgesetzter wurde. Überhaupt würden die da oben uns gegeneinander ausspielen. Sie machte sich ganz fertig deswegen. Ich hatte von all dem gar nichts mitbekommen, aber sie behielt Recht: der Neue wurde unser Chef und sie kündigte bald, vielleicht auch weil irgendwer die ganze Zeit gegen sie intrigierte. Und immer noch ist es in vielen Bereichen meines Lebens so, dass andere um mich herum Gefahren weitaus eher spüren als ich. Oft gebe ich neuen Menschen um mich herum sehr viel Vorschusslorbeeren. Und manchmal wird auch mir hinterher klar, dass ich zu viel vertraut habe, während meine vorsichtigeren Mitmenschen schon lange vorher spürten, dass etwas faul war.

Martha Nussbaum wikipedia 10-10
Martha Nussbaum: "Eher eine Pflanze, als ein Diamant sein" (Bild von Robin Holland)

Diese Menschen um mich sind nicht selten das, was in der Persönlichkeitspsychologie "neurotizistisch" genannt wird: Sie haben ein feines Gespür für heraufziehenden Ärger, für Risiken und anstehende Probleme. Ich habe mir in letzter Zeit angewöhnt, diesen Leuten genau zuzuhören, eben gerade, weil ich das Gegenteil bin. Diese Mitmenschen sind für mich die Seismographen, die das heraufziehende Erdbeben schon spüren, während ich noch lustig vor mich hinpfeife.

Was ich aber auch sehe, ist dass die eher neurotizistischen Kollegen früher aufgeben oder scheitern und dass sie vor den Risiken des Lebens eher zurückschrecken, als einfach mal etwas zu wagen. Was hat man schon zu verlieren? Man lebt doch nur einmal. Als Optimist blende ich die nicht in meine positiven Pläne passenden Signale oft und erfolgreich lange aus. Manchmal so lange, dass die Dinge trotz aller dagegen sprechenden Einflüsse doch irgendwie klappen. Ans Beispiel oben angeknüpft: Meine neurotizistische Kollegin hat das Weite gesucht, ich verstand mich gut mit dem neuen Chef, den sie schon beargwöhnte, bevor sie ihn kannte und bald beförderte er meine Karriere, ohne dass ich darauf gezielt hingearbeitet hätte. Meine Naivität hatte mir also gar nichts geschadet. Der naive Optimismus verleiht einem manchmal einfach die Ausdauer, um überhaupt irgendwo anzukommen, währen andere schon entnervt vom eigenen Pessimismus oder Verfolgungswahn aufgegeben haben.

Das Paradox des guten Lebens

Das Arbeitsleben ist dabei nur ein Beispiel. Dasselbe gilt in der Liebe und allen anderen Bereichen des Lebens. Dazu möchte ich die Philosophin Martha Nussbaum* zitieren:

"Ein guter Mensch zu sein, bedeutet eine Offenheit gegenüber der Welt zu haben, ein Vertauen gegenüber den Unwägbarkeiten, die dich in extremen Situationen, für die man selbst nichts kann, auch zerstören können. Das sagt uns auch etwas sehr wichtiges über die menschlichen Bedingungen eines ethischen Lebens: Es gründet sich auf ein Vertrauen ins Ungewisse und auf eine Bereitschaft, ein Risiko einzugehen und bloßgestellt zu werden. Es gründet sich darauf, eher wie eine Pflanze zu sein, als wie ein Diamant: etwas sehr verletzliches, dessen Schönheit von dieser Fragilität nicht zu trennen ist."**
Martha Nussbaum beschreibt hier ein Paradox des Menschseins: Unsere Verletzbarkeit, unser Vertrauen in andere Menschen beschwört auch die Tragödien herauf, die uns in unserem Leben zustoßen. Aber die größte Tragödie liegt im Versuch, sich gegen Verletzungen abzuschirmen, indem wir eine Mauer um uns herum ziehen und unsere Herzen versteinern lassen. Denn diese Versteinerung, dieses sich nicht auf die Welt und die Menschen Einlassen, ist ein Verneinen dessen, was es heißt, Mensch zu sein.

