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5. Mai 2022

Wie Abtreibung in den USA wieder illegal werden könnte

Wie man amerikanischen Frauen die Rechte an ihren Körpern wieder zu entziehen versucht

Seit rund fünfzig Jahren (50!) haben amerikanische Frauen in allen Bundesstaaten prinzipiell ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Dieses Recht könnten sie nun wieder einbüßen, weil der Oberste Gerichtshof der USA laut einem Entwurf plant, dieses Grundrecht wieder zu kassieren. Sollte es dazu kommen, dann wird es auf die Gesetzgebung des jeweiligen Bundeslandes ankommen, wie die Gesetzeslage rund um Abtreibung gehandhabt wird. 

(Update 25.6.2022: Inzwischen ist die Entscheidung tatsächlich so gefallen und alle Konjunktivformen in diesem Artikel müssen nun als Indikativ gelesen werden.)

Upside down – Wenn eine Minderheit die Mehrheit politisch dominiert
 
In manchen Ländern, die wie zum Beispiel Irland in dieser Frage lange rückständig waren, drehen sich die Uhren zwar langsam, aber wenigstens nach vorn. Das heißt, Frauen wird zugestanden, auf Kosten des ungeborenen Lebens, die Entscheidung selbst zu fällen, ob sie dieses Leben austragen und in die Welt setzen wollen oder nicht. Die Abwägung ("auf Kosten des ungeborenen Lebens"), die dabei stattfindet, nimmt sich die Frage zum Angelpunkt, ab wann das gezeugte Leben zu einem Menschen mit Grundrechten wird. Das ist natürlich eine schwierige Frage, denn Leben, Menschwerdung, Individualwerdung, Bewusstsein etc. sind alles graduelle Phänomene, bei denen es schwer fällt, ganz klar zu trennen in ein Vor oder ein Danach.

7. Dezember 2019

Die Philosophie des Marquis de Sade

Eine pornografische Aufklärung

Was kann uns die philosophische Pornographie des Marquis de Sade heute über Vernunft, Aufklärung, Moral und den Reiz der inzwischen immer verfügbaren und mitunter ziemlich sadistischen Pornographie sagen?

Foto von Jim Champion (CC BY-SA 2.0)

Im Artikel Egoistische Wollust und darüber hinaus hatte ich auf einen Aspekt der Pornographie hingewiesen, der symptomatisch für ein allgmein großes Risiko unserer aufgeklärten Moderne steht: die Objektivierbarkeit des anderen und damit der Abriss gemeinschaftlicher Werte wie die Menschenwürde, Mitgefühl und Gleichbehandlung. Das Problem entsteht nicht durch die mediale Darstellung von solchen Szenen, in denen andere Menschen objektiviert werden (z.B. eine Frau oder ein Mann in einer SM-Szene), denn das haben wir in Theatern, Filmen und anderen Inszenierungen auch. Das Problem entseht, wenn Konsumenten auf breiter gesellschaftlicher Ebene das Verständnis dafür verlieren, dass es sich um eine Inszenierung handelt und sie das Dargestellte stattdessen für ein Ab- oder Zielbild der Normalität halten.

16. November 2019

Egoistische Wollust und darüber hinaus

Gedanken zu Pornographie und Gesellschaft

Das Wort Pornographie kommt aus dem griechischen und beschrieb ursprünglich alle Aufzeichnungen (gráphein) über Prostituierte (pórnē). Die Archäologie legt uns nahe, dass Pornografie ein Begleiter der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Und wie auch nicht? Wie könnte denn das stärkste menschliche Verlangen nicht seinen Ausdruck in Schrift und Bildern finden?

Anmerkung: In diesem Artikel geht es nur um erwachsenen und – sowohl unter rechtlichen als auch gesundheitlichen Aspekten betrachtet – unproblematischen Pornokonsum.

Ausschnitt aus einem persischen Gemäde (Wellcome Collection CC BY 4.0)

Danke für die Pornographie!

