31. März 2013

Wittgenstein und die gute Form des Lebens

In Peter Sloterdijks Buch Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik von  2009 bin ich auf ein eigenartiges Zitat von Ludwig Wittgestein (1889 - 1951) aufmerksam geworden:
"Daß das Leben problematisch ist, heißt, daß Dein Leben nicht in die Form des Lebens paßt. Du mußt dann dein Leben verändern, & paßt es in die Form, dann verschwindet das Problematische." (Ludwig Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Frankfurt a. M. 1994, S. 62)
Auf Facebook habe ich das Zitat erst mal zur Diskussion gestellt und dort gab es viele gute Gedanken dazu. Wittgensteins Worte bleiben aber eigenartig, weil sie unserem heutigen Verständnis von Leben so fern zu stehen scheinen. Wer heute Leben sagt, muss eigentlich immer gleich Pluralität mitdenken. Eine Form von Leben gibt es schon gar nicht, sondern immer viele Formen. Und alle sind OK. Außerdem klingt es sehr nach Anpassung des eigenen Lebens an diese eine rigide Form, wo wir doch im Gegenteil immer versuchen, die äußeren Formen unserem Leben anzupassen. Das Zitat hat mich neugierig gemacht und ich will zeigen, wie man es heute lesen kann und was das für uns praktisch bedeuten kann.*

Torso of Apollo Belvedere
Torso of Apollo Belvedere

Das Gute

Eine mögliche Lesart dieses Zitats von Wittgenstein geht von Platons Idee des "Guten" aus. Demnach gibt es ganz objektiv dieses Gute als übergeordnete Idee und damit das gute Leben oder eben die gute Form des Lebens. Die Erkenntnis des Guten ist für Platon der höchste Zweck der Philosophie, weil aus dieser Erkenntnis alle anderen Ideen folgen und auch jedes Handeln ethisch gut werde. Von dieser Idee ausgehend werden schließlich antike philosophische Schulen gegründet, deren Zweck es sein wird, die Passung zwischen dieser guten Form und dem Leben auf intellektuelle und körperliche Weise herzustellen. Bis heute ist die Idee des Guten der Grund, warum es Bildung und Sportunterricht gibt. Wir leben in der Vorstellung, uns durch die Bildung einem Ideal des Menschen anzunähern. 

Reduktion aufs Ideal

Was könnte so ein Ideal sein? Wittgenstein war ein Purist, der radikal alles (ob Sprache, Philosophie, Architektur) vereinfachen und zu seinen basalen Formen führen wollte. Das kann - analog zur Schule - in Übungen geschehen, die gerade auch im Weglassen bestehen, im Weglassen des Überflüssigen und damit in der Rückkehr zum Wesentlichen. 

Auf Wittgensteins Zitat angewendet könnte das bedeuten, dass man sein Leben so reduzieren muss, dass es wieder in die Form des Lebens passt. Denn ist es zu "groß" und unförmig, steht hier und da etwas über, dann passt es nicht in die ideale Form und wird als problematisch erfahren.

Die Wahrheit und das Gute wohnen in der Praxis

Wenn Wittgenstein "Form des Lebens" sagt, kommt man eigentlich nicht an einem seiner philosophischen (wenn auch nicht systematischen) Grundbegriffe vorbei: Lebensform bezeichnet in Wittgensteins Arbeiten zur Sprache all die historischen, sprachlichen, verhaltensmäßigen, soziologischen und körperlichen Praktiken, die in einer Gesellschaft und ihrer Sprache Sinnzusammenhänge ermöglichen.

