2. März 2016

Philosophie aus Liebe zum Objekt

Das große Draußen zwischen Natur und Kultur

"Jede Philosophie, die versucht, die Dinge in ihre Bedingungen zu zerlegen, damit sie erkannt und verifiziert werden können, ist ihres Namens unwürdig." (Graham Harman: The Third Table S. 12*)
Das ist ein seltsamer Satz für einen Philosophen, der doch per Berufsbild auf der Suche nach der Wahrheit sein müsste. Was meint Graham Harman, der Philosoph der objektorientierten Philosophie damit? Philosophie, so Harman, sei nicht Wissen oder Weisheit, sondern Liebe zur Weisheit und damit ein fast erotisches, auf jeden Fall ästhetisches Konzept. Harman geht noch weiter, wenn er sagt, dass man das Wahre nicht kennen, sondern nur lieben könne. Was er damit meint, ist nicht, dass wir gar keinen Zugang zu den Dingen und der Wahrheit erhalten könnten, sondern nur, dass der Zugang immer indirekt bleibt.

Wir können die Dinge nicht kennen, aber wir können sie lieben (Foto: Marco Annunziata, CC-BY-2.0)

Auch die Liebe zwischen Menschen lebt ja durch einen indirekten Zugriff auf den anderen. Wir stellen eine Nähe zueinander her und wollen den Abstand zueinander immer weiter verringern. Würde jedoch jeglicher Abstand verschwinden, würden wir unseren Partner vollkommen definieren oder konsumieren, so würde auch die Liebe verschwinden. Harmans objektorientierte Philosophie folgt dieser Bewegung der zunehmenden Nähe mit der gleichzeitigen Akzeptanz, dass uns der direkte Zugriff auf die Dinge vorenthalten bleibt. Am Ende führt ihn das von der Erkenntnistheorie in eine neue Verortung der Philosophie, ja in eine dritte Kultur, aber dazu später mehr.

Was ist da draußen, außerhalb unserer selbst? Natürlich ganz viele Objekte, Dinge und andere Lebewesen. Aber was wissen wir von diesen Dingen? Die Philosophie hat seit jeher ein Problem mit den Dingen. Nie sind sie direkt erreichbar, wir haben immer nur einen individuellen sinnlichen Zugriff auf sie oder eine physikalisch-mathematische Beschreibung. Als Beispiel: Ein Tisch ist für uns entweder die Summe der Eindrücke, die wir von ihm haben (seine raue oder glatte Oberfläche, der Holzgeruch, die warme Farbe) oder seine atomare Zusammensetzung, wie sie ein Physiker beschreiben würde. Was der "Tisch ansich" ist, lässt sich nicht klären. Oder doch?

Nach dem sogenannten "Lingusitic Turn", also der philosophischen Auffassung des 20. Jahrhunderts, dass jegliche Realität jenseits von Sprache unerreichbar sei, hat die Philosophie zu den Dingen gern geschwiegen, so als wollte sie sich an Wittgensteins Diktum halten, dass man darüber schweigen solle, worüber man nicht reden könne. Inzwischen gibt es philosophische Versuche, diese "Unhintergehbarkeit" der Welt der Erscheinungen aufzubrechen, indem nicht nur (anti-konstruktivistisch) behauptet wird, dass es eine Welt gibt, die unabhängig von unserer menschlichen Vorstellung von ihr existiert, sondern dass wir auch einen philosophischen Zugang zu ihr eröffnen können, einen indirekten, einen der Annäherung. Diese Versuche wurden zuletzt "Spekulativer Realismus" genannt oder auch "objektorientierte Philosophie" wie bei Graham Harman.

Wer Lust auf einen kleinen und einfach gehaltenen Exkurs zur Erkenntnistheorie hat, liest bitte einfach weiter, alle anderen springen am besten zum letzten Abschnitt Die dritte Kultur.

