30. Januar 2012

Downshifting - Legenden vom Kürzertreten

Psychologen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit haben in einer Studie mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie herausgefunden, dass die Gehirne von uns Stadtmenschen Strukturen im limbischen System und der Amygdala ausbilden, die uns anfälliger für Stress machen. Depressionen und Angststörungen seien bei Stadtmenschen häufiger und wer auch in einer Stadt geboren und aufgewachsen ist, hat ein höheres Risiko, an Schizophrenie zu erkranken. Wir haben es doch immer schon geahnt: Unser Leben stresst uns und macht krank. Raus aufs Land, weniger arbeiten und mehr lesen - das ist für die meisten leider keine Alternative.

Die Idee vom Aussteigen ist in Mode gekommen (gefunden auf Cabin Porn)

Auf dem vorläufigen Höhepunkt der westlichen Wirtschaftskrisen und in Verbindung mit Stress und Burnouts sind Lebenskonzepte wie Downshifting, Aussteigen und Minimalismus in Mode gekommen. Die Mainstream-Medien greifen diese Themen auf, Landlust ist beispielsweise eines der erfolgreichsten Magazine in Deutschland und auch bei IKEA findet man den Minimalismus schon im Katalog. Neu sind diese Ideen ja nicht: Henry David Thoreau ist ein frühes Beispiel vom Aussteigen aus der westlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. In der Zwischenzeit waren Aussteiger entweder durchgeknallte und kiffende Hippies, arbeitsscheue Landstreicher oder dem Tod geweihte Natur-Freaks (Christopher McCandless). Nun wird uns immer mehr klar, dass diese Leute vom Rand der Gesellschaft etwas begriffen haben, dass die meisten von uns erst verstehen, wenn sie flach atmend auf dem Bürostuhl zusammensacken und mit Blaulicht davongefahren werden: Es gibt mehr, als Arbeit, Macht und Besitz. Zum Beispiel Zeit, Liebe und Lebensfreude.

Die Legende vom Ausstieg
Also: Arbeit niederlegen und das Leben genießen? Ich glaube nicht, dass das eine Alternative ist, die viele von uns haben. Weltweit betrachtet geht der Trend weiter in Richtung Urbanisierung und Lohnarbeit. Und auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern können sich die meisten nicht ganz frei aussuchen, ob sie weniger oder mehr arbeiten. Mich stört an diesen Debatten um das Downshifting und Kürzertreten, dass sie an der Realität der meisten Menschen vorbei gehen. Zum Beispiel las ich im Magazin Elle von einer Anwältin, die irgendwann im Beruf ausbrannte, zusammenbrach und dann entschied, ein anderes Leben zu führen, mehr zu Hause zu sein, zu reisen und sich um die Familie zu kümmern. Anders gesagt: Man muss es sich erst einmal leisten können, einen Gang runter zu schalten. Wer eine Weile so um die Hunderttausend Euro pro Jahr verdient, der kann sicher irgendwann, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Hauskredite abbezahlt sind, runterschalten und halbtags arbeiten. Bei den meisten von uns wird es aber eher so sein, dass sie schön arbeiten gehen, bis sie 67 sind. Denn vorher aussteigen, hieße, nicht so weiter leben zu können, wie man es gewohnt ist. Nun ließe sich leicht sagen, dass man eben auf Dinge verzichten müsse, wenn man weniger Stress will. Aber ist das realistisch? Für viele hieße das, das Haus aufzugeben, in dem sie bereits lange wohnen oder kein Auto mehr zu fahren und dadurch nicht mehr am normalen Leben mit Einkauf, Pfandflaschen wegbringen und der Fahrt zu Freunden teilhaben zu können. Manche von uns können sich erst gar kein Haus oder Auto leisten, sondern bringen gerade so die Miete und das Geld für die Nahrungsmittel auf. Woraus will man da noch aussteigen?

