23. April 2014

Der finstere Berg

Eine andere Qualität in der Sorge um die Zukunft

Wir kennen die Phasen der Trauer, die solche Patienten durchmachen, deren Krankheit unausweichlich zum Tode führt: Wut, Leugnen, Feilschen, Depression und schließlich Akzeptanz. In der Phase der Akzeptanz tritt man einen Schritt zurück und überlegt sich, wie man die Zeit, die einem noch bleibt, verbringen möchte und wie man sie mit etwas Würde durchstehen kann. Ich stelle mir diese Fragen inzwischen auch öfter...

Dieser Text erschien im Philosophischen Magazin agora42

 

Trauer um die Schönheit der Natur

Die Menschheit, so könnte man meinen, ist in einer ähnlichen Situation wie ein Todkranker: Uns wird zunehmend klar, dass unsere Existenz als Gattung auf diesem Planeten zu einem Ende kommt. Wir sind sieben Milliarden Menschen, die der Planet nicht mehr erträgt und wir werden noch mindestens zwei Milliarden mehr werden. Die Erde wird zunehmend wärmer, ohne dass wir unseren Kohlendioxidausstoß reduzieren können. Die Eismasse der Arktis schrumpft zusehends. Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten beschleunigt sich trotz WWF und Greenpaece.

Unsere erste Reaktion, als wir mit dem Waldsterben, Tschernobyl und dem Waleschlachten konfrontiert wurden, war Wut. Ich denke, dass wir völlig zu Recht wütend waren und dass es vielleicht sogar das aufrichtigste Gefühl war, dass wir haben konnten. Wir protestierten, gründeten militante Öko-Gruppen oder trugen Kröten über die Landstraße. Damit hoben wir die ökologischen Probleme zum ersten Mal auf die politische Agenda. Was hat es genutzt? Bis heute gibt es auch Gruppen, die die sich vor unseren Augen weiterhin abspielende ökologische Katastrophe leugnen. Viel größer aber ist die Gruppe der Leute, die begonnen haben, zu feilschen: Man könnte das Fortschrittsoptimismus nennen. Ich selbst neige zu diesem Glauben, dass wir durch technischen Fortschritt wie Solarzellen und Windkraft den ökologischen Raubbau kompensieren können. Mittlerweile kommen mir Zweifel: Nicht, weil es prinzipiell unmöglich wäre, sondern weil die Schäden so massiv sind, dass jedes politisch vertretbare Gegensteuern lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet.

Die letzten Phasen der Trauer

Im englischen Oxford hat sich vor einigen Jahren eine Bewegung mit dem Namen The Dark Mountain Project formiert. Ganz bewusst sind sie zu den letzten Trauerphasen von Todkranken übergegangen: zur Depression und letztlich zur Akzeptanz. Die Gruppe besteht aus einer Reihe von Schriftstellern, Künstlern und Denkern, die aufgehört haben, die Geschichten zu glauben, die sich unsere Gesellschaften heute selbst erzählen. Die gängigste Geschichte geht etwa so, dass der Menschheit als exponiertem Sonderfall der Natur die Aufgabe zufiele, die gesamte Natur und alles Leben zu steuern und dass die ökologischen und ökonomischen Katastrophen unserer Tage lediglich technische Ausfälle seien, die wir nur zu beheben hätten. The Dark Mountain Project meint nun, dass neue und weniger heilsversprechende Geschichten für die finsteren Tage vor uns von Nöten seien.

Dieses Projekt sieht sich als kreative Plattform, auf der wir ohne Selbsttäuschung akzeptieren lernen können, was die Zukunft für uns bereit hält. "Wir sehen, dass die Welt in ein Zeitalter des ökologischen Zusammenbruchs eintritt [...] und wir möchten diese Realität annehmen und spiegeln, anstatt sie zu leugnen." Man könne nicht mehr so tun, als wären die Schäden rückgängig zu machen, als könne man diese Welt noch retten. Das sagt der ehemalige Aktivist der Anti-Globalisierungsbewegung und Gründer des Projekts Paul Kingsnorth.

Liest man das Manifest der Bewegung mit dem Titel Uncivilization von 2009, dann wird allerdings auch klar, dass die damals gerade eingetretene globale Finanzkrise den Pessimismus der Autoren kräftig befeuert hat. Überall asymetrische Kriege, die man nicht gewinnen konnte, anhaltende Naturzerstörung und plötzlich war auch noch die eigene Immobilie wertlos. Wo soll da noch Optimismus herkommen! Nicht mal mehr von den Grünen und ihren Öko-Supermärkten? Nein: “Eine ehemals radikale Infragestellung der Zivilisationsmaschine wurde in eine weitere Möglichkeit zum Shoppen verwandelt” (Uncivilization). Pessimismus ist ein anderes Wort für den Abfall vom Glauben an den Fortschrittsmythos. Im Manifest heißt es: “Alles wird gut. Nein, wir glauben nicht, dass alles wieder gut wird. Wir sind uns nicht einmal sicher, ob wir auf der Grundlage der heutigen Definition von Fortschritt überhaupt wollen, dass es wieder gut wird.”

