1. Dezember 2013

Optimismus und Okzidentalismus

Von der Utopie des gesellschaftlichen Fortschritts

"Ich gehe davon aus, dass es den europäischen Theoretikern von Nutzen wäre, ihre koloniale, eurozentristische Einstellung beiseitezulegen und den globalen Kapitalismus in seiner Gänze und in allen seinen Regionen zu betrachten." Nadja Tolokonnikova (Pussy Riot)*

"Nadezhda Tolokonnikova" by Dan Witz, London
"Nadezhda Tolokonnikova" von Dan Witz, London (via Flickr)

Ich liebe den Westen, unsere Demokratie, die Meinungsfreiheit und die immer weiter fortschreitende technologische Entwicklung, die unsere Möglichkeiten erweitert, die Lebensstandards verbessert, uns länger und gesünder leben lässt und unseren luxuriösen Lebenswandel zunehmend nachhaltiger gestaltet (Solar- und Windkraft, Elektroautos, ökologische Landwirtschaft etc.).

Der pragmatische Optimismus

Nachdem der eiserne Vorhang aus meinem Leben verschwand und mir völlig neue Möglichkeiten der Entfaltung gab, machte ich mich nach Westen auf. Erst besuchte ich Nordamerika nur, verliebte mich in die unbegrenzten Möglichkeiten und zog schließlich hin, um an der Ostküste zu leben und zu studieren. Anschließend arbeitete ich für Google, den größten, innovativsten und auch international erfolgreichsten amerikanischen Internet-Giganten und lernte dort, die Welt als freundliche, offene und immer wieder positive Herausforderung für den Fortschritt der Menschheit kennen. Diese optimistische Perspektive und die daraus resultierende Pragmatik (alles ist machbar) sind zu einem Teil von mir geworden, den ich nicht mehr missen möchte.

Was mich hingegen schon damals amüsierte, war die auch unter sehr gebildeten Amerikanern verbreitete, völlig naive Sicht auf den Rest der Welt. "Internationalisierung" war das Schlagwort, dafür hatte Google mich eingestellt. Was man anfänglich jedoch von mir erwartete, war nichts weiter als eine sprachliche Übersetzung des amerikanischen Erfolges ins Europäische. Man war der Auffassung, dass alles, was in den USA funktioniert, ganz genau so auch in Europa funktioniert, wenn man es nur ins Deutsche, Französische, Russische, Polnische usw. übersetzte. Es gab zunächst keine Sensibilität für kulturelle, politische und rechtliche Unterschiede. Dass Googles Internationalisierung sogar über Europa hinaus dann doch relativ schnell gelang, hatte damit zu tun, dass die Firma bereit war, Kontrolle in europäische, südamerikanische und asiatische Hände zu geben. Waren wir anfänglich von einem Management in den USA geführt worden, wurden die Führungsverantwortungen bald in die Hände lokaler Manager gegeben. Man hatte gelernt, dass man sich auf die unterschiedlichen Kulturen einlassen musste und dass das nicht nur ein sprachliches Problem war.

Vom Optimismus zum Wegschauen

Auf einer größeren kulturellen Ebene, aber auch bei mir selbst, sehe ich diesen westlichen naiven Optimismus, der sich zum einen aus einem gut gemeinten Wunschdenken und daran gekoppelten wirtschaftlichen Interessen speist und zum anderen aus blinden Flecken, die sich in ein regelrechtes Wegschauen verwandelt haben. Wir wollen Menschenrechte überall, gute Arbeitsbedingungen auch in Bangladesh, Naturschutz in China und wir wollen, dass dort trotzdem billig produziert wird. Wie geht das zusammen? Nur in dem man verdrängt, dass wir unsere Kohlekraftwerke, unsere giftige Chemie, unsere Müllberge, aber auch ausbeuterische Arbeitsbedingungen aus unserer westlichen Welt hinausgeschoben haben. Um uns herum wird alles besser: In der Elbe leben wieder Biber, die Wölfe kommen zurück, der Wohlstand steigt langsam weiter, unser Strom für das Elektroauto kommt aus Sonne und Wind, Kernkraftwerke sind abgeschaltet und vom Ozonloch habe ich schon lange nichts mehr gehört.

Gleichzeitig nimmt die globale Erderwärmung zu, Regenwälder werden für Palmöl in atemberaubender Geschwindigkeit vernichtet und gar nicht weit weg in Kiev oder Moskau werden sogenannte Regime-Gegner oder auch nur sexuell anders orientierte oder Menschen inhaftiert, weil sie schlicht eine andere Meinung haben. Nach wie vor denke ich, dass sich die Welt ganz langsam zum Besseren hin verändert. Durch die weltweite Vernetzung und den Zugang zu Informationen und Bildung wird es zunehmend schwerer, die Menschen zu unterdrücken. Gleichzeitig befördert das Innovationen überall, technischen Fortschritt, verbesserte Lebensbedingungen. Skeptisch bin ich hingegen, ob unser Planet überhaupt die Übergangszeit intakt überstehen wird. In dieser Übergangszeit werden bisher benachteiligte Milliarden von Menschen versuchen, mit ganz konventionellen Technologien den Anschluss an unseren Lebensstandard zu finden. Während wir Solar- und Windkraft fördern, bricht vielerorts jetzt erst das Öl- und Kohlezeitalter an.