Kleiner Exkurs zur Erkenntnistheorie des spekulativen Realismus

Wir haben die zwei Beschreibungen des Tisches, die, wie er uns erscheint und die, wie ihn die Physik beschreibt. Die erste Beschreibung ist gar nicht die des Tisches, denn der Geruch des Tisches gehört ja zu mir als wahrnehmendem Wesen und nicht zum Tisch ansich. Der Tisch hat auch keine bestimmte Farbe, sondern immer nur die, in der er gerade mir als wahrnehmendem Subjekt erscheint und die Wahrnehmung ist immer abhängig vom gerade verfügbarem Licht oder meiner Wahrnehmungsfähigkeit (ich kann farbenblind sein oder eine Sonnenbrille aufhaben). Trotzdem muss der Tisch ja irgendwelche Qualitäten haben, die diese Eindrücke in mir und auf vergleichbare Art auch in anderen hervorrufen.

"In Wirklichkeit existiert das Sinnliche weder einfach »in mir« in Art eines Traums, noch einfach »in den Dingen« in Art einer ihnen intrinsischen Eigenschaft: Das Sinnliche ist ja gerade die Beziehung zwischen dem Ding und mir." (Quentin Meillassoux, Nach der Endlichkeit, S. 14)

Die zweite, die wissenschaftliche Beschreibung wäre eine, die objektivierbar und somit universalisierbar sein möchte, weil sie von den subjektiven Eindrücken, die wir von einem Gegenstand haben, absehen kann. Zugleich kommt sie uns gerade deshalb völlig unzureichend und minimalisiert vor.

"Mein wissenschaftlicher Tisch besteht zum grössten Teil aus Leere. Spärlich eingestreut in diese Leere sind zahlreiche elektrische Ladungen, die mit grosser Geschwindigkeit hin und her sausen; spärlich, denn ihr Gesamtvolumen beträgt weniger als den billionsten Teil von dem Volumen des ganzen Tisches." (Arthur S. Eddington, Das Weltbild der Physik und ein Versuch Seiner Philosophischen Deutung, S. 2)

Um die Sache noch komplizierter zu machen, müssen wir nun auch noch anerkennen, dass selbst diese gerade "objektivierbar" genannte wissenschaftliche Sicht der Dinge, an unsere menschlichen und immer auch subjektiven Auffassungen und Interpretationen gekoppelt ist. Die atomare Beschaffenheit der Dinge ändert sich zudem. Partikel gehen verloren, andere kommen hinzu und trotzdem bleibt der Tisch unser Tisch. Noch deutlicher bei Menschen: Mein Körper teilt mit dem von vor sieben Jahren keine seiner atomaren Bestandteile mehr und trotzdem bin ich ich. Ich bin so wie der Tisch mehr als alle meine Qualitäten. Man könnte also sagen, dass diese wissenschaftliche Auffassung dem Tisch noch weniger gerecht wird, als die sinnliche, die ja immerhin einen Eintritt in eine Beziehung zum "Ding ansich" bedeutet.

Harmans dritter Tisch, der einzig wirkliche Tisch

Graham Harman findet, dass der eine Tisch das Objekt auf unsere Empfindungen reduziert, während der andere Tisch auf die blutleere Beschreibung der Physik reduziert ist. Keine der beiden Beschreibungen könne den Tisch voll beschreiben, denn er ist auch dann noch dieser Tisch, wenn einige seiner atomaren Komponenten fehlen oder wenn er uns plötzlich völlig anders erscheint, als wir es gewohnt sind. Diese zwei Versionen des Tisches sind also unbefriedigend, sogar ein "Betrug" wie Harman sagt, denn was ist nun der wahre Tisch? Für Harman befindet sich der einzig wahre Tisch zwischen dem einen und dem anderen.

Auch Harman unterscheidet die Objekte von ihren Qualitäten, wie wir es oben gemacht haben und er unterscheidet tatsächliche und "sinnliche Objekte". Die tatsächlichen Objekte sind unserem direkten Zugriff entzogen, aber uns allen über ihre Qualitäten zugänglich. "Sinnliche Objekte" sind lediglich einigen "Beobachtern" zugänglich. Weiterhin postuliert Harman, dass Objekte "tiefer" oder vielleicht reicher sind, als sie uns erscheinen und auch "tiefer" als die Beziehungen zwischen zwei Objekten (z.B. berührt ein Wassertropfen nie wirklich das Holz des Tisches, denn die elektrischen Ladungen zwischen den Objekten vermitteln lediglich eine Berührung der Objekte).