Vor The Dark Mountain

Akzeptanz statt Aktionismus

Wie kann man denn als vernünftiger Mensch an diesem Punkt die Hände in den Schoß legen und sich in sein Schicksal ergeben? Das ist ja beinahe verbrecherisch. Kingsnorth sagt, dass sein Projekt den Menschen die Möglichkeit gäbe, falsche Hoffnungen zu begraben. Nur noch hoffen zu können, sei ein verzweifelter Akt derer, die keine Macht haben, wirklich etwas zu ändern.

Anstatt zu versuchen, die Erde zu retten, sollten die Menschen lieber darüber reden, was überhaupt noch machbar ist. Kingsnorth wünscht sich eine neue Ehrlichkeit: Ökologischer Aktivismus täusche seine Anhänger zum Beispiel mit der falschen Hoffnung, den Klimawandel stoppen zu können. Dabei sei klar, dass er nicht gestoppt werden könne und dass solche falschen Hoffnungen nur zu noch mehr Enttäuschung und Verzweiflung führten. Für die Anhänger von Dark Mountain gibt es immerhin eine Möglichkeit, sich die Wahrheit einzugestehen und die damit einhergehenden Gefühle von Furcht und Trauer zuzulassen. Erst mit dem Eingeständnis des Ausmaßes der Zerstörung durch uns und um uns herum können wir anfangen, neue Wege zu sehen:

"Was passiert, wenn du die kommenden Veränderungen akzeptierst? Dinge, die du schätzt, werden verschwinden, es werden Sachen passieren, die dich unglücklich machen. Du wirst nicht erreichen können, was du erreichen wolltest und du musst damit leben. Weiterhin wirst du Schönheit sehen, es wird weiterhin Dinge geben, die dir einen Sinn vermitteln und du kannst immer noch irgend etwas tun, um die Welt ein bisschen weniger schlecht zu machen." (Paul Kingsnorth in der New York Times)

Kingsnorth findet die Idee, dass man die katastrophalen Folgen der Klimaerwärmung aufschieben kann, nicht nur falsch, sondern widerwärtig. Es zeige die ganze Verzerrung der Beziehung zwischen Menschen und der natürlichen Umwelt. Sogar die Umweltschützer hätten damit die Idee aufgegeben, dass Natur auch einen Wert in und für sich hat, der über ihren Nutzen für uns hinausgeht. Wenn wir dieses Ideal vergessen, um unseren Arsch zu retten, wenn wir überall Windräder hinstellen und Solarfelder anlegen, dann gehen wir nichts anderes als einen faustischen Pakt ein: Wir verkaufen unsere Seele, die Schönheit der Natur, um ein paar Jahre länger zu leben.

Nun gut, man könnte auch sagen, dass im Grunde die ganze Existenz des Menschen ohnehin in diesem Teufelspakt besteht. Wir kennen ja Frankensteins Monster. In der Philosophie findet man dafür den Begriff der Entfremdung: Die Prozesse, die wir initiieren, um alles besser zu machen, entfremden sich uns und ihrem Zweck und wenden sich letztlich gegen uns. Das ist alles höchst sinnlos und erscheint unveränderlich. Das Trotzdem, die Tat, so würde Albert Camus vielleicht sagen, ist gleichzeitig Auflehnung gegen das Absurde und Eingeständnis der Sinnlosigkeit dessen, was über diese Tat selbst hinausgeht. In dieser Tradition steht auch The Dark Mountain Project: Statt verzweifelt zu versuchen, die gottlose Schöpfung zu verstehen und zu retten, reibt man sich am Untergang und macht ihn zur Folie des eigenen Schaffens. Dieses Schaffen ist dabei ganz vielfältig, beispielsweise gibt es neben zahlreichen Publikationen auch Uncivilisation Festivals, wo versucht wird, die Akzeptanz ästhetisch über Musik, Malerei, Aufführungen, Debatten und das Erzählen von Geschichten zu stärken. Das ist kein dekadenter Tanz im Angesicht des Untergangs, sondern eine bewusste und nüchterne Konfrontation mit der Unausweichlichkeit des Endes der Welt, wie wir sie kennen.

Die Radikalität des Gedankens finde ich mutig und attraktiv. Wir haben von unseren Ärzten erfahren, dass wir nur noch einige Monate zu leben haben und können dieses Leben erst dann führen, wenn wir aufhören wütend gegen unser Schicksal anzurennen oder mit Hilfe von Chemotherapie und Lungenmaschine um jede Minute zu feilschen. Wenn wir unser Los akzeptieren, können wir noch einmal die Augen aufmachen, die Schönheit des Lebens sehen und bewusst genießen. Wir können uns darauf konzentrieren, das Beste daraus zu machen.

In vielerlei Hinsichten starren wir immer wieder ohne viel Hoffnung ins Nichts, sei es das eigene unfassbar begrenzte Leben, furchtbare Kriege oder die unaufhaltsam scheinende Naturvernichtung. Und vielleicht ist es das, was wir lernen müssen: Absurde Hoffnungen fahren lassen, damit wir zu Sinnen kommen und uns den sich stellenden Herausforderungen zuzuwenden können. Das eigene und einzige Leben als Auflehnung gegen die endlos reproduzierte Sinnlosigkeit und seine traurigen Umstände.