Der liberale Kapitalismus als auto-immunes System

Im Grunde haben wir Westler immer noch diese naiv-optimistische Sichtweise, von der ich oben berichtet habe: Das wird in China schon funktionieren, bei uns hat es ja auch funktioniert. Die Außen- und Militärpolitik der USA gründete bis vor kurzem noch auf der Idee, dass man nur den Kapitalismus in die arabische Welt exportieren müsste und schon bricht dort die Demokratie aus. Offenbar ein Fehlschlag, der aus dem alten kolonialistischen Denken resultiert, das Nadja Tolokonnikova im Zitat oben anspricht. Und ähnlich gehen wir wirtschaftlich vor: Wir versuchen diesen Planeten kapitalistisch zu kolonialisieren und blenden dabei aus, dass das mit den vorhandenen Ressourcen nicht funktionieren wird.

"Die Hauptutopie der Gegenwart besagt, dass die Dinge immer so weiterlaufen können wie jetzt, dass wir nicht auf den Moment des apokalyptischen Entweder-Oder zusteuern. Wenn sich nichts ändert, werden wir uns ganz plötzlich in einer weitaus finsteren Gesellschaft wiederfinden." (Slavoj Žižek)*

"Wenn sich nichts ändert..." Was soll sich denn ändern? Sollen wir uns ändern? Wie und was denn genau? Ich fürchte, es läuft darauf hinaus, dass wir versuchen, das Richtige zu tun und gleichzeitig die Daumen drücken, dass es noch mal gut gehen wird. Dass was Pussy Riot macht, ist mutig und wichtig. Und Putins rigorose Reaktion gibt den feministischen und antikapitalistischen Aktionen sogar noch einen Resonanzboden, den die liberale kapitalistische Demokratie nicht mehr her gibt. Resonanz entsteht, wenn es Widerstände gibt, aber nicht, wenn alles in Schaum, Gummi und Isolierfolie eingewickelt ist. Unser liberale Kapitalismus ist so erfolgreich, weil er immer mitschwingt und jede subversive Störung als hip und underground begeistert ins Sortiment aufnimmt, vermarktet und somit absorbiert. Ein auto-immunes System. Da können die Russen und Chinesen noch was von uns lernen.



*Zitat aus Briefe aus dem Gefängnis. Wie lässt sich der Kapitalismus besiegen? Erschienen ist die Korrespondenz zwischen Nadja Tolokonnikova und Slavoj Žižek im Philosophie Magazin, Winterausgabe Nr. 01 / 2014, S. 16ff.

Das sollten Sie auch lesen:

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel mit einem wahren Kern, der die gegenwärtige Situation präzise beschreibt.

    AntwortenLöschen
  2. Dein interessanter Artikel erinnert mich an mein Erleben meines eigenen Vegetarier-Werdens. Als ich mich endlich entschlossen hatte, den Fleisch-Verzicht zu probieren, und als ich merkte, dass es mir gut gelingt, da dachte ich: "Super, jetzt wird alles gut! Die gequälten Tiere sind endlich gerettet!" Es dauerte tatsächlich eine ganze Weile, bis ich meinen Trugschluss bemerkte. Natürlich waren durch mich nicht nennenswert viele Tiere weniger als Nahrungsmittel gestorben. Aber ich hatte das Gefühl gehabt, dass es so war.
    Ich frage mich seither, wie mir das passieren konnte, und jetzt kommst Du daher und berichtest über "pragmatischen Optimismus", den Du bei amerikanischen Google-Geschäftsleuten beobachtet hast :-)
    Offensichtlich neigen wir dazu, von uns selbst auf andere zu schließen. Besonders dann, wenn es um Dinge geht, denen große Gefühle anhaften (z.B. die Glückseligkeit eines Vegetariers oder der Rausch eines erfolgreichen Google-Geschäfts). Passt es uns in den Kram, dann lassen wir uns nur zu gerne täuschen und ja, wir schauen auch gerne weg.
    Das von Dir genannte Ozonloch ist ein gutes Beispiel dafür. Du schreibst, Du hast lange nichts davon gehört. Ich auch nicht, bestimmt zwanzig Jahre lang schon nicht mehr. Aber es war die ganze Zeit da. Nach meiner Kenntnis war 2006 der bisherige Höhepunkt, also vor sieben Jahren, und erst 2013 habe ich von einer Trendwende gehört.
    Was in den Medien nicht vorkommt, findet auch nicht statt. Dies scheint unser Denken zu sein, und danach handeln wir. Und wichtige Zitate wie das von Slavoj Žižek blenden wir gerne aus, wenn es uns nicht passt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Pit, danke für deinen Kommentar. Ich glaube, das mit den Medien ist ein wichtiger Aspekt! Auch der anderen Seite sind die Medien bekannt dafür, vor allem schlechte News zu bringen. Vielleicht war das Ozonloch einfach nicht mehr schlecht genug.