In diesen Praktiken wohnt die Wahrheit, an ihnen muss sich die Sprache bewähren und ihren Wahrheitsgehalt zeigen. Das Üppige, das Ornamentale ist dabei für ihn kein Zeichen von Kultur. Für ihn waren Klarheit und Reinheit Selbstzweck. Wittgenstein war auch biographisch immer wieder von einer gewissen Reduktion getrieben. Von der Philosophie zog er sich zurück, um Dorfschullehrer zu werden, er war zwischendurch Kriegsmediziner und Gärtner im Kloster der "Barmherzigen Brüder" bei Wien. Es ist bekannt, dass er gern ein mönchisches Leben geführt hätte und von den Regeln im Kloster fasziniert war. Die Ordensregeln sind einfach und strikt: Beten, arbeiten, schweigen. Und in sich selbst sind diese drei Praktiken wiederum Übungen zu einer Vervollkommnung. Am Ende wird jede Handlung mit äußerster Bedachtsamkeit durchgeführt und jedes Wort mit Bedeutsamkeit gesprochen. Alles Überflüssige fällt weg. Darin sah Wittgenstein wahre Kultur und damit hat man einen Zugang zu dem, was er als gute "Form des Lebens" meinen könnte: Askese.

Ästhetik und Ideal der Reduktion

Es gibt noch eine andere Auffälligkeit, an der wir bei diesem Zitat nicht vorbei kommen: Es erinnert durch den Satz "Du mußt dann dein Leben verändern" im Zusammenhang mit dem Formbegriff an Rainer Maria Rilkes Gedicht "Archaischer Torso Apollos". Hier wird eben jener antiker Torso in seiner (um Kopf, Geschlecht, Gliedmaßen) reduzierten Volkommenheit beschrieben, um dann ziemlich mysteriös und plötzlich die letzten Zeilen hervorzubringen:

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

Wenn man auch um die biographische Nähe zwischen Wittgenstein und Rilke weiß - der Philosoph und Industrieellen-Erbe hatte dem bewunderten Dichter Teile seines Vermögens einfach geschenkt - dann kann man annehmen, dass Wittgenstein an eben dieses Gedicht dachte, als er seine Bemerkung zur Form des Lebens machte.

Rilke beschreibt diese reduzierte aber dennoch perfekte menschliche Form des antiken Athleten Apollo als eine Aufforderung. Der Torso ist kein bloßes ästhetisches Objekt, sondern ein ethisches Subjekt. Der Betrachter betrachtet nicht nur, sondern er wird durch das Betrachtete zurück betrachtet und muss sich damit die Frage gefallen lassen, ob er vor dieser Volkommenheit bestehen kann. Er kann nicht und das gipfelt in der Aufforderung: "Du musst dein Leben ändern."

Der Form-Begriff in diesem Ding-Gedicht Rilkes ist ein statischer und damit ein anderer, als der der Lebensform, die sich in Akten (Riten, Taten, Sprechakten) zeigt. Gemeinsam ist ihnen das Ideal der Reduktion, das als Schablone für die gute Form und damit als zu erreichendes Lebensideal dient.

Was bedeutet das für uns?

Mich fasziniert diese Radikalität hinter Wittgensteins Gedanken von der Form des Lebens, der wir uns einpassen müssen. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass sich alles immer nach uns zu richten hat: Was nicht passt, wird passend gemacht. Diese Anmaßung macht uns gedankenlos und faul. Wir denken gar nicht darüber nach, ob es nicht eigentlich eine richtige Haltung zur Welt gibt. Statt dessen machen wir alles abhängig von den Umständen, alles kann immer irgendwie entschuldigt werden, anything goes. Wir denken gar nicht darüber nach, ob es nicht eigentlich ein in sich gutes Leben gibt. Statt dessen füllen wir jede kleine Ecke in unserem Leben aus, sei es mit Konsumgütern, dauernder Belustigung oder endlosen Sorgen.

Ich denke nicht, dass Wittgenstein meinte, jeder solle seine private Idealform finden und zu dieser Form auflaufen. Aber auch das ist schon ein vergleichsweise anspruchsvoller Entwicklungsgedanke, mit dem uns geholfen wäre. Wittgenstein wird eher eine allgmeingültige ideale Lebesform meinen, denn er stellt "dein Leben" "dem Leben" gegenüber und macht damit gearde den Unterschied auf zwischen individuell und allgemeingültig. Wenn er an Platon dachte, dann wird er ein Leben in Tugenden meinen, vielleicht - wenn er auch an sein Kloster dachte - ein reduziertes, aksetisches Leben.