Und irgendwo ganz hinten im Kopf haben wir doch noch diesen unbesiegbaren kleinen und allzu menschlichen Schimmer Hoffnung: Vielleicht haben sich die Ärzte ja doch geirrt und wir leben länger als die prognostizierte Zeit? Vielleicht doch lieber mit dem Rauchen aufhören und dem Schicksal ein paar Monate mehr abtrotzen? Oder, wie es im 8. Prinzip des Manifests von The Dark Mountain Project heißt: "Das Ende der Welt wie wir sie kennen, ist nicht das Ende der Welt. Wir werden eine Hoffnung jenseits der Hoffnung finden: den Pfad, der uns zu jener unbekannten Welt führt, die vor uns liegt."

Dieser Text wurde im März 2015 im Philosophischen Wirtschaftsmagazin agora42 veröffentlicht.



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Kommentare:

  1. Der jüngste Bericht des IPCC lässt kaum Fragen hinsichtlich der ökologischen Problematik offen, der wir uns gegenüber sehen. Der Tenor ist, dass uns nur ein extrem kleines Zeitfenster bleibt, um mittels extremer Massnahmen eine durchschnittliche globale Erwärmung von mehr als zwei Grad Celsius zu verhindern. Das Mittel, dass das IPCC vorschlägt, sind Steuern auf den CO2-Ausstoß. Wer die politischen Realitäten weltweit anerkennt, sieht, dass dieses Mittel nicht eingesetzt werden wird. Die ökonomische Realität hinter dieser Unfähigkeit ist unser Wirtschaftssystem, welches ausschließlich auf sofortige Erfüllung jeglichen Begehrens ausgerichtet ist und jeden Menschen in dieser Hinsicht erzieht. Intergenerationale Projekte wie etwa eine globale ökologische Regeneration sind so ausgeschlossen. Anzuerkennen, dass wir unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen keine Möglichkeit haben, drastische globale ökologische Veränderungen zu verhindern, heisst allerdings nicht, dass man nichts tun könnte oder sollte. Diese Schlussfolgerung aus den Konsequenzen die Leuten wie Kingsnorth ziehen ist falsch. Man kann vieles tun. Das Leben geht weiter – ohne die Grünen allerdings (um nur ein Beispiel zu nennen), ohne Politik, und letztlich irgendwann ohne ein perverses Wirtschaftssystem, das Menschen in Europa oder Nordamerika vorgaukelt, sie seien die Krone der Schöpfung während die restlichen 90% der Menschheit von unserem Müll leben dürfen. ...aber wir sollten keine Angst haben: Die Ökonomien die das meiste CO2 ausstoßen (und mit ihm eine ganze Menge anderen Dreck) sind finanziell am besten gewappnet, um sich gegen die Folgen abzusichern.

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  2. Der Satz zu Kingsnorth ist nicht gut formuliert. Ich wollte sagen, Leute wie Kingsnorth haben eindeutig Recht, wenn sie fordern, dass man die Realität irreversibler klimatischer Veränderungen mit möglicherweise dramatischen Folgen anerkennen solle. Diese Realität ist laut jüngstem Befund des IPCC eindeutig gegeben (siehe hierzu "Fifth Assessment Report" des IPCC => http://www.ipcc.ch/). Allerdings wird diese Realität im politischen Prozess nicht anerkannt bzw. man gibt sich mit dem Glauben zufrieden, dass ein so genanntes "Klimaziel" mit einer maximalen durchschnittlichen globalen Erwärmung von 2° Celsius bis Ende des 21 Jhdt. akzeptabel und zu 'managen' sei.

    Dabei muss man aber Verschiedenes bedenken. 1) Dieses "Klimaziel" wird nur mit Hilfe drastischer Massnahmen zu erreichen sein. Z.B. harte Besteuerung des CO2-Ausstosses weltweit. Dabei werden von Fachleuten Szenerien gefordert die damit kalkulieren, dass in zwanzig Jahren keinerlei Investition mehr in Kraftwerke stattfinden, die fossile Brennstoffe verfeuern - weltweit. 2) Die 2°-Erwärmung wird nur für die jetzt schon reichen und gut entwickelten Nationen zu 'managen' sein. Klimatische Veränderungen mit Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion werden die so genannter Dritte Welt überfordern. 3) Selbst wenn es 'nur 2° sind, CO2 (und andere Stoffe) wird über Jahrhunderte das Klima verändern und es folgen möglicherweise weitere Temperatursteigerungen. Besonders problematisch aber ist das Steigen der Meeresspiegel, das, laut Bericht, mit "allerhöchster Wahrscheinlichkeit" weiter gehen wird.

    "Most aspects of climate change will persist for many centuries even if emissions of CO2 are stopped. This represents a substantial multi-century climate change commitment created by past, present and future emissions of CO2." Vgl. S. 27 in der Zusammenfassung des Klima-Berichtes => http://www.climatechange2013.org/images/report/WG1AR5_SPM_FINAL.pdf).

    "Die meisten Aspekte der Klimaveränderungen werden über Jahrhunderte bestehen bleiben, selbst wenn die Emissionen gestoppt werden." Mit anderen Worten: Die anthropogenetische Veränderung des weltweiten Klimas wird das Gesicht des Planeten auf lange Zeit verändern – mit langfristig unabsehbaren Folgen. Wenn die kapitalistische Zivilisation daraus keine sofortigen und drastischen Schlüsse zieht, dann ist das nichts anderes als die moralische Bankrotterklärung dieser Zivilisation. Oder andres gesagt: Der Manager von heute der dazu den Mund hält, ist der Killer meiner Kinder und Enkel und sollte entsprechend behandelt werden.