Gattungsgeschichtlich gab es immer Menschen, die keinen Anteil an aktiver Sexualität mit anderen hatten. So wie im Tierreich unter Säugetieren steht zu vermuten, dass v.a. ein nicht zu vernachlässigender Teil der männlichen Bevölkerung – unfreiwillig – kaum Sex im Leben hat. Von Seeelefanten ist bekannt, dass nur rund 20% der Männchen 100% der Weibchen schwängern, dass also 80% keinen Sex haben. Wie ist das bei Menschen? Naja – kulturell jeweils sehr unterschiedlich: Während heute in Japan rund 25% der über 30-jährigen Männer noch keinen Sex hatten, sind es in den USA nur ca. 5%. In Deutschland muss es ähnlich sein wie in den USA, denn in der Studie Jugendsexualität (PDF-Link) findet man die Zahl von sechs Prozent aller 25-jährigen Männer, die noch nie Sex im Sinne von Geschlechtsverkehr hatten. Die Zahlen derer, die zwar Sex hatten, aber nach eigenem Befinden viel zu wenig oder derer, die später im Leben nie wieder in den Genuss kommen, dürfte noch viel größer sein.

18. November 2017

#YouToo! Sind diese Männer einfach krank?

Es ist nicht das Monster in dir, sondern wie du es zähmst!

Ich will nicht groß über den Social-Media-Aufschrei #MeToo reden, der mir schon in seinem Setup als zu einfach erscheint, als dass er nicht auch nach hinten losgehen würde. Wenn man Menschen wie kleine Kinder dazu aufruft zu sagen "ich auch, ich auch, ich auch" dann zeigt sich darin bereits jegliche Abkehr vom Gebot der Begründbarkeit von Ansprüchen oder Vorwürfen. Das heißt nicht, dass wir nicht barrierefreie Wege finden müssen, über die sich Opfer von sexueller Gewalt und Verbrechen so Gehör verschaffen können, dass ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird. Und es heißt auch nicht, dass ich es nicht gut fände, dass Taboos wie eben sexuelle Übergriffe auch endlich öffentlich als Taboos und mithin Straftaten thematisiert werden. Im Gegenteil und deswegen schreibe ich diesen Artikel. Aber ich finde nicht, dass ein Hashtag das richtige Werkzeug dafür sein kann.

#HeToo: Louis C.K. hat die Kontrolle verloren (Foto: Stephanie Moreno, cc-by-sa-2.0)

Auch über die Opfer kann ich hier jetzt nicht reden. Es muss sich von selbst verstehen, dass ihnen Dinge widerfahren sind, die furchtbar sind und die ich nicht beginnen kann einzuschätzen oder gar zu beschreiben. Vielmehr will ich über "die Männer" reden, die ja allesamt keine kranken Monster sind, sondern erst einmal Menschen – oder in dem Fall Männer – wie du und ich. Warum sage ich, dass sie keine Monster sind? Warum ist "das Böse" auch hier "banal" wie Hannah Arendt sagte? Zwei Gründe:

25. März 2017

Vorgetäuschte Orgasmen und Populismus

Männer zweifeln: Sind unsere Frauen Roboter? (Michael Coghlan, adaptiert, CC BY-SA 2.0)

Leidet die Welt unter spezifisch männlichen Pathologien?


Oder anders gefragt: Ist der Fake-Orgasmus typisch weiblich, so wie Fake-News typisch männlich sind? Catherine Newmark schreibt im letzten Philosophie Magazin:

"Niemand verkörpert derzeit die unrühmliche Denkgeschichte des pathologischen männlichen Zweifels eindeutiger als der neue amerikanische Präsident. Wie sich die Weltgeschichte unter ihm entwickeln wird, darüber lässt sich gegenwärtig nur sorgenvoll spekulieren. Dass ein schlecht verarbeiteter Mangel an körperlicher Gewissheit und spezifisch männliche Pathologien des skeptischen Zweifels schon bis hierhin viel Unheil angerichtet haben, steht dagegen außer Frage." (Philosophie Magazin Heft 3 / 2017, S. 57)

Auch ich frage mich seit ich denken kann, warum unsere Geschichte meistens durch männliche Gewalt getrieben ist. Dass den Frauen dabei nicht unbedingt die Opferrolle, sondern zu oft die Rolle der Mitläuferinnen zukommt, spricht nicht unbedingt dafür, dass sie so etwas wie ein besseres Geschlecht wären. Aber was sind die "spezifisch männlichen Pathologien", von denen Newmark hier spricht?