"Der wahre Tisch ist eine wahrhaftige Realität tiefer als jede theoretische oder praktische Begegnung mit ihm. Und darüber hinaus vermögen nicht einmal Steine oder Gewichte, die in den Tisch einschlagen, die innere Tiefe des Tisches zu erschöpfen. Der Tisch ist etwas tieferes als jegliche Beziehung, in die er durch uns oder andere Objekte involviert werden kann." (Graham Harman: The Third Table, S. 9f.)

"Unser dritter Tisch tritt als etwas hervor, das verschieden von seinen physikalischen Komponenten und auch von all seinen Effekten, die er haben mag, entzogen ist. Unser Tisch ist eine Zwischenform, die sich weder in subatomarer Physik noch in menschlicher Psychologie, sondern in einer permanent autonomen Zone, in der Objekte einfach nur sie selbst sind." (ebd, S. 10)

Das ist das, so Harman weiter, was in der aristotelischen Tradition "Substanz" heißt: die autonome Realität individueller Dinge. Harman will die Sicht des Aristoteles auf die Dinge als weder atomare Reduktion noch als Reduktion auf seine Erscheinung wieder beleben. Dinge seien nach Aristoteles immer individuell und unser Wissen und Erkennen ist immer universell (grün, schwer, quadratisch). So läge also auch für Aristoteles die Realität der Dinge außerhalb der Reichweite unseres Wissens.
Ende des Exkurses

Die dritte Kultur

Somit haben wir nun also einen Tisch, der weder durch die Physik noch durch unsere Sinne ausreichend begriffen werden kann. Und genau darauf wollte Harman hinaus. Das ist die Annäherung an die Realität als Philosoph, als einer, der die Wahrheit liebt, aber nie erschöpfend kennen kann. Harman stellt sogleich die Parallele zu den "zwei Kulturen" her, dem "wissenschaftlichen Realismus" und dem "sozialen Konstruktivismus", die beide als Philosophien gescheitert seien. Natürlich ruft das in Analogie zum Harmans dritten Tisch nach einer dritten Kultur, die er in der Ästhetik, in der Kunst sieht. Denn Künstler versuchen weder die Objekte in ihre atomaren Grundlagen zu zerlegen, noch wollen sie lediglich die Erscheinungen der Dinge reproduzieren. Sie jagen vielmehr den wahren und für immer unzugänglichen Objekten hinterher, indem sie versuchen, sie so zu realisieren, dass sie tiefer und reicher sind als ihre bloßen Erscheinungen, wenn sie nicht sgar Objekte andeuten, die ganz generell nicht herstellbar sind.

Nachdem die Philosophie in den letzten Jahrhunderten versucht hat, durch rigorose Gründlichkeit mit den Naturwissenschaften aufzunehmen, sei es nun vielleicht an der Zeit, dass sich Philosophie in eine energische Kunst verwandle.

"Durch die Transformation von einer Wissenschaft in eine Kunst, erhält die Philosophie ihren ursprünglichen Charakter der Liebe zurück. Auf eine Art ist dieses erotische Modell das grundlegende Bestreben der objektorientierten Philosophie: der einzige Weg, im derzeitigen philosophischen Klima, der Liebe jener Weisheit gerecht zu werden, die nicht behauptet, wirklich Weisheit zu sein." (ebd, S. 15)

Man könnte mit Harman hierin nicht nur eine Brücke zwischen den ewig sich gegenüber stehenden Lagern innerhalb der Philosophie (Realisten und Idealisten) sehen, sondern auch eine zwischen den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften und - warum hier aufhören - man könnte wie zuletzt Bruno Latour mit seiner anthropologischen Symmetrik noch einmal den Versuch unternehmen, die künstliche Trennung zwischen Kultur und Natur einzureißen und natürliche Phänomene mit den sozialen Phänomenen zusammen zu denken, anstatt sie als separate "Objekte" von grundverschiedenen Wissens- und Interessensstandpunkten heraus zu analysieren. Die Folgen, die solch ein ästhetischer, liebender Ansatz für unser Zusammenleben und unser Verhältnis zur Natur hätte, könnten sich als überaus positiv erweisen.