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    1. Danke, Matthias, für deine sehr fundierten Ergänzungen. Im Grunde ist, was du schreibst, der nötige Background, um diese Diskussion zu verstehen. Dein zweiter Kommentar führt all das aus, was ich in dem Halbsatz, dass "die Schäden so massiv sind, dass jedes politisch vertretbare Gegensteuern lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet" zu komprimieren versucht habe.

      Wenn ich Kingsnorth richtig verstehe, ist sein Punkt, dass wir in einer Situation sind, in der grüner Aktivismus mit der Hoffnung, ausreichend gegenzusteuern, nichts mehr bringt. "Brace for impact", sagt er, damit wir eine Chance haben, durchzukommen. Perfide ist allerdings, dass - so wie du auch sagst - am ehesten wir als Verursacher eine Chance haben den Crash zu überleben.

      Ich bin ein bisschen ratlos, teile aber deine Meinung, dass man den Mund aufmachen muss. Wie gesagt: Wut ist für mich ein adäquates Gefühl in diesem Zusammenhang.

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  3. Hallo Gilbert, "der nötige Background" erfordert leider einiges an Zeit und Mühe, um ihn nur einigermaßen zu verstehen. Es gibt zwar Zusammenfassungen des IPCC – "for policiy makers" – aber selbst diese bedeuten Arbeit, um die Materie zu begreifen. Ausserdem sind die Berichte (noch?) nicht auf Deutsch verfügbar.

    In der derzeitigen Politik und in den Medien geht der Bericht anscheinend völlig unter. Die Grünen z.B. betreiben wohlfeile Anmahn-Politik, ohne dass man sehen könnte, was diese ehemals ökologische Partei noch zu dem Problem wirklich zu sagen hätte. Auch die Grünen geben sich damit zufrieden, mit einfachen Zahlenspielchen dem Bürger bezüglich der Komplexität der Probleme, Sand in die Augen zu streuen. Bei ihnen heisst es:

    "Auch wenn wir uns – bezogen auf den derzeitigen Emissionstrend – global eher auf eine 3,5 bis 5,4 Grad wärmere Welt zubewegen, eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs in diesem Jahrhundert auf weniger als zwei Grad ist noch immer möglich." (=> http://www.gruene-bundestag.de/themen/klimaschutz/klimaschutz-braucht-mehr-politische-unterstuetzung_ID_4391320.html)

    Liest man den IPCC-Bericht genau, sieht man, dass sich die Autoren gegen derartig monokausal basierte Zahlenspiele verwehren. Dazu kommt, dass bisherige politisch-ökonomische Mittel den CO2-Ausstoß zu begrenzen wirkungslos sind. Der 'Emissionshandel' auf EU-Ebene z.B. ist, weltweit gesehen, wirkungslos. In Asien oder Amerika interessiert das niemand. Die USA haben einen dreifach höheren 'ökologischen Fussabdruck' als die Europäer (und einen zwanzig mal höheren als die Afrikaner) und die chinesische Kohlekraftwerke haben in der jüngsten Vergangenheit für einen massiven Anstieg der globalen CO2-Emissionen geführt. Es gibt schlicht und ergreifend keine Politik, die mit dem Problem sinnvoll umgehen würde.

    Die Wut die sich diesbezüglich einstellt, hat mit der Realitätsverweigerung der politischen Kaste zu tun. Mit der Verlogenheit der Politik. Sie hat aber auch damit zu tun, dass diese Politik nur noch der gesetzgebende Arme der Ökonomie ist. Auf dieser Ebene ist jegliches Tun ausgeschlossen.

    Gleichzeitig, bei aller Problematik, sollte man aber nicht in eine Alarmismus verfallen, der von einem Ideal nach dem Motto Zurück-zur-Natur beseelt ist. Natur gibt es nicht. Als ob es ein Zurück gäbe. Ich denke "Brave for impact" sollte man nicht so verstehen, dass eine plötzliche Katastrophe über uns hereinbrechen könnte. Ersten werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Veränderungen für uns allmählich sein. Zweitens übersieht man leicht, dass für einen großen Teil der Menschheit, die Katastrophe Alltag ist. Es gibt in dieser Hinsicht eine Zahl, die meiner Ansicht nach, wie nichts sonst diese Katastrophe bezeichnet. Es ist die Zahl derjenigen der globalen Bevölkerung, die keinen Zugang zu gutem Trinkwasser haben: 1,1 Milliarden Menschen! (=> http://www.who.int/water_sanitation_health/mdg1/en/)

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  4. Solange die Vernichtung der natürlichen CO2-Speicher, vulgo "Wälder" derart rasant und ungebremst vonstatten geht, ist jegliche CO2-Agenda, die sich auf Steuern, Zertifikate, Emissionshandel (was für ein Quatsch!: es wird keine Reduzierung erzeugt, sondern lediglich eine Umschichtung der Erzeugerquoten, an denen dann auch noch jemand verdient, dem die Umwelt sonst schnurz ist!) und ähnliche Augenwischerei kapriziert, hemmungslos zum Scheitern verurteilt.

