18. Dezember 2011

Sturm der Innovation

Erich Feldmeier hört Bob Dylan und Gilbert Dietrich The Doors. Dann schreiben sie zusammen einen Text darüber, in dem es knirscht. Rüttelt der Sturm der Innovation an unseren Fensterläden oder bläst er durch uns hindurch? Die beiden Autoren sind sich nicht völlig einig, aber doch genug, um diesen Text zu veröffentlichen...

Leben wir in Zeiten der Innovation? Oder war nicht vielmehr immer schon Innovation? Oder nur die Rede davon, obwohl alles gleich blieb? Um das zu beurteilen, sollten wir überlegen, was Innovation ist. Innovation ist das Voran- oder Hervorbringen von etwas Neuem. Aber warum gibt es eigentlich immer etwas Neues?

Ist es ein Drive der Evolution, der unseren Nachwuchs dazu treibt, immer mal wieder alles anders zu machen? Es muss eine human-soziale Variante der Evolution sein, denn im Tierreich sehen wir diesen Drang nicht. Da wird höchstens genetisch mal etwas Neues ausprobiert und das funktioniert dann besser oder stirbt. Ansonsten aber macht das Bären-Junge ohne Zwang die Dinge nicht viel anders als Papa- und Mama-Bär. Es gibt im Tierreich kaum selbstmotivierte soziale Evolution und Innovation. Sie scheint einer Bewusstseinstufe vorenthalten zu sein, die sich regelmäßig erst in uns Menschen zeigt. Ein Grund mag sein, dass Tiere in der Regel ihrer Umwelt unterworfen sind, während Menschen ihre Umwelt unterwerfen. Mit jeder Generation kommen so andere Vorstellungen davon auf, wie diese Umwelt auszusehen habe.

"There’s a battle outside and it is ragin’/It’ll soon shake your windows and rattle your walls." (1)

Der Rock’n Roll als 1A-Beispiel für Jugendrevolte zeigt das Muster: Man rebelliert gegen die sauberen Standards der Eltern, macht genau das Gegenteil von dem, was die Alten wünschen und guckt, was dann passiert. Im günstigsten Fall kommt es zu einer neuen Musikkultur, zu Jeanshosen oder auch mal zu mehr Sex und weniger Sexismus (siehe die Hippies). Je nach Perspektive könnte man diese soziale Evolution auch eine riesige Enttäuschung nennen. Denn im Grunde machen wir am Ende mehrheitlich doch alles so wie unsere Eltern: Schule, Arbeit, Kinder, Haus, Rente, Tod. Zwischendurch noch ein bisschen Tourismus. Erich Feldmeier findet dass ein bisschen zu demotivierend. Denn irgendwie ändert sich ja doch immer alles.

In Jon Krakauers In die Wildnis (2) endet die Innovation, das Mal-alles-ganz-anders-machen, mit dem Tod. Ist das das Risiko, wenn Innovation schief geht?

Der junge Christopher McCandless hat die Gesellschaft satt. All der Konsum, das Arbeiten, die Massen an Menschen in ihren Autos, die Fixierung aufs Geld. Alles ganz falsch. Muss alles ganz anders sein. Er lässt Universität und Familie links liegen und zieht durch die USA nach Alaska. Meist zu Fuß und per Kajak schlägt er sich durch und findet in der Wildnis einen alten verlassenen Bus. Dort überwintert er, ernährt sich von kleinen Tieren, die er schießt und von Beeren und Pflanzen, die er sammelt. Er hat ein Arten-Bestimmungs-Buch dabei und macht trotzdem einen schweren Fehler. Er isst giftige Beeren und wird krank, nimmt dramatisch ab und stirbt schließlich. Zwei Wochen später wird seine Leiche von Jägern in dem Bus gefunden.

Das Buch zeigt einen Gescheiterten in einer Sackgasse der sozialen Evolution, einen Träumer, der es nicht schafft, sich entweder seine Umwelt so zu gestalten, dass er in ihr leben kann oder sich selbst der Umwelt so zu unterwerfen, dass er sie überleben kann. Das ist traurig. Wir würden es diesem sanften Träumer wünschen, der in unendliche Trauer ausbricht, als er einen Elch schießt. Wir würden ihm und uns wünschen, dass sein Aussteigen aus dem Hamsterrad eine Alternative wäre. Scheint aber nicht so zu sein. Das Aussteigen tauschen wir gegen einen zweiwöchigen Urlaub ein und beißen hinterher die Zähne zusammen.

In die Wildnis lohnt sich auch, unter dem Gesichtspunkt des uralten Generationskonflikts zu betrachten. Denn ganz offensichtlich hat Innovation mit dem Thema Jung und Alt zu tun. Die Jungen Wilden ziehen hinaus in die Welt und machen alles anders, als die Eltern. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es ist also gar nicht erstaunlich, dass sich Parallelen bereits in der Antike finden. "Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte. Die Jugend steht nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widerspricht den Eltern und tyrannisiert die Lehrer." (3)

Es ist doch irgendwie witzig, dass 'wir' uns immer noch wundern, wenn 'die Jungen' aufmüpfig, rebellisch und unvernünftig sind und Dinge tun, mit denen wir überhaupt nichts anfangen können.