20. Dezember 2014

Was sexuelle Neigungen über uns verraten

Was bedeuten die Dinge, die uns wirklich anmachen?

Klar leben wir hier im Westen in sexuell befreiten Zeiten. Wir dürfen unsere Verlangen nicht nur ausleben, wir sollen sogar. Das geht Hand in Hand mit Leistungsfähigkeit im Beruf, mit Konsum und der Demographie unserer Gesellschaften. Aber was ist mit den Dingen, die uns wirklich richtig anmachen?

Bildausschnitt aus einem einschlägigen Internetforum von mir bearbeitet (Urheber unbekannt)

Über unsere sogenannten perversen Fantasien, unsere Fetische, geheimen Wünsche und Gedanken reden wir nicht, meistens nicht mal mit unseren Partnern. Das liegt daran, dass diese Gedanken mitunter sehr abgründig, vielleicht sogar verachtend und politisch ganz und gar unkorrekt sein können. Wir fürchten vielleicht die Reaktion des anderen darauf, vermuten sogar, dass irgend etwas mit uns selbst nicht stimmt oder haben sehr früh ziemlich strikte Schamgrenzen kennen gelernt und übernommen. Wir gehen damit das Risiko ein, uns selbst zu stigmatisieren oder den Zugang zu wichtigen verborgenen - keinesfalls nur sexuellen - Wünschen in uns zu verlieren. Wenn wir überlegen, was unsere Fetische eigentlich bedeuten, kann es uns gelingen, ein besseres Verhältnis zu ihnen und damit zu einem bedeutenden Teil unserer selbst zu etablieren. Schon mit dem Wort Fetisch wird die Stellvertreterfunktion unserer sexuellen Obsessionen deutlich: Ein Fetisch ist etwas "unechtes", das wir anstatt des unsichtbaren "Echten" verehren.

4. Mai 2014

Lob dem Eros

Gott ist Liebe, Sex ist Sünde 


Ein prägendes Thema der abendländischen Philosophie, ihre große immer noch entzündete Wunde vielleicht, ist der Leib-Seele-Dualismus. Wenn man an Leib und Seele denkt, dann drängt sich der Komplex Liebe, Sex, Eros geradezu auf. Man wundert sich, dass es da nicht zu großen philosophischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Daniel Briegleb, Musiker und Autor in Hamburg, hat dazu im Passagen Verlag seinen Essay Lust an Liebe veröffentlicht. Im folgenden Text stellt er uns einige Gedanken aus seinem Essay vor...

Distanz erst ermöglicht uns wieder nahe zu kommen (lp0005 von Gabriele Chiapparini, CC Lizenz)

Gedanken aus Lust an Liebe - ein Essay von Daniel Briegleb


Zweimal pro Woche Geschlechtsverkehr mit Ejakulation ist gesund, sagt mein Urologe. Wenn ihr euch auf diese Weise stimuliert, werdet ihr multiple Orgasmen haben, sagt das Ratgeberbuch. Das Gehirn ist das eigentliche Sexualorgan, Sex findet im Kopf statt, steht in der Zeitung. Wecken Sie ihre Fantasie, lesen Sie ein erotisch ansprechendes Buch, dann werden Sie wieder auf den Geschmack kommen, sagt die Sexualberatung im Internet.

21. August 2013

Meine Tränen im Meer der endlosen Möglichkeiten

Die Tücken der Offenheit und die Tragik der Sucht nach dem Neuen


Ich bin, was man einen Hysteriker nennen könnte: Ich brauche Abwechslung, immer wieder etwas neues, Stillstand langweilt mich und wenn ich schlecht träume, dann davon, dass ich nicht vom Fleck komme. Sogar auf der Arbeit liebe ich die turbulenten Zeiten, in denen sich die Umstände ändern und das Unterste zu Oberst gekehrt wird. In der Persönlichkeitspsychologie würde man von großer Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen sprechen. Personen mit einer solchen großen Offenheit sind eher unkonventionell und aufgeschlossen, während Personen mit niedrigen Offenheitswerten eher zu bewahrendem Verhalten und zu konservativen Einstellungen neigen (siehe Wikipedia).