    Solange sich keine Kultur der Bescheidenheit (vielleicht besser: Bescheidung der Ansprüche) zu etablieren vermag, wird der Raubbau und damit die Vernichtung der Lebensgrundlagen wie wir sie für uns benötigen, zügig voran schreiten.

    Da dem aber massiv das Zwangs-Konzept des (wirtschaftlichen) "Erfolgs" entgegen steht, das nicht auf Bescheidung, sondern grenzenloses Wachstum ausgerichtet ist, mag man daran bereits unschwer ersehen, dass alles wohlfeile Absichtserklärung bleibt, was diesm Konzept faktisch nicht entgegen arbeitet.

    Die "Grünen" sind eine partei.
    Und von Parteien kann man nichts anderes erwarten als Parteilichkeit, also Standpunkte unter Ausschluss von gegnerischen Standpunkten (der zwingend für die eigene Profilierung, damit Erkennbarkeit und folglich für die Orientierung des "Wählers" und damit letztlich für die eigene Wählbarkeit = Machtanteiligkeit vonnöten ist) , weswegen es auch nie zu einer wirksamen Konsensbildung kommen kann und man sich Proporz-Kämpfen verausgabt, wodurch begreiflicherweise keine Energie für Energiewenden und dergleichen übrig bleibt.

    Theo Löbsack hat mal ein Buch geschrieben:
    "Versuch und Irrtum - Der Mensch als Fehlschlag der Natur" (1974)
    Vermutlich hat er damit den Nagel auf den Kopf getroffen^^

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    1. Da reiht sich also noch jemand ein in die "Dark Mountain Folks"?

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  5. Wer sind wir denn... eine kurze Episode einer menschlichen Hochkultur. Beispiellos in der Geschichte, sicher, aber keinesfalls unsterblich. Die Biologie lehrt, dass sich Populationen schliesslich selber begrenzen. Ein Rückgang der menschlichen Bevölkerung wird geschehen, aber zu welchem Preis? Wir hätten die technischen Möglichkeiten, unser Wissen über mehr als nur ein paar hundert Jahre zu retten. Aber unsere emotionale und soziale Intelligenz hinkt dem hinterher. Ob die Menschheit die Kurve nochmals kriegt, werden wir nicht erfahren. Die Chance ist wohl eher klein.

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  6. Teil 1:

    Zum naturwissenschaftlichen Aspekt des Themas wurde schon viel gesagt. Wir wissen das im Grunde auch, dass das Wachstum nicht unbegrenzt ist, dass Ressourcen endlich sind und dass vor allem Dinge zu Ressourcen gemacht werden (Regenwälder etc.), die auf gar keinen Fall irgendwem als Ressource dienen sollten, weil es dazu keinen nachhaltigen Ausgleich gibt. Das Problem ist ja, dass Menschen dieses Wissen irgendwo aufbewahren, wo es vor sich hin dämmert oder auf der ausgestöpselten Ethik-Festplatte vergammelt, wie Hagen Rether es einmal treffend formuliert hat.

    Wir brauchen uns ja nun nicht entscheiden zwischen übertriebener Hoffnung oder übertriebenem Realismus. Auch halte ich es für gefährlich, die Menschheit insgesamt in den Bereich des Irrtums zu versetzen, aber natürlich ist die Menschheit auch nicht der einzige Maßstab aller Dinge und könnte auch in toto irren. Es sind aber empirisch gesehen immer nur bestimmte Menschen, die an der Rodung des Waldes beteiligt sind oder an der Verpestung der Umwelt. Zugegeben, das ist die mehr als überwiegende Mehrheit, aber das sind eben nicht alle. Nun ist ja die Frage, ob ein Öko-Aktivismus wirklich noch zeitgemäß ist oder ob die Zeit der Wut nicht schon vorbei ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass man schon als "Wutbürger*in" gilt, wenn man harsche Kritik am System übt. Die Frage geht aber noch weiter: Wie schaffen wir es aus dem Kapitalismus endgültig heraus (den keiner mehr genuin haben will, sondern nur noch behalten, weil keine sinnvollen Alternativen formulierbar sind)?

    Natürlich ist ein Ökologismus genauso wie ein Ökonomismus das falsche Programm. Man merkt schon, dass es dabei nur um Profilierung und Profilisierung geht. Wo ökonomische und ökologische Beziehungen nicht ineinandergreifen, sondern einander herausfordern, steht es bereits sehr schlecht. Zitat von Der Unbuddhist: "Wenn die kapitalistische Zivilisation daraus keine sofortigen und drastischen Schlüsse zieht, dann ist das nichts anderes als die moralische Bankrotterklärung dieser Zivilisation." Es geht schlechthin nicht um Moral. Wir stehen vor einer Herausforderung des geeigneten und gelingenden Lebens um unserer selbst willen, nicht davor, Ansprüche gegen uns zu bedienen, die wir so alleine nicht hätten. Es geht um Umschulung in der Schule des Lebens, nicht um ein gutes oder schlechtes Zeugnis. Deshalb würde ich weniger moralisieren. Die Umwelt ist unsere Umwelt, das allein reicht schon, um den Egoismus in die richtigen Bahnen zu lenken. Was momentan herrscht, ist absolute Egozentrik: Mich wird es ja bald nicht mehr geben, wozu also dem Kummer, das schlechte Gewissen Überhand geben? Und meine Kinder werden sich auch nicht am Rande des Abgrunds befinden. Wir sind genervt von Krisen, weil wir das Durch-stehen der Krisen der anonymen Masse überlassen, die nach uns zur Welt kommt und die es ausbaden darf. Aber dass wir jetzt zur "anonymen Masse" von Menschen gehören, die sich die Individuen vor vielen Jahren, Jahrzehnten haben vorgestellt um Unerträglichkeiten zu vererben (Kriege, Hass), kommt uns nicht in den Sinn. Das Ich hat immer wieder den Vorteil, so tun zu können, als wäre es das allererste und letzte, das eigentliche Geborene hinter all unserer Haut, unserem Fleisch, unserer Konstitution, nämlich als das ganze finite Dasein.