*Hier als deutsche Version bei Amazon, alle Übersetzungen von mir aus dem englischen Original)

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Kommentare:

  1. Ein schöner Artikel, der mich neugierig gemacht hat. Das Bch ist bestellt ;-)
    Gruß, Ingo

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    1. Freut mich! Nicht zu viel erwarten, der Text (wenn Sie mit "Buch" Graham Harmans The Third Table meinen) ist nur ein paar Seiten lang. Ich staune, dass das überhaupt ein "Taschenbuch" sein soll.

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  2. Danke für den Tipp. Das "Buch" ist ja auch bezahlbar und für einen guten Gedanke reichen ja auch manchmal ein paar Seiten. Dein Besch auf meinem Blog hat mich sehr gefreut.
    Ingo Diedrich

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  3. Was für wunderbare Sätze:

    "Auch die Liebe zwischen Menschen lebt ja durch einen indirekten Zugriff auf den anderen. Wir stellen eine Nähe zueinander her und wollen den Abstand zueinander immer weiter verringern. Würde jedoch jeglicher Abstand verschwinden, würden wir unseren Partner vollkommen definieren oder konsumieren, so würde auch die Liebe verschwinden. Harmans objektorientierte Philosophie folgt dieser Bewegung der zunehmenden Nähe mit der gleichzeitigen Akzeptanz, dass uns der direkte Zugriff auf die Dinge vorenthalten bleibt."

    Nur scheint mir das als Intro geschilderte Phänomen mit der referierten Harmanschen objektorientierten Philosophie nicht viel zu tun zu haben. Der Partner der Vereinigung, der Geliebte, ist eben kein Objekt wie all die "Dinge", mit denen sich Philosophie im von dir skizzierten Sinne befasst. Sondern zum einen der Mitmensch, der Gleiche, der als Mensch (gefühlt) aus dem Rest der Natur deutlich heraus fällt (genau wie ich) - und andrerseits der "große Andere", der als Geliebter das Summum Bonum in dieser Hinsicht darstellt, zumindest als verliebte Projektion.

    Die körperliche Vereinigung als Versuch der Verschmelzung (oder meinetwegen auch Einverleibung) führt jedoch - erstaunlicherweise - im Gelingen zum Verlassen jeglicher personaler Dimensionen des Erlebens. Weder ist da noch eine Erlebende, noch wird "jemand" erlebt - es ist nurmehr das Erlebnis.

    Dritte Kultur? Eher nicht..

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    1. Ich wollte nur eine kleine Analogie bieten, wie man eine Philosophie eher als "Liebe" denn als "Wissenschaft" denken könnte. Keinesfalls wollte ich die Liebe zwischen Menschen auf das reduzieren, was Philosophen beruflich machen.

      Was meinst du mit "Dritte Kultur? Eher nicht.."?

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  4. Das bezog sich auf

    "Am Ende führt ihn das von der Erkenntnistheorie in eine neue Verortung der Philosophie, ja in eine dritte Kultur".

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    1. Ja, dachte ich mir. Nur: Was meinst du mit deiner Aussage? Willst du sie begründen oder war es nur so ein "Bauchgefühl"?

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    2. Ich meinte, dass das Verhältnis zum Mitmensch/zum Geliebten eher nicht als Beispiel taugt, um die "dritte Kultur" verständlich zu machen, die dann am Beispiel TISCH diskutiert wird.

      Tatsächlich kann ich grade nicht ausreichend gut in Worte fassen, warum nicht - es hat aber wohl damit zu tun, dass ein Mitmensch kein Ding ist, über dessen Oberfläche, Tiefe, sinnliche und wissenschaftliche Aspekte ich so diskutieren kann wie über einen Gegenstand.

      Das Ding ist still und meiner Beobachtung passiv ausgesetzt - wogegen der Mitmensch durch seine Resonanz, durch die Art der Beziehung und vieles mehr quasi mit mir zusammen die Wirklichkeit konstruiert. Oder so... DU bist der kundige Philosoph! :-)

      Harmann verstehe ich nicht wirklich. Zwar kann ich soweit folgen, dass weder der gesehene/genutzte Tisch noch der weitgehend leere Kleinteilchen-Tisch den GANZEN TISCH beschreibt. Den "dritten Tisch" kann ich leider nur wieder als Metapher für den "ganzen Tisch" verstehen, was nichts anderes ist als zu sagen, das Ding an sich sei unerkennbar.