Klingt doch ganz gut, oder? In solch einer dynamischen Welt, wo immer alles schneller, instabiler, dynamischer und unvorhersehbarer wird und die Möglichkeiten des Erlebens ins Unermessliche wachsen, haben es die Hysteriker deutlich einfacher als diejenigen, die Konstanz und Verlässlichkeit bevorzugen und deshalb nicht so leicht mit Veränderungen umgehen können. Ich stelle aber auch fest, dass diese Offenheit einige Probleme mit sich bringt, auf die ich hier eingehen möchte.

Das  Meer der endlosen Möglichkeiten: Wie viele Leben kann man haben? (Bild via Tumblr von Carefree)

11. Februar 2013

Geschlechterklischees? Männer und Frauen kommen von der Erde

Sind Männer und Frauen doch nicht so unterschiedlich, wie wir denken? Lars Lorber, Autor von Typentest.de, sagt uns heute, was die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wirklich sind. Aber lesen Sie selbst...

Jeder kennt den Spruch "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" und die diversen Klischees, die damit einhergehen. Neueste Forschungen zeigen jedoch, dass beide Geschlechter weitaus mehr Gemeinsamkeiten haben, als Unterschiede.

Schwule- und Lesben haben dieselben Beziehungsprobleme wie Heteros (Bild von Smart Chicks Commune)

7. Februar 2013

Wie finden Körper und Seele zusammen?

Wenn ihr eure Freunde trefft, umarmt sie! Väter, umarmt eure Kinder!


Der amerikanische Minimalsimus-Blogger Leo Babauta hat in einem Interview den Gesundheits- und Natur-Guru Mark Sisson gefragt, welches das deutlichste Defizit des modernen menschlichen Körpers sei. Seine Antwort:
"Ein Mangel an körperlicher Berührung. Menschen sind soziale Tiere, wie man so sagt. Sozialer Kontakt zwischen Menschen sollte nicht steril und beiläufig sein. Die meisten sozialen Tiere verbringen die meiste Zeit des Tages damit, andere Gruppenmitglieder zu berühren. Sie schlafen aneinandergeschmiegt, Lausen sich gegenseitig, spielen und raufen mit einander und beschnüffeln sich gegenseitig. Sie benötigen ständige physische Berührung und können, da sie keinen sozialen Normen unterliegen, diesen Bedarf auch stillen."
Da muss ich mal kurz unterbrechen: Natürlich unterliegen alle sozialen Tiere auch sozialen Normen, denn Normen gehören eben zur Definition von sozial. Wer eine Horde Affen beobachtet, wird schnell sehen, wer wen berühren darf und dass das erhebliche Signifikanz für die soziale Stellung des Individuums hat. Und wer eine Herde Pferde beobachtet, wird bemerken, dass Tiere von der sozialen Gruppe ausgeschlossen und weggejagt werden. Diese haben dann lange Zeit gar keinen Kontakt zu anderen Pferden. Das ist auch gar nicht grausam, sondern notwendig, um zum Beispiel neue Herden zu gründen oder den Genpool mal ordentlich durchzumischen.

Das soziale Tier: Auch Scham hat seinen Ursprung in der Horde (Foto: Gilbert Dietrich)

10. November 2012

Es könnte Schlimmeres geben...

Es ist eine Schande, dass wir nach dem ersten abgefahrenen Drittel unseres Lebens den absurd uncoolen Entwurf hinnehmbar finden, eine Familie zu gründen, ein Haus in einem Vorort zu beziehen und immer fleißig zur Arbeit zu fahren. Ist das nicht ein Betrug an uns selbst, an unseren Idealen wie Freiheit, Kreativität und Originalität? Ist es nicht wirklich eine Zumutung, unser Leben mit Arbeit zu verbringen, nur um den Kopf über Wasser zu halten? Ich glaube, Ehe und Kinder sind unglaublich narzisstische Projekte für Leute, denen die Ideen ausgegangen sind.