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  7. Teil 2:

    Und das ist schonmal eine enorme Entspannung. Solange mein Leben nicht ineinandergreift mit dem Leben nach mir, was bringt mich dann dazu, wirksam auf Nachhaltigkeit zu setzen? Was bringt mich dazu, das behäbige Gefühl des Sattseins bei gleichzeitiger Unersättlichkeit auszumerzen? Wir alle gleichen unbewusst die Chancenungleichheit des Lebens damit aus, dass wir wenigstens viel im Leben mitnehmen und von dem fetten Kuchen erwarten, ohne ihn zu teilen. Und das ist nicht nur ökonomische Chancenungleichheit: Manche haben zwar viele ökonomische Chancen, dafür aber wenig Chancen, geliebt zu sein. Alle Ungleichheit wird damit kompensiert, dass man sie vererbt und möglichst vergrößert, weil man glaubt, der Einzige zu sein. Der Artikel bringt es gut auf den Punkt wenn gesagt wird, dass wir wie Totkranke sind: Die Perspektive verengt sich auf den letzten Atemzug, den man einmal haben wird, und man will alles noch herausholen. Dem entgegenzutreten schafft auch die beste Statistik und Risiskoabwägung, aber auch die beste ökologische Utopie nicht. Es braucht einen Zusammenschluss. Ich würde den Schriftstellern des finsteren Bergs nicht zustimmen, dass nun überall Selbsttäuschungen lauern, die moralisch natürlich unzulässig wären. Es klingt etwas nach der Warnung vor dem sowieso eintretenden selbstinitiierten, senilen Zerfall jeder Hochkultur á la Spengler, der nur diesmal apokalyptische Ausmaße hat. Solange wir bereit sind fies gegen uns selbst und offen für etwas anderes zu denken und auf Lösungen herumzugrübeln, sehe ich das noch nicht kommen. Statt dem verstummenden Realismus nun Tür und Tor zu öffnen, würde ich vielmehr die Kritikkultur wieder auf die Agenda setzen, die uns abhanden gekommen ist, das Scheitern nicht mehr als peinlich und unseriös, sondern als fruchtbar zu verstehen. Wir maßregeln einander ja immerzu zum Perfektionismus, das, wenn überhaupt, wird eines Tages als transzendentales Argument gegen uns angeführt werden können.

    Es hilft auch nichts zu wissen, dass sich Populationen selbst begrenzen, oder dass sich überhaupt irgendwelche Dinge von selbst regeln, wie in dem Zitat am Schluss des Textes angesprochen. Wir denken und handeln nicht als Population, dann müssten wir den Standpunkt der natürlichen Selektion selbst einnehmen können und das können wir nicht. Wir müssen dem eine Praxis der Offenheit gegenüber stellen, aber wir müssen schon selbst den Versuch machen und notfalls scheitern. Das banale Eingeständnis vor der Wirklichkeit der Katastrophe ist in diesem Kontext eben nicht banal, sondern schafft Grenzen, schafft eine bestimmte Wirklichkeit und schirmt sich vor dem Offenen radikal ab. Auch die radikalen Realisten des finsteren Bergs denken zu viel voraus, handeln zu viel für oder gegen eine antizipierte Zukunft, die ihrem Handeln Halt und Orientierung gibt, auch wenn sie sich negativ auf sie beziehen. Erwartungen, ob dystopisch oder utopisch, werden immer enttäuscht: Es kommt immer anders, als man denkt.

    Ich reibe mich nicht am Untergang, sondern lieber an meiner eigenen Selbstdefinition, dem, was ich sein will und werde. Und ich diene gern als Reibefläche für andere, die zu glatt und zu konform durch das Leben gehen und ihre Ethikfestplatte ausstöpseln. Die konkreten Projekte gegen den Klimawandel sind nicht nur saubere Energie, sondern auch Menschen, die sparsam mit Energie sind, oder die sich klimafreundlicher ernähren usw. Das Problem ist sowieso, dass wir unser Heil immer in neuer Technologie finden, obwohl manche Dinge viel trivialer und untechnischer lösbar wären. Zum Schluss möchte ich gern noch die Lektüre von Rilkes Gedicht „Der Schauende“ empfehlen.

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    1. Danke, Daniel, für deinen Kommentar.