"Ein Mensch sein bedeutet, den Versprechungen anderer zu trauen und davon auszugehen, dass andere Menschen gut zu dir sein werden. Wer das nicht ertragen kann, zieht sich hinter die Mauer zurück: 'Ich lebe nur noch für mein eigenes Wohlsein, für meine Rache, meine Wut und entziehe mich der Gesellschaft.' Im Grunde heißt das nichts anderes, als kein Mensch mehr zu sein."**

Dieser Rückzug aus der Gesellschaft ins strikt Private hat also auch eine politische Dimension. Privates und Gesellschaft kollidieren hier mitunter. Besonders dann, so Nussbaum, wenn man versucht, ein gutes und verantwortungsvolles Leben zu führen. Nur, wer keine Verpflichtungen anderen gegenüber eingeht, also keine privaten Beziehungen miteinander oder mit gesellschaftlichen Beziehungen in Einklang bringen muss, wird den Tragödien in Form von schweren Entscheidungen aus dem Weg gehen können. Nussbaum vergleicht das mit der antiken Tragödie von Agamemnon, der sich entscheiden muss, ob er das Leben seiner Tochter oder das seiner zahllosen Krieger retten soll. Meine Konflikte und Dilemmas sind oft etwas harmloser, wenn es sich zum Beispiel um die Frage dreht, ob ich den Erwartungen meiner Frau oder meiner Mutter nachkommen soll, wenn wir an einem Wochenende zu Kaffee und Kuchen nach Berlin fahren.

Eine Frage des Anspruchs an uns selbst

Martha Nussbaum meint nicht, dass man, um ein gutes Leben zu führen, Konflikte heraufbeschwören oder Kampf und Leid romantisieren soll. Man sollte sich aber für seine Interessen und Beziehungen auf eine Weise einsetzen, die auch das Risiko der Tragödie in Kauf nimmt. Man könne versuchen seine Verpflichtungen leicht zu nehmen, sodass man sich immer der einen oder anderen entziehen kann, falls sie miteinander in Konflikt geraten. Dann wird man jedenfalls selbst kaum Leid erfahren, wenn etwas schief geht. Oder wir erfüllen unser Leben mit einer tiefen Ernsthaftigkeit gegenüber unseren Verpflichtungen und hängen unsere Fahne nicht einfach nach dem Wind. Das ist eine Frage des Anspruchs an uns selbst. Können wir damit der Welt nicht eher das gute Leben abringen, nach dem es uns verlangt? Zwangsläufig wird uns das vor die eine oder andere Tragödie stellen. Aber, wie wir mit Rainer Werner Fassbinders schon feststellten: Das Glück ist nicht immer lustig.



** Martha Nussbaum ist Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago und hat Bücher wie Konstruktionen der Liebe, des Begehrens und der Fürsorge und Gerechtigkeit oder Das gute Leben geschrieben.
*Die Zitate sind meine Übersetzungen aus dem Artikel Philosopher Martha Nussbaum on How to Live with Our Human Fragility vom sehr empfehlenswerten englischsprachigen Blog Brainpickings.

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Kommentare:

  1. "Die Wartung japanischer Fahrräder erfordert großen Seelenfrieden". Diese Einleitung gab es tatsächlich einmal und wird in Prisigs Buch "Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten" thematisiert. Es geht dabei um Verantwortungsübernahme bei der "Wartung jap. Fahrräder", genau wie bei allen Haltungen zum Leben, von welchen Frau Nussbaum spricht. Für Nichtstun, Dagegenarbeiten oder Mitschwimmen. Wenn ich bereit bin, die Konsequenzen meines Tuns, meiner Haltungen zu tragen, ohne zu jammern, ohne andere anzuklagen, dann kann ich zufrieden werden. Achtung! Das ist kein Fatalismus, keine Gleichgültigkeit sondern aktive Verantwortungsübernahme. Allerdings sind beide verführerisch...

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  2. Menschen, die mich auf der Straße um Geld anbetteln, gebe ich grundsätzlich nichts. Das habe ich mir so angewöhnt und ziehe das auch durch. Allerdings bleibt bei mir immer ein fahler Nachgeschmack meines Handelns.
    Neulich habe ich durch genügend langes Nachdenken herausgefunden, warum ich mir einst diese Regel auferlegt habe: ich will nicht verletzt werden. Gebe ich jemandem Geld, könnte er sich damit Alkohol kaufen (was ich nicht will) oder schlimmer noch, er könnte über mich denken: "So ein Idiot! Der hat mir echt Geld gegeben!"
    Vor solchen Enttäuschungen schützt mich mein Handeln. Der fahle Nachgeschmack aber rührt daher, dass ich spüre, wie es mich unmenschlicher macht, ganz wie Frau Nussbaum sagt. Denn was ist, wenn ich dadurch - zumindest dann und wann - versäume, eine echte Not zu lindern?
    Danke für diesen Beitrag!