Radikal oder gar nicht
Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass es nicht möglich sei, sondern dass es für die meisten schwer wäre, diesen Weg zu gehen, weil ihre Realitäten aus Zwängen bestehen, die nur noch durch Radikalität zu sprengen sind. Und da sind wir an dem entscheidenden Punkt: Aussteigen und kürzer treten kann nur, wer radikale Entscheidungen treffen kann. Und damit meine ich nicht die Studenten, die plötzlich den Minimalismus für sich entdecken. Das ist zwar lobenswert, aber nicht schwer. Psychologisch schwer und für die meisten praktisch kaum noch zu vertreten, sind solche Veränderungen, wenn man Verantwortung für andere hat. Man muss sich das überlegen, bevor man den ganzen bürgerlichen Quatsch mit Haus und Nachwuchs anfängt. Sind wir erst einmal in einem Lebensumfeld von Karriere, Kindern, Freunden, Besitz und Gewohnheiten, dann wird aussteigen schwer. Denn es hieße, mit seinem Lebensumfeld zu brechen und sich den Zorn und das Unverständnis der Gesellschaft (verlassene Ehepartner, Kinder, Eltern und Freunde) zuzuziehen.

Besetzes Haus im Berlin der 90er Jahre

Im Berlin der 90er Jahre hatte ich einige Bekannte und Freunde, die sich von Anfang an trauten, einen anderen Weg zu gehen: Mit und ohne Kinder ein Leben ohne viel Lohnarbeit, dafür mit mehr Eingebundensein in Kommunen, Künstlergruppen und besetzte Häuser. Aber auch das ist nicht einfach und nachhaltig für die Einzelnen und erst gar kein Rezept für die Massen. Einzelne werden vorübergehend immer einen individuellen Weg finden können. Dabei gehen sie das Risiko ein, abseits von der Gesellschaft und fern von eigenen Ansprüchen an sich selbst zu scheitern. Andererseits haben sie die Chance, aktiv und bewusst ein außergewöhnliches Leben zu führen. Was ist aber mit uns als Durchschnitt der Gesellschaft? Letztlich zählen wir, denn solange Downshifting oder alternative Lebensformen Randphänomene sind, solange wird sich in unserer Welt nichts ändern.

Welche Alternativen haben wir als Gesellschaft?
Es hilft uns nur ein gesamt-gesellschaftlicher Ansatz. Insofern haben wir Grund zur Hoffnung, denn Ideen wie Minimalismus, das bedingungslose Grundeinkommen, die Diskussionen um Burnout und Depression, die politisch bereits auf den Weg gebrachten Rahmenbedingungen zu Eltern- und flexibler Arbeitszeit, der Bundesfreiwilligendienst und die durch solche Ansätze insgesamt wachsende Akzeptanz von alternativen Lebenskonzepten können langfristig die gesellschaftlichen Normen verändern. Interessant ist, dass sich diese Normen unfreiwillig schon über die kapitalistische Krise relativieren, in der wir uns befinden. Menschen finden gezwungenermaßen zu neuen Konzepten. Wenn Karrieren nicht möglich sind oder der Sex-Appeal von Bankern im Keller ist, dann einigt man sich eben auf andere Werte. Der Papa, der sich statt seiner Karriere nun der Kindererziehung widmet, ist inzwischen ehrbar. Ist doch gut! Vielleicht schaffen wir es, statt der ganzen individualistischen Versuche, zu einem gesamtgesellschaftlichen Minimalismus zu finden. Der bestünde darin, dass wir uns gesellschaftlich nach und nach auf ein paar Prinzipien einigen, die das Sein dem Haben gegenüber erheben. Zum Beispiel könnten wir erkennen, dass Wachstum nur dann wertvoll ist, wenn es nicht auf Kosten anderer und der Natur geschieht. Wir müssten den Zugang zu Ressourcen priorisieren und den Besitz von Ressourcen als Ursache von Verschwendung und Verschmutzung zurückfahren. Zeit, die Mitmenschen und die Welt zu erleben, könnte einen höheren Wert erlangen, als Geld für Konsumgüter zu erwirtschaften.

Das alles sind keine revolutionären oder schwer zu erkennenden Ideen. Sie sind unter uns, überall. Was sind eure Ideen? Wie wollt ihr euer Leben führen? Welche Zwänge gibt es in eurem Leben und wie wollt ihr damit umgehen? Ich freue mich auf eine Diskussion in den Kommentaren!



