14. Dezember 2013

100 Jahre im Spiegel großer Denker

Die erste Sonderausgabe des Philosophie Magazins

Eine Besprechung inklusive einiger ausgesuchter und manchmal philosophischer Gedanken zu Themen wie Krieg, Diktatur, Demokratie, Ernährung, Terrorismus, Finanzkrise und Informationszeitalter.

Die Redaktion des von mir sehr geschätzten Philosophie Magazins hat eine Sonderausgabe heraus gebracht: 1914 - 2014: Das Jahrhundert im Spiegel seiner großen Denker. Schon der plakative schwarz-rot-weiße Umschlag drückt aus, worum es vor allem gehen wird: um Politik und Geschichte. Der Beginn des ersten Weltkrieges, der Faschismus, die "Stunde Null", die Studentenbewegung, der RAF-Terrorismus, Tschernobyl, Aids, der Fall der Mauer, 9/11, der Drohnenkrieg, Eurokrise und Wikileaks markieren einige der Fixpunkte, an denen sich das Heft entlang bewegt. Für den Leser, der ein Kaleidoskop unsystematisch zusammengestellter intellektueller Blitzlichter der letzten 100 Jahre schätzt, ist das ein empfehlenswertes Heft. Man erlangt durchaus ein Verständnis für die Wahrnehmung der Intellektuellen in ihrer jeweils gegenwärtigen geschichtlichen Verortung. Aber wo ist die Philosophie?

Um ehrlich zu sein, hat mich der Fokus auf Politik überrascht. Die Philosophie der letzten Hundert Jahre hat doch so viel mehr zu bieten, als intellektuelle Kommentare zur gesellschaftlichen Entwicklung der Moderne. Mehr noch: Gerade an der realen Politik scheint sich die moderne Philosophie doch lediglich die Zähne auszubeißen. Die politische alltägliche Veränderung ist die Wand, an der sich die modernen Philosophen im besten Fall eine blutige Nase holen.

Im Spiegel großer Denker

Kriege, Diktaturen und Philosophen

Das Heft rührt etwas unfreiwillig am wunden Punkt moderner Philosophie: Wie viel Einfluss hat sie auf unsere Gesellschaft? Kann sie Dinge verändern oder wenigstens das Fundament bieten, um diese Welt besser zu machen? Wo war die Philosophie, als die Kriege ausbrachen, Menschen vergast wurden, die Welt sich teilte, der Terrorismus und die Naturvernichtung begannen, um sich zu greifen? Der Chefredakteur des Philosophie Magazins Wolfram Eilenberger meint, dass Philosophen mehr als nur eine kommentierende Rolle in der Geschichte dieser politischen Ereignisse spielten: "Ihre Ideen liegen vielmehr am Grund der Geschehnisse, nicht selten leiten sie politisches Handeln sogar direkt an." Diese Auffassung zu belegen, ist jedoch sehr schwer, wie sich in der Lektüre des Magazins zeigt: Martin Heidegger gelang es eben nicht, "den Führer zu führen". Er scheiterte genauso wie Arnold Gehlen oder Carl Schmidt mit ihren Versuchen, die sich aufdrängende Katastrophe in etwas Heilsames umzuinterpretieren. Vielmehr nahmen sie in Kauf, dass ihre intellektuellen Kollegen als Kollateralschäden dieses vermeintlichen Aufbruchs von der Bildfläche verschwanden, oft sogar von der Oberfläche des Planeten. Politische Macht, gesellschaftlicher Sog, Krieg - das sind die Kräfte, die zur geistigen Umnachtung der einen Hälfte der Philosophen führte und zum Exodus der anderen. Es gab in dieser Krise - wie in so vielen anderen, die folgen sollten - keinen wahrnehmbaren Beitrag der Philosophie jenseits von Enthaltung und Opportunismus. Oder wie Hans Jörg Sandkühler in seinem Beitrag im Philosophie Magazin schreibt:

"Die Philosophen im deutschen Staatsdienst waren auf Staatstreue verpflichtet, nicht aber auf eine offizielle Philosophie; es gab sie nicht; um die Deutungshoheit im totalitären Staat konkurrierten NS-Institutionen und Personen." (Philosophie Magazin S. 31)

Eine ähnliche Lähmung beobachtete der Philosoph Rüdiger Bubner 1990, als nach dem Ende der Diktatur der DDR die deutsche Einheit absehbar wurde:

"Da steht die vielgestaltige Schar derer, die seit eh und je das Wort "Veränderung" auf den Lippen führt, im Angesicht unbezweifelbarer und tiefgreifender Veränderungen, und es verschlägt ihr nachhaltig die Sprache." (Philosophie Magazin S. 81)

Manchmal haben die Philosophen also nicht einmal mehr eine kommentierende Rolle. Anstatt ihrem Berufe nach "die Wirklichkeit auf den Begriff zu bringen", hätten sie geschwiegen und stumm betrauert, dass alles anders kam, als sie es sich vorgestellt hatten. Moderne Philosophen scheinen also, anders als Eilenberger und auch ich es erhoffen, im Angesicht tatsächlicher Geschichte in eine stumme Starre zu verfallen und eher am Rande zu stehen, als mitzugestalten oder die Fundamente zu legen.

Das Heft ist also vor allem ein Spiegel großer Denker, wie der Untertitel des Magazins anklingen lässt. Bei der Lektüre wird immer wieder deutlich, dass die aus großer zeitlicher Distanz einordnenden Beiträge wie der von Sandkühler oder Oswald Schwemmer die wirkliche Interpretationsleistung und somit einen Erkenntnisgewinn bringen. Die zum großen Teil gekürzten Beiträge* der zeitgenössischen Intellektuellen wie Henri Bergson, Walter Benjamin oder Karl Kraus, die aus Magazinen oder Tagebüchern stammen, sind hingegen nur Snapshots, punktuelle Wahrnehmungen und Reflektionen, die oft von einer sehr verständlichen Verhaftung im historischen Moment und zuweilen großer Überforderung durch die damaligen Verhältnisse zeugt. Aus unserer zeitlichen Distanz sind der beißend zynische Pessimismus eines Kraus' oder die kurz und zu harmlos greifende Vorhersage eines chemisch-technisierten Krieges durch Benjamin eben nur noch Zeitdokumente ohne große analytische Kraft. Es stellt sich also die Frage, ob es für den philosophischen Gehalt des Magazins eine gute Entscheidung war, vor allem auf diese Zeitdokumente zu setzen, anstatt auf Interpretationen und Analysen von heutigen Intellektuellen.

Das Magazin wird daher zum Ende hin immer besser. Das wird zwar vor allem daran liegen, dass wir selbst unserer Zeit verhaftet sind und deshalb kaum über die Interpretationen, die uns Autoren wie Sloterdijk, Habermas, Lévi-Strauss, Peter Singer oder Byung-Chul Han zu den jüngsten historischen Ereignisse liefern, hinaus sehen können. Aber dazu ist ein Magazin ja auch da: die Gegenwart zu spiegeln und so modern wie möglich zu interpretieren.

Fleischwahn und Weltuntergang

Besondere Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang Artikel wie der von Claude Lévi-Strauss mit dem Titel Die Kuh ist wahnsinnig und ein bisschen kannibalistisch (1996) zum Thema Ernährung und der Frage, ob Fleischkonsum aus Tierhaltung am Ende nicht genauso barbarisch ist wie das Aufessen der eigenen Brüder und Schwestern. Aber auch hier bricht das Historische als bereits wieder überholt durch: Ging Lévi-Strauss am Ende des 20. Jahrhunderts noch von einem beobachtbaren Rückgang des globalen Fleischkonsums aus, sehen wir inzwischen den gegenläufigen Trend durch die langsam im Wohlstand ankommenden Entwicklungsländer.

Susan Neimans Beitrag, der in Rekursion auf das Erdbeben von Lissabon 1755 und den Tsunami in Südasien 2004 dem Geist der Aufklärung damals und heute auf der Spur ist, ist einer der wenigen Beiträge, die zeitlos bleiben werden. Leider ist auch der wieder gekürzt, aber man kann ihn hier im Original lesen: The Moral Cataclysm.