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  3. Da sind bei mir im Laufe meines Lebens Welten aufeinander geprallt. Ich wusste schon, dass Freunde einen manchmal fallen lassen oder man sich mal gegenseitig "eins auswischt". Aber das Leben ist vielseitig, man wendet sich anderen Dingen zu und kann Abstand gewinnen. Später trifft man wieder aufeinander und findet dafür ein anders gutes Thema, was sogar den Streit wieder neutralisiert oder im besten Fall versöhnt man sich wieder, man spricht einfach nochmal darüber und verzeiht sich, weil das Gute ja doch überwiegt. Das hat früher bei mir oft und gut so funktioniert. Aber ich habe meistens nur Zweierfreundschaften gesucht. In Gruppen hatte ich immer Glück, dass das in der Gruppe nicht weiter gestört hat. Oder ich war im Wechsel mal der oder der anderen Person in der Gruppe näher. Also nur einige Leute in der Gruppe kannten sich besser und andere in der Gruppe kannten sich eigentlich gar nicht. Es bildeten sich innerhalb der Großgruppe sozusagen kleinere Grüppchen, was aber in der Großgruppe keine Störung brachte. Es musste gar nicht jeder jeden kennen. Es wurde auch in der Gruppe nichts gemessen oder verglichen, so dass auf lange Sicht gesehen ja doch jeder sein Ding machen konnte und die Konflikte, die es schon mal geben konnte, auch eher schnell wieder vergessen waren, weil es noch wichtigere Dinge gab, die wichtiger waren, als einen Streit bis zum Exzess weiter verfolgen zu müssen. Der Streit ging fast wie von selbst "unter", weil insgesamt die Gruppe ja doch irgendwie den Zusammenhalt nicht als Vorschrift sah.

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  4. Fortsetzung:
    Die Gruppe kommt als Gruppe zusammen und deswegen Ist sie eine Gruppe, man bleibt offen für Entwicklungen ohne abarbeiten von strikten Vorgaben, oder wenn Vorgaben, dann werden sie für jeden offen bekannt gegeben und man weiß auch sozusagen öffentlich, wer sie festgelegt hat. Transparenz und Ehrlichkeit bringt Vertrauen in die Gruppe. Oder auch ohne Ziel, dass das schon von alleine läuft, weil man sich immer was interessantes zu sagen hat und Ziele daraus erwachsen können, aber nicht müssen. Jeder ist so wie er eben ist und Fehler sind vorübergehend und keiner muss deswegen in die "Büßerecke stehen". Heute denke ich anders über Gruppen. Immer gibt es Bestimmer in Gruppen. Diese wollen einen Gruppenkodex entwerfen oder finden sich zusammen, um einen aufzustellen. Man bekommt es ja nicht mit, weil sie sind ständig damit beschäftigt sind, ihre "Lämmchen" zusammenzutreiben, und wehe, wenn eines ausschert. Dann haben sie einen Sündenbock. Kann auch Lagerbildung geben.