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Kommentare:

  1. ich finde, man kann auch schritt für schritt downshiften, radikalität führt ja oft ins vakuum. schöner artikel. d.

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  2. Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht mit diesem Artikel.
    Solange die Gesellschaft insgesamt auf äußeres Wachstum und nicht auf inneres Wachstum fixiert ist, wird Minimalismus ein Randphänomen bleiben.
    Deshalb ist Burn-Out - zumindest zu einem gewissen Teil, wenn sich das Syndrom im Einzelnen zeigt, auch ein Spiegel der Erschöpfung der Gesellschaft als ganzes.

    Klimakrise und Finanzkrise zeigen deutlich, daß die Menschheit über ihre Grenzen lebt.
    Burn-Out und Depression zeigen deutlich, daß das auch auf den einzelnen Menschen zutrifft.

    Meine persönlich Antwort darauf ist:

    Minimalismus ist mein antikapitalistischer äußerer Weg, Zenbuddhismus ist mein innerer Weg.
    Als Mitglied der Grünen mache ich Politik für eine Gesellschaftsform jenseits von ständigem Wachstumsstreben und als Mitglied von Attac engagiere ich mich kapitalismuskritisch.

    Damit leiste ich den Beitrag, der mir möglich ist :-)

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  3. Du hast absolut Recht und genau weil es so schwer ist den Luxus zu reduzieren, wäre ein gesamt- gesellschaftlicher Ansatz nicht nur die einzige "machbare" Lösung für das Individuum, sondern auch für die Gesellschaft... Nur wie will man gegen die Hirnwäsche ankommen? Gegen die Konsumkultur? In dem man so wie Du, immer und immer wieder darüber schreibt, also mach genauso weiter und an alle deine Leser, postet und teilt die Artikel... es gibt einen schönen Spruch, der aktuell wieder im Netz kursiert, sinngemäß: Alle sagten es geht nicht, bis einer kam der das nicht wusste und es einfach gemacht hat...

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    1. Danke für deinen Kommentar! Reden und Schreiben ist eine Sache, es darf nur nicht zur Entschuldigung verkommen, ansonsten nichts zu tun. Zu deinen Fragen:

      "Nur wie will man gegen die Hirnwäsche ankommen? Gegen die Konsumkultur?"

      Ich denke, dass da eben gerade ein Funken Hoffnung aufglimmt, denn es singt immer mehr in den Mainstream rein, dass das Materielle nicht glücklich macht, dass Geiz eben nicht geil ist, dass Zeit und Beziehungen mehr bedeuten können, als Karriere und Autos etc. Ich denke, diese Einsichten breiten sich immer mehr aus.

      das ist auch vor dem Hintergrund interessant, dass Bewegungen wie Minimalismus sich gerne mal esoterisch abschirmen und bloß nicht Mainstream werden wollen. Dabei wäre genau das Gegenteil richtig: Minimalismus muss die "neue Hirnwäsche" werden ;)

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    2. Ich halte es da gerne mit Herrn Gandhi:

      Wenn man nicht handelt kommt man nirgends wo hin

      “Ein Gramm Handeln ist mehr wert als eine Tonne der Predigt.“

      Ohne zu handeln wird sich wenig ändern. Nur handeln bedeutet innere Überwindung und ist schwer. Deshalb gehen die Menschen lieber her und predigen, wie Gandhi sagt, oder sie lesen und studieren nur, meinen damit kommt man vorwärts. Aber dadurch ändert sich nichts in der Realität. Deshalb, wenn man etwas erreichen will, sich selber und die Welt verbessern will, muss man handeln. Wissen alleine genügt nicht, man muss was tun und das Wissen in Aktionen umwandeln.