      Eine Frage, auch anknüpfend an deinen Post zur Unsterblichkeit: Ist nicht das Kinderzeugen und aufziehen auch eine sehr persönliche Investition in die Zukunft? Ich staune immer, dass "alte Männer", die Familien haben, sich so wenig um die Lebensqualität ihrer Nachkommen scheren. Oder was ist mit den Leuten, die einem Schöpfungsgedanken anhängen? Müssten die sich nicht dazu verpflichtet fühlen, die Schöpfung zu bewahren? Ist das alles unter "kognitiver Dissonanz" zu subsumieren?

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  8. Jedes Jahr friert die Hudson Bay im Winter zu und taut im Frühling wieder auf. Der Physik-Nobelpreisträger Laughlin hat ausgerechnet, dass allein dieser Vorgang JÄHRLICH soviel Energie umsetzt, wie die Menschheit in ihrer GESAMTEN Geschichte bisher verbraucht hat. Das mag einen Eindruck davon geben, mit welchen Größenordnungen wir es zu tun haben, wenn von der Sonne und der Erde die Rede ist. An dieser Stelle sei auch dran erinnert, dass die Sonne vor ca. 4 Milliarden nur 70% der Leuchtkraft von heute hatte. In den kommenden Milliarden Jahren wird sich diese Leuchtkraft verdreifachen, weil die Sonne sich zu einem Roten Riesen aufbläht, was zu einer stetig ansteigenden Temperatur auf der Erde führt. In weniger als einer Milliarde Jahre wird die Durchschnittstemperatur auf der Erde bei 30 Grad plus liegen, was höherentwickelte Wesen wie der Mensch nicht überleben, es sei denn, sie brechen vorher zu den Sternen auf. Irgendwann fällt die Sonne zu einem Weißen Zwerg zusammen. Kommt hinzu, dass durch Gravitationswirkungen der anderen Planeten die Bahn der Erde um die Sonne beeinflusst wird, sodass diese mal mehr oder weniger elliptisch ist, was bei den bisherigen längerfristigen Klimaschwankungen eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte.

    Angesichts dieser Dimensionen kommt es mir schon ziemlich lächerlich vor, dass der Mensch glaubt, in dieser Liga mitspielen und gar über die Temperatur auf diesem Planeten bestimmen zu können. Keine Frage, der menschengemachte CO2-Ausstoß hat einen Einfluss auf die Entwicklung des Klimas, aber vorhersagen zu wollen, welche Folgen der CO2-Ausstoß tatsächlich zeitigen wird und die Temperatur auf 2 Grad begrenzen zu wollen, ist Kinderglauben, Magie, Hybris, Wahnsinn oder Idiotie. Der Klimawandel ist ein grün gefärbtes politisches Konzept, das bloß dazu dient, den einzelnen Menschen in den sich herausbildenden Superorganismus aus Industrie und Wirtschaft einzupassen. Die Öko-Bewegung mit ihren Glaubenssätzen löst damit das Christentum als Erziehungsprogramm ab. Die Erziehungsprogramme dienen dem industriell-wirtschaftlichen Komplex, der schon längst das Leben des einzelnen Menschen dominiert und die Menschen über solche Ideologien in sich einsaugt.

    Die Welt hat schon mehrere ökologische Zusammenbrüche überlebt, sie wird auch diesen überstehen, so es einen geben sollte. Ob der Mensch hinterher noch mitspielt, sei dahingestellt.

    Es war jedoch schon immer weise, so zu leben, als sei morgen der letzte Tag und trotzdem Apfelbäumchen zu pflanzen.Ich denke, auch das Dark Mountain Project unterliegt der Selbsttäuschung. Im Grunde geht es um das eigene Ende, das auf die Welt projiziert wird. Natürlich ist es sinnvoll, dass man sich mit seiner Sterblichkeit aussöhnt, aber doch nicht, indem man sich selbst oder seine Spezies maßlos überhöht.

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    1. Interessante Gedanken, aber letztlich fällt es mir schwer, eine Welt zu denken, die mit mir nichts zu tun hat. Ich genieße es hier zu sein (man könnte auch sagen: profitiere davon) und habe deshalb Pflichten, achtsam damit umzugehen. Das fängt doch ganz klar damit an, dass ich auf einem Waldspaziergang nicht mit Müll um mich werfe. Weil ich diesen Wald eben liebe und er auch morgen noch da sein soll. Das ist auch ein ästhetisches Erleben, auf das ich nicht verzichten will. Und genauso kann ich das auf die Weltmeere ausdehnen und es unverzeihlich finden, dass wir diese erhabenen Umwelten, die auch Habitate für andere Lebewesen sind, mit Plastik und Öl zumüllen. Man kann schwerlich sagen, der Mensch hätte auf Plastikmüll im Ozean keinen Einfluss, oder? Wo die Übergänge anfangen zu fließen, wo unser "Footprint" nicht mehr von einer Senke im Boden zu unterscheiden ist, darüber kann man ja streiten, das kann man untersuchen. Insofern will ich mich nicht auf ein oder zwei Grad festlegen und welchen Einfluss wir darauf haben. Aber wenn wir die Serengeti leerschießen, die Meere freifischen und die Lebensgebiete anderer Spezien abschaffen oder vergiften, dann kann man das nicht als Überhöhung oder Selbsttäuschung abtun.