      Dass Künstler "vielmehr den wahren und für immer unzugänglichen Objekten hinterher [jagen], indem sie versuchen, sie so zu realisieren, dass sie tiefer und reicher sind als ihre bloßen Erscheinungen" würde ich so allgemein nicht behaupten.

      Die Kunst, wie ich sie seit dem 20.Jahrhunderts mitbekommen habe (immerhin hab ich einst ein "Kunst-Abi" gemacht) kümmert sich doch eigentlich kaum mehr um den dritten Tisch, das wahre oder ganze Ding. Moderne Kunst spielt vor allem mit unserer Wahrnehmung, will irritieren, den Vorgang der Wahrnehmung bewusst machen und alles, was mit diesem Wahrnehmungsvorgang und im weiteren auch mit der Rezeption als "Kunst" zusammen hängt.
      Impressionismus, Expressionismus, Surrealismus, Dadaismus, Popart, Konzeptart - ihnen allen ist der Gegenstand an sich doch herzlich egal. Oder etwa nicht?

      Deinen letzten Absatz im Text finde ich im übrigen sehr spannend. Wenn du dazu mal einen Artikel / eine Vertiefung bringen könntest, würde mich das freuen!

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    3. Danke für die Erläuterungen, in denen ich mich auch wieder erkenne. Ich hatte mit der Beantwortung des Kommentars bis heute gewartet, weil ich noch einen passenden Artikel in Arbeit hatte, den ich heute veröffentlicht habe und der das ganze Thema vielleicht etwas praktischer macht: Wir spüren die Monstren des Fortschritts im Nacken.

      Auch ich hatte diese Fragen, warum immer über "Dinge" wie Tische geredet wird, anstatt über Beziehungen zwischen Menschen. Daher mein Versuch, die zwischenmenschliche Liebe (etwas, das Harman gar nicht erwähnt), als Brücke oder Analogie zur Liebe als Philosophie zu nutzen. Völlig erwartbar sagst du, dass das doch qualitativ nicht dasselbe sein kann. Aber ich meine, dass es genau um diese Aufladung der Dinge geht, so wie ich schon im Titel des Artikels deutlich mache: Liebe zum Objekt. Wirkliche Liebe zu allen Dingen um uns herum. Vielleicht sollten wir versuchen die Aufhebung der Grenze zwischen Menschen und Dingen mal in Gedanken ernst zu nehmen, um einer ganzheitlichen Betrachtung unserer Welt näher zu kommen. Ist ein Versuch, mir ist selbst noch nicht ganz klar, was das bringt.

      Aber als ein Beispiel, das objekt-orientierte Philosophen gern bringen: Das "Ding" kommt vom germanischen "thing" und ist eine Zusammenkunft, wo Verhandlungen geführt und somit Beziehungen geklärt werden. Da hast du deine Resonanz. Auch Heidegger hat das schon bemerkt und beschreibt beispielsweise den Weinkrug als etwas über das bloße Objekt hinausgehende, als etwas, das Menschen zusammenbringt, das in vielfältigen Beziehungen zu anderen Dingen und Wesen steht. Bruno Latour beschreibt das als das "Netzartige" der Dinge, sie sind nie nur sie selbst.

      Beim dritten Tisch hier geht es auch nicht so sehr um die bekannte Sache, dass das Ding an sich nicht erkennbar ist, sondern dass er uns und unserer Erkenntnis voraus geht. Es gibt da draußen eine Welt, die nicht von uns abhängt. Das ist der eine Clou des neuen "Spekulativen Realismus". Der andere ist seine Mittelstellung zwischen Realismus und Idealismus. Er will nicht naiv sein und muss daher immer spekulativ sein. Mit dem Idealismus hat er gemein, dass er jegliche Korrelation zwischen Ding und Wahrnehmung ablehnt, mit dem Realismus, dass er das Ich als alleinig die Welt konstituierende Agens ablehnt. Den "dritten Tisch" sehe ich da als eine Metapher für genau diese Mittelstellung dieser Philosophie. Was sie dann erreichen kann, versuche ich wie im letzten Abschnitt angekündigt im nächsten Artikel Wir spüren die Monstren des Fortschritts im Nacken darzustellen. Trifft sich gut, dass du das auch noch nachgefragt hast.

