2. Februar 2015

Nietzsche und Hitler

Zur dritten Sonderausgabe des Philosophie Magazins

"In dieser Umkehrung der Werthe (zu der es gehört, das Wort für »Arm« als synonym mit »Heilig« und »Freund« zu brauchen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral."
Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, 1886

Hitler 1934 vor einer Büste Nietzsches in Weimar
Hitler war ein Büchernarr. Und er liebte Nietzsche, der jedoch pünktlich zu Hitlers Geburt im Jahr 1889 in geistige Umnachtung fiel.

Das Philosophie Magazin hat zum Jahresbeginn eine hervorragende Sonderausgabe zu einer der großen geistegeschichtlichen Fragen der Moderne herausgebracht: Warum hat sich gerade das "Volk der Dichter und Denker" zu einem der größten Menschheitsverbrechen der Geschichte hinreißen lassen? Um sich dem Verständnis dieses Rätsels anzunähern, haben die Redakteure mit heutigen Intellektuellen wie Hans Jörg Sankühler, Aleida Assmann, Sidonie Kellerer oder Per Leo gesprochen und - wie schon in vorherigen Sonderausgaben - die Zeitgenossen vor, während und nach der menschengemachten Katastrophe weitestgehend unkommentiert in historischen Artikeln und Auszügen zur Sprache kommen lassen. Besonders faszinierend finde ich die Gespräche mit Barbara Zehnpfennig und meinem inzwischen emeritiertem Lehrer Volker Gerhardt zu Friedrich Nietzsche und Adolf Hitler. Es lohnt es sich, auf das Verhältnis zwischen dem von den Deutschen meistgeliebten Philosophen und meistgehassten Diktatoren etwas genauer einzugehen.

Der Bücherwurm Adolf Hitler bezog seine Vorstellung von "Kampf", so die Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte Barbara Zehnpfennig, aus Nietzsches "Sklavenaufstand in der Moral":
"Der Grundgedanke ist, dass es früher eine Herrenrasse gab, die sich die Welt durch Kampf angeeignet und bedenkenlos umherschweifend ihre Kraft ausgelebt hat, wozu sie das Recht hatte, weil das Prinzip der Wirklichkeit der Wille zur Macht ist. Insofern hat diese Herrenrasse, die 'blonde Bestie', die Nietzsche durchaus auch ab und zu mit den Ariern identifiziert, genau das getan, was im Sinne der Natur ist. Aber dann kommt der große Einbruch in die Geschichte: der Sklavenaufstand in der Moral, ausgehend von den jüdischen Priestern, die zwar ebenfalls zur Herrenkaste gehören, aber aufgrund physischer Schwäche im Kampf nicht mithalten können und daraufhin als Waffe den Geist entwickeln. Den Geist verwenden sie dann dazu, eine Umwertung der Werte vorzunehmen, nämlich zu behaupten, dass die Mühseligen und Beladenen die besseren Menschen seien, dass Stärke auszuleben unmoralisch sei. Das Erbe dieses jüdischen Sklavenaufstands in der Moral hat das Christentum angetreten. Dies ist genau die Struktur, die sich auch bei Hitler unterlegt findet." * S. 24

Diese "Struktur", wie es hier heißt, diente als Fundament für ein zuvor undenkbares Verbrechen mit millionenfachem Leid und einem nicht enden könnenden Erbe. Der Antisemitismus war damals bereits ein alter Hut, dem sich in Deutschland vor allem die spätfeudalen Landherren angeschlossen hatten, als ihnen dämmerte, dass mit den Krediten der Banken die Zeit des Landerbes vorbei sein würde. Sie ängstigten sich vor einem Ausverkauf des Bodens. Hitler jedoch übernahm von seinen geistigen Wegbereitern wie Joseph Arthur de Gobineau (die weiße Rasse), Alfred Rosenberg (die arische Rasse) und Houston Stewart Chamberlain (Juden und Germanen als einzige "reine Rassen") einen kruden Rassismus, der den Gedanken der Ausrottung der Juden als "Rasse" logisch zu implizieren schien.

Wie jeder Logiker weiß, folgt aus einer falschen Prämisse alles mögliche, meistens jedoch ganz großer Mist. All die "den Juden" (bei Nietzsche als Religionsbegründer gemeint) angedichteten Schwächen, Neigungen und Tendenzen waren für die Nazis im Wesen der Juden angelegt, rassisch kodiert, wenn man so möchte. Damit konnte für sie das "jüdische Wesen" nicht anders überwunden werden, als dass man die gesamte "Rasse" vernichtete. Ein Un-Gedanke, der nicht weiter von Nietzsches Ideen entfernt sein könnte. Intellektuell war der Rassissmus schon lange desavouiert. Oder wie Leo Trotzki 1933 schrieb (S. 38): "In der Genealogien der Ideen - selbst der rückschrittlichsten und stumpfsinnigsten - findet sich vom Rassismus keine Spur." Gibt es bei Nietzsche denn keine solche rassistischen antisemitischen Stellen, fragt das Philosophie Magazin den Nietzschespizialisten Volker Gerhardt.