      Und am Ende: Natürlich geht es um uns als Menschen und ob und wie wir hier leben und wie lange. Aber eben nicht nur, es geht auch darum, sich nicht wie Arschlöcher aufzuführen und alles kaputt zu machen. Im Kleinen wie im Großen, denke ich.

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  9. Was Du sagst, ist schon alles ganz richtig, aber mit solchen Gedanken spricht der Feuermensch aus Dir und nicht der Waldaffe. Die Eigenschaften, die Du hoch hältst wie Maßhalten, Achtsamkeit, Sorgfalt, Verantwortungsgefühl etc. sind Eigenschaften, die der Mensch erst im Umgang mit dem Feuer bzw. mit der Technik entwickelt hat. Mehr dazu in dem Artikel, den ich Dir demnächst schicke. Wenn Du Dich in der Natur pur umschaust, siehst Du überall Verschwendung, Ungenauigkeit, Achtlosigkeit, Völlerei, Prahlerei sowie fröhliches Gezanke, nur kann die Natur sich das ohne Weiteres leisten, weil alle Stoffe im natürlichen Recycling aufgehoben sind und wo sie nicht aufgehoben sind, diese Nische bald von irgendeinem Lebewesen besetzt wird.

    Das größte aller Probleme, das wir als Menschen haben, ist die Bevölkerungsexplosion, und der Startschuss hierzu fiel vor ungefähr 10.000 Jahren mit der Agrarisierung. Landwirtschaft wird heute als "natürlich" empfunden, aber sie ist es eben überhaupt nicht. Mesopotamien war mal eine der fruchtbarsten Gegenden der Welt, es ist schon lange eine Wüste, und das liegt in der Dynamik der Agrarisierung, die ähnlich funktioniert wie Wirtschaftswachstum. Es ist nämlich die vorhandene Nahrung, die die Anzahl der Fresser bestimmt. Wenn wir davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung um weitere zwei bis drei Milliarden steigen wird, dann ist das nur möglich, solange die Nahrungsmittelproduktion oder -verteilung diese Zahl hergibt. Es ist das altbekannte Heuschrecken-Syndrom. Tiere vermehren sich maßlos bis zu dem Punkt, an dem die Nahrungsmittelversorgung knapp wird, die Zahl der Jäger überhandnimmt oder die Aufzucht durch die herrschenden Bedingungen (wozu auch Bevölkerungsdichte gehört) zu sehr erschwert wird. Das ist der natürliche "Master-Plan" der Evolution. Man kann sich selber gegen Kinder entscheiden, aber anderen Leuten ihre Kinder zu verbieten, würde ich unbedingt als diktatorischen und unmenschlichen Eingriff werten.

    Wenn wir die Meere zumüllen, dann deshalb, weil es tief in unserer Natur verankert liegt, die Sachen, die wir nicht brauchen, wegzuwerfen, genauso wie der Affe die Bananenschale wegwirft. Jedes Tier lässt seinen Müll da liegen, wo es geht und steht. Jedes Jahr finde ich im Garten verlassene Vogelnester, leer gefressene Samenkapseln, Fäkalien verschiedenster Art.
    Ist Dir schon mal aufgefallen, dass die "erhabenen Umwelten" wie Regenwald und Meer zeitweise ganz schön stinken? Und dass Ästhetik viel damit zu tun hat, dass man gar nicht so genau hinguckt, weil man sonst überall Fäulnis entdecken würde?

    Ich habe gehört, dass der Bodensee inzwischen so sauber ist, dass die Fische verhungern und es deshalb kaum noch Bodenseefelchen in den Restaurants gibt. Wie der Bodensee wird auch das Meer nicht durch Selbstkasteiung sauberer, sondern durch technische Errungenschaften und seien das Plastik fressende Bakterien oder Plastik, das sich von selbst auflöst. In unserer menschlichen Geschichte waren es immer technische und niemals moralische oder ethische Lösungen, die uns in Krisen gerettet haben.

    Damit will ich sagen, dass, worunter Du am meisten leidest und arschlochig empfindest, eben Dein natürliches Erbe ist, das vom alten Waldaffen stammt. Es ist immer noch der alte "Master-Plan" der Evolution, der unser Verhalten bestimmt und der lässt sich eben nicht so einfach ausschalten. Seit Jahrtausenden versucht sich der Mensch zu einem Wesen umzuerziehen, das die überall sonst herrschenden "natürlichen" Verhaltensweisen auf den Kopf stellt, aber so schnell wird er den Affen in sich eben doch nicht los. In sich selbst hasst der Mensch das, was "Natur" ist, während er "Natur" außerhalb seiner selbst zunehmend erhaben, schön und liebenswert findet. Das ist schon merkwürdig, findest Du nicht?

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    1. Ja, merkwürdig ist ganz ganz viel im Zusammenhang mit uns Menschen. Das liegt an einer Sonderstellung, die wir in der Natur haben: Wir sind der Moment, in dem die Natur die Augen aufschlägt und sich selbst erkennt, wie Schelling sagte.

      Jedenfalls bin ich beruhigt, dass ich mich in deinen Schilderungen als ein Wesen wieder erkenne, dass sich gleitend zwischen Waldaffe und Feuermensch immer wieder selbst finden muss :)

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