      Hier weiterlesen: Alles Schall und Rauch: Gandhis 10 Weisheiten um die Welt zu verändern http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2009/10/gandhis-10-weisheiten-um-die-welt-zu.html#ixzz1l4TTb8aL

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  4. gut gesehen ... ich hab auf verschiedenen Wegen versucht mit dem System (womit die Gestalt unserer wirtschaftlichen und sozialen Strukturen gemeint ist) in friedlicher koexistenz zu leben, aber es ist eine zermürbende Aufgabe. Selbst wenn man seinen Zweck von herzen gern erfüllt ist es ihnen (der struktur und den sich hierraus entwickelnden verpflichtungen) ein Leichtes den "Zermürbungsprozess" gnadenlos voran zu treiben. Zuglaich erkenne ich den Unsinn in einer radikalen Abschottung... was die Allgemeinheit betrifft zumindest.. Das leben funktioniert nicht in der Getrenntheit. Es ist immer der Zusammenhang des Lebens, der die Natur unseres Wesens und des Planeten (und des Sonnensytems, der Dimenson, usw...) zum Ausdruck bringt und sie im jeweiligen Wirkbereich durch ganz individuelles "Sein" zu ihrer vollen Schönheit in einfacher Perfektion erstrahlen lässt.

    also, dennoch muss ich sagen, dass ich noch keinen weg durch das netz entdecken konnte, der mich nicht zur getrenntheit führt... *seufz* aber im normalfall macht man ja einfach erstmal weiter nich wahr!? ;)

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  5. Danke für diesen Kommentar! Spricht mir aus der Seele. Erst mal weitermachen oder runterfahren ist gar nicht das schlechteste! Man muss sich nicht immer für Entweder/Oder entscheiden. Das Leben ist ein Kontinuum und man kann die Dinge auch selbst dann richtig machen, wenn man sie zuvor eine Weile falsch gemacht hat. Und in diese Richtung müssen wir stoßen: Die Dinge langfristig eher richtig, als falsch zu machen.

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  6. Vor der Entscheidung steht die Erkenntnis. Erkenntnis schafft Freiheit für neue Wege.

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  7. Downshifting und Familie widersprechen sich gar nicht. Es geht auch nicht darum, auszusteigen und nicht mehr zu arbeiten. Es geht auch nicht darum, nicht mehr am Leben mit anderen teilzunehmen und das Auto abzuschaffen und was alles in dem Bericht manifestiert wurde.

    Arbeit gibt dem Leben auch einen Sinn und es ist eine Wertschöfpungsquelle, mit der wir unser Leben finanzieren. Aber muss ich 50, 60 oder 70 Stunden arbeiten, muss ich die ganze Arbeitszeit unter Volldampf stehen, habe ich Pausen, reicht nicht auch eine 80% Stelle? Was mache ich nach Feierabend? Sehe ich dreieinhalb Stunden fern wie der Bundesdurchschnitt? Wieviel Konsum brauche ich? Tut es nicht auch das alte Auto noch länger? Brauche ich ein neues Auto? Tut es nicht auch ein kleineres Auto? Brauche ich Markenklamotten? Brauche ich dauernd eine neue Garderobe? Wieviel paar Schuhe sind genug? Brauche ich zu jedem Kleidungsstück passende Kombinationen (10 verschiedene Schals oder reicht einer?).
    Brauche ich ein Handy? Muss ich für alle und jeden erreichbar sein? Oder gibt es hier Zeiten, die mir gehören? In denen ich eben nicht erreichbar bin.

    So könnte ich hier seitenweise weiterschreiben, aber vielleicht kommt der Hauptgedanke rüber: Wo kann ich in meinem jetzigen Umfeld Dinge verändern, die mir Geld sparen (weniger Arbeit) und/oder Zeit bringen (mehr Lebensqualität)

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  8. Ich gebe dir im Detail Recht und zitiere mich mal selbst aus dem Text oben: "Wohlgemerkt: Ich sage nicht, dass es nicht möglich sei, sondern dass es für die meisten schwer wäre, diesen Weg zu gehen, weil ihre Realitäten aus Zwängen bestehen, die nur noch durch Radikalität zu sprengen sind."