"Come mothers and fathers/Throughout the land/And don’t criticize/What you can’t understand."

Auch auf unsere Zeit bezogen passen Bob Dylans Zeilen ganz gut. Immerhin ist dieser Song auch schon einige Jahre alt und zeigt, dass alle, v.a. jedoch wir Altersweisen, die wir doch um einiges schlauer sein müssten als die Jungen, zuerst nachdenken und dann kritisieren sollten.

Derzeit tobt der Sturm der Veränderung. Was wir von Veränderung halten, hängt naturgemäß stark von der individuellen Einstellung, unserem Temperament, der aktuellen Situation, der Umgebung, dem Zufall oder tausend anderen Dingen ab. Nicht zuletzt auch von Indoktrination. Denken wir an die Revolutionen in der Arabischen Welt, dann passt auch Five to One von den Doors auf unsere heutige Zeit:

"The old get old and the young get stronger/They got the guns but we got the numbers!"

Aber Indoktrination und Innovation sind nicht nur politisch, sondern auch konsumistisch. Wenn wir die neuere Industriegeschichte verfolgen, so begegnen uns derlei Dinge recht häufig und vor allem in einer Geschwindigkeit, die vor wenigen Jahren noch undenkbar erschien. Die beste Spiegelreflexkamera und die beste Schreibmaschine der Welt haben wir hinter uns, aber auch den Übergang von LP, CD, DVD, BlueRay, zu IP(Web). Erinnern wir uns: Wir alle, die 2000 die DotCom-Blase platzen sahen, dachten, es sei für alle Zeiten vorbei mit den Spinnereien, wie z.B. 'second life'. Dann kam der ipod, die Smartphones und Facebook.

Wir scheinen die Innovation zu unterschätzen und die Ist-Zustände zu überschätzen. Levis und Nokia dachten, sie hätten die Jugend mit Demin und Handy ein für allemal in der Tasche. Beide sind heute 'Sanierungsfälle' (45). Aktuell diskutieren wir auf breiter gesellschaftlicher Front über socialmedia und überlegen uns, ob das 'für uns' eine Relevanz haben könnte oder ob wir nicht die 'E-Mail-Schreibmaschine' in die Rente rüber retten könnten. (5) Wir können nicht. Sich dem Sturm der Innovation entgegenzustellen zu wollen, hat etwas lächerlich greisenhaftes. Nebenbei bemerkt Gilbert, es gäbe ihm zu denken, dass der Konsumismus die Innovation mehr zu beflügeln scheint, als den Kampf der Vernunft gegen die dummgefährliche Indoktrination.

"Your sons and your daughters/Are beyond your command/Your old road is rapidly agin’/Please get out of the new one if you can’t lend your hand." (1)

Oder, mit Euripides gesagt: “Sie sollten, da sie doch keinen Nutzen mehr der Erde bringen, sterben und fortgehen und den Jungen nicht mehr im Wege stehen." (6) Lead, follow or go out of the way ist ein geflügeltes Wort geworden, das auch uns zu denken geben sollte – im eigenen Interesse. Keine Innovation führt uns als Gesellschaft todsicher in die Grube. So wie die romantische Innovation eines Werther oder eines Christopher McCandless das Individuum ins Grab bringen. Zur Seite treten und die Jungen machen lassen, trotz des Risikos, ist das mindeste, was wir tun können. Noch besser wäre, wenn wir sie unauffällig, aber nachhaltig unterstützten.


Anmerkungen
  1. The Times they are a changing, Bob Dylan, 1963
  2. http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/InDieWildnis_gipfelstuermerin_de
  3. http://www.zeit.de/2004/16/Stimmts_Sokrates
  4. http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/Machiavelli (ca. 1513)
  5. http://www.iiqii.de/gallery/ValueCreation/Die_Jugend_1896_wikipedia_org
  6. http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/Euripides

Kommentare:

  1. Carmen Medina / CIA: "Making your organization a home for heretics just might be the best way of making sure it has a future"
    http://www.managementexchange.com/blog/your-organization-fit-heretics
    via: via Gregory Esau: https://plus.google.com/u/0/115633934578783827271

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  2. This article is great. I couldn't agree more with the viewpoint. It poses a sociological-philosophical question though: Do heretics not need the inflexible system and the "bureaucratic sludge"? Does that not serve as a necessary stimulus for the heretics to react to and rebell against? If all around them was innovation and flexible and no rules etc... That would probably kill their heretic spirit.

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  3. ich persönlich glaube, nicht notwendigerweise:
    if nobody has & obeys rules we got this situation here.

    http://ed.iiQii.de/gallery/Die-iiQii-Philosophie/SJ

    But the inflexible should remember, the heretic are the life life insurance for the majority and they should not always block the few @ innovations

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