"Wenn man ihn nicht mit dem falschen Spürsinn einer nachträglich herangezogenen Political Corectness liest, bleibt nur die Feststellung, dass Nietzsche ein entschiedener Anti-Antisemit ist. Den Antisemitismus hat er im Wagner-Kreis früh kennengelernt, und er hat in schärfster Weise dagegen Stellung bezogen. Es gibt natürlich, und das ist für jüdische Leser vermutlich eine Zumutung, eine Kritik der Sklavenmoral und Herdenmoral, deren Praxis Nietzsche den Priestern des frühen Judentums zur Last legt. Sie gelten ihm als die Erfinder des Ressentiments. Aber der Vorwurf erfolgt im Namen der Begründung der Konzeption des 'freien Geistes' und des 'souverainen Individuums'; er trifft alle, die den Menschen in Abhängigkeit zu halten suchen. Antisemitismus ist darin nicht zu erkennen. Das Kriterium der Rasse hat bei Nietzsche keine begründende Funktion." (S. 20)

Für Nietzsche ist das Judentum eine Religion. Ein Rassismus ist damit nicht möglich. Allerdings gibt es zahlreiche Bilder in Nietzsches Philosophie, die sich geradezu anbieten, von größenwahnsinnigen Demagogen vereinnahmt zu werden, man denke nur an Begriffe wie Übermensch, blonde Bestie oder dem Willen zur Macht. Gerhardt zeigt, wie Nietzsches literarische Philosophie mit ihren irrationalen Momenten und der Emphase auf Ästhetik und Existentialismus die nüchterne akademische Philosophie eher verschreckt und eine neuaufkeimende emphatisch romantische Philosophie inspiriert. Die nationalsozialistischen Philosophen geben "dem experimentellen Denken Nietzsches die Form einer ideologischen Keule", sagt Gerhardt, "die von den jeweils Mächtigen ganz nach Belieben eingesetzt werden kann." (S. 19) Nietzsches Beharren auf Vielfalt, auf den jede Gleichschaltung verneinenden "künstlerisch-genialischen Geist" (S. 20) und seine Kritik des Antisemitismus wird dabei völlig ausgeblendet. Betont und ausgenutzt werden sein Aristokratismus, das Kriegerische in seinen Schriften und seine "diffuse, eigentlich in jeder Hinsicht unbrauchbare Unterscheidung zwischen Starken und Schwachen." (S. 20) Es sei also mit etwas Böswilligkeit und intellektueller Unredlichkeit durchaus möglich aus Nietzsches Philosophie eine Führerlehre abzuleiten, "aber es hätte auch zu einer pluralistisch-demokratischen Theorie führen können", meint Gerhardt (S. 20).

Virginia Frances Sterrett 1921: Entführung der Europa (Ausschnitt aus Europa and the Bull - gemeinfrei)

Man kann Nietzsche also ganz bestimmt nicht für eine nationalsozialistische Ideologie verantwortlich machen, aber seine Interpreten wie Alfred Baeumler schon, der wie zu viele deutsche Philosophen sich nicht nur passiv einordnete, sondern die Philosophie in den Dienst der Nazis stellten. Oder denken wir an den Wahn Martin Heideggers, der den Führer führen wollte, sich aber statt dessen aktiv an der Vertreibung jüdischer Akademiker beteiligte.

Der frisch vertriebene Albert Einstein fragt 1933: "Kann es eine schwerere Pflichtverletzung für eine Akademie oder eine sonstige wissenschaftliche Gesellschaft geben, als daß sie einer so frevelhaften Vernichtung wissenschaftlicher und künstlerischer Schaffenskraft schweigend und teilnahmslos zusieht?" (S. 39) Und schon 1886 endet Nietzsches Jenseits von Gut und Böse mit folgender Vorahnung, die Hitler und sein dummes Volk (einschließlich der meisten akademischen Philosophen) schließlich in ihrer schlimmsten Auslegung verwirklicht haben:

"Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur »Geschichte« werden, - noch einmal - könnte eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine »Idee«, eine »moderne Idee«!"

Es ist dem Philosophie Magazin hoch anzurechnen, dass es in einer Zeit, in der Philosophie gern als sinnstiftender Ersatz für verloren gegangene Weltanschauungen verkauft wird, solche Erinnerungsarbeit leistet. Ich muss immer wieder daran denken, wie unvorstellbar für die meisten europäischen Intellektuellen das war, was zwischen 1933 und 1945 geschah. Für mich ist das inmitten der westeuropäischen Wohlfühlgesellschaft eine bleibende Lehre: Nur, weil etwas undenkbar ist, ist es nicht ausgeschlossen. Um so wichtiger ist es, sich zu erinnern, was war, um sehen zu können, was sein könnte und was verhindert werden muss. Ohne Geschichte gibt es keine Zukunft.



* Wenn nicht anders angegebenen, wird immer die Sonderausgabe 03 des Philosophie Magazins zitiert.

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