    Wenn du alle diese Fragen stellen kannst (Markenklamotten, großes neues Auto, 10 Schals etc.), dann hast du ein Luxusproblem, dass viele Menschen gar nicht haben, obwohl sie täglich arbeiten gehen. Viele können gerade so ihre Wohnungsmiete bezahlen und den Lidl-Einkauf. Über ein Auto brauchen sie sich gar keine Gedanken machen. Wo sollen die in solche Zwänge eingespannten Menschen noch kürzer treten? Individuell können sie das Problem nicht mehr lösen, sie müssen weiter rennen, denn stehenbleiben heißt im Extremfall, die Wohnung, Arbeit, Familie zu verlieren.

    "Wo kann ich in meinem jetzigen Umfeld Dinge verändern, die mir Geld sparen (weniger Arbeit) und/oder Zeit bringen (mehr Lebensqualität)?" Gute Frage, aber eben eine sehr individualistische. Gut, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden... Aber verändern werden Sie die Dinge erst, wenn nicht einzelne Menschen, sondern die ganze Gesellschaft solche Fragen stellt und entsprechend mit Taten beantwortet. Klar müssen wir erst mal individuell anfangen, aber was können wir als nächstes tun und zwar als Gesellschaft?

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  9. Hallo, finde die Artikel auf dieser Seite echt super!! Vielen Dank.

    Bin im letzten Jahr in den Minimalismus "gezwungen" worden, da ich mich für eine weiter Ausbildung entschlossen habe. Und ich muss sagen, noch nie war ich glücklicher mit so wenigen, materiellen Dingen. Ich schätze viel mehr meine Freundschaften, meine Mitmenschen, schaue hinter die Kulissen und entdecke jeden Tag Neues! Das macht mich glücklich.

    Ich denke, dass sich auch viel tun lässt, indem einige Menschen beginnen anders zu handeln und nachhaltiger zu leben. Ich möchte nicht alle über einen Kamm scheren, das wirklich nicht.
    Aber es macht mich sehr traurig, wenn ich sehe, dass es ein Kind frustrierter ist, ein Spielzeug nicht zu bekommen, wie wenn die Mami für den Nachmittag absagt...
    Mir ist aufgefallen, dass viele, mit denen ich über dieses Thema in KOntakt komme auch gerne anders handeln würden, aber eben dann ihr gesamtes Leben umstellen müssten und das ist "anstrengend" und ungewohnt.
    Vielleicht reisse ich doch noch einige Menschen mit, die ebenfalls Schritt für Schritt - ganz langsam in ein mit sich selbst zufriedenes Leben starten können. Wo Liebe wieder an erster Stelle steht, vor dem Chef, vor der Firma, vor dem Haus, vor dem Neid....

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  10. Schönen Dank für diese Schilderungen! Schön, wenn Menschen wie du andere Menschen um sich herum "anstecken"! Alles Gute weiterhin auf deinem Weg.

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  11. Ich habe alles in die Praxis umgesetzt. Und der zentrale Punkt ist stets herauszufinden was passt möglichst gut zu einem selbst. Wieviel benötige ich genau und was bringt mir viel Lebensqualität für wenig Aufwand. Das ergibt nach ein paar Jahren wieder einen guten Instinkt in eigener Sache. Und erst dann entfallen viele überflüssige Kosten und unnötiger Stress. Selbst mit Familie, Haus, Auto, Hobbies und Urlauben ist ein Leben mit Teilzeitgehältern möglich. Allerdings muß diese Freiheit auch erarbeitet werden. Denn nahezu jede Kaufentscheidung muß geprüft werden. Nach einiger Zeit kocht man besser als die Köche in guten Restaurants, nahezu alle Dinge halten länger als bei anderen und bringen stets massig Lebensqualität statt Kosten. Ein Knüller in Sachen Preis/Leistung sind gebrauchte Dinge aus dem gewerblichen Bereich. z.B. VW-Transporter statt normaler Kombi, gebrauchte Profi EDV statt Billig-EDV. Diese Dinge halten fast ewig und kosten wenig. Oder
    schöne Massisholzmöbel/Antiquitäten statt Wohnmode,viel Fahrrad fahren statt Auto oder Bahn,
    Akivurlaub statt langweiliger Pauschalurlaub, bei der Kleidung wenige schlichte und haltbare Stücke usw. Wenn man nach und nach alles auf Lebensqualität getrimmt hat, dann bringt diese Lebensweise auch richtig Spass. Allerdings nur für Menschen die gerne ein angehmes Leben führen möchten. Wer sich nur gut fühlt, wenn er besser ist als andere, der muss in dem üblichen Rattenrennen volle Kraft mitmachen. Und erhält dafür mehr materielle Anerkennung. Der Lebenskünstler macht es anders herum. Er gibt den einfachen Beziehungen und Dingen einen großen Wert. Das ist sein aktiver innerer Prozess. Und weil es unsichtbar ist, scheint es so als hätte er nichts getan. Aber ohne diese Gespür für den tieferen Wert in allem geht´s nicht. Denn all das Gute was so leicht zu haben ist, wird nicht beworben oder diskutiert. Und somit scheint es, als ob es das gar nicht gibt. Wir leben in geistigen Käfigen. Und der Ausbruch hat einen hohen Preis. Selber denken und ganz anders zu handeln als andere. Und erst dann kann man tun, wovon andere nur träumen.