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  5. Fortsetzung:
    Ein Gruppenkodex bekämpft den anderen. Alle beobachten sich heutzutage strenger, kritischer wie früher. Warum denke ich so? Nein, ich glaube, dass es das doch früher auch schon gab. Aber vielleicht seltener oder mir ist es einfach nicht aufgefallen. Ich hörte früher nur ab und zu darüber, beispielsweise von kleinen Ortschaften oder Dörfern, wer das bessere Dorf ist. Oder auch das typische Beispiel bei der Auswahl von Ehepaaren, dass es hieß, diese Person ist aber nicht standesgemäß. Aber auch wieder nicht so schlimm. Man wusste das ja dann, weil es einem VORHER offen gesagt wurde. Komplizierter ist es nur, wenn man sich auf eine Gruppe einlässt, diese ja auch daran interessiert war, und dann kommt es auf einmal zu Regeln oder Vorschriften, die so nach und nach einem immer merkwürdiger erscheinen. Nun gut, nicht alles muss passen, man tut gerne einen Gefallen. Nur komisch wird es dann, wenn man das Gefühl hat, dass man immer ungenügender wird. Man muss dann die Gruppe verlassen, weil man versagt hat. Oder die Gruppe ist beleidigt, weil man gar keinen Spaß mehr in der Gruppe hat und umgekehrt von selbst das Weite sucht. Ist das aber (noch) nicht möglich, dann muss man sich abgrenzen. Aber eine offene Art ist das dann nicht. Aber reden kann man auch nicht, weil die Gruppe immer in die Richtung zerrt, aber diese Richtung wird immer mehr zum Stress für einen selbst, so dass man sich gerne freiwillig versucht, so gut es geht, eine Distanz zu schaffen, aber natürlich nicht so, dass der Eindruck entsteht, dass man bildlich gesprochen "die Tür zuknallt", obwohl man das lieber tun würde. Man hat dann eine Sehnsucht nach Distanz, die sogar noch weiter wächst, kann sich aber nicht abschotten, weil es nicht gesellschaftsfähig und auch unklug ist. Also in dem Sinne vielleicht, dass man dann einräumt, dass man schon erreichbar sein will, aber der Bezug fehlt. Man müsste ganz genau wissen, für was man gebraucht wird. Man merkt dann selbst, da ist ein Fehler, weil man es gar nicht mehr weiß und sich fragt: "Was will man von mir". Oder ist man ein Egoist oder Narzisst, weil man das gar nicht von alleine mehr merkt. Da muss man sich doch fragen, ob sich die Personen eigentlich noch nahe sind oder sich kennen oder ob es nicht schon sehr lange auseinander gelaufen ist. Man denkt gegenseitig vielleicht sogar, keine Ahnung, aber warum soll man dann an einem Kontakt noch interessiert sein. Wenn mich was wirklich interessiert, dann frage ich dann besser direkt. Aber ich dränge mich auch nicht auf, weil ich der Person die Chance gebe, auf meine Frage auch mal Nein zu sagen. Zweier Versuch soll es ja auch geben. Ich fühlte mich manchmal schon in die Enge getrieben, was eben dann zur Abschottung führte. Ich akzeptiere es dann aber auch anders herum, wenn meine Interessen nicht geteilt werden. Ich mag einfach diesen Zwang nicht. Und bei dringenden Sachen, muss man bei mir was sagen, konkret bitte. Ich habe da (glaube ich) einen Mangel am guten Willen, aber hilfsbereit bin ich schon, aber ich sage auch mal nein. Und da sind die Leute dann schnell bei Bezeichnungen wie Egoist. Ja dann ist man das. Manchmal gibt es Leute, die einem das ein Leben lang vorwerfen und ich habe den Eindruck, dass das wohl ein "besonderer Sport ist". Ich versuche es bei einem Nein dann eben wo anders und mache das nicht immer von der gleichen Person abhängig, Oder versuche es für mich selbst zu lösen. Ich brauche dazu kein Gruppenmitglied, stehe dann halt alleine da, aber ich finde, das ist das Schöne auch an meiner Verantwortung für mich selbst. Zwar auch nicht so einfach, aber besser für mich, als immer wieder belästigt zu werden aus nichtigen Gründen, die auch aus Erfahrungen, die ich gemacht habe, gar nicht wichtig waren.

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  6. Fortsetzung:
    Man macht sich Sorgen und Gedanken und alles nur halb so wild. Solche komischen Spielchen, die andere aus Langeweile oder was auch immer machen. Beweisen kann man das nicht so gut, weil man einen Klüngel gegen sich hat. Ich bin alleine für mich und der Klüngel hat sich ja. Also warum dann der Klüngel einen weiter verfolgt? Mir ein Rätsel und Druck ohne Geduld und Abwarten können. Keiner stirbt am nächsten Tag, aber so tun als ob.

    Wenn man das mal so erlebt hat, dann denkt man, dass die Leute alle so ticken. Aber vielleicht ist das gar nicht so. Deswegen weckt dieser Blog doch wieder auch Interesse es mal zu versuchen, Leute zu finden, die sich nicht in alles einmischen und meinen einem die Würmer aus der Nase ziehen zu müssen, weil sonst irgend ein Marktplatz fehlt. Einerseits bin ich für Kontakt und andererseits will ich mir die Leute wieder "vom Leib" halten. Gute Beziehungen sind wichtig und genau das hat dieser Blog hier sehr gut beschrieben.

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