Auf jeden Fall aber appelliert er doch - wie Apollos Torso - an uns, uns nicht mit dem Alltagsmist zufrieden zu geben, sondern in uns reinzuhören, nach dem Wahren und Guten zu suchen, nach den Idealen zu streben. Haben wir nicht alle irgendwie einen Zugang dazu? Wissen wir nicht, was wirklich richtig und gut ist, selbst wenn wir doch immer etwas anderes machen?

Seien wir nicht faul und gedankenlos! Arbeiten wir an uns! Jeden Tag tun und sagen wir so viele Dinge, da wird sich doch die Gelegeneheit ergeben, es hier und da besser zu machen und sich nach und nach einer Idealform zu nähern. Ob unsere Leben dadurch je in "die Form des Lebens" passen werden oder ob es dazu einer größeren und grundlegenderen Veränderung bedarf, weiß ich nicht.



*Natürlich geht meine Interpretation an den entscheidenden Stellen von den Gedanken Sloterdijks aus. Auf der anderen Seite, bin ich mir sicher, würde er sich gegen einige meiner Gedanken und ihren Vereinfachungen verwahren, würde er sie lesen. In Peter Sloterdijks Buch Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik versucht er zu zeigen, inwieweit Menschen generell Übende sind und nach etwas höherem streben. Dabei analysiert er auch die Religionen als Übungssysteme und die vermeintliche Wiederkehr der Religionen als Ausdruck der Vertikalspannung, unter der Menschen immer stünden. Es ist ein sehr lesbares und lesenswertes Buch, das einen anhand des anthropologischen Aspekts der Übung durch die Geistesgeschichte der Moderne führt. Das Buch als Ethik verstanden, würde wohl zur steten Arbeit an uns selbst aufrufen, um ein dem Menschen gemäßes Leben zu sichern.

Kommentare:

  1. Das Problem der Beurteilung, was zum Leben gehören mag, fängt ja schon bei der Frage an, was denn gut sei. Gut und schlecht ist eine Sache des Subjekts, und wird aufgrund seiner gemachten Erfahrungen immer individuell sein.
    In unserer Welt, die uns Älteren immer komplexer werdend erscheint, ist die Sehnsucht der Vereinfachung sicherlich gegeben. Nur: lässt sich eine komplexe Welt von einem einzelnen Wesen auf etwas Wesentliches reduzieren, ohne dass er aus dem System der Nützlichkeit heraus fällt?
    Ich hatte vor 3 Wochen mit einer Dame gesproche, die von Hartz IV lebt und sogar noch so viel Geld spart, dass sie sich hin und wieder eine Erkenntnisreise "gönnen" kann. Diese Dame scheint schon asketisch zu leben. Geht also?
    Danke für den schönen Artikel,
    Martin

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  2. Ob das Individuum in die Form des Lebens passt, hängt vielleicht mehr noch als von der "realen" Form des Lebens (so sich diese bestimmen lässt) davon ab, welche Form die Erwartungen dieses Individuums dem Leben geben, was es sieht, anstrebt, wünscht usw.
    Insofern ist Reduktionismus sicher eine _Möglichkeit_
    Eher abschreckend ist dabei dieser Gedanke des ständigen Arbeitens, Übens. Denn Reduktionismus könnte ja auch ganz weit weg von aller Idealform führen, weg vom Realen, hin zum Möglichen (wie das auch Musils Ulrich versucht). Dass Faulheit und Gedankenlosigkeit kein Weg sind, ist dabei unbestritten, aber dieser permanente Arbeitseinsatz am Selbst ("Arbeiten wir an uns") scheint mir dabei doch etwas übertrieben. Das Schöne an der Freiheit ist ja: Ich kann mein Leben ändern _muss_ es aber nicht.

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