      Ich denke aber trotzdem, dass es wichtig ist, dass Leute wie du, ihre Überzeugungen in Taten umsetzen und trotz des eigenen geringen "Umsatzes" das als gut und wichtig begreifen. Letztlich ändert sich die Welt doch nur über Individuen... über viele gleichzeitig.

      Löschen
  3. Robert Pinget schrieb mal: Der Optimismus ist ebenso ungewiss wie der Pessimismus, aber seine Gesellschaft ist angenehmer.

    So sehe ich das inzwischen auch (sieht man mal von der notorischen amerikanischen Variante ab, die meistens allzu aufdringlich daherkommt). Es nutzt ja nichts, ständig die ganze apokalyptische Reiterei heraufzubeschwören, bloß weil andere nicht auf scheinbar ökologisch korrekte Verhaltensweisen umsteigen wollen. Verhaltensweisen übrigens, die immer noch um ein Vielfaches CO2-intensiver sind als in den meisten anderen Ländern, die man gerne auch zur ökologischen Raison bringen möchte. Und ein Vegetarier, der mal für ein paar Wochen nach Neuseeland und im nächsten Jahr nach Brasilien fliegt? Da kann ich viele Rindviecher für essen :-)

    AntwortenLöschen
  4. das autoimmune System gefällt mir gut. Wird ihm aber auch nicht wirklich was nützen. Denn ein System mit Profitmaximierung kann am Ende nur immer auf eines hinaus laufen:
    Wenige Superreiche und viele Niedriglohnsklaven.
    Wir wissen, was mit dem römischen Imperium passiert ist.
    Ich bin dann auch mal Zweckoptimist und sage, wir werden es dieses Mal wissen und früh genug gegenlenken. Und wenn nicht, werden sich die Lebewesen auf diesem Planeten freuen, wenn sie den Plagegeist loswerden ;-)

    AntwortenLöschen
  5. Einen Satz noch zu den Apokalyptikern:

    "Im Grenzfall der Paranoia wird das eine und einzige Leben, das einer hat, zur Bedingung für die Verwirklichung geschichtlicher und politischer Sinngebung."

    Hat Hans Blumenberg mal so treffend bemerkt ....

    AntwortenLöschen
  6. "Damit der Mensch gedeihe, muss es ihm möglich gemacht sein, sich in allen Lagen so zu geben, wie er ist. Der Mensch soll sein, nicht scheinen. Er muss immer erhobenen Hauptes durchs Leben gehen können und stets die lautere Wahrheit sagen dürfen, ohne dass ihm daraus Ungemach und Schaden erwachse. Die Wahrhaftigkeit soll kein Vorrecht der Helden bleiben. Die Wirtschaftsordnung muss derart gestaltet sein, dass der wahrhaftige Mensch auch wirtschaftlich vor allen am besten gedeihen kann. Die Abhängigkeiten, die das Gesellschaftsleben mit sich bringt, sollen nur die Sachen, nicht die Menschen betreffen."

    (Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918)

    Silvio Gesell (1862 – 1930) veröffentlichte die erste vollständige Theorie zur Befreiung der Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) bereits im Jahr 1906. Sein späteres Hauptwerk "Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld" (1916), in dem alle makroökonomischen Zusammenhänge noch genauer beschrieben sind, wäre für die rein technische Verwirklichung des eigentlichen Beginns der menschlichen Zivilisation nicht mehr nötig gewesen – konnte aber, obwohl es "ja doch nur aus einer Reihe banalster Selbstverständlichkeiten besteht", vom "Normalbürger", der sich gedanklich eben nicht in der Realität, sondern noch immer im "Programm Genesis" befindet, bis heute nicht verstanden werden. Es sind drei kulturelle Entwicklungsstufen zu unterscheiden, und erst heute erfolgt der Übergang von der zweiten zur dritten Stufe:

    Erste Stufe: zentralistische Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus)
    Zweite Stufe: Zinsgeld-Ökonomie (kapitalistische Marktwirtschaft)
    Dritte Stufe: Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus)

    Die Gedankenwelt des "Normalbürgers" im zivilisatorischen Mittelalter wird vom künstlichen Archetyp Jahwe = Investor im kollektiv Unbewussten gesteuert, der erfunden wurde, um die halbwegs zivilisierte Menschheit an ein darum bis heute fehlerhaftes Geld anzupassen. Erst das Geld, als eine Universalware, die sich gegen alle anderen Waren tauschen lässt, ermöglicht eine entwickelte Arbeitsteilung und persönliche Freiheit durch Geldersparnisse. Solange das Geld aber noch fehlerhaft ist und die Gesellschaft in Herrscher (Zinsgewinner) und Beherrschte (Zinsverlierer) unterteilt, kann auf die Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe) und die damit verbundene Lügerei nicht verzichtet werden, um die systemische Ungerechtigkeit der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz aus dem Begriffsvermögen des arbeitenden Volkes auszublenden und alle daraus entstehenden Zivilisationsprobleme einer hypothetischen "Sündhaftigkeit des Menschen" anzulasten.

    Einführung in die Wahrheit

    AntwortenLöschen

Top 3 der meist gelesenen Artikel dieser Woche