      Würde mich freuen zu hören, ob es mit diesem zweiten Artikel etwas klarer geworden ist und ob du Vorschläge zu einem dritten Artikel in der Reihe hast.

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  5. "Es gibt da draußen eine Welt, die nicht von uns abhängt. Das ist der eine Clou des neuen "Spekulativen Realismus"."

    Ja, und das ist auch gleich ein wunderschönes Beispiel für die kritische Nachfrage: ist das nicht verdammt nochmal ein Problem, das "die Philosophie" für Menschen mit Freude am Denken als Glasperlenspiel selbst angerichtet hat? Wo hätte das je eine Relevanz für welchen Alltag? War es je für irgendwen im Vollzug des täglichen Lebens eine existenzielle Frage. ob all das, was um uns ist, eine Existenz unabhängig von uns hat? (Nicht im Ernst, wir kennen seit Menschengedenken den Tod und wissen, dass er für die Verwandten die Welt nicht verschwingen lässt).

    Bin ja selbst so eine Philosophie-Freundin, die manch' begeisternde Intellekt-Erlebnisse an der Grenze der Wissbarkeiten zu schätzen weiß. Wow, wie toll z.B. dieses Zen-Gedankenspiel: Ein Ast, der bricht - auf einem Planenten ohne Wesen, die hören können - macht er ein Geräusch?

    Bitte verstehe meine Assoziationen nicht als Anwürfe, ganz im Gegenteil find ich deine Artikel und sowieso die ganze philosophische Suche (wenn sie denn wirklich mal wieder statt findet!) sehr spannend. Deinen neuen Artikel hab ich bemerkt und mich gefreut, allein schon der Titel ist sehr anregend.. werde ihn mit Freude lesen!

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    1. Ja, genial! In deinem Zen-Rätsel ist doch schon die Verbindung! Der Konstruktivist würde mit "nein" antworten und der Realist würde mit "ja" antworten (und der Physiker würde sagen, "das kommt darauf an").

      Also ist es vielleicht doch kein Glasperlenspiel, sondern eine fundamentale Frage unseres Seins (mal von der Wissenschaftstheorie abgesehen)? Vielleicht hat es auch Relevanz für Ethik und somit ganz praktisch unsere Moral, denn ein Konstruktivismus kann sich schnell in einen Solipsismus übersetzen.

      Ich glaube zum Beispiel, dass das Ernst nehmen der Dinge, die unabhängig von uns existieren, bei den neuen Realisten zum Respekt wird, der dann auch in einen Schutz der Dinge, der anderen, der Natur ausgedrückt werden kann.

      Ich sehe diese Dualität übrigens auch immer wieder in der Moderne bei diesen "Innerlichkeitsfetischisten". Nach innern geht der Weg, dort liegt die Wahrheit etc. Das ist Romantik und die kommt vom Idealismus und zusammen stehen diese beiden Konzepte nicht gerade für die geistreichsten Geschichtsentwicklungen.

      Das ist jetzt alles sehr "geisteswissenschaftlich" und man könnte meinen, dass es aber im profanen Alltag keine große Rolle spielt. Ich muss das nicht bedenken, wenn ich die Kaffeetasse zum Mund führe, oder? Nein, es geht auch ohne. Aber auch da sind objektorientierte Philosophen anderer Meinung. Harman und Latour weisen zum Beispiel auf Heideggers Entdeckung hin, dass in vielen Sprachen das Wort für "Ding" auf die Gemeinschaft verweist. Im Germanischen kommt es von "Thing", was eine Art Versammlung war, wo Dinge und Interessenlagen ausgehandelt wurden. Eine Kaffeetasse oder bei Heidegger der Weinkrug sind nicht nur ein Ding, sondern sie verweisen auf die Gemeinschaft, auf die anderen, die dieses Ding nutzen und bestimmte Interessen haben, auf die, die zusammenkommen und gemeinsam trinken, auf die, die es hergestellt haben. Vielleicht sind wir zu achtlos im Umgang mit den Dingen geworden und es wäre schön, sich ihres Eingebettetseins in die Netzwerke zu erinnern.

      Denn damit kommt nicht nur der Respekt zu den Dingen, sondern auch die Resonanz (wie du sagst) meiner Mitmenschen in meine Welt.

      Danke für deine Kommentare, das hilft wirklich beim Weiterdenken.

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