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    1. Danke für diesen schönen Kommentar. Ich hoffe, er macht vielen Lesern Mut, sich auf solch eine Reise zu begeben und der falschen Sicherheit adieu zu sagen.

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  12. Ich bin immer sehr skeptisch, was gesamt-gesellschaftliche Lösungen angeht. Auf der einen Seite, weil die Menschen vor uns lange gekämpft haben für das Recht auf individuelle Entfaltung. Ich denke nicht, dass wir das aufgeben sollten. Zum anderen sehe ich auch in meinem Beruf, dass es nicht anders als individuell geht. Nehmen wir nur mal das Thema Selbstmanagement, das ist so persönlich, da gibt es keine One size fits all Lösung. Der Schlüssel liegt hier darin, erstmal für sich Klarheit und Zutrauen in das Neue, das Andere zu gewinnen und dann den Mut zu fassen, ein anderes Leben in kleinen Schritten zu probieren. Natürlich hilft es, wenn sich das gesellschaftliche Klima zu bestimmten Themen ändert. Aber das passiert on a big scale nie durch die politische Arbeit am politischen Bewusstsein, sondern immer über Krisen und funktionale Veränderungen. Das hattest du ja auch angesprochen. Nun will man sicher keine globale Krise anzetteln, damit alle mal die Tauschgesellschaft erleben dürfen. Von daher fände ich es einfach besser, wenn jeder für sich probiert, was passen kann. Da fallen natürlich all diejenigen raus, die im Niedriglohnsektor oder als moderne Arbeitssklaven auf unseren Baustellen schuften. Da stört es mich, wenn wir so tun, als ob es mit uns nichts zu tun hätte. Das ist nämlich durch simple Umverteilung nicht zu lösen, sondern wir müssten schlicht mehr bezahlen zum Beispiel für Lebensmittel oder die Lieferung durch den Paketdienst. Da ich früher beruflich mit Geringverdienern zu tun hatte, fände ich es gut, wenn sie selbst mehr gehört würden. Denn in dieser Gruppe gibt es genauso viele unterschiedliche Vorstellungen vom guten Leben, wie im Rest der Bevölkerung auch. Unsere politischen Forderungen (auch meine wahrscheinlich) sind meistens zu eindimensional. Wir sprechen über sie als wüssten wir, was wirklich zählt, wenn man wenig hat und weiß, dass es niemals durch eigene Kraft mehr werden kann. Ich glaube, das wissen wir nicht.

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    1. Danke für diesen Kommentar! Ich bin auch sehr skeptisch, was das gesamtgesellschaftliche angeht, aber ich weiß nicht, ob wir auf diesem Planeten noch die Zeit haben, dass jeder mal für sich ausprobiert, was passt. Da bin ich also noch skeptischer, ob uns das hilft. Wenn, dann eben leider nur jenen, die es sich leisten können.