9/11 als Auflösungserscheinung des Westens

Aber was können wir heute überhaupt noch sagen, das nicht morgen schon überholt ist? Ebenso können philosophische Giganten wie Richard Rorty nicht zu ihrer eigentlichen Form auflaufen, wenn man sie 2002 zu 9/11 befragt. Hilflos und resigniert konnte Rorty lediglich konstatieren, was nicht erst seit gestern Common Sense ist: "Es liegt im Interesse der Republikaner sicherzustellen, dass die Nation so lange wie möglich 'im Krieg' bleibt." (Philosophie Magazin S. 87) Jean Baudrillard ist da schon origineller und klingt beinahe wie ein philosophisches Orakel, wenn er sagt: "Der Westen anstelle Gottes (im Sinne einer göttlichen Allmacht und absoluter moralischer Legitimität) begeht Selbstmord und erklärt sich selbst den Krieg." (Philosophie Magazin S. 86) Der Einsturz ist gewissermaßen ein Symbol für ein überlebtes, überkomplexes und in sich selbst zusammenfallendes System. Die zwei Flugzeuge hätte es dazu zwar nicht gebraucht, aber sie waren eben da. Dass wir den Kollaps auch ohne gut gebildete Terroristen aus Hamburg hinkriegen, zeigte die dann folgende Bankenkrise.

Die Finanz- als Demokratiekrise

Slavoj Žižek weist immer wieder - so auch in diesem Magazin zitiert - darauf hin, dass im Zuge der Banken- und Euro-Krise die Experten selbst sich als jene entblößen, die keinerlei Ahnung haben, von dem was sie sagen und tun. Und so sagt auch Jürgen Habermas, dass die Lösung dieser Finanzkrise mit den "Mitteln der Fiskalpolitik" nicht zu erwarten ist. Wie man es von Habermas erwarten würde, verlangt er nach breiter demokratischer Aufarbeitung und politisch-institutioneller Lösung, anstatt den Bock zum Gärtner zu machen und eine Lösung zwischen Banken-Lobby und Politikern aushandeln zu lassen.

Wird Informationstechnologie unsere Demokratie aushebeln oder kräftigen?

Auch das seit Foucault immer wieder hervorgeholte Bild von Jeremy Benthams Panoptikum als Gleichnis für unseren Umgang mit Informationen zwischen Freiheit und Überwachung reißt mich nicht mehr vom Hocker. Immerhin weist Peter Singer in Harper's Magazin (Visible Man, 2011) darauf hin, dass einige aus dem Panoptikum ausbrechen und die Blickrichtung umkehren:

"Vielleicht könnte das Inspektionsprinzip, universell angewandt, auch die Vollendung der Demokratie bedeuten - als Werkzeug, das uns zu wissen erlaubt, was unsere Regierungen wirklich tun [...]. Mit anderen Worten: Wird diese Technologie eine Tyrannei sein, oder wird sie uns von Tyrannei befreien? Wird sie die Demokratie aushebeln oder kräftigen? [...] Unsere Art der Antwort wird davon abhängen, ob wir Assanges Glauben teilen, dass auf Basis der Wahrheit bessere Entscheidungen getroffen werden als auf der Grundlage von Lügen und Unwissen." (Philosophie Magazin S. 96)

Bei Singer und Assange sieht man, wie Philosophie und politische Praxis zusammen kommen können. Für solche kleinen Glanzstücke, bin ich dieser Sonderausgabe des Philosophie Magazins dankbar. Insgesamt finde ich sie aber etwas unbefriedigend. Vor allem sehe ich ein Problem darin, dass nicht philosophische Texte ausgewählt wurden, sondern publizistische Texte. Ein Philosoph ist nicht in jeder Lebenslage ein Philosoph. Manchmal ist er von den Ereignissen, die er in einer Tageszeitung oder einem Journal kommentieren soll, einfach genauso überfordert, wie der nächste Journalist und wie du und ich. Die ausgewählten Texte sind Beleg dafür, wie schwer es selbst für im Denken geübte Menschen ist, etwas Tagesaktuelles zu schreiben, das auch in der Zukunft noch Bestand haben wird. Platons Höhlengleichnis war selbst keine Reflexion auf Tagespolitik, erklärt aber die Unmöglichkeit, unter dem Eindruck der Ereignisse als Erscheinungen etwas dauerhaft wahres zu sagen. In diesem Sinne kann man wohl nicht erwarten, dass Philosophen in Zeitungsartikeln und Kommentaren zur Gegenwart einen großen philosophischen Wurf hinlegen. Julian Nida-Rümelins Beitrag lässt für die Zukunft der Philosophie als Mitgestalterin der Gesellschaft hoffen:

"Die Erwartungen an die Philosophie sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Ihre öffentliche Rolle nähert sich derjenigen in romanischen Kulturen an. Internationale Gerechtigkeit, politische Ethik, die Rolle des Geistigen in einer Wissenschaftsepoche dominierender Lifesciences, aber vor allem die Rückkehr existentieller Fragen in den akademischen philosophischen Diskurs zeigt, dass diese Disziplin sich in Deutschland nicht akademisch abschließt." (Philosophie Magazin S. 79)

Ich freue mich bereits auf die nächste reguläre Ausgabe des Philosophie Magazins, in der dann sicher wieder die Philosophen selbst mit ihren philosophischen Texten im Mittelpunkt stehen werden und wo die Rückkehr der Philosophie in die Zukunftsgestaltung dokumentiert und durch zunehmende Breitenwirkung unterstützt wird.