Was ist von unserer Jugend eigentlich übrig geblieben?
(Foto von Dark Silence In Suburbia)

Als ich fünfzehn war, fragte mich eine mindestens drei Jahre ältere und viel zu geil aussehende Jacqueline in der Hohenschönhausener Jugend-Diskothek: »Soll ick dir een blasen?« Das Poetische dieses Moments traf mich wie der Blitz. Ich hatte einen spontanen Samenerguss und mir war klar, ich würde Rockstar werden oder Schriftsteller. Auf dem Weg nach Hause wurde ich dann von zwei Neonazis verkloppt.

Die ganze Geschichte auf Kolumnen.de lesen >>

17. August 2012

Wie es zur Liebe kommt und was dann daraus wird

Kennen Sie das auch: Je öfter wir einer Person wieder begegnen, desto mehr mögen wir diese Person. Wir finden sie sogar attraktiver und das beruht auf Gegenseitigkeit. Nicht immer funkt es gleich, manchmal schwelt es länger und dann brennt es um so doller. Das funktioniert allerdings nur, wenn die erste Begegnung nicht gleich negativ war, denn sonst wird nur die Abneigung stärker. Man nennt das den Mere-Exposure-Effekt, auf Deutsch also etwa: Effekt durch bloßen Kontakt. Geprägt wurde diese Idee 1968 von Robert Zajonc, der den Effekt evolutionspsychologisch* als Konditionierung über Sicherheitsreize erklärt.

Wir lernen lieben, wen wir kennen (Bild bei sloth unleashed gefunden)

1. Januar 2012

Unsere sexuellen Phantasien - No Man's Land der Psychen

Letztens las ich in der New York Times den Artikel SEXUAL FANTASIES: WHAT ARE THEIR HIDDEN MEANINGS? Mich hat der Artikel sehr an die zwei Bücher erinnert, die mein Vater in einer besonderen Schublade seiner Bibliothek aufbewahrte: Die sexuellen Phantasien der Frauen und Die sexuellen Phantasien der Männer von Nancy Friday. Natürlich fand ich als neugierig Pubertierender diese beiden Bücher in Null Komma Nichts. Und ich glaube es war ein absoluter Glücksfall. Es beflügelte meine Lust am Lesen nur noch mehr, brachte mich selbst dazu, mit dem Schreiben anzufangen und außerdem lernte ich in der Tat eine Menge über Sex und Psychologie. Vor allem lernte ich, wie viel eigentlich ganz normal ist und dass ich mir selbst über meine manchmal abgründigen Vorstellungswelten keine Sorgen machen musste. Friday stellte in ihrem Buch verschiedene Personen vor, ging etwas auf deren Lebensgeschichte ein und zitierte dann wortwörtlich ihre sexuellen Phantasien, die diese Personan vorher auf Band gesprochen oder aufgeschrieben hatten. Leider sind die zwei deutschen 80er-Jahre Ausgaben von Rowohlt vergriffen und nicht wieder aufgelegt worden. Es gibt aber eine Goldmann-Ausgabe des Nachfolgers "Befreiung zur Lust: Frauen und ihre sexuellen Phantasien". Sollten Sie also Kinder im kritischen Alter haben, dann machen Sie es wie mein Vater: Verstecken sie das Buch dort, wo ihr Kind es garantiert findet und geben Sie ihm Raum und die Zeit zur Entdeckung seines Selbst im Abgleich mit den Vorstellungswelten der anderen.

Gemessen an dem, was ich bereits als Pubertierender aus Nancy Fridays Büchern aus den 70ern wusste, kommen mir die in der New York Times angezettelten angeblich neuen Diskussionen in der US-Amerikanischen Psychologie wie aufgewärmter Kaffee vor. Im wesentlichen geht es darum, ob man durch seine Phantasien bestimmt wird oder nicht. Ist man schon ein Triebtäter, wenn einen die Vorstellung von erzwungenem Sex erregt? Sind wir homosexuell, wenn wir gleichgeschlechtliche Phantasien haben oder pädophil, wenn uns Lolita reizt?

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