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  13. Hallo Herr Dietrich,
    Ein toller Artikel - den Sie heute bei Facebook wieder hervorgeholt haben. Gerade weil der Artikel jetzt schon 2,5 Jahre auf dem Buckel hat, stelle ich mir die Frage, ob und was sich in dieser Zeit verändert hat. Mir gefällt der gesamtgesellschaftliche Ansatz sehr gut - auch wenn ich denke, dass jeder einzelne auch Entscheidungen zum Kürzertreten (vielleicht nur in gewissem Rahmen) für sich treffen kann. Wenn wir Downshifting nicht als enge Definition im Sinne von weniger arbeiten auffassen, sondern als bewusst getroffene Entscheidung, selbstbestimmter zu arbeiten, erkenne ich inzwischen sowohl im Verhalten vieler Menschen aber auch in der öffentlichen Diskussion eine (gute) gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die in diese Richtung geht. Ich bin gespannt, wie wir Ihren Artikel in 5 Jahren lesen werden. LG, Bernd Slaghuis

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    1. Hallo Herr Slaghuis,
      danke für ihre Worte. Als ich den Artikel gestern wieder las, fiel mir auf, wie wenig sich eigentlich seit dem getan hat. Minimalismus als Trend ist irgendwie wieder aus den Medien verschwunden und der Stellenwert von Arbeit und Konsum haben sich kaum geändert. Bei uns in der deutschen gefühlten Wohlfühlökonomie (auch für a happy few - siehe Kommentare oben) sehe ich auch Bewusstseinswandel und 2,5 Jahre sind eben auch eine sehr kurze Zeit für gesellschaftliche Entwicklungen. In anderen Ländern - man muss gar nicht nach China oder Qatar schauen, sondern bloß bis Spanien oder Nordafrika, sind Wörter wie Downshifting sicher nur mit einem gewissen Hohn verständlich.

      Ich wünsche mir aber sehr, dass sich der Artikel in fünf Jahren völlig überholt liest.

      Beste Grüße!

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  14. Sehr gute Gedanken. Ich praktiziere das von-der-Großstadt-rauf-aufs-Land in Teilen seit 2 Jahren. Ich bin immer eine Woche im Monat in meiner "Entschleunigungsoase" alleine, ohne TV, Internet und Radio. Ich habe ein Handy dabei, aber, wenn ich möchte, kann ich es abschalten. Das ist sehr befreiend. Ich habe mir diese Woche Freiraum geschaffen, um in der heutigen Zeit wieder zu spüren, was ich wirklich will, brauche und welche vorhandenen Beziehungen mir gut tun und welche nicht. Ich habe immer gerne in der Großstadt gelebt, aber seit ein paar Jahren merke ich, wie sie mich stresst. Ich brauche mehr Ruhe und Zeit. Mein Problem ist aber genau der Punkt, ob ich es mir leisten kann. Das kann ich im Moment nur mit Unterstützung. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich zerbreche mir seit geraumer Zeit den Kopf wie ich mein Leben so einrichten kann, wie ich es brauche. Da wäre ich gerade in Deutschland für ein paar offenere Sichtweisen in der Gesellschaft sehr dankbar. Und ich bin für das bedingungslose Grundeinkommen. Denn, wenn man nicht jeden Tag ständig den Druck hat, Geld verdienen zu müssen, hat man die Chance, zu sich zu kommen und vielleicht herauszufinden, was für einen wirklich Sinn im Leben macht. Und das ist dann auch für die Gesellschaft gut.

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  15. Silvia Todesco26. Mai 2014 um 22:50

    Schlussendlich wird niemand darim herumkommen, für sich und seine Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen zu tragen. Diese zu bewerten, steht nur dem Einzelnen zu. Es wird nicht allen gelingen, ein subjektiv erfolgreiches Leben zu führen, und das liegt nicht in erster Linie am Geld. Jedoch: je weniger Geld, desto kreativer müssen die Lösungen sein. Und auch das stresst schon wieder....