*Das starke Kürzen geht zuweilen sehr auf Kosten des Gehalts, etwa wenn Hayeks Beitrag zur Gerechtigkeit in der Marktwirtschaft auf sechs Sätze zusammengekürzt wird und dadurch unverständlich bleibt oder wenn Jacques Derrida in seinem Interview zu 9/11 sagt, dass wir auf die ewige "Wiederholung der Fernsehbilder" noch zu sprechen kommen werden, aber dieser sicher sehr interessante Teil eben gerade von der Redaktion weggekürzt wurde. 

Kommentare:

  1. "Steht der in Gütergemeinschaft lebende Kommunist am äußersten rechten Flügel, am Ausgangstor der gesellschaftlichen Entwicklung, bedeutet darum die kommunistische Forderung den letzten reaktionären Schritt, so muss die Natürliche Wirtschaftsordnung als Programm der Aktion, des Fortschritts des äußersten linken Flügelmannes angesehen werden. Alles, was dazwischen liegt, sind nur Entwicklungsstationen."

    Silvio Gesell (Vorwort zur 4. Auflage der NWO, 1920)

    Seit der Französischen Revolution (1789 – 1799), die vom Feudalismus zur "repräsentativen Demokratie" führte, bedeutete "politisch links" = fortschrittlich liberal und "politisch rechts" = konservativ antiliberal. Dann erschien der maximal antiliberale Reaktionär Karl Marx und verbreitete seine Ersatzreligion mit "politisch links" = sozial antikapitalistisch und "politisch rechts" = liberal kapitalistisch. Seitdem ist die allgemeine Verwirrung total und kann nur noch durch die komplette Abschaffung der politischen Seifenoper bereinigt werden:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

    "Der Wille zur Macht" sollte Nietzsches Hauptwerk werden, das er aber nicht vollenden konnte, weil ihm das nötige Basiswissen fehlte. Dennoch kam er in seinen Überlegungen weiter als alle anderen Philosophen bis in die Gegenwart, die in "philosophischen Quartetten" ihre hoffnungslose geistige Verwirrtheit zur Schau stellen, bis auch das Publikum jede Hoffnung verliert – während das Basiswissen, das Nietzsche noch fehlte, heute längst zur Verfügung steht. In einer Welt, die ihre naiven Denkschablonen von "gut" und "böse" noch immer nicht überwunden hat, können die "modernen" Philosophen jedoch nur "des Volkes Aberglauben – und nicht der Wahrheit – dienen", wenn das abergläubische Volk die Dummschwätzer für die "berühmten Weisen" halten soll.

    Parallel zur Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz, die heute sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, hat auch der Aberglaube ein kaum noch zu überbietendes Ausmaß angenommen. Was der "Normalbürger" im einstigen Land der Dichter und Denker für die "soziale Marktwirtschaft" hält, ist nicht die Soziale Marktwirtschaft, die prinzipbedingt und unabhängig vom Stand der Technologie für natürliche Vollbeschäftigung und absolute soziale Gerechtigkeit sorgt,…

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    …sondern eine kapitalistisch pervertierte Marktwirtschaft mit angehängtem "Sozialstaat", entstanden aus der "katholischen Soziallehre". Alle bisherigen Versuche, die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft) zu verwirklichen, wurden von der Religion im Keim erstickt – wobei dieses Unwesen niemals aus bewusstem Handeln besteht.

    Der Wille zur Macht

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  2. Insofern, als dass die Philosophie ihrer Zeit voraus sein und nicht um zwei Jahrtausende zurück bleiben sollte.

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    1. Hm, ok - aber es kommt schon so rüber, als wollte hier jemand einfach seine eigenen Zitate und Links hinterlassen. Nirgendwo darin wird auf den eigentlichen Text eingegangen. Kommentare sollen eben genau das tun: Kommentieren und das erfordert einen deutlichen Zusammenhang zur Besprechung oder den im Artikel besprochenen Themen. Das fehlt in diesem und den anderen Ihrer Kommentare bei Geist und Gegenwart.

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