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  16. Hallo!
    Ein wirklich toller Beitrag!!
    Ich glaube ein Punkt ist auch die Gewohnheit. Als Kinder gehen wir in die Schule, machen Hausaufgaben, stehen früh auf und lernen so, uns immer nach den Wünschen anderer zu orientieren.
    Ich erlebe, dass viele Leute gar nicht anders leben wollen, weil sie mit ihrer dann FREIEN ZEIT gar nichts anzufangen wissen!
    Und was das Verzichten können betrifft: das ist von Person zu Person - je nach Lebenslage- anders. In der Großstadt lebt es sich mit Bus und Bahn "genauso gut" wie mit dem Auto. Second Läden und Flohmärkte gibt es nicht in der jeder Stadt etc. Dann spielt die Familie eine Rolle. Manche lernen zu Hause, dass sie nichts wert sind,wenn sie leistungsmäßig nicht perfekt sind. Solche Leute haben es schwer als die, die zu Hause gelernt haben, dass man auch ohne Leistung liebenswert ist.

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  17. http://kolibri.twoday.net/stories/3948764/

    Noch treffender hätte ich es nicht in Worte fassen können als der Autor/in aus dem Tagebuch-Blog
    Aussteiger-Gedanken.

    Dem ist nichts hinzu zu fügen

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  18. Ein sehr interessanter Artikel. Es ist schön zu sehen, dass Tendenzen zum Downshifting in der Gesellschaft präsenter und akzeptierter werden. Allerdings ist es noch ein sehr weiter Weg einer globalisierten Gesellschaft, bis zu einer globalen Veränderung - sofern die überhaupt jemals stattfindet.
    Klar sind Downshiftig oder Minimalismus einfacher, wenn man aus einer komfortablen finanziellen Situation kommt oder z.B. als Student flexibel und ungebunden ist. Es kommt aber gar nicht mal so drauf an, wie groß der Sprung zum Minimalismus ist. Jeder noch so kleine Schritt in diese Richtung kann einen persönlich ein kleines Stück weit glücklicher und zufrieden machen. Das muss gar nicht der große Konsumverzicht sein, wenn man sich sowieso nur wenig Konsum leisten kann. Letztendlich geht es doch darum, etwas mehr Kontrolle über sein eigenes Leben zu bekommen. Es geht darum, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren, und eigentlich nicht so wichtigen Dingen nicht so viel Raum einzuräumen. Wir haben nicht viel Geld, und doch haben wir in der Vergangenheit viel zu viele eigentlich unnötige Dinge konsumiert. Sei es aus Frust, weil man sich auch mal etwas "gönnen" wollte oder weil man manche Dinge einfach "haben muss". Wenn man sich einfach bewusst die Frage stellt "Brauche ich das wirklich? WILL ich das wirklich haben?" konsumiert man auch wesentlich bewusster. So konnten wir bei unverändertem Einkommen Geld, Zeit und Platz sparen. Und darüber hinaus für ein paar wenige Dinge, die uns wirklich wichtig sind, qualitativ vernüftig und etwas teuerer kaufen. Ausstieg aus dem Beruf oder weniger Arbeitszeit kann ich mir finanziell nicht leisten. Trotzdem kann ich downshiften, minimlalistischer und glücklicher leben. Und jeder kleine Schritt bringt mich ein Stück weiter. Und viele kleine Schritte von vielen Leuten bringen irgendwann eine gesellschaftliche Veränderung...

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  19. Downshift ist immer noch eine indivuelle Sache des Erkennens/Erwachens. Auf die Aenderung der Gesellschaft warten und ungluecklich arbeiten bis man stirbt (siehe Renteneintrittsalter-Erhoehung) ist ein Fehler. Ausloten was einem nicht gefaellt, welche Optionen zur Aenderung REALISTISCH zur Verfuegung stehen, alle Horrorszenarien geistig durchspielen (Konsequenzen) und dann macht man es. Abwaegen was schlimmer ist. Krank werden oder teilweise aussteigen bzw. Beruf wechseln. Es gibt immer undfuer jeden viele Wege/Optionen und die natuerliche Unzufriedenheit treibt einen von selbst an, seinen persoenlichen besseren Weg auch zu finden.

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